Teil IV
Der Nachmittag verging schnell. Gemeinsam schmückten sie den Baum und hängten Strohsterne, kleine bunte Figuren aus Holz und Glaskugeln, die in allen Farben schimmerten, an die Äste. Die elektrische Lichterkette hatte allerdings anfangs für Diskussionen gesorgt. Sowohl Harry als auch Draco waren der Meinung gewesen, dass an einen Weihnachtsbaum echte Kerzen gehörten und sie diese, falls tatsächlich der Baum Feuer fangen sollte, immer noch ganz einfach mit ihren Zauberstäben löschen könnten. Dudley hingegen war bei seiner Überzeugung geblieben, dass echte Kerzen einfach viel zu unsicher waren, die Äste des Baums dafür viel zu dicht beieinander standen und ausserdem das herabtropfende Wachs eine viel zu grosse Sauerei machen würde. Bei der Aussicht auf Petunias Reaktion auf Wachsflecken auf ihrem Wohnzimmerteppich hatte dann auch Harry nachgegeben.
Überhaupt war vielleicht in Draco die grösste Wandlung vorgegangen. Nachdem er auf dem Weg zum Weihnachtsbaumverkauf sehr angespannt und still gewesen war, hatte er sich seit dem stummen Einverständnis mit Harry, dass Dudley den perfekten Weihnachtsbaum auch nach hundert angeschauten Bäumen nicht finden würde, sichtlich entspannt und auch einen Teil seiner Zurückhaltung aufgegeben. War Malfoy beim Abendessen am vorherigen Tag vor allem höflich, aber doch noch etwas unterkühlt gewesen, so sah Harry nun ein ganz anderes Bild.
Als Draco die vielen kleinen Schachteln mit dem Weihnachtsbaumschmuck gesehen hatte, hatten seine Augen zu leuchten begonnen und nachdem ihm Dudley mit einem breiten Lächeln zu verstehen gegeben hatte, dass er sich ruhig alles anschauen konnte, hatte er sich vor allem auf die kleinen Holzfiguren gestürzt. Jede einzelne wurde sorgsam aus ihrer Schachtel genommen und von allen Seiten betrachtet.
Da gab es Zwerge, die auf Schlitten sassen. Alle mit unterschiedlich gefärbten Hemden und roten Zipfelmützen. Einer transportierte auf seinem Schlitten ein Bündel Zweige, ein anderer ein grosses Geschenk. Dann gab es unterschiedliche Engel. Alle mit hellblauen oder weissen Hemden, goldenem Haar und leuchtend roten Pausbäckchen. Ein Teil von ihnen sass auf einer Wolke, während andere Musikinstrumente in der Hand hielten und dann gab es noch eine schier unendliche Menge an Strohsternen in allen möglichen verschiedenen Grössen und Formen. Manche waren mit bunten Bändern umwickelt, während andere einfach nur mit durchsichtigen Nylonfäden in Form gehalten wurden. Am meisten faszinierte Draco aber eine kleine Schachtel, in der sich unterschiedliches aus Holz geschnitztes Spielzeug befand. Vorsichtig nahm er die kleine Trommel in die Hand, betrachtete die rote Lackierung, die winzigen Schläger, die auf ihr befestigt waren und die Schnüre, die nur symbolisch mit Strichen dargestellt waren. Danach legte er sie auf den Wohnzimmertisch und nahm das nächste Spielzeug oder Instrument aus der Schachtel.
Harry konnte sich an dem Anblick kaum sattsehen. Eine einzelne Strähne hatte sich aus Dracos sonst immer so perfekten Frisur gelöst und hing ihm ins Gesicht, von wo aus er sie immer wieder mit einer kurzen Handbewegung hinter sein Ohr schob. Nutzlos, da sie bei der nächsten Kopfbewegung wieder nach vorne rutschte. Auf seinen Wangen hatten sich hellrote Flecken gebildet und die grauen Augen, die in der Schule immer so kalt geschaut hatten, leuchteten mit einer beinahe kindlichen Begeisterung. Harry hatte Draco noch nie so offen erlebt und er konnte nicht verhindern, dass er sich fragte, ob überhaupt schon einmal jemand ausser dessen Eltern ihn so offen erlebt hatte, wie er ihn jetzt sah. Und noch etwas Weiteres hatte sich definitiv und unwiderruflich verändert: Er konnte den jungen Mann vor sich, der doch eigentlich bereits erwachsen war, nicht mehr mit der gleichen Abneigung, mit der gleichen Abscheu behandeln, wie er das in der Schule getan hatte. Wie er das getan hatte, bevor er gesehen hatte, dass auch Draco nachts Alpträume hatte, bevor er gesehen hatte, wie die grauen Augen vor Freude leuchten konnten oder dass sich kleine rote Flecken auf dessen Wangen bildeten, wenn er sich für etwas begeisterte und genauso wenig konnte er ihn weiterhin Malfoy nennen. Dieser junge Mann hier, der doch eigentlich noch ein halbes Kind war, das viel zu schnell hatte erwachsen werden müssen, das war nicht der Malfoy, den er aus der Schule kannte. Das war auch niemand, den er beim Nachnamen rufen und verabscheuen oder verachten konnte. Das war jemand, den er beim Vornamen nennen wollte, den er mögen konnte, den er als Freund haben wollte und vielleicht sogar für mehr als nur als Freund.
Gleichzeitig weckte aber genau dieser Gedanke in Harry wieder das Bedürfnis, in sein Zimmer zu fliehen und sich dort zu verstecken, Abstand zwischen sich und Draco zu bringen und so auch diesen seltsamen Gedanken zu entkommen. Gedanken, die nicht sein konnten, die vor allem nicht sein durften. Was würde Ron sagen, wenn er aus den Weihnachtsferien zurückkam und sich mit Malfoy angefreundet hatte? Ron, der noch immer um seinen Bruder trauerte und Ginny, die zwar mit Neville glücklich war, und zu der er auch ein eher geschwisterliches Verhältnis aufgebaut hatte. Aber würde sie auch eine Freundschaft und vielleicht mehr mit Draco akzeptieren? Und dann war da ja noch immer die Frage, ob Draco überhaupt mit Harry würde befreundet sein wollen und selbst wenn, dann hiess das noch lange nicht, dass auch seine anderweitigen Interessen in dieselbe Richtung wie Harrys gingen. Soweit er es sich vorstellen konnte, war Draco schon lange mit irgendeiner reinblütigen Hexe verlobt, die er nach Schulende heiraten würde, um einen reinblütigen Erben zu bekommen und trotzdem, trotz aller Bedenken, war da der Wunsch, mit Draco befreundet zu sein und denjenigen kennenzulernen, der dort vor dem Baum auf dem Fussboden sass und fasziniert den Baumschmuck betrachtete. Vielleicht sollte er es einfach versuchen. Vielleicht sollte er es einfach versuchen und hoffen, dass er die Möglichkeit bekam, Draco kennenzulernen und nicht Malfoy, so wie er ihn in der Schule immer kennengelernt hatte.
Seine Freunde würden es schon verstehen. Besonders Hermine. Ron und Ginny würden vielleicht ein wenig länger brauchen, aber auch sie würden es irgendwann verstehen. Verstehen und akzeptieren, als etwas, das Harry glücklich machte. Mit diesem Entschluss im Kopf stand Harry vom Sofa auf und nahm die Schachtel mit der Lichterkette in die Hand, über die sie zuvor noch diskutiert hatten. Während Dudley die elektrischen Kerzen sorgsam an die Zweige stecke und dabei versuchte darauf zu achten, dass sie möglichst gerade standen, aber auch das Kabel verdeckt war, löste Harry eine Plastikkerze nach der anderen aus ihren Befestigungen und reichte sie an Dudley weiter.
Nachdem die Kerzen vollständig am Baum befestigt waren, begannen sie, die Holzfigürchen und Strohsterne an den Baum zu hängen. Irgendwann schaute Petunia ins Wohnzimmer und brachte ihnen ein Tablett mit einer kleinen Teekanne auf dem passenden Stövchen und drei Tassen. Draussen wurde es langsam dämmrig und es schien so, als ob das Wetter doch noch ein Einsehen hatte, als die ersten kleinen Schneeflocken vor dem Fenster herab zu rieseln begannen. Petunia entzündete die Kerzen, die überall im Wohnzimmer aufgestellt waren und stellte noch einen grossen Teller mit Weihnachtskeksen, Lebkuchen, Pfeffernüssen und ähnlichen Leckereien auf den Tisch.
Als sie den Baum endlich fertig geschmückt hatten und das letzte bisschen Lametta an seinem Platz hing, war es draussen bereits ganz dunkel geworden. Den Tee hatten sie ausgetrunken und auch auf dem grossen Teller fanden sich nur noch ein paar wenige Lebkuchen und Pfeffernüsse. Aus dem Radio, das Petunia irgendwann im Verlauf des Nachmittags angestellt hatte, dudelte Weihnachtsmusik und von der Küche her zog der Geruch nach dem Weihnachtsbraten durch das ganze Haus.
Dudley, Harry und Draco hatten es sich auf dem Sofa und dem Sessel bequem gemacht, nachdem sie Petunia für ihr Angebot, ihr bei der Zubereitung des Essens zu helfen, aus der Küche gescheucht hatte. Sie war der festen Überzeugung, dass es reichte, wenn die drei sich um den Baum kümmerten. Eine Weile hatten sie sich schweigend gegenüber gesessen, aber dann hatte sich Harry ein Herz gefasst und Draco die Hand zu einem Friedens- und vor allem Freundschaftsangebot gereicht. Der kleine Augenblick, den Draco gezögert und in seinen Augen nach den wahren Hintergründen für dieses Angebot gesucht hatte, war Harry wie der längste seines Lebens vorgekommen. Sogar noch länger als der Weg durch den Verbotenen Wald, als er begleitet von den Geistern seiner Eltern, Voldemort und seinem eigenen Tod entgegen gegangen war. Doch dann hatte sich ein kleines Lächeln über die ebenmässigen Gesichtszüge des Blonden gezogen und er hatte Harrys Hand ergriffen. „Glaube aber nicht, dass ich aufhören werde, dich Narbengesicht zu nennen", war sein einziger Kommentar gewesen und Harry hatte nichts gegen das überdimensionale Grinsen tun können, das sich dabei über sein Gesicht gezogen hatte.
Aber dieser Kommentar hatte das Eis zwischen ihnen endgültig gebrochen und als Petunia sie zum Tisch decken rief, wusste Dudley von Dracos und Harrys immerwährender Konkurrenz als Sucher beim Quidditch, wusste davon, dass kaum ein Tag vergangen war, an dem sie sich nicht gegenseitig beleidigt oder bekämpft hatten. Er wusste von ihrem Duell in der zweiten Klasse, auch wenn weder Harry noch Draco erwähnten, dass es auch in der Zauberwelt etwas aussergewöhnliches war, wenn man mit Schlangen reden konnte und auch Draco hörte zum ersten Mal die Geschichte, wie sich die Jagd nach dem Stein der Weisen im ersten Schuljahr tatsächlich abgespielt hatte. Erstaunen und Respekt spiegelten sich in Dudleys Gesicht, als Harry geendet hatte, während in Dracos Augen kurz fast so etwas wie Neid aufflackerte. Der Ausdruck war allerdings genauso schnell wieder verschwunden und so war sich Harry alles andere als sicher, ob es sich nicht doch nur um die Lichtreflektion einer der zahlreichen Kerzen gehandelt hatte.
Bevor Dudley jedoch nach weiteren Erlebnissen von Harry in Hogwarts fragen konnte, rief sie Petunia aus der Küche erneut zum Tisch decken. Diesmal tischte sie das feine Porzellan mit dem Blumenmuster und die Stoffservietten auf. Allerdings dauerte es dann doch eine gewisse Zeit, bis die Suppe angerichtet war und sie alle Platz genommen hatten. Im Gegensatz zum vorherigen Abend herrschte eine entspannte Atmosphäre und als Petunia danach fragte, wie der Weihnachtsbaumkauf denn gewesen wäre, begann Draco davon zu erzählen, wie Dudley sie durch die halbe Baumschule gescheucht hatte, auf der Suche nach dem perfekten Baum, obwohl er doch mit gleich zwei Zauberern im Haus die optimale Möglichkeit gehabt hätte, auch einen nicht so schön gewachsenen Baum etwas zu korrigieren und optisch aufzupeppen.
Allerdings stellte sich Petunia dann doch eindeutig auf Dudleys Seite und bekräftigte noch einmal, dass ein magisch veränderter Baum einfach nicht das gleiche war, wie ein natürlich gewachsener und dass die kleinen Fehler doch erst den Baum ausmachten. Harry trug kaum etwas zur Diskussion bei. Stattdessen konnte er seinen Blick kaum von Dracos Gesicht abwenden. Die grauen Augen leuchteten wieder begeistert und auf den Wangen hatten sich wieder kleine rote Flecken gebildet. Um nicht beim Starren erwischt zu werden, beobachtete er lieber, wie sich die saure Sahne langsam in der Suppe auflöste. Als Draco nach der Suppe Tante Petunia half, das benutzte Geschirr in die Küche zu bringen, stiess Dudley Harry mit dem Ellbogen in die Seite und flüsterte ihm zu: „Du magst ihn. Du kannst deine Augen kaum von ihm lassen." Harry wollte ihm widersprechen, wollte behaupten, dass Dudley sich irren musste, dass es unmöglich war, dass er Draco Malfoy über die entstehende Freundschaft hinaus mochte, aber er brachte kein Wort heraus. Stattdessen starrte er auf seinen Teller und spürte, wie die Hitze in seinem Gesicht aufstieg und seine Wangen rot färbte.
Bevor Dudley noch einmal nachhaken konnte, rief Petunia aus der Küche nach ihnen, damit sie beim Servieren des Hauptgerichts helfen konnten. Der Braten in seiner Pfefferminzsauce geriet für Harry zur Nervenprobe. Immer wieder wanderte sein Blick zu Draco, der genüsslich sein Stück Braten ass, die Sauce von der Gabel ableckte und sich anschliessend mit der rosa Zungenspitze über seine vom Fett glänzenden Lippen fuhr. Als Harry dann auch noch spürte, wie seine Hosen unangenehm eng zu werden begannen, stand für ihn fest, dass man das eigentlich verbieten müsste. Man müsste Draco verbieten, sich derart aufreizend nur mit der Zungenspitze über die Lippen zu lecken. Das kam doch schon fast der Erregung von öffentlichem Ärgernis gleich. Nur mit Mühe brachte Harry das Essen einigermassen vernünftig hinter sich und als Petunia ankündigte, in einer halben Stunde den Mandelpudding für den Nachtisch fertig zu haben, verschwand er unter Dudleys wissenden und irgendwie auch etwas amüsierten Blick auf die Toilette, um sich Erleichterung zu verschaffen.
Als er anschliessend über das Waschbecken gebeugt in den Spiegel starrte und sein rotes Gesicht mit kaltem Wasser wusch, wurde ihm erst bewusst, was er da eigentlich wirklich getan hatte. Er hatte sich beim Weihnachtsessen bei seiner Tante und seinem Cousin mit dem Gedanken an Draco Malfoy einen runtergeholt, nachdem die Art und Weise, wie dieser gegessen hatte, derart erregende und für ein Weihnachtsessen definitiv nicht geeignete Bilder in seinem Kopf hatte entstehen lassen, dass er sich nicht mehr hatte beherrschen können. Das war ja so furchtbar peinlich und Dudley ahnte zumindest etwas. Er würde Draco nie wieder in die Augen schauen können. Nie wieder und dabei hatten sie doch am Nachmittag gerade erst damit angefangen, Freundschaft zu schliessen. Am liebsten hätte Harry den restlichen Abend eingeschlossen auf der Toilette verbracht, aber er wusste genau, dass er nicht zu lange brauchen dürfte, wenn Draco nicht auch noch misstrauisch werden sollte und anfing sich zu fragen, warum er direkt nach dem Essen mit einem seltsam steifen Gang zur Toilette gegangen war. Er hatte keine Wahl, er musste da wieder hinaus. Er musste die Toilette verlassen. Ein letztes Mal wusch sich Harry das Gesicht mit kaltem Wasser, dann atmete er einmal tief durch, straffte die Schultern und verliess die Toilette.
Zu Harrys grossen Erleichterung kommentierte allerdings niemand sein plötzliches Verschwinden und als Petunia wenig später den Mandelpudding auf den Tisch stellte und kleine Schnapsgläser verteilte, wandte sich die allgemeine Aufmerksamkeit wieder ihr zu. Unter allgemeinem Gelächter wurde der Pudding angeschnitten und auch wenn es nicht so lebhaft und vor allem laut wie im Fuchsbau war, so hatte Harry doch das Gefühl, den Heiligen Abend mit Leuten zu verbringen, bei denen er willkommen war. Für zusätzliche Erheiterung sorgte die Tatsache, dass sich die im Pudding versteckte Mandel ausgerechnet auf Petunias Teller wiederfand.
Nach dem Vorfall auf der Toilette hatte Harry es allerding krampfhaft vermieden auch nur ansatzweise in Dracos Richtung zu schauen. Jedes Mal, wenn er doch zumindest einen kleinen Blick aus den Augenwinkeln riskierte, flackerten in seinem Kopf die Bilder auf, wie Draco mit der Zungenspitze über seine Lippen gefahren war und vor allem, was eigentlich noch viel schlimmer war, was die Zungenspitze in Harrys Phantasie noch so alles mit ihm und vor allem gewissen Körperteilen anstellen könnte und jedes Mal spürte Harry, wie wieder die Hitze in seinem Gesicht hochstieg und er konnte nur hoffen, dass es bei der etwas schummrigen Beleuchtung niemandem zu sehr auffallen würde und wenn doch, dass sie es dann auf den Schnaps schieben würden, von dem Petunia allen gerade zum zweiten Mal nachgoss.
Irgendwann im Verlauf des Abends hatten sich alle ihre Gläser genommen und sie waren ins Wohnzimmer gegangen, wo sie es sich vor dem geschmückten Baum gemütlich gemacht hatten. Petunia hatte eine CD mit Weihnachtsmusik eingelegt und einen weiteren Teller mit Weihnachtskeksen auf den Tisch gestellt. Später würde es Harry auf den Alkohol schieben, dass er eingenickt war. Auf den Alkohol und die Tatsache, dass er die halbe Nacht an Dracos Bett gesessen hatte. Nachdem sich Petunia und Dudley auf die beiden Sessel gesetzt hatten, blieb Harry und Draco nichts anderes mehr übrig, als sich das Sofa zu teilen. Anfangs hatten sie noch so viel Abstand wie nur irgendwie möglich war, zwischen sich gebracht. Harry hatte ganz rechts und Draco ganz links auf dem Sofa gesessen. Mit der Zeit aber, da sie jedes Mal, wenn sie etwas von dem Weihnachtsgebäck naschen wollten, fast aufstehen mussten und keiner den anderen bitten wollte, ihm doch kurz den Teller mit dem Gebäck zu reichen, waren sie immer weiter zur Mitte gerutscht und dort schliesslich nebeneinander sitzen geblieben. Nicht so dicht, dass sie sich wirklich berührt hätten, aber doch dicht genug, dass Harry die Wärme spüren konnte, die von Dracos Körper ausging. Irgendwann war die CD mit der Weihnachtsmusik verstummt, aber niemand konnte sich aufraffen, aufzustehen und sie wieder abspielen zu lassen. Stattdessen unterhielten sie sich leise. Die Lichter am Baum tauchten alles in ein warmes Licht und Harry spürte, wie er langsam müde wurde. Die Stimmen vermischten sich zu einem sanften Murmeln, aus dem er nur noch gelegentlich Petunias Lachen und Dracos ruhige, tiefe Stimme heraushören konnte. Wärme umgab ihn wie eine Decke und langsam begannen die Lichter des Weihnachtsbaums und die leicht flackernden Kerzen zu verschwimmen. Harry war so wahnsinnig müde und plötzlich war es ein Leichtes, dem Drang, die Augen zu schliessen, nachzugeben und sich ein wenig zur Seite sinken zu lassen, bis sein Kopf auf etwas Warmen zu liegen kam. Nur einen kleinen Augenblick. Nur einen ganz kleinen Augenblick ausruhen. Dann würde er die Augen wieder öffnen und sich auch am Gespräch beteiligen, aber gerade jetzt im Moment war Harry so wahnsinnig müde und es war so schön warm und gemütlich, wo er sich befand.
Ein irgendwie vertrauter, aber doch fremder Geruch umgab ihn, liess ihn sich sicher fühlen. So hatte er sich den Heiligen Abend immer vorgestellt. Ganz genau so. Gemütlich, mit seiner Familie, einer Familie, die ihn akzeptierte und einem Weihnachtsbaum, den er geholfen hatte zu schmücken. Genauso hatte er es sich immer erträumt, wenn er im Schrank unter der Treppe gesessen und durch die Ritzen beobachtet hatte, wie Petunia das Haus und vor allem den Baum schmückte, dabei Weihnachtsleckereien buk und das Weihnachtsessen vorbereitete. Der einzige Unterschied war gewesen, dass sie damals noch so einen verkniffenen Zug um den Mund gehabt hatte, der jetzt zumindest zum Teil verschwunden war. Sein letzter bewusster Gedanke, bevor er einschlief, war jedoch, dass das, worauf auch immer sein Kopf jetzt lag, ein ganz vorzügliches Kopfkissen war. Warm und weich und einfach richtig.
Im Halbschlaf nahm Harry wahr, wie ihn jemand sanft an der Schulter rüttelte und ihn dazu aufforderte, aufzustehen. Irgendjemand führte ihn die Treppe hinauf, während er zu müde war, um überhaupt die Augen richtig zu öffnen. Wer es war, wusste er nicht. Da war nur dieser Geruch. Dieser vertraute Geruch, der ihm die Sicherheit vermittelte, dass ihm nichts geschehen würde. Er liess es zu, dass er ins Badezimmer geführt wurde und ihm jemand die Zahnbürste in die Hand drückte. Wenig später brachte ihn jemand zu seinem Bett und legte sorgfältig die Decke über ihn, nachdem er sich hingelegt hatte. Das Letzte, was Harry spürte, bevor er endgültig einschlief, war die kühle Hand, die ihm eine Haarsträhne von der Stirn schob und die leise, ruhige und so vertraute Stimme, die ihm eine gute Nacht wünschte.
Als Harry wieder erwachte, war es dunkel im Zimmer und im ersten Augenblick wusste er gar nicht so genau, wo er sich eigentlich befand. Nur langsam wurde ihm bewusst, dass er in seinem Bett bei seinen Verwandten lag. War er nicht im Wohnzimmer auf dem Sofa eingeschlafen? Irgendjemand musste ihn nach oben geführt und ins Bett gebracht haben. Irgendjemand, auch wenn er sich nicht einmal mehr ansatzweise daran erinnern konnte, wer es gewesen sein könnte. Da war nur ganz dunkel die Erinnerung an einen Geruch. Ein Geruch, der ihm in die Nase gestiegen und der so fremd und doch so vertraut gewesen war.
Ein leises Wimmern aus dem anderen Bett riss Harry aus seinen Gedanken. Mit einem Griff zog er seinen Zauberstab unter dem Kopfkissen hervor. Wer hatte ihn eigentlich darunter gelegt? Normalerweise trug er ihn doch immer bei sich und wenn es in der Hosentasche war. Nur jemand, der genau wie er erlebt hatte, wie wichtig es sein konnte, den Zauberstab immer und überall, auch im Schlaf sofort griffbereit zu haben, konnte ihn unter sein Kopfkissen gelegt haben. Nur ein anderer Zauberer, der wie er die Schrecken des Krieges erlebt hatte, konnte auch nur ahnen, dass er mit dem Zauberstab unter dem Kopfkissen schlief. Nur Draco konnte den Zauberstab unter sein Kopfkissen gelegt haben. Draco, der wie bereits in der letzten Nacht in einem Alptraum gefangen in seinem Bett lag.
Leise sprach Harry den Lumos und tastete sich durch das Zimmer zum anderen Bett. Draco warf sich wimmernd hin und her. Das feine Haar klebte an seiner vom Schweiss nassen Stirn und seine Augen flatterten unruhig hinter den Lidern. Wie schon in der vorherigen Nacht, berührte ihn Harry nach kurzem Zögern vorsichtig an der Schulter und setzte sich dann zu ihm auf das Bett und wie bereits in der vorherigen Nacht schien Draco durch die Berührungen ruhiger zu werden und sich fast ein wenig an ihn zu schmiegen.
Vielleicht war es die Müdigkeit, vielleicht waren es aber auch noch die Auswirkungen des Alkohols, den Harry am Abend getrunken hatte, so genau wusste er es nicht, aber irgendwann, als er sich selber schon fast im Halbschlaf befand, kroch Harry zu Draco ins Bett, schmiegte sich von hinten an den warmen Körper und legten einen Arm über dessen Oberkörper. Darunter konnte er das ruhige Heben und Senken von Dracos Brustkorb spüren. Die tiefen Atemzüge, die ihm verrieten, dass der andere ruhig und ohne Alpträume zu haben, schlief. Wärme und Geborgenheit hüllten Harry ein und das Letzte, was er wahrnahm, bevor auch er einschlief, war dieser Geruch, der ihn schon den ganzen Abend begleitet hatte.
