Teil V
Als Harry am Weihnachtsmorgen langsam die Augen öffnete, war es, wie bereits am vorherigen Morgen, hell im Zimmer. Graue Augen schauten ihn an und mit einem Schlag war alles wieder da. Wie er am Abend auf dem Sofa eingeschlafen war und sich dabei an Dracos Schulter gelehnt haben musste und plötzlich wusste Harry auch, wem der Geruch gehörte, der ihm so seltsam vertraut vorgekommen war. Das war Dracos Geruch gewesen. Draco hatte ihn die Treppe hinauf und ins Bett gebracht. Draco hatte die Decke über ihn gelegt und ihm die Haarsträhne aus dem Gesicht gestrichen. Draco hatte das alles getan. Ganz dunkel erinnerte sich Harry daran, wie er wieder mitten in der Nacht aufgewacht war, weil er Draco in einem Alptraum hatte wimmern hören und wie er dann im schwachen Licht des Zauberstabs quer durch das Zimmer zum anderen Bett gegangen war. Eigentlich hatte er Draco nur aus seinem Traum wecken und dann in sein eigenes Bett zurückkehren wollen, aber er war geblieben. Irgendwann war er in Dracos Bett und unter dessen Decke gekrochen und hatte den Blonden in den Arm genommen und jetzt starrte dieser ihn an. Jetzt starrten ihn diese grauen Augen an. Einfach so. Nicht feindselig oder abweisend. Eher neugierig, vielleicht etwas erstaunt und Harry konnte sich nicht mehr von der Stelle bewegen.
Alles in ihm schrie, dass er aufstehen musste, dass er dafür sorgen musste, dass er aus dem Bett herauskam und eigentlich nur hoffen konnte, dass Draco nie irgendjemandem erzählen würde, dass sich ausgerechnet Harry Potter zu ihm ins Bett gelegt hatte, oder schlimmer noch, nichts mehr mit ihm würde zu tun haben wollen. Er hatte es verdorben. Er hatte sich die einzige Chance, die er gehabt hatte, mit Draco Freundschaft zu schliessen, verdorben. Vielleicht, wenn er sich entschuldigte, vielleicht, wenn er zu erklären versuchte, vielleicht glaubte ihm Draco dann. Aber er konnte sich nicht bewegen. Selbst wenn er es gewollt hätte. Stumm starrte er in diese grauen Augen, die ihn gefangen zu nehmen schienen, irgendetwas in seinen zu suchen schienen und plötzlich war da diese Spannung, plötzlich hatte Harry das Gefühl, dass sein ganzer Körper zu kribbeln begann.
Durch einen schmalen Spalt zwischen den Vorhängen schien die Wintersonne ins Zimmer, liess die kleinen Staubpartikel in der Luft tanzen und traf genau auf Dracos Gesicht. Das blonde Haar schien fast durchsichtig zu werden und auf einmal änderte sich der Ausdruck in den grauen Augen, die ihn bis dahin ruhig gemustert hatten. Es schien fast, als ob Draco gefunden hatte, wonach er gesucht hatte und plötzlich wusste es Harry einfach. Er wusste einfach, dass sie sich jetzt gleich, hier auf dem ausgezogenen Sofa im Gästezimmer seiner Tante küssen würden. Er wusste es einfach und seltsamerweise sorgte der Gedanke nicht dafür, dass er schreiend die Flucht ergriff. Ganz im Gegenteil. Er wollte es. Er wollte, dass Draco ihn küsste, dass er Draco küsste. Er wollte ihn küssen, diesen neuen Draco, den er erst hier kennengelernt hatte.
Wie von alleine schlossen sich Harrys Augen und im Nachhinein konnte wohl niemand mehr sagen, wer den Anfang gemacht hatte, wer sich zuerst nach vorne gebeugt hatte oder wer wen küsste. Es war unwichtig. Wichtig waren nur Dracos Lippen, die sich weich und so unglaublich sanft auf Harrys legten. Unschuldig, unsicher, nachfragend und vor allem zärtlich. So zärtlich, wie es Harry Draco niemals zugetraut hätte. Irgendwann spürte Harry, wie sich eine Hand vorsichtig auf seine Hüfte legte, wie er etwas näher gezogen wurde. Nicht so nah, dass sie sich berührt hätten, aber nah genug, dass er die Wärme spüren konnte, die von Draco ausging.
Für einen winzig kleinen Moment, nicht einmal einen Augenblick, schien die Welt stillzustehen, schien alles an Bedeutung zu verlieren. Für einen winzigen Augenblick gab es nur sie beide, nur dieses Zimmer und das Sofa, auf dem sie lagen. Für einen winzigen Augenblick war es nicht mehr wichtig, dass sie im Krieg, wenn auch gezwungenermassen, auf verschiedenen Seiten gestanden hatten, dass sie sich gegenseitig fast umgebracht, aber auch gerettet hatten. Für einen winzigen Augenblick war es nicht mehr wichtig, dass der eine ein Slytherin und der andere ein Gryffindor war, dass sie jahrelang verfeindet gewesen waren und sich eigentlich hassten. Für einen winzigen Augenblick gab es nur sie beide und die Lippen, die sich sanft und vorsichtig gegeneinander bewegten und zum ersten Mal zu ertasten versuchten, wie sich diejenigen des anderen anfühlten.
Irgendwann lösten sie sich langsam voneinander. Harry öffnete die Augen und sah Draco an und es kam ihm so vor, als ob er den anderen zum allerersten Mal in seinem Leben überhaupt wirklich sehen würde. Zum ersten Mal sah er die blonden fast durchsichtigen Wimpern, welche die gleiche Farbe hatten, wie seine Haare, sah das etwas zu kantige Gesicht, den ersten Ansatz eines Bartes, aber auch das winzige Muttermal gleich neben der Nase. Und dann waren da noch die rosafarbenen Flecken auf Dracos Wangen und die grauen Augen, die ihn offen und gefüllt von einer Emotion, die Harry nicht benennen konnte und wollte, ansahen. Harry spürte die Hand, die immer noch knapp über seiner Hüfte ruhte und die Hitze, die von ihr auszugehen schien. Hitze, die ihn zu verbrennen drohte und doch hätte er die Hand um nichts in der Welt von dort weghaben wollen.
Er musste etwas sagen. Irgendetwas. Aber sein Mund war völlig ausgetrocknet und in seinem Kopf herrschte eine seltsame Leere. Ausserdem war Draco da. Ausserdem war Draco da und schaute ihn immer noch an. Ungerührt, ruhig und mit diesem seltsamen Ausdruck im Gesicht, den Harry nicht deuten konnte und nicht wollte, weil er Angst davor hatte, was er bedeuten konnte. Aber vielleicht musste er das auch nicht. Vielleicht war es ganz und gar unnötig und vielleicht war es auch völlig unnötig, dass er etwas sagte. Vielleicht war es völlig unnötig, weil Draco auch so verstand.
Dudleys Stimme, die laut durch die Tür schallte, ob sie nicht langsam aufstehen und frühstücken kommen wollten, damit sie dann die Geschenke auspacken könnten, liess sie schliesslich auseinanderfahren. Harry schoss das Blut ins Gesicht und er spürte, wie er rot wurde. Hastig kletterte er aus dem Bett, verhedderte sich in der Bettdecke und zog sie beim Versuch, sich zu befreien, halb auf den Boden. „Wir kommen gleich!", rief er und hoffte nur, dass Dudley nicht ins Zimmer kam. Was würde sein Cousin denken? Was seine Tante, wenn sie sahen, dass er mit Draco in einem Bett geschlafen hatte? Hektisch, und nicht wirklich darauf achtend, was er anzog, schlüpfte Harry in seine Kleidung und stürzte nur wenig später aus dem Zimmer. Er war so in Eile, dass er den etwas verletzten Ausdruck, der sich über Dracos Gesicht zog, nicht bemerkte.
Nur wenig später sassen sie alle am Frühstückstisch. Petunia hatte sich bei der Zubereitung selbst übertroffen, aber irgendwie fehlte Harry der rechte Appetit, um das Frühstück auch entsprechend zu geniessen. Immer wieder warf er einen kleinen Blick zu Draco, versuchte herauszufinden, was der andere dachte und immer wieder sah er nur das verschlossene Gesicht vor sich, das er bereits aus der Schule kannte und das ihn dort nie gestört hatte. Aber jetzt schmerzte es ihn. Jetzt schmerzte es, zu sehen, wie sich Draco vor ihm verschloss, nachdem er ihn so offen erlebt hatte. Einmal trafen sich ihre Blicke und für einen kurzen Moment meinte Harry in den grauen Augen etwas aufflackern zu sehen, etwas verletzliches, verwundbares, doch dann war es wieder verschwunden und durch das kalte Abweisende ersetzt, das er bereits aus der Schule so gut kannte.
Gelegentlich, wenn er an seinem Toast knabberte, hatte Harry das Gefühl, beobachtet zu werden. Dann hatte er das Gefühl, als ob ein Paar graue Augen auf ihm ruhen würden und ihn einfach nur ansahen, fragend, forschend und vielleicht auch hoffend. Vielleicht wünschte er es sich auch einfach nur, dass ihn Draco so ansah. Vielleicht wünschte er es sich einfach, weil Harry genau wusste, wie schwer es würde, zu ertragen, wenn sich Draco wieder vor ihm verschloss. Vielleicht aber auch, weil er eine unglaubliche Angst hatte, diesen offenen Draco, den er hatte kennenlernen dürfen, diesen neuen Draco, den er mögen konnte, nein, den er mochte und vielleicht auch mehr als nur mochte, wieder zu verlieren. Vielleicht hätte er nicht so davon stürzen sollen, als Dudley sie zum Frühstück gerufen hatte. Vielleicht hätte er… Denn eigentlich hatte er diesen Kuss gewollt. Eigentlich wollte er Draco küssen. Nicht nur dieses eine Mal, sondern immer wieder. Aber was war, wenn Draco nicht wollte? Was, wenn er Harry immer noch hasste? Was, wenn… Wieder sah Harry aus den Augenwinkeln zu Draco hinüber, der ohne rechten Appetit sein Frühstück zu essen schien.
Nach etwas, das Harry wie eine halbe Ewigkeit vorgekommen war, lehnte sich Dudley mit einem zufriedenen Seufzen zurück und auch Tante Petunia trank ihre Teetasse aus und stellte sie mit einem leisen Klirren auf die Untertasse zurück. „Wenn alle fertig sind mit dem Frühstück, dann können wir ja jetzt ins Wohnzimmer gehen. Es sind heute früh, als ihr noch geschlafen habt, ein paar Eulen eingetroffen, die noch zusätzliche Geschenke gebracht haben. Ich habe sie zu den anderen unter den Baum gelegt." Damit schob Petunia ihren Stuhl zurück und erhob sich. Dudley, Harry und Draco folgten, wobei Draco es schon beinahe krampfhaft vermied, Harry anzusehen und irgendwie war das beinahe noch schlimmer, als wenn er ihn beleidigt oder angeschrien hätte.
Petunia brachte das Geschirr in die Küche und gesellte sich dann zu den dreien ins Wohnzimmer. Dudley hatte es sich wieder auf dem Sessel gemütlich gemacht, während sich Draco und Harry wie schon am Abend zuvor das Sofa teilen mussten und wie schon zu Beginn des Abends sassen sie nun wieder an den beiden Rändern, mit so viel Abstand zwischen sich, wie es möglich war. Dudley hatte die Kerzen am Weihnachtsbaum entzündet, obwohl die kalte Wintersonne durch das Fenster hereinschien und man sie somit kaum sah. In der Nacht musste es geschneit haben. Eine dünne Schneeschicht bedeckte die Büsche und Hecken im Garten und wurde von der Sonne zum Glitzern gebracht.
Unter dem Baum lagen mehrere Geschenke. Keine Berge, wie es zum Beispiel bei den Weasleys gewesen war oder damals, als er mit den Mitgliedern des Ordens des Phönix im alten Haus am Grimmauldplatz gefeiert hatte, aber doch eine ansehnliche Anzahl. Alle waren sorgfältig verpackt und mit bunten Bändern verziert worden. Zwischen ihnen konnte Harry ein unordentliches Päckchen erkennen, das ihm vermutlich Hagrid geschickt hatte, aber auch andere, die in elegantes, silbernes Papier gehüllt waren und von denen er vermutete, dass es wohl Dracos Weihnachtsgeschenke sein mussten.
Schliesslich kam Petunia aus der Küche und setzte sich in den Sessel direkt neben dem Baum. Wahllos griff sie nach einem der Geschenke, las das Etikett und reichte es anschliessend Dudley. Mit einer Sorgfalt, die Harry seinem Cousin überhaupt nicht zugetraut hätte, löste dieser das Papier und legte es anschliessend zur Seite. Im Päckchen befand sich ein kleiner Sack mit Schokofröschen. Neugierig sah Harry zur Seite. Er hatte Dudley zwar auch Süssigkeiten besorgt, aber keine Schokofrösche. Draco schaute allerdings Dudley an und meinte nur: „Die Karten zeigen verschiedene berühmte Zauberer, aber eigentlich sind Schokofrösche einfach eine ganz spezielle Süssigkeit." Harry musste ein Grinsen verkneifen. So konnte man die halblebendigen Schokofrösche natürlich auch bezeichnen, die wie echte Frösche wirkten und einen einzigen Sprung machen konnten, wenn man sie denn liess. Er selber hatte für Dudley eine Dose mit Bertie Botts Bohnen jeder Geschmacksrichtung besorgt.
Ein Geschenk nach dem anderen wurde verteilt und geöffnet. Von Hermine erhielt Harry das obligatorische Buch und von Ron ein Abonnement für „Quidditch monatlich". Neugierig hatte Harry aber auch auf die Geschenke geschielt, die Draco erhalten hatte. Viele waren es nicht gewesen. Von seinen Eltern hatte er einen Schal und ein Set mit seltenen Trankzutaten bekommen, Freunde, die ihm etwas schickten, schien er nicht zu haben und plötzlich schämte sich Harry, dass er nicht einmal eine Kleinigkeit für Draco hatte, nachdem es sogar Petunia gelungen war, noch etwas für den unerwarteten Gast zu besorgen. Schliesslich waren nur noch zwei Geschenke übrig. Ein kleines Kästchen in silbernem Papier und ein etwas grösseres, eckiges, das wie ein Buch aussah.
Petunia zögerte kurz und griff dann nach dem Kästchen. Sie warf einen Blick auf das kleine Stück Papier, das unter die Schleife geklemmt war und reichte es dann Harry. Das kleine Päckchen war leicht und irgendwie wusste er einfach, dass es von Draco sein musste. Noch bevor er die Schleife löste, sah er zu dem Slytherin. Draco beobachtete ihn mit einem sehr angespannten Gesichtsausdruck und bestätigte damit seine Vermutung, dass das Geschenk von ihm stammen musste. Das Gefühl von Scham, dass er überhaupt nichts für den Blonden hatte, verstärkte sich noch, als Harry vorsichtig die Schleife löste und das Geschenk auspackte. Zum Vorschein kam ein kleines Schmuckkästchen. Es war aus pinken Plastik und wirkte auf den ersten Blick unglaublich billig und muggelhaft. Fragend sah Harry zu Draco. Eigentlich war es doch unmöglich, dass Draco, der Reinblüter schlechthin, ein derart billiges Geschenk machte. Harry war so erstaunt, dass ihm das überraschte Erkennen entgangen war, das sich über Petunias Gesicht gezogen hatte, als sie das Kästchen gesehen hatte. „Mach es auf", schien Draco zu flüstern und so öffnete Harry vorsichtig den Deckel. Im Inneren lag auf einem verblichenen Samtkissen ein kleines Armband aus angelaufenem Silber. Von den einzelnen Kettengliedern hingen verschiedene Anhänger herab, wovon einer in verschnörkelten Buchstaben den Namen Lily formte. Harry musste mehrfach schlucken und starrte das Armband einfach an. Nur langsam drangen Dracos Worte zu ihm durch: „In den Sommerferien habe ich mit meiner Mutter die privaten Sachen von Professor Snape durchgesehen und dabei sind wir auf das Armband gestossen. Es muss wohl deiner Mutter gehört haben. Ich denke, Professor Snape hätte gewollt, dass du es bekommt, auch wenn ihr euch nicht sonderlich gut verstanden habt. Vielleicht kann dir deine Tante noch ein wenig mehr über die einzelnen Anhänger sagen." Draco verstummte plötzlich, als ob er mehr gesagt hätte, als er eigentlich wollte. Harry schluckte mehrfach, um den Kloss loszuwerden, der sich in seinem Hals gebildet hatte. Wusste Draco überhaupt, was es ihm bedeutete, das Armband seiner Mutter zu bekommen, etwas aus ihrer Kindheit in den Händen zu halten? „Danke", brachte er nur heraus und seine Stimme zitterte stärker, als er es sich gewünscht hätte.
„Ich kenne das Armband, Harry", lenkte Petunia schliesslich die Aufmerksamkeit wieder auf sich, „und wenn du möchtest, kann ich dir nachher ein wenig zu den einzelnen Anhängern erzählen, aber erst möchte ich dich bitten, das letzte Geschenk auszupacken. Es ist von Dudley und mir gemeinsam und vielleicht kannst du uns irgendwann verzeihen, wie wir dich behandelt haben." Damit reichte sie Harry das letzte Geschenk, das noch unter dem Baum gelegen hatte. Das Päckchen hatte fast das Format eines Buches, war aber auf der einen Seite deutlich dicker als auf der anderen und doch ziemlich schwer.
Harry zögerte einen kleinen Augenblick und löste dann die Klebestreifen, die das Papier auf den Seiten zusammenhielten. Als er das Papier zur Seite geschlagen hatte, blickte er auf ein dickes, in Leder gebundenes Album. Fragend sah er zu Petunia, die ihn seltsam unsicher anblickte. Langsam schlug er das Album auf und gleich auf der ersten Seite blickte ihm eine Familie entgegen. Ein Mädchen mit roten Zöpfen in Hogwartsschuluniform, aber noch ohne Häuserabzeichen, lächelte ihn mit aufgeregten, wenn auch etwas unsicheren Augen an. Hinter ihr standen ihre Eltern, die stolz in die Kamera sahen und daneben, mit traurigem Gesichtsausdruck noch ein Mädchen. „Das Bild wurde an dem Morgen gemacht, bevor unsere Eltern Lily zum Bahnhof gebracht haben." Petunias Stimme drang kaum durch den Nebel, der sich um Harrys Kopf gebildet zu haben schien. Langsam blätterte er das Album durch und stiess Seite für Seite auf neue Bilder seiner Mutter. Kinderbilder. Bilder von ihr, wie sie mit Petunia im Garten gespielt hatte. Bilder aus ihrer Schulzeit und später Bilder von ihr und Severus Snape, wie sie über Bücher gebeugt im Garten sassen oder sich unterhielten und ein paar Seiten weiter, zusammen mit James und den anderen Herumtreibern. Auf den letzten Seiten fanden sich zwischen den ganzen, unbewegten Fotographien ein paar wenige, auf denen die abgebildeten Figuren lächelten, ihm zuwinkten oder sich gegenseitig zu ärgern schienen.
„Danke." Das war alles, was Harry mit erstickter Stimme herausbrachte, aber Petunia schien auch so zu verstehen, was ihm das Album bedeutete, was es ihm bedeutete, dass sie ihm die Fotos geschenkt hatte, dass sie bereit war, ihm von ihren Erinnerungen an ihre Schwester Lily zu erzählen. Stumm reichte sie ihm ein Taschentuch und da erst bemerkte Harry die Tränen, die ihm über die Wangen gelaufen waren. Tränen, die wohl mehr aussagten, als Worte es jemals vermocht hätten. Das war der Moment, in dem Harry spürte, dass er seiner Tante und seinem Cousin verzeihen konnte. Sie waren trotz allem immer noch eine Familie und zum ersten Mal fühlte er sich ihr wirklich auch zugehörig und hatte das Gefühl, dass er in Zukunft hier, im Ligusterweg vier, immer ein Zuhause haben würde.
Mit einem lauten Knall explodierte die letzte Rakete über dem Vorgarten und liess Funken regnen. Neben ihm klatschte Natasha, die inzwischen mit Dudley verlobt war, begeistert in die Hände. Harry lehnte sich ein wenig mehr an den Mann, der neben ihm stand und seinen Arm um seine Schulter gelegt hatte. „Ein gutes, neues Jahr, Harry", flüsterte ihm dieser ins Ohr. Harry lächelte und legte seinen Kopf auf die Schulter des neben ihm stehenden Zauberers.
Ein Jahr war es jetzt her, dass er zum ersten Mal mit seiner Tante und seinem Cousin und, völlig unerwartet, auch mit Draco Weihnachten gefeiert hatte. Ein Jahr, in dem so wahnsinnig viel geschehen war. Den Weihnachtstag vor einem Jahr hatten sie mit dem Album, das er von seiner Tante bekommen hatte, auf dem Sofa vor dem Baum verbracht. Harry in der Mitte, links neben ihm seine Tante und rechts Draco. Dudley hatte sich ziemlich schnell entschuldigt und sich mit dem Telefon in sein Zimmer verzogen. Petunia hatte den ganzen Nachmittag damit verbracht, Harry von seiner Mutter zu erzählen. Irgendwann war auch die Sprache auf das Armband gekommen, das Draco in den Sachen von Snape gefunden hatte.
Lily und auch Petunia hatten zu Weihnachten beide so ein Armband bekommen. Der Schriftzug mit dem Namen war ein Geschenk von Petunia an Lily gewesen, genauso, wie diese ihrer Schwester ebenfalls einen Anhänger mit ihrem Namen geschenkt hatte. Wie allerdings Snape an das Armband gekommen war, das konnte Petunia auch nicht sagen. Am Wahrscheinlichsten war wohl, dass Lily es ihrem Freund irgendwann einmal geschenkt hatte, bevor ihre Freundschaft ein abruptes Ende gefunden hatte und als Petunia dann aufgestanden und in die Küche gegangen war, hatten Harry und Draco angefangen zu reden. Am Anfang hatten beide nicht so recht gewusst, was sie sagen sollten. So viel stand zwischen ihnen, so viel war in all den Jahren geschehen und es würde Zeit brauchen, um alles irgendwie aufzuarbeiten und doch war es ihnen gelungen, zumindest einen Anfang zu machen.
Die erste Zeit im Januar nach ihrer Rückkehr nach Hogwarts war schwer für sie beide gewesen. Vor allem Ron hatte seine Schwierigkeiten damit gehabt, ihre Freundschaft zu akzeptieren, aber die Tatsache, dass er Harry bei der Suche nach den Horkruxen schon einmal im Stich gelassen und sich geschworen hatte, das nicht noch einmal zu tun, trug dazu bei, dass es ihm schliesslich gelang, zumindest so etwas wie einen Waffenstillstand mit Draco zu schliessen und als sie alle ihre Abschlussurkunde in Empfang nehmen konnten, waren Harry und Draco schon seit mehreren Wochen ein Paar, auch wenn nur ihre engsten Freunde und ihre Familien davon wussten.
Ihr Abschluss war jetzt schon ein halbes Jahr her. Harry hatte seine Ausbildung als Auror angetreten, während Draco angefangen hatte, mit seinem Vater zusammenzuarbeiten. Weihnachten hatten sie dann auch bei Dracos Eltern verbracht, Sylvester aber bei Petunia und Dudley.
Langsam verloschen die letzten Funken am Nachthimmel und Harry drehte sich dem neben ihm stehenden Mann zu. Sanft streiften seine Lippen dessen Wange, bevor er ihm ins Ohr flüsterte: „Dir auch ein gutes, neues Jahr, Draco."
ENDE
