Einige Dimensionen weiter musste Raphael sich ein kleines Lächeln verkneifen. Gerade eben noch hatte Mika-Chan ihn mit einer Leidenschaft geküsst, wie sie wohl wirklich nur ein Feuerengel aufbringen konnte, aber jetzt starrte er ihn eher an, wie ein verschreckter Feuersalamander. Zum Glück hatte Raphael genug Einfühlungsvermögen, um sich darüber im Klaren zu sein, dass er jetzt behutsam vorgehen musste. Michael hatte eben immerhin zum allerersten Mal ganz deutlich gezeigt, dass solche Gefühle in ihm schlummerten, die vielleicht sogar stärker waren, als sein abgrundtiefer Hass auf Lucifer. Und das war für ihn selbst wahrscheinlich der größte Schock.
Statt etwas zu sagen, hob Raphael einfach die Hand und legte sie Michael an die Wange, wo er zärtlich über das Drachentatoo streichelte. Eine Sekunde lang wirkte es so, als wolle sich Mika von ihm losreißen und davon stürmen, aber dann entspannte er sich und ließ die zärtliche Berührung geschehen. In diesem Moment sah er wieder aus wie ein kleiner Junge, der sich einfach nur nach Liebe sehnte, stellte Raphael gerührt fest. So wie damals als er ihn gefunden hatte, als er der einzige gewesen war, der sich Michael gefahrlos nähern konnte, ohne verbrannt zu werden.
„Es ist doch ganz natürlich, dass du jetzt verwirrt bist" sagte er sanft. „Aber du brauchst dir keine Sorgen machen, Michael. Ich bin bei dir. Und ich bleibe bei dir."
Michael sah auf und funkelte ihn an. „Du hast auch gar keine Wahl, Alter" sagte er trotzig, schon wieder ganz der Alte. „Schließlich habe ich lange genug auf dich gewartet und habe nicht vor, dich wieder gehen zu lassen."
Lachend zog Raphael daraufhin seinen Freund ganz nah an sich heran und presste ihre Lippen voller Verlangen aufeinander. Selig seufzend ließ sich Michael von diesem leidenschaftlichen Kuss mitreißen und vergas innerhalb von ein paar Minuten zum zweiten Mal die Welt um sich herum. Ganz mit sich beschäftigt bemerkten die zwei Engel nicht, wie sich gleich neben ihnen ein Tor öffnete um die Gruppe um Kira aus Anagura herauszulassen. Als erstes kam der Höllenfürst persönlich zum Vorschein und blieb abrupt stehen. Kato, der hinter ihm ging konnte gerade noch rechtzeitig zur Seite weichen, um einem Zusammenstoß zu entgehen. Inmitten von zerstörten Gebäuden auf zwei küssende Engel zu treffen, und dann auch noch diese beiden, damit hätten Kira und Kato im Leben nicht gerechnet. Nach einigen Sekunden hatte Kira jedoch seine Verblüffung so weit überwunden, dass er ein überraschtes: „Michael?" hervorbrachte. Als er die Stimme seines Bruders hörte, riss Michael die Augen auf und prallte entsetzt einen Schritt zurück. Langsam drehte sich der Windengel um und grüßte Kira mit einem lässigen: „Hallo, Luzifer." Um sich gleich darauf wieder Michael zu zuwenden und beruhigend auf ihn einzureden. Denn der hitzige Feuerengel war kurz davor sich auf Kira zu stürzen. Wie konnte er es nur wagen gerade jetzt dort aufzutauchen und ihn und Raphael zu stören?
Inzwischen waren auch die anderen vier aus dem Tor herausgekommen. Yami wurde mehr von Kaiba getragen, als das er selber lief und Marik und Bakura folgten ihnen in kurzem Abstand und unterhielten sich ununterbrochen leise flüsternd miteinander. Kaiba behagte das gar nicht, aber ein unterdrücktes Stöhnen von Yami lenkte ihn schnell ab. Vorsichtig ließ er den ehemaligen Pharao zu Boden gleiten und rief gleichzeitig zu Kira hinüber: „Hei, gibt es hier irgendwo ein Krankenhaus oder zumindest einen Arzt? Yami braucht unbedingt medizinische Versorgung." Kira schüttelte bedauernd den Kopf: „Tut mir leid, aber hier ist alles zerstört, wie du siehst." Raphael drehte sich auf einmal wieder zu dem Höllenfürsten um. Ihm war da eine brillante Idee gekommen. „Ich könnte ihm helfen." Überrascht sahen ihn alle, die ihn etwas besser kannten, an. Schließlich half der Windengel nur dann, wenn er sich etwas davon versprach. „Wenn du, Luzifer, versprichst hier kein Unheil anzurichten und Michael in Ruhe lässt." Kira stöhnte innerlich auf. War ja klar, dass da irgendwo ein Haken sein musste. Aber ein Blick auf den halbohnmächtigen Yami zeigte ihm, dass er keine andere Wahl hatte als zu zustimmen. Zähneknirschend sagte er deshalb: „Also gut. Und wenn du schon mal dabei bist kannst du auch gleich Kato wieder fit machen."
Raphael schüttelte ein wenig missbilligend den Kopf. Offenbar hielt Kira ihn für eine Art bessere Krankenschwester. Und die Art und Weise, wie ihn der Fürst der Hölle herumkommandierte gefiel ihm auch überhaupt nicht. Ihm war es schon immer auf die Nerven gegangen, wie wichtig sich dieser nahm. Ganz sicher hätte er nicht zugestimmt auch noch Lucifers Anhängsel zu heilen, wenn er nicht durch Mika-Chans Kuss milde gestimmt gewesen wäre. Außerdem war ihm sehr daran gelegen solange wie irgend möglich alle Konflikte zwischen Michael und seinem Bruder zu verhindern. Tokyo lag bereits wieder fast in Trümmern und er hatte nicht die geringste Lust, die Stadt in Schutt und Asche versinken zu sehen, nachdem sie erst vor kurzem mit viel Mühe gerettet worden war.
Kaiba ließ Yami auf den Boden gleiten, so dass dessen Kopf auf seinem Schoß ruhte und sah bittend zu Raphael auf. Offenbar war es ihm tatsächlich gelungen, seinen Stolz zumindest für eine Weile zu unterdrücken. „Wenn du es kannst, dann hilf ihm bitte" sagte er leise. „Ich glaube es geht ihm sehr schlecht."
Raphael nickte und kniete neben dem Jungen nieder. Auch wenn er ihn noch nie gesehen hatte, spürte er instinktiv die Würde und den Stolz, die von Kaiba ausgingen und er wusste, dass es den Jungen Überwindung gekostet haben musste, ihn zu bitten. Ohne zu zögern legte er Yami eine Hand auf die Stirn, schloss die Augen und begann ihn zu heilen. Tapfer nahm er dessen Schmerzen in sich auf und absorbierte sie. Was er allerdings zu spüren bekam, überraschte ihn. So etwas hatte er noch nie gefühlt. Das Wesen das vor ihm lag war weder Mensch noch Engel und dennoch schien es ein sehr altes Geschöpf zu sein. Er ließ sich allerdings nichts anmerken, sondern führte seine Behandlung noch einige Minuten fort, bevor er die Augen öffnete. Er lächelte Kaiba an, der sich besorgt über Yami beugte. „Deinem Freund geht es besser" sagte er. „Er wird jetzt eine Weile müde sein und muss sich ausruhen."
Dann wandte er sich Kato zu, der sich widerspenstig hinter Kira zurückgezogen hatte. Er sah aus, als würde er kratzen, wenn jemand versuchte ihn anzurühren.
„Offenbar hält dein Freund nicht viel von meiner Behandlung" sagte Raphael Schulter zuckend. Zu seinem Erstauen drehte Lucifer sich um und gab Kato eine, wenn allerdings auch mehr angedeutete Kopfnuss. „Hör endlich auf mit deiner verdammten Unvernunft" sagte er gereizt. „Wie oft soll ich dir denn noch sagen, dass du besser auf dein Leben aufpassen sollst? Hast du etwa vor schon wieder zu sterben?"
Kato rieb sich die Stirn und sah Kira missmutig an. „Wieso nicht?" fragte er. „Bislang war es jedes Mal ganz nett. Du bist jedenfalls immer am freundlichsten zu mir, wenn ich gerade am Krepieren bin." Trotzdem trat er widerwillig auf Raphael zu.
„Ausziehen" sagte dieser nebensächlich.
„Was?" fragten Kato, Kira und Michael im Chor.
„Durch die Kleidung hindurch kann ich dich nicht heilen, also ausziehen." Wiederholte Raphael-Sama völlig ungerührt.
Kato drehte sich entgeistert zu Kira um, der zwar nicht besonders angetan aussah, aber auch keinerlei Anstalten machte, zu widersprechen.
„Wie du willst" sagte Kato trotzig und hatte sich mit wenigen Bewegungen bis auf die Unterhose ausgezogen. „Recht so?"
„Das Oberteil hätte gereicht" Raphael zuckte gleichgültig die Schultern. Er trat auf Kato zu und legte professionell seine Hände auf dessen geschundenen Oberkörper. „Entspann dich. Atme ganz ruhig." Flüsterte er, während er unter Michaels misstrauischen Blicken seine Kraft in Katos Körper fließen ließ. Es war allerdings nicht zu übersehen, dass diesem die Behandlung gut tat. Er schloss genussvoll die Augen und überließ sich ganz Raphaels Heilkräften.
„Das reicht jetzt" sagte Kira nach nicht einmal fünf Minuten entschieden. Er nahm den Mantel von seinen Schultern, legte ihn Kato um, und zog ihn an sich, aus Raphaels Einflussbereich hinaus.
„Oh, der Fürst der Hölle ist eifersüchtig" konnte Raphael nicht umhin grinsend zu bemerken.
Kira beschloss diesen mehr als gemeinen Kommentar zu ignorieren. Stattdessen beugte er sich über Kato und fragte ihn leise nach seinem Befinden. Kato, schon halb eingeschlafen, zog den Höllenfürsten plötzlich mit einem kräftigen Ruck in seine Arme und umklammerte ihn fest. Es sah fast so aus als ob er Kira mit einem übergroßen Teddybären verwechseln würde. Nach einigen verzweifelten und recht halbherzigen Versuchen sich aus der warmen Umarmung seines Freundes zu lösen seufzte Luzifer ergeben und fügte sich in sein Schicksal.
Die Umstehenden hatten dem ganzen Schauspiel etwas ungläubig zugesehen, aber als Kira Kato noch zu raunte: „Aber sabber mir nicht ins Haar!" gab es für die anderen kein Halten mehr. Prustend lagen sie sich in den Armen und lachten Tränen. Besonders Michael genoss es sehr seinen übermächtigen und stolzen Bruder in dieser Lage zu sehen.
„Haltet die Klappe! Yami braucht Ruhe", herrschte Kaiba sie auf einmal an. Überrascht sahen die zwei Elementarengel den jungen Mann mit den blauen Augen an während Bakura und Marik eher gelangweilt dreinblickten. Sie kannten Kaibas Wutanfälle zu genüge und auch seinen neuerworbenen Beschützerinstinkt für Yami waren sie mittlerweile gewohnt.
Minuten vergingen in denen keiner ein Wort sprach. Raphael schlenderte, gefolgt von Michael, zu einem Betonbrocken und machte es sich darauf bequem. Der Feuerengel setze sich zwischen seine Beine und lehnte seinen Rücken an Raphaels Brust. Dessen Arm zog den Kleineren noch näher an sich. Mit der freien Hand fuhr er sanft durch Michaels Haar. Zum ersten mal in seinem Leben verspürte er keine Lust auf eine Zigarette. Nein, er hatte etwas viel besserschmeckendes gefunden. Selig schloss Michael die Augen und überließ sich ganz den geschickten Händen Raphaels.
Auch Marik und Bakura machten es sich im Schatten eines heruntergefallenen Betonbrockens bequem. Müde lehnte der Grabwächter seinen Kopf an Bakuras Schulter. Dieser blieb wie versteinert sitzen und wagte kaum noch zu atmen vor Angst der andere könnte merken was er gerade tat und sich angeekelt von ihm lösen. Und das war schließlich das Letzte was Bakura erreichen wollte. Ihm gefiel diese vertrauende Geste seines Partners nämlich ausgesprochen gut.
Wahrscheinlich hätten sie alle noch stundenlang vor sich hingedöst wäre nicht plötzlich Yugis Schwarzes Magiermädchen bei ihnen aufgetaucht gefolgt von einem weiteren weißen Drachen. Von dem lauten Gebrüll des mächtigen Drachens aus ihrem Halbschlaf gerissen sprangen alle acht erschrocken auf. Als Michael den Drachen erblickte hatte er sofort sein Flammenschwert in der Hand und stellte sich dem geflügelten Wesen todesmutig in den Weg. Niemals würde er es zulassen das dieses Mistvieh seinem Raphael auch nur ein Haar verkohlte.
Ruhig und mit einem Katana bewaffnet gesellte sich Kira zu seinem Bruder. Auch er würde diesen Drachen nicht zu Kato durchlassen. Überrascht schaute der Feuerengel den Herrn der Hölle an. Das er und Luzifer einmal auf der gleichen Seite stehen würden hätte er sich in seinen kühnsten Träumen nicht vorstellen können.
Das Schwarze Magiermädchen hatte sich unterdessen Schutz suchend hinter Yami, dem es nach Raphaels Behandlung und der Ruhepause wieder erheblich besser ging, versteckt. Beruhigend lächelte er seiner treuen Magierin zu, wurde aber gleich darauf von Kaiba abgelenkt, der sich schwer auf ihn stützte um nicht ganz zu fallen. Schnell griff Yami zu und ließ ihn sanft zu Boden gleiten. „Ich bekomme ihn nicht unter Kontrolle", presste Seto zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „Er gehorcht mir einfach nicht." Verzeihend blickte der stolze Kaiba Corp. Besitzer seinen Erzrivalen an. Beruhigend strich Yami ihm eine Haarsträhne aus der Stirn und sagte leise: „Ist schon gut. Es ist nicht deine Schuld. Wir finden schon einen anderen Weg." Da Kaiba immer noch so verloren und unglücklich aussah gab ihm der ex-Pharaoh einen kleinen, gehauchten Kuss auf die Stirn. Als er bemerkte, was er gerade getan hatte wurde Yami puderrot und stammelte: „Ich... ich... es tut mir leid. Ich... ich.. weiß ...nicht... was..." Grinsend blickte Kaiba ihn an und meinte nur lässig: „Schon okay. Ich weiß ja, das ich unwiderstehlich bin." Innerlich aber führte sein Herz einen Freudentanz auf. Er konnte kaum glauben, das Yami ihn wirklich geküsst hatte. Auch wenn es kaum ein als richtiger Kuss gezählt werden konnte, so war es doch das Schönste was er je gefühlt hatte. Wäre das Problem mit dem Drachen nicht gewesen wäre Seto höchstwahrscheinlich jetzt über Yami hergefallen.
Michael und Luzifer wehrten unterdessen den ersten Angriff des Drachens mit Mühe und Not ab. Der Feuerengel wurde dabei an seinem linken Arm schwer verletzt während Kira sein Katana aus der Hand geprellt wurde. Es war klar zu sehen, das die zwei Brüder einer weiteren Attacke nicht standhalten würden. Und doch kam keiner von beiden auf die Idee aufzugeben. Schließlich ging es hier nicht um sie, sondern um die Person, die sie am meisten liebten.
Doch zu einem neuerlich Angriff kam es nicht. Wieder tauchte ein Dimensionstor auf und verschlang die ganze Gruppe. Erschrocken klammerte sich Michael an Luzifer und auch dieser hielt sich an seinem Bruder fest. In diesem Moment bemerkten sie nicht an wem sie sich festhielten. Sie waren einfach nur dankbar, das jemand bei ihnen war.
