Eine lange Zeit blieb alles Dunkel. Benommen öffnete Bakura seine Augen und versuchte aufzustehen. Das war jedoch leichter gesagt als getan, da Marik auf seiner Brust lag. `Wenigstens ist er weich gelandet`, dachte Bakura bei sich, bevor er den Grabwächter unsanft von sich herunterstieß. Murrend erhob sich Marik und schaute vorwurfsvoll auf Bakura hinunter. Die Worte seiner Schimpftirade blieben ihm allerdings im Halse stecken, als er sah das neben ihnen ein tiefer Abgrund gähnte, der scheinbar ins bodenlose führte. Schnell zog er den etwas begriffsstutzigen Grabräuber von der Kante weg und ließ sich auf einem Felsen nieder. Bakura sah sich prüfend um und bemerkte erst jetzt die Gefahr in der er geschwebt hatte. Eine falsche Bewegung und er wäre Geschichte gewesen. „Wo, bei Ra, sind wir jetzt schon wieder gelandet?" Da Marik darauf auch keine Antwort wusste zuckte er nur schlechtgelaunt mit den Schultern.

Da bemerkten die beiden wie ihre Millenniumsgegenstände auf etwas zu reagieren schienen. Böse grinsend drehte sich Bakura zu Marik um, der ein identisches Grinsen auf seinem Gesicht trug. „Mir scheint wir sind unserem Ziel näher als wir dachten." Nickend gesellte sich Marik zu seinem Partner und gemeinsam machten sie sich auf die Suche nach dem Millenniumspuzzle, wobei ihnen Bakuras Ring den Weg wies.

Kira war der erste nach Marik und Bakura, der nach dem neuen Dimensionenwechsel wieder erwachte. Er bemerkte Stirn runzelnd die Abwesenheit der beiden und ging davon aus, dass sie von ihnen getrennt worden waren. Er beschloss den anderen ein wenig Ruhe zu gönnen, bevor er wieder zum Aufbruch drängte. Eines musste man Raphael lassen: Zum Heilen war er wirklich gut zu gebrauchen. Während er Kato noch immer im Arm hielt, sah er aus den Augenwinkeln zu seinem Bruder, der sich jetzt ebenfalls ein wenig benommen aufrappelte und sich sofort nach Raphael umsah. Niemals hätte er es für Möglich gehalten, seinen im wahrsten Sinne des Wortes feurigen Bruder jemals so gebändigt zu sehen.

Aber noch etwas anderes überraschte ihn ebenso sehr. Er selbst verspürte im Moment nicht die geringste Lust, sich mit ihm anzulegen. Natürlich war aufgeschoben nicht aufgehoben und zwischen ihnen stand noch das ein oder andere Duell aus, aber er fühlte sich im Moment durchaus in der Lage mit Michael in ein und demselben Raum zu sein, ohne auf ihn loszugehen. Und Michael ging es offenbar genauso.

Kato stöhnte leise und er sah auf ihn hinab. „Dieser komische Flügeltyp hat mir doch nicht irgendwas gegeben, oder?" fragte Kato und setzte sich panisch auf. „Ich fühle mich irgendwie high und…"

„Keine Angst, Raphael ist nicht wie Rosiel" unterbrach Kira ihn beschwichtigend. „Seine Heilungen haben keine Nebenwirkungen."

Kira sah sich genauer um. Sie waren dieses Mal offenbar in einer Art altem U-Bahnschacht gelandet, denn um sie herum war es düster und windig. Um zu sehen, ob auch hier alles zerstört war, mussten sie zunächst einen Weg nach draußen finden. Und das möglichst, ohne wieder angegriffen zu werden.

Auch Seto und Yami kamen langsam wieder zu sich und dank Raphaels Heilungskünsten ging es dem ehemaligen Pharaoh wieder bestens. Sie waren beide nur noch etwas benommen von der erneuten unfreiwilligen Reise und halfen sich gegenseitig auf die wackeligen Füße.

Raphael kümmerte sich unterdessen liebevoll um den verletzten Arm des Feuerengels, was dieser mit viel Gegrummel a la „Is' nur 'n Kratzer!" über sich ergehen ließ. Allerdings genoss er die kleinen Küsse, die sein ganz persönlicher Leibarzt auf seinem Hals platzierte ungemein. Wahrscheinlich wäre diese Art von Behandlung in einer heftigen Liebesszene geendet, wenn nicht ein lästiges, unpassendes Erdbeben gewesen wäre. Über den Lärm von herabstürzenden Betonplatten und Deckenpfeilern schrie Luzifer: „Nichts wie raus hier!" Nur zu gerne folgten die anderen seiner Aufforderung. Halb blind und taub rannten sie durch den aufgewirbelten Staub in die Richtung, in der sie den Ausgang vermuteten. Kira zog den etwas begriffsstutzigen Kato hinter sich her, während Michael und Raphael versuchten mit Hilfe ihrer Elemente den schlimmsten Schaden von den anderen abzuwenden. Sie bildeten eine riesige Schutzhülle aus Feuer und Wind um die vier Flüchtenden. Diese ungeheure Anstrengung kostete sie viel Kraft und deshalb rief Michael den anderen zu: „Lauft ihr Idioten! Hier bricht gleich alles zusammen!" An der Treppe angekommen, drehte sich Luzifer um und blickte zu den beiden Engeln, die sich noch kein Stück vom Fleck bewegt hatten, zurück. Er wusste, dass sie sich nicht selbst würden retten können. Sie brauchten ihre komplette Energie um die anderen zu schützen, aber das war ihnen egal, denn schließlich sind sie Engel und das ist es was Engel tun. Doch Kira war es nicht egal! Trotz allem war dieser dämliche Bengel namens Michael immer noch sein Bruder und einen Bruder kann man zwar hassen und quälen, aber niemals sterben lassen. Aber bevor der Fürst der Hölle etwas unternehmen konnte verlosch das Feuer und der Wind verschwand. Von einem Moment auf den anderen herrschte völlige Stille und komplette Finsternis. Die einzige Lichtquelle war ein Leuchten, das Kira aus den Augenwinkeln war nahm. Als er sich danach umdrehte sah er Yami in seiner wahren Form vor sich. Auf Yamis Stirn leuchtete das Auge des Horus und seine ganze Gestalt war von schwarzem Licht umgeben. Seine Augen brannten mit einem blutroten Feuer. Er hatte seine Hand ausgestreckt und befahl den Schatten mit tiefer dunkler Stimme seine Freunde zu retten und sie alle in Sicherheit zu bringen. Allerdings sprach er auf ägyptisch und keiner außer Seto verstand ihn. Alles was die anderen wahrnahmen war seine unglaubliche Aura und im nächsten Augenblick war alles vorbei. Die sechs Reisegefährten standen auf einer verlassen Straße irgendwo in Tokyo. Außer Yami blickten sich alle verwundert um. Als sie begriffen, das dies kein Traum war und sie wirklich noch lebten drehten sich alle ehrfürchtig zu Yami um. Dieser war wieder der normale junge Mann von vorher und lächelte sie nur etwas verlegen an bevor er erschöpft zusammenbrach.

Kaiba saß wieder einmal mit Yamis Kopf im Schoß auf dem Boden während die anderen ihn mit Fragen bombardierten. Allerdings hörte er ihnen gar nicht wirklich zu. Seto war selbst noch dabei zu begreifen, welche Macht sein Rivale da gerade freigesetzt hatte. Zwar würde er es nie zugeben, aber er hatte schon vor langer Zeit angefangen sich mit seiner Vergangenheit als Hohe Priester zu beschäftigen. Nun hatte er endlich einen Beweis dafür, dass Yami wirklich der war für den er sich immer ausgab – nämlich ein ehemaliger Pharaoh, der die Schattenmagie beherrscht. Seto beschloss Yami bei nächster Gelegenheit zu sagen, dass er ihm nun endlich glauben würde. Nachdem er diesen Entschluss gefasst hatte, zog er den immer noch schwachen Yami dichter an sich heran und ignorierte weiterhin alle Fragen der anderen vier.