IV. Erklärungen

Neville schmatzte leise, dann rollte er sich herum, zog die Decke mit sich. Es gab doch nichts Besseres als ein warmes, weiches Bett wenn es draußen kalt war …-

Moment. Warmes, weiches Bett? Aber er hatte doch die letzten drei Nächte in den Kerkerzellen des Ministeriums verbracht? War das etwa alles nur ein Traum ge-

„Du kannst die Augen aufmachen, Neville, ich sehe, dass du wach bist.", hörte er eine fremde Stimme, die ihm trotz Allem irgendwie entfernt bekannt vorkam.

Seine Lider flatterten auf, er sah direkt in amüsiert funkelnde strahlend grüne Augen. „Wie geht es dir?"

„G-gut. Wo bin ich? Was ist passiert?" Er schluckte, als er an den magischen Pfahl in der Winkelgasse dachte und daran, dass er dort wohl eingeschlafen war.

Ater musterte ihn traurig. „Es tut mir Leid, es war kein Traum – falls du das hoffst. Ein Freund und ich haben dich da rausgeholt. Du hast mir immer geholfen … Ich konnte dich nicht im Stich lassen."

Neville musterte den anderen genauer, die schwarzen Haare, die grünen Aug- „Potter!", keuchte er geschockt und rutschte soweit wie es das Bett zuließ weg von seinem ehemals besten Freund.

Jener verzog verletzt das Gesicht. „Letztes Mal hieß ich noch Harry!" Er seufzte schwer. „Du hast diesen Scheiß, den Dumbles verzapft hat, also auch geglaubt. Als hätte ich jemals so etwas getan! Hufflepuffs töten! Ich meine, das Dunkle Mal war dort, und ich gefesselt. Ich verstehe immer noch nicht, wie der alte Sack mit dem Blödsinn durchgekommen ist. Nur weil er nicht besser auf seine Schüler aufpassen konnte … und um sein faltiges Gesicht zu wahren hat er eben seinen Goldjungen geopfert, er hatte immerhin einen zweiten in der Reserve." Der Schwarzhaarige klang zutiefst verbittert.

Neville starrte ihn an. „Du … hast das also nicht getan?"

„Hast du verbrochen, was man dir vorwirft?"

„Natürlich nicht!", empörte er sich.

„Nun, ich auch nicht."

Der Braunhaarige stockte. „Aber-" Er brach ab. „Du hast gesagt, ich war die … Reserve?"

„ Ja. Der Ersatz. Hast du wirklich geglaubt, du wärst die ‚Geheimwaffe' und ich nur ein Vorzeigeschild, um dich zu schützen?"

Der andere nickte unsicher.

„Warum hat er dann mir täglich Privatstunden gegeben und dich nicht einmal mit dem Hintern angesehen?"

Neville senkte den Kopf.

Ater schloss die Augen, dann setzte er sich neben den inzwischen ein wenig kleineren Zauberer und legte vorsichtig einen Arm um dessen Schultern, verzweifelt bemüht, ihn nicht zu erschrecken. „Es tut mir Leid, dass ich dir das so gesagt habe. Ich dachte, du hast dir Wahrheit verdient."

Der andere zuckte leicht zusammen, dann hob er den Kopf, blickte in die traurig funkelnden grünen Augen. „Mir tut es Leid, dass ich Dumbles geglaubt habe und nicht dir. Ich hätte es besser wissen müssen, schließlich warst du immer für mich da und hättest keiner Fliege etwas antun können."

Er seufzte schwer. „Das hat sich jetzt auch geändert."

„Was meinst du?"

„Dort, wo wir jetzt sind, herrscht auch Krieg. Ich weiß nicht, ob du schon einmal etwas vom Clanviertel gehört hast?"

Neville schüttelte den Kopf.

„Das überrascht mich nicht, es wissen die wenigsten Zauberer und kaum mehr Muggle davon. Wir befinden uns in einem … ziemlich heruntergekommenen Viertel Londons, es gehört sozusagen den Clans. Gruppierungen von drei bis fast hundert Leuten, vor allem nichtmagische Menschen, dass sich Zauberer hierher verirren ist eher die Ausnahme … Jeder Clan hat einen Namen, ein zugehöriges Zeichen, einen Anführer und bekriegt sich mit mindestens zehn anderen ‚Familien'. Die meisten haben Verbündete, aber nur weil wir zum Beispiel sowohl mit dem Darkness-Clan, als auch mit den Seekers verbündet sind, heißt das nicht, dass sie nicht miteinander im Clinch liegen. Wir sind die ‚Schwarzen Drachen', jeder hat einen neuen Namen bekommen; ich heiße jetzt Ater und werde das nächste Oberhaupt sein. Momentan hat Erus diese Position inne. Besagte Namen sind übrigens alle Latein und wir sind Waffenhändler – die einzigen nebenbei bemerkt – womit wir uns jede Menge Freunde wie Feinde machen, wir beliefern allerdings trotzdem das ganze Viertel. Außerdem gibt es hier jeden Tag mehrere Leichen, keiner von uns hat noch Skrupel zu töten. Das gehört zu diesem Leben." Seine Stimme klang hart und kalt.

Neville starrte Ater angsterfüllt an.

Jener krempelte seinen Arm hoch, zeigte ihm das Drachen-Tattoo. „Unser Zeichen. Wir wohnen hier unter der Erde, wodurch wir praktisch überall hinkommen. Eigentlich sind fast alle von uns gesuchte Verbrecher oder verstecken sich aus sonst einem Grund, mit mir sind wir fünf Magier. Allerdings kann keiner von uns Magie anwenden, da uns das Ministerium dann sofort aufspüren würde." Er sah den anderen ernst an. „Ob du hier bleibst oder nicht, führe auf keinen Fall auch nur einen einzigen Zauber aus! Unsere Signaturen sind registriert und ob wir jetzt Handmagie beziehungsweise Zauberstäbe verwenden oder spontane Ausbrüche von Rohmagie haben, wir sind dran. Nate, ein Mitglied des Darkness-Clans – nebenbei bemerkt einer unserer stärksten Verbündeten – kommt aus Amerika und wird nicht gesucht, er übernimmt für uns kleinere nötige Zaubereien. Was ist noch wichtig? Ach ja, wir hatten bis vor wenigen Tagen zwei Kinder im Clan." Sein Kiefer spannte sich an. „Jetzt ist nur noch Venetus übrig, er ist zehn und mit den Gesetzen bestens vertraut. Pectus wurde von Dumbledores Leuten getötet, wir vermuten, dass er eigentlich ein Kind aus einer bekannten Todesser-Familie war und einen Magieausbruch hatte, der das Interesse des verschrumpelten Trottel geweckt hat." Er schluckte schwer. „Du kannst hierbleiben oder gehen, aber wenn du uns verlässt, werde ich Nate Vergessens-Zauber üben lassen. Und ich werde dafür sorgen, dass du in Sicherheit bist, wir wollen uns nicht umsonst mit den Kobolden rumgeschlagen haben, um in die abgeriegelte Winkelgasse zu kommen."

„Wir? Und ihr seid über Gringotts hinein gekommen?"

„Ja, über die Filiale in Dublin. Wir, das heißt Rubicundus und ich."

„Rubicundus?"

„Ja."

„Kenne ich ihn?"

Ater grinste verschmitzt. „Vielleicht. Aber lass dir gesagt sein, er ist genauso unschuldig wie wir beide. Du könntest eventuell auch Nivis und Erus kennen. Nivis versteckt sich einfach nur, sie will nicht in die Machtkämpfe von Voldi und Dumbles hineingezogen werden, Erus hat wirklich einiges angestellt. Aber glaub mir, er bereut seine Taten und ist jetzt ein ‚guter'" er schnaubte „Mensch. Außerdem kannst du dir kein besseres Clanoberhaupt vorstellen."

„Was passiert, wenn ich bleibe?"

„Du musst die Zeremonie über dich ergehen lassen, wir machen dich mit den Regeln vertraut. Danach darfst du jede Menge Namen und Orte auswendig lernen, um nicht versehentlich einen Verbündeten umzubringen, und wir lehren dich mit Messern, Dolchen und Schwertern zu kämpfen, deinen Zauberstab kannst du wie gesagt vergessen. Vermutlich musst du auch kochen und Wäsche waschen lernen, sowie einen Teil unserer Schmiedekunst."

Einige Zeit lang schwiegen beide.

„Wird die Zeremonie weh tun?"

„Naja, das Tätowieren schmerzt ein bisschen, ansonsten musst du nur einen Eid auf dich, dein Leben und – in unserem Fall – deine Magie schwören. Nate wird daneben stehen und mit einem Schild dafür sorgen, dass nichts nach außen kommt. Dann könntest du als Beweis jemand von einem feindlichen Clan herausfordern und töten müssen, das hängt davon ab, was die anderen dazu sagen. Ich glaube aber, dass Erus dich davon verschont."

Neville war blass geworden. „T-töten?"

„Ja, früher oder später wird das kommen. Hat Dumbi dir nicht eingetrichtert, dass du irgendwann Snakeface umbringen werden musst? Hat er dich nicht genau dafür trainiert?"

„J-ja, schon, a-aber V-V-Voldemort ist ein Monster, und das sind einfach Menschen!"

Ater lächelte sanft. „Voldemort war auch einmal einfach nur ein Mensch. Tom Riddle um genau zu sein, ein brillanter, gutaussehender Slytherin mit einem Hang zur Schwarzen Magie. Unser heißgeliebter Schulleiter hätte ihn davor bewahren können, von den Dunklen Künsten besessen zu werden, stattdessen hat er ihn bewusst immer weiter dorthin getrieben. Und genauso, wie er Tom diesen Abgründen vorgeworfen hat, jagt er sämtliche Slytherins direkt in seine Arme. Ihnen bleibt gar nichts anderes übrig, als sich einen Totenschädel in den Unterarm brennen zu lassen und ihm zu folgen."

Sie schwiegen erneut.

„Mein ganzes Weltbild war falsch, nicht wahr?"

„Ja, aber vielleicht tröstet es dich, dass sich meines auch erst geklärt hat, als ich hierher kam."

Neville atmete tief durch und schloss die Augen, dann sah er Ater ernst an. „Ich möchte in den Clan eintreten."

Der andere nickte lächelnd. „Ich werde Erus Bescheid sagen.", versprach er. „Hast du Hunger?"

Der Braunhaarige nickte.

„In Ordnung, ich bin gleich zurück."

Fünf Minuten später saß er neben seinem langjährigen Freund an einem Tisch in dessen Zimmer und sie machten sich über Alas Lasagne her.

„Wie das jetzt genau mit der Magie ist habe ich noch nicht verstanden. Warum können sie uns finden, wenn wir welche anwenden? Ich dachte, es liegen Banne auf unseren Stäben, die sich an unserem Siebzehnten Geburtstag auflösen und das ist alles?"

„Jeder Zauberer hat seine eigene Signatur, eine magische DNA sozusagen. Sie ist in unserer Aura enthalten, in unseren Zaubern, in uns selbst. Wenn du beispielsweise einen Stupor ausführst hinterlässt du sozusagen einen Fingerabdruck, der sowohl den Fluch, als auch den Urheber verrät.", erklärte der Grünäugige. „Diese Forschungsergebnisse sind erst wenige Jahre alt und die entsprechenden Analysen ausgesprochen kompliziert, außerdem hält das Ministerium dieses Wissen geheim, um einen Vorteil gegenüber ‚Verbrechern' zu haben. Da einige Todesser allerdings sehr hohe Tiere im Ministerium sind, wie Malfoy, kannst du davon ausgehen, dass Voldemort das alles sehr genau weiß, es hilft ihnen also nicht wirklich."

„Oh. Und … das funktioniert wirklich bei jedem Zauber?"

„Ja.", bestätigte Ater.

Protego?"

„Ja."

Accio?"

„Ja."

Wingardium Leviosa?"

„Bei jedem Zauber, Neville.", schmunzelte der Schwarzhaarige. „Auch bei Tantellagra, Engorgio und Avada Kedavra." Er lachte leise.

Neville wurde rot. „Haben sie die Signatur jedes einzelnen Zauberers?"

„Nein, das Verfahren um sie sichtbar zu machen und abzuspeichern ist extrem langwierig und umständlich, sie machen das nur mit Verbrechern, bevor sie sie ins Gefängnis werfen oder hinrichten lassen. Und bevor du fragst, die Truppe um Malfoy und Lestrange war schon wieder aus Askaban draußen, als sie diese Methode erfunden haben. Wir sind dafür mit Sicherheit an allen möglichen Orten registriert und wenn wir auch nur das kleinste Bisschen Magie ausführen melden sich tausende Alarmzauber. Inzwischen arbeiten zwar einige Unsägliche an Maßnahmen, um die eigene Signatur zu überdecken, aber sie sind noch nicht besonders weit gekommen – vor Allem, da das Ministerium das besser nicht heraus finden sollte."

„Woher weißt du das alles?"

„Nate."

„Und von wo bekommt er solche Informationen."

Der Grünäugige zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Wenn ich ehrlich bin, will ich es auch gar nicht so genau wissen."

Neville überlegte eine Weile. „Man kann die Signatur also nicht überdecken. Kann man sie verändern?"

Ater starrte ihn an, schlug sich dann gegen die Stirn. „Dass wir daran noch nicht gedacht haben! Ich weiß nicht, ob es Zauber oder Rituale dafür gibt, aber ich bin sicher, dass es prinzipiell möglich ist! Ich werde mich in nächster Zeit an die Lastwägen voll zutiefst schwarzmagischen Büchern aus der Black-Bibliothek setzen, die Sirius mir vererbt hat. Wenn ich etwas finde, dann da. Du bist ein Genie, Nev!"

Der Braunhaarige errötete. „Also kann ich hier bleiben? Bei dir?"

„Natürlich! Erus hat schon zugestimmt und Rub hat etwas gebrummt von wegen ‚will ich auch hoffen, wenn ich wegen ihm schon wieder Aters waghalsigen Unsinn mitgemacht habe'." Er grinste.

„Was genau habt ihr eigentlich gemacht? Wie habt ihn mich befreit?"

Das Grinsen wurde diabolisch. „Das willst du nicht wissen, mein lieber Neville, glaub mir!" Dann löste ein fröhliches Lächeln den doch etwas unheimlichen Anblick ab. „Wir brauchen noch einen neuen Namen für dich. Irgendwelche Vorschläge?"

Der andere schüttelte den Kopf. „Nein, ich kann kaum Latein."

„Was? Aber in dieser Sprache sind doch die ganzen Zaubersprüche – du kannst erahnen, was ungefähr passieren wird, wenn du einen Spruch nicht kennst, du merkst sie dir leichter – du kannst sogar neue Zauber und Flüche erfinden! Diese ach-so-tote Sprache ist durch und durch magisch, du glaubst gar nicht, wie wichtig es für einen Zauberer ist, sie zu können!" Seine Augen leuchteten. „Hat Dumbles dich das nicht gelehrt?"

Neville verneinte erneut.

„Dieser Schweinehund!", knurrte Ater. „Wollte er dich opfern oder was? Er hätte dir doch die beste mögliche Ausbildung zukommen lassen müssen! Naja, wahrscheinlich hat er das mit mir auch nicht gemacht." Er schnaubte. „Aber egal, zurück zum Thema – einen Namen, der zu dir passt. Hmm … was hältst du von Herbeus?"

Der Braunhaarige lächelte. „Ich habe zwar keine Ahnung was es heißt, aber es klingt gut. Außerdem erinnert es mich an Herbology1, was immerhin mein stärkstes Fach war."

Ater grinste schief. „Es bedeutet ‚grün'."

„Das gefällt mir."

„Gut, dann komm jetzt mit. Die anderen warten schon."

Der Grünäugige führte seinen Freund durch unzählige unterirdische Gänge. „Das Zimmer kannst du übrigens behalten wenn du willst."

„Gerne, aber den Weg habe ich mir sicher nicht gemerkt."

Ater lachte. „Kein Problem, ich zeig ihn dir später noch einmal."

Nach fünf Minuten erreichten sie den Konferenzraum.

Neville bestaunte den feuerspeienden Drachen auf dem großen Tische, er erkannte das Motiv von dem Tattoo auf dem Arm des Grünäugigen. Jemand tippte ihm auf den Rücken und er fuhr herum, riss die Augen auf. „Weasley!"

„Rubicundus, wenn ich bitten darf.", grinste der Rothaarige schief.

Ein blondes Mädchen drängte sich an ihm vorbei. „Sei nicht immer so unhöflich, Rub!" Ihre hellblauen Augen schienen ins Nichts zu sehen.
„Hey, ich bin nicht unhöflich!", beschwerte sich der großgewachsene junge Mann, wurde allerdings einfach ignoriert.

„Luna?"

Sie lächelte verträumt. „Hi, Nev. Ich bin froh, dass Ater dich retten konnte, ich habe unsere Gespräche vermisst. Ich heiße jetzt übrigens Nivis – Schnee. Ich mag den Namen. Er passt zu mir, findest du nicht?" Sie spielte mit einer ihrer langen Locken. „Leise und weich und unscheinbar."

„Und wunderschön.", fügte Neville mit einem Schmunzeln hinzu. Er trat einen Schritt nach vorne, umarmte Nivis. „Ich habe dich auch vermisst, sie haben ewig nach dir gesucht und schließlich beschlossen, dass dich die Todesser heimlich ermordet und deine Leiche verbrannt haben oder so." Er schüttelte sich. „Du glaubst gar nicht, wie erleichtert ich bin, dich lebend zu sehen! Ach ja, mein neuer Name wird Herbeus sein."

„Auch sehr passend."

„Ich sehe, du lebst dich schon ein.", grinste Ater, huckepack trug er einen Zehnjährigen mit blauen Haaren. „Das ist Venetus."

Belustigt musterte der Neuankömmling die ungewöhnliche Haarfarbe. „Freut mich."

Der Grünäugige kicherte leise. „Erus kommt gleich. Vergiss bitte nicht, was ich dir gesagt habe – er bereut, was er getan hat. Außerdem ist auch er in der ganzen Angelegenheit nicht so ‚böse', wie Dumbledork allen weis machen will. Erschrick also bitte nicht zu sehr, ja? Schrei nicht, lauf nicht weg und tu ihm vor Allem nichts."

Neville hob beide Augenbrauen. „So schlimm kann es doch wohl nicht sein, oder?"

Venetus gab ein seltsames Geräusch zwischen Lachen und Husten von sich. „Du wirst schon sehen!"

Einen Moment später öffnete sich die Tür und der Braunhaarige drehte sich um. Er keuchte laut auf und wurde schneeweiß. „Grindelwald!"

1 Herbology = Kräuterkunde