- 1 -

Wenn es irgendetwas gab, dass man über seine Familie sagen konnte, dann dass man nie, nie, allein war. Genau genommen war das einer der Gründe dafür, dass Charlie Rumänien und das Drachenreservat so mochte. - Dorthin verirrte sich so leicht niemand, der Anekdoten über Onkel Willbur erzählen wollte oder ihm erklären musste, wie niedlich seine Nichte doch war. Die Drachen waren lediglich ein netter Bonus.

Gegen seinen Willen grinsend ließ er den Blick über die weitgehende rothaarige Menschenmenge, die sich in der alten Scheune versammelt hatte, schweifen. George und Angelina unterhielten sich angeregt mit Onkel Willbur. Hermine umarmte grade Aubrey, während Ron und Percy sich gegenseitig auf die Schultern schlugen und Bill und Fleur verzweifelt versuchten, die kleine Victoire vor all den Großtanten und -cousinen zu retten.

Und er... saß abseits von all dem Trubel an seinem Platz und wartete darauf, dass es endlich etwas zu essen gab. Alleine. - Theoretisch sollte das erholsam sein.

Tatsächlich starrte er aber all die Paare um ihn herum an und fragte sich, ob er vielleicht tatsächlich schon zu lange Single war. - Bisher waren ihm achtundzwanzig Jahre nicht wirklich lang vorgekommen, egal wie oft seine Mutter betonte, dass es langsam Zeit für mehr Enkelkinder wurde, wenn sie Victoire nicht völlig verziehen sollte. Er schüttelte den Kopf und griff nach seinem Bier. Wahrscheinlich wurde er einfach nur wunderlich. Sollte in seinem Alter ja vorkommen.

"Hey Charlie."

Er hob den Kopf. Neben ihm war ein junger Mann mit breiten Schultern und schiefem Grinsen aufgetaucht.

"Wood! Ich wusste gar nicht, dass Percy dich eingeladen hat."

"Immerhin haben wir sieben Jahre lang praktisch zusammen gewohnt." Das Grinsen wurde noch ein bisschen breiter. "Aber ich hab mich auch gewundert."

Er ließ sich auf den Stuhl zu Charlies Linker fallen. "Audrey hat rote Haare", stellte er fest.

"Tja, was soll ich sagen, mein kleiner Bruder ist eben traditionsbewusst."

Oliver lachte. "Ja, wo kommen wir bloß hin, wenn man Weasleys nicht mehr an den flammendroten Haaren auf Kilometer Entfernung erkennt?"

"Oh, ich hab keine Ahnung, wohin ihr kommt, aber wir kommen näher an die Weltherrschaft."

"Und, wo steckt deine Freundin?"

Charlie zuckte mit den Achseln. "Wenn ich sie kennenlerne, sage ich dir bescheid."

Wood lachte. "Ich hab gehört, die meisten Paare lernen sich auf Hochzeiten kennen. - Deshalb bin ich ja hier."

"Na dann, Waidmanns Heil! Ich glaube, ich verzichte." Charlie griff nach seinem Bier. "Bei den ganzen Rothaarigen hier kann ich unmöglich vorher wissen, ob das Audreys Verwandtschaft ist oder doch eine meiner Cousinen."

Grinsend hob Wood seine eigene Bierflasche und prostete ihm zu. "Auf das Single-Leben!"

"Auf das Single-Leben!"

"Und, was stellst du sonst mit eben dem an?"

Charlie zuckte mit den Achseln. "Ich arbeite wieder im Drachen-Reservat." Sie hatten sich damals auf der Siegesfeier in Hogwarts kurz unterhalten und er hatte Wood erzählt, dass es Schwierigkeiten beim Wiederaufbau des Reservats gab und dass er sich daran beteiligen wollte.

"Ich kann aber immer noch nicht glauben, dass du dafür Quidditch hast sausen lassen."

Ja, genau das hatte er damals auch gesagt. Charlie zuckte mit den Achseln.

"Du hättest für England spielen können!" Wood schüttelte den Kopf und nippte an seinem Bier. "Sorry. Ich bin da immer noch ein bisschen... überenthusiastisch."

"Das warst du schon immer... Du hast mich fast geküsst, als ich dich ins Team aufgenommen habe."

Ein leichter roter Schimmer schlich sich auf Woods Wangen. "Die Versuchung war damals groß", grinste er. "Meine Mutter behauptet, ich hätte schon mit fünf jedem, der es nicht hören wollte, erzählt, dass ich mit Schottland die Weltmeisterschaft gewinnen werde."

"Klingt aber auch nach nem guten Plan."

"Ja ja, mach dich nur lustig. Aber mein Plan beinhaltete auch, im Finale England zu besiegen."

Charlie grinste. "Was ihr nie geschafft hättet, wenn ich Sucher gewesen wäre."

"Tja, das werden wir jetzt nie herausfinden."

"Och, ich werde dann trotzdem jedem erzählen, dass ihr den Sieg nur mir zu verdanken habt."

"""

"Es muss wahnsinnig toll sein, eine so große Familie zu haben."

"Meistens ist es vor allem wahnsinnig." Charlie starrte seine Bierflasche an und versuchte sich zu erinnern, die wievielte es war.

"Aber man ist nie alleine."

"Eben."

"Hm."

Charlie sah auf und zog eine Augenbraue hoch. Wood starrte völlig fasziniert auf die Tanzfläche, wo Charlies Brüder ihre Freundinnen oder Ehefrauen und seine Schwester ihren Freund durch die Gegend wirbelten. Oh Merlin, Ehefrauen. Jeder seiner Geschwister war seit Jahren in einer Beziehung mit der selben Person, sie waren alle so gut wie verheiratet... War er wirklich schon so alt?

"Ich weiß nicht. Ich hab die meiste Zeit das Gefühl, irgendwie von ihnen allen überrannt zu werden."

"Überrannt?"

"Mein kleiner Bruder Percy hat heute geheiratet... Und ich will ihm immernoch durch die Haare wuscheln und ihm die Brille klauen. Ginny überlegt, wie sie ihre Kinder nennen soll und mein letztes Date ist vier Jahre her oder so."

"Was?"

"Irgendwie... keine Ahnung. Sie werden alle zu schnell erwachsen, sie sind zu viele, zu laut, zu... ich glaube, ich bin ein bisschen zu gern allein."

"Ja, das glaube ich auch. Seit vier Jahren?"

"Nicht wirklich viel."

"Eine halbe Ewigkeit."

Sie grinsten einander an.

"Ich bleibe dabei, ich find die Idee von so ner riesigen Familie klasse."

"Da spricht ein Einzelkind."

"Nein, nur jemand, der schon ewig nicht mehr mit seiner Schwester geredet hat."

Jetzt, wo er das sagte, erinnerte Charlie sich an Fiona Wood, eine schlanke Ravenclaw, die mindestens ebenso quidditchbegeistert war wie ihr jüngerer Bruder, und deren Klatscher Charlie mehr als einmal getroffen hatten. Aber irgendetwas an Woods Gesichtsausdruck oder Tonfall hinderte ihn daran, die Anekdote von seinem Sturz im Finalspiel im fünften Schuljahr zu erzählen. Eigentlich wollte er den anderen Mann nur umarmen. Stattdessen stand er auf und holte ihm ein neues Bier.

"""

"Oh Mann, es hat echt noch geschneit. Wen hat Perce denn dafür bestochen?"

Charlie klang amüsiert und sogar ein kleines bisschen abfällig, aber insgeheim erfüllte ihn der Anblick der zentimeterdicken Schicht unberührten Schnees mit einer beinahe schon kindlichen Freude. Und es war schön. Unglaublich kitschig, aber schön.

"Keine Ahnung, aber es macht sich bestimmt gut auf den Fotos." Wood klang ein bisschen abwesend, als er Audrey und Percy dabei beobachtete, wie sie in den Schlitten stiegen. "Die roten Haare bilden nen schicken Kontrast."

"Langsam habe ich das Gefühl, ich sollte mich bei dem ganzen Rumgehacke auf meiner Haarfarbe diskriminiert fühlen."

"Ach quatsch, ich stehe auf Rothaarige." Wood hatte seinen Blick vom Brautpaar trennen können und grinste Charlie an. Seine Nasenspitze war von der Kälte gerötet, aber seine Augen funkelten im Licht der magischen Lampignons. Irgendwie beunruhigte es Charlie, dass er soetwas feststellte.

"Und trotzdem hast du noch niemanden abgeschleppt. Also, welche meiner Cousinen darf ich dir vorstellen?"

"Hmm..."

"Und da fährt er..." George hatte einen Arm um Charlies Schulter gelegt. "Ist das nicht ein rührender Augenblick? Unser Percy ist endlich erwachsen." Er schniefte theatralisch.

Charlie zuckte mit den Achseln. "So ist das Leben... und als nächstes bist du dran, wenn ich mir Angelina so ansehe."

"Ha! Nee, nee... Ich tippe auf Harry und Ginny. Und davon abgesehen wärst du dran, so als Zweitältester und so."

"Du kannst ja eine Ehe für mich arrangieren."

"Das hättest du gerne. Du drückst dich den ganzen Tag mit Drachen rum und ich such dir ne Freundin. So seh ich aus. - Wir könnten dich allerdings mit einem Drachen verheiraten."

Wood grinste. "Ich bin mir nicht sicher, ob das legal ist."

Jetzt schlang George auch ihm einen Arm um die Schultern. "Das, mein lieber Oliver, sind Details. Kleine, nichtige Details, die mich noch nie an irgendwas gehindert haben. - Kommt, lasst uns noch ein Bier trinken und überlegen, wie wir einen Stachelbuckel in ein Kleid kriegen."