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"Charlie, Liebes, du willst doch nicht schon wieder abreisen?"
"Eigentlich..."
Molly Weasley schüttelte energisch den Kopf. "Du bist wirklich viel zu selten hier. Selbst Weihnachten hattest du nur einen Tag Zeit, und das Haus ist doch jetzt nach der Feier so leer, Ginny will ja auch heute schon wieder nach London zu Harry."
"Du könntest echt noch ein paar Tage bleiben, wir spielen am Wochenende gegen Puddlemere, ich könnt dir ne Karte organisieren", schlug Ginny vor und grinste dabei beunruhigend breit.
"Will ich wirklich meiner Schwester dabei zusehen, wie sie mein Lieblingsteam in den Boden stampft?"
"Oh, das hat schon was", behauptete Ron um eine komplette Scheibe Toast herum. "Wenn sie verlieren, hast du wenigstens noch was, worüber du dich freuen kannst."
Ginny streckte Ron die Zunge raus. "Nach dem Spiel gegen die Cannons hast du ne Woche nicht mit mir geredet."
"Sag ich doch, ich hab mich für dich gefreut."
Hermine grinste. "Vielleicht solltest du wirklich mal ein paar Tage Urlaub machen, ich bin mir sicher, dass du noch Überstunden und Urlaubstage von acht Jahren abzufeiern hast."
"Ehrlich Ron, musst du wirklich mit jemandem zusammen sein, der Zugang zu meiner Personalakte hat?"
Ron nickte nur und seine Mutter schien sich auf einmal sehr für den Inhalt ihrer Teekanne zu interessieren.
Warum wunderte Charlie sich eigentlich noch? Natürlich hatte Molly Hermine darauf angesetzt, ein bisschen auf Charlie zu achten, wo sie jetzt doch im Ministerium in der Abteilung zur Führung und Aufsicht magischer Geschöpfe arbeitete. Und natürlich hatte Hermine gar keine Skrupel, sich Informationen zu besorgen, die rein gar nichts mit ihrer eigentlichen Arbeit zu tun hatten. Und trotzdem, oder auch grade deshalb, mochte Charlie sie eigentlich ganz gerne.
"Ich bin mir auch sicher, dass das aus arbeitsschutztechnischer Sicht sehr fragwürdig ist."
Grinsend schüttelte Charlie den Kopf. "Ich geb mich geschlagen. Bis zum Spiel bleibe ich noch. Und Puddlemere wird euch so fertig machen, Schwesterchen."
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Es war ewig her, dass Charlie ein Quidditch-Spiel gesehen hatte. Sieben Jahre war das WM-Spiel jetzt her... Er war wirklich kein guter Fan.
Zufrieden atmete er die Luft ein, die nach gebratenem Fleisch und Popcorn und Bier roch und zupfte seinen Puddlemere-Schal zurecht, als die Tore geöffnet wurden und die Spieler auf das Spielfeld schossen. Ginnys Haare wehten hinter ihr her, als sie sich scharf in eine Kurve über dem Fanblock legte und Charlie konnte nicht anders, als unglaublich stolz auf seine kleine Schwester zu sein, als die Menge ihr zujubelte.
Der Jubel für die Spieler von Puddlemere fiel deutlich geringer aus, aber das hinderte ihren Kapitän nicht daran, eine Reihe von Loopings vor der Tribüne zu fliegen. Dafür hatte Charlie allerdings gar keinen Blick, auch wenn Jamie O'Neill mit Sicherheit das beste war, was diesem Team je passiert war, denn er beobachtete Oliver Wood dabei, wie er völlig unaufgeregt seine Kreise über den Tribünen zog und ein paar der Harpies-Spielerinnen mit Handschlag begrüßte. Natürlich, mit oder gegen die meisten von ihnen hatte er wahrscheinlich schon in Hogwarts gespielt und er war schon immer ein echter Frauenschwarm gewesen. Grinsend erinnerte Charlie sich an den Zwölfjährigen, der ihm nach seiner Ernennung zum Hüter um den Hals gefallen war, und dem schon damals die Mädchen hinterher gerannt waren. Und heute blieb nicht einmal Charlie etwas anderes übrig, als anzuerkennen, dass er wirklich gut aussah.
Was wahrscheinlich der Beweis dafür war, dass Ginny mit ihrer Feststellung, dass er schon viel zu lange Single war, recht hatte. Klar war Wood attraktiv, aber während eines Quidditch-Spiels nur den Hüter des einen Teams anzustarren war definitiv nicht normal. Oder sinnvoll.
Wood positionierte sich vor den Torstangen und Charlie zwang sich von ihm weg und in die Mitte des Spielfeldes zu sehen, wo gerade die Bälle in die Luft entlassen wurden.
Als der Anpfiff ertönte, stoben die Spieler auseinander und Charlie hielt tatsächlich die Luft an, als O'Neill und Harris senkrecht nach oben dem Quaffel nachschossen. Es war letzten Endes Harris, die den Ball packte, was definitiv nur an dem besseren Besen lag. Sie passte zu Ginny. Die duckte sich unter einem Puddlemere-Jäger hindurch und flog dann in Richtung der Torstangen. Mit einer spektakulären Seitwärtsrolle wich sie einem Klatscher aus und passte den Quaffel zur dritten Jägerin, die ihn elegant im spitzen Winkel auf den linken Torring spielte, wo Wood ihn mit gradezu unverschämter Leichtigkeit aus der Luft pflückte. Als er jubelnd von seinem Sitz aufsprang, konnte Charlie nicht anders, als sich im Stillen zu seinem Blick für Talente zu beglückwünschen.
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Trotz dieses extrem guten Anfangs, Woods offensichtlichem Talent und der Tatsache, dass Jamie O'Neill einer der besten Jäger der letzten Jahre war, ging Puddlemere sang- und klanglos unter. Nicht, dass Charlie sich da im Vorhinein irgendwelchen Illusionen hingegeben hätte.
Er wartete vor den Umkleidekabinen, um seiner Schwester zu gratulieren und sie vielleicht zu einem Abendessen im Dorfpub zu überreden, als ihm jemand auf die Schulter tippte.
"Wood. Tolles Spiel!"
Der Hüter grinste. "Ich wusste gar nicht, dass du für uns bist", stellte er fest und deutete auf Charlies Schal.
"Seit ich denken kann. Ist bei uns Familientradition, unser Herz an hoffnungslose Fälle zu verlieren."
"Wie charmant."
Grinsend zuckte Charlie mit den Achseln. "Eigentlich wollte ich Ginny ja noch gratulieren, aber da die Damen wohl noch die nächsten Stunden mit ihrem Make Up beschäftigt sein werden... Kann ich dich für ein Bier und ein Abendessen begeistern?"
"Wie könnte ich einem so treuen Fan etwas abschlagen?"
"Oder dem Mann, der deine Quidditch-Karriere überhaupt gestartet hat."
Wood legte ihm einen Arm um die Schultern. "Oder dem."
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Sie waren die paar Kilometer ins Dorf zu Fuß gegangen und hatten sich im Pub einen Tisch am Fenster gesucht.
"Also, ist das so üblich? Schleppst du nach einem Spiel sonst irgendwelche weiblichen Fans ab?"
Wood schüttelte den Kopf. "Ich neige generell nicht zum Abschleppen von irgendwelchen Frauen. Oder von irgendwem anders, wo wir schon dabei sind. - Ich glaube, ich bin zu schüchtern."
"Dann darf ich mich also geehrt fühlen?"
"Ich hatte dir doch von meiner Vorliebe für rote Haare erzählt."
Charlie streckte ihm äußerst erwachsen die Zunge raus und klaute eine Pommes von seinem Teller.
"Und ich habe dich während meiner ganzen Schulzeit praktisch angebetet."
"Angebetet?"
Wood wurde tatsächlich ein bisschen rot. "Klar, du warst verdammt noch mal Charlie Weasley. McGonagall hat sich betrunken, als sie erfahren hat, dass du zu den Drachen bist."
"Echt?"
"Du hast echt keinen Plan, wie gut du warst, oder?"
"Ich war mehr damit beschäftigt das Viechzeug, das ich im Wald aufgelesen habe, vor ihr zu verstecken."
Nachdenklich nippte Wood an seinem Guinness.
"Vielleicht war ich auch ein bisschen eifersüchtig darauf, dass du etwas anderes als Quidditch gefunden hast. Ich meine, wenn mich Puddlemere nicht genommen hätte, ich wüsste nicht, was ich jetzt tun würde. Fliegen ist so ziemlich das einzige was ich kann."
Charlie zuckte mit den Achseln. "Mehr musst du im Reservat auch nicht können. Fliegen können und ein bisschen lebensmüde sein, das ist eigentlich alles."
"Dann weiß ich ja, was ich mache, wenn aus dem Quidditch doch nichts wird."
"Aber erst, wenn Schottland Weltmeister ist."
Wood salutierte formvollendet. "Zu Befehl, Sir."
"Aber ernsthaft, komm mal vorbei, es gibt wirklich nichts faszinierenderes als mit Drachen zu fliegen."
"Eigentlich dachte ich immer, dass ich ganz gut lebe, ohne die Aussicht auf meinem Besen gegrillt zu werden."
"Das passiert echt selten."
"Wie beruhigend."
"Irgendwo da liegt der Spaß. Aber ich glaube, wir sollten mal langsam. Ich wollte noch packen."
"Packen? Du willst zurück nach Rumänien?"
"Ja, ich muss auch arbeiten, wie sich das für erwachsene Menschen gehört."
Wood schob sich langsam die letzten paar Pommes in den Mund. "Schade, wir könnten sowas echt noch mal wiederholen."
"Du kannst mir ja ne Karte für dein nächstes Spiel schicken."
