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Charlie ließ sich schwer auf das kleine Sofa fallen. Was ein beschissener Scheißtag. Der neue Hornschwanz war völlig durchgedreht und auf eines der brütenden Weibchen losgegangen und er und Ramón hatten genau dazwischen gestanden. Und so sehr Charlie seinen Beruf liebte, um brütende Weibchen machte er normalerweise lieber einen großen, großen Bogen. Und Ramón und sein Bein einzelnd zu den Sanitätern zu bringen war auch kein Spaß gewesen.

Er lehnte den Kopf zurück und schloss die Augen, nur um sie erschrocken wieder aufzureißen, als etwas neben seinem Ohr einen schrillen Ton von sich gab. Eine hübsche Schleiereule saß auf der Rückenlehne und bedachte ihn mit einem verächtlichen Blick, als sie ihm den Fuß mit dem Brief entgegenstreckte.

"Dich kenn ich ja gar nicht. Warte, ich hab irgendwo noch eine Maus."

Tatsächlich fand er die Maus, die er erst vor ein paar Tagen im Keller gefangen hatte, im Kühlschrank. Während die Eule sich darüber hermachte, öffnete er den Umschlag, der in einer krakeligen und ihm unbekannten Männerschrift an ihn addressiert war.

In ihm befanden sich ein Ticket für Puddlemere United gegen die Wigtown Wanderers nächste Woche und ein zusammengefalteter Zettel.

Hallo Charlie,

Im Pub von Puddlemere gibt es hervorragende Burger.

Bis dann,

Oliver

Die Karte heftete Charlie an die Pinnwand in der Küche, bevor er seine Antwort schrieb, die ebenso lang und aussagekräftig ausfiel: Ich steh auf Burger.

Mit der Frage, ob das jetzt wohl ein Date war, hielt er sich deutlich länger auf.

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In der letzten Woche hatte Charlie mehr als genug Zeit gehabt, nachzudenken und er war zu einigen höchst interessanten Schlüssen gekommen.

Er hatte schon immer auf Quidditch-Spieler gestanden. Und dabei war es ihm schon früh ziemlich egal gewesen, ob sie männlich oder weiblich waren, so lange sie Uniformen trugen und fliegen konnten. Am Boden waren die meisten Menschen weitaus uninteressanter gewesen. Oliver Wood hingegen hatte auch in Jeans und Pullover ein viel zu breites und irgendwie schwindelerregendes Lächeln. Charlies letzte, grandios gescheiterte Versuche von Dates oder umkompliziertem Sex waren zwar mit Frauen gewesen, aber... Er hatte durchaus schon früher Theorien entwickelt, warum diese Aktionen einfach immer in einem Desaster endeten. - Er stand also auf Oliver Wood. Es war wirklich traurig, wie wenig ihn das überraschte.

Also stand er jetzt neben dem Stadionausgang, die Hände in den Hosentaschen vergraben und wartete auf sein Nicht-Date. Nicht die schlechteste Beschäftigung für einen Samstagabend.

"Charlie, du bist tatsächlich gekommen." Wood klang wirklich ein bisschen überrascht.

"Du hast mir Burger versprochen."

"Mich beschleicht das Gefühl, dass du zu viel Zeit mit Drachen verbringst, wenn man dich mit fettigem Essen durch ganz Europa locken kann."

Charlie zuckte mit den Achseln. "In rumänischen Wäldern ist auch sonst nicht viel los."

Wood griff nach seinen Händen. "Wir apparieren, der Weg runter ins Dorf ist echt weit." Er schenkte ihm ein strahlendes Lächeln und Charlie war sich wirklich nicht sicher, ob dieses Lächeln oder das Apparieren für das flaue Gefühl in seinem Magen verantwortlich war.

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"Ich soll dich übrigens von meiner Mutter grüßen und dir ausrichten, dass du mich öfter zu Spielen einladen sollst."

"Du hast deine Mutter besucht?"

"Na ja, wo ich schon mal in England war, dachte ich, es wäre höflich mal 'Hallo' zu sagen. Also bin ich schon gestern abend los und ich muss sagen, ihr Gesichtsausdruck, als sie mir die Tür aufgemacht hat, war unbezahlbar."

"Und, wie geht's ihr? Und deinen Geschwistern?"

Charlie grinste ihn über sein Cola-Glas hinweg an. "Gut ist die Kurzfassung."

"Na, mehr kann man nicht erwarten."

"Und deine Familie? Wie geht's Fiona?"

Es war beinahe schon faszinierend, wie schnell sich Woods Miene verdunkeln konnte. "Keine Ahnung."

Eigentlich war Charlie klar, dass er jetzt das Thema wechseln sollte, aber irgendetwas, vielleicht sein Mangel an Taktgefühl oder auch seine neu entdeckten Ambitionen, den Rest seines Lebens oder wenigstens einige nette Abende mit Oliver Wood zu verbringen, sorgten dafür, dass er tatsächlich "Wie, keine Ahnung?" fragte.

"Keine Ahnung halt, okay? Ich hab ewig nicht mit ihnen geredet."

"Und warum?"

"Ich wüsste nicht, was dich das angeht." Woods Stimme war gefährlich leise geworden. Dem Kellner, der sie nach ihren Wünschen fragen wollte, warf er einen vernichtenden Blick zu. "Das geht dich überhaupt nichts an."

"Aber es interessiert mich."

Wood erhob sich und griff nach dem Mantel, den er über die Stuhllehne gehängt hatte. "Und du kannst mich mal." Und damit verließ er das Pub.

Charlie war gut darin, Unterhaltungen zu versauen, das wusste er. Wahrscheinlich lag das daran, dass er für gewöhnlich nur mit seinen Brüdern oder irgendwelchen Tieren kommunizerte. Aber das hier war selbst für seine Verhältnisse rekordverdächtig beschissen gelaufen.

Er stützte sein Kinn auf die Hände und starrte aus dem Fenster in die Nacht von Puddlemere.

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"Charlie?"

Er schlug die Augen auf und bevor ihm einfiel, wo zur Hölle er war und wo verdammt Bill aufeinmal herkam, überfielen ihn hämmernde Kopfschmerzen.

"Gott, mir ist schlecht."

"So besoffen, wie du gestern abend warst, wundert mich das kein bisschen."

Vorsichtig versucht Charlie sich aufzurichten und stellte dabei fest, dass er auf einem Sofa lag, das verdächtig nach dem in Shell Cottage aussah. "Was mache ich hier?"

"Du bist gestern nacht sturzbesoffen durch die Tür gefallen und hast mir mitgeteilt, dass du ein Arschloch bist. Dann bist du auf dem Sofa eingeschlafen, bevor Fleur den Kaffee fertig gekocht hatte."

"Oh Merlin..." So langsam fügten sich Charlies Erinnerungen zu einem vollständigen Bild zusammen. Nachdem Wood verschwunden war, hatte er sich betrunken. Es war naheliegend gewesen. "Warum habt ihr mir nie beigebracht, wann man die Klappe halten muss?"

Bill ließ sich vorsichtig neben ihm auf dem Sofa nieder. "Was hast du angestellt, Brüderchen?"

"Ich habe es geschafft, ein Nicht-Date zu versauen. Und mich in das Nicht-Date zu verlieben." Charlie hatte wirklich keine Ahnung, woher das letzte Wort kam, aber wahrscheinlich stimmte es. Nicht, dass es irgendwo einen Unterschied gemacht hätte. "Mich zu betrinken erschien da angemessen. Außerdem saß ich grade in einem Pub."

"Wie sehr hast du es versaut?"

"Wie schlimm ist es, beim zweiten Nicht-Date tief in familiären Angelegenheiten rumzubohren, bis man auf einmal alleine da sitzt?"

Kopfschüttelnd legte Bill einen Arm um seine Schultern. Das war wahrscheinlich Antwort genug.

"Es ist nicht so, als hätte ich vorher mehr Chancen gehabt..."

"Wieso das?"

"Das hat was mit meinen Geschlechtsteilen zu tun... Aber die Nicht-Dates hätten echt ne tolle Tradition werden können."

Bill ließ seine Schulter los um ihm durch's Haar zu wuscheln und grinste nur, als Charlie protestierte. "Ich hab Jahre darauf gewartet, so ein Gespräch mit dir zu führen."

"Ich bin immer droh, dich unterhalten zu können."

"Dafür biete ich dir eine heiße Dusche, Kaffee und frische Croissants an."

"Du bist der beste Bruder aller Zeiten, weißt du das?"

"Ja. Geh duschen."