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"Fiona Wood?" Hermine hob fragend eine Augenbraue und Charlie probierte sich an seinem gewinnensten Lächeln.

"Bitte, du bist die einzige, die das für mich rauskriegen kann."

"Es ist nicht unbedingt legal, einfach die persönlichen Daten von anderen Leuten zu durchsuchen..."

Gut, vielleicht war sein Lächeln nicht unbedingt überzeugend, aber bisher hatte er es auch noch nie gebraucht. "Aber du hast auch meine Personalakte gelesen."

"Du bist ja auch Familie."

Charlie biss sich auf die Unterlippe. "Das soll Fiona auch mal werden", murmelte er, während er überlegte, ob er wirklich in der Ministeriumsmensa vor Hermine Granger auf die Knie gehen sollte und ob das überhaupt helfen würde.

"Oh", sagte Hermine nur. "Wenn das so ist... Ich werd sehen, was sich machen lässt."

Ihr Lächeln war mitfühlend und eindeutig zu wissend, aber was zur Hölle, dann wusste Hermine eben bescheid. Wenn er damit an seine Informationen kam, war ihm das alles recht.

Vielleicht war es ein bescheuerter Plan, vielleicht war es auch nur unverschämt, zu versuchen, herauszufinden, wo Fiona steckte und was los war. Tatsächlich hatte Bill etwas ähnliches angedeutet und dass er mit seinem 'Nicht-Date' reden und sich nicht noch weiter in seine persönlichen Angelegenheien einmischen sollte. Aber Charlie würde sich ja auch nie einem Peruanischen Viperzahn nähern, ohne sich vorher über Gegengifte zu informieren und sich einen guten Besen zu besorgen. Und der Vergleich hinkte wirklich nur ein bisschen.

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Charlie starrte die Wand an. Das... hatte er nicht erwartet.

Hermine hatte tatsächlich etwas herausgefunden und ihm einen Brief geschickt. Diesen hatte er inzwischen vier mal gelesen und konnte ihn auswendig. Und, ja, verdammt, mit sowas hatte er nicht gerechnet und er wusste beim besten Willen nicht, wie er darauf reagieren sollte. Er hatte gedacht, er würde eine Adresse bekommen und könnte Fiona eine Eule schicken.

Gut, eine Adresse hatte Hermine aufgetrieben. St. Mungo-Hospital für magische Krankheiten und Verletzungen, die Station für Fluchschäden und Zauberunfälle.

Und weil Hermine gründlich war, hatte sie auch herausgefunden, was mit Fiona passiert war. In der Schlacht um Hogwarts hatte sie ein Fluch beinahe in zwei Stücke gerissen und sie war unter Trümmern begraben worden. Man hatte sie erst bei den Aufräumarbeiten gefunden und sie sofort ins Krankenhaus gebracht. Und dort lag sie jetzt fast drei Jahre später noch immer und hatte bisher kein Wort gesagt oder auch nur eines ihrer Familienmitglieder wieder erkannt.

Charlie war schlecht bei dem Gedanken daran, dass sie gefeiert hatten, dass Wood gefeiert hatte, während seine Schwester in einem zusammengestürzten Flur gelegen hatte.

Hermine hatte noch eine Notiz angefügt, dass Mr. und Mrs. Wood praktisch jeden Tag am Bett ihrer Tochter saßen.

Verständlich, dass Oliver kein Interesse daran hatte, darüber zu reden, dass er weiter Quidditch spielte und versuchte, sein Leben zu leben.

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Die Montrose Magpies hatten einen triumphalen Sieg über Puddlemere United errungen. Keiner der Spieler, der das Stadion verließ, wirkte sonderlich gut gelaunt, aber das interessierte Charlie wirklich nur bedingt. Er bemerkte nicht einmal, dass Jamie O'Neill ihm freundlich zunickte, als er an ihm vorbeischlurfte. Er biss sich nur auf der Unterlippe herum und suchte nach den richtigen Worten.

Er hatte ungefähr hundert Szenarien durchgespielt und wieder verworfen, als Wood aus dem Tor trat. Als er Charlie sah, drehte er sich auf dem Absatz um, aber Charlie war nicht umsonst einer der besten Sucher Gryffindors gewesen. Blitzschnell packte er den Arm des anderen Mannes und zog ihn zu sich.

"Was willst du hier?", fauchte Wood und versuchte sich aus dem Griff loszuwinden.

"Mit dir reden."

"Ich wüsste nicht, warum wir miteinander reden sollten." Wood schob die freie Hand in die Hosentasche.

Charlie schenkte ihm ein schmales Grinsen. "Dafür fallen mir ein paar Gründe ein. Angefangen damit, dass ich offenbar verknallt in dich bin, bis hin zu der Frage, was verdammt noch mal mit dir los ist. Was soll der Scheiß?" Es war wahrscheinlich nicht sonderlich erwachsen, einen anderen Mann mitten auf einem Feld vor einem verdammten Quidditch-Stadion anzuschreien, aber die letzten paar Zuschauer, die auf dem Weg zu den Portschlüsseln waren, interessierten sich kein Stück für sie.

"Was?"

"Was denkst du dir dabei bloß?"

"Wobei?"

"Wie lange hast du Fiona jetzt nicht mehr besucht? Ein Jahr? Zwei?"

Mit einem Ruck schaffte Wood es jetzt doch, sich loszureißen, aber er nutzte die neugewonnene Freiheit nur dazu, Charlie am Kragen zu packen.

"Das geht dich einen Scheiß an!"

"Oh, und wie mich das was angeht! Du kannst sie sehen, wann immer du willst, sie ist da!"

"Ist sie nicht!"

"Doch ist sie. Fred ist nicht da. Fred ist weg, und ich werde ihn verdammt noch mal nie wiedersehen und ihm nie erzählen können, wie es mir geht, wie sehr ich ihn vermisse, dass es mich umbringt, George so zu sehen!"

"Das ist nicht dasselbe!"

"Doch, genau das ist es. Du bist ein selbstgerechtes Arschloch! Sie ist deine verschissene Schwester und du kannst sie besuchen und stattdessen ignorierst du sie! Ich würde Merlin weiß wen dafür töten, Fred noch einmal zu sehen!"

Etwas explodierte in seinem Gesicht und erst als sich der rote Schleier vor seinen Augen lichtete und er den pochenden Schmerz wahrnahm, wurde ihm klar, dass Wood ihn geschlagen hatte.

"Du bist hier selbstgerecht! Ich kann mich an Fred erinnern und ich erinnere mich an Fiona und ...das was da im Krankenhaus liegt, sieht bestenfalls aus wie sie. Aber das ist sie nicht. Fiona hat gelacht und konnte Stunden über die Magpies reden und... und... und... Und ich will, dass sie so bleibt. Ich will nicht irgendwann an meine Schwester denken und nur noch sehen, wie sie da im Bett liegt und ins Leere starrt."

Er stieß Charlie gegen die Wand, an der er während des Wartens gelehnt hatte, machte zwei weitausholende Schritte und disapparierte. Charlie starrte noch minutenlang auf die Stelle, an der er verschwunden war.

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Er war schon wieder betrunken und er stand schon wieder vor der Tür von Shell Cottage. Diesmal war es Fleur, die ihm die Tür öffnete. "Charlie, was 'ast du? Du bist furschtbar blass."

Er widerstand dem Drang sich seiner Schwägerin in die Arme zu werfen und eine Runde zu heulen. "Ist Bill da?"

"Natürlisch. Komm 'erein. Isch koch dir Kaffee."

Bill saß auf dem Sofa und las, hob aber sofort den Kopf als Charlie das Wohnzimmer betrat.

"Warum nur habe ich das Gefühl, dass du etwas unglaublich dummes angestellt hast?"

"Weil du mich so gut kennst?"

Kopfschüttelnd schlug Bill das Buch zu. "Willst du drüber reden?"

"Eigentlich hatte ich gehofft, du erzählst mir auch so, dass ich ein Idiot bin. Und lässt mich wieder auf eurem wunderbaren Sofa schlafen."

"Das lässt sich einrichten. Aber setz dich erst mal."

Das ließ sich Charlie nicht zweimal sagen und er brachte sogar ein dankbares Lächeln für Fleur auf, die ihm eine Kaffeetasse reichte, und dann ihrem Mann einen Kuss gab und sich entschuldigte.

"Du hast dich also wieder in anderer Leute Familienangelegenheiten eingemischt", stellte Bill fest.

"So kann man das sagen." Gänzlich gegen seinen Willen grinste Charlie. "Und es könnte sein, dass ich das noch mit ein bisschen persönlichem Drama angereichert habe. Lautstark."

"Was den schicken blauen Fleck erklärt."

Charlie betastete vorsichtig seine Wange, die inzwischen wirklich angeschwollen war.

"Oliver Wood also?"

"Was?"

Bill schüttelte den Kopf. "Ich bin nicht blöd. Und Mum wusste, dass du beim letzten Mal vorher bei einem Quidditch-Spiel warst. ...Und ich will mir wirklich kein Mädchen vorstellen, dass dir das Gesicht so demolieren kann."

Charlie nickte langsam. "Ich glaube, ich sollte entweder an meinem Taktgefühl oder an meinem Männergeschmack arbeiten."

"Das war's also?"

"Ich habe ihm gesagt, dass ich auf ihn stehe, und ihn dann ein selbstgerechtes Arschloch genannt. Nicht einmal ich würde jetzt noch mit mir reden wollen. Plus der nicht zu vernachlässigende Punkt, dass ich immer noch den falschen Satz Geschlechtsteile habe."

"Das sind, wie mein wunderbarer Bruder George sagen würde, Details. Winzige, nichtige Details, die dich an nichts hindern sollten."

"Ja. Und ich finde, George sollte sich schon mal auf die Suche nach einem Kleid für einen Norwegischen Stachelbuckel machen, denn ich werde mich die nächsten zwanzig, dreißig Jahre nicht mehr mit Menschen beschäftigen, schätze ich. Drachen haben viel weniger Probleme damit, angeschrien zu werden."