Der Garten eines Zaubertrankmeisters
Die frische Morgenluft fühlte sich großartig an. Severus Snape stand in der Küchentür und blickte über seinen blühenden Garten. Das war genau der richtige Ort für eine Tasse Frühstückstee. Sein Garten war bis zum kleinsten Krümelchen Erde geplant. Ein paar Beete mit niedrig wachsenden Zaubertrankzutaten wie Baldrian und Schafgabe erstreckten sich direkt vor dem Haus, während größere Arten wie Christophskraut in ausgedehnteren Feldern weiter hinten wuchsen. Das Ende seines Gartens fiel etwas ab, bevor er schließlich in das Unterholz der Gemeinde überging. Die Grenze markierten ein paar knorrige Bäume, deren Rinde perfekt zum Ernten geeignet war und die das Grundstück außerdem gegen dunkle Kreaturen schützen. Es war ein hartes Stück Arbeit gewesen, dieses ausgedörrte Fleckchen Erde in etwas zu verwandeln, wovon jeder Zaubertrankmeister träumte.
Am Himmel türmten sich bereits ein paar Schäfchenwolken auf und die kalte Brise, die vom Ozean heranwehte, hatte über Nacht zugenommen. Schon jetzt versprach es ein wunderbarer Tag zu werden. Zumindest für einen ausgedehnten Garteneinsatz. Auf der Suche nach Felix schritt er vorsichtig zwischen den Beeten mit gelber Arnika gesprenkelten Eisenhuts hindurch. Er mochte das kleine Kerlchen einfach, egal wie sehr er es auch vor Ben verbergen wollte. Es wäre nicht gut, zu weichherzig zu erscheinen, selbst für sein Ferienselbst. Obwohl er vermutete, dass Ben sehr viel aufmerksamer war, als er vorgab.
Ebenso wäre es nicht gut, wenn Ben einen Blick auf seine magischeren Pflanzen erhaschte, die bewusst in den abgeschirmteren Ecken des Gartens platziert worden waren. Severus musste unbedingt daran denken, die Muggle-Abwehrzauber zu erneuern.
Seine Tasse war leer und so hielt ihn nichts mehr zurück. Er legte gleich los und wandte ein paar clevere Verschleierungszauber an, die jede magische Person mit einem Augenblinzeln durchschaut hätte. Den ganzen Tag arbeitete er und genoss es nach sechs Monaten eingepfercht im Schloss, draußen zu sein. Er beschnitt den Efeu, der die alten Bäume zu überwuchern drohte, harkte die Zutatenbeete und jätete Unkraut. Die Stunden schienen nur so zu verfliegen.
Jemand anderes hätte diese Arbeiten vielleicht mühsam gefunden, aber für Severus bedeuteten sie absoluten Frieden. Seine Gedanken sanken nach und nach auf den Grund seines Geistes und ließen diesen leer und ruhig zurück. Er arbeitete eifrig und ging nur nach drinnen, um sich ein schnelles Sandwich zu machen, das er hastig hinunter schlang.
Der Nachmittag kam und ging und plötzlich konnte Severus die Kirchenglocken hören, die der Wind über die Straße heranwehte. Stöhnend richtete er sich auf. Die letzte Gießkanne war leer und ein Haufen mit Pflanzenresten türmte sich in der Ecke. Sein Rücken tat höllisch weh. Morgen würde er mit dem Kompost anfangen müssen. Seine Wirbelsäule knackte. Na gut, vielleicht nicht gleich morgen. Auf einmal spitzte er die Ohren. Hinter der Gartenmauer war ein Rascheln zu hören.
„Felix. Felix!" rief eine Stimme, die ab und an mit dem einsetzenden Stimmbruch brach, noch nicht vollständig an ihre neue Tiefe gewöhnt.
Ein Kopf tauchte über den Backsteinen auf. Langsam zog sich jemand die Mauer hoch, um besser sehen zu können. Der Kopf drehte sich nach links und rechts, bevor er schließlich Severus erblickte, der schweißnass und mit dunklen Erdflecken an den Knien da stand, das Flanellhemd zerknittert über der Hose hängend.
„Oh, hallo, Sir", sagte Ben ein bisschen verwundert.
„Und Ihnen auch einen guten Abend, Mr. Anderson."
Bens Mine verfinsterte sich.
„Urgh, das ist ja noch schlimmer als Benjamin."
Severus schmunzelte.
„Ist es?"
Aber Ben rollte nur die Augen, zog sich die letzten Zentimeter hoch und sprang geschickt in Severus# Garten.
„Vorsicht! Du zertrampelst mir noch meinen Thymian!" ermahnte Severus ihn.
Verdutzt schaute Ben sich um.
„Ich kann keinen Thymian sehen, Sir."
„Es ist ja wohl kaum meine Schuld, wenn dein Augenlicht dermaßen zu wünschen übrig lässt."
Ben lächelte nur. Er wusste, dass es bloß ein Ablenkungsmanöver war, um nicht zu zeigen, wie sehr Severus seine spontanen Besuche mochte.
„Ich hab versucht, ein paar Tomaten und Gurken aus Samen zu ziehen. Aber es geht nicht so gut. Ich weiß nicht, vielleicht zu viel Schatten? Oder Wasser…?
„Ich gebe dir was dafür", sagte Severus, während er sich über eine merkwürdig zitternde Pflanze beugte und so Bens Sicht darauf versperrte.
„Danke."
„Der Boden ist nicht gut hier. Wegen des nahen Meeres", fuhr der Professor geistesabwesend fort. „Während der Eiszeit haben die Gletscher viel Gestein und Sediment vor sich hergeschoben und als das Eis schmolz, bildete sich hier der Sander. Man muss den Boden erst mit Nährstoffen anreichern. Die Keimlinge brauchen noch keine spezielle Erde. Es ist sogar besser, wenn sie nicht so viele Nährstoffe bekommen. Aber wenn sie einmal gewachsen sind, brauchen Tomaten vor allem Kalium und Phosphor um ihre Frutifikation zu gewährleisten."
„Ähm, auf Englisch, bitte?" Ben lächelte. Er war die umfassenden Erklärungen des Professors gewöhnt.
„Gurken brauchen fast dieselben Nährstoffe, deshalb sollte man sie nicht zu nah bei den Tomaten pflanzen", sagte Severus, ohne dass er Ben gehört zu haben schien.
„Ach so."
Ben wusste, dass Mr. Snape seine Fähigkeiten als Lehrer nicht wirklich hoch einschätzte. Er beschwerte sich mindestens einmal jede Ferien über desinteressierte Schülerinnen und Schüler. Er beschuldigte sie, nicht genug für die Wissenschaft zu brennen und allein deswegen durchzufallen.
Aber Ben merkte, dass der Professor eigentlich sich selbst dafür verantwortlich machte. Er verstand es nicht wirklich. Schon oft war die ruhige und klare Stimme aus irgendeinem Winkel des Gartens geklungen und hatte ihm geduldig erklärt, was Ben mit seinem eigenen ehrgeizigen Gartenprojekt anders machen sollte.
„Haben Sie schon Abendbrot gegessen, Sir?"
Severus schob seine Hemdsärmel wieder herab und glättete sie.
„Nein, noch nicht."
„Also vielleicht könnten wir- ich meine, vielleicht…"
„Deine Mutter ist nicht zu Hause?"
Grinsend schüttelte Ben den Kopf.
„Wie wär's, wenn du deine Katze suchst und in einer halben Stunde zurückkommst?"
„Aye-aye, Sir", salutierte Ben lachend.
Als Ben nach ein paar Augenblicken immer noch nicht gegangen war, kniff Severus die Augen zusammen.
„Worauf wartest du noch?"
„Er ist immer noch Ihr Kater."
Und mit diesen Worten drehte er sich schnell um und sprang über die Mauer.
Nachdem er schnell geduscht hatte, was auch wirklich nötig gewesen war, setzte Severus sich mit einer Tasse Tee an den Küchentisch. Das warme Wasser hatte Wunder gewirkt und den Muskelkater beinahe weggespült. Sogar sein Rücken fühlte sich etwas besser an. Zufrieden nahm er ein paar erfrischende Schlucke aus seiner Tasse. Nichts konnte ihn so sehr zufriedenstellen wie Gartenarbeit; in der warmen Erde herumzuwühlen, die kleinen Sprösslinge zu versorgen, sicherzustellen, dass sie alles hatten, was sie zum Wachsen brauchten. Ihnen beim Gedeihen und Florieren zuzuschauen war vielleicht etwas, was die meisten Menschen nicht sehen konnten. Es war eine kleine und einfache Sache. Aber das waren meistens die besten, dachte Severus.
Seine Gedanken wurden jäh unterbrochen, als Ben mit einem riesigen Salatkopf unter einem und Felix auf dem anderen Arm zurückkam.
„Mit deinen Tomaten weiß ich ja nicht. Aber du solltest es auf jeden Fall mit dem Salat halten."
Ben grinste. Für Mr. Snape war das ein Kompliment.
„Wo soll ich den hintun?"
„Leg ihn in die Spüle. Ich wasche ihn vorher noch ab."
„Kann ich Felix füttern?"
Als ob er spürte, dass sie über ihn sprachen, wand sich Felix aus Bens Griff und sprang grazil auf den Boden, wo er mit großen gelben Augen zu ihnen herauf maunzte.
„Ja, es ist immer noch im Küchenschrank."
Während er den Schrank nach dem Katzenfutter durchforstete, entdeckte Ben seine Lieblings-Ingwerplätzchen und musste noch ein bisschen mehr grinsen. Er wusste, dass der Professor die Kekse wegen ihres intensiven Geschmacks nicht mochte, aber aus irgendeinem Grund trotzdem immer wieder kaufte.
„Kann ich die haben?"
„Mmh, was?" Severus schaute von seinem Brettchen auf, wo er gerade einige Möhren in präzise kleine Würfel schnitt. Ben hatte sich immer gefragt, wie der Professor gelernt hatte, so mit einem Messer umzugehen. Der Haushaltsunterricht, den die Schule ihnen verordnet hatte, hatte jedenfalls nichts dazu beigetragen, dass er besser darin gewesen wäre. Obwohl er immer noch einen ganz ordentlichen Schokoladenkuchen backen konnte. Zufälligerweise vermutete Ben, dass es der Favorit des Professors war, auch wenn er es zu verbergen versuchte.
Er wedelte mit der Packung in der Luft umher.
„Ah, die", Severus versetzte der Packung einen Seitenblick, „Lass uns zuerst Abendbrot essen."
Nach einem perfekt mit einigen Kräutern aus Severus' Vorgarten abgeschmeckten Salat und einer großzügigen Portion Ingwerkekse für Ben, begleitete der Professor ihn zur Tür. Auf der Stufe trat Ben unbehaglich von einem Fuß auf den anderen.
„Gibt es einen Grund, warum du immer noch auf meiner Türschwelle herumlungerst, als ob du es vermeiden wolltest, nach Hause zu gehen?" fragte Severus und Yup! da waren auch die Augenbrauen wieder.
Ben zuckte mit den Schultern aber schließlich sagte er: „Greg ist zu Besuch."
„Der Berüchtigte?"
„Berüchtigt?"
„Ben, ich habe keine Ahnung, wer dieser Greg sein soll."
„Mums neuer Freund."
„Freund wie in fester Freund?"
„Mmh", machte Ben.
Severus seufzte.
„Na gut, komm rein. Ich glaube, Star Trek läuft heute Abend."
„Haben Sie noch Ingerkekse, Sir?" fragte Ben verlegen.
„Schauen wir mal, was sich da machen lässt."
Notiz: Hier noch ein ruhiges Kapitel, bevor die Geschichte in den nächsten Kapiteln etwas Fahrt aufnehmen wird. Habt ihr gemerkt, dass Ben Severus angelogen hat, ohne erwischt zu werden?
Die Pflanzen in Severus Garten sind alle auch in der Mugglewelt bekannt. Die meisten davon sind giftig, aber die magische Welt kann sie natürlich für ganz andere Dinge verwenden.
