Sommergewitter
Die Woche war dahingekrochen wie eine Schnecke gebeutelt durch ein besonders großes Kringelhaus. Träge schälte sich Harry aus dem Chaos an Laken heraus. Über die letzten paar Tage war das Wetter beständig schlechter geworden und ein Sturm hatte sich durch drückende Hitze und knisternde Luft angekündigt.
Bis Freitag hatte Harry bereits dreimal Prügel von seinem Onkel bezogen, jedes Mal für absurdere Gründe. Die erste hatte er am Montag kassiert, weil Harry vergessen hatte, den Gartenschlauch aufzurollen. Nun ja, er hatte nicht wirklich vergessen ihn aufzurollen, es war nur nicht ordentlich genug für seine Tante gewesen, die keine Skrupel hatte, ihn direkt bei ihrem Ehemann zu verpetzen, als dieser nach Hause kam. Die zweite Abreibung am Dienstag folgte auf dem Fuß und dieses Mal hatte Harry nicht den leisesten Schimmer, was er falsch gemacht haben könnte.
Es spielte ohnehin keine Rolle. Stoisch ertrug er die Wut seines Onkels, die Zähne aufeinandergepresst, um ihm nicht die kleinste Genugtuung zu geben, ein Geräusch machen. Auch wenn seine verbissene Stille den Mann nur noch mehr zur Weißglut zu bringen schien. Mittwoch war ein guter Tag gewesen, jedenfalls wenn man Harry fragte. Nichts war vorgefallen, er hatte all seine Hausarbeiten pünktlich erledigt und hatte sogar ein wenig Abendbrot bekommen, nachdem seine Verwandten gegessen und er die Küche aufgeräumt hatte. Sein Glück war allerdings nur von kurzer Dauer.
Denn am Donnerstag konnte man den jungen Zauberer dabei beobachten, wie er abermals windelweich geprügelt wurde. Und so hatte er schnell gelernt, dass es keine besonders gute Idee war, seinem Cousin beim Fernsehen Schauen in die Quere zu kommen. Auch wenn es das Abstauben des Wohnzimmers unmöglich machte. Es hätte also sowieso keinen Unterschied gemacht, dachte Harry. Wenn nicht sein Cousin, so hätte doch die Empörung seiner Tante darüber, dass er ihre Porzellanteller nicht ordentlich genug entstaubt hatte, ausgereicht.
Er war es so leid. Er konnte seine Fehler zugeben, wie z.B. den Schlauch nicht ordentlich genug zusammengerollt zu haben. Aber das hier ging zu weit. In all den anderen Sommern hatten seine Verwandten nie diese Art von Kreativität gezeigt, wenn es darum ging, falsche Missetaten zu erfinden, für die er bestraft werden musste. Rückblickend fühlte es sich fast so an, als hätte sich das alles nur für den Tag angestaut, an dem der Damm endlich brechen würde.
Der Freitagmorgen zog mit einem Grollen in der Ferne herauf. Harry machte sich auf den Weg die Treppen hinunter, um Frühstück zu machen. Seinen Berechnungen nach hatte er nur noch 50 Pfannenkuchenteige zu machen. Das war gar nicht so schlecht. 50 waren nur zweimal 25. Das konnte er schaffen. Der Kalender, den er bei seiner Rückkehr in den Ligusterweg immer zeichnete, zeigte, dass ein gutes Drittel dieser abscheulichen Angelegenheit namens Sommer bereits geschafft war.
Keine weitere Zeit für Mathe in seinem Kopf, begann Harry Kaffee zu kochen. Gerade so schaffte er es, die Tasse für seinen Onkel randvoll zu gießen und das heiße Getränk in der einen und einen Teller voller Rührei und Würstchen in der anderen Hand balancierend langsam ins Wohnzimmer zu gehen. Vielleicht hätte an einem anderen Morgen einfach alles geklappt. Vielleicht hätte an einem anderen Tag nichts die perfekte Routine unterbrochen.
Hochkonzentriert, den Kaffee unverschüttet und pünktlich ins Wohnzimmer zu bringen, stolperte Harry. Wie sein Glück es wollte, kam Onkel Vernon just in diesem Moment zur Tür herein und war daher in ausgezeichneter Schusslinie für den Kaffee und das Essen, die sich über sein frisch von Harry gebügeltes Hemd ergossen.
Laut über die heiße Flüssigkeit fluchend, die ihn verbrühte, riss er das Hemd so heftig auf, dass ein paar der Knöpfe in alle Richtungen davonstoben. Er drehte sich mit einem manischen Feuer in den Augen zu seinem Neffen um, sein Gesicht erreichte gerade die Farbe einer reifen Tomate.
Zunächst brachte er kein Wort heraus, so sehr schnaufte er. Offensichtlich hatte er selbst noch nicht ganz begriffen, was gerade passiert war. Harry blieb stocksteif in dem Chaos von Essensresten und zerbrochenen Geschirr stehen. Die Härchen auf seinen Armen standen wie elektrisiert von seiner Haut ab.
„Jetzt bist du zu weit gegangen, Bursche!"
„Aber- es war ein Versehen!"
Dumm Harry! Richtig dumm!
Seit frühster Kindheit hatte man ihm eingebläut, seinen Verwandten nicht zu widersprechen. Warum musste er gerade jetzt damit anfangen?
„Vielleicht komme ich zu spät zu Arbeit, aber du wirst es jetzt endlich lernen!"
Harry schluckte schwer.
„Worauf wartest du, Junge! Über den Tisch mit dir!"
Harry stand wie angewurzelt da. Bitte nicht schon wieder. Nicht so kurz nach den anderen.
„Muss ich alles zweimal sagen?"
„Nein, Sir."
Schnell ging er hinüber zum Tisch. Anscheinend war es seinem Onkel aber nicht schnell genug, denn plötzlich packte er Harrys Kragen und zwang ihn heftig hinunter auf den Küchentisch. Harrys Wange stieß schmerzhaft mit dem harten Holz zusammen und seine Brille, die nie die robusteste gewesen war, verbog sich. Eine Sekunde später hörte er das grausam gewohnte Zischen des Leders, das durch die Schlaufen gezogen wurde.
„Aaah!"
Als der Gürtel auf seinem bereits geschundenen Rücken landete, konnte er den Schrei nicht unterdrücken.
„Ruhe!", donnerte Onkel Vernon, „Wir wollen doch deine Tante nicht aufwecken, oder?"
„Gnnhhh", in einem verzweifelten Versuch, sich in seinen ruhigen Geisteszustand zu versetzen, in den er sich während der meisten Bestrafungen zurückzog, kniff Harry die Augen zusammen. Heute schien ihm dies allerdings nicht möglich zu sein.
Als sein Rücken den Schlägen nicht mehr Stand halten konnte und einige der Striemen der letzten Woche aufbrachen, ließ er einen neuerlichen schmerzerfüllten Schrei los, für den er sicher doppelt und dreifach bestraft werden würde.
„Dad?" erklang eine leise Stimme hinter ihnen. Die Schläge hörten auf.
„Dudley, zurück nach oben!"
Harry drehte vorsichtig den Kopf herum und seine Augen fanden seinen Cousin, der im Schlafanzug in die Küche geschlurft kam.
„Was machst du?" fragte er schläfrig.
„Nur eine kleine Lektion erteilen. Geh wieder ins Bett, Dudley."
„Aber ich hab Hunger, Dad."
Das schien den Wind aus Onkel Vernons zorngefüllten Segeln zu nehmen. Als ob er sich erinnerte, dass er ja zur Arbeit musste, sackte er etwas in sich zusammen und ließ den Gürtel auf die Fliesen gleiten.
„Bursche! Räum diese Schweinerei auf und mach deinem Cousin was zu essen!"
Harry versuchte, die Kraft aufzubringen, um sich vom Tisch hochzurappeln, aber seine Beine gaben immer wieder unter ihm nach.
„Sofort!"
Verzweifelt startete er einen neuen Versuch. Onkel Vernon war in Sekundenschnelle an seiner Seite.
„Muss ich alles selber machen, du nichtsnutziger Bengel!"
Er hievte Harry am Kragen hoch. Dieser blieb einfach nur einige Momente benommen stehen. Sein Onkel packte ihn erneut am T-Shirt und zog ihn nah zu sich heran. Harry konnte jedes zitternde Haar seines gewaltigen Schnauzbartes sehen.
„Wenn ich auch nur eine Beschwerde höre- nur eine Bursche! Dann kannst du was erleben! Verglichen damit, wird das hier wie ein Strandspaziergang aussehen, das schwöre ich dir!"
Sicherheitshalber schüttelte er Harry ein paar Mal.
„Verstanden?"
„J-j-jaa."
Klatsch.
„Ja, Sir."
Das erste Anzeichen, dass etwas nicht stimmte war natürlich die Haustür. Abermals ertönte das schwache Klopfen. Da er noch nicht ins Bett gegangen war, rappelte sich Severus von seiner Couch hoch. Wer konnte es sein? Vielleicht brauchte irgendein Nachbar seine Hilfe, überlegte er. Nein, unwahrscheinlich. Sehr unwahrscheinlich. Er war zwar kein schlechter Nachbar, war immer höflich und hatte der alten Mrs. Marble sogar ein paar Male dabei geholfen, ihre Einkäufe nach Hause zu tragen. Selbstverständlich ohne auf ihre beharrlichen Versuche einzugehen, ihn in ein Gespräch zu verwickeln. Einmal hatte eine Familie die ganze Nachbarschaft zum Grillen eingeladen und für einen kurzen Moment hatte Severus sogar überlegt hinzugehen. Bevor ihm wieder klar wurde, dass er absolut nichts mit diesen Menschen gemeinsam hatte.
Nein, er hatte jeden Annäherungsversuch seiner Nachbarn freundlich aber bestimmt abgelehnt und sie wussten es besser, als zu ihm zu kommen.
Alle bis auf einen.
Der einzige, der ihn besuchte, war Ben, der selten durch die Haustür kam. Für gewöhnlich sprang er einfach über die Gartenmauer und zerquetschte dabei ein paar arme kleine Pflanzen. Obgleich Severus zugeben musste, dass Ben nie so unvorsichtig war. Er zertrampelte nie den Thymian, was auch immer Severus sagen mochte.
Das Klopfen hatte aufgehört und ein dumpfes Geräusch hallte durch den Flur, gerade so als ob sich jemand gleichzeitig gegen die Tür lehnen und an dieser herunterrutschen würde. Severus beschleunigte seine Schritte. Mit einem unguten Gefühl im Magen öffnete er die Tür und wurde augenblicklich von einem Haufen schlaksigen Teenager begrüßt, der zu seinen Füßen zusammenbrach.
Sofort war Severus in Alarmbereitschaft.
„Ben? Was ist passiert!"
Er kniete sich hin und rüttelte Ben sanft an der Schulter.
„Ben? Ben!"
„Uuuhhh…"
„Ben, sag doch was!" selbst in seinen eigenen Ohren hörte sich Severus' Stimme unnatürlich laut an.
Du wolltest dich nicht auf die Nachbarn einlassen und schau, was du jetzt davon hast! sagte eine unbarmherzige kleine Stimme in seinem Kopf.
„Schhh!" machte Severus, um sie ruhigzustellen.
„Sss-sir? Sind sie da?"
„Ben?"
„Jaaa"
„Ja, ich bin es, Professor Snape."
„Pr-fff-ssr?"
„Ja, ich bin hier. Was ist los? Rede mit mir!"
Ben versuchte sich aufzusetzen. Schnell griff Severus ihm unter die Arme, um ihn zu stabilisieren.
„Vorsicht! Ganz langsam! Bringen wir dich erstmal zum Sofa."
„Es war- war- alles meine Schuld", keuchte Ben nach Luft ringend, während er vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzte. Es war nur Severus zu verdanken, dass er nicht auf der Stelle umfiel.
Sie schafften es ins Wohnzimmer, wo Ben sofort auf dem abgewetzten Sofa zusammenbrach. Severus hastete in die Küche, um einen feuchten Lappen und einen Beutel mit Eis für das eindrucksvolle Veilchen zu holen, das bereits auf Bens Nase aufblühte.
„Hier, nimm das", wies er Ben selbstsicherer an, als er sich gerade fühlte.
„Ddn-ke"
Severus schaute Ben eine Weile dabei zu, wie sich dieser gleichzeitig damit abmühte, den Eisbeutel hochzuhalten und das Blut, welches immer noch fröhlich aus seiner Nase schoss, wegzuwischen. Schließlich konnte er es nicht länger mit ansehen und zerrte Ben den Lappen aus der Hand. Der blutende Junge wehrte sich mit einer Kraft gegen ihn, die Severus ihm unter diesen Umständen nicht zugetraut hätte.
„Um Merli- um Himmels willen! Gib schon her!"
Ungeduldig griff Severus nach dem Lappen und begann, Bens Kinn und Mund vorsichtig damit abzuwischen.
„Nein, ich k-k-n das sel-st", presste Ben zwischen dem Blut hervor. Severus zog scharf die Luft ein.
„Ganz offensichtlich bist du nicht in der Verfassung dazu, das kann ich dir versichern."
Ben wurde stocksteif, erlaubte Severus aber, ihm zu helfen.
Als der Blutstrom einigermaßen gestillt war, starrten sie einander an. Severus schaute als erster weg, um dieser Situation zu entkommen. Verlegen räusperte er sich.
In der Schule musste er sich nie mit solchen Fällen herumschlagen. Nicht einmal mit dem weit weniger gefährlichen Heimweh der Erstklässler. Obwohl diese doch schon eine ganz andere Liga waren. Seine Slytherins wussten, dass er nicht ihr Ansprechpartner in solchen Angelegenheiten war und suchten immer anderswo Trost und alle anderen Schülerinnen und Schüler, nun ja. Er musste sich sicherlich keine Sorgen machen, dass sie ihn außerhalb des Unterrichts oder Nachsitzens über den Weg liefen.
Jetzt jedoch saß da ein Junge auf seinem Sofa, der aussah, als hätte er einen Liter Blut und einen Kampf mit einem Weltklasse-Preisboxer verloren.
„Ich mache Tee", beschloss Severus, um wieder einigermaßen Kontrolle über die Situation zu gewinnen.
Auf dem Weg in die Küche richtete er verstohlen seinen Zauberstab auf Ben und führte einen Diagnosezauber aus. Als dieser keine Gehirnerschütterung oder gebrochene Knochen anzeigte, atmete er erleichtert aus. In der Küche angekommen mischte er schnell etwas Aufpäppeltrank in die Tasse.
Früher hatte er einmal eine Muggleversion dieses vielseitig einsetzbaren Trankes für die Mutter einer Freundin brauen wollen. Aber sein Projekt war nie fertig geworden. Nachdem er jedoch die Todesser verlassen und dadurch viel Zeit gehabt hatte, um verräterisch umherwandernden Gedanken zu entfliehen, war er auf dieses Projekt zurückgekommen.
Nicht umsonst hatte es sein Interesse ein zweites Mal geweckt. Normalerweise arbeiteten Zaubertränke mit der Magie der Hexe oder des Zauberers zusammen und wirkten wie eine Art Schnellstarter, damit die eigene Magie einen schneller heilen konnte. Für Muggle war das natürlich nicht möglich. Nicht umsonst war Severus Snape jedoch der jüngste Zaubertrankmeister im letzten Jahrhundert. Nach einem guten halben Jahr Forschung hatte er eine Formel gefunden, die die Eigenschaften einiger Hausmittel kombinierte, die auch in der Mugglewelt bekannt waren. Der Kessel fing an zu pfeifen.
Als er ins Wohnzimmer zurückkehrte, reichte er Ben vorsichtig die Tasse und setzte sich in den Sessel dem Sofa gegenüber. Ben nippte langsam an dem warmen Gebräu, schien aber nicht wirklich munterer zu werden. Die Blässe wich nicht aus seinem Gesicht und seine Hände, die die Tasse umklammerten, zitterten leicht.
„Was ist passiert?" fragte Severus erneut.
„Hab'n Baseball abbekommen, hier", er zeigte auf sein geschwollenes Auge.
„Im Ernst Ben, was ist passiert."
„Greg ist passiert."
„Greg? Ich dachte, deine Mutter ist nicht zu Hause?"
„Ist sie auch nicht. Nicht wirklich", brach er ab.
Severus war nicht dumm. Er hatte ein paar Vermutungen, was in diesem Haus vorging und konnte sich den Rest zusammenreimen.
"Bin müde. Kann ich hier schlafen?" fragte Ben heftig blinzelnd.
Unter normalen Umständen hätte Severus diese Art von Nähe nie zugelassen. Aber das hier war nicht normal, oder? Er fühlte sich unangenehm an all die Male erinnert, in denen er sich selbst einen sicheren Platz gewünscht hatte, an dem er die Nacht verbringen konnte. Wenigstens konnte er ihn jetzt anbieten.
Er holte ein paar Laken und Bettwäsche und machte sich daran, sie um den rasch einschlafenden Teenager zu wickeln. Hätte der Diagnosezauber nicht bestätigt, dass Ben keine Gehirnerschütterung hatte, hätte Severus sich weitaus mehr Sorgen gemacht.
Er half Ben sich hinzulegen. Nachdem er ihm die Decke behutsam über die Schultern gezogen hatte und der Junge offenbar in den Schlaf abtrieb, wandte Severus sich um, um nach oben zu gehen. Eine leise Stimme vom Sofa her hielt ihn zurück.
„Nein, bitte. Bleiben Sie hier."
Er schluckte, um den Knoten loszuwerden, der sich gerade in seiner Kehle gebildet zu haben schien.
„Du- du möchtest, dass ich hier bleibe?"
„Ja. Bitte, Sir, nur bis ich eingeschlafen bin."
Verdammte Hufflepuffs!
Langsam näherte sich Severus dem Sofa. Er begriff nicht, warum er sich in seinem eigenen Wohnzimmer so unsicher fühlte.
Die dunkle Stille legte sich schwer auf die beiden.
„Sir, danke, es ist-„
„- wirklich kein Problem, Benjamin", er hustete etwas.
„Ben", kam die leise Stimme.
„Ben."
Für einen Moment war es ruhig.
„Severus."
„Was?"
„Das ist mein Vorname."
„Severus?"
„Genau. Das bin ich – Severus."
Notiz: Hoffentlich hat es euch gefallen. Kommentare und Reviews immer willkommen! Was wird Harry unternehmen und was ist mit Ben passiert? Findet es hoffentlich morgen heraus, wenn ich heute noch Zeit habe, das neue Kapitel zu übersetzen und habt noch eine schöne Woche!
