Blitz und Donner

Freitag war die Hölle gewesen. Irgendwie hatte Harry es geschafft, sich durch seine täglichen Aufgaben zu quälen, hatte aber nicht ignorieren können, dass immer wieder etwas Nasses seinen Rücken hinunter geronnen war. Selbst mit den Techniken aus Hermines Meditationsbuch hatte er es nicht geschafft, die sich stetig verschlimmernden Schmerzen weg zu atmen. Jedes Mal wenn er sich zu schnell bewegte, zuckten die Striemen und er keuchte ob des sich immer weiter ausbreitenden Brennens auf seinem Rücken.

Es war zu viel. Er hatte zu viel erlebt, zu viel gefühlt. Die physischen Schmerzen hatten den emotionalen zu guter Letzt doch noch eingeholt. Er fühlte, dass eine Entscheidung anstand. Er konnte das kleine Fünkchen spüren, das anschwoll, bis seine Brust es nicht mehr im Zaum halten konnte. In seinem Bauch schien ein ganzer Bienenschwarm wie wild herumzuschwirren, sich immer wieder im Kreis drehend, nicht fähig einen Ausweg zu finden. Das beflügelte seine Ruhelosigkeit nur noch. Das Summen breitete sich auf all seine Gliedmaßen aus, die mit der Anspannung zuckten, sich endlich zu bewegen.

All die vergangenen Wochen schienen von ihm abzufallen. Die ganze verfluchte Routine, die schrecklichen Loops, das fürchterliche Gefühl seiner selbst erzwungenen Gleichgültigkeit. Alles was ihm blieb, war dieses leicht atemlose Gefühl bei dem Gedanken, der sich tief und fest in sein Gehirn zu bohren schien. Er konnte so nicht weiter machen. Er musste weg von hier.

Als Onkel Vernon an diesem Abend nach Hause gekommen war, hatte er nur darauf gewartet, dass Harry auch nur das kleinste Missgeschick unterlief. Harry selbst war natürlich wild entschlossen, seinem Onkel keine neuerliche Gelegenheit zu geben, ihn zu verdreschen. Aber alle Bemühungen waren vergebens. Nach dem Abendessen hatte ihn Onkel Vernon hoch in sein Zimmer beordert.

„Warte da auf mich, Bursche!"
„Was? Aber ich-"
„Brauchst du eine Extraeinladung?"
Was war heute nur los mit ihm? Das war schon das zweite Mal in nicht ganz zwölf Stunden, dass er es gewagt hatte, seinem Onkel zu widersprechen.
„Nein, Sir. Entschuldigung."
„Entschuldigung was?"
„Entschuldigung, Sir. Ich gehe schon."
„Das will ich dir auch geraten haben!"
Harry floh schnell die Treppen hinauf.
„Und zieh schon mal dein T-Shirt aus!", drang Onkel Vernons Stimme aus dem Flur.

Harry stand wartend in seinem Zimmer. Er zitterte, obwohl die feuchtheiße Luft mit dem Versprechen eines formidables Gewitter aufgeladen war. Mit einem Mal dröhnten Schritte auf der Treppe. Langsam kamen sie näher. Harrys Zimmertür flog auf und die Klinke prallte mit einer Kraft von der Wand ab, dass der Putz bröckelte.

„Hände an die Wand!", befahl Onkel Vernon den Gürtel bereits um seine Faust gewickelt.
Aber Harry konnte ihm nicht gehorchen. Die Panik, die den ganzen Abend in ihm geblubbert hatte, hatte ihren Siedepunkt erreicht. Jetzt Harry! Du musst jetzt was machen!
„Du willst es dir heute schwer machen, was?", bellte Onkel Vernon, „Wie du willst, Freundchen!"
Sein Onkel packte sein T-Shirt und riss es ihm mit einem Ruck vom Leib. Dann packte er Harry mit eisernem Griff im Nacken und schob ihn schnurstracks zur leeren Wand gegenüber vom Bett.

„Und jetzt die Hände an die Wand!"

Harry versuchte seine Arme dazu zu bringen, sich über die Schultern zu heben, aber sie fielen einfach schlapp wieder herab. Es kostete ihn zu viel Anstrengung. Er hatte nicht mehr den Willen, um weiterzumachen. Er hatte aufgegeben. Nichts war mehr wichtig. Es interessiert eh niemanden.

„Du willst es nicht anders, Bursche!"

Onkel Vernon war in Sekundenschnelle an seiner Seite und warf ihn bäuchlings aufs Bett. Harry stieß schmerzhaft mit dem Kopf an den Pfosten. Eine Sekunde später sauste der Gürtel auf die blutigen Striemen auf seinen Rücken hinab.

„Aaah! Onkel Vernon, Stopp!"
„Kommandierst mich jetzt wohl herum?"
„Nein, bitte, hör auf! Es tut mir Leid!"
„Das wird es!"

Wieder und wieder peitschte der Gürtel herab aber in Harry hatte sich eine neue Entschlossenheit ausgebreitet. Mit letzter Kraft drehte er sich herum. Er schrie vor Schmerz auf, als sein Rücken die Matratze berührte. Harry wehrte den Gürtel ab, der erneut auf ihn herab zu sausen drohte und packte das verhasste Leder. Mit einem allmächtigen Ruck riss er es aus dem Griff seines Onkels.

„Gib den wieder her!"
„NEIN!"
„Gib ihn zurück, Bursche!"
„Ich habe nein gesagt!"
„Ich warne dich, noch einmal und ich werde-„
„Du wirst was? Mich weiter schlagen? Mir mehr Arbeit geben? Mich verhungern lassen?"
Harrys Stimme war mit diesen Worten immer weiter angeschwollen. Es war mehr als er in über einem Monat gesagt hatte.
„Du kannst mir keine Angst mehr machen! Ihr habt alles mit mir gemacht! Ich bin fertig mit euch!"

Onkel Vernon kam drohend auf ihn zu.
„Du bist fertig? Ich sage dir, wann du fertig bist! Zurück aufs Bett mit dir!" Mit einem zitternden Finger deutete er auf die Matratze, auf der kleine rote Flecken aufgetaucht waren.
„Nein", sagte Harry und fühlte auf einmal, wie eine unheimliche Ruhe ihn durchströmte.
„Na warte! Wenn ich mit dir fertig bin, wirst du nicht mal mehr laufen können, geschweige denn reden!"

Onkle Vernon packte ihn am Ohr und versuchte Harry dazu zu bringen, sich wieder über das Bett zu beugen, aber Harrys durchzuckte es wie ein Blitz. Es war, als ob in diesem Moment alle Fäden zusammenlaufen würden und er genau wusste, was zu tun war. Vielleicht waren es all diese Jahre, die sich nun endgültig zu etwas auftürmten, das er nicht mehr akzeptieren konnte. All die Prügel, all die vorenthaltenen Mahlzeiten, all die Tage, die er eingesperrt in seinem Schrank unter der Treppe oder Zimmer verbracht hatte, all die Schulpausen, in denen er vor Dudleys Peinigungen davongerannt war.

Als Onkel Vernon ihn mit einem Schraubstockgriff am Ohr übers Bett beugte, griff Harry blitzschnell nach seinem anderen Arm und vergrub seine Zähne darin. Gleichzeitig stampfte er mit all seiner Kraft auf den Fuß seines Onkels. Völlig verdattert durch diese plötzlichen Attacken ließ Onkel Vernon Harry los und hüpfte schreiend durch den Raum, während er sich beide Gliedmaßen rieb.

„Was zur Hölle, du Freak!"

Keine Zeit verlierend wich Harry zum Fenster zurück bereit für den letzten Sprung. Onkel Vernon war immer noch völlig groggy vom ersten Angriff. Perfekt. Er nahm Anlauf und erreichte seinen Onkel just in dem Augenblick, als er am schnellsten war. Mit voller Wucht rammte er ihn direkt in der Magengrube und mit einem glorreichen Tackling, das ihm im Rugby sicher Punkte eingebracht hätte, gingen sie beide zu Boden.

Aber Harry, der bei Weitem leichter und kleiner war, gewann die Oberhand und konnte sich aus dem wilden Chaos an Gliedmaßen auf seinem Zimmerboden befreien. Behände wie eine Katze sprang er auf die Füße und schaute das erste Mal in seinem Leben keuchend auf seinen Onkel herab.

Er spürte, wie sich der Drang in seinem Magen hochkochte, den dicken Mann zu treten, der ihn jahrelang schikaniert hatte. Jahrelang dafür gesorgt hatte, dass er sich nicht willkommen gefühlt hatte, ungewollt, ungeliebt für fünfzehn Jahre seines Lebens. Harry schüttelte nur den Kopf, als plötzlich eine Traurigkeit in ihm aufstieg, die nichts mit all dem Erlebten zu tun hatte. Schlagartig musste er an seine Freunde denken.

Dort zu seinen Füßen lag sein Onkel, der verblüfft zu ihm empor blinzelte. Sein massiger Körper wirkte in Harrys kleinem Zimmer seltsam fehl am Platz.
„Was ist? Zunge verschluckt?", fragte Harry, aber seiner Stimme fehlte der Spott. Er war einfach nur müde.
„Ich- warte nur- bis- das wird Konsequenzen haben", stotterte sein Onkel.
„Ach ja?"

Onkel Vernon blickte ihn an, als sei er ein Außerirdischer, was, verglichen damit, dass er ihn in all den Jahren angeschaut hatte, als sei er sehr viel Schlimmeres, wirklich nicht viel aussagte. Langsam kam Onkel Vernon auf die Beine und Harry konnte einen winzigen Anflug von Genugtuung nicht unterdrücken, als sein Onkel hin und her schwankte. Er schlurfte zur Tür und einen Augenblick später war er verschwunden. Von draußen war das Klicken der Schlösser zu hören.

Völlig verdutzt starrte Harry auf den Gürtel in seiner Hand. Dann ließ er ihn abrupt fallen, als ob ihn das Leder verbrannt hätte.


Diese Nacht war offiziell verwünscht, beschloss Severus als er zum zweiten Mal an diesem Abend aus seiner Ruhe gerissen wurde.
„Was ist denn jetzt schon wieder?", müde öffnete er die Augen.
Aus der Richtung seines Schlafzimmerfensters konnte er ein leises Zwitschern hören. Ein prächtiger rotgoldener Vogel schwebte auf seinem Fensterbrett.
Fawkes der Phönix stieß erneut ein Zwitschern aus, diesmal aber etwas lauter, empört darüber, dass man ihn ignorierte.

„Zur Hölle mit diesem beknackten Vogel!", brummte Severus, aber öffnete das Fenster, um Fawkes hereinzulassen. Er wusste, dass das nur eine Sache bedeuten konnte. Und das war schlecht. Sehr schlecht. Es versprach seine friedlichen und wohlverdienten Ferien zu unterbrechen. Fawkes streckte ihm einen Brief entgegen. Seufzend zog Severus ihn aus dem Schnabel des Phönixes.

Severus, bitte komme so schnell wie möglich. Der Orden trifft sich an Wit's End.
Im Ligusterweg ist etwas vorgefallen, was unsere ungeteilte Aufmerksamkeit verlangt.
Beeil dich, A. Dumbledore

Hastig zog er seine schwarzen Lehrerumhänge an, die er nicht einmal einen Monat los gewesen war und stolperte im Dunkeln die Treppe hinunter. An der Garderobe angekommen, warf er sich seinen alten Reisemantel über und blickte zurück ins Wohnzimmer. Alles war still. Gerade so konnte er ein kleines Fellknäule ausmachen, das sich aufs Bens Brust zusammengerollt hatte und sich mit jedem Atemzug hob und senkte.
Mit einem letzten Blick auf den ruhig schlafenden Jungen zog er die Tür hinter sich zu und apparierte zum alten Versteck des Ordens.


Trotz aller Eile, zu der Dumbledore Severus in seinem Brief gedrängt hatte, trafen die anderen Mitglieder des Ordens bedeutend langsamer ein. Wit's End war ein alter Unterschlupf aus dem ersten Krieg und lag am Rand eines weitläufigen Sumpfes. Als er die Anti-Appariergrenze überquerte, wurde Severus sofort von einem großen Schwarm Mücken überfallen. Heftig mit der Hand in der Luft herumwedelnd erwischte er ein paar der lästigen Blutsauger gerade noch so, bevor sich die kleinen Biester auf seine Nase stürzen konnten.

„Verfluchter Orden und diese verfluchten Unterschlüpfe!"
„Severus!", grüßte ihn eine viel zu heitere Stimme. Er drehte sich abrupt um.
„Professor McGonagall. Guten Abend."
„Schöne Ferien bisher?", fragte sie.
Er ignorierte sie.
„Was ist schon wieder mit Potter?"
„Ich bin auch gerade erst angekommen, werter Kollege."

Zusammen gingen sie den kurzen Pfad zum Haus hinab. Hinter ihnen konnten sie erneut knallende Geräusche hören, als das plötzliche Auftauchen weiterer Ordensmitglieder die umgebende Luft verdrängte.

Der Orden des Phönix oder besser gesagt die paar Mitglieder, die bereits da waren, saßen um einen großen Holztisch herum. Ein paar von ihnen hatten dampfende Tassen vor sich stehen, andere saßen zusammengesackt in ihren Stühlen und Remus Lupin sah mit dem Kinn auf der Brust so aus, als würde er schlafen. Als niemand sonst mehr zu kommen schien, räusperte sich Dumbledore.

„Entschuldigt bitte diese kurzfristige und späte Störung. Oder sollte ich eher sagen frühe?"
Ein paar Mitglieder glucksten leise, aber Kingsley Shacklebolt hatte offenbar keine Zeit für höfliche Scherze.
„Komm zum Punkt, Albus. Was ist los?"

„Ah ja, natürlich. Wo fange ich an? Ja. Gestern Abend wurde ich darauf aufmerksam, dass die Schutzzauber um den Ligusterweg Nummer 4 schwankten."
Weiter unten am Tisch schossen ein paar Köpfe in die Höhe.
„Schwankten? Was meinst du damit?"
„Sie verschoben sich sozusagen. Ein paar schwächelnde magische Energien."
„Schwächelnde Energien!", Lupin schien plötzlich hellwach zu sein.
„Beruhigt euch bitte alle", Albus klatschte in die Hände, „Ich habe bereits Filius losgeschickt, um diese Sache zu erforschen. Er sollte bald zurück sein. In der Zwischenzeit möchte ich, dass ihr alle eure Augen nach Harry offen haltet. Ich bin sicher, er hat nur einen größeren Spaziergang durch die Nachbarschaft gemacht oder-"
„Um zwei Uhr morgens?", fragte McGonagall ungläubig.

„Potter wird vermisst?", unterbrach Severus das Gespräch, das er bisher nur gleichgültig im Türrahmen lehnend verfolgt hatte.
„Albus, willst du uns etwa sagen, dass Harry verschwunden ist?"
„Ja", sagte Albus gerade heraus, „weshalb ich auch möchte, dass ihr alle nach ihm sucht. Ich bin sicher, dass er nicht weit gegangen sein wird, aber ich möchte trotzdem, dass Tonks und Kingsley sich in London umsehen."
„Aye Sir!", sagte Tonks, die heute einen wirklich augenkrebserregenden Farbton für ihre Haare gewählt hatte.
„Grimmauld Place ist wahrscheinlich immer noch nicht sicher, aber ich möchte trotzdem, dass Remus dort wartet, sollte Harry sich entschließen dort hinzugehen."

Dumbledore wies den anderen Ordensmitgliedern schnell ihre jeweiligen Wachposten zu und einige von ihnen verließen bereits den Raum, nachdem sie über ihre Aufgaben informiert worden waren. Schließlich wandte er sich Severus zu.

„Severus, ich würde dich nicht darum bitten, wenn es nicht wirklich wichtig wäre-"
„Nein! Bei allem Respekt, Schulleiter, aber-"
„Severus, bitte. Halt einfach die Augen offen. Hör dich ein wenig um."
„Nein, auf keinen Fall. Ich dachte, wir wären uns einig, dass-"
„Bitte Severus. Tu es für sie."

Und da hatte er es. Die einzige Sache, die ihn dazu bringen würde, alles zu tun. Alles zu tun, um diesem nervigen Jungen wieder einmal den Hintern zu retten.

„Und wie, bitte schön, soll ich das machen? Hast du meine letzte Begegnung mit den Lakaien des Dunklen Lords schon vergessen?"
„Nun aber, ich bin sicher, dass ein Zaubertrankmeister mit deinen Fähigkeiten und deinem Talent seine Wege und Mittel hat", zwinkerte Albus, was Severus immens aufregte.

Dann drehte sich Dumbledore um und verschwand, da er dieses Gespräch offenbar für beendet hielt, in der Dunkelheit. Severus stöhnte auf. Aus der Ferne war just ein erstes tiefes Grollen des heraufziehenden Gewitters zu hören.


Und so war Severus für zwölf geschlagene Stunden in dunklen Winkeln und Ecken herumgeschlichen, bevor er das ganze Unterfangen aufgegeben hatte. Völlig durchnässt von all dem Regen an diesem Tag war er nach Hause appariert, um ein wenig zu schlafen. Später, das wusste er, würde er weiter nach Potter suchen müssen. Aber im Moment war ihm das herzlich egal. Er konnte sich kaum noch auf den Beinen halten, geschweige denn irgendwelche nützlichen Informationen aus den Speichelleckern des Psychopathen herauspressen.

Sich selbst zu tarnen hatte auch seinen Tribut gefordert. Die Verwandlungszauber hatten seine Magie erschöpft und wären da nicht die diesigen Schatten in der letzten schäbigen Spelunke gewesen, da war er sich sicher, hätte Rowle das Flackern seiner Tarnzauber bestimmt bemerkt.

Zuallererst brauchte Severus eine Mütze Schlaf und vielleicht hätten die anderen Potter bis dahin ja schon gefunden. Das wäre ihm nur recht gewesen. Sollten doch die anderen ein paar Stunden allein nach dem lästigen Balg suchen. Wie weit konnte jemand, der so begriffsstutzig war wie Potter, schon kommen?

Als er am Nachmittag nach Hause zurückkehrte, fand er die Couch leer vor. Nur die Decke und das Laken hingen in einem achtlosen Haufen über ihre Lehne.

Notiz: Okay, bereitete euch auf ein paar Zeitsprünge im nächsten Kapitel vor. Alles nur der Spannung wegen, versprochen ;) Wie fandet ihr das Kapitel? Ein schönes Wochenende! Nemo