Mondscheinsonate

xxx

Remus erwacht von Klavierklängen, die durch die nächtliche Stille perlen.

Schlaftrunken hebt er den Kopf und blinzelt in die Dunkelheit. Nein, er träumt nicht, die Musik ist tatsächlich da. Leise und behutsam klingt sie, als schlage der Pianist die Tasten nur zögerlich an. Doch es handelt sich unverkennbar um Beethovens Mondscheinsonate, die da gespielt wird.

Remus setzt sich auf und reibt sich mit den flachen Händen übers Gesicht. Das alte Haus am Grimmauldplatz ist ein unerschöpflicher Hort seltsamer und unerwarteter Geräusche, besonders nachts, wenn die Dunkelheit seinen Schatten Leben einzuhauchen scheint. Klassische Musik hat bislang allerdings nicht dazugehört.

Eine Mischung aus Neugier und Sorge lässt Remus vollends wach werden. Er tastet unter dem Kopfkissen nach seinem Pyjamahemd und schlüpft hinein, bevor er sich leisen Schrittes auf die Suche nach dem nächtlichen Virtuosen macht.

Die wenige Helligkeit, die durch die schweren Vorhänge sickert, genügt seinen nachtsichtigen Augen, und für das feine Gehör des Wolfes ist es ein Leichtes, die Richtung auszumachen, aus der die Musik kommt. Remus folgt den verwinkelten Fluren bis zu einem der vielen kleineren Salons. Die Tür ist nur angelehnt. Er legt die Hand an das glatte Holz und schiebt sie vorsichtig einen Spalt auf, um im Licht einer einsamen Gaslampe einen Blick auf den späten Musiker zu werfen.

Dieser hat es, trotz fortgeschrittener Stunde, noch nicht für nötig gehalten, sich umzuziehen. Barfuß, in Jeans und offenem Hemd sitzt er an dem alten Flügel, der die Mitte des Raumes einnimmt. Er spielt offenbar aus dem Gedächtnis, denn die aufgeschlagene Partitur, die vor ihm liegt, würdigt er keines Blickes, während seine Finger über die Tasten gehen. Im Gegenteil, seine Augen sind geschlossen, und der Ausdruck tiefer Konzentration auf seinem Gesicht hat etwas Gequältes an sich.

Remus lehnt sich gegen den Türrahmen, unschlüssig, was er tun soll. Sirius hat Klavierspielen immer verabscheut. Es gehört zu den Dingen, die ihm in seiner verhassten Kindheit aufgezwungen wurden, und Remus kann sich nicht entsinnen, dass sein Freund jemals ein Klavier freiwillig auch nur angesehen hätte. Seine Brust krampft sich zusammen, und der Wolf in ihm, so empfänglich für jede Art von Emotion, jault kläglich auf und beginnt heftig an ihm zu zerren, damit er endlich zu dem Gefährten hinübergeht und die Arme um ihn legt. Aber die seltsame Aura aus Entschlossenheit und Schmerz, aus Trotz und Resignation, die Sirius umgibt, ist so greifbar, dass Remus es nicht wagt, in diese Parallelwelt einzudringen. So bleibt er in der Tür stehen und lässt die Musik auf sich herabtropfen wie grauen Regen.

Der erste Satz des Stückes nähert sich dem Ende, als sich ein Missklang unter die zart-melancholischen Töne mischt. Remus sieht, wie Sirius die Augen öffnet und wie seine Kiefermuskeln sich anspannen, als er aus dem Takt kommt. Immer mehr schiefe Töne verunstalten das bis dahin fehlerlose Spiel, und schließlich lässt er mit einem schrillen Akkord die Hände auf die Tasten fallen. Er beugt sich nach vorne über die Klaviatur, seine Finger ballen sich zu Fäusten, und Remus, der sich mit Schmerzen aller Art auskennt wie kein Zweiter, weiß plötzlich und ohne Zweifel, dass es ein körperliches Leiden ist, das seinen Freund da quält, kein seelisches.

Da hebt Sirius plötzlich den Kopf und sieht ihm über den Raum hinweg direkt in die Augen.

Er hat kein Geräusch gemacht, da ist Remus sicher, aber vielleicht hat Tatze die Anwesenheit des Wolfes gespürt. Moony hechelt schwer und fängt erneut an zu ziehen, aber Remus hält ihn eisern zurück.

Es hat eine Zeit gegeben, da konnte er Sirius lesen wie ein offenes Buch. Aber diese Zeit und diese Fähigkeit sind ihm abhanden gekommen, liegen begraben unter dem Schutt von dreizehn langen Jahren. Der Umgang mit seinem Freund gleicht einer Spurensuche im Nebel. Er kann nicht mehr einschätzen, wie sich Sirius in bestimmten Situationen verhalten wird, und oft genug hat er sich dabei auch schon vertan. Ihre Beziehung hat etwas von dem Musikstück, das Sirius gerade abgebrochen hat: Sie wissen, wie es klingen sollte, aber immer wenn sie glauben, den Takt gefunden zu haben, betätigt einer von ihnen die falsche Taste, und sie müssen von vorne anfangen.

Sie starren sich an, der Moment zieht sich in die Länge, und die Stille wird unerträglich.

„Spiel weiter", sagt Remus.

Aber Sirius schüttelt den Kopf und starrt finster auf seine Hände hinunter, als hätten sie ihn persönlich beleidigt. „Ich spüre meine Finger kaum", erwidert er tonlos.

Remus versteht. Zwei Jahre, hauptsächlich in der Wildnis und auf allen Vieren verbracht, haben ihre Spuren an Sirius' Körper hinterlassen, aber am schlimmsten betroffen sind seine Hände, beziehungsweise Tatzes Pfoten. Es gibt Tage, da krampfen sie so sehr, dass er kaum den Zauberstab halten kann. Salben und Sprüche helfen ein wenig, aber Remus ist eben kein Heiler. Wäre Sirius nicht so verdammt stolz, dieses Leiden vor dem Orden verbergen zu wollen, er könnte sich einiges ersparen.

Moony winselt voller Mitleid, und endlich gibt Remus nach. Er setzt sich neben Sirius auf die Klavierbank und umschließt seine Hände mit den eigenen, immer noch vorsichtig, ein Angebot nur. Aber Sirius ist ganz ruhig und bleibt es auch, als Remus darangeht, seine Finger zu massieren.

Es ist dieser Tage schwer vorhersehbar, wie Sirius auf körperliche Nähe reagiert. Manchmal lechzt er geradezu nach jeder noch so kleinen Berührung, nur um im nächsten Moment jede Annäherung barsch abzuweisen. Aber heute scheint er einen Mittelweg gefunden zu haben, darum beschließt Remus, sich - bildlich gesprochen - ein wenig vorzutasten

„Die Mondscheinsonate", stellt er lächelnd fest, ohne in seiner Tätigkeit innezuhalten. „Hast du für den Wolf gespielt?"

Sirius wirft ihm einen verwunderten Blick zu, so als falle ihm der Zusammenhang erst jetzt auf, dann hebt er die Schultern. „Nicht wirklich", erwidert er gleichmütig. "Ich hab nicht nachgedacht."

„Ich hätte eher erwartet, dich mit einer Gitarre zu finden."

„Wo soll ich hier eine Gitarre hernehmen", sagt Sirius ganz pragmatisch.

Er ist offenbar nicht sonderlich erpicht auf ein Gespräch. Remus versucht es mit einem praktischeren Ansatz.

Maman hat noch mehr von den Kräutern geschickt", bemerkt er und dankt seiner Mutter im Stillen; er hatte noch keine Zeit, ihr zu schreiben. „Damit können wir's nochmal versuchen, wenn du willst. Ich hatte letztes Mal den Eindruck, sie hätten gut geholfen."

Sirius' Blick wandert hinunter auf seine Hände, die sich unter Remus' Behandlung entspannt haben. „Ja", sagt er gedankenverloren. „Die waren wirklich gut."

Sofort strebt Moony eifrig in Richtung Tür, und diesmal lässt Remus es zu. Er gibt Sirius' Hand in seiner einen freundschaftlichen Klaps und steht auf, mit einem Lächeln und einer Kopfbewegung, die ihn zum Mitkommen auffordern soll.

Für einen Moment sieht Sirius überrascht aus. Er reagiert nicht sofort, und Remus wartet mit einer Geduld, die er ganz und gar nicht empfindet.

Endlich legt Sirius die Hände auf den Klavierdeckel und klappt ihn entschlossen herunter. Der dumpfe Ton erzeugt kein Echo in dem kleinen Raum, als sie die Lampe löschen und die Tür hinter sich zuziehen. Wortlos dreht Sirius den Schlüssel im Schloss herum.

xxx

Remus ist nicht sicher, ob noch jemand aus dem Orden hier übernachtet. Der Widerstand gegen Voldemort hält sich nicht an herkömmliche Arbeitszeiten; die Leute gehen hier oft noch nach Mitternacht ein und aus - so wie er selbst heute. Darum macht er in seinem Zimmer nicht mehr Licht, als nötig ist. Ein gemurmeltes ‚Incendio' entzündet ein paar Kerzen und eine Gaslampe, und das Feuer im Kamin lodert auf und taucht den Raum in Halblicht.

Aus seiner Reisetasche holt Remus das verschnürte Päckchen, das ihn heute Morgen aus Cornwall erreicht hat. Mit einem Schwenk seines Zauberstabs erhitzt er Wasser in einer altmodischen Waschschüssel und gibt eine Handvoll der getrockneten Kräuter hinein. Sirius lehnt an einem der Bettpfosten, die Hände in den Hosentaschen. „Ich hab dich geweckt", stellt er fest.

"Ja", sagt Remus, weil er keinen Grund sieht, es zu leugnen.

"Tut mir leid."

Es klingt merkwürdig, wie er das sagt, fast einstudiert. Irgend etwas sagt Remus, dass sie im Begriff sind, in schwieriges Fahrwasser zu geraten.

„Schon gut. Schlaf wird überschätzt."

Der Scherz verfängt nicht, aber noch ist Remus nicht bereit aufzugeben.

„Ich wusste nicht, dass du noch so gut Klavier spielen kannst", bemerkt er.

„Charmeur", sagt Sirius, aber wieder scheint er lediglich einen vorgefertigten Text aufzusagen, und sein Lächeln ist so falsch, dass es wehtut. Selbst Moony, der mit menschlicher Sprache nicht viel anfangen kann, winselt gequält.

Ein erfrischend herber Duft beginnt sich im Raum auszubreiten, und Sirius zieht sich unaufgefordert einen Stuhl heran und fängt an sich die Hemdsärmel hochzukrempeln, während Remus den Wäscheschrank durchsucht. Aus dem Augenwinkel beobachtet er, wie Sirius die Hände in die Schüssel taucht, zusammenzuckt und das Gesicht verzieht.

„Zu heiß?"

Sirius schnauft. „Nein, du Genie. Ich zucke aus Spaß."

„Dann bin ich beruhigt", sagt Remus und hat Mühe, das Lachen aus seiner Stimme herauszuhalten. Er findet ein sauberes Handtuch und legt es auf den Tisch, dann nimmt er sich den zweiten Stuhl und setzt sich seinem Freund gegenüber. Vielleicht ist es nur das unruhige Flackern des Kaminfeuers, aber er glaubt zu sehen, wie ein Lächeln Sirius' Mundwinkel kräuselt, kaum wahrnehmbar, aber diesmal echt, und er spürt eine angenehme Wärme in der Brust.

Schwer zu sagen, ob es die Kräuter, die Wärme oder einfach nur Sirius' ureigene Ungeduld ist, die ihn schon nach wenigen Minuten die Finger aus dem Wasser ziehen und nach dem Handtuch greifen lässt, das Remus ihm hinhält. "Besser?"

Sirius reibt sich die Feuchtigkeit von den Händen und ballt die rechte ein paar Mal zur Faust, wie um sie zu testen. „Ja", sagt er schlicht. Und dann, ohne Remus anzusehen: "Danke."

Ein Schweigen entsteht, aber im Gegensatz zu der fast behaglichen Ruhe noch vor einigen Augenblicken hat es nichts angenehmes mehr. Remus greift nach dem Handtuch und faltet es mit einer Konzentration, die ihm selbst lächerlich vorkommt. Sirius steht auf.

„Dann gute Nacht", sagt er ein wenig steif.

„Du kannst bleiben, wenn du willst."

Der Satz hat Remus' Mund verlassen, bevor er überhaupt merkt, dass er Atem geholt hat. Er beißt sich auf die Zunge, aber das hilft natürlich nichts mehr.

Sirius, der schon auf halbem Weg zur Tür ist, bleibt stehen, aber er sieht ihn nicht an. „Remus", sagt er gepresst.

Halt den Mund. Sei einfach still und lass ihn gehen. Doch alles in Remus sträubt sich dagegen. Er weiß, wenn er es tut, wird Sirius den Rest der Nacht damit zubringen, schlaflos - und vermutlich in Gesellschaft einer Schnapsflasche - durch das dunkle Haus zu stromern, weil mit dem Schlaf die Albträume kommen, und Moony in ihm winselt kläglich bei der Vorstellung.

„Ich weiß, du willst allein damit fertig werden", sagt er leise. „Das verstehe ich. Es ist nur... schwer, es mit anzusehen."

„Remus."

„Ich behaupte ja nicht, dass ich nachvollziehen kann, was das bedeutet, zwölf Jahre in... dort. Aber ich versuche zu helfen, verstehst du? Wenn du... mich lassen würdest -"

„Dich lassen?!"

Sirius schnellt herum; seine dunklen Augen blitzen gefährlich.

„Dich lassen?! Verdammt, Remus, hörst du dir eigentlich zu? Bei jeder Gelegenheit erzählst du mir, es ist zu viel passiert, wir sind nicht mehr zwanzig, wir können nicht einfach weitermachen wie vorher, und ich versuche das zu akzeptieren, ich versuch's wirklich. Aber dann legst du den Arm um mich und kümmerst dich um meine Hände und lachst über die alten Witze und erzählst mir, wie ich früher meinen Kaffee getrunken habe und…" Er unterbricht sich und tut einen tiefen, schweren Atemzug. "Du kannst das nicht machen, verdammt. Du kannst mich nicht… gleichzeitig rufen und abweisen. Ist dir klar, wie krank das ist?"

Der Grund, warum die Worte so schmerzen, ist nicht ihre Grobheit, sondern weil sie wahr sind. Einen Großteil der Distanz zwischen ihnen hat Remus selbst geschaffen; aber dafür gibt es Gründe, verdammt. Oder glaubt Sirius tatsächlich, er sei der einzige, der in den letzten dreizehn Jahren gelitten hat?

„Sind wir schon wieder so weit, ja?" Ein Teil von ihm stellt geistesabwesend fest, dass er vom Stuhl aufgestanden ist. "'Wenn du nicht für Sirius Black bist, bist du gegen ihn.' So war es doch damals schon. Du denkst tatsächlich immer noch, du seist der Mittelpunkt der Welt, nicht wahr?"

"Hier geht's nicht um mich", schreit Sirius. "Es geht um dich und wie du dich benimmst!"

"Benehmen", wiederholt Remus mit trockener Betonung. "Gutes Stichwort."

"Fick dich", sagt Sirius leidenschaftlich.

"Ich versuche", sagt Remus und geht mühsam beherrscht über die Beleidigung hinweg, "ich versuche wirklich, uns beide einigermaßen unbeschadet durch diesen zweiten Krieg zu bringen. Wir haben den ersten nur mit knapper Mühe überstanden, und von uns beiden bringst du die schlechteren Voraussetzungen mit, mein Freund."

"Und wer zum Teufel gibt dir das Recht, zu entscheiden, wie ich mit dieser ganzen Scheiße umzugehen habe?" zischt Sirius. "Ich will dein Mitleid nicht, verdammt, kapierst du das? Geh und spiel deine Spielchen mit jemand anderem, ich komme prima alleine klar!"

Und bevor Remus es verhindern kann, hat der Wolf, der Angstbeißer, zugeschnappt. "Ja, das sieht man jeden Tag. Was war es heute? Whiskey? Bourbon? Oder sind wir schon bei den harten Sachen?"

Sirius starrt ihn an mit einem Blick, aus dem Funken sprühen, und der doch unergründlich ist. Seine Finger zucken, als wolle er nach seinem Zauberstab greifen, und einen kurzen, verzweifelten Augenblick lang hofft Remus, dass er es tun wird.

Ohne ein weiteres Wort dreht Sirius sich um und verlässt das Zimmer.

Remus blinzelt die Tür an, unsicher, wie es kommt, dass er plötzlich allein ist. Die Wut in ihm verraucht mit einem Schlag, und das, was zurückbleibt, ist schwer und dunkel.

Ihm fällt auf, dass er das Handtuch - recht zerknüllt jetzt - immer noch in der Hand hält. Vorsichtig legt er es auf den Tisch, greift nach dem Zauberstab und löscht alle Lichter, auch das Kaminfeuer. Dann streift das Pyjamahemd ab und kriecht zurück in das kalt gewordene Bett.

Er tut es, weil ihm nichts einfällt, was er sonst tun könnte. Sein Herz pocht heftig, aber gleichzeitig ist sein Körper so schwer, dass es seine Gedanken lähmt. Wenn er ein paar Stunden Schlaf bekommt, vielleicht wird ihm ja dann etwas einfallen, wie er alles in Ordnung bringen, alles wieder gutmachen kann...

Irgendwo im Zimmer tickt eine Uhr, zertickt die Sekunden zu einer Ewigkeit. Mit weit geöffneten Augen liegt Remus da und starrt in die Dunkelheit.

xxx

Die Türangeln knarren.

Remus weiß genau, dass Sirius die Tür hinter sich zugeworfen hat, es kann also kein Luftzug sein, der sie bewegt. Er hebt ein wenig den Kopf, während er unter der Decke hervor den Nachttisch nach seinem Zauberstab abtastet. Man weiß nie, was bei Nacht alles in diesem Haus herumschleicht. Besonders in den ersten Nächten haben sie einige unangenehme Überraschungen erlebt.

Die Tür öffnet sich einen Spaltbreit. Remus hebt den Zauberstab.

Ein großer, vierbeiniger Schatten schlüpft ins Zimmer, bleibt bei der Tür stehen und reckt witternd die Nase in die Luft.

Moony gibt ein lautloses Winseln von sich und macht Anstalten, schnurstracks aus dem Bett zu springen, aber Remus drängt ihn energisch zurück, während er den Schatten stirnrunzelnd beobachtet. Was hat Sirius vor?

Der schwarze Hund tappt lautlos durchs Zimmer, beschnüffelt den Boden und verschiedene Möbelstücke, nur um das Bett macht er einen auffälligen Bogen. Remus lässt den Zauberstab sinken.

Sein tierischer Besucher hat das Pyjamahemd gefunden, das Remus achtlos über eine Stuhllehne geworfen hat. Leise winselnd nimmt Tatze das Kleidungsstück zwischen die Zähne, trabt damit zum Kamin und kauert sich in der Restwärme der glühenden Asche nieder. Die lange Schnauze verschwindet in den Stoffalten, und die leisen Fieptöne, die durch die Dunkelheit dringen, sind so jammervoll, dass es Remus den Hals zuschnürt.

"Tatze?" wispert er.

Das Fiepen verstummt schlagartig. Remus setzt sich auf.

Um ein Haar wäre Tatzes Schwanz im Kamin gelandet, so hastig springt er auf die Pfoten. Da steht er, mit gesträubtem Fell, und das Pyjamahemd baumelt in seinem Maul. Sie starren sich an, und Remus ist spontan dankbar, dass keiner von ihnen viel Licht braucht, um sehen zu können.

"He", murmelt er. Mehr fällt ihm nicht ein.

Tatze legt den Kopf schief und beäugt ihn misstrauisch. Erst nach einer Ewigkeit, so scheint es, setzt er sich in Bewegung, schleicht sich in Halbkreisen näher als wolle er eine Beute stellen. Remus sitzt ganz still, folgt ihm lediglich mit Blicken und kämpft gegen den Impuls, zurückzuweichen. Sein Puls pocht heftig in seinen Schläfen.

Tatze kommt vor dem Bett zum Stehen. Einen Augenblick lang geschieht gar nichts.

Der Hundekopf kommt nach oben, und das Hemd wird behutsam auf der Bettdecke abgelegt. Ein kurzes Fiepen, dann zieht sich Tatze eilig zurück und kauert sich neben dem Bettpfosten nieder, den Schwanz zwischen den Hinterbeinen.

Automatisch greift Remus nach dem dargebotenen Kleidungsstück. Es ist etwas feucht und weist die ein oder andere Bissspur auf. Er räuspert sich in dem Versuch, sich ein Lächeln zu verkneifen Es ist ja die Geste, die zählt.

"Schon gut", sagt er. "Danke."

Tatze tut etwas mit seinem Schwanz, das man mit gutem Willen als schüchternes Wedeln deuten kann.

Immerhin kehrt Remus' Puls allmählich auf Normalwert zurück. Der schwarze Hund leckt sich über die Schnauze und rückt ein wenig näher. Und dann macht er plötzlich Sitz und legt eine Pfote auf die Decke, ganz nahe an Remus' Hand.

Remus hält den Atem an. Von wegen Normalwert; sein Herzschlag schnellt auf irgend etwas um die dreihundert hoch, als er seine Hand auf die schwarze Pfote legt. Noch wagt er nicht, sie zu streicheln, aber von Tatze kommt ein schwaches Winseln, und bevor er sich versieht, hat sich die lange Schnauze seiner Hand genähert, und eine warme Hundezunge leckt behutsam seine Finger. Remus zittert.

"Das mit dem Whiskey hätte ich nicht sagen dürfen", flüstert er und fühlt die Scham über die eigenen Worte heiß in der Magengegend. Seine Finger schließen sich fester um die Hundepfote, aber der schwarze Hund macht keine Anstalten, sich zu entziehen, im Gegenteil, das Lecken wird noch verstärkt. Remus' freie Hand kommt nach oben und legt sich zwischen Tatzes Ohren, als hätte sie nie etwas anderes getan.

"Komm her", wispert er endlich.

Er hört seine eigene Stimme kaum, so schnürt es ihm die Kehle zu, aber Tatze hat ihn verstanden. Im nächsten Moment schließen sich Remus' Arme um den warmen Hundekörper, der sich an ihn presst, seine Hände füllen sich mit weichem, schwarzem Fell, und der vertraute, herbe Geruch, so lange vermisst, überflutet ihn mit der Macht eines Tsunamis. Aus seiner Kehle kommt etwas, das ein Schluchzen sein mag, aber gleichzeitig kann er die wilde Freude des Wolfes in sich kaum bändigen. Tatze winselt und fiept, und seine Krallen zerkratzen Remus' nackte Schultern und Brust, aber dieser Schmerz hat keine Bedeutung.

Remus lässt sich in die Kissen zurückfallen und nimmt Tatze mit, der willig folgt. Er strampelt und windet sich in dem Versuch, unter die Bettdecke zu kommen, Remus muss ein wenig nachhelfen, aber schließlich ist Tatze da, wo er offenbar sein will. Er bettet den Kopf auf Remus' Brust und blinzelt aus seinen dunklen Augen zu ihm hoch, und Remus kann nicht anders als lächeln. Er legt das Gesicht in das schwarze Fell und lässt sein Zittern langsam in den warmen Körper auf seinem übergehen, und so wie Zucker sich mit warmem Tee vereint, so löst sich das Gefühl schließlich zwischen ihnen auf.

Tatzes Nase hinterlässt kühle, feuchte Tupfer auf seiner Haut. Mühelos findet er die Kratzspuren, die er verursacht hat, und beginnt sie mit warmer Zunge zu säubern.

Moony reagiert sofort auf diese Zuwendung und drängt sich mit solcher Vehemenz in den Vordergrund, dass Remus keine andere Wahl bleibt, als es zuzulassen. Er weiß nicht, ob Sirius einen gezielten Plan verfolgt oder spontan gehandelt hat (wahrscheinlich letzteres), aber in diesen wenigen Momenten muss er sich eingestehen, dass sein Freund die richtige Entscheidung getroffen hat. Tatze und Moony sind soviel weniger in Erinnerungen, Scham und Schuldgefühle verstrickt als ihre menschlichen Ebenbilder. Diese beiden können sich fast unbefangen begegnen, und es fühlt sich völlig natürlich an, sie genau dies tun zu lassen.

Er kann ein kleines, abschätziges Lachen über sich selbst nicht unterdrücken. Tja. Das hätte er leichter haben können. Aber zumindest ist das etwas, das sich nicht verändert zu haben scheint: Sirius ist ein Mann der Tat. Und er vertraut dem Wolf. Mehr als Remus es tut.

Tatze fiept kontinuierlich vor sich hin, während er leckt. Remus lässt die Hände durch das dunkle Fell gleiten, legt das Gesicht an Tatzes Wange und geht sanft mit der Nase darüber, so wie Moony es tun würde. Er bekommt ein leises Wuffen zur Antwort, und nach einer Weile spürt er, wie Tatzes Herzschlag an seiner Brust regelmäßiger wird, so wie sein eigener, bis sie schließlich fast im Gleichklang sind. Remus hat Tränen in den Augenwinkeln. Merlin, es ist so einfach.

Tatze hat das Waschen beendet, aber er macht keine Anstalten, den körperlichen Kontakt abzubrechen. Mit einem zufriedenen Schnaufer legt den Kopf an Remus' Schulter, und Remus schlingt die Arme um ihn, obwohl ihm allmählich das Atmen etwas schwerfällt mit einem ganzen Hund auf der Brust. Er lehnt die Stirn gegen die seines Freundes und nimmt behutsam eines der dunklen Knickohren in die Hand.

"Kindskopf", murmelt er hinein. "Hättest du nicht einfach mit mir reden können? Wieso musst du immer so eine Show abziehen?"

Tatzes Kopf kommt mit einem leisen Knurren nach oben. Für einen Hund sieht er ziemlich entrüstet aus.

"Drama queen", sagt Remus.

Tatze lässt die Kiefer zuschnappen, so nahe vor seinem Gesicht, dass er den Luftzug spürt, aber Remus, der Hundeverhalten lesen kann wie seine Muttersprache, erkennt es als die spielerische Geste, die es ist. Er umfasst Tatzes Schnauze mit einer Hand und drückt ihn sanft wieder nach unten.

Eine Weile liegen sie still und atmen die warme Gegenwart des anderen. Remus fühlt seine Augen zugehen. Der Schlaf, der sich ihm vor ein paar Minuten noch so hartnäckig entzogen hat, meldet sich nun mit aller Macht zurück. "Geh nicht weg, okay?" murmelt er um ein Gähnen herum in das schwarze Fell. Tatze macht zwar nicht den Eindruck, als ob er das vor hätte, aber er hat das Bedürfnis, ganz sicher zu gehen.

Der schwarze Hund schnauft einmal kurz durch die Nase, ein Geräusch, das Remus als Zustimmung kennt. Tatze schmiegt sich noch ein bisschen enger an ihn, und Remus nimmt sein Lächeln mit in den Schlaf.

xxx

Als er erwacht, liegt er auf der Seite. Die Last auf ihm ist verschwunden, aber er weiß, noch bevor er die Augen öffnet, dass er nicht allein ist, denn leise Atemzüge streifen über sein Gesicht.

Irgendwann während der Nacht hat sich der Zauber gelöst. Sirius liegt bäuchlings neben ihm, so nahe, dass Remus seine Wärme spüren kann, die Arme fest um das Kopfkissen geschlungen. Er muss sehr tief schlafen, denn normalerweise braucht es einen aktiven Gegenzauber, um die Animagus-Verwandlung aufzuheben.

Remus bleibt still liegen, noch angenehm schwer vom Schlaf, und nimmt sich die Zeit, seinen Freund im zunehmenden Licht zu betrachten.

Sirius sieht schlecht aus. Nicht nur, dass er immer noch viel zu dünn ist. Sein Gesicht ist wächsern bleich, er hat tiefe, dunkle Ringe unter den Augen, und seine letzte Rasur muss mindestens zwei Wochen her sein. Und trotzdem… seine Züge sind entspannt, und er atmet tief und gleichmäßig.

So leise wie möglich setzt Remus sich auf und streift sich das Pyjamahemd über, das immer noch auf der Decke liegt. Inzwischen ist es zwar trocken, dafür aber voller schwarzer Hundehaare, nicht weniger als das Bettzeug. Nun ja. Remus ist der Letzte, der das Recht hat, sich über canine Hinterlassenschaften in seinem Bett zu beschweren.

Der kleine Luftzug, den der Reinigungszauber verursacht, erwischt Sirius im Gesicht. Er zuckt von der Berührung weg, sein Atem stockt zitternd, und die Finger seiner freien Hand krallen sich in das Bettlaken.

Schnell, bevor er wieder anfangen kann zu denken, streckt Remus die Hand aus und legt sie auf die seines Freundes.

Sirius dreht den Kopf von ihm weg und stöhnt leise in das Kissen hinein. Seine Finger zucken, und Remus fragt sich, ob sie wieder schmerzen. Unwillkürlich verstärkt er seinen Griff ein wenig.

Sirius tut einen tiefen, leicht schnorchelnden Atemzug. Unter Remus' wachsamem Blick entkrampft er sich, seine Finger erschlaffen, und nach ein paar Momenten geht sein Atem wieder leichter und so regelmäßig wie zuvor.

Mit einem Lächeln zieht Remus die Bettdecke zurecht, bevor er so leise wie möglich aufsteht und aus dem Raum schleicht.

Der Flur ist dunkel und der Boden kalt unter seinen bloßen Füßen, aber Remus fühlt sich beschwingt von einem Gefühl ungewohnter Leichtigkeit. "Also wirklich", sagt eine ehemalige Mrs Black pikiert aus ihrem Porträt heraus, als er - zu seiner eigenen Überraschung - die Schwelle zur Küche mit etwas überwindet, das mehr einem Tänzeln als einem Gehen ähnelt.

Er zieht die Vorhänge auf und lässt das diesige Morgenlicht hereinströmen. Das Wispern und Rascheln, dass die dunkle Küche erfüllt hat, flüchtet sich in die Nischen und erstirbt dort. Während er Wasser zum Kochen bringt, fällt Remus auf, dass er leise vor sich hin summt. Erstaunt durchforscht er sein Gedächtnis nach der Melodie und wird fündig: Es ist der Schlusschor von Beethovens neunter Sinfonie.

Remus gießt Tee auf und lächelt dabei über sich selber. Was für ein seltsamer Ort sein Verstand doch ist.

*Fin*