Summary: Die Sommerferien vor dem dritten Schuljahr haben begonnen. Werden die Ravenclaws es endlich schaffen, in die Goldproduktion einzusteigen? Werden sie herausfinden, welches Geheimnis den neuen Lehrer in Verteidigung gegen die Dunklen Künste umgibt, wenn die Schule wieder begonnen hat? Wer ist dieser Sirius Black, den die Dementoren auf dem Schlossgelände suchen? Was sind überhaupt Dementoren? Werden dieses Jahr zarte Bande geknüpft? Wenn ja, zwischen wem, und wie zart werden sie gesponnen sein?

Warnings: Completely AU, spoilers from all books, language (in many ways), violence, Sex (slash, het, femmeslash, whatever), Drugs & Rock 'n' Roll, character death, OoC, OCs etc., nothing has to, but everything (including the aforementioned items, but not limited to them) might happen at some point (and the odds are now higher now than in the first book, although I won't guarantee anything), especially slash (kind of required by a rabid plot bunny – okay, honestly, it's not required at all, I'll do it just for fun). If you don't like it, stop reading it! Despite chapter titles: This isn't a songfic! (Though it wouldn't hurt to know the songs. They're great. All of them.)

Rating: M, just to be safe. And there's a higher chance, that there may be some scenes in this instalment that actually justify the rating – aside from my imbecile ramblings. Quite a chance, actually.

Disclaimer: This story is based on characters and situations created and owned by JK Rowling, various publishers including but not limited to Bloomsbury Books, Scholastic Books and Raincoast Books, and Warner Bros., Inc. No money is being made and no copyright or trademark infringement is intended. What a surprise! The "No Money" part always makes me weep. But as far as my own ideas and concepts are concerned: in (the unlikely) case you want to use them, be my guest.

Vorbemerkung: Dies ist die Fortsetzung von »Come Like A Weighbauk« und drittes Buch des auf fünf bis sechs Bände angelegten »Come«-Zyklus, den zu beenden ich an keiner Stelle und zu keiner Zeit verspreche. Äh, worauf ich eigentlich hinaus will: Es macht keinen großen Sinn mit dem Lesen zu beginnen – und vor allem hier nicht! Wenn jemand diesen Mist überhaupt lesen will – wovon ich dringend abrate –, dann fange dieser imaginäre Jemand doch bitte beim ersten Band (»Simple Simon Says«) an, schon allein deshalb, weil ich viel zu faul bin, eine vernünftige Synopse zusammenzuschustern. Vollständige Ausgaben des ersten Buches (im PDF-, DOC- und RTF-Format) und des zweiten Buches (PDF und DOC) sind auch als ZIP-Files kostenlos bei einem One-Click-Hoster herunterladbar, die entsprechenden Links finden sich auf meiner Profilseite. Die oben als »Characters« aufgeführten Namen beschreiben nicht notwendigerweise ein Pairing, sondern verstehen sich lediglich als kleiner Auszug aus den Dramatis Personae.

And now, without further ado, let's start with the third book!


Come Like A Weaver




1. Gie Them Full Measure
(Donald McGillavry – Silly Wizard)


Als der Mann erwachte, fand er sich in einem kleinen, fensterlosen Kellerraum wieder. Er lag nackt auf einem Lager aus alten, teilweise zerfetzten Decken. Es war kalt in seinem Gefängnis, und er zitterte. Er fühlte sich wie erschlagen, hatte ein paar Schrammen und blaue Flecke, war aber ansonsten unverletzt.

Desorientiert sah er sich um. Die Wände waren kahl, der Raum völlig leer, wenn man von seinem Lager und einer nackten Glühbirne absah, die an der Decke hing. Es dauerte einen Moment, aber dann erinnerte er sich, wo er war. Und warum er hier war. Statt zu fluchen, seufzte er nur resigniert. Noch eine Nacht, dachte er, nur noch eine Nacht.

Er stand von seinem Lager auf und ging zur Tür. Er tastet den oberen Türrahmen ab, bis er seinen Zauberstab gefunden hatte. Er riss den Stab von dem Klebstreifen ab, mit dem er ihn gesichert hatte. Es bestand immer die Gefahr, dass er am Morgen danach aufwachte und nur noch zerbissenes, gesplittertes Holz vorfand, aber er musste am Abend zuvor die Tür sichern, und das funktionierte nur von innen. Aber bisher hatte er immer Glück gehabt.

Trotz seiner Erschöpfung sorgte er zuerst für ein bisschen Ordnung. Er würde schließlich auch die heutige Nacht hier verbringen müssen. Er flickte die zerfetzten Decken, ließ einen nassen Fleck in einer Ecke des Kellers verschwinden und wandte sich erst dann seinen Verletzungen zu. Die Schrammen waren nur oberflächlich, was er vor allem der Selbstheilungsfähigkeit seines Körpers zu verdanken hatte. Obwohl Heilzauber keine große Wirkung auf ihn hatten, benutzte er einige, bis zumindest das Brennen seiner Wunden zu einem leichten Jucken abgeklungen war. Als er vorsichtig den Schorf abkratzte, kam bereits die helle neue Haut zum Vorschein. Es war eine der leichteren Nächte gewesen.

Er öffnete die magisch versiegelte Tür und verließ seinen Keller. Seine Kleidung lag ordentlich zusammengelegt auf dem Stuhl neben der Kellertür, wo er sie gestern Abend zurückgelassen hatte. Er fror erbärmlich und zog sich rasch an. Er steckte seinen Zauberstab in die Ärmeltasche seines Pullovers und stieg dann die Treppen hoch. Auf halber Höhe kehrte er noch einmal um, weil er vergessen hatte, das Licht in seinem Gefängnis auszumachen. Als er endlich den Keller seines kleinen Häuschens verlassen konnte und seine Küche betrat, begrüßte ihn strahlender Sonnenschein, der durch das Fenster hereinfiel. Er schloss gequält seine müden Augen, bis sie sich an die Helligkeit gewöhnt hatten. Sein Magen meldete sich energisch zu Wort. Sein Blick fiel auf den Kühlschrank, aber er wusste, dass dieser fast leer war und nichts enthielt, auf dass er augenblicklich Appetit gehabt hätte. Sein Hunger war spezieller Natur. Er würde warten müssen. Hoffentlich kam Bernard bald.

Er stellte einen Topf Wasser auf den Herd. Als er die Kaffeedose öffnete und ihm der Geruch in die Nase stieg, wäre ihm beinah übel geworden, aber ohne einen kräftigen Koffeinschub würde er den heutigen Tag kaum überstehen. Er atmete durch den Mund und versuchte, dem aufdringlichen Kaffeearoma keine Beachtung zu schenken. Gerade als das Wasser kochte, klingelte es an der Haustür. Er drehte das Gas herunter, bevor er nachsah. Ein Blick durch den Spion zeigte ihm, dass ein junger Mann von vielleicht zwanzig Jahren vor der Tür stand. Er war mittelgroß, machte einen leicht verwahrlosten Eindruck, hatte lange braune Haare und trug Jeans und ein schwarzes T-Shirt, das auch schon bessere Zeiten gesehen hatte.

Rasch öffnete er die Tür und dankte allen Göttern für Bernard. Ihre kleine Gruppe hatte großes Glück, dass der Junge außer Phase war und sich auch nicht mit ihnen synchronisiert hatte, als er zu ihnen gestoßen war.

»Guten Morgen«, wurde er fröhlich gegrüßt, als er die Tür öffnete. »Du siehst grauenhaft aus«, sagte der junge Mann und drängte sich an ihm vorbei. »Unruhige Nacht?«

Zur Antwort hätte er am liebsten geknurrt, aber der Hauch eines Geruchs, der dem Korb des Jungen entstieg, ließ ihm buchstäblich das Wasser ihm Mund zusammenlaufen. Er schloss wortlos wieder hinter seinem Besucher ab, während Bernard bereits in die Küche verschwand.

Als er ihm folgte, hörte er schon das Klappern einer Eisenpfanne auf dem Herd. Er setzte sich an den Tisch und überließ Bernard den Rest der Frühstücksvorbereitungen.

Gleich darauf wurde eine große Tasse Kaffee vor ihm auf den Tisch gestellt. Er versuchte, den bitter-scharfen Geruch zu ignorieren, als er einen vorsichtigen Schluck nahm. Zu solchen Zeiten hasste er Kaffee noch mehr als sonst, aber gleichzeitig brauchte er ihn nötiger als gewöhnlich. Er lauschte dem Brutzeln in der Pfanne, um sich abzulenken. Allmählich breitete sich ein anderer, angenehmerer Duft in der Küche aus. Sein Magen knurrte vernehmlich auf, und er wollte Bernard schon sagen, dass es genug sei, aber da landete bereits ein Teller mit zwei kurz angebratenen Koteletts vor seiner Nase. Er musste sich zwingen, nach Messer und Gabel zu greifen. Am liebsten hätte er die Fleischscheiben in die Hände genommen und sofort seine Zähne hineingeschlagen. Das Fleisch war innen noch blutig, und er schlang die ersten Bissen hinunter, ohne sich lange mit Kauen aufzuhalten.

»Hast du noch Eier da?«, fragte ihn Bernard.

Er unterbrach seine Nahrungsaufnahme lange genug, um zu antworten: »Weiß nicht. Vielleicht. Im Kühlschrank.«

Offensichtlich waren noch welche da, den gleich darauf brutzelte es erneut in der Pfanne. Bernard stellte das Radio an, während er sich seine eigenes Frühstück machte, und pfiff irgendein Lied mit, das gerade lief.

Er war inzwischen mit seinem ersten Kotelett fertig und fühlte sich um einiges besser. Gut genug jedenfalls, um sich nicht allzu sehr an der guten Laune seines Besuchers zu stören. Das zweite Kotelett ging er langsamer an, und bald schon leistete ihm Bernard Gesellschaft. Er versuchte, nicht auf dessen Frühstück zu starren, sondern sich ganz auf das Fleischstück auf seinem eigenen Teller zu konzentrieren. Zwar hätte er momentan ohnehin keine gebratenen Eier hinuntergebracht, aber der Futterneid war trotzdem stark und weckte schlummernde Aggressionen, wenn er jemandem beim Essen zusehen musste.

Bernard und er aßen schweigend. Nur das leise Gedudel des Radios und das Kratzen des Bestecks auf den Tellern war zu hören. Als er auch sein zweites Kotelett vertilgt hatte, fühlte er sich wesentlich besser. Er zögerte, aber nahm dann doch einen übriggebliebenen Knochen in die Hand und fing an, die Fleischreste abzunagen. Er fühlte sich satt und zufrieden und hätte alles dafür gegeben, wenn er sich jetzt auf seine Couch legen und ein Verdauungsschläfchen hätte halten können. Aber Bernard und er würden den Vormittag damit verbringen, ihre übliche Runde zu machen und nach den anderen drei zu sehen. Er war der einzige Zauberer in ihrer Gruppe. Auch wenn seine Heilzauber selten gebraucht wurden, so war es doch seine Pflicht, sich mit eigenen Augen davon zu überzeugen, dass die anderen die Nacht gut überstanden hatten.

Bernard war inzwischen mit seinem Frühstück fertig und räumte sein Geschirr weg.

»Na, alter Mann«, sagte der Junge dann, »wirst du heute noch fertig?«

Bevor er etwas auf diese Respektlosigkeit erwidern konnte, erklang ein Klopfen am Küchenfenster, das sie beide herumfahren ließ. Eine Eule! Bernard wich zurück und brachte den Tisch zwischen sich und den Störenfried. Der Junge misstraute allem, was mit Zauberei zu tun hatte. Er hatte auch allen Grund dazu, wenn man bedachte, welche Erfahrungen er mit Zauberern und ihrer Welt in seinem kurzen Leben hatte machen müssen. Bernard hatte auch länger als die anderen gebraucht, bis er sein Misstrauen und seine Vorsicht ihm gegenüber abgelegt hatte.

Seufzend legte er den saubergenagten Knochen zurück auf den Teller und ging zum Fenster, um die Nachricht des Botenvogels in Empfang zu nehmen. Er rechnete eigentlich mit einer neuen Schikane des Zaubereiministeriums und war umso überraschter, als er den Absender las. Ein Brief von Albus. Er hatte kein gutes Gefühl bei der Sache. Bernard musste seine Anspannung bemerkt haben, denn kaum hatte er sich wieder gesetzt, um den Brief zu lesen, kam der Junge, trat hinter ihn und begann, seine verspannten Schultern zu massieren.

Bernard hatte außerdem offensichtlich mitgelesen, denn kaum hatte er den Brief sinken lassen, fragte der Junge: »Wirst du annehmen?«

Er wusste nicht, was er antworten sollte. Einerseits war es in vieler Hinsicht das verlockendste Angebot, das er jemals erhalten hatte, andererseits würde er ihre kleine Gruppe im Stich lassen müssen. Bernards Frage hatte nicht ängstlich geklungen, aber auch nicht begeistert. Es war eine schwierige Entscheidung, und er würde gründlich darüber nachdenken müssen. Die Gruppe mochte auch eine Weile ohne ihn auskommen können, und solange Bernard da war, ging es ihnen immer noch besser als vielen anderen, aber trotzdem würde er sich illoyal und wie ein Verräter fühlen, wenn er sie verließ. Selbst wenn es nur für ein Jahr sein sollte. Aber neben seinen persönlichen Gefühlen gab es noch mehr zu bedenken. Er könnte ein Beispiel sein für sie alle, ein juristischer und politischer Präzedenzfall weit über seine individuelle Betroffenheit hinaus, wenn er das Angebot annahm.

»Ich weiß es nicht«, sagte er schließlich. »Ich muss darüber nachdenken, wenn ich wieder einen klaren Gedanken fassen kann.«

Bernard schlang die Arme von hinten um ihn und legte tröstend den Kopf auf seine Schulter. Er würde die ihre kleine Gruppe wirklich vermissen, wenn – und falls – er das Angebot annahm. Sie waren seit über vier Jahren füreinander da, und diese Jahre waren mit die besten seines Lebens gewesen. Keine große Sache, wenn man alles in Betracht zog, aber trotzdem etwas, das man nicht leichtfertig aufgab. Nicht einmal für Albus Dumbledore.

Er tätschelte beruhigend Bernards Arm, bevor er aufstand.

»Wir sollten langsam aufbrechen«, sagte er. »Die anderen werden schon auf uns warten.«

Der Junge sprang auf und nahm seinen Korb. Er selbst leerte angewidert den letzten Rest kalten Kaffees aus seiner Tasse. Er fühlte sich ausgelaugt und todmüde, aber nach zwei schlaflosen Nächten war das nicht anders zu erwarten. Man hätte annehmen sollen, dass er nach einem viertel Jahrhundert daran gewöhnt war, aber das Gegenteil war der Fall. Je älter er wurde, umso schwerer schien es zu werden. Aber Leute wie er hatten bekanntermaßen keine hohe Lebenserwartung. Und vermutlich hielten die meisten Menschen das für eine Wohltat. Er selbst war gerade einmal dreiunddreißig, jedoch waren seine Schläfen bereits angegraut, und er war der Älteste in ihrer Gruppe.

»Remus! Kommst du jetzt?«, rief ihm Bernard zu, der schon im Flur an der Haustür stand und ungeduldig auf ihn wartete.

Remus rieb sich die müden Augen, gähnte noch einmal ausdauernd und raffte sich dann mit einem Ruck auf, um dem Jungen zu folgen. Er würde sich erst gegen Mittag, wenn sie von ihrer Runde zurückkamen, hinlegen und ein wenig Schlaf nachholen können. Er hasste diese allmonatlich wiederkehrende Tortur. Es war nicht leicht, ein Werwolf zu sein.


Mrs. Kathryn Goldstein, geborene Smith, warf ihrem Schwiegervater einen warnenden Blick zu, als dieser dazu ansetzen wollte, etwas zu sagen.

»Du kannst gehen, Anthony«, beschied sie ihren Sohn.

Mochte Marcus auch der Meinung sein, Anthony wäre alt genug, an diesem kleinen Familienrat teilzunehmen, so teilte sie diese Ansicht keineswegs. Ihr Sohn würde noch früh genug mit den schmutzigen Seiten dieses Konflikts Bekanntschaft schließen. Er war trotz seines erwachsenen Benehmens, auf das sie nicht wenig stolz war, erst dreizehn, und er besuchte mit Draco Malfoy Hogwarts, auch wenn sie ihn verschiedenen Häusern waren. Ihn in das folgende Gespräch einzubeziehen, mochte Marcus für normal halten, aber sie würde nicht zulassen, dass Anthony mit dem Wissen um ihre Pläne belastet wurde. Theodore ließ sich nicht anmerken, ob er mit ihrer Entscheidung einverstanden war oder nicht. Manchmal konnte er so sein. In vieler Hinsicht war er seinem Vater ähnlicher, als er es zugeben wollte. Trotzdem hatte sie es nie bedauert, ihn geheiratet zu haben, auch wenn sie beide damals noch viel zu jung gewesen waren.

Als Anthony den Salon verlassen hatte, klingelte sie nach einem Hauselfen und befahl ihm, Tee zu servieren. Sie bezweifelte zwar, dass Marcus oder Theo von ihrem Feuerwhiskey auf Tee umsteigen würden, aber sie selbst brauchte jetzt etwas Anregendes, und Alkohol kam nicht infrage.

Theo begann einen Privatsphärenzauber, während sie warteten. Eigentlich sollte das innerhalb ihres eigenen Hauses überflüssig sein, aber Vorsicht war mehr als angebracht, und selbst Paranoia war unter den gegebenen Umständen eine vernünftige Haltung. Er vergaß auch nicht, den Kamin vom Netz zu nehmen, vor dem sie saßen, was man tatsächlich nur paranoid nennen konnte.

Inzwischen hatte einer der Hauselfen ein großes Tablett mit einer Kanne Tee, drei Tassen und einer Platte Kümmelkuchen serviert. Eigentlich liebte sie den Kümmelkuchen der Hauselfen, aber heute begnügte sie sich mit Tee. Theo und Marcus lehnten erwartungsgemäß ab, und Theo schenkte seinem Vater und sich stattdessen noch Feuerwhiskey nach.

»Lucius Malfoy also«, durchbrach ihr Schwiegervater das Schweigen. »Das deckt sich mit den Berichten aus meinen anderen Quellen.«

Kathryn fühlte inzwischen keinen Hass mehr bei der Erwähnung von Lucius Malfoys Namen, nur noch kalte Wut. Dieser Bastard würde bezahlen.

»Er hat inzwischen viel Einfluss gewonnen«, sagte Theo, »zu viel, um offen gegen ihn vorzugehen. Selbst der Rücktritt als Schulrat ist nur ein kleiner Rückschlag. Er geht mittlerweile unverhohlen auf Stimmenkauf im Wizengamot. Und die andere Seite ist auch nicht untätig. Auch Dumbledore bereitet sich vor. Er hat unter der Hand Kontakt zu einigen Mitgliedern seines alten Ordens aufgenommen. Es scheint so, als würde sich Geschichte doch wiederholen, ob als Farce oder Tragödie muss sich noch herausstellen.«

Kathryn wünschte, ihr Mann hätte das Offensichtliche nicht so deutlich ausgesprochen. Aber er hatte recht. Der drohende Schatten eines neuen Zaubererkriegs hing über ihren Köpfen, und sie alle wussten, was für ein Grauen der Terror das letzte Mal mit sich gebracht hatte.

»Vergessen wir Dumbledore für den Moment«, sagte sie entschieden. »Solange die Gegenseite sich noch ruhig verhält, können wir ihn als neutrale Kraft einstufen. Und wenn sich die Gefolgschaft des Dunklen Lords tatsächlich aus der Deckung wagt, wird er zumindest ihre Angriffe auf sich ziehen und eine Ablenkung darstellen. Wenden wir uns wieder den akuten Problemen zu.«

»Lucius Malfoy«, stimmte Marcus ihr zu. »Er ist viel zu gefährlich geworden. Hat insgeheim unzählige Kontakte geknüpft und bereitet im Hintergrund alles auf die ›Wiederkunft‹ dieses … seines Herrn und Meisters vor. Fühlt sich sogar stark genug, die Neutralität von Hogwarts zu missachten. Dieser schwachsinnige Dummkopf! Abraxas war immer der Meinung, dass Lucius eigentlich nach Gryffindor oder Hufflepuff gehört hätte. Hätte ihn für seine Dummdreistigkeit ausgepeitscht. Der alte Halunke dreht sich bestimmt im Grabe um.«

»Abraxas' Grab soll nicht unsere Sorge sein«, fiel Kathryn ein. Sie schauderte. Politik. Sie hatte lange gebraucht, bis sie wirklich verstanden hatte, was in der Zaubererwelt unter Politik verstanden wurde. Und das, obwohl sie sehr schnell nach ihrem Abgang von Hogwarts damit konfrontiert worden war. Die Morde und Terroranschläge der Todesser hatten ihren Höhepunkt erreicht, als sie mit Anthony schwanger war. Doch dann hatte der Dunkle Lord unvermittelt seinen Tod gefunden, noch ehe ihr Sohn seinen zweiten Geburtstag in jener Zeit des ständigen Terrors hätte erleben müssen. Mit einem Mal war der Spuk vorbei gewesen. Sie hatte ihre Eltern wieder nach England zurückgeholt, und eine Weile lang hatte es so ausgesehen, als ob alles nur ein schlimmer, aber kurzer Alptraum gewesen wäre. Doch jetzt begann alles von neuem.

»Das Grab seines Sohnes ist es, mit dem wir uns beschäftigen sollten.« Sie war selbst ein wenig erstaunt, wie ruhig ihre Stimme klang. »Wir können nicht zulassen, dass er weiterhin an Einfluss gewinnt.«

»Das ist die richtige Einstellung!« Marcus schien überrascht, schenkte ihr jedoch ein anerkennendes Lächeln. »Wo, wann und wie. Das sind die eigentlichen Fragen.«

Theo leerte sein Glas in einem Zug und schenkte sich dann nach. »Es wird nicht leicht sein. Er muss damit rechnen, dass irgendjemand versucht, ihn für sein letztes Unternehmen zur Rechenschaft zu ziehen. Er wird vorsichtig sein und sich möglichst wenig exponieren.«

Ihr Schwiegervater lachte hart auf. »Du unterschätzt seinen Mut, mein Sohn. Und seine Dummheit. Lucius Malfoy ist in seinem Herzen ein wahrer Gryffindor. Verwegen, unbedacht, jederzeit bereit, die größten Risiken einzugehen, ohne einen Gedanken an die Folgen zu verschwenden. Sieh dir an, wie stümperhaft er diese Tagebuchsache eingefädelt hat. Er ist eine Spielernatur. Hatte nicht einmal einen Eventualplan, falls sein Vorhaben danebengehen sollte. Nein, er wird sich nicht zu Hause verkriechen und stillhalten, bis Gras über die Sache gewachsen ist.«

»Selbst wenn er das vorhätte«, griff Kathryn vermittelnd ein, »es gibt Anlässe, zu denen er erscheinen muss, wenn er nicht an Gesicht verlieren will. Der Sommerball bei den Aldertons.«

Sie hatte bereits einige Zeit über das Problem nachgedacht und glaubte, eine Lösung gefunden zu haben.

»Die Aldertons sind unsere Verbündeten«, wandte Theo ein. »Wir würden sie in eine unmögliche Position bringen, wenn wir das Friedensgebot eines Festes missachten. Sie wären zur Aufkündigung unseres Bündnisses und sogar zur Vergeltung verpflichtet.«

»Nur wenn wir uns erwischen lassen!«, entgegnete Marcus verächtlich. »Außerdem können wir uns im Notfall darauf berufen, dass Malfoy eine unangekündigte Fehde vom Zaun gebrochen hat, als er ein Mitglied der Familie einer tödlichen Gefahr ausgesetzt hat. Blutrache. Eine ultio bricht jedes Friedensgebot.«

»Das würde vor dem Wizengamot nicht halten«, widersprach Theo ruhig. »Wir könnten höchstens eine Entschädigung nach dem parentare verlangen, und das reicht für die Beseitigung eines Gastes unter fremdem Dach nicht aus. Und wir sollten auch nicht den gleichen Fehler wie Lucius Malfoy machen. Selbst wenn wir noch so vorsichtig vorgehen, die Gefahr einer Entdeckung, auch einer nachträglichen, dürfen wir nicht von vorneherein ausschließen.«

Bevor ihr Schwiegervater darauf entgegnen konnte, schritt Kathryn ein. »Das trifft auf ein einfaches parentare zu, aber wie sähe es aus, wenn wir – oder ein verbündetes Haus – talio geltend machen könnte?«

Die beiden Männer musterten sie mit dem gleichen Stirnrunzeln, was sie noch ähnlicher aussehen ließ. Schließlich war es Theo, der fragte.

»Natürlich wäre das etwas anderes, aber es wurden nur Muggelstämmige von dem Basilisken angegriffen«, sagte er vorsichtig. »Selbst wenn wir uns mit der Familie eines Opfers einigen könnten, das Wizengamot würde das niemals akzeptieren. Sie würden Muggeln niemals ein Talionsrecht oder irgendeine andere Form der erweiterten Rache einräumen.«

»Muggelstämmige waren nicht die einzigen Betroffenen«, widersprach Kathryn. »Auch die Weasleys könnten Vergeltung fordern.«

Ihr Mann und ihr Schwiegervater starrten sie an. Diesmal war es Marcus, der den Einwand vorbrachte, mit dem sie gerechnet hatte.

»Die Weasleys hätten zwar ohne Zweifel das Recht dazu, aber allein besitzen sie weder den nötigen Einfluss noch die erforderlichen Mittel. Wir können es uns nicht leisten, einen Pakt mit Blutsverrätern zu schließen, und sei es nur aus Rücksicht auf unsere anderen Verbündeten, von den Folgen für den Status unserer Familie ganz abgesehen.«

»Mit den Weasleys nicht«, gestand ihm Kathryn zu. »Aber wie steht es mit Molly Prewett? Solange die Prewetts kein neues Familienoberhaupt haben, kann es ihr niemand verwehren, im Namen der Prewetts bindende Verträge einzugehen, nicht wahr?«

Sie sah von ihrem Mann zu ihrem Schwiegervater. Anscheinend begannen die beiden zu begreifen, worauf sie hinauswollte. Sie hatte sich die halbe Nacht in der Bibliothek um die Ohren geschlagen und sich durch schwerverständliche Texte voller juristischer Spitzfindigkeiten und absurder Präzedenzfälle gekämpft, bis sie auf diese Möglichkeit gestoßen war.

»Selbstverständlich wäre eine diskrete Beseitigung von Lucius Malfoy vorzuziehen«, fuhr sie fort. »Aber für den Fall einer Entdeckung würden wir uns so wenigstens in einer juristischen Grauzone bewegen. Einige Stimmen würde das im Wizengamot bringen, vor allem von denjenigen, die nur einen legalen Vorwand dafür brauchen, und der Rest …« Sie zuckte mit den Achseln. »… der Rest lässt sich überzeugen. Mit Argumenten oder Galleonen, falls nötig.«

Marcus lachte, und Theo sah sie nachdenklich an, bevor er nickte. »Das wäre eine Möglichkeit. Eine Rückversicherung kann nie schaden. Aber wie treten wir unauffällig mit den Weas… mit Molly Prewett in Kontakt? Das heißt – sind nicht die Fawcetts ihre Nachbarn?«

Kathryn schüttelte den Kopf. »Wir sollten so wenige wie möglich involvieren. Die Fawcetts sind zwar zuverlässig, aber wer weiß, wie sie zu einem Bündnis mit den Weasleys stehen würden. Selbst wenn es nur pro forma mit einer geborenen Prewett geschlossen wird. Nein, ich werde mich persönlich mit Molly Weasley in Verbindung setzen. Wenn sie sich überzeugen lässt –«

»Eine Prewett?«, unterbrach sie Marcus. »Keine Sorge, sie gibt ihre Zustimmung, wenn sie erfährt, gegen wen es geht. Die Prewetts waren immer ein verdammt stolzer und rachsüchtiger Haufen. Wenn die Frau könnte, würde sie Lucius wahrscheinlich eigenhändig die Haut in Streifen schneiden und ihn danach in Salz wälzen.«

Nach diesen Worten setzte Schweigen ein. Kathryn legte ihre Hand auf ihren Bauch. Unbewusst begann sie, mit ihrem Daumen die ersten Striche der Bewahrungsrune nachzuziehen, bevor sie sich zur Ruhe zwang. Sie wollte nicht, dass ihr Mann oder ihr Schwiegervater jetzt schon erfuhren, dass sie schwanger war. Sie bezweifelte, dass die beiden mit ihrer Entscheidung einverstanden gewesen wären. Aber sie würde ihre Tochter nicht in eine Welt setzen, die erneut von Todessern und einem Dunklen Lord bedroht wurde, selbst wenn sie dazu ihre Schwangerschaft ein volles Jahrzehnt lang würde anhalten müssen. Es war schlimm genug, dass Anthony in solchen Zeiten aufwachsen musste. Ihre Tochter würde erst dann geboren werden, wenn diese neue Gefahr beseitigt war. Gründlich beseitigt und mit Stumpf und Stiel ausgerottet, das hatte sie sich geschworen.

»So weit, so gut«, sagte Theo schließlich. »Wir haben eine mögliche Rückversicherung, das Wo und Wann steht fest, bleibt nur noch die Frage nach dem Wie.«

»Das könnt ihr mir überlassen«, sagte Marcus. »Ich habe da bereits eine Möglichkeit ins Auge gefasst.«

Weder sie noch ihr Mann stellten weitere Fragen. Ihr Schwiegervater war ein Zaubertrankmeister. Ein Tropfen im richtigen Glas, ein Nadelstich, ein Händedruck – ja, wahrscheinlich am ehesten so etwas Unauffälliges wie ein Händedruck. Mit einem speziell abgestimmten Kontaktgift. Niemand würde ihren Schwiegervater verdächtigen; schließlich war weithin bekannt, wo seine politischen Sympathien lagen. Zumindest gelegen hatten, wie Kathryn hoffte, auch wenn sie sich dessen nicht völlig sicher war. Wenn Marcus nicht so vernarrt in seinen Enkel gewesen wäre, wer mochte wissen, auf welcher Seite er sich dann wiedergefunden hätte?

»Aber was ist mit seiner Frau und seinem Sohn?«, wollte Marcus wissen. »Sollten wir nicht die Gelegenheit nutzen –«

»Nein!«, widersprach Kathryn heftig. »Wir führen keinen Krieg gegen Kinder!«

Sie schauderte erneut. Die schiere Beiläufigkeit, mit der ihr Schwiegervater seinen Vorschlag gemacht hatte. Als ginge es nicht um Menschen, sondern tatsächlich nur um Familienpolitik. Womöglich handelte es sich aus seiner Sicht auch nur darum. Eine günstige Gelegenheit, die Linie der Malfoys zu beenden und gleichzeitig jeden Racheakt durch völlige Auslöschung des Gegners zu unterbinden. Es mochte sogar rein logisch betrachtet die naheliegendste Lösung sein, aber sie würde es nicht zulassen, dass das Blut von Unschuldigen an ihren Händen klebte. Selbst Lucius Malfoy war fast schon zu viel, auch wenn seine Beseitigung eine Notwendigkeit darstellte. Aber das Oberhaupt der Malfoys hatte sich bewusst für die falsche Seite entschieden. Und er hatte bewiesen, dass er zu gefährlich war, um weiterhin am Leben gelassen zu werden.

»Ich denke auch nicht, dass das nötig sein wird«, sprang ihr Theo bei. »Narcissa ist eine vorsichtige Frau. Wenn ihr Mann nicht mehr da ist, wird sie zwar de facto Oberhaupt der Malfoys sein, aber auch geschwächt und relativ isoliert dastehen. Sie wird ihr Hauptaugenmerk darauf legen, ihren Sohn zu schützen. Wenn man ihr klarmacht, dass sie nichts weiter zu befürchten hat, wenn sie sich ruhig verhält, wird sie genau das tun. Ein anonymer Ratschlag sollte genügen.«

»Meinetwegen«, gab ihr Schwiegervater nach. »Wenn ihr glaubt, dass Narcissa und ihr Sohn keine Bedrohung darstellen … Dann wäre soweit alles klar. Der Sommerball der Aldertons. Ich kümmere mich alle diesbezüglichen Details, und du«, wandte er sich an Kathryn, »klärst ein eventuelles Bündnis mit den ›Prewetts‹ ab. Als Absicherung für den unwahrscheinlichen Fall, dass etwas schieflaufen sollte.«

Sie nickte bestätigend. Marcus hatte recht, alles Wichtige war besprochen. Ein seltsam surreales Gefühl ergriff von ihr Besitz, als ihr Schwiegervater durch den reaktivierten Kamin verschwand und sie wieder mit Theo allein war. Hatten sie gerade eben wirklich beschlossen, einen Menschen zu töten? War das so einfach? Sie fragte sich einen Moment lang, ob sie vielleicht nur träumte, aber da berührte sie Theo an der Schulter und sie zuckte zusammen.

»Alles in Ordnung, Kathy?«, fragte er besorgt.

Er erschien ihr wie ein Fremder, nicht wie der Mann, den sie liebte und den sie geheiratet hatte. Aber das Gefühl dauerte nur einen Moment, und sie schüttelte den Kopf.

»Nein«, antwortete sie, stand auf und umarmte ihn. »Nicht in Ordnung«, flüsterte sie, als er sie in die Arme schloss. »Aber es geht schon wieder.«

Für Anthony, dachte sie. Und für meine ungeborene Tochter. Und all die Toten des letzten Krieges. Ihre Schuld war dagegen nur ein kleiner Preis, und sie war bereit, ihn zu zahlen.


Lucius Malfoy starrte aus dem Fenster seines Arbeitszimmers. Draußen flogen sein Sohn und ein paar seiner Freunde über dem kleinen Quidditchfeld im Garten. Ein beruhigend friedlicher Anblick. Manchmal brauchte er solche Momente, um sich wieder daran zu erinnern, wofür er eigentlich kämpfte.

Er wandte sich ab und setzte sich wieder an seinen Schreibtisch. Siebenundzwanzig zu fünfundzwanzig. Bei drei Enthaltungen. Es war so knapp gewesen. Beinahe hätte er es geschafft. Warum konnten diese verbohrten Schwachköpfe im Wizengamot nicht begreifen, welche Gefahr die Muggel darstellten? Sie waren nur bessere Tiere. Gefährliche Tiere, die sich massenhaft vermehrten und weit in der Überzahl waren. Und ihre ekelhafte Brut würde die Welt der Zauberer allmählich infiltrieren und von innen heraus zerstören, wenn man ihnen nicht Einhalt gebot. Falsche Rücksichtnahme, fehlgeleitete Rührseligkeit, dumme Sentimentalität. Diese alten Tattergreise begriffen nicht, dass es ein Kampf auf Leben und Tod war, den sie mit den Muggeln führten. Und die Schlammblüter waren die Speerspitze des Feindes.

In letzter Zeit häuften sich die Rückschläge, und Lucius hasste Rückschläge. Seine Absetzung als Schulrat war eine unerträgliche Demütigung gewesen, aber an sich bedeutungslos. Die verlorene Abstimmung über das neugefasste Muggelschutzgesetz dagegen war wesentlich ernster. Er hatte wirklich damit gerechnet, zumindest ein Patt erreichen zu können. Das hätte ausgereicht, um den Gesetzentwurf scheitern zu lassen. Stattdessen war einer seiner sicheren Kandidaten umgefallen, und ein weiterer hatte sich enthalten. Lucius hatte keine Zweifel, wem er diese Niederlage zu verdanken hatte. Der verfluchte Muggelfreund Albus Dumbledore und seine ständigen Einmischungen! Nur er konnte im Hintergrund die Fäden gezogen und seinen absehbaren Erfolg im letzten Augenblick in eine Niederlage verwandelt haben.

Natürlich war auch der Misserfolg seiner Hogwartsaktion nicht hilfreich gewesen. Im Nachhinein musste er sich eingestehen, dass er ein zu großes Wagnis eingegangen war. Damals war er der Meinung gewesen, dass der mögliche Gewinn ein gewisses Risiko rechtfertigte, aber aus heutiger Sicht war es ein Fehler gewesen. Er hatte Albus Dumbledore nicht von seinem Sessel stoßen können – nicht dauerhaft –, hatte den Weasleys weder schaden noch sie diskreditieren können, und immer noch stand Hogwarts den Schlammblütern offen, die weiterhin die Kinder der Zaubererschaft mit ihren dreckigen Muggeleinflüssen vergiften konnten. Wenn er auch nur eines dieser Ziele hätte erreichen können, wäre das eine ausreichende Rechtfertigung für das Risiko gewesen, das er eingegangen war. Aber nach Lage der Dinge hatte sein Plan auf ganzer Linie versagt.

Er starrte auf das Porträt seines Vaters, das er gegenüber seinem Schreibtisch aufgehängt hatte. Der alte Mistkerl schlief höchst unpatriarchisch mit offenem Mund in seinem Sessel und schnarchte. Vermutlich schnarchte er. Lucius hatte das Bild vor Jahren mit einem Stillefluch belegt, als er das ständige Keifen und Kritisieren sattgehabt hatte. Sein Vater war im Tod nicht anders als zu Lebzeiten. Beinahe konnte er ihn hören. »Du bist eine Schande für den Namen Malfoy! Bist du sicher, dass dich der Hut nicht nach Gryffindor stecken wollte?«

Abraxas Malfoy hatte niemals an eine Sache geglaubt. Prinzipienlos bis ins Mark war er gewesen, der egozentrische Bastard. Für ihn hatte es immer nur eine Frage gegeben: Was nützt mir das? Höchstens noch: Was nützt das den Malfoys? Alles andere hatte ihn nicht interessiert. Lucius erinnerte sich gut, wie sein Vater entdeckt hatte, dass er das Dunkle Mal empfangen hatte. »Und darauf bist du stolz? Gebrandmarkt wie ein Stück Schlachtvieh? Du törichtes Balg! Was glaubst du, wird dir dein närrischer Idealismus einbringen? Du bist und bleibst ein Gryffindor, wie er leibt und lebt!«

Er war nie so kurz davor gewesen, Abraxas umzubringen, wie damals. Er hatte es nur deshalb nicht getan, weil der alte Mann bereits von den Drachenpocken gezeichnet gewesen war und seine Tage ohnehin gezählt gewesen waren. Sein Vater hatte immer gewusst, wo seine empfindlichen Stellen waren und wie er ihm am meisten wehtun konnte. Seine dauerndes Lamentieren, dass sein Sohn eine Schande für Slytherin und im Grunde seines Herzens ein närrischer Gryffindor wäre, hatte Lucius umso mehr getroffen, weil es ein Körnchen Wahrheit enthalten hatte. Der Hut hatte ihm tatsächlich die Wahl zwischen Gryffindor und Slytherin gelassen. Doch er hatte nicht in ein Haus gewollt, in dem es von Blutsverrätern und Schlammblütern wimmelte, und er hatte seine Entscheidung für Slytherin nie bedauert. Sein Vater war das erste und einzige Mal, soweit Lucius sich zurückerinnern konnte, wirklich stolz auf ihn gewesen. Der Stolz hatte nicht lange angehalten.

Draco hatte in gewisser Weise große Ähnlichkeit mit Abraxas. Lucius hatte zwar versucht, seinem Sohn ein besserer Vater zu sein, bei aller nötigen Strenge stets gerecht zu bleiben und ihm Werte zu vermitteln, die über reinen Egoismus hinausgingen, aber er war sich oft nicht sicher, ob er mit seinen Bemühungen Erfolg gehabt hatte. Draco bewies manchmal eine Ichbezogenheit und moralische Flexibilität, die Lucius unangenehm an die Rückgratlosigkeit von Abraxas gemahnte.

Auch Narcissa war da keine große Hilfe bei der Erziehung ihres Sohnes gewesen. Er liebte sie abgöttisch, auch noch nach den vielen Jahren, die sie verheiratet waren, aber auch sie neigte gelegentlich zu Opportunismus. Im Prinzip teilte sie seine Ansichten und Ziele, aber sie war nicht wirklich bereit, für deren Durchsetzung auch persönliche Opfer zu bringen. Im Augenblick war sie dabei, zu ihm auf Distanz zu gehen und das auch jeden wissen zu lassen. Aber sie hatte ihm gesagt, dass sie dies tun würde und warum. Und er war durchaus einverstanden. In letzter Zeit war so viel schiefgegangen, dass ein bisschen Vorsicht selbst ihm angezeigt schien. Sein Vorgehen hatte ihm viele Feinde eingebracht, und mit seinem politischen Einfluss wuchs auch die Zahl seiner Gegner, da gab er sich keinen Illusionen hin.

Aber er glaubte nicht, dass es jemand wirklich wagen würde, gegen ihn oder seine Familie direkt vorzugehen. Dazu hatte der Name Malfoy zu viel Gewicht in der Zaubererwelt.

Nachdenklich zog er den Ärmel seiner Robe hoch und betrachtete das Dunkle Mal, dass sich blass auf der Haut seines Unterarms abzeichnete. In einer Hinsicht hatte sein Vater recht gehabt: Es war ein Akt jugendlichen Idealismus gewesen, und sogar töricht – aus heutiger Sicht. Aber damals hatte eine beinahe revolutionäre Aufbruchstimmung geherrscht, und der Dunkle Lord hatte ihnen allen neue Hoffnung gegeben, dass sich die Zustände wirklich in kurzer Zeit ändern ließen. Doch heute … Lucius war sich nicht sicher, ob er die unverkennbaren Anzeichen für die bevorstehende Wiederkehr des Dunklen Lords begrüßen sollte. Natürlich würde ein charismatischer Führer ihrer Sache neuen Zulauf verschaffen, so hätte man meinen können, aber die Zeiten hatten sich auch geändert. Über ein Jahrzehnt war vergangen, und die Welt hatte sich weitergedreht. Heute war sein politischer Einfluss als Oberhaupt des Hauses Malfoy wichtiger für ihren Kampf als der politische Terror der frühen Aufbruchsjahre ihrer Bewegung. Lucius bezweifelte, dass der Dunkle Lord diese Sicht der Dinge teilen würde. Er war immer sehr engagiert gewesen, fast schon zu fanatisch, und auch eifersüchtig darauf bedacht, dass niemand ihm seine Position als ihr unangefochtener Anführer streitig machte. Der Dunkle Lord würde vielleicht nicht erfreut sein, dass einer seiner Mitstreiter so viel politische Macht erlangt hatte, wenn er selbst wieder die Arena betrat.

Lucius versteckte das Dunkle Mal wieder sorgfältig unter dem Ärmel seiner Robe. Er brauchte es nicht mehr, um sich daran zu erinnern, wofür er seinen Kampf führte. Er ging wieder zum Fenster seines Arbeitszimmers und öffnete es weit. Die Sommersonne schien und badete den Garten des Malfoy-Anwesens in ihrem Licht. Die Luft war warm und schwer vom Duft der blühenden Sträucher und Stauden. Draco und seine Freunde spielten nicht mehr auf dem Quidditchfeld, aber von irgendwo erschallte unbekümmertes Gelächter.

Es erfühlte Lucius' Herz mit Freude und verlieh ihm neue Kraft. Das war es, was wichtig war. Das musste beschützt werden, das durfte nicht untergehen. Auch wenn es manchmal mühselig und frustrierend war und große Opfer verlangte, das machte es alles wert. Für den Erhalt eines Paradieses, für das Fortbestehen einer Lebensweise, für seinen Sohn. Allein dafür lohnte sich der Kampf.


Molly Weasley hatte lange überlegt, ob sie ihrem Mann von dem Brief erzählen sollte, und es schließlich dem Schicksal überlassen. Sie hatte Arthur beim Frühstück gesagt, dass eine Freundin sie eingeladen hätte, und wenn er nachgefragt hätte, dann hätte sie ihm auch den Rest erzählt. Er hatte nicht gefragt.

Vielleicht war das sogar die bessere Lösung. Sie hätte ohnehin nicht gewusst, was sie ihm sagen sollte. Der Brief enthielt zwar Andeutungen, die sie glaubte, entschlüsselt zu haben, aber nichts Konkretes. Nun, sie würde bald Genaueres erfahren, nicht wahr?

Die Goldsteins. Was konnten die Goldsteins von ihr wollen? Sie war seit Jahrzehnten nicht mehr in solchen Kreisen verkehrt. Nicht mehr, seit sie Arthur geheiratet hatte. Sie hatte es auch kaum jemals bedauert. Auch im Nachhinein war es die richtige Entscheidung gewesen. Natürlich war es nicht immer leicht, vor allem, was das Materielle betraf, aber Arthur, die Kinder und ihr Leben im Fuchsbau glichen das mehr als aus. Trotzdem hatte sie für diesen Besuch eine ihrer alten Festtagsroben, die sie als junges Mädchen getragen hatte, aus ihrem Schrank hervorgeholt, und nach einigen Änderungszaubern hatte sie sich hineinzwängen können. Es war ein seltsames Gefühl, wieder eine formelle Robe zu tragen. Die Silberfäden glitzerten in komplexen Mustern durch den orangefarbenen Samt des Stoffes. Es war kein Modell, wie es heutzutage auf den Modeseiten von Witch Weekly auftauchte, aber klassisch genug, um nicht unangenehm aufzufallen und jedenfalls besser als das, was sie normalerweise im Haus trug.

Sie warf noch einen letzten Blick auf den Flurspiegel, konnte aber an ihrer Erscheinung nichts auszusetzen finden. Sie war eben kein junges Mädchen mehr, und klein und ein wenig pummelig war sie auch damals schon gewesen.

Ohne sich länger aufzuhalten, griff sie nach dem Flohpulver, warf es ins Kaminfeuer und trat Sekunden später aus dem Kamin in der Empfangshalle der Goldsteins. Der Anblick nahm ihr den Atem. Es war nicht die Pracht der Halle, der glänzende spiegelnde Marmor, der gewaltige funkelnde Kronleuchter und die breite Eingangstreppe, die sie so überwältigten, sondern ihre eigenen Erinnerungen. Sie kam sich wieder wie ein junges Mädchen vor, das in der riesigen Empfangshalle ihres Elternhauses stand. Halb erwartete sie, dass gleich ihre kleinen Brüder lachend die Treppen heruntergerannt kamen, verfolgt vom schimpfenden Regaster, dem einzigen Hauself, der jemals eine Chance gegen die beiden gehabt hatte. Sie riss sich zusammen. Es war über dreißig Jahre her, dass sie das Anwesen der Prewetts betreten hatte, und Fabian und Gideon waren vor fünfzehn Jahren gestorben. Zwei Monate, bevor ihre eigenen Zwillinge zur Welt gekommen waren. Selbst nach so langer Zeit tat es noch weh.

Eine Tür schwang auf und eine Frau betrat die Empfangshalle. Mrs. Goldstein, die Hausherrin, wenn sie sich nicht täuschte. Sie war hochgewachsen, schlank und mindestens zehn Jahre jünger als Molly. Sie hatte schwarze Haare, war von vornehmer Blässe und trug eine schwarze Robe mit silbernen Runenmustern. Als sie näherkam, konnte Molly einige entziffern. Sie war zwar keine Expertin, was Runen anbetraf, aber sie erkannte zumindest die einfacheren Schutz-, Wahrheits- und Parlamentärszeichen.

»Willkommen im Haus der Goldsteins«, grüßte die Frau, als sie Molly erreicht hatte, breitete leicht die Arme aus und zeigte ihre leeren Hände. »Ich freue mich, dass Sie meiner Einladung gefolgt sind, Mrs. Weasley. Ich bin Kathryn Goldstein.«

Beinahe hätte Molly mit einem formellen Knicks geantwortet, so sehr versetzte sie die Umgebung in ihre Jugend zurück. Stattdessen öffnete auch sie leicht die Arme und zeigte ebenfalls ihre leeren Hände.

»Ich danke für die Gastfreundschaft dieses Hauses. Und die freundliche Einladung«, erwiderte sie. »Auch wenn ich nicht sicher bin, was sie zu bedeuten hat.«

Mrs. Goldstein lächelte unverbindlich. »Lassen Sie uns den Zweck ihres Besuchs in einer privateren Atmosphäre besprechen. Wenn Sie erlauben, werde ich vorausgehen.«

Molly folgte der Frau die Marmortreppen hinauf in den ersten Stock und einen langen Flur entlang, bis sie in einen holzgetäfelten Salon gelangten. Schwere klobige Eichenmöbel im elisabethanischen Stil, mit gewundenen Säulenbeinen und reich mit Akanthus-Schnitzwerk verziert, machten die Einrichtung aus. Auf einem wuchtigen Eichentisch lagen einige Pergamente und dort stand auch ein großer Leuchter mit drei schwarzen Kerzen. Ein Silendar, erkannte Molly erstaunt. Auch ihr Vater hatte einen besessen, aber ihn nie benutzt, soweit sie wusste.

»Erlauben Sie?«, fragte Mrs. Goldstein und zog ihren Zauberstab, als Molly mit einem Nicken ihr Einverständnis gegeben hatte. Sie zündete eine der äußeren Kerzen an.

»Darf ich Ihnen erklären, wie –«

»Ich weiß, was ein Silendar ist«, unterbrach Molly sie. Trotzdem zögerte sie, die zweite Kerze zu entzünden. Wenn sie es tat, würde es ihr nicht mehr freistehen, Arthur von dem Gespräch zu erzählen. Oder irgendjemandem, was das betraf. Wirksam wie ein Fideliuszauber und tödlich wie ein unbrechbarer Eid. Aber vermutlich würde sie nie erfahren, warum man sie hergebeten hatte, wenn sie nicht mitspielte.

»Ich dachte, Silendare wären verboten«, sagte sie, während sie den eigenen Zauberstab zog und die gegenüberliegende Kerze entzündete. Mrs. Goldstein lächelte, antwortete jedoch erst, als wie von selbst auch der Docht der Kerze in der Mitte des Kandelabers aufflammte und in düsterem, lichtlosem Rot zu brennen begann.

»Das sind sie«, gab sie dann offen zu. »Wenn auch nicht der Besitz an sich illegal ist, so doch ihre Verwendung. Allerdings sind sie ungemein nützlich, wenn ein Höchstmaß an Diskretion erforderlich ist.«

Sie deutet mit einladender Geste auf einen Stuhl und nahm selbst gegenüber Molly auf der anderen Seite des Tisches Platz.

»Ich freue mich wirklich, dass Sie meiner Einladung gefolgt sind«, begann sie das Gespräch. »Wir benötigen Ihre Hilfe in einer sehr delikaten Angelegenheit.«

Molly starrte die Frau ungläubig an. Ihre Hilfe? Wobei konnte eine Familie wie die Goldsteins auf ihre Hilfe angewiesen sein?

»In Ihrem Brief haben Sie angedeutet, dass es zum Nutzen meiner Familie wäre, wenn wir uns unterhielten«, stellte sie ungeduldig fest. »Und jetzt wollen Sie, dass ich Ihnen helfe?«

»Das eine schließt das andere nicht aus«, antwortete Mrs. Goldstein ernst. »Entschuldigen Sie meine Offenheit, aber ich denke Sie sind eine Frau, die klare Worte zu schätzen weiß. Kurz gesagt: Das Problem, bei dem wir Ihre Hilfe benötigen, ist die Beseitigung einer Gefahr für uns alle. Wir beabsichtigen, die Eliminierung von Lucius Malfoy zu betreiben.«

»Die Eliminierung …?« Molly verschlug es die Sprache. Die andere Frau machte nicht den Eindruck, als hätte sie einen Witz machen wollen, aber das konnte sie doch unmöglich ernst gemeint haben? Selbst wenn, was sollte sie dabei tun? Natürlich hätte sie Lucius Malfoy am liebsten Tod gesehen – oder zumindest in Ketten vor dem Wizengamot. Der skrupellose Bastard hätte beinahe ihre einzige Tochter auf dem Gewissen gehabt. Es war reines Glück, dass Ginny noch am Leben war und es auch keine anderen Toten gegeben hatte. Sie bemühte sich, den aufbrodelnden Hass unter Kontrolle zu halten und einen klaren Kopf zu bewahren.

»Es ist weniger Ihre aktive oder direkte Unterstützung, die wir suchen«, erklärte Mrs. Goldstein unbewegt. »Es handelte sich um ein juristisches Problem, vor dem wir stehen und bei dem Sie uns helfen könnten. Wir haben kein eigenständiges Recht, gegen Lucius Malfoy vorzugehen. Falls unsere Pläne oder unsere Beteiligung im Nachhinein aufgedeckt werden sollten, wäre unsere rechtliche Position äußerst schwach. Wenn wir dagegen einen Verbündeten hätten, der sich auf eine talio gegen die Malfoys berufen könnte und in dessen Namen wir Vergeltung üben könnten … Sie verstehen?«

Im ersten Moment verstand Molly Weasley keineswegs. Natürlich begriff sie, was die Frau von ihr wollte, aber sie hatte seit Ewigkeiten nicht mehr in solchen Bahnen gedacht. Und sie war froh darüber. Zaubererpolitik hatte sie zeitlebens angewidert, nicht erst, seit sie in eine Familie von »Blutsverrätern« eingeheiratet hatte.

»Leider können wir, nach Lage der Dinge, kein Bündnis mit der Weasley-Familie eingehen«, fuhr Mrs. Goldstein fort, als sie nichts erwiderte. »Doch nichts spricht gegen eine temporäre partnerschaftliche Verbindung mit den Prewetts. Sie würden keinerlei echte Verpflichtungen eingehen, außer einer strengen Geheimhaltungsklausel, und uns lediglich das Recht einräumen, in ihrem Namen Vergeltung zu üben. Ansonsten wäre es ein völlig standardgemäßer, auf ein Jahr befristeter Bündnisvertrag.«

Molly schüttelte ungläubig den Kopf. Sie überflog fassungslos auf das Dokument, dass ihr Mrs. Goldstein zugeschoben hatte. Es handelte sich tatsächlich um einen formellen Bündnisvertrag, begrenzt auf ein Jahr, und die Unterschrift und das Siegel der Goldsteins waren bereits darauf. Es fehlte nur ihre eigene Unterschrift.

»Warum?«, wollte sie wissen. Die jüngere Frau sah sie nur verständnislos an. »Warum wollen Sie Lucius Malfoys Tod?«, fragte Molly. »Was haben die Goldsteins für ein Interesse daran, dass er stirbt?«

Ihr Gegenüber dachte kurz nach, antwortete dann aber sachlich und bestimmt: »Lucius Malfoy ist zu gefährlich geworden. Sein politischer Einfluss wächst ständig, und er schart wieder eine Gruppe der ehemaligen Gefolgsleute des Dunklen Lords um sich. Alles deutet darauf hin, dass er die Rückkehr seines alten Meisters vorbereitet. Ich denke nicht, dass ich ausgerechnet Ihnen erklären muss, was das bedeutet.«

»Nein«, erwiderte Molly. Das brauchte die Frau wirklich nicht. Nahezu ihre gesamte Familie war den Todessern zum Opfer gefallen. Sie waren nicht kampflos untergegangen, und ihre Brüder hatten mehr Todesser zur Strecke gebracht als das gesamte Aurorenkorps, bevor sie selbst den Tod fanden. Aber bis dahin hatten die Gefolgsleute des Dunklen Lords gelernt, die Grausamkeit der Prewett-Zwillinge mehr zu fürchten als die vielfach hilflosen Gegenschläge der Auroren oder des restlichen Ordens.

»Außerdem«, sagte Mrs. Goldstein, und zum ersten Mal verschwand das aufgesetzte unverbindliche Lächeln völlig aus ihrem Gesicht, »hat Lucius Malfoy einen Basilisken in Hogwarts losgelassen. Auch mein Sohn geht auf diese Schule. Es ist ihm zwar nichts zugestoßen, aber das ist nicht der Verdienst dieses Mannes.«

Das war ein Gefühl, dass Molly nachvollziehen konnte. Trotzdem war sie einen Moment lang verwirrt, bis ihr wieder einfiel, dass Mrs. Goldstein muggelstämmig und ihr Sohn ein Halbblut sein musste. Sogar der Daily Prophet hatte damals berichtet, dass sich der Goldsteinerbe mit einer Muggelstämmigen eingelassen und diese sogar heimlich geheiratet hatte. In den Siebzigern war das noch ein mittlerer Skandal gewesen. Man sah Mrs. Goldstein das Muggelstämmige jedenfalls nicht an.

»Sie können sich natürlich Bedenkzeit nehmen«, sagte Mrs. Goldstein. »Wir brauchen Ihre Antwort nicht sofort, jedoch müssten wir spätestens in zwei Wochen …«

Sie brach ab, als Molly nach der Feder griff und sie ins Tintenfass tauchte. Molly wusste selbst nicht, woher der Impuls gekommen war, aber sie setzte sauber ihren Mädchennamen auf das Pergament. Verwundert sah sie auf ihre eigene Unterschrift. Maria Prewett. Wann hatte sie das letzte Mal so unterschrieben? Sie wusste es nicht mehr. Irgendwann vor ihrer Heirat mit Arthur, so viel war sicher. Ihre Heiratsurkunde hatte sie bereits als eine Weasley unterzeichnet.

»Danke«, sagte Mrs. Goldstein und nahm den Vertrag wieder an sich. »Wir stehen in Ihrer Schuld.«

Molly schüttelte wieder den Kopf. Eigentlich wollte sie nur noch nach Hause. Zurück in den Fuchsbau und zu ihrer Familie und das alles vergessen. Sie bedauerte bereits, dass sie der Einladung gefolgt war, auch wenn sie den Goldsteins alles Glück der Welt wünschte, soweit es deren Pläne für Lucius Malfoy betraf.

»Sie haben Söhne, die sich im Ausland aufhalten, soweit ich informiert bin?«, fragte Mrs. Goldstein plötzlich.

»Ja«, antwortete Molly knapp.

»Es wäre eine gute Idee, in spätestens drei Wochen das Land für einige Zeit ganz offiziell zu verlassen. Vielleicht möchten Sie und Ihre Familie einen Ihrer Söhne besuchen? Es ist zwar unwahrscheinlich, dass Sie direkt unter Verdacht geraten könnten, aber wir sollten sichergehen, dass niemand Sie mit dem Ableben von Lucius Malfoy in Verbindung bringen kann. Immerhin haben Sie und Ihre Familie das stärkste Motiv. Wir glauben, eine Möglichkeit gefunden zu haben, eine solche Auslandsreise und Ihre darauffolgende Abwesenheit während der kritischen Zeitspanne recht öffentlichkeitswirksam bekanntzumachen und Sie gleichzeitig mit den nötigen Finanzmitteln auszustatten. Die Einzelheiten müssen noch geklärt werden, aber ich werde Ihnen eine kurze Nachricht zukommen lassen, wenn es so weit ist.«

Molly erhob sich. Sie hatte genug. Die Frau hatte ihre Unterschrift und mehr konnte sie nicht verlangen.

»Ich möchte jetzt gehen«, sagte sie, und es scherte sie nicht, dass ihre Worte unhöflich waren.

»Selbstverständlich. Ich begleite Sie nach unten.« Mrs Goldstein wollte gerade die erste Kerze des Silendars wieder löschen, als Molly noch einmal die Hand hob.

»Wenn Sie ihn … wenn Lucius Malfoy stirbt …«, begann sie, holte tief Atem und zwang sich, ruhig zu sprechen. »Ich will … ich würde es begrüßen, wenn er leidet. Ein schneller Tod ist zu gut für ihn.«

Sie war selbst erstaunt über die Kälte in ihrer Stimme. Mrs. Goldstein sah sie seltsam an, erwiderte aber dann: »Das ist nicht unsere oberste Priorität, aber ein rasches Ableben von Lucius Malfoy ist aus verschiedenen Gründen nicht vorgesehen. Sein Leiden wird sich in Grenzen halten, aber es wird nicht schnell gehen, und er wird genug Zeit haben, sich seines Schicksals bewusstzuwerden.«

Molly nickte kurz und löschte ihre Kerze. Mrs Goldstein tat das Gleiche mit der ihren und begleitete sie dann wieder nach unten in die Empfangshalle. Molly wollte nur noch nach Hause. Sie hatte genug von Zaubererpolitik. Dieser kurze Ausflug in die schlimmsten Abgründe ihrer Jugend hatte ihr wieder ins Gedächtnis gerufen, warum sie damals ihr Elternhaus verlassen und Arthur geheiratet hatte. Sie sehnte nichts mehr herbei, als wieder in der Küche des Fuchsbaus zu stehen, das Abendessen für Arthur und die Kinder zu kochen und an nichts anderes zu denken als an die Hausarbeit des nächsten Tages. Das musste der Himmel auf Erden sein.


Der Hund erwachte. Die Reste eines Hundetraums – eines Alptraums – spukten durch seinen zähen Gedankenstrom. Es war dunkel, und alles fühlte sich falsch an. Er konnte nicht richtig riechen, sein Fell schien an seiner Haut zu reiben und irgendetwas stimmte mit seinen Gliedmaßen nicht. Sie hatten die falsche Form, waren nicht dort, wo sie sein sollten. Der Hund versuchte unbeholfen, sich aufzurichten, stieß jedoch mit dem Kopf an der Decke an. Als sein Blick auf seine Pfoten fiel, begann durch den Schock hindurch die Erkenntnis in ihm aufzudämmern.

Fünf Finger. Der Mann starrte verwirrt auf seine Hände. Das Denken fiel ihm schwer. Er versuchte sich zu erinnern, wo er war, wer er war, aber ihm wollte kein Name einfallen. Hund. War das ein Name?

Er robbte aus seinem engen Lager. Als er heraus war, erkannte er im schummrigen Licht seiner winzigen Zelle, dass er unter der Pritsche geschlafen hatte. Wie so oft. Die Zelle war kahl und leer. Auf drei Seiten nackte Steinwände, die vierte bestand aus Gitterstäben, die ebenfalls nur den Blick auf eine weitere Wand freigaben, die zu einem Gang gehörte, der an seiner Zelle vorbeiführte. Eine schmale Pritsche war die ganze Einrichtung. In einem Eck war ein kleines Loch im Boden, aus dem ein leises Plätschern erklang. Automatisch ging er zu dem Loch, hob seine Roben, hockte sich und verrichtete seine Notdurft.

Noch immer wollte ihm nicht einfallen, wer er war oder was er hier zu suchen hatte. Ein Gefängnis, soviel war ihm klar. Und er war unschuldig, auch dessen war er sich sicher. Unschuldig und doch nicht ohne Schuld. Er zermarterte sich das Gehirn, aber seine Gedanken waren träge und gedämpft. Als würde etwas von außen ihren Fluss hemmen, an ihm saugen und ihm die Kraft rauben.

Dementoren! Er war in Azkaban! Er versuchte, den Gedanken festzuhalten. Warum war er hier, wenn er doch unschuldig war? Er quälte sich minutenlang, aber es brachte nichts. Vielleicht hatte er bereits den Verstand verloren? Wie lange war er schon hier?

Sein Blick fiel auf eine Schale, die neben den Gitterstäben auf dem Boden stand. Plötzlich wurde er sich seines Hungers bewusst. Er war dauernd da gewesen, aber erst jetzt schob er sich in den Vordergrund seines Denkens und füllte seinen Verstand völlig aus. Alle anderen Fragen waren vergessen, als er zu der Schale stürzte und sich mit den Fingern den dünnen Brei in den Mund stopfte. Die Substanz war nahezu geschmacklos. Manchmal schmeckte sie wirklich übel, an seltenen Tagen war der Brei zuckersüß, aber meist war er so schal und fade wie heute. Ein paar Bröckchen schwammen in der dünnen Pampe. Er schlang sie hinunter, ohne darauf zu achten, was es war. Er schleckte die leere Schale aus und leckte schließlich auch die letzen Reste des Breis von seinen Fingern. Sein Hunger war keineswegs gestillt, und sein Magen rumpelte wütend, aber es gab nichts mehr.

Plötzlich hörte er ferne Schreie durch die Gitterstäbe seiner Zelle. Er konnte keine Worte ausmachen, aber die Stimme jagte ihm Schauer über den Rücken. Es waren die Schreie einer Wahnsinnigen. Und er erkannte diese Stimme. Bellatrix! Seine zitternden Hände ergriffen wie von selbst die Gitterstäbe seiner Zelle, und er wünschte sich nichts mehr, als dass es der Hals seiner Cousine statt des kalten Eisens gewesen wäre, den sie umklammerten. Voldemorts Hure! Ein krächzender Laut entkam seinem Mund, aber er hatte nicht die Kraft, die der Wahnsinn seiner Cousine verlieh. Was hätte er darum gegeben, diese Schlampe endlich erwürgen zu können, wie es sein Recht war.

Aber die Erinnerung an seine Cousine und der Hass auf sie durchbrachen auch den Nebel, der seinen Verstand bis jetzt umfangen hatte. Er war Sirius Black. Nunmehr Erbe und Oberhaupt des edlen und uralten Hauses derer von Black. Bis zu dem Tag, an dem er hier in Azkaban verrottete und sein Leichnam aus der Zelle getragen wurde. Die Ironie der Situation hatte nichts Erheiterndes.

Seine wahnsinnige Cousine schrie und fluchte weiterhin, aber er löste seine verkrampften Hände von den Gitterstäben. Wie lange war er schon eingesperrt? Er ging zu seiner Pritsche, aber dann fiel ihm wieder ein, dass er es nach dem zweiten Jahr seiner Gefangenschaft aufgegeben hatte, mit den Fingernägeln Striche in die Wand zu kratzen. Er fingerte durch seine Haare, aber auch daran ließ sich nicht ablesen, wie lange er bereits gefangen gehalten wurde. Seine Verwandlungen in seine Animagusform beeinflussten auch sein menschliches Erscheinungsbild bei der Rückverwandlung. Sonst würden seine Haare inzwischen bis zum Boden reichen, denn fünf Jahre musste er mindestens schon in seiner winzigen Zelle dahinvegetieren. Es hätte ihn jedoch auch nicht gewundert, wenn es fünfzig gewesen wären. Er betastete sein Gesicht, aber es war nur knochig und hager. Die Haut war dünn und spannte, aber er fühlte keine tiefen Falten. Sein Kinn wies ebenfalls nur einen unregelmäßigen stoppeligen Bewuchs auf, doch auch das musste auf die ständigen Verwandlungen und Rückverwandlungen zurückzuführen sein.

Er setzte sich auf seine Pritsche starrte ins Nichts. Verzweiflung fühlte er längst nicht mehr. Warum, wusste er selbst nicht. Nicht einmal die Dementoren schienen ihm viel anhaben zu können. Zum Teil lag das auch am Hund, aber vielleicht war es auch einfach so, dass er nicht genug Glück in sich trug, von dem sie hätten zehren können. Seine einzige Gewissheit war, dass er unschuldig war. Und der Verräter war frei. Wie viel Lebensfreude konnte man aus diesem Gedanken ziehen?

Er legte sich auf die Pritsche und zog die Decke über sich. Ein Tag wie jeder andere. Manchmal sehnte er den Tod herbei, doch die Dementoren ließen ihr Nutzvieh nicht so leicht entkommen. Von Toten konnten sie sich nicht ernähren. Er rollte sich zusammen und starrte an die Wand. Sirius Black. Ich bin Sirius Black, sagte er sich immer wieder. Einen Black konnte man nur töten, nicht brechen. So war es immer gewesen, so würde es immer sein.

Nach vielen Stunden verfiel er erneut in ein dumpfes Dösen. Als ein Dementor an seiner Zelle vorbeikam, zuckte er und schrie im Schlaf auf, aber Sekunden später lag nur noch ein Hund auf der Pritsche, und Sirius Black war nicht mehr. Der Hund befreite sich von der Decke und krabbelte in die Sicherheit seines Lagers unter der Pritsche. Dort rollte er sich zusammen und schlief weiter. Die Anwesenheit der Dementoren nahm er kaum noch wahr. Er hatte sich längst damit abgefunden, dass er kein besonders glücklicher Hund war.