2. A Fine Young Man
(House Carpenter – Faun Fables)


Simon warf einen kritischen Blick auf die Deckenlampe. Es traf sich gut, dass seine Mum diese Woche noch arbeiten musste. Sie wäre nicht begeistert gewesen von seiner nächsten Aktion. Aber was sie nicht wusste, konnte ihre ohnehin miese Laune nicht noch weiter verschlechtern. Trotzdem zog er vorsorglich die Schuhe aus, bevor er auf den niedrigen Wohnzimmertisch stieg. Zum Glück waren die Decken in dem alten Haus nicht sehr hoch. Er kam ohne Probleme an die Lampe und schraubte die erste der drei Glühbirnen aus der Fassung.

Er packte eine nach der anderen in den Karton, in dem schon elf andere lagen, die er inzwischen ausgetauscht hatte. Eigentlich hatte er sie wegwerfen wollen, aber etwas in ihm sträubte sich dagegen, sie im Müll liegen zu sehen. Schließlich waren sie prinzipiell noch völlig in Ordnung. Sie flackerten lediglich, und das lag nicht an ihnen, sondern an den Zaubern, die auf dem Haus lagen, und mittlerweile bei nahezu allen elektrischen Geräten Störungen verursachten.

Es war seltsam gewesen, als er vorgestern aus dem Kamin getreten war. Obwohl es erst ein halbes Jahr her war, seitdem er das letzte Mal zu Hause gewesen war, hatte sich irgendetwas verändert. Es war nichts Greifbares, nichts, was man hätte sehen können. An der Oberfläche schien alles normal. Trotzdem war das Haus anders. Die Atmosphäre war nicht mehr dieselbe. Nicht unbedingt magischer, eher unwirklich. Und das hatte er bereits gefühlt, bevor er die Übellaunigkeit seiner Mum zu spüren bekommen hatte. Wobei er ihre Frustration durchaus verstand. Die einzigen Elektrogeräte im ganzen Haus, die noch ansatzweise zuverlässig funktionierten, waren der Staubsauger und der Mixer. Alles andere hatte zuletzt nur noch sporadisch seinen Dienst versehen oder diesen komplett verweigerte.

Seine Mum hatte vorsichtshalber alle Stecker gezogen und die letzten drei Tage vor seiner Rückkehr stromlos verbracht. Das erklärte auch ihre unterirdische Laune und die ständige Gereiztheit. Dass er selbst meistens in ausgezeichneter Stimmung war und ihre negativen Schwingungen wirkungslos an ihm abprallten, half nicht gerade. Vermutlich glaubte sie, dass er die Misere nicht ernst genug nahm, und fühlte sich dadurch zusätzlich provoziert. Und sie hatte teilweise recht. Im Augenblick war ihm der ständige Stromausfall relativ gleichgültig. Es war zwar ärgerlich, dass nichts im Haus richtig funktionierte und sie sich seit Tagen mit kalter Küche zufriedengeben mussten, aber er hatte Wichtigeres im Kopf.

Er wollte die Schachtel mit den Glühbirnen gerade wegräumen, als ihm die Stehlampe ins Auge fiel. Er schraubte auch noch dieses letzte Birnchen heraus, bevor er den Karton in die Vorratskammer brachte und unter einem Regal verstaute. Dann nahm er zwei weitere der kleinen Leuchtgloben mit, die sie bei Wilson & Swan in der Winkelgasse gekauft hatten, und kehrte ins Wohnzimmer zurück.

Den ersten Globus hielt er an den Lichtschalter an der Wand und murmelte den Aktivierungszauber, den er inzwischen auswendig kannte; mit dem zweiten tat er das Gleiche an der Schnur der Stehlampe und schraubte ihn in die leere Fassung. Er zog an der Schnur und sah befriedigt, wie der Leuchtglobus sein helles Licht verbreitete. Man konnte kaum einen Unterschied zu vorher feststellen, wenn man nicht Bescheid wusste.

Er machte die Stehlampe wieder aus und stieg erneut auf den Wohnzimmertisch, um auch den letzten magischen Glühbirnenersatz anzubringen. Zwar würden an der Deckenlampe zwei Fassungen leer bleiben, aber drei Leuchtgloben wären wohl zu hell gewesen.

Während er den Globus in die mittlere Fassung schraubte, begann er vor sich hin zu pfeifen. Auch in dieser Hinsicht traf es sich gut, dass seine Mum nicht da war. Sie hatte sich in den letzten Tagen mehr als einmal über sein »grauenhaftes Gepfeife« beschwert. Vermutlich sogar zu Recht. Es war kein Lied oder irgendeine bekannte Melodie, die er da von sich gab, sondern lediglich eine Abfolge von atonalen Pfeiftönen, wie er zugeben musste. Es war ihm selbst ein Rätsel, warum er das tat. Nun, es war ihm durchaus klar, weshalb er sich so fühlte, wie er sich fühlte, aber warum er nur dissonante Geräusche von sich gab, statt wenigstens den Versuch zu unternehmen, ein fröhliches Liedchen vor sich hin zu pfeifen, wusste er nicht. Ihm war einfach danach. Und im Moment war sowieso niemand außer ihm im Haus, also konnte sich auch niemand daran stören.

Er stieg wieder von Tisch und betätigte den Lichtschalter. Auch der letzte Globus funktionierte einwandfrei, wie er hochzufrieden feststellte. Das sollte die lästige ständige Verdrossenheit seiner Mum zumindest ein kleines bisschen dämpfen. Wenn heute Nachmittag dann Wilson & Swan noch die magischen Ersatzgeräte für Kühlschrank, Herd, Waschmaschine und so weiter lieferten, würde sie sich hoffentlich wieder einkriegen und zu einer rationaleren Betrachtungsweise zurückfinden. Allerdings würde er sich wahrscheinlich noch einige Zeit lang anhören müssen, wie teuer das alles gewesen war. Aber es war eben nicht zu ändern.

Er schloss die Vorhänge, setzte sich auf einen Sessel und sah sich prüfend um. Ein Leuchtglobus war tatsächlich hell genug für den Raum, soweit sich das bei Tageslicht und zugezogenen Vorhängen sagen ließ. Sein Blick fiel auf den schwarzen Bildschirm des nutzlos gewordenen Fernsehers. Er würde ihn sicherlich früher oder später vermissen, aber im Moment kümmerte ihn das kaum. Er öffnete die Vorhänge wieder, rollte das Steckerkabel des Fernsehers auf, zog den Antennenanschluss und unterbrach dann sein Pfeifkonzert lange genug, um seinen Zauberstab zu ziehen, auf den Fernseher zu richten und ein Wingardium Leviosa zu murmeln.

Er bugsierte den schwebenden Fernseher über die Treppe in den ersten Stock und dann die schmale Stiege hoch auf den Dachboden. Neben der Waschmaschine ließ er ihn wieder zu Boden. Kühltruhe, Herd, Radio, Radiowecker, Stereoanlage, Kühlschrank und Telefon warteten bereits hier oben, um ihrer künftigen Aufgabe als bloße Staubfänger nachzukommen. Über das Telefon hatte sich seine Mum am meisten aufgeregt. Nicht dass sie jemals sonderlich viel telefoniert hätten, aber ganz ohne auszukommen, stellte sich auch Simon schwierig vor. Es gab zwar eine Telefonzelle im Dorf, und im Notfall waren die Nachbarn auch noch da, aber das war alles andere als eine ideale Lösung. Leider aber ebenfalls nicht zu ändern. Wilson & Swan hatte zwar allen möglichen magischen Ersatz »für den unauffälligen Einsatz in ehemaligen Muggel-Haushalten«, aber keine Telefone, Fernseher oder noch kompliziertere elektronische Geräte wie Computer. Und der einzige Vorteil, den die Umstellung von elektrisch auf magisch hatte – null Stromverbrauch –, war ein zweischneidiges Schwert. Da es zu sehr auffallen würde, wenn sie plötzlich überhaupt keinen Strom mehr verbrauchten, würde er versuchen müssen, den Zähler vor dem nächsten Ablesetermin magisch vorzustellen. Ärgerlich, aber unvermeidlich, wenn sie kein Misstrauen erregen wollten.

Jedoch schien ihm nichts davon so wichtig, dass es seine gute Laune hätte ankratzen können. Unbeschwert trippelte er die Stiege wieder hinunter in den ersten Stock und spazierte in sein Zimmer. Kurz überlegte er, ob er noch etwas vergessen hatte, aber ihm fiel nichts ein. Er ließ unschlüssig den Blick über den Bücherstapel neben seinem Bett streifen, aber hatte noch immer keine Lust zu lesen. Seit Tagen hatte er kaum ein Buch in der Hand gehabt, und wenn doch, dann hatte er höchstens kurz darin geblättert. Er konnte sich nicht einmal aufs Lesen konzentrieren. Er wunderte sich manchmal selbst über die seltsam gelöste Stimmung, in der er war, obwohl er eine recht gute Vorstellung davon hatte, woran es lag, dass ihn im Moment kaum etwas interessierte.

Draußen nieselte es leicht. Er öffnete trotzdem das Fenster und hielt seine Hand in den warmen Sommerregen. Die Hügel rings um Middlesmoor waren grün, und der Himmel hellte sich am Horizont bereits wieder auf. Simon sah eine Weile aus dem Fenster und genoss das eigenartig wohlig-leichte Gefühl, das ihn gar nicht mehr loslassen zu wollen schien. Es dauerte nicht lange, bis seine Gedanken wieder wie von selbst zu George wanderten. George. George hatte ihn geküsst. War das nicht das Unglaublichste, was jemals überhaupt irgendwo passiert war?

Eigentlich hätte ihn die Vorstellung überglücklich machen sollen – und das tat sie das auch –, aber wie immer, wenn er darüber bewusst nachdachte, wurde er auch unsicher und die Zweifel meldeten sich wieder zurück. Warum hatte George ihn geküsst? Wie sollte er sich verhalten, wenn er ihn das nächste Mal sah? Und vor allem, wann würde er George wiedersehen? Er hatte fast Angst vor ihrer nächsten Begegnung. Angst, gemischt mit magenverkrampfender Aufregung. Eine unangenehme Kombination, weit entfernt von freudiger Erwartung. Trotzdem hätte er einiges dafür gegeben, wenn er George bald hätte wiedersehen können – möglichst allein, aber das war so gut wie ausgeschlossen.

Er wandte sich abrupt vom Fenster ab und ging zu seinem Schreibtisch. Er holte die Briefentwürfe aus der Schublade. Es waren inzwischen drei. Er hatte sie mit einem Zauber versehen, der die Schrift für andere Augen unsichtbar machen sollte. Vorsicht war besser als Nachsicht, und er traute seiner Mum nicht über den Weg. Er hatte sich zwar fest vorgenommen, sie noch diese Sommerferien aufzuklären, doch er wollte den Zeitpunkt selbst bestimmen. Aber auch wenn sie Bescheid gewusst hätte, wäre er nicht bereit gewesen, ihr diese Briefe zu zeigen. Das ging nur ihn etwas an.

Er las den letzten Entwurf noch einmal und fand ihn unmöglich. So etwas konnte er nicht abschicken. Viel zu gefühlsduselig und kitschig. Außerdem sollte es sowieso nur eine Einladung werden und keinesfalls ein so persönlicher Brief. Er nahm sich fest vor, diesmal eine völlig neutral und geschäftsmäßig gehaltene Mitteilung aufzusetzen, als er zur Feder griff, um mit dem vierten Entwurf zu beginnen.


Der Zusammenbruch seines Schutzschilds kam für Anthony nicht gänzlich unerwartet, doch noch ehe er ihn erneuern konnte, traf ihn der nächste Fluch voll. Er ging zu Boden, verlor seinen Zauberstab und kugelte sich vor Lachen.

Erst Mr. Tokes »Finite!« setzte seinen hilflosen Heiterkeitsausbrüchen ein Ende. Anthony rappelte sich wieder hoch und hob seinen Zauberstab auf. Mr. Tokes faltiges, grauumkränztes Gesicht lächelte nachsichtig auf ihn herunter.

»Jetzt verstehen Sie vielleicht besser, was ich Ihnen vorhin zu erklären versuchte, Mr. Goldstein«, dozierte sein neuer Lehrer. »Obwohl ›Protego Versalis‹ zu den mächtigsten Schutzzaubervarianten zählt, ist bei seinem Einsatz höchste Vorsicht und Achtsamkeit geboten. Sie erkaufen sich den erweiterten Schutz des Versalis-Schilds mit seiner notorischen Tendenz zur Instabilität. Es gibt zwar nur wenige Flüche, die diesen Schutzzauber überwinden können, aber es kommt auch vor, dass ihn bereits der erste Zauber, der ihn trifft, zusammenbrechen lässt. Deshalb ist der Einsatz eines ›Protego Versalis‹ auch nur als Teil eines gestaffelten Schildaufbaus sinnvoll. Dessen ungeachtet bleibt er der beste Allzweck-Schutzzauber, und Sie sollten diesen Spruch nicht unterschätzen. Üben Sie ihn bis zur nächsten Stunde! Sie werden sehen, dass Sie im Laufe der Zeit ein gewisses Gefühl für seine Stärke bekommen und den Zeitpunkt seines Zusammenbruchs sehr viel zuverlässiger werden abschätzen können.«

»Ja, Sir«, antwortet Anthony, obwohl er keine Ahnung hatte, wann er das auch noch in seinen Terminkalender quetschen sollte. Als hätte er nicht schon genug Hausaufgaben für Hogwarts zu erledigen. Wenigstens hatte er den Aufsatz für Snape fertig, aber es blieb noch genug zu tun. Auf zusätzliche Arbeit hätte er dankend verzichten können.

»Insgesamt haben Sie sich recht ordentlich geschlagen, muss ich sagen«, meinte Mr. Toke. »Nach allem, was man in letzter Zeit über die Qualität des Verteidigungsunterrichts an Hogwarts so hört, hätte ich mit erheblich größeren Defiziten in Ihrem Ausbildungsstand gerechnet.«

Anthony musste sich zurückhalten, um darauf nichts zu sagen. Er tröstete sich mit dem Gedanken, dass er diesen Sommer zumindest nicht von seiner Mutter unterrichtet wurde. Selbst ein betulicher alter Umstandskrämer, als der sich sein neuer Nachhilfelehrer erwiesen hatte, stellte da eine Verbesserung dar. Merlin, er hätte sogar lieber mit Lockhart trainiert als mit seiner Mutter!

»Nächste Woche werden wir dann mit Elementarschilden beginnen. Auch ein sehr spezielles Gebiet mit begrenzten Einsatzmöglichkeiten, aber es gibt nichts Besseres als Wasser und Eis, wenn ein Gegner plötzlich anfängt, mit Feuerzaubern um sich zu werfen, oder Sie einem Drachen gegenüberstehen, der gerade tief Luft holt.«

»Ja, Mr. Toke«, sagte Anthony, um zu zeigen, dass er zugehört hatte.

Sein Lehrer nickte nachdenklich. »So, nun ja, ich denke, wir machen für heute Schluss. Vergessen Sie nicht, Ihre Schutzzauber zu üben! Wir sehen uns dann …« Er zögerte kurz. »… Dienstag wieder? Es war doch Dienstag, nicht wahr?«

»Richtig, Sir«, bestätigte Anthony. »Dienstag Nachmittag um die gleiche Zeit.«

»Sehr gut.« Der alte Mann sah sich suchend um. »Äh …«

Anthony ging zu dem Stuhl in der Ecke, auf dem Mr. Toke seinen großen Schlapphut abgelegt hatte, und brachte ihn seinem Lehrer.

»Darf ich Sie in die Empfangshalle begleiten?«, erkundigte er sich höflich, als er ihm den Hut überreichte. Seine Mutter hätte es bestimmt nicht gut gefunden, wenn er einen Lehrer von einem Hauselfen hätte führen lassen.

»Oh, ja. Sehr aufmerksam«, bedankte sich Mr. Toke freundlich, und setzte sich den Hut mit der lächerlich breiten Krempe und der hohen Spitze aufs grauhaarige Haupt. So wirkte er sogar noch größer und hagerer, als er ohnehin war. »Das wäre mir sehr recht. Ein ziemlich großes Haus …«

Anthony hielt ihm die Tür auf und führte ihn aus dem ehemaligen Gelben Salon. Er persönlich fand nicht, dass der Weg besonders kompliziert war, aber er war ja auch noch keine achtzig, sagte er sich.

Vor seiner Abreise erinnerte ihn Mr. Toke abermals an seine Zauberübungen und verabschiedete sich noch einmal umständlich von ihm. Anthony war froh, als er ihn in den grünen Kaminflammen verschwinden sah. Ein Blick auf die Standuhr in der Ecke bestätigte seine Befürchtungen. Nur noch eine knappe Dreiviertelstunde, bis Mr. Rastrick, sein Lehrer für Rhetorik und Zaubereretikette, auftauchen würde. So viel zu einem ruhigen Sommer. Für heute konnte er das Fliegen vergessen. Bis er sich umgezogen, seinen Besen geholt hatte und eine Runde geflogen war, würde er auch schon wieder umkehren müssen. Es lohnte sich nicht.

Missmutig trottete er die Stufen der Marmortreppe hoch, um auf sein Zimmer zu gehen. Er konnte die Zeit, die ihm bis zur nächsten Stunde blieb, genauso gut fürs Üben nutzen. Dann hatte er zumindest damit angefangen und musste nicht alles am Freitag, seinem einzigen unterrichtsfreien Tag unter der Woche, erledigen.

In seinem Zimmer angekommen, stellte er sich vor dem Spiegel auf und begann mit seinen Übungen. Er merkte nichts davon, dass er dadurch ein besseres Gefühl für Protego Versalis bekam, aber er war auch nicht richtig bei der Sache.

Er fragte sich, ob sein Großvater wieder mit ihnen zu Abend essen würde. Er war diese Woche bereits drei Mal zu Besuch gewesen, was extrem ungewöhnlich war. Nach dem Essen war er jedes Mal mit seinen Eltern im Arbeitszimmer verschwunden. Anthony hatte versucht, an der Tür zu lauschen, aber ohne Erfolg. Irgendetwas ging da vor. Auch seine Eltern benahmen sich seltsam. Er sah kaum etwas von ihnen. Gerade einmal zu den Essenszeiten bekam er sie regelmäßig zu Gesicht, und selbst das nicht immer.

Inzwischen hatte er den Verdacht, dass sein Terminplan dieses Jahr auch deshalb so voll war, damit er aus dem Weg war. Selbstverständlich hatte er auch letzten Sommer viel zu tun gehabt, und er hatte zusätzlich noch fast jeden Ball und jedes Fest besuchen müssen, weil er in die Gesellschaft eingeführt worden war. Insgesamt würde er diesen Sommer sogar mehr Freizeit haben als letzten, soweit er das jetzt überblicken konnte, trotzdem war er von Montag bis Donnerstag nahezu komplett ausgebucht. Er sah zwar irgendwo ein, dass Mathematik, Geographie, politisches und ökonomisches Grundwissen, Sprachen, Etikette, Musik und der ganze restliche Mist zur Allgemeinbildung gehörten, aber nichtsdestotrotz ging es ihm auf die Nerven. Es gab schließlich auch Leute, die ohne das alles auskamen und trotzdem lebten. Gelegentlich dachte er, dass es auch Vorteile haben musste, den ärmeren, ungebildeteren Schichten anzugehören. Den Weasleys verdarb mit Sicherheit niemand die Sommerferien mit Algebra, Ciceros Reden oder der geopolitischen Lage im Nahen und Mittleren Osten. Von den diffizileren Aspekten der gehobenen Zaubereretikette ganz zu schweigen. Wozu sollten sie so etwas auch gebrauchen können? In den Kreisen, in denen sie verkehrten, kam man auch ohne so etwas zurecht.

Er versuchte, sich aus seinem Anfall von Selbstmitleid wieder herauszureißen und mit seinen Schildübungen weiterzumachen. Aber gerade als er meinte, den Dreh raus zu haben und ein Gefühl für die Stärke seines Versalis-Schilds zu entwickeln, erschien ein Hauself aus dem Nichts, um ihm die Ankunft von Mr. Rastrick zu melden.

Frustriert steckte er seinen Zauberstab weg. Mr. Rastrick gab zwar niemals Hausaufgaben, aber seine Stunden waren der Gipfel der Langeweile. Er hätte beinahe Professor Binns Konkurrenz machen können. Schicksalsergeben machte Anthony sich auf den Weg in die Empfangshalle, um seinen Lehrer für Rhetorik und Etikette zu begrüßen. Man hätte die Weasleys tatsächlich beneiden können. Wahrscheinlich wussten die armen Tröpfe nicht einmal, wie gut sie es hatten.


»Und bringt den Mist diesmal gleichmäßiger auf die Beete aus!«, befahl ihre Mum und stellte die Eimer vor George und Fred auf den Boden. »Den Dünger können alle brauchen! Und dünn verteilen! Nicht zu viel an einer Stelle! Das ist nicht gut für die Pflanzen. Letztes Jahr sind mir vier Salatköpfe eingegangen!«

»Ja, Ma'am«, antworteten er und Fred unisono, was ihnen jedoch nur wieder zornige Blicke einbrachte.

»Seid bloß vorsichtig! Ich habe allmählich genug von euren Frechheiten! An die Arbeit!«

George hielt den Mund, und auch sein Bruder antwortet dieses Mal nicht. Ihre Mum war äußerst schlecht drauf. Wirklich überempfindlich. Dabei hatten sie ihr neues Projekt nur an sich selbst ausprobiert. Zum Glück. Womöglich wäre sie total ausgerastet, wenn sie Ron oder Ginny als Versuchskaninchen benutzt hätten, wie sie es eigentlich vorgehabt hatten.

George nahm einen Eimer und machte sich wortlos auf den Weg zum Hühnerstall. Sein Bruder folgte ihm, während ihre Mum wieder im Haus verschwand.

Scheiße – im wahrsten Sinne des Wortes, dachte George, als er die Tür des Holzverschlags öffnete. Der Geruch war nicht einmal das Schlimmste. Die Luft im Inneren war so heiß und stickig, dass er am liebsten gleich wieder rückwärts hinausgestolpert wäre.

»Dreck!«, murmelte Fred hinter ihm. »Machen die Viecher noch was anderes, als den ganzen Tag zu scheißen?«

»Fressen und Eier legen«, meinte George, aber angesichts der Kotschichten schien Freds Frage berechtigt. Es machte zweifellos den Eindruck, als wären die Hühner vor allem mit ihrer Verdauung beschäftigt. Es war unfair. Warum mussten immer sie den Stall ausmisten? Und dieses Mal war es besonders ungerecht. Schließlich hatten sie praktisch gar nichts angestellt. Wer hatte ahnen können, dass ihre Mum wegen des bisschen Fells gleich derart in die Luft gehen würde?

Aber es half nicht. Schicksalsergeben nahm er die Spachtel aus dem Eimer und begann auf die oberste Schicht einzuhacken. Es dauerte, bis er auf ein Holzbrett stieß, aber danach ging es leichter voran. Von dem Loch aus schabte er mit der Spachtel möglichst lange Bahnen der zentimeterdicken Schicht aus Hühnermist und Sägespänen vom Boden. Neben ihm machte sich nun auch Fred an die Arbeit. Innerhalb weniger Minuten war die ohnehin kaum atembare Luft mit dem trockenen Staub der Hühnerscheiße erfüllt. George war froh, als er den ersten Eimer einigermaßen voll hatte und wenigstens vorübergehend aus dem Stall flüchten konnte.

Geblendet blinzelte er in die Sonne, als er aus dem Verschlag in den Hof trat. Er schwitzte jetzt schon, dabei war es noch früher Vormittag. Besser sie beeilten sich, bevor die Mittagshitze einsetzte. Er ging um das Haus herum zu den Gemüsebeeten und verteilte missmutig den »Dünger« zwischen den Kohl- und Wirsingpflanzen. Auf dem Rückweg zum Hühnerstall kam ihm Fred entgegen. Der Mangel an Begeisterung stand ihm ebenfalls ins Gesicht geschrieben.

Acht Fuhren und gefühlte zwei Stunden später hatten sie den Boden und das Kotbrett vom gröbsten Dreck befreit. Sie holten Schaufel und Besen und einen neuen Sack Sägespäne aus dem Schuppen, kehrten den restlichen Mist zusammen, und während Fred den letzten Eimer wegbrachte, verteilte George die neue Ladung Sägespäne auf dem Stallboden.

Als er endlich wieder aus dem Stall heraustaumelte, spuckte er erst einmal gründlich aus. Die Sonne brannte vom Himmel, es war heiß, er war nassgeschwitzt, und Hühnerscheißestaub klebte ihm am ganzen Körper – jedenfalls schien es ihm so. Er warf die Stalltür zu, drehte seinen Eimer um, setzte sich darauf und wartete auf Fred. Als Fred wiederkam, tat dieser das Gleiche mit seinem Eimer und nahm neben ihm Platz. Sie spuckten abwechselnd auf den Boden. George hatte zwar Durst, aber keine Lust, jetzt gleich etwas zu trinken und den Staub des Hühnermists mitzuschlucken.

»Rein?«, fragte sein Bruder.

George schüttelte den Kopf. »Warten wir noch. Sonst fällt ihr noch ein, dass wir den Hof auch gleich machen können. Wo wir schon mal dabei sind.«

Fred verzog das Gesicht und spuckte noch einmal aus. »Stimmt. Wär' ihr zuzutrauen«, meinte er mit einem Blick auf den Hof, wo das Unkraut wieder in Massen zwischen den Pflastersteinen hochschoss. Aus ihrer momentanen Perspektive glich der Hof fast einer Wiese, so wenig war von dem zwischen den Grasbüscheln versteckten Pflaster zu sehen.

George wischte sich den Schweiß von der Stirn. Keine gute Idee, wie er feststellte, als er die schmutzige Soße sah, die ihm von Handrücken lief und auf den Boden tropfte. Wahrscheinlich hatte er eine ziemlich Dreckspur durch sein Gesicht gezogen. Aber das machte jetzt auch nicht mehr.

»Sollen wir hingehen?«, fragte Fred plötzlich. »Nächste Woche, mein' ich.«

George starrte zu Boden. Die Frage war gar nicht so einfach zu beantworten. Die Eule war heute Morgen gekommen. Noch vor dem Frühstück hatte sie an ihr Zimmerfenster geklopft. Der Brief war zwar an ihn adressiert gewesen, aber Fred hatte ihn aufgemacht und als Erster gelesen. Normalerweise hätte sich George daran nicht gestört, doch als er Simons krakelige Schrift erkannte hatte, war ein ziemlich mulmiges Gefühl in ihm aufgestiegen. Unnötigerweise, wie sich herausgestellt hatte. Es war nur eine Einladung für ein Treffen im Schwarzen Turm gewesen. Oder eher die Bekanntgabe des Termins, zu dem sie erscheinen konnten oder auch nicht, ganz wie sie wollten. George war froh gewesen, dass Simon auf alle Anspielungen und jede Art von »Nettigkeit« verzichtete hatte, aber würde das auch so bleiben, wenn sie sich wiedersahen? George wusste, dass sein Bruder zu dem Treffen wollte, schon allein, damit die anderen nicht vergaßen, dass auch ihnen ein Anteil am Stein der Weisen zustand. Er selbst allerdings blickte – aus offensichtlichen Gründen – einem Treffen mit gemischten Gefühlen entgegen.

Fred wartete offenbar immer noch auf eine Antwort. George zuckte nur nichtssagend mit den Achseln und starrte dann wieder auf seine dreckigen Hände.

»Was soll das denn heißen? Gehen wir hin oder nicht?«, wollte sein Bruder ungeduldig wissen. »Was ist los mit dir?«

George musste nicht hinsehen. Er konnte das Stirnrunzeln und den verkniffenen Ausdruck in Freds Gesicht geradezu hören. Eigentlich hatte es auch keinen großen Sinn, die Sache länger zu verschweigen. Er hatte sowieso vorgehabt, Fred früher oder später alles zu erzählen. Na ja, später. Aber jetzt war wohl genauso gut oder schlecht wie jeder andere Zeitpunkt. Die Sache würde durchs Warten nicht besser, im Gegenteil.

George seufzte und sah seinen Bruder an. »Ich hab' Simon geküsst«, murmelte er, um es endlich hinter sich zu bringen. So, jetzt war es heraus. Er wartete auf den Einschlag. Doch Fred sah ihn nur weiterhin verwirrt an und schien nicht zu begreifen.

»Was?«, fragte er. »Wovon …?«

Aber da dämmerte ihm anscheinend, was George da gerade von sich gegeben hatte, und er verstummte. Fred starrte ihn mit offenem Mund an. George wandte seinen Blick wieder ab und versank erneut in die Betrachtung seiner Handflächen.

»Du willst mich verarschen, oder?«, lachte Fred plötzlich, aber es klang so gezwungen, dass klar war, dass er selbst nicht recht an einen Witz glaubte.

George schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte er nach einer Weile leise. »Ich hab's echt getan. Auf der Heimfahrt. Im Zug.«

»Du hast … Scheiße! Warum?«

George zuckte nur mit den Schultern. Warum? Dumme Frage. Und das Dümmste an dieser Frage war, dass er die Antwort darauf selbst nicht kannte. Er hatte es nicht geplant. Es war einfach passiert. Vielleicht hatte es auch damit zu tun gehabt, dass er die ganze Zugfahrt über hatte zusehen müssen, wie sich Fred und Angelina in den Armen gelegen waren. Und Lee und Alicia hatten sich neben ihm ebenfalls abgeknutscht. Er war wie ein Idiot dazwischengesessen und hatte sich wie das fünfte Rad am Wagen gefühlt. Irgendwann hatte er es in ihrem Abteil nicht mehr ausgehalten. Er hatte genug davon gehabt, ignoriert zu werden. Erst im Gang, als er das Abteil verlassen hatte, war ihm eingefallen, dass er noch die Karte hatte zurückgeben wollen. Selbst da hatte er noch nichts weiter vorgehabt, als Simon die Karte auszuhändigen und wieder zu verschwinden. Aber als er das Abteil der Ravenclaws betreten hatte und ihn am Fenster hatte sitzen sehen, war ihm wieder eingefallen, was Simon am Eingang zu Slytherins Kammer gesagt hatte. Und der Kuss, später in der Kammer, als er das Bewusstsein verloren hatte. Wobei er ziemlich weggetreten gewesen war. Es fiel ihm schwer, sich an den genauen Ablauf der Geschehnisse zu erinnern. Nach dem Auftauchen des Geisterjungen war alles ein bisschen verschwommen. Eventuell hatte er das auch nur geträumt. Es machte keinen großen Unterschied.

Jedenfalls war ihm da klargeworden, dass es doch jemanden gab, der etwas von ihm wollte. Der Rest war eine Augenblicksentscheidung gewesen. Ein spontaner, verrückter Einfall. Und er wusste sogar rückblickend nicht, ob er es bedauerte. Anfangs war es zwar komisch gewesen, einen Jungen zu küssen, aber auch irgendwie aufregend. Nicht dasselbe wie bei Katie, aber so viel anders dann auch wieder nicht. Nicht schlechter, aber auch nicht unbedingt besser. Vergleichbar, aber nicht das Gleiche. Trotz allem war er sich keineswegs sicher, ob er die Erfahrung wiederholen wollte. Warum in Mordreds Namen hatte er Simon gesagt, dass er es vielleicht noch mal tun würde? Er war sich ziemlich cool und überlegen vorgekommen, als er den Satz so leichthin zum Abschied hingeworfen hatte, aber jetzt fühlte er schon beim bloßen Gedanken daran, wie er rot wurde.

Eine Hand legte sich auf seine Schulter, und er sah Fred wieder in die Augen. Sein Bruder schien um Worte zu ringen.

»Äh, du bist doch nicht … in ihn verknallt oder so?«, fragte Fred schließlich.

George zuckte mit den Achseln. »Glaub' nicht. Keine Ahnung.«

Er wusste es wirklich nicht. Noch vor kurzem hätte er diese absurde Unterstellung weit von sich gewiesen. Aber seit Salazar Slytherins Kammer war seine Überzeugung ein wenig ins Wanken geraten. Als er mit Simon allein tief unter Hogwarts die unterirdischen Tunnel erkundet hatten, war alles anders gewesen. Die Sorge um Ginny, der schwarze Tunnel und die unheimliche Kammer. Die ständige Angst, dass im nächsten Augenblick gelbe Augen aus dem grünen Zwielicht auftauchen könnten und alles zu Ende wäre. Und dann der Geisterjunge, der über seine Flüche nur gelacht hatte. Diese Lachen war das Letzte, woran sich George noch erinnerte, bevor alles schwarz geworden war. Er wollte nicht daran denken. Sogar jetzt war er noch froh, dass Simon ihm gefolgt war und er nicht allein da durchgemusst hatte. Sein Bruder würde das natürlich nicht verstehen. Er war nicht dabei gewesen.

Trotzdem nahm George an, dass es im Wesentlichen nur Dankbarkeit oder so etwas Ähnliches war, was er für Simon empfand. Es blieb nur ein klitzekleines Problemchen: Er glaubte selbst nicht, dass er jemanden nur aus reiner Dankbarkeit geküsst hätte. Das konnte nicht alles gewesen sein. Aber verliebt …? Dazu gehörte doch wesentlich mehr. Er bezweifelte, dass er verliebt war. Nicht im normalen Sinn des Wortes. Das hätte er schließlich als Erster merken müssen, oder?

Fred stöhnte plötzlich auf und murmelte: »Scheiße!« Dann rückte er seinen Eimer näher, packte George an beiden Schultern und sah ihm tief in die Augen. George fand es einigermaßen lächerlich, wie sich Fred benahm.

»Hör zu! Tut mir leid. Wirklich. Es ist nicht … äh, was ich sagen will: Auch wenn du … ach, du weißt schon, für das andere Team spielen willst und so weiter… das ist für mich in Ordnung. Jeder, wie er mag. Du bleibst deswegen immer noch mein Bruder! Ganz klar! Aber muss es ausgerechnet dieser eklige Schleicher sein? Es gibt doch bestimmt auch … na, andere, die dir gefall–«

George hatte mit zunehmender Irritation Freds gestotterter Erklärung gelauscht, aber da platzte ihm endgültig der Kragen.

»Du Arsch!«, fuhr er Fred an, stand unvermittelt auf und gab ihm einen Stoß, den ihn von seinem Sitz nach hinten kippen ließ. Ohne auf den überraschten Aufschrei zu achten und ohne sich noch einmal umzusehen, ging er zum Haus zurück. Er erinnerte sich nicht, jemals so wütend auf Fred gewesen zu sein wie im Moment. Er knallte die Haustür hinter sich zu, rief seiner Mum »Geh' duschen!« durch die halboffene Küchentür zu und stürmte, ohne eine Antwort abzuwarten, die Treppen hoch.

Als er eine halbe Stunde später aus der Dusche kam und ihr Zimmer betrat, hatte er sich wieder einigermaßen beruhigt. Freds halbherzige Entschuldigungen würdigte er jedoch keiner Antwort.

»Wir gehen nächste Woche hin«, informierte er seinen Bruder lediglich. Den Rest des Tages redete er nur noch das Nötigste mit ihm und strafte Fred ansonsten mit Schweigen, egal was dieser von sich gab.


Terry war erleichtert, als der Kellner kam und das Essen servierte. Das würde ihn hoffentlich davor bewahren, noch mehr neugierige Fragen beantworten zu müssen. Er war ziemlich sauer auf seinen Vater. Er hätte ihn wenigstens rechtzeitig vorwarnen können, statt erst auf der Fahrt – nach langem Herumdrucksen – damit herauszurücken, dass er ihn heute seiner neuen »Lebensgefährtin« vorstellen wollte. Dann hätten sie ihre Geschichten auch besser absprechen können, und Terry hätte nicht so viel improvisieren müssen.

»Und, Terry, was ist dein Lieblingsfach in der Schule?«

So viel zu seiner Hoffnung, dass die Fragestunde endlich zu Ende wäre. Er tat so, als müsste er überlegen – und überlegte tatsächlich fieberhaft. Verwandlung konnte er nicht antworten, und in allen normalen Schulfächern war er zwei Jahre hinter dem Stoff zurück.

»Biologie, denke ich«, sagte er schließlich. Falls sie mehr wissen wollte, konnte er das Gespräch ja irgendwie auf Kräuterkunde lenken; davon verstand er wenigstens etwas. Wenn sie allerdings Ahnung von Biologie hatte, würde er trotzdem ziemlich dumm dastehen. Er war nicht einmal überzeugt, dass er die Mendel'schen Regeln richtig verstanden hatte.

»Oh, interessant«, machte sie aber zu seiner Erleichterung nur. Offensichtlich war das keine Antwort, mit der sie gerechnet hatte. Er wandte sich demonstrativ seinen Spaghetti zu und rollte am Tellerrand eine Gabel voll auf, die er sich schnell in den Mund steckte. Auch sein Vater und seine Freundin beschäftigten sich jetzt mit ihren Tellern, worüber Terry heilfroh war.

Aus den Augenwinkeln beobachtete er die Frau. Falls sie nervös war, ließ sie sich jedenfalls nichts anmerken. Gloria. Er mochte schon ihren Namen nicht, obwohl sie selbstverständlich nichts dafürkonnte, wie sie hieß. Er verstand nicht, was sein Vater an ihr fand. Sie hatte dunkelblonde Haare, eine scharf geschnittene Nase, die der von Madam Hooch Konkurrenz hätte machen können, und große Tränensäcke. Ihre Stimme war irgendwie kratzig und rauchig. Seine Mutter sah um Klassen besser aus als die Neue seines Vaters. Ganz objektiv besser. Die Frau arbeitet in derselben Fabrik wie sein Vater als Sekretärin. Angeblich hatten sie sich auf einem Betriebsausflug kennengelernt. Terry fragte sich nur, wann. Sie hatten geflissentlich zu erwähnen vergessen, wie lange das her war, aber Terry konnte sich eines gewissen Verdachts nicht erwehren.

Sein Vater machte von ihnen dreien den nervösesten Eindruck. Er stocherte in seinen Tagliatelle und trank nach fast jedem Bissen einen Schluck Wein, wie Terry mit Besorgnis feststellen musste. Hoffentlich hatte er am Ende des Abends nicht zu viel getrunken, um ihn wieder heimzufahren. Aber vielleicht würde das Chauffieren auch »Gloria« übernehmen. Möglicherweise war das sogar so geplant. Die Frau nippte immer noch an ihrem ersten Glas. Und beugte sich dann zu seinem Vater, um ihm etwas zuzuflüstern, was Terry nicht verstand.

Er konzentrierte sich wieder auf seine Spaghetti. Wenn es darauf ankam – und wenn er wollte –, konnte er die Nudeln aufrollen, ohne dass die Gabel am Tellerrand kratzte. Er sah zwar keinen großen Sinn darin, die neue Freundin seines Vaters mit gutem Benehmen zu beeindrucken, aber er wollte sich auch nicht nachsagen lassen, dass er nicht seine allerbesten Manieren gezeigt hätte. Außerdem schlich sich ein Hauch von Mitleid in die Wut auf seinen Vater. Wahrscheinlich war es auch für ihn kein reines Zuckerschlecken. Daran war er aber selber schuld, schließlich hatte ihn niemand gezwungen, diesen bescheuerten Restaurantbesuch zu veranstalten. Ohne Vorwarnung, dachte Terry grimmig.

Er und Gloria waren als Erste fertig, und offenbar fühlte sich die Frau bemüßigt, Konversation zu machen. Sie tat so, als würde sie interessieren, was er in seiner Freizeit machte. Wieder so eine Frage.

»Mit Freunden rumhängen. Lesen. Fernsehen.« Es war keine sonderlich erschöpfende Auskunft, aber ihm wollte keine gute Lüge einfallen. Er beschloss, zum Gegenangriff überzugehen.

»Was unternehmen Sie denn so mit meinem Vater?«, fragte er unschuldig.

Anscheinend erwischte er sie damit auf dem falschen Fuß, denn sie warf seinem Vater einen hilfesuchenden Blick zu, bevor sie antwortete.

»Nun«, begann sie zögerlich, »wir gehen gelegentlich ins Kino, nicht wahr? Oder manchmal ins Theater. Vor zwei Wochen waren wir in der letzten Vorstellung von Kuss der Spinnenfrau.« Sie zögerte kurz. »Das ist ein Musical«, fügte sie dann noch hinzu.

»Aha.« Terry fand es komisch, dass sein Vater in ein Musical gegangen sein sollte. Mit seiner Mutter hatte er so etwas nie gemacht, obwohl sie ihn oft genug mit ähnlichen Wünschen genervt hatte. »Worum ging es denn?«, erkundigte er sich ohne großes Interesse.

Bevor die Frau etwas sagen konnte, räusperte sich sein Vater laut.

»Ähm, Terry, wir haben dich aus einem ganz bestimmten Grund heute eingeladen.«

Noch eine Überraschung? Terry stellte sich auf das Schlimmste ein, bemühte sich aber, sich nichts anmerken zu lassen. In diesem Augenblick trat auch noch der Kellner an ihren Tisch, um abzuräumen. Als der Mann nachfragte, versicherte ihm sein Vater, dass es ihnen allen sehr gut geschmeckt hätte. Terry nahm einen Schluck von seiner Cola, und sein Vater wartete, bis der Kellner wieder verschwunden war, bevor er fortfuhr.

»Wir – das heißt, Gloria und ich – wollen nächsten Monat in Urlaub fahren«, eröffnete er Terry dann. »Nach Spanien. An die …« Diesmal war es sein Vater, der sich hilfesuchend der Frau zuwandte.

»An die ›Costa de la Luz‹. Cádiz. In Südspanien«, sprang sie ihm bei. »Sehr heiß dort, im Sommer, aber es würde dir bestimmt gefallen. Schöne Strände und nicht so überlaufen, wie die Costa de la Sol, obwohl in der Hochsaison natürlich überall viel los ist. Wir würden uns jedenfalls freuen, wenn du mitkommen würdest.«

Terry wusste nicht, was er darauf sagen sollte. Seine Mutter war nie gern ins Ausland gefahren, und sie hatten die meisten Urlaube daheim verbracht oder waren höchstens einmal eine Woche an die See gefahren.

»Du musst natürlich nicht, wenn du nicht willst«, sagte sein Vater, als Terry nicht antwortete. »Es war nur so ein Gedanke. Du hast auch noch ein paar Tage Zeit, es dir in Ruhe zu überlegen. Wir fahren für zwei Wochen. Wäre wirklich schön, wenn du mitkommen würdest.«

Die Freundin seines Vaters nickte enthusiastisch und lächelte ihn an. Terry fühlte sich ziemlich unter Druck gesetzt. Und er war sich alles andere als sicher, ob er zwei Wochen mit den beiden allein in Spanien herumhängen wollte.

»Ich überleg's mir«, sagte er dann.

Sein Vater wirkte ein wenig enttäuscht, drängte ihn aber nicht weiter. »Deine Mutter weiß übrigens Bescheid und wäre einverstanden«, erklärte er wie beiläufig doch noch.

Terry mochte es gar nicht, so überfahren zu werden. Außerdem konnte er sich kaum vorstellen, dass seine Mutter wirklich einverstanden war. Entzückt war sie bestimmt nicht von den Plänen seines Vaters. Aber wenn sie Bescheid gewusst hatte, dann hätte sie ihn auch vorwarnen können. Es ärgerte ihn, dass seine Eltern ihn anscheinend immer noch wie ein kleines Kind behandeln wollten.

Der Kellner kam wieder an ihren Tisch und servierte den Nachtisch. Terry hatte sich einen Eisbecher bestellt und machte sich sofort daran, ihn zu probieren. So hatte er wenigstens einen Vorwand, den Mund zu halten und in Ruhe nachzudenken. Das Eis war nicht schlecht, aber kein Vergleich zu Fortescues.

Spanien. Zwei Wochen lang allein mit seinem Vater und dieser Gloria. Weit weg von zu Hause. Wer sollte sich um Puck kümmern, sie regelmäßig rauslassen, sie füttern und den Käfig saubermachen? Seine Mutter konnte seine Käuzin nicht leiden. Wahrscheinlich würde sie es trotzdem tun, wenn er sie darum bat, aber er fragte wohl besser seinen Opa. Falls er sich tatsächlich entschied, mitzufahren. Seinem Vater schien viel daran zu liegen, das war offensichtlich. Terry hatte aber seine Zweifel, ob ihm selbst ebenfalls etwas daran lag. Er löffelte geistesabwesend sein Eis in sich hinein, aber auch als er auf dem Boden der Glasschale angekommen war, hatte er sich noch immer nicht zu einer Entscheidung durchringen können. Es sprach einiges dafür und einiges dagegen. Er sah seinem Vater zu, wie dieser in seinem Tiramisu herumstocherte, und gab sich einen Ruck.

»Ich komm' mit«, erklärte er in die am Tisch herrschende Stille hinein. »Wird vielleicht ganz lustig«, fügte er hinzu, obwohl er das stark bezweifelte.

Sein Vater sah überrascht auf. »Wirklich? Bist du sicher? Du kannst es dir noch überlegen, wenn du willst.«

Aber Terry konnte ihm ansehen, dass er sich über die Antwort freute und keineswegs wollte, dass er noch länger darüber nachdachte. Sein Vater war nicht schwer zu durchschauen.

»Nicht nötig. Ich freu' mich drauf«, log er nicht sonderlich überzeugend, aber sein Vater schien es nicht zu merken und lächelte ihn freudestrahlend an.

»Es wird dir gefallen«, behauptete er fröhlich. »Mal was anderes als das ewig gleiche London!«

»Wir freuen uns wirklich, dass du mitkommen willst«, raunte ihm auch Gloria mit ihrer tiefen, kratzigen Stimme zu, lächelte ihn an und tätschelte seinen Arm.

Terrys Blick fiel ihre weißlackierten Fingernägel. Innerlich bedauerte er seine Zusage schon wieder halb. Zwei Wochen waren nicht lang, konnten aber zu einer Ewigkeit werden, wenn man sie mit den richtigen Leuten verbrachte.


Luna zupfte ihren Dad am Ärmel. »Jetzt komm endlich!«

Allmählich war sie sich nicht mehr so sicher, ob es eine gute Idee gewesen war. Aber sie hatte lange darauf hingearbeitet und würde nicht zulassen, dass ihr Dad jetzt noch einen Rückzieher machte. Außerdem glaubte sie, dass es auch ihm guttun würde, mit diesem Teil der Vergangenheit abzuschließen. Immerhin war es vier Jahre her, dass ihre Mum gestorben war. Ebenso lange war es her – soweit sie wusste –, dass ihr Dad hier gewesen war. Der Anblick des Gartens und des Schwarzen Turms schien ihn jedoch mehr mitzunehmen, als sie erwartet hatte.

Sie gab ihm noch einen Moment, aber ihr Dad reagierte nicht. Er starrte immer noch auf den verwilderten Garten, durch den sich der schmale Kiesweg schlängelte, auf dem sie vor einer Viertelstunde hergekommen waren. Sie hatte gehofft, dass er besser damit zurechtkäme, wenn sie sich dem Turm zu Fuß näherten und er sich langsam an den Anblick gewöhnen konnte. Aber im Nachhinein wäre es möglicherweise doch klüger gewesen, dass Kaminnetz zu benutzen und gleich in der Küche aufzutauchen.

Sie nahm ihren Dad an der Hand, aber er schien es gar nicht zu bemerken. »Komm!«, sagte sie energisch. Der Turm ließ die Tür für sie aufschwingen, bevor sie den Adler berühren konnte. Sie zog ihren Dad hinter sich her in die Küche.

Es war angenehm kühl im Inneren. Die Fenster standen offen, und Bitzer erwartete sie bereits. Ihr Dad sah sich langsam um und räusperte sich dann.

»Es sieht anders aus«, stellte er dann fest.

»Bitzer und ich haben umdekoriert«, sagte sie mit gespielter Fröhlichkeit. »Gefällt es dir?«

Er antwortete nicht gleich. »Nett, aber sehr bunt, oder?«, meinte er schließlich.

»Ja«, gab Luna zu. Die Küche war auch vorher nicht eintönig gewesen, aber Bitzer und sie hatten die bunten Schränke mit Blumenmustern in allen Farben des Regenbogens verziert und alles auf Hochglanz gebracht. Wenn man es genau nahm, hatte sie nur Anweisungen gegeben, und Bitzer hatte sie unter Murren ausgeführt. Sie fand trotzdem, dass sie beide ausgezeichnete Arbeit geleistet hatten. Die knallbunte Einrichtung passte zu den tiefschwarzen Wänden.

»Der Rest ist langweiliger, und wir haben auch ein paar Sachen umgestellt«, fügte sie hinzu, als wäre es ihr gerade erst eingefallen. »Der erste Stock ist jetzt das Wohnzimmer, dann kommt dein Arbeitszimmer und darüber dein Schlafzimmer. Das ist praktischer so.«

»Sicher, Mondschein«, murmelte ihr Dad. »Viel Praktischer.«

Luna glaubte nicht, dass er richtig zugehört hatte. »Ich hab' im vierten Stock auch ein Arbeitszimmer, hmm … für Schularbeiten und so. Ganz oben ist mein Schlafzimmer. Und wenn wir mehr Platz brauchen, lassen wir den Turm einfach noch 'nen Stock wachsen. Für den Sommer reicht das doch, oder was meinst du, Dad?«

»Hmm?« Er schien endlich aus seiner Geistesabwesenheit aufzuwachen. »Ja, ja. Du hast bestimmt recht.«

Luna verdrehte die Augen und nahm ihn wieder an der Hand. »Komm! Ich zeig' dir den Rest.«

Sie zerrte ihn hinter sich her zur Wendeltreppe und begann mit der Führung. Ihr Dad sagte nicht viel, aber sie hatte das Gefühl, dass er sich langsam mit ihrer »neuen« Sommerresidenz abfand. Es erinnerte nicht mehr viel an den alten Schwarzen Turm – zumindest, was die Einrichtung anging. Bitzer war in dieser Hinsicht sehr hilfreich gewesen. Und der Turm natürlich auch. Sie hatte ihn in an das Wohnzimmer und an ihre Schlafzimmer jeweils einen kleinen Balkon anbauen lassen; nur ein paar Steine breit, aber es reichte, um sich rauszusetzen und von Zeit zu Zeit gemeinsam draußen zu essen, wenn ihr Dad ausnahmsweise einmal zu Hause war und nicht arbeiten musste.

»Sehr beeindruckend«, sagte ihr Dad schließlich, als sie im obersten Stockwerk, ihrem Zimmer, angekommen waren. »Da hast du dir ganz schön Mühe gegeben, muss ich sagen.«

Sie grinste ihn an, und Bitzer, der ihnen gefolgt war, stieß ein wütendes Schnauben aus.

»Bitzer hat das meiste gemacht«, erwiderte sie bescheiden und ignorierte Bitzers gemurmelten Kommentar. »Also, was sagst du Dad? Für den Sommer? Wenn es dir nicht gefällt, können wir ja immer noch zurück in die Villa.«

Ihr Dad drückte sie an sich. »Natürlich, Mondschein. Wann konnte ich dir je etwas abschlagen?«

»Hmm«, machte Luna. »Du wolltest mir zum siebten Geburtstag keinen richtigen Zauberstab kaufen.«

Ihr Dad lachte leise. »Stimmt. Aber du hast doch einen Übungsstab bekommen, oder?«

»Das ist nicht dasselbe.«

Wieder lachte er. »Du hast ja gehört«, wandte er sich an Bitzer. »Wir ziehen um. Pack das Nötigste an Kleidung und so weiter zusammen und bring es her!«

»Sehr wohl, Meister Lovegood«, bestätigte Bitzer ironisch. »Ist das alles, Meister Lovegood? Kann dieser unwürdige faule Hauself sonst noch etwas für seine hochgeschätzte Herrschaft tun? Bitzer langweilt sich ja so, wenn er sich nicht Tag und Nacht den Buckel für Miss Luna und Meister Lovegood krumm schuften darf!«

Ihr Dad schaute so verdutzt drein, dass Luna kichern musste. »Er meint das nicht so«, erklärte sie ihrem Vater und ignorierte erneut das unwillige Aufknurren, als sie sich Bitzer zuwandte: »Wir müssen auch noch Bilder holen. Großvaters Porträt müssen wir unbedingt mitnehmen. Er langweilt sich sonst ganz allein in der Villa. Ich glaub', wir hängen ihn im Wohnzimmer auf. Hmm, oder lieber in der Küche?«

»Äh, Lunaschatz?«, meldete sich ihr Dad zu Wort. »Die Wände im Turm sind nicht sehr gerade. Es könnte etwas schwierig werden, größere Formate vernünftig aufzuhängen.«

»Mach dir keine Sorgen, Dad!«, tat Luna seinen Einwand ab. »Bitzer und ich werden uns um alles kümmern. Uns fällt schon was ein.«

»Ja«, murmelte ihr Dad, »das befürchte ich eben.«

Luna ging nicht weiter darauf ein. Alles in allem hatte sich ihr Dad ganz gut geschlagen, wenn man bedachte, wie schwer es ihm fallen musste, wieder im Schwarzen Turm zu wohnen, auch wenn es nur für den Sommer war. Ein kleines bisschen Defätismus musste sie ihm wohl erlauben, wenn sie ihn nicht überfordern wollte.


Filius studierte aufmerksam Albus' Mienenspiel, während dieser die Liste durchging. Sein Ausdruck verdüsterte sich zusehends, je weiter er kam. Als er am Ende angekommen war, nahm er die Brille ab und rieb sich die Augen.

Filius konnte sich vorstellen, was jetzt in Albus vorging. Die Liste hatte neunzehn Punkte, und hinter fünfzehn von ihnen stand ein einziges Wort: negativ. Das wahrhaft Besorgniserregende waren die vier verbliebenen Möglichkeiten.

Filius Blick wanderte zu dem schmalen Büchlein, dass nun auf Albus' Schreibtisch lag. Leer, wenn man von dem handgeschriebenen »T. M. Riddle« auf der ersten Seite absah. Er hatte versucht, mit dem Buch zu kommunizieren, aber als es bemerkt hatte, dass er seinen Verstand gründlich geschützt hatte, war es sofort verstummt. Er hatte in seinem langen Leben bereits mit einigen dunklen Artefakten Bekanntschaft schließen müssen, aber selbst für ihn war es eine unheimliche Erfahrung gewesen. Der Geist – oder was es auch immer war, das sich in diesem Buch versteckte – hatte sich vorsichtig an ihn herangetastet und dann versucht, sich unter die Oberfläche seines Bewusstseins zu graben. Dank seiner Vorsichtsmaßnahmen ein vergebliches Unterfangen, trotzdem höchst beunruhigend. Aber diese Beobachtung hatte ihm auch erlaubt, die Anzahl der Möglichkeiten auf bloße neunzehn zu reduzieren. Und nach einer Reihe von Tests nunmehr auf vier.

Albus seufzte und setzte sich die Brille wieder auf. »Bonbon?«, fragte er und schob Filius die berüchtigte Schale mit Süßigkeiten hin. Er nahm sich ein rotes. Kirschgeschmack, stellte er zufrieden fest. Auch Albus steckte sich ein Bonbon in den Mund. Sie schwiegen eine Weile und lutschten ihre vor sich hin. Sie waren beide über hundert und kannten sich lange genug, um das eigentliche Gespräch nicht führen zu müssen.

»Ein Imprint werde ich wahrscheinlich bald ausschließen können«, durchbrach Filius endlich die Stille. »Ich muss noch mehr Informationen über die angewandten Techniken in Erfahrung bringen. Üblicherweise werden Imprints ja nur für Bilder benutzt, und ich habe mich noch nie mit Malerei beschäftigt.«

Albus seufzte nur, und Filius verstand ihn gut. Es wäre zu schön, um wahr zu sein. Falls sich herausstellen sollte, dass dieses Buch lediglich ein Imprint von Riddles Persönlichkeit beherbergte, konnten sie allen Göttern danken. Angesichts der an Besessenheit grenzenden Begeisterung des Dunkeln Lords von Schwarzer Magie war dies jedoch höchst unwahrscheinlich.

»Die drei anderen Möglichkeiten …« Das Eingeständnis tat weh. Er betrachtete es als persönliche und professionelle Blamage, dass er seine Niederlage eingestehen musste – und sei sie auch nur vorläufig. »Ich habe keine Ahnung, wie wir auch nur eine davon ausschließen könnten. Weder meine Erfahrung mit den Dunklen Künsten noch meine Wissen um sie reichen dafür aus.«

Albus lächelte bei diesem Eingeständnis, aber sein Lächeln wirkte gequält. »Das ist keine Schande, Filius. Alles andere als das, alter Freund.« Auch sein Zwinkern war freudlos.

»Ich werde natürlich Nachforschungen anstellen, aber für den Augenblick bin ich mit meinem Latein am Ende«, bekannte Filius. »Hast du in Erwägung gezogen, Severus zu konsultieren?«

»Ich vertraue Severus vollkommen«, beantwortete Albus die unausgesprochene Frage. »Und ich werde ihn wohl tatsächlich zurate ziehen. Aber ich bezweifele, dass er tief genug in die Dunklen Künste eingetaucht ist, um uns hierbei eine große Hilfe zu sein.«

Filius ließ diese Behauptung unwidersprochen im Raum stehen. Er war sich keineswegs so sicher wie Albus, was die schwarzmagische Expertise ihres Zaubertrankmeisters anging, aber andererseits war Severus tatsächlich noch sehr jung. Selbst wenn er von derartigen Artefakten gehört haben sollte, war es kaum plausibel, dass Severus mehr darüber wissen sollte als Albus und er selbst.

Filius nahm sich noch ein Bonbon aus der Schale. »Solange wir nichts weiter ausschließen können, sind uns die Hände gebunden«, fasste er zusammen, was sie beide wussten. »Wenn es ein Horcrux ist, müssen wir ihn zerstören, ein Daimonion dürfen wir nicht zerstören, und wenn es ein Furial ist …«

»… dann können wir es nicht zerstören«, beendete Albus den Satz für ihn.

»Nicht, solange Harry Potter am Leben ist«, stimmte Filius zu. »Nicht, ohne ihn in höchste Lebensgefahr zu bringen, selbst wenn wir eine Möglichkeit fänden.«

Damit war ihr Dilemma beschrieben. Filius hätte zwar gewettet, dass es sich um einen Horcrux handelte – es hätte jedenfalls vieles erklärt, besonders die Wiederkehr des Dunklen Lords –, und bestimmt war sich auch Albus dessen bewusst, aber sie konnten das Risiko eines Irrtums nicht eingehen. Die letzte Vernichtung eines Daimonions hatte den Schwarzen Tod über Europa gebracht und ein Drittel der Bevölkerung das Leben gekostet, Zauberer wie Muggel. Filius hoffte, dass selbst der Dunkle Lord vor einem solchen Wahnsinn zurückgeschreckt hatte, selbst falls er das Geheimnis, wie die Altvorderen so etwas bewerkstelligt hatten, entschlüsselt hätte. Doch er war ein ungemein mächtiger Magier gewesen, und mit seinen Todessern hatte er auch genügend Teilnehmer für ein Ritual dieses Umfangs zur Verfügung gehabt. Es war denkbar, dass er das Unaussprechliche getan hatte, und das reichte aus, um jede noch so übertriebene Vorsicht zu rechtfertigen.

Und ein Furial … bereits der – ohnehin meist vergebliche – Versuch, ein Furial zu zerstören, konnte zum Tod des Mörders führen, an dem es sich rächen sollte. »Harry Potter«, so lautete in diesem speziellen Fall der Name des »Mörders«. Auch das war inakzeptabel.

»Ich werde weitere Nachforschungen anstellen«, konstatierte Filius noch einmal. »Es ist eine Frage der Zeit. Derartig aufwendige Recherchen sind langwierig und können sich über Monate und Jahre hinziehen. Doch falls es eine Lösung gibt, werde ich sie finden.«

»Natürlich, Filius«, sagte Albus und nickte ihm zu. »Ich bin dir sehr dankbar. Ich werde ebenfalls Erkundigungen anstellen und auch Severus konsultieren. Falls sich etwas Neues ergeben sollte, werde ich es dich wissen lassen.«

Filius ließ sich von seinem Stuhl zu Boden gleiten. »Tu das!«, meinte er. »Ich wäre für jeden Fingerzeig dankbar.«

Er verabschiedete sich von Albus und machte sich auf den Weg in die Bibliothek. Er würde den Katalog konsultieren müssen. Er hatte zwar keine Ahnung, wo er beginnen sollte, war jedoch entschlossen, dieses Problem mit wissenschaftlicher Gründlichkeit anzugehen. Nötigenfalls würde er die Ministeriumsbibliothek aufsuchen. Auch seine Koboldkontakte mochten sich als nützlich erweisen. Er hatte ohnehin geplant, mit einem der Ältesten Kontakt aufzunehmen. Der Lapis Philosophorum war noch immer verschwunden. Und da war die Sache mit dem jungen Mr. Grey gewesen, der ein Gebot benutzt hatte, um eine Steinwand aufzubrechen. Ein Gebot, wie es auch seine Alarmzauber hätte auslösen können, mit denen er damals die Tür im Raum der fliegenden Schlüssel gesichert hatte. Und seine Zauber waren ausgelöst worden. Selbstverständlich war es abwegig, Erstklässlern zu unterstellen, dass sie den Stein entwendet haben könnten, aber da blieb immer noch das Faktum, dass es ein paar Erstklässler doch geschafft hatten, bis in die Spiegelkammer zu gelangen – Harry Potter und seine Freunde. Wenn Gryffindors das geschafft hatten, dann waren seine Ravenclaws zweifellos ebenfalls dazu in der Lage. Trotzdem blieb es unwahrscheinlich. Vermutlich sah er Gespenster und das Ganze stellte sich als Hirngespinst heraus, aber er würde der Geschichte dennoch nachgehen. Sobald das Problem des Tagebuchs gelöst war. Im Moment hatte diese Aufgabe oberste Priorität.

Die Tür zur Bibliothek war erwartungsgemäß verschlossen. Er behob diesen Zustand mit einem Öffnungszauber. Kein Grund, Madam Pince aufzuschrecken. Er betrat die menschenleere Bibliothek. Der Geruch der Bücher erfüllte ihn trotz der Umstände mit Vorfreude. Es war einige Zeit her, dass er das letzte Mal ein Forschungsprojekt dieses Umfangs angegangen war. Die Angelegenheit war zwar zu ernst dafür, aber er konnte nicht umhin, eine gewisse freudige Anspannung zu verspüren. Es würde Spaß machen, wieder einmal in dicken alten Wälzern zu stöbern und nach obskuren Hinweisen auf noch ältere Dokumente zu suchen, bis man an dem Punkt ankam, wo hinter jeder neuen Seite, die man umblätterte, des Rätsels Lösung auf einen warten mochte. Und erst das Glücksgefühl, die unvergleichliche Euphorie, wenn man endlich auf den entscheidenden Absatz gestoßen war und auf einmal alles klar wurde, sich die Antwort wie selbstverständlich präsentierte und man mit Stolz und Befriedigung auf den Weg zurückblicken konnte, der einen hierher geführt hatte.

Filius vergaß den düsteren Hintergrund der Fragestellung beinahe und begann mit der Arbeit. Hier war er in seinem Element, und darin kamen ihm nur wenige gleich. Auch der Dunkle Lord nicht. Das Geheimnis um dessen Tagebuch würde nicht lange eines bleiben, das schwor sich Filius.