3. Take All The Courage
(Little Lion Man – Mumford & Sons)
Auf halbem Weg nach unten fiel Simon wieder ein, was er vergessen hatte. Er machte kehrt und lief zurück ins Bad. Er nahm die Zahnbürste aus dem Becher, schmierte Zahnpasta darauf, nur um gleich darauf das Gleiche noch einmal tun zu müssen, da der erste Streifen herunterfiel und im Waschbecken landete, bevor er es schaffte, die Zahnbürste in den Mund zu stecken.
Wenigstens war nichts auf seiner Robe gelandet, sagte er sich, während er sich hastig die Zähne putzte. Sich noch einmal umziehen zu müssen, hätte ihm gerade noch gefehlt. Zeit genug hätte er dafür zwar gehabt, er war ohnehin zu früh dran, aber seine Panik hatte auch nichts mit der Zeit zu tun. Nicht direkt jedenfalls.
Er putzte seine Zähne weder besonders lange noch gründlich. Er hatte vor Aufregung den ganzen Tag noch nichts essen können. Er spuckte aus, gurgelte und bleckte die Zähne vor dem Spiegel. Sie waren so weit in Ordnung, doch er fand, sie hätten ruhig eine Idee weißer sein dürfen. Das hätte ihnen Lockhart beibringen sollen, statt sie das ganze Schuljahr hindurch mit seinen Büchern zu langweilen: welchen Zauber er benutzte, um seinem Lächeln dieses Strahlen zu verleihen.
Er wusch sich noch einmal die Hände und fuhr sich mit nassen Fingern durchs Haar und über die Augenbrauen. Es half nicht viel. Womöglich sollte er seine Haare doch länger wachsen lassen? Anthony trug sie auch ziemlich lang. Viele Zauberer taten das. Aber an seinem Gesicht würde das auch nichts ändern. Wenigstens zeigte sich weit und breit kein Pickel an exponierter Stelle, wofür er vermutlich dankbar sein sollte. Selbst die ödeste Gleichförmigkeit war einem eitrigen Pickel auf der Nase vorzuziehen.
Er wandte sich frustriert vom Spiegel ab. Er hatte nicht vor, noch einmal eine halbe Stunde im Bad zu verbringen und unzufrieden in die Betrachtung seines eigenen Gesichts zu versinken. Er sah nun einmal so aus, wie er aussah. Es war idiotisch sich über etwas zu ärgern, was sich nicht ändern ließ. Keine wirklich hilfreiche Erkenntnis und erst recht nicht aufbauend.
Er verließ das Badezimmer wieder und ging nach unten. Im Wohnzimmer saß seine Mum im Sessel und las im Licht der Stehlampe irgendein Buch. Es konnte sie nicht sehr interessieren, sonst hätte sie das Radio ausgemacht, das leise im Hintergrund lief. Seltsamerweise schien seiner Mum die Musik zu gefallen, die im Zaubererradio gespielt wurde. Für seinen Geschmack war das meiste zu lahm oder schnulzig, aber er konnte mit Musik sowieso nicht viel anfangen und wollte sich keineswegs beschweren. Alles, was seine Mum mit ihrem elektrizitätslosen Leben versöhnte, war hochwillkommen.
»Ich geh' dann«, sagte er.
Sie hob nur kurz den Blick von ihrem Buch. »Wann kommst du zurück?«
»Weiß noch nicht«, antwortete er vage. »Spät.«
»Viel Spaß«, wünschte sie ihm, die Augen bereits wieder auf die Seiten gerichtet. »Stell nichts Dummes an.«
Sie sagte es ohne besonderen Nachdruck, weshalb er ihre Bemerkung nicht weiter kommentierte. Er hatte andere Sorgen. Die Aussichten, dass sich die Gelegenheit ergeben würde, etwas »Dummes« anzustellen, waren minimal. Zwar hoffte er sehr, dass die Chancen nicht bei null standen, aber letzten Endes konnte sich das genauso gut als Wunschdenken erweisen.
Er warf eine Prise Flohpulver in den Kamin, nannte sein Ziel und trat in die Flammen. Die Reise durch das Kaminnetz war so unangenehm und schwindelerregend wie immer, doch er schaffte es diesmal, relativ aufrecht aus dem Empfangskamin zu herauszutreten, statt würdelos durch die Gegend zu stolpern. Möglicherweise ein erstes Anzeichen, dass er sich langsam an diese Tortur gewöhnte, aber auch das mochte nur ein weiterer Fall von Wunschdenken sein.
Die Küche des Schwarzen Turm war verlassen, doch gleich nach seiner Ankunft erschien Lunas Hauself.
»Früher Gast ist eine Last!«, knurrte Bitzer ihn zur Begrüßung an. »Soll Bitzer Miss Luna über Mr. Greys vorzeitige Ankunft informieren?«
Simon ignorierte die Spitze. Der Hauself sah lächerlich aus. Statt seiner üblichen Kopfkissenuniform trug er eine Art Flickenteppich aus bunten Fetzen, der wie eine Mischung aus falsch geschnittenem Clownskostüm und farbenfrohem Poncho wirkte.
»Nicht nötig«, antwortete er. »Ist Luna auf ihrem Zimmer?«
»Ja«, erwiderte der Hauself einsilbig und verschwand wieder im Nichts.
Simon ging zur Wendeltreppe und machte sich an den Aufstieg. Luna hatte ihm vorgestern bereits eine umfassende Führung angedeihen lassen. Er schenkte den Räumen, die er durchquerte, kaum Beachtung, bis er den vierten Stock erreichte. Er zögerte. Es gab keine Tür, an die er hätte klopfen können, und womöglich zog sich Luna gerade um oder war mit sonst etwas beschäftigt. Jedenfalls konnte er nicht unangekündigt in ihr Zimmer platzen.
Vorsichtshalber rief er »Luna?« nach oben.
»Ja?«, kam es aus dem Stockwerk über ihm.
»Kann ich raufkommen?«
»Weiß ich nicht«, rief Luna zurück. »Kannst du?«
So viel dazu, dachte Simon entnervt und stapfte grimmig die letzten Stufen zu Lunas Zimmer hoch. Luna lag bäuchlings auf ihrem Himmelbett, hatte wie so oft den Zauberstab hinters Ohr geklemmt und ein Buch vor sich liegen.
»Hi«, grüßte er, aber sie musterte ihn nur von oben bis unten und legte dann den Kopf schief.
»Glaubst du wirklich, dass sie kommen?«, fragte sie grinsend.
»Wer?«, tat er so, als wüsste er nicht, von wem sie redete.
»Du hast dich also für Anthony und Terry so in Schale geworfen?«, ritt sie gemeinerweise darauf herum. »Oder etwa für mich? Oder nur so, zur Feier des Tages?«
Es war eine bösartige, völlig aus der Luft gegriffene Unterstellung. Er hatte sich nicht »in Schale geworfen«. Er trug eine normale saubere Robe, wie es sich gehörte. Zugegeben, er hatte auch gebadet und sich die Haare gewaschen und ziemlich viel Zeit vor dem Spiegel verbracht, aber das konnte man ihm wohl kaum ansehen. Da war er sich leider ziemlich sicher.
»Was liest du da?«, fragte er, um Luna von der Spur abzubringen.
»›Blutende Herzen‹«, erwiderte sie und schlug das Buch zu. »Würde dir nicht gefallen, glaub' ich. Ein Liebesroman. Mit Vampiren.«
Er setzte sich wortlos neben sie, nahm das Buch und begann, lustlos darin herumzublättern. Das Kupferrohrstück in seiner Tasche störte ihn beim Sitzen, und er zog es heraus und legte es neben sich aufs Bett. Er bedauerte inzwischen, dass er so früh aufgebrochen war, aber er hatte es zu Hause nicht mehr ausgehalten. Außerdem war es ihm klug erschienen, auf jeden Fall früher da zu sein als die anderen. Vor allem, wenn – und falls – George und sein Bruder auftauchen sollten. Ein winziger psychologischer Vorteil höchstens, aber im Moment konnte er jeden noch so kleinen Schub an Selbstsicherheit gut gebrauchen.
»Hmm«, machte Luna neben ihm, und ihm gefiel das Geräusch gar nicht. »Willst du darüber reden?«
»Nein«, lehnte er kategorisch ab. Das fehlte noch. Ausgerechnet Luna sein Herz ausschütten. Was sollte das bringen?
Luna murmelte etwas Undeutliches über Jungs und so weiter und fragte nach kurzem Schweigen: »Warst du schon mal ganz oben?«
»Wo oben?«, erwiderte er misstrauisch, aber sie war bereits aufgestanden und ging zur Treppe.
»Komm!«, forderte sie ihn ungeduldig auf. »Sonst wird es dunkel.«
Mürrisch folgte er ihr. Sie kletterten die letzten Stufen hinauf. Die Treppe endete scheinbar übergangslos in der schwarzen Steindecke, aber als Luna an einen besonders großen Quader klopfte, glitt dieser zur Seite und gab den Weg zu den Zinnen des Turms frei.
Simon musste zugeben, dass die Aussicht atemberaubend war. Die Sonne blinzelte gerade noch zwischen zwei Hügeln hervor, der Himmel war zum größten Teil tiefblau. Über ihnen zeigten sich vereinzelt und noch etwas blass die ersten Sterne. Wolkenschlieren glühten in der Ferne orange und rot, und im Westen, wo die Sonne langsam verschwand, leuchtete ein seltsamer, beinahe grünlicher Schimmer. So weit das Auge reichte, zogen sich die Wellen und Täler der Hügel rund um den Turm. Simon trat zwischen zwei der übergroßen Zinnen, um besser sehen zu können. Kein Zeichen einer anderen menschlichen Behausung war auszumachen. Der Fluss lag bereits im Schatten, und sein Verlauf war nur noch anhand der Bäume an seinen Ufern zu erahnen. Einige Hügelkuppen erhoben sich noch aus dem Dunkel, aber man konnte dem Längerwerden und Wachsen der Schatten fast zusehen. Sie standen auf einem schwarzen Turm inmitten eines schwarzgrünen Ozeans.
»Genial«, gab er zu. Für einen Augenblick beneidete er Luna. In so einem Turm zu leben, fernab von allem, musste das Paradies sein. Wenn man sich eine große Bibliothek dazudachte, schränkte er seine Begeisterung ein. Ohne Massen an Büchern würde es vermutlich unerträglich langweilig werden.
»Hab' ich doch gesagt«, meinte Luna selbstzufrieden. Sie klopfte mit der Hand an einen Stein vor einer der Zinnen, der sich daraufhin nach innen schob und eine Art Bank bildete. Jedenfalls setzte sich Luna auf den Stein, lehnte sich mit verschränkten Armen zurück und sah ihn erwartungsvoll an.
Er verschränkte ebenfalls die Arme und erwiderte ihren Blick ungerührt.
»Irgendwann musst du ja doch damit rausrücken«, meinte sie schließlich. »Warum bringst du es nicht gleich jetzt hinter dich? Danach fühlst du dich bestimmt besser.«
Weibliche Logik, dachte Simon verächtlich. Wer sagte überhaupt, dass er sich besser fühlen wollte? Möglicherweise schwitzten seine Hände ein bisschen, vielleicht war er unkonzentriert, unter Umständen hatte er sogar eine verflucht lästige Angst vor diesem Abend, aber was sollte es verdammt noch mal helfen, darüber zu reden? Rational betrachtet null Komma null gar nichts, so viel stand fest.
»Hmm …«, machte Luna wieder nachdenklich, und Simon beschlich erneut ein extrem unangenehmes Gefühl, als sie ihn plötzlich anstrahlte. »Ihr wart ganz schön lange verschwunden. Im Zug, meine ich. Die Karte hätte er dir auch so geben können, und danach warst du ziemlich weggetreten.«
Simon warf ihr einen bösen Blick zu, aber sie grinste nur noch breiter und ignorierte seine unausgesprochene Warnung.
»Habt ihr euch irgendwo versteckt und rumgemacht?«, fragte sie mit perfekter Unschuldsmiene. »Lang genug wart ihr ja weg. Aber ein leeres Abteil habt ihr bestimmt nicht gefunden. Hmm … eine schnelle Nummer auf dem Klo?«
Simon starrte sie mit offenem Mund an. Es war ein idiotischer Einfall gewesen, früher zu erscheinen.
»Schwachsinn!«, fuhr er Luna an. »Bist du jetzt komplett übergeschnappt?«
Hoffentlich waren Terry und Anthony nicht auf denselben Gedanken gekommen. Er krümmte sich innerlich. Gottgegeißelte Scheiße! Das fehlte ihm noch zu seinem Glück. »Wir haben uns nur geküsst!«, stellte er klar.
»Das ist alles?«, fragte Luna mit gespielter Enttäuschung – und brach dann in hemmungsloses Gelächter aus.
Er drehte sich beleidigt um und ging wieder zu der Wendeltreppe.
»Hey, warte!«, rief Luna ihm kichernd hinterher. »Ich will Einzelheiten!«
Er schenkte ihren Unverschämtheiten keine Beachtung mehr und verschwand nach unten. Er nahm ihr dämliches Buch vom Bett und zwang sich zum Lesen.
Annies erste Begegnung mit einem Vampir verlief überraschend unspektakulär. Sie war erst kürzlich in die Abteilung für Vampirkontakte versetzt worden. Was sie erwarten würde, hatte sie nicht gewusst, doch keinesfalls war es dieser höfliche junge Mann gewesen, der nun vor ihrem Schreibtisch stand. Die edlen Züge und die hohen Wangenknochen, das schmale Gesicht und die bleiche Haut ließen ihr Herz höher schlagen. Selbst das Lächeln des Vampirs wäre charmant gewesen, wenn da nicht deutlich die überlangen Eckzähne zu sehen gewesen wären, die trotz der schummrigen Beleuchtung bedrohlich aufblitzten.
Simon stöhnte innerlich auf. Er tat so, als würde er interessiert weiterlesen, während Luna die Treppe herunterkam.
»Butterbier?«, fragte sie ihn, aber er zog es vor, sie keiner Antwort zu würdigen. Trotzdem rief sie Bitzer herbei und ließ ihn zwei Butterbier bringen. Als sie ihm schließlich eine Flasche unter die Nase hielt, hörte er auf, so zu tun, als würde er lesen, und nahm sie ihr ab. Der Alkoholgehalt von Butterbier war verschwindend gering, was er im Augenblick zutiefst bedauerte. Trotzdem fühlte er sich nach ein paar Schlucken besser. Entweder wirkte das Bier beruhigend auf seinen leeren Magen, oder es war ein reiner Placebo-Effekt.
»Also«, begann Luna wieder. »Einzelheiten!«
Simon hatte keine Lust, aber vermutlich war es besser, sie wusste, was sich tatsächlich abgespielt hatte, als es ihrer viel zu lebhaften Phantasie zu überlassen, sich die Ereignisse auszumalen. Außerdem würde sie mit Sicherheit nicht ihren Mund halten können und Anthony und Terry alles weitererzählen. Das ersparte ihm, es selbst zu tun, und sollte eventuellen abwegigen wilden Spekulationen einen Riegel vorschieben. Also berichtete er – in sehr groben Zügen – was im Hogwarts-Express vorgefallen war.
Luna hörte ihm sichtlich interessiert zu hatte am Schluss noch eine Menge neugieriger Fragen auf Lager, aber das plötzliche Auftauchen Bitzers bewahrte ihn davor, sie auch beantworten zu müssen.
»Noch mehr Besucher für Miss Luna«, meldete der Hauself. »Soll Bitzer sie heraufschicken?«
»Ja, sag ihnen, sie sollen hochkommen.« Sie grinste Simon an, als der Hauself wieder verschwunden war. »Gehen wir runter in mein Arbeitszimmer und warten da.«
Simon fühlte sich nicht in der Lage, zu widersprechen. Er versuchte, tief durchzuatmen, aber es half nichts. Wenn sein Herz noch ein bisschen schneller geschlagen hätte, wäre er wohl von einem frühzeitigen Infarkt dahingerafft worden. Ein Ausgang der Dinge, der ihm in diesem Moment nicht völlig unwillkommen gewesen wäre. Er nahm noch einen großen Schluck aus der Butterbierflasche, als würde das tatsächlich helfen. Seine Hände zitterten und der Knoten in seinem Magen, der schon den ganzen Tag dagewesen war, breitete sich in seine Brust aus und schnürte ihm die Kehle zu, so dass er kaum noch Luft bekam. Trotzdem stand er schließlich auf und folgte Luna hinunter.
Er wusste nicht, was größer war, als er nur Anthony und Terry die Treppe hochkommen sah – seine Enttäuschung oder seine Erleichterung.
George stolperte aus den grünen Flammen des Kaminnetzes in die knallbunte Küche. Sie schien seit letztem Jahr noch greller und scheckiger geworden zu sein – falls so etwas überhaupt möglich war. Der mürrische Hauself der Lovegoods kauerte vor dem Ofen und trug ein zur Einrichtung passendes Fetzenhemdchen. Er sah sich nach ihnen um, kaum dass sie die Küche betreten hatten.
»Zu späte Gäste kriegen nur Reste!«, blaffte er sie an und wandte sich dann wieder dem Ofen zu.
George sah seinen Bruder an, aber Fred zuckte ebenfalls nur mit den Schultern. Er beschloss, sich nicht mit dem Hauselfen aufzuhalten, und ging geradewegs zur Wendeltreppe. Sie waren sowieso über eine Stunde zu spät, und dabei konnten sie eigentlich noch von Glück reden. Es war auch so schwer genug gewesen, sich vor Mitternacht aus dem Fuchsbau zu schleichen. Welcher Idiot war auf die Idee gekommen, dieses Treffen so früh abzuhalten?
Während er die Stufen erklomm, wurde ihm immer mulmiger zumute. Wenn er nicht den Riesenstreit mit Fred gehabt hätte, wäre er wahrscheinlich doch nicht hergekommen. Aber so war es eine Frage des Stolzes und der Selbstachtung. Die Sache mit Simon war seine Privatangelegenheit, und Fred hatte ihm da überhaupt nichts zu sagen. Weil es ihn erstens nichts anging und George ihm schließlich zweitens auch nicht bei Angelina dreinredete. Und drittens ging es Fred nichts an und basta!
Sie durchquerten zwei im Dunkeln liegende Zimmer, bis von oben wieder ein Lichtschimmer auf die Wendeltreppe fiel und leise Stimmen zu hören waren. George blieb stehen und lauschte, aber er konnte nichts verstehen. Er zögerte noch einen Moment, aber als ihm Fred über die Schulter »Was ist?« zuraunte, stapfte er weiter die Treppe hoch.
Die Stimmen wurden lauter, aber plötzlich verstummte die Unterhaltung. Womöglich hatte oben jemand die Schritte auf den Treppenstufen gehört. Er ging unbeirrt weiter, und plötzlich erschien Lovegoods Gesicht über ihnen am Geländer.
Sie starrte ihn an, lächelte dann komisch und sagte: »Hi, ihr«, drehte sich um und rief »Sind nur George und Fred!« nach hinten.
»Ihr seid spät dran«, wurden sie von Goldstein begrüßt, als sie den Raum betraten. »Die Hauptarbeit ist schon erledigt.«
Auf einem Tisch an der Wand war eine chaotische Konstruktion aus Glaskolben, Retorten und Röhren. Verschiedene Flüssigkeiten blubberten in mehreren abgeschlossenen Gefäßen vor sich hin. Die ganze Anlage lief offenbar in einem einzelnen langen Destillierrohr aus, unter dem ein kleiner goldener Kessel stand.
Die Ravenclaws lümmelten auf Sesseln und Sofa um einen niedrigen Tisch herum, auf dem ein paar Flaschen standen. Keiner von ihnen schien sich um das Experiment zu kümmern, dessentwegen sie angeblich da waren. George vermied jeglichen Blickkontakt mit … irgendwem und ging stattdessen zu der Glaskolbenkonstruktion, um sich die Versuchsanordnung genauer anzusehen. Sie wirkte reichlich kompliziert. Alchemie wurde erst in den NEWT-Kursen behandelt, und das sah ihm sehr nach Alchemie aus. Im Endröhrchen sammelte sich ungefähr alle zehn Sekunden ein einzelner Tropfen, der über einen Golddraht weiter nach unten lief. Am Ende des Golddrahts hing rotleuchtend der Stein der Weisen, von dem das Destillat dann in den Kessel abtropfte. Um den Kessel war mit Kreide ein Pentagramm gezogen, das innen und außen von Runen und Symbolen umgeben war. George konnte einige Tierkreiszeichen und die meisten Planetensymbole identifizieren, erkannte jedoch kein System in der Anordnung der verschiedenen Zeichen. Allerdings fiel es ihm auch schwer, sich voll darauf zu konzentrieren.
»Beeindruckend, nicht wahr?«, erklang Goldsteins Stimme unerwartet neben ihm. »Schade, dass ihr nicht früher gekommen seid. Die anderen waren keine große Hilfe. Ich musste die Anlage praktisch im Alleingang aufbauen. Mal wieder.«
Wichtigtuer, dachte George, aber stattdessen sagte er: »Wir konnten nicht eher weg.«
»Wie soll man sich auch rausschleichen, wenn's draußen noch nicht mal richtig dunkel ist?«, meldete sich Fred zu Wort. »Was soll das überhaupt?«
»Rausschleichen?«, fragte Goldstein mit hochgezogenen Augenbrauen. »Wieso das denn? Wir sind alle ganz offiziell bei Luna zu Besuch. Und Terry übernachtet offiziell bei Simon –«, George glaubte, sich verhört zu haben, »– aber ansonsten wissen alle mehr oder weniger darüber Bescheid, wo wir sind. Sogar meine Eltern waren einverstanden, nachdem ich ihnen versichert hatte, dass wir nur bei den Lovegoods sind und außerdem einen Hauselfen als Aufpasser haben.«
»Schön, dass wenigstens ihr keine Probleme habt«, erwiderte George sarkastisch. »Aber bei uns werden normalerweise Fragen gestellt, wenn wir nachts nicht zu Hause sind.«
Goldstein wollte anscheinend etwas darauf sagen, aber in diesem Moment rief die kleine Lovegood: »Abendessen, Jungs!«
Auf dem niedrigen Tisch waren ein großes Blech Pizza, Teller und Servietten erschienen. George und Fred sahen sich an. Ein Sessel war noch frei, und George war schneller. Fred musste sich zu Boot und Simon aufs Sofa setzen. Sie hatten zwar schon Abend gegessen, aber als alle anderen sich auf die Pizza stürzten, nahm George auch ein Stück. Mehr um etwas zu tun zu haben als aus Hunger.
»Butterbier«, meinte Lovegood mit vollem Mund und deutete auf die Flaschen in der Tischmitte. George nickte nur und tat so, als würde er sich ganz auf seine Pizza konzentrieren, während er aus den Augenwinkeln beobachtete.
»Wo ist das Besteck?«, beschwerte sich Goldstein.
»Pizza isst man mit den Händen, du Prolet!«, sagte Boot daraufhin gutgelaunt.
Goldstein ließ sich murmelnd über die mangelnden Manieren der Unterschicht aus, biss aber dann doch in sein Stück, ohne auf Messer und Gabel zu bestehen.
George konnte nicht umhin zu bemerken, dass Simon bisher noch kein einziges Wort gesagt hatte. Scheinbar war er vollauf mit Essen beschäftigt und schenkte seiner Umgebung keine Beachtung. Am allerwenigsten ihm. George wusste nicht, was er davon halten sollte. Er versuchte, trotz der Ablenkungen am Randes seines Gesichtsfelds, in Ruhe seine Pizza zu essen. Sie schmeckte nicht schlecht und war gerade so heiß, dass man sich beim Essen nicht mehr den Mund verbrannte. Aber das konnte man auch erwarten, wenn ein Hauself seine Finger im Spiel hatte. Im Fuchsbau gab es kaum jemals Pizza. Ihre Mum hielt nicht viel davon.
Sein erstes Stück reichte ihm, schließlich hatte er erst bereits zu Abend gegessen. Fred störte das offensichtlich weniger. Sein Bruder angelte sich bereits ein zweites Pizzastück, während sich George ein Butterbier nahm. Auch etwas, was im Fuchsbau selten auf den Tisch kam.
Er öffnete die Flasche, nahm einen Schluck und beobachtete dabei unauffällig die anderen. Außer ihm und Simon aßen alle noch. Und Simon war gerade intensiv damit beschäftigt, das Etikett von seinem Butterbier zu kratzen und jeglichen Augenkontakt zu vermeiden. Es war lächerlich!
»Was machen wir eigentlich hier?«, fragte er laut und nickte zu dem chaotischen Versuchsaufbau an der Wand. Simon sah nicht einmal auf, und schließlich antwortete Boot: »Wir warten auf bessere Zeiten, was denn sonst?« Dabei warf ihm der Junge einen Blick zu, der George gar nicht gefiel.
»Noch besser?«, warf Lovegood ein und grinste in die Runde. George konnte sich zwar nicht vorstellen, dass Simon den anderen etwas erzählt hatte, aber er wünschte sich, er hätte sich da sicher sein können.
Goldstein stellte seinen leeren Teller ab und wischte sich den Mund an einer Serviette ab, bevor sich dazu herabließ, Georges Frage ernsthaft zu beantworten.
»Wir warten, bis sich genug Primärtinktur angesammelt hat«, erklärte er. »Dann werden wir die erste Transsubstantiation einleiten. Mit reinem Kupfer dieses Mal, nicht mit windigen Bronzeknuts.« Er nahm sich noch ein Stück Pizza, bevor er fortfuhr. »Das nächste Mal werden wir uns dann an der Herstellung der Sekundärtinktur versuchen und das Silber, das wir heute machen, in Gold verwandeln.«
»Wenn alles klappt«, schränkte Boot ein und blinzelte George dabei zu. »Anthony ist der geborene Optimist.«
Goldstein sah Boot an, als wäre er gerade beleidigt worden. »Anthony ist von einem Haufen notorischer Schwarzseher umgeben!«
»Wie lang soll das dauern?«, fragte Fred.
»Was?«, wollte Goldstein wissen. »Bis wir Gold haben? Dafür brauchen wir bestimmt noch –«
»Heute!«, unterbrach ihn Fred ungeduldig. »Wie lange soll das heute gehen?«
Goldstein zuckte mit den Achseln. »Mindestens noch eine halbe Stunde, bis wir genügend Tinktur haben. Und dann noch ungefähr eine Stunde, für die eigentliche Umwandlung. Aber das müssen wir abwarten, kann auch länger oder kürzer dauern. Also höchstens zwei insgesamt, würde ich schätzen. Ohne Gewähr.«
Fred stöhnte auf. »Na, wenigstens werden wir nicht verhungern«, meinte er dann und nahm sich sein drittes Pizzastück.
Unterdessen wuchs Georges Verärgerung von Minute zu Minute. Nicht wegen Freds Verfressenheit. Solange sein Bruder sich vollstopfte, würde er zumindest den Mund halten. Was ihm viel mehr auf die Nerven ging, war, wie sich Simon benahm. Stumm wie ein Fisch saß er neben Boot auf dem Sofa. Mittlerweile hatte er die Flasche vor sich von allen Papierfitzelchen befreit und schien krampfhaft damit beschäftigt, nur nicht in Georges Richtung zu schauen. Wahrscheinlich würde der Feigling auch den Rest des Abends keinen Ton von sich geben und ihn komplett ignorieren. George hatte nicht vor, ihm das durchgehen zu lassen. Nicht nach all dem Ärger, den er deswegen mit Fred gehabt hatte.
Er runzelte die Stirn und warf Simon einen durchdringenden Blick zu. Wie er erwartet hatte, tat dieser weiterhin so, als würde er nichts davon mitbekommen. Er hielt die Augen starr geradeaus gerichtet und nahm einen Schluck Butterbier. George hatte nicht vor, klein beizugeben. Er beobachtete zufrieden, wie Simon unter seinen Blicken zunehmend nervös wurde und auf dem Sofa hin und her rutschte. Leider war er nicht der Einzige, dem das auffiel. Die kleine Lovegood sah zuerst zu Simon und dann zu ihm und zwinkerte ihm bedeutungsvoll zu. George hatte endgültig genug.
Aber es war schwerer, als er sich vorgestellt hatte. Er hatte es sich fast schon wieder anders überlegt, als er bemerkte, dass Fred ihn beobachtete. George starrte böse zurück. Dann gab er sich einen Ruck, stellte sein Butterbier ab und stand auf. Er ging die zwei Schritte zum Sofa und blieb mit verschränkten Armen vor Simon stehen.
»Wir müssen reden!«, sagte er nicht eben freundlich.
Natürlich richteten sich alle Augen auf ihn, und zum ersten Mal heute Abend sah ihn auch Simon direkt an. Nur kurz, dann nickte er schwächlich und erhob sich endlich vom Sofa.
»Ihr könnt ja nach oben gehen«, sagte Lovegood mit breitem Grinsen. »Da seid ihr ungestört. Einfach an den Stein klopfen. Simon kennt sich aus.«
Simon sagte nichts, ging aber zur Treppe voraus. George folgte ihm und war sich dabei nur allzu sehr der Blicke in seinem Rücken bewusst. Vor allem Freds konnte er ihm Nacken spüren, aber das war jetzt auch schon egal. Sollte Fred doch denken, was er wollte.
Simon schlich im Schneckentempo die Treppe hoch, aber auch George hatte es plötzlich nicht mehr eilig. Er überlegte krampfhaft, was er zu Simon sagen sollte, aber ihm wollte nichts Sinnvolles einfallen. Alles, was er sich zurechtgelegt hatte, war weg. Sie kamen viel zu früh ans Ende der Stufen, und Simon klopfte an einen großen Stein an der Decke, der daraufhin zurückglitt und den Weg nach oben freigab.
Die Nacht war überraschend hell, obwohl kein Mond am Himmel stand und nur wenige Sterne zwischen den Wolken zu erkennen waren. Es war hier draußen fast wärmer als im Turm. Simon räusperte sich laut, bevor er ein Lumos beschwor und begann, an den Steinen der Turmzinnen herumzuklopfen.
Um wenigstens irgendetwas zu sagen, fragte George ihn: »Was machst du da?«
Als Simon »Die Statik prüfen!« antwortete, kam er sich zwar verarscht vor, aber war auch ein wenig erleichtert. Damit konnte er eher umgehen als mit dem stummen, verklemmten Nervenbündel, das still in der Sofaecke saß und ihn offen ignorierte.
Was Simon mit dem Klopfen wirklich bezweckte, wurde klar, als sich einer der Steine plötzlich aus der Wand schob. Simon setzte sich und sah George zum ersten Mal an diesem Abend offen an. Und diesmal war es George, der nervös wurde. Er drehte sich schnell um und tat so, als würde er sich für die Umgebung interessieren. Im schwachen Licht des Lumos war jedoch nicht viel zu erkennen. Lediglich die mannshohen schwarzen Turmzinnen hoben sich dunkel vor dem Nachthimmel ab, ansonsten blieb alles finster in der mondlosen Nacht. Das Lumos war nicht hell genug, um bis zum Boden zu reichen. Dort lag nur Schwärze, und selbst am Horizont ließen sich die Umrisse der Hügel nur erraten.
Simon schwieg weiterhin beharrlich. Und ließ ihn dabei bestimmt keinen Moment aus den Augen, konnte sich George vorstellen. Frustriert wandte er sich wieder um.
»Was soll das ganze Theater?«, fuhr er Simon wütend an. »Erst tust du so, als wär' ich unsichtbar und dann … Was willst du eigentlich von mir?«
»Was ich von dir will?«, wiederholte Simon. George verstand zwar, was Simon damit meinte, und er sah das logische Problem bei seiner Frage, aber das machte ihn nur noch wütender.
»Ja!«, blaffte er zurück. »Du hast mich genau verstanden! Was du von mir willst, hab' ich gefragt! Spiel nicht den Blödmann!«
George fragte sich, wie Simon es überhaupt schaffte, eine noch nichtssagendere Miene aufzusetzen. Es musste irgendein Trick dahinterstecken.
»Ein Blödmann ist so etwas Ähnliches wie ein Vollidiot, nicht wahr?«, fragte Simon gedehnt. »Ich will mich ja nicht beschweren, aber angesichts der Chronologie der Ereignisse scheint mir die näherliegende Frage, was du von mir willst. Aber falls du wirklich noch nicht kapiert hast, was ich von dir will … Sex.«
George war im ersten Moment wie vor den Kopf geschlagen. Doch dann musste er unfreiwillig lachen. Irgendwie war die Ansprache zu typisch gewesen, um ernst gemeint zu sein. »Wollen wir das nicht alle?«, entgegnete er grinsend.
»Ich weiß nicht«, antwortete Simon und warf ihm einen seltsamen Blick zu. »Wollen wir das alle?«
George fühlte, wie er rot wurde. Das war definitiv kein Thema, über das er hier und jetzt reden oder auch nur nachdenken wollte. Allein die Vorstellung, mit Simon irgendetwas zu machen, was auch nur entfernt an Sex erinnerte, war … beängstigend. Jedenfalls kam momentan noch nicht einmal der Gedanke an so etwas infrage.
Er verfolgte etwas verunsichert, wie Simon unvermittelt aufstand und auf ihn zukam. Ihm war nicht sehr wohl in seiner Haut, als Simon dicht vor ihm stehen blieb. Am liebsten wäre er zurückgewichen, aber er war kein Feigling. Er starrte in das immer noch ausdrucksloses Gesicht. Als er bemerkte, dass Simon nervös schluckte, wurde er erstaunlicherweise gleich viel ruhiger.
»Äh, wie wäre es mit einer Wiederholung?«, fragte Simon leise und klang zum ersten Mal so unsicher, wie George sich fühlte. »Ich hab' dich kein einziges Mal Vollidiot genannt, obwohl's wirklich nötig gewesen wäre.«
George war beinahe erleichtert. Zumindest damit hatte er gerechnet, als er diesen Abend durchgespielt hatte. Nur ein Problem blieb da noch: Sooft er sich diese Situation auch vorgestellt hatte, es war es ihm schleierhaft geblieben, wie er darauf reagieren würde. Mordreds Blut! Warum musste alles so kompliziert sein?
»Okay?«, erwiderte er schließlich leichthin, als hätte er genau diese Antwort schon lange geplant. »Warum nicht, wenn wir schon mal hier sind …«
Es war anders als beim ersten Mal. George schmeckte Butterbier und Pizza, aber in Simons Mund war der Geschmack ein kleines bisschen anders als in seinem eigenen. Er hatte die Augen geschlossen und spürte Arme, die sich von oben um seine Schultern schlangen und ihn enger an sich zogen. Das Gefühl, wie eine fremde Zunge über seine eigene strich, war faszinierend und aufregend wie beim ersten Mal. Nach einer Weile ging ihm die Luft aus, aber Simon schien keine Anstalten machen zu wollen, eine Atempause einzulegen. Erst ein Luftzug, der an seiner Wange vorbeistrich, brachte ihn auf die Idee, durch die Nase zu atmen. Er versuchte es, aber irgendetwas klappte nicht und ein komischer Grunzlaut kam aus seinem Mund und beendete den Kuss.
George war es sehr peinlich, aber Simon schien nichts bemerkt zu haben. Er ließ ihn nicht los und gab ihm kaum genug Zeit, wieder zu Atmen zu kommen, bevor er von vorne anfing.
Diesmal versuchte George von Anfang an durch die Nase zu atmen, und obwohl es zuerst ein bisschen seltsam und anstrengend war, gewöhnte er sich schnell daran. Nach einer Weile ging es wie von selbst, und er musste sich nicht einmal mehr darauf konzentrieren. Der Kuss zog sich immer länger hin, und George hätte die Sekunden gezählt, wenn er nicht mit anderen Dingen beschäftigt gewesen wäre, die seine volle Aufmerksamkeit erforderten.
Schließlich trennten sich ihre Lippen aber doch wieder – nach einer halben Ewigkeit, wie es George vorkam.
»Das sollten wir bei Gelegenheit auf jeden Fall wiederholen«, meinte Simon und klang dabei noch ein wenig atemlos.
George musste grinsen. »Aber das nächste Mal lassen wir 'ne Stoppuhr mitlaufen.«
Sein Lächeln gefror. Er ließ Simon los und brachte einen kleinen Sicherheitsabstand zwischen sich und ihn. Natürlich war nach einem solchen Kuss nicht anders zu erwarten gewesen, und er konnte auch nicht behaupten, dass er nicht zuvor schon etwas bemerkt hätte, aber die leichte Spannung in und unter seinen Roben drang ihm erst jetzt voll ins Bewusstsein. Trotz allem war es ihm in diesem Moment unangenehm, auch wenn er sich nicht vorstellen konnte, dass es Simon anders ging. Aber daran wollte er erst recht nicht denken.
»Setzen wir uns«, sagte er hastig. »Wir sollten wirklich reden.«
Simon runzelte die Stirn, erhob aber keine Einwände. George ging zu der Steinbank und setzte sich schnell. Simon nahm dicht neben ihm Platz und sah ihn an.
»Du wolltest reden«, meinte er nach einer Weile.
Das stimmte zwar, aber George wollte nichts einfallen, was er hätte sagen können. Und das lag nicht an ihm, sondern an Simon, dessen war er sich ziemlich sicher. Wenn er hier mit – zum Beispiel, rein hypothetisch – Lee säße, wäre die Sache viel einfacher. Sogar wenn sie sich gerade eben geküsst hätten; eine Vorstellung, die nicht mehr so absurd schien, wie sie vor kurzem noch gewesen wäre. Mit Lee hätte er Witze reißen können, und sie hätten über alles Mögliche miteinander geredet, und Lee hätte ihm auch nie so lange direkt in die Augen gesehen, ohne etwas zu sagen. Mit Simon war so etwas undenkbar. Nicht zuletzt, weil er inzwischen wieder seine übliche ausdruckslose Maske aufgesetzt hatte. So wirkte sein Gesicht einfach nur langweilig; konturlos und flach, ohne weich und nett wie bei einem Mädchen zu sein. Je länger er es anstarrte, umso weniger verstand er, was ihm daran gefiel. Gefiel es ihm überhaupt?
»Wir haben nichts gemeinsam«, stellte George schließlich in nüchternem Ton fest. »Nicht das Geringste.«
»Stimmt auffallend«, erwiderte Simon. »Gratuliere, Sherlock! Brillante Analyse! Für einen Gryffindor nicht schlecht.«
Er klopfte George auf die Schulter und grinste ihn an. George schüttelte den Kopf. Er verstand Simon einfach nicht. Dauernd spielte er den Ungerührten und dann begann er auf einmal über etwas zu grinsen, das alles andere als lustig war.
»Warum ich?«, sagte er mehr zu sich selbst als zu Simon, aber dieser schien mit einem Mal gesprächig zu werden.
»Warum nicht du? Vielleicht steh' ich auf Rothaarige?« Der Vorschlag schien vollkommen ernstgemeint, aber George ließ sich davon nicht täuschen.
»Und warum dann nicht Fred?«, fragte er zurück, und das war tatsächlich etwas, was ihn seit einiger Zeit beschäftigte, wenn er auch nicht recht wusste, warum. »Immerhin hast du ihn auch zuerst geküsst.«
Simon verzog das Gesicht. »Kaum. Das waren außergewöhnliche Umstände. Außerdem kann mich dein Bruder nicht ausstehen.«
»Das ist der einzige Grund? Sonst wär's dir egal?«
»Nein, du siehst selbstverständlich viel besser aus als Fred.«
George lächelte unwillkürlich. Natürlich war das gelogen, aber …
»Und woher willst du wissen, dass ich nicht Fred bin? Bei dem Licht kann man sich leicht mal vertun.«
»Fred küsst viel schlechter.« Simon klang so aufrichtig, als er das behauptete, dass George lachen musste. »Aber du hast recht, ich sollte lieber auf Nummer sicher gehen«, sagte Simon und beugte sich zu ihm herüber, legte den Arm um ihn und küsste ihn noch einmal.
»So«, meinte er, als sie wieder fertig waren, »jetzt bin ich fast überzeugt, dass du wirklich der einmalige George Weasley bist. Ich glaub', mit einer kleinen Restunsicherheit kann ich leben.«
George wusste nicht, was er darauf noch sagen sollte. Simon hatte den Arm nicht mehr weggezogen und immer noch um seine Schultern gelegt, und George fand es nicht einmal allzu störend. Er lehnte sich vorsichtig zurück und starrte in den Himmel. Über ihnen zogen wohl gerade Wolken vorbei, oder das Licht des Lumos war zu hell, jedenfalls waren keine Sterne zu erkennen. Irgendetwas in ihm fragte sich, was er da eigentlich tat, aber er schenkte der leisen Stimme keine Beachtung.
»Verrückt«, sagte er und schloss die Augen für einen Moment. Simon sagte nichts darauf, aber plötzlich fühlte George, wie jemand seine linke Hand nahm. Verrückt. Doch diesmal dachte er es nur. Er saß hier unter freiem Himmel auf dem Turm der Lovegoods und hielt Händchen mit einem Jungen. Komplett durchgeknallt und völlig abgefahren. Bizarr. Er hätte sich kaputtgelacht, wenn ihm jemand das vor vier Wochen prophezeit hätte, oder angenommen, dass Trelawney mal wieder zu tief ins Glas geschaut hatte und im Delirium daherbrabbelte.
Er macht die Augen wieder auf und starrte auf seine Hand hinunter, die in Simons lag. Es war merkwürdig. Simons Hände sahen so beinahe kleiner aus als seine eigenen, dabei war es genau umgekehrt. Simons Finger waren zwar länger, aber dafür war seine Hand insgesamt schmaler. Im Vergleich hatte er beinahe Pranken.
»Treiberhände«, sagte er.
Simon nickte, als würde er verstehen. »Muss ganz schön auf die Gelenke gehen«, meinte er nach einer Weile.
Das stimmte sogar. Unentwegt mit einem Holzschläger auf eine Eisenkugel einzudreschen, hinterließ eben Spuren. »Gibt 'ne extra Heilsalbe dafür«, erklärte George.
Simon grinste wieder, hob Georges Hand an die Lippen und küsste einmal rund um sein Handgelenk. Was ein seltsames Gefühl war. Und unglaublich peinlich, als plötzlich Lovegoods Stimme von der Treppe her ertönte.
»Hallo, ihr Turteltäubchen!«, rief das Mädchen, viel zu laut für Georges Geschmack. »Ich war ja dagegen, aber die anderen meinen, dass ihr dabei sein wollt, wenn wir anfangen.«
»Lovegood!«, schnauzte George sie an. »Kannst du nicht –«
»Du darfst Luna zu mir sagen!«, unterbrach sie ihn, bevor er sie zur Schnecke machen konnte. »Simons Freunde sind auch meine Freunde.« Sie zwinkerte ihm anzüglich zu und verschwand lachend im Turm.
»Mach lieber, was sie sagt«, riet ihm Simon. »Ist auf Dauer das Einfachste.«
Er stand auf und zog George mit sich zur Treppe. »Ich bin wirklich gespannt, ob alles klappt.«
George brauchte einen Moment, bis er begriff, dass Simon von dem Experiment sprach und nicht von etwas anderem. Er folgte ihm langsam die Treppe hinunter. Der Ausgang des Versuchs interessierte ihn inzwischen kaum noch. Er hatte andere Probleme. Er wünschte sich nur, er könnte erst einmal in Ruhe überlegen. Aber das würde warten müssen, bis sich seine momentane Verwirrung etwas gelegt hatte und ihm nicht mehr so viel Zeug durch den Kopf schwirrte. Wahrscheinlich würde er die nächsten Tage über so einiges noch einmal neu nachdenken müssen, das war jetzt schon klar. Er wünschte sich nur, er hätte es bereits hinter sich.
Fred war beinahe sicher, dass Grey etwas mit Georges Verstand angestellt hatte. Irgendein Verwirrungszauber oder ein Liebestrank. Dem Schleicher war so etwas zuzutrauen, keine Frage. Und sie waren über eine halbe Stunde allein gewesen. Zeit genug für alles Mögliche. Aber darüber wollte Fred lieber nicht so genau nachdenken.
Jedenfalls benahm sich George nicht normal. George hielt nicht Händchen. Niemals. Mit niemandem. Nicht freiwillig. Fred versuchte darüber hinwegzusehen, aber sein Blick wanderte wie von selbst immer wieder zum Sofa, wo die beiden saßen.
Währenddessen kaute ihm die verrückte Lovegood ein Ohr nach dem anderen ab. Eine haarsträubende Geschichte um einen geheimen Kult, über den ihr Vater in der nächsten Ausgabe des Quibblers eine große Reportage veröffentlichen wollte. Der Mann musste genauso durchgeknallt wie seine Tochter sein. Und völlig verantwortungslos. Was dachte er sich bloß dabei, seine Tochter die ganze Nacht über allein zu lassen? Arbeit hin, Arbeit her, es gehörte sich nicht, erst um drei oder vier Uhr morgens nach Hause zu kommen. Was Kinder ohne Aufsicht – wenn man mal von dem Hauselfen absah, der auch nicht mehr ganz dicht war – anstellen konnten, sah man ja.
Fred warf einen verzweifelten Blick auf seine Armbanduhr, aber die Zeiger hatten sich seit dem letzten Mal kaum bewegt. Er schwor sich, dass er spätestens um zwei aufbrechen würde, mit oder ohne George. Und dieses Mal würde er sich nicht noch einmal hinhalten lassen. Er hatte diesem Schauspiel jetzt lange genug zugesehen. Goldstein war schon um halb eins abgehauen, kaum dass dieses dämliche Experiment vorbei gewesen war. Boot hatte sich vor einer Stunde dem Plappern Lovegoods durch Flucht entzogen und war in seinem Sessel eingeschlafen. Fred war ihr letztes verbliebenes Opfer, und sie schien sich in keinster Weise daran zu stören, dass er ihr nicht zuhörte.
George und Grey flüsterten miteinander, aber Fred verstand nur manchmal ein einzelnes Wort, das es durch Lovegoods Redeschwall hindurch bis an sein Ohr schaffte. Er gähnte laut und unübersehbar. Ohne Erfolg. Er glaubte, seinen Namen aus dem Geflüster auf dem Sofa herauszuhören, und stierte böse hinüber. George sah nicht einmal zu ihm her. Und dann lachte er über irgendetwas, das Grey ihm zugeflüstert hatte. Damit war Freds Geduld endgültig erschöpft. Es waren noch zehn Minuten bis zwei, aber auf seiner inneren Uhr war es fünf nach.
Er stand auf und verkündete: »Ich hau' jetzt ab. Kommst du mit oder nicht?«
George starrte ihn an wie ein Mondkalb, sah dann auf seine eigene Uhr und seufzte.
»Besser, wir brechen langsam auf«, meinte er dann zögernd. Das Bedauern in seiner Stimme machte Fred noch wütender. »Ist schon ziemlich spät.«
Und dann passierte das, was Fred gehofft hatte, nie mit ansehen zu müssen. Noch dazu war es eindeutig George, der sich vorbeugte und dem Schleicher einen Kuss gab. Es dauerte nur eine Sekunde, aber trotzdem würde diese Szene ihn wahrscheinlich für den Rest seines Lebens verfolgen. In seinen Alpträumen.
Er riss sich von dem Anblick los, wandte sich ab und stapfte davon.
»Wir sehen uns«, hörte er George hinter sich sagen, aber da war er bereits auf der Treppe, und das Geräusch seiner Tritte auf den Stufen verschluckte gnädigerweise den Rest, den er sowieso nicht hören wollte.
Während er am Küchenkamin der Lovegoods wartete, sah er wieder auf seine Uhr. Es dauerte über eine halbe Minute, bis George endlich auftauchte.
Fred ging als Erster, und er hätte sich nicht gewundert, wenn ihre Mum mit erhobenem Kochlöffel neben dem Kamin auf sie gewartet hätte. Aber die Küche des Fuchsbaus lag schwarz und verlassen vor ihm. Vielleicht hatten sie noch einmal Glück gehabt. Wenn man das Glück nennen wollte.
George trat kurz nach ihm aus den grünen Flammen. Fred beschwor flüsternd ein Diebeslicht und ging voraus. George tat hinter ihm das Gleiche und folgte ihm. Sie schlichen hintereinander die Treppe hinauf, vermieden die knarzenden Stufen möglichst und kamen schließlich unbehelligt bis zu ihrem Zimmer.
Fred rechnete noch immer mit einer unangenehmen Überraschung, aber ihr Zimmer war leer. Sie hatten die Betten mit Kissen und Klamotten ausgestopft, so dass es ein bisschen aussah, als würde jemand in ihnen schlafen. Alles wirkte noch so, wie sie es zurückgelassen hatten und ihre Doubles waren unangetastet.
Erst als die Tür hinter ihnen wieder geschlossen war, atmete Fred auf. Er drehte sich zu George um und funkelte ihn wütend an. Aber statt irgendwelcher Erklärungen – oder wenigstens dem Eingeständnis, dass es ziemlich dumm und leichtsinnig gewesen war, so lange wegzubleiben – erntete er nur Schweigen. George schien ihn nicht einmal zu bemerken. Er hatte sich bereits auf sein Bett gesetzt und war dabei, seine Schuhe auszuziehen.
Fred war zwar einen Moment lang versucht, sich das nicht bietenzulassen, aber es war nicht der richtige Zeitpunkt, um einen neuen Streit vom Zaun zu brechen. Am Schluss würden sie doch noch jemanden aufwecken. Also schwieg er verbissen, während er sich auszog. Genauso wortlos fegte er den Klamottenhaufen vom Bett und legte sich hin. Er überließ es George, das Licht auszumachen.
Er versuchte, an nichts zu denken und so schnell wie möglich einzuschlafen, aber es gelang ihm nicht. Der Mond schien durch das Fenster und natürlich genau auf seine Zimmerseite. Selbst mit geschlossenen Augen wusste er, dass das Licht da war, und es störte ihn. Das war der krönende Abschluss dieses Abends. Jetzt lag er endlich in seinem Bett und konnte nicht einschlafen.
»Fred?«, kam es plötzlich aus dem Bett auf der anderen Seite des Zimmers.
Er drehte sich um, aber Georges Seite lag im Dunkeln, und er konnte nur die Umrisse des Betts erkennen.
Er machte nur »Hm?«, als würde er schon halb schlafen. Er wartete. Und wartete. Aber von George kam nichts mehr.
»Ich bin wach«, gab er schließlich entnervt auf. »Was ist?«
Er hörte mehr, als dass er sah, wie sich George im Bett aufrichtete.
»Was hast du gegen ihn?«
Fred musste nicht fragen, wer gemeint war. Und über die Antwort musste er auch nicht nachdenken. »Er ist ein Schleicher, ein Angeber, ein arroganter Quadratspießer. Percy in Grün und mit rosa Schleifchen drum rum!«
»Ja. Und weiter …?«
Als wäre das nicht genug! Aber wenn George es unbedingt genau wissen wollte …?
»Er ist ein Langweiler. Ein Streber. Er ist einfach nur nervig und redet bloß Scheiße, sobald er den Mund aufmacht.«
»Da ist was dran.«
Was sollte das? Wollte George ihn etwa auf den Arm nehmen?
»Du bist –«
»Nein«, fiel ihm George ins Wort. »Es geht jetzt nicht um mich. Was hast du gegen ihn? Stört es dich etwa, dass er … mich mag?«
Auch eine Art, diesen Schlamassel zu beschreiben, dachte Fred. Allerdings ging es ihm am Arsch vorbei, wen Grey mochte oder nicht mochte. Seinetwegen hätte der Schleicher es mit sämtlichen Ziegen Britanniens treiben können. Aber nicht mit George.
»Ja«, würgte er schließlich heraus. »Schon. In gewisser Weise!«
»Also bist du eifersüchtig.« Fred konnte das Grinsen in seiner Stimme hören.
»Red keinen Müll!«
»Eindeutig eifersüchtig. Rasend eifersüchtig. Wann gibst du endlich zu, dass du seit Jahren heimlich höchst unbrüderliche Gefühle für mich hegst? Dafür musst du dich doch nicht schämen, Bruderherz! Das ist ganz normal. Wer kann meinem Charme schon widerstehen?«
Unfassbar! »D-Du … du Troll!« Jetzt war George dran. Er tastete nach seinem Zauberstab, den er aufs Fensterbrett gelegt hatte. Mal sehen, ob sein lieber Bruder immer noch so laut lachte, wenn er von einem Aguamenti getroffen wurde, dass ihn aus dem Bett schwemmen würde. »Troll ist noch zu gut. Du bist eine Eiterbeule auf dem Arsch eines Trolls!«
Endlich hatte er seinen Zauberstab gefunden, aber Georges Gelächter war mittlerweile wieder verstummt, und Fred ließ es bleiben. Aber er behielt den Zauberstab in der Hand.
»Fred?«
»Ja.«
»Manchmal könnte ich dich küssen!«
Das war der letzte Tropfen. Fred hatte den Zauberstab schon erhoben, als er ein geflüstertes Protego vom Nebenbett her hörte und einen Schutzschild aufglühen sah. Er ließ den Stab wieder sinken. Es hatte keinen Sinn, den Fußboden zu überschwemmen.
Er ließ sich wieder aufs Bett zurücksinken. Er konnte warten. Früher oder später würde George unvorsichtig werden.
»Also«, begann Fred und verstummte gleich wieder, um erst nach den richtigen Worten zu suchen. Er gab es schließlich auf. »Was habt ihr da oben so lange getrieben?«, fragte er geradeheraus.
»Nichts Besonderes«, kam nach einer Weile die wenig überzeugende Antwort. »Du weißt schon. Was man halt so macht.«
Fred klammerte sich an das »nichts Besonderes« und bemühte sich, den Rest sofort wieder zu verdrängen. Er wollte sich lieber nicht so genau vorstellen, was damit gemeint sein könnte. »Nichts Besonderes« war für sich genommen beunruhigend genug.
»Wir haben auch über dich geredet.«
»Was?!« Das fehlte noch.
»Er hat gesagt, dass ich besser aussehe als du. Und besser küsse.«
Fred schnaubte nur verächtlich. Diese lächerliche Behauptung war es nicht wert, weiter kommentiert zu werden. George konnte nicht so hirnverbrannt sein, auf eine derart offensichtliche Schleimerei hereinzufallen.
»Er hat immerhin den direkten Vergleich. Spricht aus Erfahrung, sozusagen.«
Erfahrung! Tiamats Titten! Sonst noch was! Er hätte den Kerl damals an Ort und Stelle kastrieren sollen. Ihnen allen wäre viel Ärger erspart geblieben.
»Ich kann dir bestimmt noch was beibringen. Wir könnten miteinander üben. Stell dir einfach vor, ich wäre Angelina.«
Fred war einen Augenblick sprachlos. Doch dann hörte er die gedämpften Geräusche, als würde ein gewisser Jemand vor Lachen in sein Kopfkissen beißen. Leider umhüllte noch immer – oder schon wieder – das schwache Leuchten eines Schutzschilds Georges Bett.
»Ich hab' dich wirklich drangekriegt, oder?«, kam es unter ersticktem Gelächter von der anderen Seite.
»Keine Sekunde«, behauptete Fred. Er fand die Sache schon lange nicht mehr lustig. George benahm sich albern und kindisch. Allmählich fragte er sich, ob der Schleicher nicht tatsächlich irgendwie am Verstand seines Bruders herumgepfuscht hatte. Schließlich verstummte auch dieser irre Heiterkeitsausbruch, und es kehrte wieder Stille im Zimmer ein.
»Fred?«
»Nein! Halt die Klappe.«
»Woher weiß man, dass man verliebt ist?«
Fred hätte sich am liebsten zu einer Kugel zusammengerollt und die Ohren zugehalten, auch wenn es zu spät dafür war. Ob es eine Möglichkeit gab, sich selbst mit einem Gedächtniszauber zu belegen? Er war nur froh, dass es auf Georges Seite des Zimmers dunkel war. Er wollte ihn jetzt wirklich nicht sehen. Dunkel. Das Protego war weg. Aber auch wenn George eine kalte Dusche mehr als verdient hatte, jetzt war nicht ganz der richtige Zeitpunkt. Aber aufgeschoben war nicht aufgehoben.
»Ich mein', schon klar, man merkt's einfach, aber was, wenn man sich trotzdem nicht sicher ist?«
Fred hatte genug von diesem Blödsinn. »Frag ein Mädchen!«
»Eigentlich ist es ja auch egal, oder?« Fred bezweifelte, dass George ihn überhaupt gehört hatte. »Spielt keine große Rolle, oder? Was sagst du, Fred?«
Fred erwog seine Möglichkeiten. Ob es wirklich so gefährlich war, ohne Unterricht und Lizenz zu disapparieren? Seine Lage war verzweifelt genug, und zumindest der Zauberer, der das Apparieren ursprünglich entdeckt hatte, musste es auch ohne langes Üben geschafft haben. Warum sollte es ihm nicht auch gelingen? Selbst wenn er dabei einen Arm oder ein Bein verlieren würde, wäre das vielleicht kein zu hoher Preis dafür, dass er den glücklichen Rest von sich in Sicherheit bringen konnte. Ein verlockender Gedanke.
»George?«
»Ja?«
»Würde es dir etwas ausmachen, endlich die Klappe zu halten?«
Für eine herrliche Minute herrschte Schweigen. Es schien fast, als würde George tatsächlich mit seinen blöden Flausen und Spinnereien durch sein. Fred entspannte sich allmählich wieder und hoffte schon, dass er endlich schlafen könnte. Aber dann …
»Wenn man von ein paar Sachen mal absieht, ist er doch ganz in Ordnung, oder?«
Damit war es offiziell! Kein Zweifel: George legte es bewusst darauf an und wollte ihn mit voller Absicht in den Wahnsinn treiben!
»Meine Fresse! George! Wenn man von ein paar Sachen absieht, ist sogar Percy ganz in Ordnung!« Scheiße! Hatte er das jetzt tatsächlich gesagt?
»Oh. Ach so. Jetzt auch noch Percy. Auch wenn ich deine perversen Gelüste nicht teile, meinen Segen habt ihr! Werdet glücklich! Aber was wird Mum sagen, wenn ihr Lieblingsstreber und meine missratene Hälfte miteinander durchbrennen. Stell dir nur ihr Gesicht –«
George verstummte plötzlich. Und Fred konnte sich nur allzu gut vorstellen, was ihm durch den Kopf ging.
»Was Mum nicht weiß, macht sie nicht heiß«, sagte er schließlich ziemlich unwirsch. »Selbst wenn, was soll's? Sie hat schließlich immer noch mich. Und Bill und Charlie und Percy. Außerdem war sie doch ganz verrückt nach 'ner Tochter. Dann hat sie jetzt eben zwei.« Er hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen. Es hatte nicht halb so lustig geklungen, wie er gehofft hatte. Aber was hätte er auch sagen sollen?
George blieb still. Irgendwann hielt Fred es nicht mehr aus. Er fluchte leise und beschwor ein Lumos. George saß an die Wand gelehnt auf seinem Bett und blinzelte ins Licht. Fred stand auf und ging zu ihm hinüber. Er hatte keine Ahnung, was er sagen oder tun sollte. Schließlich setzte er sich einfach auf die Bettkante und starrte auf ihre bunte Phiolensammlung auf dem Fensterbrett. Auch George sagte keinen Ton.
»Hey, Mum kommt schon darüber hinweg«, versuchte es Fred dann doch. »Sie wird's überleben, und wenn nicht, dann ist Dad auch noch da. Immerhin war Onkel Bilius auch … Jedenfalls wird er die Sache schon verstehen.«
George sah ihn verwundert an, seufzte dann und ließ sich aufs Kopfkissen sinken. »Ach, was. Mum ist nicht das Problem. Ich hab nicht vor, ihr was zu sagen, und von selbst kommt sie da nie drauf.«
Fred runzelte die Stirn. »Was ist dann das Problem?«
George drehte sich weg und starrte düster an die Decke. »Nichts. Alles. Dreck! Einfach alles!« Und dann begann er leise zu kichern.
Fred wusste nicht, was er tun sollte. Eine Ohrfeige wäre vielleicht angebracht gewesen. Nur ein leichter Klaps, aber dann kam ihm ein besserer Einfall. Das würde George eine Lehre sein. Fast so gut, wie die kalte Dusche, die ihn morgen aufwecken würde. Er beugte sich grinsend über George und drückte ihm einen feuchten Schmatz auf die Stirn.
George, der seine Aktion mit weitaufgerissenen Augen verfolgt hatte, erwachte erst nach einer langen Schrecksekunde aus seiner Schockstarre.
»Igitt! Hast du sie nicht mehr alle?« Er rieb sich mit der Hand über die Stirn und wischte sie dann am Bett ab. »Bäh!«
»Ich dachte, du wolltest üben?«, sagte Fred hämisch. »Wer ist jetzt der bessere Küsser?«
»Simon, und er hatte so was von recht«, behauptete George frech. »Du hast den Dreh nicht raus. Wie hält Angelina dich bloß aus?«
»Lüge und Verleumdung! Angelina hat sich noch nie beschwert.« Und das war sogar die Wahrheit. George hatte ja keine Ahnung. Selbst wenn er und Grey die ganze Zeit, die sie weg gewesen waren mit – Böser Gedanke!
»Die arme Angelina hat eben keinen Vergleich. Muss sich von einem Anfänger nach dem anderen abknutschen lassen. Woher soll sie's besser wissen, wenn sie's immer nur mit Amateuren zu tun hatte?«
Fred schien an dieser Stelle eine Beleidigung angebracht. »Dämlicher Armleuchter!«
»Bettnässer!«
»Flachwichser!«
»Schlappschwanz!«
»Hässliche Hackfresse!«
»Homo!«
Fred erstarrte. »Was?«
George lehnte sich mit zufriedenem Grinsen zurück. »Ich darf das jetzt«, behauptete er einfach. »Schwanzlutscher, Schwuchtel, Tunte!«
Fred biss die Zähne zusammen. »Warmer Bruder, wenn du schon mit mir redest.«
»Oder so«, meinte George leichthin.
»George?«
»Ja?«
»Halt die Klappe.«
George verschränkte die Arme hinter dem Kopf, grinste ihn an und tat natürlich genau das Gegenteil.
»Hast du Lust, nächste Woche mitzukommen?«
»Mitkommen?« Schlimme Befürchtungen stiegen in Fred hoch. »Wohin ›mitkommen‹?«
»Na ja«, druckste George herum. »Er hat mir seine Kaminadresse gegeben. Seine Mutter hat nächste Woche noch Schule. Ich hab' gesagt, ich komm' vielleicht irgendwann mal vorbei. Vormittags, wenn sie nicht da ist. Wenn Mum einverstanden ist, aber warum sollte sie was dagegen haben. Immerhin hat er geholfen, Ginny zu retten und so.«
Fred hoffte immer noch, dass er irgendetwas falsch verstanden hatte. Er brauchte wohl nicht zu fragen, wessen Mutter gemeint war, aber: »Seine Mutter muss in die Schule?«
»Simons Mum ist Lehrerin! Hörst du eigentlich nie zu, wenn man dir etwas erzählt?«
Auch das noch. Aber es passte. Natürlich, er hätte selbst darauf kommen können. Nur Lehrer konnten einen derart verkorksten Sohn haben. »Und was soll ich dabei?« Was für eine Vorstellung! George und der Schleicher – und er dazwischen. »Aufpassen, dass er sich nicht an deiner Jungfräulichkeit vergreift?«
Es war ein wenig hart formuliert, aber Fred hatte das Gefühl, den wunden Punkt getroffen zu haben.
»Vollidiot«, sagte George, wurde aber rot dabei. »Du kannst mich mal!«
»Schon gut, ich komm' ja mit«, lenkte Fred schnell ein. Wahrscheinlich war es besser, wenn George nicht allein mit dem Schleicher war. An einem Vormittag konnte viel passieren.
George grinste plötzlich. »Sieh's einfach als gerechte Strafe für die vielen Male, bei denen ich dich und Angelina ertragen musste.«
Fred hätte darauf einiges zu sagen gehabt, aber er verkniff sich jede weitere Bemerkung. Außerdem war er inzwischen hundemüde und wollte sich eigentlich nur noch hinlegen und in den Schlaf weinen. Er erhob sich von Georges Bett, aber nicht ohne ihn zuvor noch kräftig auf die Schulter zu boxen.
»Aua! Wofür war das?«, zischte George hinter ihm her, als er schon längst außer Reichweite war. Georges Reflexe waren anscheinend im Moment nicht die besten.
»Für Blödheit!«, gab Fred vollkommen aufrichtig zurück. »Es war mir ein Herzensbedürfnis. Gern geschehen.«
George rieb sich die Schulter, grinste ihn dabei aber an.
»Wird schon werden«, knurrte Fred ihn an. »Und jetzt schlaf endlich!«
»Ja, Mama«, erwiderte George mit unschuldigem Augenaufschlag.
Fred löschte sein Lumos und kletterte in sein Bett zurück.
Falls der Schleicher George nicht so behandelte, wie er es verdiente, würde er ihm den Arsch aufreißen und ein paar spitze, scharfe Dinge dort platzieren, wo die Sonne niemals hinschien. Einen Morgenstern. Damit würde er anfangen. In Hogwarts gab es einige Rüstungen mit Morgensternen. Und danach er würde sein Versäumnis vom letzten Jahr nachholen und ihn kastrieren.
Fred bezweifelte, dass sein Bruder heute noch schlafen würde, aber er selbst war einfach zu müde, um noch länger wach zu bleiben. George würde allein zurechtkommen müssen.
Als er ein paar Stunden später vom üblichen Morgenlärm im Fuchsbau geweckt wurde, kam es ihm vor, als hätte er kein Auge zugetan. Leider war das andere Bett bereits leer. Er hatte sich darauf gefreut, George mit einem Aguamenti zu wecken. Das war das mindeste, was sein Bruderherz verdient hatte. Aber morgen war ja auch noch ein Tag.
