4. Who Undertakes To Be A Friend
(Fog On The Tyne – Lindisfarne)
Terry erwachte, als sich etwas in seinem Bett bewegte. Er fuhr hoch, riss die Augen auf und starrte ans Fußende, aber es war nur die Katze. Er sank wieder zurück in die Kissen. Sie schien zu merken, dass er wach war, und machte sich auf, über seine Beine hinweg noch oben zu klettern. Sie war überraschend schwer, als sie es sich auf seinem Brustkorb gemütlich machte und diesen mit ihren Pfoten zu bearbeiten begann. Es war unangenehm, und er drehte sich zur Seite, um sie abzuschütteln. Doch die Katze hatte andere Pläne, schaffte es, sich auf ihm zu halten, und bearbeitete nun seine Schulter weiter. Sie schnurrte nicht einmal dabei, und Terry hatte den Verdacht, dass sie nur auf ihm herumtrampelte, um ihn zu ärgern.
Er versuchte, sie zu ignorieren, aber die Katze bearbeitete ihn so lange weiter, bis er die Tortur ihrer regelmäßigen Tritte nicht mehr aushielt. Schließlich setzte er sich auf, und die Katze sprang von ihm herunter auf den Boden, von wo sie vorwurfsvoll zu ihm hochsah. Er überlegte, ob er es sich unter diesen Umständen leisten konnte, barfuß aus dem Bett zu steigen, doch die Katze drehte sich plötzlich um und verließ das Zimmer.
Terry schwang sich aus dem Bett und gähnte ausgiebig. Gestern war es viel zu spät geworden. Er zog sich schnell an und entschied sich dann, erst ins Bad zu gehen, bevor er den Versuch unternahm, Simon zu wecken. Er klopfte zur Sicherheit erst, aber das Bad war frei. Er hielt sich nicht lange auf, und nach einer kurzen Katzenwäsche und ein paar Spritzern kalten Wassers im Gesicht fühlte er sich wach genug, um sich der nächsten Herausforderung zu stellen.
Die Vorhänge in Simons Zimmer waren noch zugezogen. Er ging um das Bett herum und öffnete sie energisch. Von dem unförmigen Haufen in Simons Bett kam keine Reaktion, aber das war normal. Er wollte ihm schon das Kopfkissen wegziehen und damit auf ihn einschlagen – eine Methode, die sich letztes Jahr bewährt hatte –, als er bemerkte, dass Simons Mund leicht geöffnet und das Kissen darunter angesabbert war. Er beschloss, dass es diesmal anders gehen musste. Die Decke war natürlich eine Möglichkeit, aber Terry wusste nicht, ob er sie einfach so wegziehen wollte.
Beim Gedanken an letzte Nacht verzog er unbewusst das Gesicht. Eigentlich war es ganz nett gewesen – bis die Weasleys aufgetaucht waren. Danach war es mit der Stimmung steil bergab gegangen, wenigstens was ihn betraf. Luna hatte sich natürlich köstlich amüsiert, Anthony hatte alles außer dem Experiment ignoriert, und der andere Weasley … Wenn Blicke töten könnten, hätte wohl niemand diesen Abend überlebt. Aber wirklich aberwitzig war es erst geworden, nachdem das Experiment erfolgreich beendet gewesen war. Anthony hatte sich, immer noch euphorisch wegen der gelungenen Transsubstantiation, vom Acker gemacht und ihn mit den anderen alleingelassen. Dann war der Abend endgültig ins Groteske gekippt. Es war verstörend gewesen, das mit ansehen zu müssen. Simon und der andere Weasley, flüsternd und händchenhaltend auf dem Sofa wie zwei verliebte Blödmänner. Terry wusste beim besten Willen nicht, was er davon halten sollte. Simon, ja, das war ihm klar gewesen – aber George? Und beide zusammen waren wirklich kein schöner Anblick. Wie ein Autounfall. Er hatte es am Schluss geschafft, sich dadurch loszureißen, dass er sich schlafend gestellt hatte. Und dann war er Gott sei Dank tatsächlich eingedöst.
Ihm kam eine böse kleine Idee in den Sinn. Es war ein bisschen gemein, aber manche Leute verdienten es, oder?
Er rüttelte an Simons Schulter, bis dieser mit einem gemurmelten »Verpiss dich!« zu erkennen gab, dass er nicht mehr Tiefschlaf lag.
»Wie du willst«, sagte Terry gelassen. »Dann richt' ich George eben aus, dass du noch schläfst und dass er sich später noch mal –«
»George?« Simon stand praktisch im Bett. »Wo?«, wollte er beinahe panisch wissen. »Ist er unten?«
Terry bemühte sich, aber trotz aller guten Vorsätze gelang ihm nicht, ernst zu bleiben. Die Mischung aus wilder Panik und Hoffnung in Simons verdutztem Gesicht war zu viel.
»Ha, ha«, gab Simon säuerlich von sich, als er endlich begriffen hatte. »Ungemein witzig, Mr. Boot. Ich lach' mich kaputt.«
Terry tat genau das, während Simon aus dem Zimmer stolzierte. Das musste ein neuer Rekord sein. Leider würde diese Methode vermutlich schnell ihre Wirkung verlieren, wenn er sie zu oft benutzte. Immer noch grinsend verließ er Simons Zimmer und ging hinunter. Er war überrascht, als er keine Spur von Miss Grey fand. Es war zwar Samstag, und vielleicht wollte sie nur ausschlafen, aber sonst war Simons Mutter immer schon wach gewesen, wenn er heruntergekommen war.
Er stand unschlüssig im Türrahmen der Küche, ging aber dann doch hinein. Neugierig sah er sich den magischen Herd an. Simon hatte zwar gemeint, dass er sich keine Sorgen zu machen brauche, das Versagen der elektrischen Geräte sei nur auf die besonders starken Schutzzauber zurückzuführen, die er bei Mr. Wyman bestellt habe, aber Terry war nicht überzeugt. Als er das letzte Mal zu Hause Verwandlungen geübt hatte, war das Fernsehbild schlechter geworden. Jedenfalls hatte sich sein Opa später über so etwas beschwert. Es hatte zwar nur so lange gedauert, wie er gezaubert hatte, aber vielleicht war der Effekt kumulativ? Dann wäre es nur eine Frage der Zeit, bis auch bei ihm zu Hause alles Mögliche an elektrischen Geräten ausfiel.
Der Herd sah aus wie ein gewöhnlicher Elektroherd. Auch bei genauem Hinsehen konnte Terry nichts feststellen, was auf Magie hingewiesen hätte. Auch der Kühlschrank machte von außen einen vollkommen normalen Eindruck. Nachdem er ihn geöffnet hatte, stellte Terry allerdings fest, dass die Wände dicker waren als üblich und daher im Inneren weniger Platz war, als er erwartet hätte. Und statt von einem Lämpchen schien das Licht von der gesamten Rückwand zu kommen. Er wirkte trotzdem nicht besonders magisch, und indirekte Beleuchtung war schließlich eine genauso gute Erklärung für das Licht wie Magie.
Terry schloss die Kühlschranktür wieder und machte sich auf die Suche nach einem Teekessel. Als er schließlich in einem Hängeschrank fündig geworden war, füllte er ihn mit Wasser und stellte ihn auf den Herd. Er zögerte. Die Regler waren nicht mit Zahlen beschriftet. Nur ein breiter werdender Ring zeigte an, in welche Richtung man sie drehen musste. Er stellte den Knopf kurzerhand auf die Mitte und hoffte das Beste. Als sich keine Katastrophe ereignete, begann er nach Tassen zu suchen.
Die Katze kam herein, setzte sich vor ihre Schüsselchen und starrte ihn an. Ihr Blick hatte etwas beunruhigend Ungeduldiges, und Terry beeilte sich, ihren Napf mit Katzenfutter zu füllen, bevor er weitermachte. Als er endlich auch die Teedose gefunden hatte, hörte er Schritte die Treppe herunterkommen. Simon erschien, immer noch in T-Shirt und Shorts, als wäre er gerade aus dem Bett gerollt, und ließ sich auf einen Stuhl fallen.
»Sollen wir deine Mutter noch schlafen lassen?«, fragte Terry und meinte damit eigentlich, dass Simon sie wecken sollte.
»Ist nicht da«, kam die einsilbige Antwort. »Musst dir selber was machen.«
Das traf sich äußerst ungünstig, fand Terry und goss den Tee auf.
Simon hob den Kopf und drehte sich um. »Oder auch nicht. Sie kommt gerade.«
Terry hatte nichts gehört, doch dann fiel laut die Haustüre zu. Gleich darauf betrat Miss Grey die Küche.
»Guten Morgen!«, sagte sie fröhlich und stellte eine Plastiktüte auf dem Küchentisch ab. »Hallo, Terry! Tee? Du bist ein Schatz.«
Terry war das Lob peinlich.
»Ja, ist er nicht einfach wunderbar?«, stimmte ihr Simon auch noch spöttisch zu.
Miss Grey schenkte ihm keine Beachtung und stellte zwei Pfannen auf den Herd.
»Setz dich«, forderte sie Terry auf und begann die Tüte auszupacken, die sie mitgebracht hatte. Ein Dutzend Brötchen wanderte in den Backofen, Würstchen und Speck landeten in der ersten Pfanne und mehrere Eier in der zweiten.
»Darf man fragen, wo Miss Grey die ganze Nacht über war?«, wollte Simon plötzlich wissen. Und Terry wünschte sich weit weit weg.
Simons Mutter lachte. »Man darf«, antwortete sie, machte aber keine Anstalten, das näher auszuführen.
»Also, wo warst du?«, fragte Simon schließlich, und Terry war versucht, ihm unter dem Tisch einen Fußtritt zu geben.
»Auf Großwildjagd«, gab Miss Grey offensichtlich amüsiert zurück.
»›Tigger jagen‹ trifft's wohl eher«, murmelte Simon halblaut vor sich hin.
Wieder lachte Miss Grey, antwortete diesmal aber nicht, sondern schenkte stattdessen den Tee ein. Sie warf noch einen Blick auf die Pfannen, bevor sie sich zu ihnen an den Tisch setzte.
»So, Terry, wie geht es dir?«, fragte sie ihn. »Zu Hause und in der Schule alles in Ordnung?«
»Kann nicht klagen«, behauptete Terry und bemühte sich, aufrichtig zu klingen.
»Aha«, machte Miss Grey, aber er hörte sich nicht so an, als wäre sie überzeugt. »Man hat's nicht leicht, aber leicht hat es einen? Das Gefühl kenne ich.« Sie warf einen bezeichnenden Blick in Simons Richtung und lächelte Terry aufmunternd zu.
Terry antwortete nur mit einem Achselzucken. Er glaubte nicht, dass Simons Mutter seine Probleme, die sie ohnehin nichts angingen, verstehen würde.
»Jetzt sehe ich es erst!« Sie starrte ihn mit weitaufgerissenen Augen an. »Kann es sein, dass du seit letztem Jahr gewachsen bist?«
»In seinen Träumen!«, kam der unausweichliche Kommentar von Simon.
Terry fühlte sich auf den Arm genommen. Außerdem war zwei gegen einen unfair.
»Es tut mir leid«, entschuldigte sich Simons Mutter, aber Terry war sicher, dass sie hinter ihrer Tasse ein Grinsen versteckte. »Eine Woche allein mit diesem Verrückten, und schon sind meine Manieren beim Teufel.«
»Sechzehn Jahre deiner Erziehung haben mich zu der liebenswerten Persönlichkeit gemacht, die ich heute bin!«, erwiderte Simon gelassen.
Zum Glück war Miss Grey schon damit beschäftigt, die Brötchen aus dem Ofen zu holen, und musste sich dann wieder den Pfannen auf dem Herd zuwenden, bevor etwas anbrennen konnte, sonst hätte sich dieser Schlagabtausch bestimmt noch einige Zeit hingezogen.
Terry war in diesem Moment froh darüber, dass er nach dem Frühstück wieder zu Hause erwartet wurde. Auch wenn es eine nette Abwechslung war und er Miss Grey eigentlich gut leiden konnte, Simon und seine Mutter waren nur in kleinen Dosen auszuhalten. Für heute hatte er genug davon genossen. Wenn man die vergangene Nacht mitrechnete, dann reichte es für einen vollen Monat. Oder länger.
Das Frühstück versöhnte ihn wieder etwas, wenigstens mit Miss Grey, die es schließlich gemacht hatte. Erstaunt sahen er und sie zu, wie Simon sich ebenfalls einen Teller holte und zu frühstücken begann, als wäre das völlig normal. Simons Mutter schüttelte den Kopf, als traute sie ihren Augen nicht. Die Versuchung war groß, aber Terry hielt lieber den Mund. »Manche Sachen gehen durch den Magen« schien irgendwie unpassend, »Auf Liebesglück folgt Frühstück« war zu offensichtlich, und etwas anderes wollte ihm nicht einfallen. Außerdem wollte er keinesfalls in der Nähe sein, wenn Simon das Gespräch mit seiner Mutter führte. Andererseits wollte das Simon vermutlich auch nicht. Vielleicht gab es doch noch Gerechtigkeit auf der Welt. Mit schadenfrohem Grinsen machte er sich wieder über seinen Speck her.
Der Wagen wurde langsamer, während er am Rande des unterirdischen Sees entlangfuhr. Filius hätte die Aussicht genossen, aber die wilde Fahrt hatte seine alten Knochen ordentlich durchgerüttelt, und er hatte keine Augen für die Schönheit der Umgebung. Abgesehen davon, dass er sich nicht auf einer Vergnügungsfahrt befand, war es nicht hell genug, um viel zu erkennen. Den Restlichttrank hatte er noch nicht eingenommen; eine Vorsichtsmaßnahme, deren Weisheit sich bereits erwiesen hatte. Er bezweifelte, ob er den Trank während der letzten Minuten bei sich behalten hätte.
Leider dauerte der gemütliche Teil der Fahrt nicht lange. Kaum hatten sie den See umrundet, tauchten sie erneut in eine enge Tunnelmündung ein, und es ging steil hinab, weiter hinunter in die Tiefen der Erde. Filius klammerte sich instinktiv an den Seitenwänden des Wagens fest, während dieser ratternd über die Schienen in die schwärzeste Dunkelheit zu stürzen schien.
Je tiefer sie kamen, umso wärmer wurde es. Selbst der Fahrtwind brachte kaum noch Abkühlung. Sie mussten inzwischen weit unter London sein, wahrscheinlich bereits weit außerhalb Londons, auch wenn das hier unten keine große Rolle spielte. Kobolde dachten nicht in Menschenstädten.
Wenn er nicht aus einem bestimmten, wichtigen Grund diese Reise auf sich genommen hätte, wäre es ihm vielleicht eher möglich gewesen, die Fahrt zu genießen. Es musste ein halbes Jahrhundert her sein, dass er das letzte Mal eine der Tiefen Städte besucht hatte. Aber die Dringlichkeit seines Anliegens vertrieb alle Anflüge von Nostalgie, und die unbequeme Fahrt tat ihr Übriges.
Der junge Lenker stand aufrecht und unbewegt im Vorderteil des Wagens, als bemerke er das Rucken und Schwanken ihres Gefährts gar nicht. Er hatte noch kein Wort gesagt, aber vermutlich war es mehr der Respekt vor einem Älteren als die Verachtung für einen Ringlosen, was ihn schweigen ließ. Filius hatte seine wenigen Ohrringe nicht angelegt. Es hätte ihn lächerlich aussehen lassen. So wenige Ringe bei einem so alt aussehenden Mann – auch wenn dieser kein vollwertiger Kobold war – wären nicht dazu geeignet, ihm irgendeine Art von Respekt zu verschaffen, im Gegenteil.
Die Fahrt schien sich endlos hinzuziehen, doch schließlich wurden sie doch wieder langsamer, als sie in eine große unterirdische Kaverne einfuhren. Filius nutzte die letzten Meter der Reise, um den Restlichttrank aus der Robe zu ziehen und den schrecklich schmeckenden Inhalt in einem Zug hinunterzustürzen. Schnell klärte sich seine Sicht, und er konnte endlich seine Umgebung wieder klar erkennen.
Sie näherten sich einem großen Stadtknoten. Mindestens zwanzig Schienenstränge liefen hier zusammen. Die Plattformen, die zum Ein- und Aussteigen benutzt wurden, waren durch Treppen mit einer hohen Steinbrücke verbunden, die in der Ferne in Schatten und Dunkelheit verschwand.
Sanft, mit nur unmerklichem Ruck hielt der Wagen an einer Plattform. Filius dankte allen Göttern der Tiefe, als er endlich wieder festen Boden unter den Füßen hatte. Trotzdem hob er den Zeigefinger, um sich bei seinem Lenker für die Fahrt zu bedanken. Der junge Kobold legte in einer kurzen Geste des Lächelns den Kopf ein wenig zur Seite und fuhr gleich darauf weiter.
Filius hatte eigentlich damit gerechnet, abgeholt zu werden, doch die Plattform lag verlassen vor ihm. Es schien im Augenblick auf dem ganzen Knoten nicht viel Betrieb zu herrschen, soweit er das erkennen konnte. Nur auf der gegenüberliegenden Seite wartete eine Koboldfamilie auf einen Wagen. Eines der Kinder deutet drehte sich plötzlich um, bemerkte ihn und deutete mit ausgestreckter Hand in seine Richtung.
Filius wandte sich eilig ab und ging zügig zu der Treppe, die auf die Brücke hinaufführte. Auf der Hochpromenade angekommen, schwitzte er bereits. Die Hitze war unerträglich, und außerhalb der Stadt war die Belüftung auch nicht sehr effektiv. Er sprach einen Kühlungszauber auf seine Roben. Mit dem Zauberstab wäre es einfacher gewesen, aber hier unten verzichtete man besser auf jede Provokation. Es ging auch so. Zumindest hatte er nicht mehr das Gefühl, bei lebendigem Leib gedörrt zu werden, wenn das Atmen auch weiterhin schwer war. »Wenn Dunkelheit und Hitze zu viel werden, schließe ganz fest die Augen und denke an das Feuer der fließenden Steine!«, hatte seine Urgroßmutter ihm immer geraten. Als Kind hatte das tatsächlich geholfen, auch wenn er nicht verstanden hatte, warum. Heute verstand er, wie sie es gemeint hatte, doch dafür half es nicht mehr sehr.
Die Promenade wurde in regelmäßigen Abständen von geschwungenen Bogenkonstruktionen aus Stein überwölbt, von denen Laternen hingen, die einen fahlen Schimmer verbreiteten. Dazwischen herrschte Dunkelheit. Selbst mit seinem Restlichttrank konnte er nicht viel vom Rest der Kaverne erkennen, lediglich die Lichterkette auf der Brücke lieferte eine gewisse Orientierung.
Auf seinem Weg über die Promenade begegneten ihm einige Kobolde. Sie sahen ihn erstaunt an, und ihre Augen leuchteten wie Katzenaugen im Dunkeln, wenn sie ihn ihren Blick wieder abwandten, aber keiner stellte seine Anwesenheit infrage. Niemand kam ungebeten bis hierher herunter.
Die Promenade endete an einem gewaltigen Felsvorsprung in der Höhlenwand, hinter dem sich das Tor zu dieser Tiefen Stadt befand. Ein Dutzend Wachen in roten Lendenschurzen und mit langen Klingenstäben bewaffnet bewachte den Zugang. Das Kommen und Gehen hielt sich in Grenzen. Als Filius sich näherte, kam ihm ein Kobold die letzten Meter entgegen. Er trug den hier unten üblichen Lendenschurz, allerdings nicht im Rot der Wachen, sondern in gewöhnlichem Grün. Er war wohl mittelalt, soweit man sich da bei einem Kobold sicher sein konnte, und damit wohl kaum älter als Filius. Als sich der Kobold vor ihm mit einer menschlichen Geste verneigte, zählte Filius automatisch die Ringe an seinen Ohren. Je zwei Gold und Silber links, drei Gold und vier Silber rechts. Dreihundertneunzehn, wenn man in menschlichen Begriffen denken wollte. Kein besonders hochrangiges Empfangskomitee, aber auch weit entfernt von einer Beleidigung.
»Mr. Filius Flitwick, nehme ich an?«, begrüßte ihn der Kobold in Menschsprache. Er hatte den Kopf zur Seite geneigt, und Filius erwiderte die Geste höflich.
»Richtig«, antwortete er, zog die goldene Passierscheibe aus seiner Robe und zeigte sie vor. »Mein Zweck ist eine Audienz bei der Ältesten N'trak.«
Es hörte sich seltsam an, wenn es nicht auf Kobold gesagt wurde, aber es wäre unhöflich gewesen, nicht in der Sprache zu antworten, in der er angesprochen worden war.
»Natürlich«, sagte der Kobold und zeigte dabei sogar die Zähne, als wolle er menschliches Lächeln imitieren. Er musste an den Umgang mit Menschen gewöhnt sein. Wahrscheinlich hatte er Oberflächendienst geleistet. »Sie werden erwartet, Mr. Flitwick. Bitte folgen Sie mir.«
Der Kobold drehte sich um und ging voraus, ohne sich mit weiteren Fragen aufzuhalten. Filius folgte ihm. Die Wachen hielten sie nicht auf, wollten nicht einmal seine Passierscheibe sehen. Der Gang hinter den Stadttoren war hoch und breit wie eine Straße. Die Laternenbogen waren in kürzeren Abständen gesetzt, und zwischen ihnen öffneten sich die dunklen Mündungen von Lüftungsschächten, aus denen eine relativ kühle Brise wehte. In seiner Jugend hätte er nur aufgrund der Strömungen in der Luft den Weg zur Zentralkammer finden können, aber das war lange her.
Kaum hatten sie das Stadttor ein Stück hinter sich gelassen, wurde das Treiben um sie herum geschäftiger. Je weiter sie kamen, umso mehr Kobolden begegneten ihnen. Manche starrten ihn an, besonders die Kinder und die Jüngeren, aber die meisten schenkten ihm und seinem Führer keine Beachtung, sondern gingen unbeeindruckt ihren Verrichtungen nach. Sie mussten im Viertel der Grobschmiede sein, denn schon nach kurzer Zeit hörte Filius das kakophone Konzert leiser und lauter Hammerschläge. Der Gang öffnete sich in eine mittelgroße Kammer, die von einem Dutzend dichtgedrängt beieinanderstehender Werkstätten umgeben war. Der Schein der Essen und Schmiedefeuer schmerzte in seinen Augen, der infernalische Lärm von Hämmern und Ambossen war überwältigend. Er eilte hastig hinter seinem Führer her, um möglichst schnell wieder aus der Werkkammer zu entkommen.
Sie gingen weiter und bogen nach einer Weile in einen ruhigeren Gang ein. Die runden Steintore in den Tunnelwänden mochten in Wohnhöhlen führen, aber sicher ließ sich das nicht sagen. Der Luftstrom wurde merklich stärker, während sie den Gang entlanggingen. Plötzlich wand sich vor ihnen ein ausgewachsener Krell-Wurm aus einem der Lüftungstunnel. Sein Führer blieb stehen, und auch Filius wartete, während der Wurm sich orientierte. Die langen Borstenfühler am Vorderende zitterten, und dann traf das blinde Tier eine Entscheidung, wandte sich um und kroch auf sie zu. Sein Führer drehte sich zu Filius um, vermutlich um ihn zu beruhigen, aber Filius war bereits an die andere Wand zurückgewichen. Auch sein Führer macht nun den Weg für den Wurm frei und stellte sich neben Filius an die Wand. Schweigend verfolgten sie, wie der Wurm dem nächstgelegenen Lüftungstunnel zustrebte, sich dort aufrichtete und Segment um Segment darin verschwand, um von neuem seiner Aufgabe nachzugehen.
Der Rest des Weges zur Zentralkammer war nicht mehr weit, und sie erreichten die große Höhle ohne weitere Zwischenfälle. Auf den breiten Laternenalleen herrschte reges Treiben. Die Luft war beinahe angenehm durch den stetigen Wind, wenn es auch immer noch drückend heiß war. Als sie über den dichtbevölkerten Marktplatz gingen, hätte Filius seinen Führer beinahe aus den Augen verloren, als eine Horde nackter Koboldkinder johlend und kreischend zwischen ihnen hindurchpreschte. Die Umstehenden kläfften wütende Flüche und Beschimpfungen, wurden aber von den Kindern nicht beachtet. Filius erinnerte sich, dass auch sie »Wer kommt als Erstes über den Markt?« gespielt hatten; damals, in einer anderen Stadt, in einer anderen Welt. Man hatte jedes Mal neue Schimpfwörter von den an- und umgerempelten Erwachsenen gelernt, und das war ein bedeutender Teil des Spaßes gewesen.
Er traf seinen Führer schließlich am Rand des Platzes wieder, aber inzwischen war die große Kuppel der Ratshalle, die sich am Grund der Höhle erhob, deutlich zu sehen, und eigentlich hätte er ihn gar nicht mehr gebraucht, um dorthin zu finden.
Diesmal musste er seine Passierscheibe bei den Wachen vorzeigen, bevor ihm der Zutritt zur Kuppel gewährt wurde. Filius hatte nicht damit gerechnet, in die eigentliche Ratshalle geführt zu werden, und war daher nicht überrascht, als sein Führer erneut in einen Seitengang abbog. Sie waren nicht lange unterwegs, als der Gang scheinbar vor einer Felswand endete.
»Ich werde hier auf Sie warten, Mr. Flitwick«, sagte der Kobold und setzte sich auf einen der Vorsprünge, die in die Tunnelwand gehauen waren.
Filius nickte, fügte zur Sicherheit aber ein »Ja« hinzu, falls der Kobold mit menschlichen Umgangsformen doch nicht so vertraut sein sollte, dass er diese Geste verstanden hätte. Er berührte die Felswand mit der flachen Hand, worauf der Stein in sekundenschnelle zur Seite schmolz. Der Raum dahinter musste das Vorzimmer der Ältesten zu sein, jedenfalls war es kein Audienzsaal im eigentlichen Sinne. Bis auf eine ältere Koboldfrau, die hinter einem Lesepult stand, war der Raum leer. Das Leuchten des Lesepults schien die einzige Lichtquelle zu sein. Eine Glasscheibe nach der anderen – dünn wie Papier, aber unzerbrechlich – wanderte von rechts nach links, während die Koboldin weiterlas, ohne von seinem Eintreten Notiz zu nehmen. Filius nutzte die Zeit, um sie einer genauen Musterung zu unterziehen. Sie war zwar alt, und ihre Brüste hingen weit herab, aber sie wirkte noch nicht verschrumpelt genug, um tatsächlich eine Älteste zu sein. Ihre Ohrringe bestätigten das nur. Vier goldene und ein silberner links, drei goldene rechts. Fünfhundertvierzig. Hochrangig, aber gewiss noch keine Älteste.
Schließlich hatte die Koboldin ihre Lektüre wohl beendet, denn sie löschte mit einem Wink das Licht ihres Lesepults und gleichzeitig gingen fünf Laternen an der Decke an und tauchten den Raum in ein fünffach fahles Zwielicht. Sie kam hinter ihrem Pult hervor, machte aber keine Anstalten, auf Filius zuzugehen.
»Zweck?«, bellte sie ihn auf Kobold an.
»Mein Zwecke erfordern eine Audienz bei der Ältesten N'trak«, erwiderte Filius mit leicht geneigtem Kopf. Es hatte keinen Sinn, unhöflich zu sein, aber er hatte auch nicht vor, den Grund seines Besuchs mit jemand anderem als der Ältesten zu besprechen.
»Die Älteste ist in die tieferen Tunnel gegangen«, erwiderte die Koboldin.
Filius hätte am liebsten vor Wut und Enttäuschung geschrien. Stattdessen hielt er den Kopf kerzengerade und zeigte ihn einem breiten Lächeln seine Zähne. Sollte die Frau ruhig merken, wie verärgert er war. »In die tieferen Tunnel gegangen« war keine Antwort. Das konnte alles und nichts heißen, von »Sie ist tot« bis hin zu »Sie hat im Augenblick keine Lust, jemanden zu sehen«.
Die Koboldin starrte ihn an und legte dann den Kopf in den Nacken. Die abgehackten keckernden Laute herzhaften Koboldgelächters erfüllten den Raum. Filius bleckte die Zähne nur noch mehr.
Das Lachen verstummte so plötzlich, wie es eingesetzt hatte. Die Frau legte entschuldigend eine Hand an ihren Hals, und Filius beschloss, dass es klüger war, seine Zähne wieder hinter den Lippen zu verstecken, auch wenn es ihm schwerfiel.
»Meine Befugnis kommt direkt von der Ältesten«, erklärte die Koboldin dann. »Mein Wissen umfasst ihre gesamte Korrespondenz.«
Damit hatte er rechnen müssen. Trotzdem hatte er insgeheim gehofft, die Älteste hätte seine Briefe vertraulicher behandelt. Aber was blieb ihm anderes übrig, als sich mit der Situation abzufinden? Dann musste er eben mit dieser Frau verhandeln.
»Was ist der Preis? Welche Fragen sind offen?«, kam er ohne Umschweife zur Sache.
Die Koboldin neigte den Kopf leicht zur Seite und sagte: »Der Preis ist der höchste. Die Frage ist: Wo ist der Lebendige Glanz?«
Filius hätte jetzt am liebsten auch laut gelacht. Wenn er gewusst hätte, wo sich der Lapis befand, hätte er sich kaum bei der Ältesten danach erkundigt, nicht wahr?
»Der Lebendige Glanz ist in die tieferen Tunnel gegangen!«, erwiderte er grimmig. Sollte sie auf ihren eigenen Worten herumkauen. »Welche Weg er danach eingeschlagen hat, ist meinem Wissen nicht zugänglich.
Sie schüttelte verständnisvoll den Kopf. »Das wurde bereits vermutet. Aber der Lebendige Glanz ist der Preis aller Preise. Dankbarkeit kann grenzenlos sein.«
»Wer Gold verspricht, gibt nur ein Versprechen, kein Gold«, antwortete Filius ihr mit einem alten Koboldsprichwort.
Wieder schüttelte die Koboldin den Kopf. »Richtig. Aber ein Versprechen war nicht beabsichtigt. Mein Zweck war eine Erinnerung an die Großzügigkeit des Volkes. Ein Beweis für diese Großzügigkeit ist dort.«
Die Koboldin deutete auf eine Wandnische, in der ein großes Kästchen stand. Filius zögerte nicht lange, ging zu der Nische und öffnete das Behältnis. Es enthielt Schriftrollen. Pergamentene Schriftrollen. Nutzlos hier unten. Kobolde benutzten aus gutem Grund ihr dünnes Glas. Es war nicht nur die Frage der Lesbarkeit, wenn man es vor eine Lichtquelle hielt und die dunklen Runen sich davor abhoben – schwierig bei Pergament –, sondern auch die Haltbarkeit von Papier und Pergament und der Tinte darauf war unter den hier unten herrschenden Bedingungen sehr eingeschränkt. Zwar hätte es magische Möglichkeiten gegeben, dieses Problem zu umgehen, aber Kobolde bevorzugten einen sparsamen Umgang mit allem, nicht zuletzt mit Magie. Diese Schriftrollen sahen so neu aus, als wären sie gerade erst beschrieben worden.
»Kopien aus den Archiven«, erklärte die Koboldin hinter ihm. »Ein Geschenk der Ältesten. Einige der widernatürlichen Abscheulichkeiten des Oberflächenabschaums werden darin behandelt. Einige der gestellten Fragen mögen sich damit beantworten lassen.«
Filius hätte die Rollen am liebsten sofort aus dem Kästchen genommen und an Ort und Stelle begonnen, sie zu studieren. Aber das Geschenk war tatsächlich großzügig. Eigentlich zu großzügig, um ohne konkrete Gegenleistung gegeben zu werden.
Er zeigte alle fünf Finger seiner Linken, und die Koboldin nahm sofort seinen Dank mit geöffneter Handfläche an. Ein Geschenk. Tatsächlich ein echtes Geschenk. Selbstverständlich stand er nun in ihrer Schuld, und vielleicht war das alles, was mit dieser Gabe beabsichtigt war, aber es war trotzdem ungewöhnlich großzügig. Geradezu unglaublich und unerhört großzügig. Und mit einem Male war Filius vollkommen überzeugt, dass die Kobolde tatsächlich nicht wussten, wo der Stein der Weisen war. Dieses Geschenk war ein Versuch, ihn vorsorglich zu bestechen, damit er, falls er jemals etwas über den Aufenthaltsort des Steins herausfand, dieses Wissen an die Kobolde weitergab. Eine Verzweiflungstat, beinahe lächerlich in ihrer Kläglichkeit, vor allem, weil sie nicht ernsthaft hoffen konnte, dass sich diese Investition irgendwann auszahlen würde.
Er hob das Kästchen vorsichtig auf, wandte sich der Koboldin zu und hob es vor die Augen.
»Dieses Geschäft ist abgeschlossen«, sagte die alte Frau.
Filius akzeptierte die Entlassung mit einem leichten Kopfschütteln. »Alle Bedingungen werden eingehalten werden«, versprach er ihr, obwohl es beim Empfang eines Geschenks nicht üblich war. Sie würde verstehen, wie er es meinte. Er blickte ehrerbietig zu Boden und sah nicht mehr auf, bis er den Raum wieder verlassen hatte.
Draußen erwartete ihn sein Führer, bereit ihn wieder aus der Tiefen Stadt hinauszuführen. Der Besuch war nicht in allen Punkten so verlaufen, wie Filius es sich vorgestellte hatte, aber er wollte sich nicht beklagen. Das Kästchen, das er vor sich her trug, während er seinem Führer folgte, mochte alle Mühen wert gewesen sein. Jedenfalls kam er nicht mit leeren Händen aus der Tiefen Stadt, und das war schon mehr, als er sich realistischerweise hatte erhoffen können. So gesehen hatte er allen Grund, mit sich und dem Ausgang der Dinge zufrieden zu sein.
Fred hatte gerade erst hinter George das Haus betreten, als auch schon der Ruf ertönte: »Fred! George! Tisch decken!«
»Ja, Mum« rief George sofort, und Fred ärgerte sich. Sein Bruder war seit Tagen ekelerregend brav und langweilig. Allmählich schlug sich sein Verhalten auch auf Freds Stimmung durch. Mürrisch trottete er hinter George her und half ihm beim Tischdecken. Inzwischen wünschte er sich fast, George würde es endlich hinter sich bringen. Vielleicht bestand dann eine Chance, dass sein Bruder wieder einigermaßen normal wurde. George hatte sogar alle weiteren Experimente – sogar Selbstversuche – mit ihrem neuen Zaubertrankprojekt verweigert; alles nur, um bei ihrer Mum bereits im Vorfeld Liebkind zu machen.
»Ginny! Ron! Percy!«, schrie ihre Mum die Treppe hoch. »Essen kommen!«
Fred setzte sich auf seinen Platz und überließ es George allein, das Besteck zu holen und auszuteilen.
»Ich frage mich, wo euer Vater wieder bleibt«, sagte ihre Mum und verschwand aus der Küche. Gleich darauf kam sie wieder zurück.
»Unterwegs«, murmelte sie, »hoffentlich nach Hause und nicht zu irgendeinem Einsatz.«
Ron kam als Erster in die Küche, Ginny und Percy folgten kurz darauf. Fred lief das Wasser im Mund zusammen, als endlich die Töpfe und Pfannen über ihre Köpfe auf den Tisch schwebten. Lammkoteletts mit gebackenen Kartoffeln und Rosenkohl. Was wollte man mehr? Er musste zwar mit Ron darum kämpfen, aber er sicherte sich das erste Stück. Und die erste Portion Kartoffeln. Beim Rosenkohl musste er sich mit dem zweiten Platz zufriedengeben, aber diese Niederlage war verkraftbar. Angesichts von Rons Verfressenheit war es ein triumphaler Erfolg.
»Arthur! Endlich!«, rief ihre Mum, als ihr Dad plötzlich aus dem Kamin trat.
»Hallo, Molly«, begrüßte ihr Dad sie und gab ihr einen Kuss. »Hat im Büro etwas länger gedauert. Der Papierkram. Wir haben einen ziemlichen Haufen Ärger mit einigen verzauberten Schuhrollendingern gehabt, oder wie sie heißen. Den Schuldigen konnten wir noch nicht schnappen, aber wir haben –«
»Ja, ja«, unterbrach ihn ihre Mum. »Jetzt setz dich erst einmal und iss! Das kannst du alles später noch erzählen, aber jetzt wird das Essen kalt.«
Fred hatte das Ganze nur aus dem Augenwinkel verfolgt und sich im Wesentlichen auf sein Essen konzentriert. Ihr Dad setzte sich gehorsam an den Tisch, und endlich nahm auch ihre Mum Platz.
Ron, dieser Anfänger, hatte sich wahrscheinlich ablenken lassen, denn Fred war der Erste, der sich einen Nachschlag nahm.
»Verfressener Sack!«, sagte Ron laut und deutlich über den Tisch hinweg, aber Fred grinste ihn nur an.
»Ronald Weasley!«, beschwerte sich ihre Mum. »Keine solchen Ausdrücke bei Tisch!«
»Ist doch wahr!«, murmelte Ron trotzig und verschwendete wertvolle Zeit dabei. Wenn er so weiter machte, würde Ginny noch eher an eine zweite Portion kommen als er.
»Das mag sein«, fiel ihm ihre Mum ungeniert in den Rücken, »aber das ist keine Entschuldigung dafür, bei Tisch solche Ausdrücke zu benutzen.«
Dann warf sie Fred einen strengen Blick zu. »Und du, schling nicht so. Das ist kein Wettessen!«
»Ich kann nichts dafür, Mum«, verteidigte sich Fred mit vollem Mund. »Du kochst einfach zu gut.«
Er schaffte es, dabei ernst zu bleiben, und das war wahrscheinlich sein Glück. Mit einem ehrlichen Lob konnte man ihrer Mum immer den Wind aus den Segeln nehmen.
Er grinste in seinen Teller, bekam jedoch gleich darauf einen warnenden Stoß von der Seite. George natürlich. Sein Bruder entwickelte sich langsam, aber sicher zu einem echten Spielverderber. So empfindlich war ihre Mum dann auch wieder nicht, dass sie gleich ausflippen würde, nur weil man sie ein bisschen auf die Schippe nahm.
Er riss sich trotzdem zusammen und brachte den Rest des Abendessens so gesittet hinter sich, wie es nur möglich war, ohne seinen Vorsprung aufzugeben.
»Hey, Mum«, meldete sich George kurz vor dem Ende des Abendessens zu Wort. »Ist für morgen irgendwas Besonderes geplant?«
Fred hätte sich am liebsten unter dem Tisch verkrochen. Ihre Mum starrte George verwundert an.
»Geplant? Was soll ›geplant‹ sein?«, fragte sie zurück.
»Na ja, wenn nichts Besonderes los ist, würden Fred und ich einen Freund besuchen, wenn du einverstanden bist.«
»Welchen ›Freund‹?«, wollte sie wissen, und ihre Augen wurden zu schmalen, misstrauischen Schlitzen. »Ich dachte, Lee wäre mit seinen –«
»Nicht Lee«, unterbrach sie George, »Simon. Du weißt schon. Der Junge, der geholfen hat, Ginny zu retten. Er hat uns eingeladen.«
Eigentlich hätte das ein unschlagbares Argument sein sollen, aber ihre Mum schien seltsamerweise nicht begeistert.
»Ob das eine gute Idee ist?«, meinte sie zweifelnd. »Der Junge schien ja soweit ganz in Ordnung zu sein – ein bisschen steif und zurückhaltend vielleicht –«
Fred konnte ein Grinsen nicht unterdrücken. Das war wirklich ein Erlebnis gewesen, als seine Mum und der Schleicher aufeinandergetroffen waren. Eine der wenigen Erinnerungen, in denen beide vorkamen und die durchweg angenehm war.
»– aber was soll man auch erwarten? Aber was ist mit seiner Familie? Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Grays sich freuen, wenn Weasleys an der Türschwelle stehen.«
Ihr Dad räusperte sich, aber ihre Mum zuckte nur die Schultern. Fred hatte keine Ahnung, wovon ihre Mum da redete, und George ging es wohl genauso.
»Was – was meinst du damit?«, wollte sein Bruder wissen.
Ihre Mum lächelte verkniffen. »Das ist natürlich nicht seine Schuld, aber die alten Familien … es gibt Ausnahmen, ja, aber ich muss euch doch nicht erklären, wie es ist, oder?«
George starrte sie verständnislos an. »Alte Familien? Er ist muggelstämmig, Mum!«
»Oh«, machte sie verwirrt. »Aber ich dachte … Er machte einen so abweisenden Eindruck, als wir ihn im Krankenflügel getroffen haben. Beinah schon arrogant.«
Fred hätte beinahe losgeprustet. Selbst ihr Dad grinste in sich hinein. Schließlich musste sogar ihre Mum lächeln.
»Ja, schon gut«, gab sie zu, »ich war vielleicht auch ein bisschen zu überschwänglich. Also schön, wenn das so ist, meinetwegen. Aber spätestens zum Abendessen seid ihr wieder da, verstanden?«
»Ja, Mum«, versicherte George fröhlich, und Fred nickte nur schicksalsergeben.
Erst jetzt registrierte Fred, dass Streber-Percy sie schon eine ganze Weile über den Tisch hinweg anstarrte. Ziemlich komisch und mit offenem Mund, als wolle er etwas sagen. Fred starrte zurück, und schließlich klappte ihr nerviger Bruder seinen Mund wieder zu. Ron, der mit einem ähnlichen Gesichtsausdruck auf seinem Platz saß, tat das Gegenteil.
»Das ist unfair!«, brach es aus ihm heraus. »Warum dürfen die zwei ihre Freunde besuchen, aber ich nicht? Wer weiß, was die dämlichen Muggel mit Harry machen, wenn niemand nach ihm sieht? Als ich ihn mit diesem Feleton-Dings angerufen hab', hat mich sein blöder Onkel nicht mal mit ihm reden lassen! Hat gesagt, es gibt keinen Harry Potter bei ihnen! Letztes Jahr haben sie ihn sogar eingesperrt und ihn fast verhungern lassen! Dämliche dreckige Muggel!«
»Ron«, begann ihre Mum, »was habe ich gerade über deine Ausdrucksweise bei Tisch gesagt?«
Fred fühlte den unerwarteten und völlig ungewohnten Drang, ihrem kleinen Bruder zu Hilfe zu kommen.
»Er hat eigentlich nicht ganz unrecht, Mum«, wandte er vorsichtig ein. »Ich mein', vergitterte Fenster, Essen durch die Katzenklappe, es war wie in 'nem richtigen Gefängnis. Was sind das für Leute, die so was machen?«
»Genau«, murrte Ron störrisch. »Dämliche Muggel ist noch viel zu gut für die.«
Ihre Mum seufzte und tauschte über den Tisch hinweg Blicke mit ihrem Dad aus. Ginny nutzte den günstigen Moment, um sich ebenfalls einzumischen.
»Wir können ihn doch abholen, und er könnte den Rest der Ferien bei uns bleiben, so wie letztes Jahr«, wandte sie sich an das schwächste Glied der Kette. »Bitte, Dad! Wir haben doch genug Platz. Wird gar nicht auffallen, dass wir einer mehr sind. Und seine Muggel-Verwandten sind wirklich schreckliche Leute! Sag Ja, Dad! Bitte!«
Manchmal musste man Ginny echt bewundern, fand Fred. Raffiniert beschrieb es nicht einmal ansatzweise. Der flehentliche Blick, den sie ihrem Dad zuwarf, hätte selbst Steine wie warme Butter zerfließen lassen.
»Ah, Ginny … Schatz, die Sache ist ein bisschen kompliziert«, sagte er, ohne die Schutzzauber zu erwähnen, die angeblich nur wirkten, wenn Harry einen Teil der Ferien bei seinen Verwandten verbrachte. Fred hielt das für Unfug, aber anscheinend glaubten ihre Eltern daran. »Nach seinem Geburtstag reden wir noch mal darüber, hm? Vorher geht es wirklich nicht, tut mir leid, Kleines.«
»Nach seinem Geburtstag? Das ist ja noch ewig hin! Bis dahin kann alles Mögliche passieren«, schmollte Ginny, aber ihr Dad ließ sich nicht erweichen.
»Wir laden Harry sofort nach seinem Geburtstag ein, und wenn er kommen will, holen wir ihn sogar ab. Aber erst dann, keinen Tag vorher.«
»Versprochen?«, versuchte Ginny geschickt ihren Teilerfolg an Ort und Stelle festzuzementieren, und ihr Dad reagierte wie ein braves Hündchen, das Pfötchen geben sollte.
»Versprochen, Ginny«, ging er ihr blindlings in die Falle. Fred schüttelte bewundernd den Kopf. Auch George grinste anerkennend, und selbst Ron starrte staunend auf ihre kleine Schwester. Percy schien das alles völlig kaltzulassen, und ihre Mum … ihre Mum hatte die Stirn gerunzelt und einen seltsam leeren Gesichtsausdruck. Als sie bemerkte, dass Fred sie ansah, setzte sie schnell ein Lächeln auf – was die Sache noch unheimlicher machte.
Sie klatschte in die Hände. »Auf!«, sagte sie und beendete die Diskussion abrupt. »Abräumen! Fred! George! Ihr zwei seht zu, dass ihr euch morgen ja ordentliche Sachen anzieht, wenn ihr schon bei fremden Leuten eingeladen seid!«
»Ja, Mum«, antwortete George, noch ehe Fred fragen konnte, woher sie »ordentliche Sachen« herzaubern sollten. Stehlen kam so kurzfristig nicht infrage. Er verbiss sich jeden Kommentar, nicht zuletzt, weil George ihm schon wieder einen Stoß gab. Er stand auf und half klaglos beim Abräumen. Was sein Bruder ihm allein für die letzten paar Tage schuldete, würde Fred sein ganzes Leben lang nicht mehr eintreiben können. Und der morgige Tag würde Georges Schulden wahrscheinlich noch einmal verdoppeln. Mindestens. Alles andere hätte Fred sehr überrascht.
Simon lag auf seinem Bett und starrte auf seine Bücherregale. Es war inzwischen nach neun, und seine persönliche Laune war weit in den negativen Bereich abgerutscht. Er selbst war der Ansicht, dass er unaufhaltsam einer depressiven Verstimmung entgegenstrebte. Die letzten Tage war er viel zu früh aufgestanden und hatte im Wohnzimmer gewartet, aber niemand war aus dem Kamin gekommen. Er hätte genauso gut liegen bleiben und ausschlafen können. Inzwischen bezweifelte er manchmal, dass George überhaupt noch auftauchen würde. Immerhin hatte er nicht direkt gesagt, dass er kommen würde. Nur, dass er es sich überlegen würde, und das schloss nicht aus, dass er es sich anders überlegt hatte.
Dabei war ihre letzte Begegnung besser gelaufen, als es sich Simon jemals erträumt hätte. Wenn man von ein paar Kleinigkeiten einmal absah. Er konnte immer noch nicht fassen, dass er so hirnverbrannt und dumm gewesen war, »Sex« zu sagen, als George ihn gefragt hatte, was er von ihm wolle. Wie konnte man nur so verdammt und komplett von allen guten Geistern verlassen sein? Dabei hatte er sich fest vorgenommen, erst zu denken und dann den Mund aufzumachen, wenn es um George ging.
Simon rollte sich in seinem Bett zusammen und versank in ein persönliches Universum aus Reue, Scham und »Was ich stattdessen alles hätte tun, sagen und denken sollen«. Glücklicherweise erinnerte er sich nur noch dunkel, was er später am Abend alles von sich gegeben hatte. Er hatte bestimmt lauter schwachsinniges Zeug dahergeplappert. Im Nachhinein hätte er sich am liebsten selbst mit Schlägen auf den Hinterkopf eingedeckt. Wahrscheinlich hatte er sich wie ein totaler Vollidiot aufgeführt. Was hieß hier »wahrscheinlich«? Aber wie hätte er sich auch richtig konzentrieren sollen? George hatte ihn angelächelt, gottgegeißelt noch mal! Und mit seinen Fingern über seine Handfläche gekitzelt. Es war ein Wunder, dass er überhaupt noch korrekte ganze, nicht total sinnfreie Sätze von sich gegeben hatte – und er hoffte sehr, dass er das meistens getan hatte.
Warum war George immer noch nicht gekommen? Wenn er heute wieder nicht erschien – und es war bereits halb zehn, also standen die Chancen eher schlecht – dann blieb nur noch morgen. Nächste Woche begannen auch für seine Mum die Ferien. Ab da würde es schwierig werden. Vermutlich wäre es einfacher und die einzig vernünftige Lösung gewesen, sie endlich aufzuklären, aber er war nicht in Stimmung. Nicht dass er ein großes Drama erwartete, aber im Moment hatte er noch nicht einmal Lust auf ein kleines.
Andererseits hatte er nicht den blassesten Schimmer, was er tun würde, wenn George schließlich doch noch auftauchen sollte. Er redete sich einigermaßen erfolgreich ein, dass sich alles schon irgendwie ergeben würde, wenn es so weit war. Zumindest hoffte er, dass –
Ein unangenehmes Zwicken an seiner rechten Schulter riss ihn aus seinen Gedanken. Plötzlich wusste er, dass jemand im Haus war. Er sprang vom Bett auf. Er konnte sich nicht erklären, woher und wieso, aber es war eine absolute Gewissheit, keine Vermutung, keine Ahnung, kein vager Verdacht. Jemand war im Haus. Jemand sehr Unfreundliches. Er griff nach seinem Zauberstab und verließ hastig sein Zimmer.
Auf der Treppe hörte er, wie eine Stimme seinen Namen rief. George. Leider klang der zweite Ruf schon ziemlich sauer. Simon beeilte sich noch mehr und rannte ins Wohnzimmer.
Es war tatsächlich George, aber hinter ihm stand unerfreulicherweise auch Fred.
»Hallo«, brachte er schließlich doch heraus. »Äh, tut mir leid, ich war gerade oben und hab' –«
»Was soll das?«, fuhr ihn George an. »Was hast du mit Fred gemacht?«
Simon war irritiert. Er hatte keine Ahnung, warum George so wütend war. Bis er sah, dass Fred sich überhaupt nicht rührte. Es schien fast, als wäre er versteinert, sobald er den ersten Schritt aus dem Kamin gemacht hatte. Unter anderen Umständen wäre es amüsant gewesen, aber da es George zu verärgern schien, war es nicht komisch.
»Das war keine Absicht«, versicherte er George eilig, um ihn zu beruhigen. »Waren nur die automatischen Schutzzauber.«
»Dann mach was dagegen!«, verlangte George.
Simon überlegte fieberhaft. Es war ein Jahr her, dass er die Broschüren gelesen hatte, die Mr. Wyman dagelassen hatte. Eigentlich sollten die Schutzzauber relativ eigenständig handeln und ganz intuitiv seinen Wünschen gemäß arbeiten. Was sie ja auch getan hatten, in gewisser Weise. Schließlich hatte er nicht viel für Fred übrig und ihn auch nicht eingeladen. Aber, auch wenn er keineswegs begeistert war, dass George seinen Zwillingsbruder mitgebracht hatte, er wollte keinesfalls, dass George wütend auf ihn war. Das Problem war nur, er hatte keine Ahnung, was er tun musste, um Fred zu befreien. Wie hatte Luna das gemacht, als sie letztes Jahr die beiden aus den Schutzzaubern des Schwarzen Turms befreit hatte?
»Lass ihn los?«, lautete Simons etwas unsichere Anweisung an das Haus im Allgemeinen. Er selbst war wohl am meisten überrascht, als es klappte und Fred den angefangen Schritt zu Ende stolperte.
»Danke«, sagte George zu ihm, während Fred ihn mit Blicken zu töten versuchte.
»Kein Problem«, behauptete er, als hätte er genau gewusst, was er tat. Er nahm sich fest vor, bei nächster Gelegenheit ein paar Bücher über Schutzzauber zu lesen. Eine Welle unangenehmen Schweigens schwappte über sie. George sagte nichts, Fred starrte nur böse, und Simon wusste auch nicht, was er hätte sagen sollen.
Schließlich räusperte er sich und fragte: »Soll ich euch rumführen? Das Haus zeigen und so?«
George zuckte mit den Achseln. »Warum nicht?« Dann grinste er. »Wo wir schon mal hier sind.«
Simon tat so, als würde er die Anspielung nicht verstehen. Was hätte er darum gegeben, wenn George seinen Bruder zu Hause gelassen hätte. Aber wahrscheinlich war es besser, wenn er sich mit Freds Anwesenheit abfand. Vielleicht war das ganze Gerede über Zwillinge und das »besondere Band« nicht kompletter Unsinn, und dann musste er sich wohl oder übel irgendwie mit Fred arrangieren.
Die Führung verlief erwartungsgemäß nicht sehr aufregend. Ihr Haus war klein, und es gab weder viel zu sehen noch etwas Interessantes darüber zu berichten. Sein eigenes Zimmer war schon fast der Höhepunkt der Besichtigungstour. Er hatte selbstverständlich aufgeräumt, allerdings war das Bett nicht gemacht.
»Mordred!« Es war das erste Wort, das Fred gesagt hatte, seit er im Haus war. Simon verfolgte unruhig, wie Georges Bruder an eines seiner Regale trat und wahllos Bücher herauszog. »Das ist ja wie in 'ner Bibliothek. Fehlt nur noch Pince! Du bist noch bekloppter, als ich gedacht hätte.«
Und du bist noch dümmer, als es selbst bei einem Gryffindoof aus dem Haus der hirnlosen Halbdebilen erlaubt sein sollte. Simon sagte es nicht. Doch es kostete ihn einige Mühe, den Mund zu halten.
»Du willst uns doch nicht weismachen, dass du den ganzen Mist hier gelesen hast, oder, Grey?«
»Nein«, beschied ihn Simon ausdruckslos. Er würde sich nicht provozieren lassen. Er wollte sich nicht provozieren lassen. »All diese Bücherregale dienen lediglich dekorativen Zwecken. Sie stehen da, damit die Wände nicht so nackt aussehen. Ist doch wesentlich ästhetischer so, nicht wahr?«
»Ästhetischer, meine Fresse! Du bist wirklich nicht mehr ganz dicht!«, entgegnete Fred kopfschüttelnd.
George schwieg zu ihrem kleinen Schlagabtausch. Simon wünschte sich, er wäre mit ihm allein. Sie hätten sich aufs Bett setzen und da weitermachen können, wo sie das letzte Mal aufgehört hatten. Es war ziemlich frustrierend, sich stattdessen mit Fred herumärgern zu müssen. Dummerweise drehte sich jetzt auch noch George mitten im Zimmer einmal um sich selbst und warf ihm dann einen seltsamen Blick zu.
»Du hast das alles wirklich gelesen?«, fragte er. Und dann: »Hey, Fred! Neben der Tür kann man doch noch Wand sehen!«
Simon verschränkte die Arme und schwieg verbissen. George grinste ihm zwar zu, was ihn normalerweise sofort versöhnt hätte, aber über gewisse Dinge machte man einfach keine Witze. Der Platz neben der Tür war zu schmal für ein richtiges Regal, was schlimm genug war, aber sich auch noch über ihn lustig zu machen, war nicht in Ordnung. Außerdem war es ein Tiefschlag, dass George ihn gefragt hatte, ob er die Bücher auch gelesen hatte. Als würde er sich tatsächlich ungelesene Bücher ins Regal stellen.
»Kein einziges Bild, kein Poster«, stellte George plötzlich fest. Eine seltsame Bemerkung, wie Simon fand.
»Was hab ich dir gesagt?« Fred war weiterhin damit beschäftigt, Simons Bücher durcheinanderzubringen. Er klang merkwürdig zufrieden. »Du schuldest mir zehn Sickel.«
George drehte sich noch einmal im Kreis, aber selbstverständlich waren in seinem Zimmer keine Poster. Außer neben der Tür oder an der Decke wäre für so etwas auch kein Platz gewesen. Und was hätte er schon aufhängen sollen?
Simon beschloss, Freds Anwesenheit so weit irgend möglich auszublenden und einfach so zu tun, als ob dieser gar nicht da wäre.
»Hast du eines?«, fragte er George. »Von dir würd' ich eines aufhängen.« Es gelang ihm überraschend gut, ernst zu bleiben. Vielleicht half es, dass es nicht weit von der Wahrheit entfernt war. Und Georges Gesichtsausdruck war sehenswert.
Fred grinste ausgesprochen hämisch. »Vielleicht vergrößert dir Mum eines seiner Babyphotos, wenn du sie nett darum bittest. Eines, auf dem er nackt auf 'nem Bärenfell rumstrampelt.«
»Nein danke«, erwiderte Simon und warf alle guten Vorsätze über Bord. »Am Schluss krieg ich eins von dir, davon kann sich deine Erzeugerin bestimmt leichter trennen, und dann muss jedes Mal kotzen, wenn ich hinschau'!«
Fred lachte zwar, aber George sah nicht eben glücklich aus.
»Gehen wir wieder runter«, schlug Simon schnell vor. »Viel mehr gibt's hier oben nicht zu sehen.«
Er dachte angestrengt nach, was er jetzt mit den beiden machen sollte, während er vorausging. Wenn der Fernseher noch funktioniert hätte, wäre die Sache ganz einfach gewesen. Er hätte sich mit George auf die Couch gesetzt, sein Bruder hätte sich einen Sessel nehmen können, und dann hätten sie irgendetwas anschauen können. Anthony war begeistert gewesen. So aber blieb nicht viel. Der Garten war eine Möglichkeit. Wenn sie hinten rausgingen, konnten sie sich auf die Terrasse setzen, ohne dass jemand zwei Menschen in Zaubererroben aus dem Haus kommen sah. Außerdem war die Stelle hinter dem Haus, wo der Tisch und die Stühle standen, von der Straße aus nicht gut einsehbar, also sollten sie dort einigermaßen sicher sein.
Er ging kurzerhand zur Hintertür, schloss sie auf und deutet auf die kleine Terrasse und den Tisch mit den beiden Gartenstühlen, die dort standen.
»Setzt euch schon mal«, sagte er. »Ich komm gleich nach.«
Er lief zurück in die Küche, holte drei Flaschen Ginger Ale und einen Flaschenöffner, nahm einen der Küchenstühle in die andere Hand und zerrte ihn hinter sich her. Er hatte keine Lust, im Schuppen nach den anderen Gartenstühlen zu suchen. Natürlich hatte sich Fred bereits neben George breitgemacht. Aber auch damit ließ sich leben. Er stellte seinen Stuhl gegenüber von George ab. So musste er wenigstens nicht dauernd den Kopf zur Seite drehen. Alles hatte auch seine Vorteile.
»Ist Ginger Ale okay?«, fragte er und stellte die Flaschen auf den Tisch. »Butterbier haben wir keins.«
Dass Anthony Ginger Ale als trinkbar eingestuft hatte, erwähnte er lieber nicht, obwohl George und Fred recht ratlos dreinblickten. Er machte einfach die Flaschen auf und stellte sie vor sie hin. Er nahm als Erster einen Schluck, während Fred misstrauisch an der Flasche schnüffelte.
»Was soll das sein? Willst du uns vergiften, Grey?«, fragte er und fing sich einen Rippenstoß von George ein. Simon beobachtete es mit Genugtuung.
»Schon gut«, maulte Fred und verdrehte die Augen. »Willst du uns vergiften, Simon?«, wiederholte er mit erkennbar angewidertem Gesichtsausdruck.
»Nein, nur dich«, erwiderte Simon und nahm demonstrativ noch einen Schluck aus seiner Flasche. Es war nicht zu sagen, ob der Ekel sich mehr auf das Ginger Ale oder den Namen »Simon« bezogen hatte. Simon hätte damit leben können, dass Fred ihn weiterhin Grey nannte, aber offensichtlich wollte George das nicht. Und das war definitiv ein gutes Zeichen, oder? Aber vielleicht interpretierte er auch zu viel da hinein.
Wenigstens George nahm einen vorsichtigen Schluck. »Komisch«, lautete sein Kommentar. »Trinken Muggel so was oft?«
»Willst du lieber was anderes? Limo, Saft, Cola?«, fragte Simon schnell.
»Nein«, meinte George und nahm einen zweiten Schluck. »Man gewöhnt sich dran.«
Freds Schnauben ignorierte Simon. Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und sah nur George an. Nach einer Weile wurde dieser nervös, aber es machte einfach zu viel Spaß, um damit aufzuhören.
»Ich hatte mir ein Muggel-Haus immer ganz anders vorgestellt«, sagte George schließlich.
»Wie denn?«, fragte Simon, ohne ihn aus den Augen zu lassen.
»Na ja, anders eben. Hier ist es fast wie bei uns daheim. Wenn man sich vier Stockwerke dazudenkt.«
»Und die Bibliothek weg«, mischte sich Fred ein. »Und die Gesellschaft. Und die Getränkeauswahl. Und die Bäume.«
»Sind das Obstbäume da hinten?«, fragte George.
»Sicher«, antwortete Simon, ohne sich umzudrehen. Er bezweifelte, dass George sich ernsthaft für die Bäume interessierte. »Ein paar Apfelbäume, zwei Birnen und zwei Kirschen. Aber sie bringen nicht mehr viel. Sind schon lang nicht mehr geschnitten worden. Mum hat genug mit ihrem Garten vorne zu tun. Ist sowieso nur ein Hobby für sie.«
»Deine Mum ist auf der Arbeit?«
»Jepp«, sagte Simon und erntete einen seltsamen Blick von George. Er würde damit leben.
»Und wann kommt sie zurück?«
»Nicht vor dreiviertel vier.« Und das nur, wenn sie fuhr wie eine Irre, aber manchmal tat sie das. »Wahrscheinlich später. Irgendwas ist immer.«
»Was unterrichtet deine Mutter eigentlich?« Überrascht sah Simon zu Fred. Die Frage hatte fast normal geklungen; jedenfalls nicht sehr feindselig.
»Physik im Moment«, antwortete er deshalb relativ konziliant. »Gelegentlich springt sich auch für Mathe ein. Deshalb hat sie den Job überhaupt bekommen. Ist nicht so üblich. Die allermeisten anderen Lehrer haben nur ein Fach richtig studiert. Mum hatte schon 'nen erstklassigen Master in Mathe gemacht, wollte aber noch nicht runter von der Uni. Darum hat sie danach auf Lehrer studiert und dabei Physik noch mitgenommen.«
Beide starrten ihn verständnislos an. »Sie ist wie Sinistra und Vector in einem«, versuchte es Simon mit einem etwas schiefen Vergleich, aber anscheinend begriffen die Zwillinge endlich, auch wenn er den doppelten Ausdruck des Entsetzens lächerlich übertrieben fand.
»Und du warst auf derselben Schule?«, wollte George mitleidig wissen.
»Jepp«, bestätigte Simon kurzangebunden. Er wollte wirklich nicht daran denken, wenn es sich vermeiden ließ. Nicht wegen seiner Mum, aber insgesamt –
»Wie ist es so auf einer Muggel-Schule?«, fragte Fred. Er schien beinahe ehrlich interessiert, aber diese Frage hätte seine Laune nicht mehr verderben können, wenn sie in der bösartigsten Absicht gestellte worden wäre. Vermutlich war Georges Bruder einfach ein Naturtalent.
»Nicht viel anders als auf Hogwarts.« Das war wahr und doch auch wieder nicht. »Wir hatten auch vier verschiedene Häuser, aber keiner hat das so richtig ernst genommen. Schuluniformen. Man weiß einfache schwarze Roben erst so richtig zu schätzen, wenn man in burgunderfarbenen Pullovern, weißen Hemden mit Stehkragen und grauen Stoffhosen durch die Gegend laufen muss und alle anderen genauso idiotisch aussehen, wie man selbst. Mehr Unterricht, mehr Hausaufgaben, mehr Lernen, mehr Stress, weniger Zeit zum Lesen.« Und das war nur die Spitze des Eisbergs. »Die Lehrer sind lästiger, es gibt mehr Regeln und die werden auch strenger überwacht. Außerdem viel Gerede über Schulethos, Werte, Moral, ›Seit nett zueinander, und holt das Beste aus euch heraus‹ und so ein Schwachsinn. Eine Menge eingebildeter Snobs und Kinderchen aus reichem Elternhaus. Hogwarts ist dagegen ein Traum. Außerdem sparen wir auch noch 'ne Menge Geld, seit ich auf Hogwarts geh', hatte also nur Vorteile, dass ich da weg bin.«
Simon atmete auf, als er mit seiner Mängelliste durch war. Es hatte richtig gutgetan, das einmal loszuwerden. Die Zwillinge wirkten ein wenig ungläubig, aber er hatte nicht vor, sie zu überzeugen. Die beiden wussten doch gar nicht, was für ein Zuckerschlecken Hogwarts war. Im Vergleich eher ein Ferienlager als eine richtige Schule, wie er sie kennengelernt hatte.
»Ihr spart ›'ne Menge Geld‹, weil du auf Hogwarts gehst?« fragte George schließlich. »Was hat den die Muggel-Schule gekostet?«
Vermutlich hätte er das mit dem Geld nicht erwähnen sollen. Wenn die Weasleys auch nur halb so arm waren, wie Anthony meinte, dann war das ein heikles Thema. Und wahrscheinlich hatte Anthony recht, sonst hätte sich George kaum gerade dafür interessiert, oder? Sollte er ein bisschen untertreiben? Andererseits hatte er kein gutes Gefühl bei dem Gedanken, George so mitten ins Gesicht zu lügen. Er nahm einen Schluck aus der Flasche, bevor er antwortete.
»Umgerechnet ungefähr zweitausend Galleonen im Jahr. Aber man kriegt 'nen Teil erlassen, wenn man sehr gute Noten hat. Und Mum hat bestimmt so noch was ausgehandelt, weil sie schließlich da unterrichtet. Wir haben jedenfalls ungefähr zwölfhundert Galleonen im Jahr bezahlt.«
»Aber …« George musterte ihn verstört. »Du hast doch hier gewohnt, oder? Wofür wollten die dann so viel Gold?«
Simon verzog das Gesicht. »Für eine fundierte exzellente schulische Ausbildung? Es war aber auch ein Internat dabei, allerdings mussten die das doppelte auf den Tisch legen.«
»Viertausend Galleonen?«, fragte Fred empört. »Für ein Jahr Schule? Dafür kommst du komplett durch Hogwarts und hast danach noch was übrig!«
Simon zuckte mit den Achseln. Das war korrekt ausgerechnet, so weit richtig, und dem war auch nichts Intelligentes hinzuzufügen. Eton, Harrow und Winchester nahmen noch mehr. Aber kein Mensch, der noch seine fünf Sinne beisammenhatte, ging da freiwillig hin. Er trank von seinem Ginger Ale, streckte seine Füße unter dem Tisch aus und versank erneut in die intensive Betrachtung Georges. Das war wesentlich angenehmer, als das dauernde Gerede über Schule, Geld und Galleonen.
Plötzlich, er hatte eigentlich gehofft, dass das Thema endlich durch wäre, meldete sich Fred wieder zu Wort. »Was verdient deine Mutter denn so als Lehrerin?«
»Wir kommen zurecht«, antwortet Simon leicht genervt.
»Na los, Simon, sag schon! Wie viel?«, ließ der lästige Zwilling nicht locker.
Ob Fred endlich den Mund halten würde, wenn er es ihm einfach sagte? Außerdem hatte ja nicht George gefragt, also konnte er ruhig ein bisschen lügen. Zumindest abrunden war doch erlaubt?
»So zehntausend im Jahr«, sagte er kurzangebunden.
»Galleonen?«, fragte George entgeistert, während Fred einen leisen Pfiff ausstieß.
»Sie ist eine ausgezeichnete Lehrerin«, verteidigte Simon seine Mum. »Nicht irgendein dahergelaufener Feld-, Wald- und Wiesen-Englischlehrer, die's wie Sand am Meer gibt, sondern sie kann Mathe und Physik. So was muss man erst mal finden. Und sie arbeitet viel und lang und macht ihren Job gut und unterrichtet immerhin an 'ner Privatschule. Was verdienen denn eure Eltern?«
Das war natürlich eine dumme Frage, wie ihm sofort klarwurde. Ihr Mienenspiel bestätigte das nur. Ein Themenwechsel schien dringend angeraten.
»Hat jemand Hunger?«, war das Erste, was ihm in den Sinn kam. »Ich könnte was kochen. Oder ein paar Sandwiches machen.«
Er erntete nur Schweigen. »Es ist nur Geld!«, sagte er frustriert. »Buntes Papier mit Bildchen drauf. Was soll's? Ist ja nicht so, als wär's meines. Ich krieg' auch nur Taschengeld. Wahrscheinlich nicht viel mehr als ihr.«
»Schade«, sagte Fred auf einmal und grinste George an. »Da dachte ich schon, du hättest wenigstens jemand aufgerissen, der ein bisschen Gold im Verlies hat, und dann kriegt er auch nur ein paar mickrige Kröten als Taschengeld!«
»Ach, halt die Klappe!«, erwiderte George und sprach damit Simon aus der Seele. »Komm!«, sagte er dann plötzlich und stieß Simon unter dem Tisch mit dem Fuß an. »Ich helf' dir.«
»Womit?«, fragte Simon erstaunt.
»Sandwiches machen, was denn sonst?«
Georges Grinsen versprach interessanter Dinge als bloßes Schmieren und Belegen von ein paar Brotscheiben. Simon folgte ihm dichtauf, während Fred glücklicherweise zu wissen schien, dass er unerwünscht war, und sitzen blieb. In der Küche stellte sich schnell heraus, dass George vorhatte, sein Versprechen zu halten. Sie brauchten fast eine halbe Stunde für ein halbes Dutzend Sandwiches, und eigentlich fand Simon, dass sie noch viel zu schnell gewesen waren. Selbst die gewöhnungsbedürftige Kombination von Schinken, Käse und Thunfisch, die er nie gemeinsam auf einem Brot geduldet hätte, hinterließ keinen allzu unerträglichen Nachgeschmack im Mund, wenn es George war, der ein wenig danach schmeckte.
