6. Falling Down Like A Domino
(Walk Like An Egyptian – The Bangles)


Es kribbelte Anthony in den Fingern. Er musste sich darauf konzentrieren, seine Hände unten zu behalten, sonst wären sie von selbst an seinen Hals gewandert und hätten diese verdammte Halskrause weggerissen und den verfluchten Kragen aufgezerrt. Es war eine Tortur.

Seine Mutter schien seine Gedanken zu lesen, denn sie lächelte ihn warnend an. Diesmal war er kurz davor gewesen, sich zu weigern, als sie ihn ausstaffiert hatte. Die Kragen waren schon schlimm genug, aber seine neue Festtagsrobe hatte darüber hinaus eine unmögliche Halskrause, die ihn aussehen ließ, als wäre ihm ein Heiligenschein vom Kopf gerutscht und läge nun auf seinen Schultern. Er war dreizehn, nicht neun! Wie konnte sie ihm das antun! Und auch noch erwarten, dass er es sich widerspruchslos gefallen ließ?

»Mr. und Mrs. Goldstein«, wurden sie von einem jungen Zauberer begrüßt, als sie endlich am Eingang zum großen Ballsaal der Aldertons angekommen waren. »Wie schön, dass Sie es einrichten konnten!«

»Aber das war doch selbstverständlich«, erwiderte sein Vater. »Es ist uns gleichermaßen eine Ehre und ein Vergnügen. Darf ich Ihnen meinen Sohn und Erben Anthony vorstellen?«

Anthony verbeugte sich steif, und der Zauberer erwiderte »Sehr erfreut« die Verbeugung. Es war natürlich nicht der Mr. Alderton, sondern nur irgendein jüngerer Verwandter. Und wieder ein neuer, wie jedes Mal. Die Aldertons waren eine derart große Meute, dass jeder von ihnen die unangenehme Aufgabe, den Empfangschef und Begrüßungsclown zu spielen, wahrscheinlich nur einmal im Leben übernehmen musste. Die Aldertons waren zahlreicher als die Midgens, hatten mehr Gold in ihren Gringottsverliesen gebunkert als die Hamiltons und mehr Sitze im Wizengamot als selbst die Urquharts. Der Mann hielt noch einen zehnsekündigen Small Talk mit seinem Vater, und dann konnten sie endlich weitergehen.

Wie jedes Jahr kam sich Anthony verloren vor, als er den großen Ballsaal betrat. Allein die ferne Tanzfläche nahm mehr Platz ein als die Großen Halle von Hogwarts. Selbst die tausend Gäste, die die Aldertons bestimmt wieder eingeladen hatten, verloren sich in der Weite des Raums. Squib-Diener gingen mit Getränke- und Häppchenplatten von Grüppchen zu Grüppchen. Anthony hatte immer ein komisches Gefühl dabei, sich von Menschen bedienen zu lassen. Er fand es einfach seltsam. Dafür waren Hauselfen da. Ein Gärtner ging ja noch – Hauselfen konnten mit einem Garten nicht viel anfangen –, und vielleicht war es sogar von Vorteil für alle Beteiligten, dass die Aldertons so vielen Squibs eine Beschäftigung boten. Es war trotzdem irgendwie unangenehm.

Er sah sich nach bekannten Gesichtern um, was angesichts der vielen Gäste gar nicht leicht war. Die Leute wanderten von Gruppe zu Gruppe immer weiter in den Saal hinein. Seine Eltern hielten jetzt auch auf eine kleine Ansammlung zu. Er erkannte nur die Hälfte der Umstehenden, obwohl er sich den meisten mit Sicherheit letztes Jahr hatte vorstellen müssen. Mr. und Mrs. Spavin waren die Einzigen, an deren Namen er sich noch erinnern konnte. Die Frau neben ihnen hätte eine Scamander sein können, einer der älteren Zauberer vielleicht ein Peasegood, aber beschwören hätte er beides nicht wollen. Er nahm sich vor, sich so bald wie möglich abzusetzen. Schließlich war er schon letztes Jahr eingeführt worden und hatte nicht vor, dieses Jahr das Gleiche noch einmal mitzumachen.

Zum Glück wurden keine Gesprächsbeiträge von ihm erwartet. Alle schienen damit zufrieden zu sein, dass er sich stumm verbeugte und das Reden seinen Eltern überließ. Die beiden tauschten ein paar Minuten lang sinnlose Nebensächlichkeiten mit den Leuten aus – wie schön es sei, dass man sich einmal wieder begegne, ob die Aldertons nicht wieder ein großartiges Fest gezaubert hätten, wer alles gekommen sei, ob sie den Zaubereiminister schon gesehen hätten, dass man den Aldertons wirklich dankbar sein müsse, dass sie jedes Jahr ihren großen Ball veranstalteten, sonst würde man sich völlig aus den Augen verlieren. Anthonys Kragen schien mit jeder Minute enger zu werden. Als einer der Squib-Diener in die Nähe kam, vergewisserte er sich, dass seine Mutter nicht hersah, und nahm sich ein Glas Champagner von dessen Tablett. Eigentlich mochte er das trockene Zeug nicht einmal, aber er machte trotzdem einen vorsichtigen Schluck.

Er sah sich weiter um. Eigentlich hielt er Ausschau nach seinem Großvater, aber es war verdammt schwer, hier jemand Bestimmten ausfindig zu machen. Die langen Roben machten es nicht leicht, eine Person zu identifizieren, die einem den Rücken zukehrte. Zufällig entdeckte er die Bulstrodes und Mrs. Zabini – wenn sie denn noch so hieß, was nicht allzu wahrscheinlich war – in einer der Nachbargruppen stehen. Von Millicent keine Spur. Sie hatte sich bestimmt schon von ihren Eltern abgesetzt.

Als sich seine Eltern endlich wieder von der Gruppe lösten, um weiterzuziehen, nutzte er die Gelegenheit.

»Ich sehe mich mal um«, murmelte er ihnen hinterher und versuchte sich unbemerkt abzusetzen. Selbstverständlich gelang sein Manöver nicht. Seine Mutter hatte einfach zu gute Ohren. Sie drehte sich sofort zu ihm um und natürlich fiel ihr missbilligender Blick auf sein Champagnerglas.

»Wie du willst, Anthony«, sagte sie zu seiner Überraschung. »Aber denk daran, was wir besprochen haben! Höchstens zwei Gläser!«

Jetzt war es an Anthony, die Stirn zu runzeln. »Ja, Mutter«, bestätigte er widerwillig. Natürlich verstand er, dass sie nicht den Champagner meinte – obwohl … vermutlich hatte sie auch das ernst gemeint. Aber seit die Ferien begonnen hatten, gab es die stehende Order, dass er in der Öffentlichkeit nicht mit seinem Großvater reden sollte. Nicht einmal begrüßen durfte er ihn. Nicht einmal harmlose freundliche Gesten in der Öffentlichkeit. Und seine Eltern hielten es genauso, obwohl sein Großvater sie beinahe jede Woche zu Hause besuchte und dann alles ganz normal war. Er sah nicht ein, was das sollte. Es war ihm durchaus klar, dass es nur eine Scharade war, aber es störte ihn dennoch. Vor allem hätte er gern gewusst, was der Zweck der Übung war. Sie hätten ihm ruhig vertrauen können. Er war schließlich kein kleines Kind mehr; er wusste, wann er den Mund halten musste.

Er sah seinen Eltern nach, bis sie eine größere Gästeansammlung erreicht hatten und in den Reihen der Umstehenden verschwanden. Dann drehte er sich um und schlenderte selbst los. Er setzte eine desinteressierte Miene auf und strebte in gehörigem Abstand zwischen den Grüppchen hindurch, während er unauffällig seinen Blick über die Gesichter schweifen ließ. Als er vor sich seinen Großvater erkannte, der sich angeregt mit Mr. Nott und zwei Hexen unterhielt, die Anthony nicht kannte, änderte er seine Richtung, damit er nicht allzu nahe an ihnen vorbeigehen musste.

Er hielt auf die offene Seite des Ballsaals zu, wo es zur Terrasse ging. Es schien ihm am wahrscheinlichsten, dass er dort auf Leute stoßen würde, die er kannte. Die Aldertons veranstalteten auf ihrer Terrasse regelmäßig ein »jüngeres Programm«, das nicht ganz so langweilig war wie das, was sich drinnen abspielte. Plötzlich tauchten hinter einem Gästehaufen die Gesichter von Zach, Macmillan und Greengrass auf. Zwei weitere Jungen und ein Mädchen hatten ihm den Rücken zugewandt. Er hielt auf sie zu und wurde von Zach mit einem Nicken begrüßt, als dieser den Blick hob und ihn kommen sah.

»Anthony«, sagte Zach, und die anderen nahmen mit einem »Goldstein« von seinem Erscheinen Kenntnis.

»Zacharias«, grüßte Anthony zurück, verzichtete aber darauf, den Rest mit Namen anzusprechen, sondern nickte nur in die Runde. Die beiden Jungen stellten sich als Kevin und Zabini heraus, als sie sich umdrehten. Das Mädchen kannte er nicht. Zabini stellte sie vor.

»Meine Halbschwester Louise van Langren«, schnurrte er herunter, »Anthony Goldstein.«

Anthony war einigermaßen überrascht. Zabini war schwarz wie die Nacht, seine Hautfarbe war womöglich noch dunkler als die seiner Mutter. Das Mädchen dagegen, das ihm nun huldvoll die Hand hinhielt, war so weiß, wie man nur sein konnte.

»Es freut mich, dich kennenzulernen«, sagte sie. Ein ganz leichter Akzent schwang in ihrer Stimme mit, aber es war eher die etwas andere Betonung als die Aussprache selbst, die sie als Ausländerin verriet.

Statt die auffordernd hingehaltene Hand zu küssen, ergriff er sie einfach und sagte: »Ebenfalls.«

Das Mädchen wirkte ein wenig indigniert, und Kevin lachte.

»Galant wie immer, unser Anthony«, sagte er grinsend. »Ein Gentleman der alten Schule.«

»Halt's Maul, Kevin!« Sie mussten beide lachen, aber die anderen verstanden den Witz natürlich nicht.

»War schon jemand draußen?«, fragte Anthony in die Runde.

Macmillan nickte. »Das Übliche. Grill, Bar, Tanzboden. Außerdem haben sie einen Feuerkünstler engagiert, der Tricks vorführt.«

Anthony griff mit einem Finger in seinen Kragen und versuchte verzweifelt, ihn etwas zu lockern und sich Luft zu verschaffen.

»Mistdinger«, meinte Zach, der seine Leiden wohl nachvollziehen konnte, da er als Einziger in der Runde in ein ähnliches Robenungetüm gezwängt war wie Anthony.

»Kannst du laut sagen«, bestätigte er genervt und nahm einen Schluck aus seinem Glas. »Wer ist sonst noch da?«

Zach zuckte mit den Schultern. »Bones, Draco, Theo, Parkinson, Bulstrode, Crabbe, Longbottom, die Patils, MacDougal – was eben so rumläuft.«

»Und Sinistra und Snape«, warf Greengrass bedeutungsvoll ein.

Anthony glaubte, seinen Ohren nicht zu trauen. Sinistra mochte ja noch angehen, aber … »Snape?«, fragte er ungläubig.

»Oh ja«, bekräftige Greengrass ihre Worte. »Unser verehrter Tränkemeister und Hauslehrer hat sich aus seinen dunklen Verliesen unter Hogwarts herausgewagt und wandelt nun mitten unter uns. Zittert und fürchtet euch, ihr Lebenden.«

»Und ein großes Wehklagen hob allerorten an«, raunte Zabini theatralisch, »und all jene, die behauptet hatten, dass dieser Tag niemals kommen würde, verstummten vor Entsetzen und versanken in Verzweiflung.«

Anthony sah sich vorsichtshalber um, bevor er sich ein Lächeln erlaubte. Eigentlich war es unmöglich, jedenfalls überstieg es seine Vorstellungskraft, sich Snapes Anblick mit seinen schwarzen Gewändern und seiner finsteren Miene zwischen all den fröhlich schnatternden Gästen mit ihren bunten Festtagsroben auszumalen. Er wünschte fast, ihm auch über den Weg zu laufen, um dieses Schauspiel mit eigenen Augen zu sehen, aber wahrscheinlich konnte er doch darauf verzichten.

»Hey«, ertönte plötzlich eine Mädchenstimme hinter ihm. »Hat einer von euch Padma gesehen?«

Er sah eine der Patil-Schwestern, als er sich umdrehte. Offensichtlich Parvati. Alle verneinten, bis auf Macmillan.

»Eine von euch war vorhin draußen auf der Terrasse«, sagte er. »Wenn du das nicht warst, muss es Padma gewesen sein.«

Parvati bedankte sich und verschwand dann eilig in Richtung Garten.

»Gehen wir raus?«, schlug Zach vor, und als keiner widersprach, setzten sie sich auch aus dem Ballsaal ab. Sie kamen eigentlich gut voran, wenn man von kleineren Unterbrechungen ihrer Wanderung absah, um Bekannte oder Verwandte zu grüßen, die sich nicht ignorieren ließen oder sie zuerst ansprachen. Kurz vor dem Ausgang zum Garten tippte ihm jedoch Zabini auf die Schulter und zog ihn zur Seite.

»Draco«, erklärte Zabini vorsichtig, »der Junge ist ein bisschen durch den Wind, wenn du verstehst, was ich meine.«

Anthony verstand durchaus, sah aber nicht, was er da tun sollte.

»Es wäre nett«, fuhr Zabini fort, »wenn du die Sache mit den Basiliskenangriffen und die Gerüchte, dass sein Vater etwas damit zu tun hatte, nicht erwähnen würdest.«

Anthony runzelte die Stirn. »Hatte ich nicht vor«, erwiderte er wahrheitsgemäß. »Wie kommst du darauf?«

Zabini zögerte kurz, sagte aber dann: »Ein paar Leute haben ihn darauf angesprochen. Er ist etwas … defensiv geworden.«

»Wer?«, fragte Anthony erstaunt. Es war ein ungeschriebenes Gesetz, dass Eltern und alles, was sie so an Peinlichkeiten veranstalteten, Tabu waren. Man sprach einfach nicht darüber, und Schluss.

»MacLaggen hat ihn ziemlich angemacht, Bones hat auch kein Blatt vor den Mund genommen, und MacDougal hat getan, als wäre er Luft für sie.«

»Morag?« Anthony konnte sich das kaum vorstellen, aber Zabini nickte bestätigend.

»Jedenfalls ist er ziemlich mies drauf, und du weißt ja, wie er dann ist.«

Vermutlich nicht so gut wie Zabini, aber Anthony hatte durchaus eine gewisse Vorstellung. Er nickte Zabini zu, dass er verstanden hätte, und sie gingen hinaus auf die Terrasse.

Draußen waren Fackeln rings um den großen Brunnen aufgestellt. In dem Teich, der ihn umgab, schwammen gelbleuchtende Fische, und bunte Lampionketten, die zwischen den freistehenden Steinsäulen aufgespannt waren, sorgten für Licht. Über der Fontäne flackerte ein überlebensgroßes Flammenbild in Orange, Gelb und Rot. Ein Porträt aus Feuer, das erst halb fertig war, jedoch bereits jetzt große Ähnlichkeit mit Padma – oder Parvati – Patil aufwies. Offenbar verstand der Feuerkünstler sein Geschäft. Die züngelnden Flammen formten bereits zwei perfekte, höchst lebendig wirkende Mandelaugen, die sogar gelegentlich zu blinzeln schienen.

Die Terrasse war bereits ziemlich bevölkert. Ein paar Jüngere jagten ein Feenlicht um den Teich, aber die meisten hatten sich nach hinten verzogen, wo zwischen zwei Ständen ein Bereich mit Tischen und Stühlen ausgestattet war. Noch weiter hinten im Garten war ein Tanzboden aufgebaut worden, und leise Musik, durchsetzt vom durchdringenden Klang einer Oboe, kam aus dieser Richtung.

Ihr Grüppchen löste sich wie von selbst auf, als sie die Bar erreicht hatten. Zabini, seine Halbschwester und Greengrass gesellten sich zu Nott und Draco, die am anderen Ende der Theke auf Barhockern saßen, Zach und Macmillan wurden von ein paar Hufflepuffs in Empfang genommen, und Kevin winkte jemandem zu und verschwand in Richtung Grill.

Anthony achtete gar nicht darauf, denn inzwischen hatte er Millicent entdeckt. Sie saß mit Parkinson an einem Tisch, und die beiden unterhielten sich angeregt. Milli sah umwerfend aus. Er nahm einen Schluck von seinem inzwischen lauwarmen Champagner und beobachtete sie unauffällig. Sie trug ihr Haar fast kürzer als er seines, hatte es nicht hochgesteckt, sondern nur irgendein Perlending hineingeflochten, dass es noch schwärzer wirken ließ. Unter einem offenen blau-schwarzen Mantelüberwurf schimmerte eine weiße Unterrobe hervor.

Er leerte schnell den Rest seines Glases und ging die paar Schritte an die Bar, wo er es abstellte. Er ließ sich von dem Barmann ein Butterbier zapfen, nahm einen Schluck, wischte sich den Schaum mit einer Serviette vom Mund und schlenderte scheinbar völlig gelassen und absichtslos zu Millis Tisch hinüber. Die beiden bemerkten ihn nicht oder taten wenigstens so. Schließlich war er an ihrem Tisch angekommen, ohne dass sie aufgesehen hätten.

»Hallo, Millicent«, sagte Anthony. »Hallo, Pansy. Stör ich?«

»Anthony«, kam es recht kühl von Pansy, aber Millicent schenkte ihm ein kleines Lächeln, obwohl sie »Ja« sagte.

»Hättest du nachher Lust zu tanzen?«, fragte er schnell.

Pansy lachte dämlich, aber Millicent antwortete: »Später. Jetzt verzieh dich. Wir haben Weiberkram zu besprechen. Ich find' dich, wenn wir fertig sind.«

»Klar«, sagte Anthony, und sie grinsten sich an. Das war das Schöne an Milli. Sie zickte niemals herum. Und er hatte sie noch nie in dämliches Kichern ausbrechen hören, wie es die anderen Mädchen am laufenden Band taten. Er drehte sich um und ging wieder. Wenn Milli gesagt hatte, dass sie ihn finden würde, dann würde sie das auch tun. Er nickte Morag und Kevin zu, die mit ein paar älteren Ravenclaws an einem der Nachbartische saßen, und machte sich auf den Weg zur Bar. Zumindest Hallo sagen sollte er zu Draco, auch wenn er sich nicht besonders darauf freute.

Nott und Draco saßen allein an einem Ende der Bar vor zwei halbleeren Krügen Butterbier. Von Zabini war nichts zu sehen. Der Hocker neben ihnen war noch frei, und Anthony stellte seinen eigenen Krug auf die Bar und setzte sich einfach dazu.

»Draco, Nott«, nickte er den beiden zu.

»Was willst du hier, Goldstein?«, fragte Draco in arrogantem Ton, und Nott verdreht hinter seinem Rücken die Augen. Anthony hatte Mühe, ernst zu bleiben.

»Mein Butterbier trinken und mich so lange mit euch beiden langweilen, bis Pansy und Millicent mit ihren ›Frauengesprächen‹ durch sind. Was dagegen, Draco?«

Er schaffte es nicht ganz, ein Grinsen zu unterdrücken, und fuhr schnell fort: »Und was sagst du zum neuen Firebolt? Die Beschleunigung soll ja ganz gut sein, aber wenn ich den Artikel in Which Broomstick richtig verstanden habe, ist er als reiner Rennbesen wohl doch nicht die erste Wahl. Zumindest haben sie allen Rennfliegern geraten, erst mal abzuwarten, wie der Hermes IX im Test abschneidet.«

Draco schien mit sich zu kämpfen, aber sich dann doch dafür zu entscheiden, das Friedensangebot anzunehmen. »Ach was!«, verkündete er von oben herab. »Which Broomstick hat doch keine Ahnung. Die ganze Hermes-Serie ist viel zu träge.«

»Nur bei den lächerlichen Geschwindigkeiten, mit denen ihr Quidditch-Fuzzis euren Bällen hinterherzockelt. Wenn's mal richtig schnell wird, lenkt sich der Hermes praktisch von selbst.«

»Du redest mal wieder nur Scheiße, Anthony«, grinste Draco. »Ihr übergeschnappten Rennflieger seid doch alle geschwindigkeitssüchtig. Wo bleibt der Spaß, wenn man dauernd nur im Kreis fliegt?«

»Wenigstens fliegen wir keinen Bällchen hinterher und veranstalten idiotische Sturzflüge, bei denen wir nur hoffen können, dass die Bremszauber schon nicht versagen werden und wir nicht als hässlicher Fleck am Boden landen. Sucher haben doch alle ein Rad ab.«

»Darauf trinke ich«, mischte sich Nott ein und zwinkerte Anthony zu. Sie stießen miteinander an und nahmen alle drei einen großen Schluck aus ihren Krügen.

Aus dem Ballsaal klang plötzlich ebenfalls Musik zu ihnen herüber. Vermutlich waren die diesjährigen Debütanten gerade dabei, den eigentlichen Ball zu eröffnen. Letztes Jahr hatte er das auch über sich ergehen lassen müssen. Zum Glück hatte er es hinter sich. Sie unterhielten sich weiter über Besen, Quidditch und das Fliegen an sich und beschlossen schließlich, sich etwas zu essen zu holen. Millicent saß immer noch mit Pansy an ihrem Tisch, aber inzwischen hatten sich Greengrass und noch ein Mädchen zu ihnen gesellt. Es war wohl damit zu rechnen, dass sich das »Frauengespräch« noch länger hinziehen würde, also ließ sich Anthony ebenfalls einen Teller mit Spanferkel und gebackenen Kartoffeln geben und setzte sich mit Draco und Nott an einen freien Tisch, um in Ruhe zu essen. Kurz darauf stießen Zach und Macmillan zu ihnen, und es wurde eine recht unterhaltsame Runde.

Es dauerte bestimmt noch eine halbe Stunde, bis die Mädchen ihr Palaver auflösten und zu ihnen herüberkamen. Millicent beugte sich zu ihm herunter, und ihm stieg ihr Parfüm in die Nase, das leicht nach Vanille roch.

»Du wolltest tanzen«, sagte sie energisch, und er stand hastig auf und bot ihr seinen linken Arm an. Statt ihn zu nehmen, behielt sie die Hände auf dem Rücken verschränkt und ging einfach voraus. Nach ein paar Schritten holte er sie ein und ging neben ihr her.

Sie sah zu ihm hoch. Viel zu ernst für seinen Geschmack. »Hübsche Ohrringe«, sagte er, um etwas Konversation zu machen. Die beiden tropfenförmigen Perlen waren ihm gerade erst aufgefallen.

»Tatsächlich, Anthony?«, fragte sie ironisch.

»Sicher«, redete sich Anthony heraus. »Perlen stehen dir, Milli.«

»Möchtest du, dass ich dir deine Zehen jetzt gleich zerquetsche, oder soll ich warten, bis wir tanzen?« Ihr Lächeln war wirklich gefährlich und versprach, dass es sich nicht um eine leere Drohung handelte.

»Nein, Millicent«, antwortete er. »Äh, ich meine, es wäre nett, wenn du darauf verzichten könntest.«

Sie hob kurz die Brauen, was unglaublich süß aussah, wie Anthony fand, aber inzwischen hatten sie den Tanzboden erreicht. Das Orchester bestand aus einigen Geigen, Cello, Oboe und einem Cembalo, die sich alleine spielten. Wenn Anthony hätte raten müssen, was sie da eigentlich von sich gaben, hätte er auf Händel getippt. Es hörte sich nur teilweise tanzbar an, aber es würde schon irgendwie gehen. Es waren noch vier andere Paare auf der Tanzfläche, die auch damit zurechtkamen.

Sie stiegen die Stufen hoch, und endlich reichte ihm Millicent die Hand. Anfangs war es etwas schwierig, und Millicent trat ihm tatsächlich ein Mal auf die Füße, wobei er allerdings nicht glaubte, dass es Absicht gewesen war, bis sie sich auf etwas entfernt Walzerähnliches geeinigt hatten, das sich einigermaßen mit der Musik vertrug.

Anthony genoss es, sie über die Tanzfläche zu führen, den leichten Vanilleduft einzuatmen und sie anzusehen. Milli dagegen wirkte fast verbissen, und da sie ohnehin ein ziemlich ausgeprägtes Kinn und kräftige Unterkiefer hatte, fiel es noch mehr auf. Irgendetwas beschäftigte sie offensichtlich.

»Man hat mir gesagt, ich soll nett zu dir zu sein«, eröffnete sie ihm plötzlich.

»Ein guter Rat«, versuchte Anthony sie aufzuheitern. »Warum befolgst du ihn nicht einfach?«

»Er kommt von meinen Eltern«, stellte sie klar, und Anthony stöhnte innerlich auf. Das konnte nichts Gutes bedeuten. Und Milli war nicht dumm. Dass sie es ihm so offen gesagt hatte, konnte ebenso gut bedeuten, dass sie eben jetzt dabei war, genau das zu tun, was ihre Eltern von ihr wollten. Aber sie würde vermutlich auch wissen, dass er das wusste und so weiter und so fort. Verfluchter Mist.

»Irgendein besonderer Grund?«, fragte er, obwohl er die Antwort gar nicht wissen wollte. »Außer, dass ich ein perfekter künftiger Schwiegersohn wäre? Das ist selbstverständlich.«

Millis Lächeln war nicht wirklich fröhlich und dauerte auch nur kurz. »Es sind Gerüchte im Umlauf. Es tut sich was.«

Das war keine echte Neuigkeit. Man musste schon blind und taub sein, um nicht zu bemerken, dass in der Zaubererschaft etwas im Gang war.

»Irgendwas ist doch immer, Milli«, versuchte er sie zu beruhigen, obwohl er wusste, dass sie recht hatte. Sie trat ihm auf die Zehen, und diesmal mit voller Absicht.

»Verzeihung, Millicent«, korrigierte er sich schnell.

»Mein Vater macht sich Sorgen. Es kommen seit einiger Zeit verschiedene Leute zu ihm, die ihm dringend raten, sich darüber klarzuwerden, wo seine Loyalitäten liegen. Er hat sich bisher noch Bedenkzeit auserbeten, aber die Anfragen werden wohl drängender.«

Verdammt! »Mal–«, setzte er an, aber er unterbrach sich sofort wieder. Er wollte es eigentlich gar nicht wissen. Aber Millicent nickte knapp. Anthony hasste es. Früher oder später war damit zu rechnen gewesen. Sie waren keine elf mehr. Es verdarb ihm trotzdem die Laune. Gründlich. Aber warum erzählte sie ausgerechnet ihm das alles? Es sei denn …?

»Warum schicken sie dich vor?«, fragte er schließlich leise.

»Damit es ernsthafter wirkt?« Milli schenkte ihm ein schiefes Lächeln. »Weil wir befreundet sind, aber unsere Eltern nicht gerade? Mutters Idee, nehme ich an. Vater ist direkter. Er will deinen Vater nächste Woche aufsuchen und persönlich mit ihm sprechen. Ich soll nur dafür sorgen, dass du ihn vorwarnst.«

Anthony biss die Zähne zusammen. So ähnlich hatte er sich die Antwort vorgestellt. »Ich werde es ausrichten.«

Milli reckte ihr Kinn nach vorne und sah ihm direkt in die Augen. »Es gibt einige, die noch schwanken, aber die Parkinsons, McTavishs und Notts haben sich schon entschieden. Für die andere Seite. Ich soll dir eigentlich nur sagen, dass es Gerüchte sind, aber mein Vater weiß es, wenn ich ihn richtig verstanden habe.«

Anthony registrierte es beinahe teilnahmslos. Die andere Seite. Also gab es jetzt »Seiten«. Was Millicent sagte, konnte wahr sein oder auch gelogen, bewusst oder unbewusst. Ihre Offenheit konnte aufrichtig sein oder Berechnung. Er hoffte Ersteres und glaubte es auch – schließlich kannten sie sich schon ihr halbes Leben lang –, aber sicher konnte er sich nicht sein. Nicht mehr.

»Verdammt.« Er sah auf die weiß schimmernden Perlen in ihren schwarzen Haaren hinunter. Wenn er so schnell weiterwuchs, würde er bald einen ganzen Kopf größer sein als sie. Eigentlich war er es jetzt schon.

Millicent seufzte. »Verdammt ist gar kein Ausdruck.« Dann tanzten sie eine Weile schweigend weiter.

Schließlich hob sie wieder ihren Blick zu ihm. »Außerdem soll ich dir stecken, dass Sirius Black auch auf der Gegenseite nicht gerade willkommen ist. Frag mich nicht, warum. Ich habe keine Ahnung, was dahintersteckt, und ich glaube auch nicht, dass Vater Genaueres weiß.«

Sirius Black? Was hatte er mit der Sache zu tun? Es war noch nicht einmal eine Woche her, dass der Daily Prophet mit Geschichten über den ehemaligen Todesser und dessen Ausbruch aus Azkaban voll gewesen war. Warum sollten die anderen Anhänger des Dunklen Lords etwas gegen ihn haben? Aber auch diese Information nahm er pflichtgemäß zur Kenntnis und speicherte sie für später, wenn er Zeit hatte, darüber in Ruhe nachzudenken. Und für seine Eltern, für die sie offensichtlich bestimmt war.

»Weißt du, wer noch mit dabei ist? Auf ›unserer Seite‹?« Es interessierte ihn selbst; er wollte wissen, woran er war, und auch seine Eltern würden sich dafür interessieren, was und wie viel die Bulstrodes in Erfahrung gebracht hatten.

Sie zögerte, aber dann spürte er ein unmerkliches Achselzucken unter seiner rechten Hand. »Weiß ich nicht genau, aber Vater ist ziemlich sicher, dass mindestens Alderton, Twycross, Cameron und die Hamiltons mit drinhängen. Und noch mindestens zwei andere Familien. Außer euch.«

Anthony musste sich zusammennehmen, um nicht aus dem Rhythmus zu kommen. Wenn das stimmte – und er zweifelte kaum daran –, dann war es kein Wunder, dass seine Eltern seit Beginn der Sommerferien so beschäftigt waren und er so wenig von ihnen zu sehen bekommen hatte. Und es waren nicht gerade unbedeutende Familien. Die Aldertons allein –

»Du wusstest das wirklich nicht?«, unterbrach Milli seine Überlegungen.

Anthony schüttelte stumm den Kopf.

Millicent sah ihn an, während sie über die Tanzfläche glitten. »Das wäre eigentlich schon alles«, sagte sie leise.

»Es reicht«, erwiderte er missmutig.

»Ich weiß. Tut mir leid.«

»Schon gut, Millicent, vergiss es.« Er zwang sich zu einem Lächeln, obwohl ihm überhaupt nicht danach war. Milli hatte sich diesen Ball mit Sicherheit auch anders vorgestellt. »Lass uns einfach tanzen, hm?«

Sie tanzten weiter, aber jegliche Stimmung war dahin. Als die Musik aufhörte, gingen sie gemeinsam, als hätten sie es vorher verabredet, von der Tanzfläche und setzen sich auf eine der Bänke daneben. Anthony öffnete den obersten Knopf seines Kragens und zerrte mit aller Kraft an seiner Halskrause. Mit einem zutiefst befriedigenden Geräusch gab der Stoff nach und riss entlang der Naht. Er zerrte weiter, aber auf halbem Weg wurde der Widerstand zu groß. Am liebsten hätte er seinen Zauberstab gezogen und den Rest mit Magie abgeschnitten, aber auf Festen ließ man den Zauberstab im Ärmel.

»Lass mich!«, meinte Milli und erbarmte sich seiner. Sie trat hinter ihn, und dann fühlte er eine Hand im Nacken, die seinen Kragen festhielt, während die andere an der Halskrause riss. Es dauerte nicht lange.

»Schwächling«, raunte ihm Milli verächtlich ins Ohr und reichte ihm das, was von diesem Folterinstrument übrig geblieben war, bevor sie sich wieder neben ihn setzte.

»Danke«, sagte er grinsend und warf die Halskrause in hohem Bogen über die Schulter, ohne sich darum zu kümmern, wo sie landete.

Plötzlich musste er trotz der Situation lachen. Milli sah ihn verständnislos an.

»Weißt du noch, wie du Crabbe einmal ein blaues Auge verpasst hast?«

Diesmal lächelte sie auch. »Es war Goyle. Und er hatte es verdient. Und wer hat mir danach seinen ersten Heiratsantrag gemacht?«

»Ich war acht«, verteidigte er sich. »Außerdem hätte das jeder getan. Ein Mädchen, das Goyle zusammenschlagen kann, findet man nicht jeden Tag.«

Sie lächelten beide. Natürlich hatte Milli ihn noch während seines Antrags in den Bauch geboxt, weil er sie »Milli« genannt hatte, aber er war sich schon damals sicher gewesen, dass sie nicht mit voller Kraft zugeschlagen hatte. Er legte einen Arm um ihre Schulter, und sie ließ es sich gefallen.

Über dem vorderen Teil der Terrasse schwebte inzwischen nicht mehr das Gesicht eines Patil-Zwillings, sondern das orangerote Feuerbild eines riesigen Phönix. Fast wünschte er sich, sie wären wieder acht. Die Welt war viel weniger kompliziert gewesen.


»Das muss es sein, Dad!«, rief Luna und deutete mit dem Finger, als sie die Zahl Vier an einem der kleinen Häuschen erkannte.

»Ah, ja«, atmete ihr Dad erleichtert auf. »Ich dachte schon, wir würden stundenlang hier herumirren. Ich hätte nicht damit gerechnet, dass es so schwierig sein würde.«

Luna sagte nichts darauf. Sie hatte ihrem Dad vorgeschlagen, dass sie Simon oder Terry mitnehmen sollten, aber dieser hatte gemeint, dass es so kompliziert nicht sein könne, und war sehr zuversichtlich gewesen, dass sie es auch ohne Hilfe schaffen würden. Bis sie dann in der Straße mit den langen Reihen gleich aussehender viereckiger Puppenhäuschen gelandet waren. Zuerst hatte sie jemanden fragen wollen, doch niemand war unterwegs gewesen. Vermutlich keine große Überraschung an einem Sonntagmorgen. Schließlich war ihrem Dad beim Anblick der Zahlen an den Häusern eine alte Lektion aus Muggelkunde eingefallen, und er hatte behauptet, dass damit Muggel ihre Häuser unterscheiden konnten. Sie müssten nur das Haus mit der Zahl Vier finden, und schon wären sie am Ziel.

Es hatte länger gedauert, als sie gedacht hatten. Es war Luna immer noch ein wenig peinlich, dass sie nicht sofort darauf gekommen war, wie das Nummerierungssystem funktionierte, aber ihr Dad hatte auch eine Weile gebraucht, bis er begriffen hatte, dass die geraden Zahlen auf der anderen Straßenseite zu finden waren. Und immerhin war er derjenige, der in der Schule Muggelkunde gehabt hatte.

»Wie lange noch?«, fragte sie ihren Dad, während sie auf das weiße Häuschen zugingen.

»Genug«, brummte er. »Mindestens noch zehn Minuten.«

Das war nicht sehr viel, fand Luna. Sie hätte sich gern noch eine Weile umgesehen, bevor sie zurückmussten. Es war wirklich interessant, wie Muggel so lebten. Etwas eintönig vielleicht. Die Häuser sahen sich alle zum Verwechseln ähnlich, selbst die kleinen Vorgärten waren nur schwer zu unterscheiden. Der Rasen vor Harrys Haus war genauso sauber geschnitten wie alle anderen, nur anhand der blühenden Hortensiensträucher konnte man es von den Nachbarhäusern unterscheiden. Das linke hatte nämlich stattdessen zwei Zypressenkegel auf beiden Seiten der Haustüre stehen, während das rechte mit Rosenbüschen aufwarten konnte.

An dem Gartentürchen in der niedrigen Mauer hielt ihr Dad an. Er sah sich etwas ratlos um.

»Sollen wir einfach hineingehen?«, fragte er unsicher.

Sie zuckte mit den Schultern. »Warum nicht? Sie erwarten uns doch, oder?«

Ihr Dad gab sich einen Ruck und öffnete das Gartentürchen. Als nichts geschah, und auch niemand im Haus von ihrer Anwesenheit Kenntnis zu nehmen schien, gingen sie weiter über den gepflasterten Weg zur Haustüre. Ihr Dad zögerte wieder, sah sich ein kleines Namensschildchen genau an, suchte vergeblich nach einem Türklopfer und klopfte schließlich mit der Hand an.

Es dauerte nur Sekunden, dann wurde die Tür aufgerissen. Im Rahmen stand ein großer, kräftiger Mann mit einem Stiernacken und einem dichten schwarzen Schnauzbart. Er sah mit verkniffenem Gesicht auf sie herunter.

»Ja?«, blaffte er. »Sie wünschen?« Dann fiel sein Blick auf den Zylinder ihres Dads, und er erstarrte.

»Guten Tag«, sagte ihr Dad und streckte die Hand aus. »Xenophilius Lovegood. Mr. Dursley, nehme ich –«

Und da sprach ihr Dad nur noch mit der Tür, die ihnen vor der Nase zugeschlagen worden war. Er sah sie erstaunt an, aber ihr fiel auch keine Erklärung für das komische Benehmen des Mannes ein.

Durch die Tür waren laute Schreie zu hören. Ihr Dad warf ihr einen besorgten Blick zu und wollte gerade noch einmal anklopfen, als die Tür wieder aufgerissen wurde und Harry Potter herausgeschubst wurde. Er trug seine Schultruhe, balancierte darauf einen Eulenkäfig und stolperte über die Schwelle gegen ihren Dad.

»Hier!«, schnauzte der unfreundliche Muggel sie an und warf einen Besen hinterher. »Nehmen Sie diese Missgeburt mit, und am besten behalten Sie ihn gleich.«

Die Tür fiel mit lautem Knall ins Schloss, und da standen sie nun. Luna fand die Situation beinahe komisch. Ihr Dad machte ein völlig verdattertes Gesicht. Harry hatte einen hochroten Kopf und sah in seinen viel zu großen, schlabbrigen Klamotten ziemlich verloren aus, während er mühsam den Eulenkäfig auf seiner Truhe zu halten versuchte.

»Hi, Harry«, grüßte sie ihn und musste kichern, als er ihr einen verzweifelten Blick zuwarf.

Sie nahm ihm den Eulenkäfig ab. Eine hübsche weiße Schnee-Eule schuhute sie an, gerade als erneut die Tür aufflog und noch einmal das zornentbrannte, rotfleckige Gesicht des Muggels herausschaute.

»Schaffen Sie ihn endlich weg, und verschwindet aus unserem Vorgarten! Pack!« Erneut knallte die Tür.

»Äh, guten Tag, Mr. Potter«, sagte ihr Vater, der sich endlich gefangen hatte. »Xenophilius Lovegood. Es ist mir eine Ehre, Sie kennenzulernen.«

»Guten Tag, Sir«, erwiderte Harry unsicher.

Ihr Dad sah sich kurz um. »Nun, vielleicht sollten wir tun, was dieser Muggel vorgeschlagen hat. Bevor er noch einmal herauskommt.«

»Das halte ich für eine gute Idee, Mr. Lovegood«, stimmte ihm Harry zu.

»Zeit, Dad«, erinnerte Luna ihren Dad.

»Ja, richtig.« Er griff nach seinem Zauberstab und murmelte einen Spruch. »Nur ein Ablenkungszauber, damit uns die Muggel nicht mehr sehen können. Ich dachte eigentlich, wir könnten direkt aus Ihrem Haus … aber da ist wohl nichts zu machen. Lassen Sie mich Ihre Truhe nehmen, und vergessen Sie Ihren Besen nicht. Wir sind ein wenig später dran, als ich geplant hatte.«

Harry protestierte kaum, als ihr Dad nach seiner Truhe griff und sie ihm abnahm. Er selbst hob seinen Besen vom Boden auf und wartete scheinbar schicksalsergeben auf das, was als Nächstes kommen würde.

»Alles bereit, Luna?«, fragte ihr Dad. »Wir haben höchstens noch zwei Minuten.«

Sie zog den Löffel heraus, den sie an einer Kette um den Hals trug, und hielt ihn ihrem Dad und Harry hin. Ihr Dad berührte ihn mit einem Finger, aber Harry sah sie nur verständnislos an.

»Das Ministerium hat uns freundlicherweise die Genehmigung für einen Portschlüssel erteilt«, klärte ihr Dad ihn auf. An Harrys Miene änderte das nichts.

»Oh«, machte ihr Dad. »Ist das etwa Ihre erste Reise per Portschlüssel?«

»Denke schon«, erwiderte Harry ziemlich schüchtern.

»Gar kein Problem, Mr. Potter«, beruhigte ihn ihr Dad. »Sie müssen nur den Löffel berühren. Keinerlei Schwierigkeit dabei. Aber bitte beeilen Sie sich, es müsste gleich so weit sein.«

Harry legte zögernd seinen Zeigefinger auf den Löffel, den Luna ihm hinhielt. Als nichts passierte, sah er zweifelnd von ihr zu ihrem Dad, als würde er insgeheim vermuten, dass sie verrückt geworden waren. Luna musste zugeben, dass es wahrscheinlich recht komisch aussah, wie sie alle um einen kleinen silbernen Löffel herumstanden, der an einer Kette um ihren Hals hing, und ihn berührten, als warteten sie auf etwas Besonderes. Zu ihrem heimlichen Vergnügen zog sich der peinliche Moment fast eine halbe Minute hin, bis der Portschlüssel sich aktivierte.

Der Zug des Portschlüssels erfasste sie, und die plötzliche Beschleunigung verursachte ein kitzelndes Ziehen im Magen. Sie rasten durch bunte Farbwirbel und der stürmische Wind im Porttunnel raubte einem den Atem. Auch sie war noch nicht oft mit einem Portschlüssel unterwegs gewesen, aber sie genoss den wilden Ritt durch den Mahlstrom der Böen und spiralierenden Regenbogenstrudel.

Eigentlich war sie auf die unsanfte Landung vorbereitet, aber als die Anziehungskraft des Löffels nachließ, stolperte sie trotzdem. Natürlich hatte sie es auch am schwersten, schließlich hatte sie in einer Hand den Portschlüssel und gleichzeitig musste sie in der anderen den Eulenkäfig halten. Jedenfalls war es nicht ihre Schuld, dass sie gegen Harry stieß, dieser seinen Besen fallen ließ, sich auf den Hosenboden setzte und aufschrie, als sie auf ihm landete. Immerhin schaffte sie es, den Eulenkäfig festzuhalten, auch wenn die Eule darin kreischend aufflatterte und Harry und sie mit einem Gestöber weißer Daunenfedern eindeckte.

»Alles in Ordnung, Luna?«, hörte sie ihren Dad besorgt fragen. »Hast du dir was getan?«

»Glaub' nicht«, sagte sie, während sie in Harrys betretenes Gesicht grinste und ihren Ellenbogen aus seiner Magengrube nahm. Seine Haare waren noch mehr durcheinander als sonst. Ihr Dad nahm ihr den Käfig ab, und sie rappelte sich auf.

»Das hat Spaß gemacht«, verkündete sie der Welt. »Wir sollten öfter Portschlüssel benutzen.«

Die beiden anderen schienen ihren Enthusiasmus nicht zu teilen. Ihr Dad reichte Harry die Hand, um ihm aufzuhelfen.

»Auch bei Ihnen alles in Ordnung, Mr. Potter?«

»Ja, äh, danke, Mr. Lovegood«, murmelte der Junge und rückte seine Brille zurecht. »Alles in Ordnung bei mir.«

»Schön. Dann darf ich Sie als Gast im Schwarzen Turm herzlich willkommen heißen. Ich hoffe, Ihr Aufenthalt bei uns wird so angenehm, wie es die Umstände erlauben.«

»Ja, Sir«, erwiderte Harry einsilbig, aber wahrscheinlich wusste der arme Junge nicht, was er sagen sollte. Sein reichlich geistesabwesender Blick wanderte währenddessen jedenfalls zu den schwarzen Zinnen des Turmes hoch. Nun, es war ein beeindruckender Anblick, wenn man ihn mit dem der kleinen Muggel-Häuschen verglich, vermutete Luna.

»So«, sagte ihr Dad schließlich, als von Harry nichts weiter kam. »Vielleicht möchten Sie sich Ihr Zimmer ansehen? Luna kann Sie herumführen und Ihnen die Regeln erklären, während sich Bitzer um Ihre Sachen kümmert. Haben Sie eigentlich schon gefrühstückt?«

Der Junge zögerte, schüttelte dann aber den Kopf.

»Das trifft sich gut«, versicherte ihm ihr Dad. »Wir auch nicht. Wir frühstücken üblicherweise spät.«

Das war einmal eine echte Untertreibung. Wenn sie ihn nicht regelmäßig vor zwölf aufwecken würde, gäbe es im Leben ihres Dads so etwas wie »Frühstück« gar nicht.

»Komm!«, befahl sie Harry energisch, nahm seine Hand und zerrte ihn mit zum Eingang des Turms. Hinter ihnen rief ihr Dad nach Bitzer, und Harry leistete kurz Widerstand und drehte sich um, aber dann ließ er sich doch ohne große Probleme weiterführen. Seine Hand lag ziemlich schlaff in ihrer. Vielleicht war es ihm unangenehm, dass sie ihn bei der Hand genommen hatte. Jungs waren manchmal so. Sie ließ ihn los, als sie die Küche betraten.

»Die Küche!«, erklärte sie, obwohl es offensichtlich sein sollte. Er starrte mit offenem Mund auf die Einrichtung, wie sie zufrieden feststellte. »Hübsch, nicht wahr?«

»Äh, bunt?«, war alles, was Harry erwiderte.

»Hmm, das auch«, gab sie zu. An dieser Feststellung gab es nicht viel auszusetzen. Man musste schon komplett farbenblind sein, um das zu übersehen.

»Komm mit! Ich zeig' dir dein Zimmer!« Sie ging auf die Wendeltreppe zu, und Harry folgte ihr, wenn auch etwas zögerlich. Er sah sich immer noch mit großen Augen in der Küche um, während sie die ersten Stufen betraten.

»Wohnzimmer«, informierte sie ihn, während sie weiter nach oben gingen. »Dads Arbeitszimmer« und »Dads Schlafzimmer« schafften es ebenfalls nicht, ihm einen Kommentar zu entlocken, aber dann kamen sie auch schon in ihr ehemaliges Studierzimmer.

»Dein Zimmer!« Bitzer materialisierte gerade mit einem kleinen Tischchen neben der Balkontür, als sie den Raum betraten, und stellte den Käfig der Schnee-Eule darauf ab.

»Bitzer!«, rief sie ihm zu, bevor er wieder verschwinden konnte. »Das ist Harry Potter. Harry, das ist Bitzer, unser Hauself.«

»Harry Potter, Sir«, sagte Bitzer und verbeugte sich tief. »Eine Ehre.«

Harry starrte, erwiderte die Verbeugung etwas unbeholfen und sagte: »Hallo.«

Bitzer grinste gefährlich und verschwand wieder. Er war ungewöhnlich guter Laune, seit ihr Dad ihm befohlen hatte, auf Harry und sie – besonders auf sie natürlich – aufzupassen. Er schien sich richtig darauf zu freuen, dass es Ärger geben könnte. Seit er die Erlaubnis, sogar den Befehl hatte, im Notfall auch Gewalt gegen andere Zauberer einzusetzen, schien er insgeheim beinahe zu hoffen, dass Sirius Black sich auf sein Territorium wagte.

Harry drehte sich langsam um sich selbst und fragte dann etwas seltsam »Das ist mein Zimmer?«, als er wieder bei ihr angekommen war.

»Fehlt was?«, fragte sie und sah sich selbst noch einmal um. Es war nicht großartig eingerichtet, aber sie hatten ein großes Himmelbett aufgestellt, an dessen Fußende Bitzer bereits Harrys Besen und Truhe abgestellt hatte, selbstverständlich einen Schrank, ihr Schreibtisch stand auch noch da und die Sitzecke mit den Sesseln, dem Sofa und dem Couchtisch hatten sie ebenfalls an Ort und Stelle gelassen.

»Willst du noch ein paar Bilder?« Das war das Einzige, was ihr einfiel. An den Wänden hing nur ein großer Gobelin, und wenn Harry das zu wenig war, konnten sie noch einige Gemälde oder Wandteppiche aus der Villa herbringen lassen. Das würde kein Problem sein. Aber der Junge schüttelte stumm den Kopf.

»Da geht es zum Balkon«, meinte sie schließlich, als er beharrlich schwieg. »Ist nicht groß, aber zum Starten und Landen reicht es, wenn ich mich nicht irre.« Sie selbst hatte es noch nie ausprobiert, aber für einen einigermaßen ordentlichen Flieger sollte es keine Schwierigkeit darstellen.

»Da hinten ist das Badezimmer«, erklärte sie und wies mit der Hand auf die Holztür in der einzigen nach innen gewölbten Wand im Raum. Sie fand es ein wenig unhöflich, dass er immer noch nichts sagte. Aber vielleicht war er wirklich nur schüchtern. Daran würde man arbeiten müssen.

Er ging ziellos im Raum hin und her und ließ sich dann auf seiner Truhe nieder, von wo aus er sie anstarrte. Er sah mehr als ein bisschen verloren aus. Sie neigte den Kopf zur Seite und ließ es über sich ergehen.

»Warum bin ich hier?«, fragte er plötzlich. Sie musste grinsen, als sie an all die möglichen Antworten auf diese Frage dachte. Leider war es nicht sehr wahrscheinlich, dass Harry irgendeinen der vielen Witze verstehen würde, die ihr dabei einfielen.

»Hmm«, machte sie dann nachdenklich. Es war einfach zu unwiderstehlich. Wann bekam man schon einmal so eine Einladung? »Ich persönlich glaube ja, dass wir alle gar nicht wirklich hier sind. Die Realität und wir darin existieren nur als Traum irgendeines wahnsinnig gewordenen Gottes, hmm, oder so ähnlich jedenfalls. Ein richtiges ›Warum‹ gibt es im Grunde genommen nicht. Aber was glaubst du, warum wir hier sind?«

Sie schaffte es nicht, ernst zu bleiben, als er ihr einen bitterbösen Blick zuwarf. »Quatsch«, beruhigte sie ihn lachend. »Ginny hat das eingefädelt. Haben dir die Weasleys nicht geschrieben und alles erklärt?«

»Ron hat geschrieben, aber viel erklärt hat er nicht«, gestand Harry. »Nur, dass sie nach Ägypten fahren und mich nicht abholen können, dass aber alles geregelt ist und ich den Rest der Ferien bei euch verbringen werde. Und dann kam ein Brief von Mr. Weasley, aber Onkel Vernon hat ihn sofort zerrissen, als er ihn zu Ende gelesen hatte. Er hat nur gesagt, dass er froh darüber ist, mich bald los zu sein und nicht mehr sehen zu müssen.«

»Der Mann mit dem Schnauzbart?« Der Muggel hatte wirklich keinen besonders netten Eindruck gemacht.

»Ja«, sagte Harry unbewegt, »das war Onkel Vernon.«

»Kein sehr angenehmer Zeitgenosse?«, fragte Luna, während sie zu einem der Sessel schlenderte und sich hineinfallen ließ.

Harry lachte bitter auf. »Nein, ist er nicht.«

Sie drehte sich in ihrem Sessel zu ihm um. »Setz dich zu mir!«, wies sie ihn an. Sie hatte keine Lust, sich durch den halben Raum hindurch mit ihm zu unterhalten. Er kam tatsächlich, was sie als gutes Zeichen nahm. Er nahm auf dem Sofa Platz, wirkte aber immer noch ein wenig missmutig. In seinen übergroßen Muggelkleidern sah er einfach armselig aus. Sie fühlte beinahe so etwas wie mütterliche Gefühle in sich aufkeimen.

»Wir müssen dir wirklich etwas Vernünftiges zum Anziehen besorgen«, informierte sie ihn. »Bis dahin könnten dir eigentlich meine Roben auch passen. Ich lass' dir von Bitzer was raussuchen.«

»Was?«, schrak der Junge auf. »D-Du bist … Ich werde bestimmt keine Mädchensachen –«

Sie kugelte sich in ihrem Sessel vor Lachen. Harry war wirklich unterhaltsam. Sie bedauerte nicht, dass sie ihren Dad überredet hatte, ihn aufzunehmen, auch wenn seine Anwesenheit ziemliche Schwierigkeiten mit ihren Experimenten machen würde. Allein was der heutige Tag bereits an Unterhaltung geboten hatte, machte das allemal wett.

»Willst du dich über mich lustig machen?«, fragte er ziemlich böse. Es war richtig niedlich, wie er sie durch seine Brillengläser wütend anfunkelte. Vielleicht lag Ginny doch nicht so daneben, was Harry anging. Auf seine Art war er fast schon süß.

»Ein bisschen«, gab sie zu, als sie wieder zu Atem gekommen war. »Keine Angst, Bitzer besorgt schon keine Mädchenroben für dich.« Es sei denn, sie befahl es ihm ausdrücklich – was durchaus eine Überlegung wert war. So groß waren die Unterschiede bei manchen Roben nicht, und Harry würde es vielleicht nicht einmal merken. Aber ihrem Dad würde es nicht entgehen, und er würde es vermutlich nicht lustig finden. Mit leichtem Bedauern verabschiedete sie sich von dem Gedanken wieder.

»Los, lass uns runtergehen!«, schlug sie vor. »Bitzer hat bestimmt bald das Frühstück fertig.«

»Halt! Warte!«, rief Harry, und sie ließ sich wieder in ihren Sessel zurückfallen. »Was sind das für Regeln, von denen dein Vater vorhin gesprochen hat?«, wollte er misstrauisch wissen.

»Oh, nichts Besonderes.« Sie machte eine wegwerfende Geste. »Du darfst bloß nicht zu weit vom Turm weg, sonst hat er Anweisung, dich aufzuhalten. Aber der Radius ist so groß, dass es kaum stören dürfte. Pass bloß auf, dass du nicht zu weit wegfliegst. Außerdem darfst du den Kamin nicht benutzen, ohne vorher um Erlaubnis zu fragen. Aber das geht eigentlich sowieso nicht. Dad hat ihn mit einem Passwort gesichert. Sirius Black und so weiter. Du weißt schon.«

»Sirius Black?«, fragte Harry verständnislos. »Der Ausbrecher? Der war doch erst heute früh in den Nachrichten.«

Luna runzelte die Stirn. »Heute? Er ist vor einer Woche ausgebrochen! Der Daily Prophet war tagelang voll damit. Sogar Dad hat 'nen Artikel darüber gebracht. Immerhin der erste erfolgreiche Ausbruch aus Azkaban.«

»Azkaban?«, fragte der Junge. »Heißt das Gefängnis so?«

Luna hatte einen Moment lang den Verdacht, dass Harry sie auf den Arm nehmen wollte – als Vergeltung für vorhin gewissermaßen –, aber er machte ein so ahnungsloses Gesicht, dass sie den Gedanken gleich wieder verwarf.

»Azkaban ist das Zauberergefängnis«, erklärte sie. »Hast du nicht gewusst, wo dein Patenonkel einsitzt?«

»Mein – was?«

»Hmm, na ja«, korrigierte sich Luna, »wenn man es genau betrachtet, ist er natürlich nicht dein Onkel, sondern nur dein Pate. Aber irgendwie sind wir ja fast alle miteinander verwandt, mit den Blacks sowieso, nur meistens so weit entfernt, dass man –«

»Ich habe einen Paten?« Harry schien beinahe geschockt. »Im Gefängnis?«

»Er war im Gefängnis«, erinnerte Luna ihn geduldig. »Er ist letzte Woche ausgebrochen.« Es war, als würde sie mit der Wand sprechen. Jedenfalls saß Harry wie versteinert da, war sogar ein wenig blass geworden und gab keine Reaktion von sich. Nun, ganz offensichtlich hatte er keine Ahnung gehabt. Und das war entschieden seltsam.

»Komm!«, befahl sie ihm und stand auf. »Das ist eine lange und ziemlich komplizierte Geschichte. Nach dem Frühstück kann Großvater dir alles darüber erzählen. Er war noch am Leben, als sie Black verhaftet und eingesperrt haben.«

Harry starrte noch einen Moment lang blicklos ins Nichts, kam ihr dann jedoch langsam nach, als wäre er in Trance. Er tat ihr richtig leid. Das Frühstück würde ihn vielleicht ein bisschen beruhigen. Wenn er tatsächlich nichts von Sirius Black gewusst hatte, war es vermutlich doch ein kleiner Schock gewesen. Sie hätte ihm diese Sache schonender beibringen sollen, aber wie hätte sie auch ahnen sollen, dass der Junge derart ahnungslos war?


»Ich erwisch euch noch!«, rief Bill hinter ihnen her. »Wegrennen ist sinnlos!«

Das wusste George selbst, aber das hinderte weder Fred noch ihn, es trotzdem zu versuchen. Schwierig und von Anfang an zum Scheitern verurteilt war ihre Flucht auch deshalb, weil sie vor Lachen ohnehin kaum Luft bekamen. Es war ein kleines Wunder, dass sie es fast über die gesamte Schiffslänge geschafft hatten, ihren Vorsprung zu halten.

»Ich werde euch an die Krokodile verfüttern!«, schrie Bill hinter ihnen. Wenn er seinen Atem nicht dauernd für leere Drohungen verschwendet hätte, wären sie wahrscheinlich schon erledigt gewesen. Inzwischen hatten sie beinahe den Bug erreicht und waren damit weiter gekommen, als sie sich ausgerechnet hatten.

»Du wirst alt!«, rief Fred über die Schulter zurück.

»Und schlanker warst du auch schon mal!«, schloss sich ihm George lachend an.

Vielleicht hätten sie es sogar noch ein Stück weiter geschafft, aber da tauchte unvermittelt ihr zweites Opfer vor ihnen auf und schickte ihnen einen Stolperfluch entgegen.

»Gut gemacht, Percy!«, gratulierte ihm Bill, während sie über das Deck purzelten. Als ein Schatten auf sie fiel und über ihnen die wütenden Gesichter von Bill und Percy aufragten, begannen sie wie auf Kommando wieder loszulachen. Der Anblick der beiden war auch zu komisch, um ernst zu bleiben.

»Ihr macht das sofort wieder rückgängig!«, schrie Percy mit sich überschlagender Stimme. Er war fast schon hysterisch. Natürlich mussten sie nur noch mehr lachen.

»Das werden sie«, sagte Bill mit beunruhigender Gelassenheit.

»Zwing uns doch!«, forderte Fred ihren nunmehr kahlgeschorenen Bruder auf.

»Mum gefällt dein neuer Haarschnitt bestimmt!«, stellte George beinahe ernsthaft fest.

»Und Penelope wird sich auch freuen«, fuhr Fred an Percy gewandt fort. »Zumindest sieht man dir den Langweiler nicht mehr von weitem an.«

»Ihr zwei solltet uns lieber dankbar sein!«, behauptete auch George grinsend. »Das ist doch die beste Lösung für alle Beteiligten.«

»Ach, Bruderherz«, sagte Fred traurig zu ihm, »gib es auf. Wir werden auf ewig missverstanden bleiben. Selbst wenn wir aus den edelsten, menschenfreundlichsten und selbstlosesten Motiven heraus –«

Fred stieß einen Schrei aus, als er in die Luft gerissen wurde und plötzlich zehn Meter jenseits der Reling schwebte. Bill hatte offensichtlich die Geduld verloren, aber vielleicht war ihm die »Selbstlosigkeit« auch zu dick aufgetragen gewesen.

»Wenn ich nicht in einer Minute meine Haare wiederhabe, wird jemand ein kleines Morgenbad im Nil nehmen.«

George glaubte nicht, dass Bill seinen Bruder tatsächlich ins schmutzigbraune Nilwasser tauchen würde. Trotzdem musste er ziemlich stinkig sein, wenn er sich überhaupt zu so einer Drohung hinreißen ließ. Wahrscheinlich war es nicht klug, ihn weiter zu provozieren. Nur für den Fall.

»Ich warte«, sagte Bill ungeduldig, während er seinen Zauberstab auf den über dem Nil baumelnden Fred gerichtet hielt.

George seufzte theatralisch und meinte: »Na gut, wir geben uns geschlagen.«

Er trat hinter Percy, der jedoch herumfuhr, statt stillzuhalten. »Wehe du machst irgendwelchen Blödsinn!«, warnte sein Bruder ihn mit schmalen Augen. »Ich weiß ein paar Sachen, die Mum bestimmt brennend interessieren würden. Ihr zwei solltet das besser nicht noch einmal vergessen!«

George presste wütend die Lippen zusammen. Es war so typisch Percy, jeden kleinen Scherz gleich mit einer Drohung zu beantworten. Ohne etwas zu erwidern, raffte er unsanft die lange Mähne Bills, die nun Percys Streberhaupt zierte, zu einem Pferdeschwanz zusammen, hielt diesen fest umklammert und berührte ihn mit dem eigenen Zauberstab.

»Retonsu!«, flüsterte er, und Bills langer Haarschopf löste sich wie von selbst. Percy fingerte gleich panisch in seiner Frisur herum, aber selbstverständlich war alles wieder wie vorher. Fred und er waren schließlich keine Stümper.

Er hielt den losen Pferdeschwanz nun an Bills klägliche Stoppelreste und nach seinem »Pilpilcrin!« wand sich Haar um Haar an seinen alten Platz zurück und verschmolz wieder mit dem verbliebenen Rest.

»Fertig!«, gab er schließlich Bill Bescheid. »Ist so gut wie neu.«

Auch Bill befingerte erst misstrauisch seine Mähne, bevor er Fred wieder an Bord holte und unsanft auf dem Deck absetzte.

»Das werdet ihr noch bedauern!«, kündigte er ihnen an.

George verbeugte sich ironisch. »Wir stehen jederzeit zur Verfügung.«

»Einfach das nächste Mal früher aufstehen!«, rief ihm Fred hinterher, während Bill bereits wieder abzog. Dann stand er auf und kam zu George herüber.

»Denkst du, er hat schon was geplant?«, fragte Fred.

»Würd' ich drauf wetten«, bestätigte George grinsend. »Wir sollten heute Nacht abwechselnd schlafen.«

Fred überlegte einen Moment, schüttelte dann aber den Kopf. »Wo bleibt da der Spaß?«

»Auch wieder wahr«, musste George zugeben. Es konnte nicht schaden, sich überraschen zu lassen. Manchmal hatte Bill geradezu geniale Einfälle, wenn es um Streiche ging. Und Fred und er waren immer bereit, noch etwas dazuzulernen.

Sie schlenderten wieder zurück, da sie bisher noch nicht gefrühstückt hatten. Bills und Percys Wutschreie hatten sie erreicht, als sie sich gerade an den Tisch gesetzt hatten. Als sie wieder im Frühstückssaal auftauchten, als wäre gar nichts geschehen, sahen die anderen Gäste zu ihnen her, und ihre Mum begrüßte sie mit einem missbilligenden Kopfschütteln. Ihr Dad grinste ihnen über den Rand seiner Zeitung heimlich zu, selbst Ron zeigte den erhobenen Daumen, und Charly, der mit Ginny am Nebentisch saß, hieß sie mit Schulterklopfen willkommen, während sie auf den Stühlen rechts und links von ihm Platz nahmen.

»Das war Klasse!«, sagte er. »Bill sah noch nie so gut aus. Und Percy erst!«

Zwei Toastscheiben trafen ihn fast gleichzeitig am Hinterkopf. Eine war bereits gebuttert. Hinter ihnen wies ihre Mum Percy und Bill zurecht, während Charly nur lachte und die harten Brotscheiben gezielt zurückwarf. Der Blick ihrer Mum war mörderisch, und sie zischte ihnen drohend zu, dass sie, wenn sie sich nicht sofort allesamt benähmen, den Rest der Ferien in ihren Kabinen verbringen würden. Auch Ginny schien ihren kleinen Streich zu missbilligen.

»Wenn ihr so etwas jemals bei mir versucht, seid ihr tot«, teilte sie ihnen gelassenen mit. Ihr Ton war dabei so nüchtern und sachlich, dass George ihre schauspielerischen Fähigkeiten nur bewundern konnte. Wenn Ginny so weitermachte, würde sie bald besser sein als er.

Ein Hem-Djedi kam an ihren Tisch und brachte noch einen Korb mit Toast und Brötchen. George waren die Viecher unheimlich. Angeblich hatte sie irgendein ägyptischer Zauberer schon vor langer Zeit als Diener gezüchtet. Ihre schwarzen Facettenaugen und der lange starre Rüssel waren seltsam genug, aber darüber hinaus sahen sie wie grobe Strichmännchen aus, die ein nicht allzu begabtes Kind mit schwarzer Tinte auf ein Pergament geschmiert hatte. Sie schienen nur aus Knochen und Gelenken zu bestehen, über die sich eine lederartige dunkle Haut spannte. Außerdem stolzierten sie wie große Vögel. Ihre Knie gingen nach hinten statt nach vorne, und dass sie keinen Laut von sich gaben, machte sie nicht sympathischer. Bill hatte ihnen zwar versichert, dass sie vollkommen harmlos waren und schon seit Jahrtausenden als Diener eingesetzt wurden – genauso wie Hauselfen daheim –, aber George wurde trotzdem das Gefühl nicht los, dass sie irgendetwas planten und nur auf den richtigen Moment warteten, um zuzuschlagen. Nun ja, nicht viel anders als Hauselfen, insoweit hatte Bill womöglich recht.

George griff nach einer Toastscheibe. Die übrigen Passagiere konzentrierten sich ebenfalls wieder auf ihr Frühstück und hörten auf, die zwei Weasley-Tische mehr oder weniger unauffällig zu beobachten. Inzwischen sollten sie an morgendliche Tumulte gewöhnt sein, fand George. Er machte sich ein Marmeladentoast und ließ seinen Blick dabei durch den Raum schweifen. Er blieb nur einen ganz kurzen Moment am Tisch der Schweizer hängen, bevor er sich zwang, wieder wegzusehen.

Sie waren nah genug, dass hin und wieder ein Brocken Italienisch von ihren Gesprächen an ihren Tisch herüberdrang. Die Eltern waren langweilig, aber die beiden Kinder waren ungefähr so alt wie sie. Natürlich gab es noch andere Leute in ihrem Alter an Bord, aber es waren nicht viele und keine, die so blond, braungebrannt und gutaussehend waren. Andrea und Giorgia hießen die beiden. Und sie waren ebenfalls Zwillinge. George hatte das zuerst für einen Witz gehalten, aber Fred hatte es vor ein paar Tagen bestätigt bekommen, als er am Pool versucht hatte, mit Giorgia ins Gespräch zu kommen. Sie hatte ihn natürlich abblitzen lassen, was aber vielleicht auch an einem nicht sehr professionell ausgeführten Übersetzungszauber gelegen haben mochte. Zumindest hing Fred dieser Theorie an, während George eher vermutete, dass die Anmache seines Bruders nicht ganz nach dem Geschmack des Mädchens gewesen war.

Beunruhigenderweise gelang es ihm im Gegensatz zu Fred nicht, irgendetwas an Giorgia zu finden, obwohl er sich Mühe gegeben hatte. Andrea dagegen … Vielleicht hatte er insgeheim doch gehofft, dass die seltsame Geschichte mit Simon nur ein Ausrutscher war; ein kleines Versehen, eine einmalige Sache, die nichts damit zu tun hatte, dass er prinzipiell und grundsätzlich weiterhin auf Mädchen stand. Inzwischen kamen ihm Zweifel, ob er das jemals wirklich getan hatte, und der Grund für diese Zweifel hieß ausgerechnet Andrea. Die Schicksalsgötter mussten wirklich drauf sein. Womöglich hätte er ihren Sinn für Humor eher teilen können, wenn er nicht pausenlos als Zielscheibe für ihre Verarsche hätte herhalten müssen. Wie konnte man einen Jungen überhaupt »Andrea« nennen? Hatten seine Eltern nicht mehr alle Eulen im Pferch? Italienisch hin, italienisch her, man gab seinem Sohn keinen Mädchennamen!

Dennoch, irgendwie passte es auch wieder. Andrea war nicht einfach attraktiv oder sexy, er war überwältigend. Dagegen konnte Simon nicht anstinken, so viel stand fest. Natürlich war es hoffnungslos. Dieser Junge hatte ihn noch nie auch nur angesehen. George hatte ihn inzwischen lange genug beobachtet. Einige Male war es ziemlich peinlich geworden. Vor kurzem hatte er ihm ein paar Minuten lang beim Schwimmen im Pool zugesehen. Und hatte danach selbst noch eine ganze Weile im Wasser bleiben müssen, bis er sich wieder beruhigt hatte und den Pool verlassen konnte. So viel zu seiner Selbstkontrolle. Am Abend hatte er sich dann unter der Dusche einen runtergeholt, aber noch in der gleichen Nacht war er aus einem Traum erwacht, dessen Ergebnis ihn veranlasst hatte, seine Unterhose zu wechseln. Glücklicherweise hatte Fred fest geschlafen und nichts mitbekommen. Er musste sich jedoch eingestehen, dass selbst die wenigen bruchstückhaften Traumbilder, an die er sich noch erinnern konnte, es wert gewesen waren.

»Wo legen wir morgen eigentlich an?«, unterbrach Fred seine Grübelei.

Charly, an den die Frage gerichtet gewesen war, überlegte. »Kalan…, äh irgendwas, oder? Ein Zaubererdorf jedenfalls. Dann eine Tagestour auf Flugsphingen zum Schlachtfeld vom Samut, wo sich noch echte Riesenskarabäen und Skelettkrieger rumtreiben.« Er drehte sich um. »Stimmt doch, Bill, oder?«

George achtet nicht mehr auf Bills Antwort, denn in diesem Augenblick stand die Schweizer Familie auf. Er verfolgte ihren Abgang so unauffällig, wie es nur möglich war, ohne sich etwas entgehen zu lassen. Andrea trug weiße Shorts und ein weißes T-Shirt und sah einfach göttlich aus. Sogar und besonders, wenn er einem den Rücken zuwandte. Bei Mordred, er hatte einen tollen Hintern, keine Frage. Ein wirklich außergewöhnlich hübscher Hintern. Es war ein Glück, dass es zu heiß war, um in Roben herumzulaufen. Am liebsten hätte er jetzt gleich noch einmal geduscht, obwohl er das an diesem Morgen eigentlich schon erledigt hatte. Aber andererseits … einmal war keinmal, oder?

»Hab was in der Kabine vergessen«, sagte er kurzentschlossen zu Fred und stand auf, solange das noch ohne größere Probleme möglich war. »Bin gleich wieder da.«

Fred war mit Sicherheit noch eine Weile mit Frühstücken beschäftigt, und mehr als ein paar Minuten allein in ihrer Kabine würde er nicht brauchen. Ausführlich »duschen« konnte er ja heute Abend wieder. Warum musste dieser Junge auch so verdammt gut aussehen?


Der Hund mied das Licht der Straßenlaterne und hielt sich so weit wie möglich im Schatten, während er sich langsam dem Haus näherte. Etwas in ihm, irgendein Instinkt wusste es, noch bevor er vor der niedrigen Gartenmauer stand und erneut Witterung aufzunehmen versuchte. Der ganze lange Weg völlig umsonst. Seit fast zwei Wochen war er nun den Muggelstraßen gefolgt, hatte sich von Straßenfleisch ernährt, das die Autos der Muggel für ihn getötet hatten, war nur zwei Mal auf einem Bauernhof abseits der Straße in den Hühnerstall eingebrochen und hatte sich an frischem Fleisch gütlich getan, als er den Aasgeschmack und Benzingestank nicht mehr ertragen hatte, und wofür das alles?

Er hatte es schon geahnt, als er abends in die Straße eingebogen und auf der anderen Seite an dem Haus vorbeigestreunt war. Keine Auroren. Er hatte mit Auroren gerechnet. Es war nicht weit hergeholt, es brauchte kein Genie, um auf den Gedanken zu kommen, dass er hier erscheinen würde. Und erst recht nicht, wenn man ihn für den Verräter hielt. Selbst wenn sie ihn für völlig wahnsinnig hielten – das musste es in ihren Augen doch nur wahrscheinlicher machen, dass er sein Patenkind aufsuchen würde. Aber keine Spur auch nur eines Aurors.

Es war eine verrückte Idee gewesen, von Beginn an, aber er hatte James' Sohn sehen wollen. Der Umweg war gewaltig, aber er hatte es tun müssen. Der Junge war nur ein kleines Baby gewesen, als er ihn Hagrid ausgehändigt hatte. Jetzt würde er gerade dreizehn geworden sein. Zwölf Jahre waren vergangen, in denen er sich in Azkaban dem Selbstmitleid und seiner Schuld hingegeben hatte. Aber er hatte sich auf den Weg gemacht. Und bis hierher war er auch gekommen, doch der Junge war nicht mehr da.

Noch einmal sog er die Luft ein, presste die Nase gegen den Boden, sprang sogar über die Mauer und schnüffelte im Garten, aber unter all den Gerüchen war kein bekannter. Vielleicht war es denkbar, dass er den Geruch nach all den Jahren vergessen hatte oder dass der Junge einfach nicht mehr so roch, wie er als Baby gerochen hatte – was wäre natürlicher gewesen? –, aber seine instinktive Gewissheit blieb. Harry war nicht hier.

Er musste nachdenken. Der Hund tapste hinter einen der Hortensiensträucher, duckte sich, und dann hockte Sirius Black auf dem Rasen. Er ließ sich mit dem Rücken gegen die Hauswand sinken. Er war erschöpft und müde. Die ersten Tage nach seiner Flucht hatte er noch im Hochgefühl seiner wiedergefundenen Freiheit verbracht, aber der Gewaltmarsch quer durch halb Britannien hatte seine Spuren hinterlassen. Trotzdem hatte er sich lebendiger und besser gefühlt als je zuvor in seinem Leben. Er hatte wieder ein Ziel vor Augen gehabt. Wie zwölf Jahre unter Dementoren die Perspektive ändern konnten, war erstaunlich, dachte er bitter. Aber nun hatte sich bereits sein erstes Vorhaben in Freiheit als Irrweg erwiesen. Er hätte damit rechnen müssen, dass sie den Jungen wegschaffen würden. Er hatte nicht nachgedacht, wie so oft. Einfach nicht nachgedacht.

Wenigstens war zu hoffen, dass sie James' Sohn in Sicherheit gebracht hatten. Dann war er auch außer Peters Reichweite. Aber konnte er sich dessen gewiss sein? Niemand außer ihm wusste von der Ratte, also würde niemand Harry vor Peter schützen wollen. Es war unwahrscheinlich, dass der Verräter ihm in nächster Zukunft etwas antun würde, dazu hätte er schon lange Gelegenheit gehabt, aber trotzdem war der Gedanke beinahe unerträglich. Peter frei. Erst einmal wieder in Hogwarts war der Junge ihm hilflos ausgeliefert, wann auch immer sich der Verräter zum Handeln entschließen mochte. Und er war der Einzige, der davon wusste.

Verzweiflung konnte ihm schon lange nichts mehr anhaben, und in diesem Augenblick war er dankbar dafür. Er konnte sich von ihr verschlingen lassen, ohne sie zu fürchten. Auch für diese Lektion musste er den Dementoren dankbar sein. Er konnte sich damit abfinden, allein zu sein. Der Einzige, der ihm hätte eine Hilfe sein können, der Einzige, der ihm vielleicht geglaubt hätte, der Einzige, der außer ihm Peter in seiner Rattengestalt erkennen würde, war Remus. Und er hatte keine Ahnung, wo sich Remus jetzt aufhielt.

Sirius starrte auf seine Hände. Selbst seine Finger wirkten ausgezehrt und kraftlos, zitterten leicht, als wäre er ein alter Mann. Und seine Hände waren leer. Er hätte beinahe gelacht. Er hatte nicht einmal einen Zauberstab. Oh, die Vorstellung, Peter mit bloßen Händen zu erwürgen, hatte etwas für sich, aber wie groß waren die Aussichten darauf, wenn er auf die wenigen schwächlichen Zauber angewiesen war, die er ohne Stab ausführen konnte? Wieder hatte er nicht nachgedacht. Es ging nicht nur um seine Rache. Peter musste auf jeden Fall unschädlich gemacht werden. Wer sagte ihm, dass die Ratte ihren Stab nicht dabeihatte?

Er ballte seine Hände zu Fäusten, wütend auf sich selbst. Hatten die Dementoren es doch geschafft, seinen Verstand zu verwirren? Hatte er tatsächlich als Hund nach Hogwarts spazieren wollen, Peter suchen und ihm den dreckigen Rattenschädel abbeißen wollen? Einfach darauf hoffen, dass niemand ihn aufhielt, dass der Verräter sich nicht wehren würde, dass niemand wagen würde, sich seinem gerechten Zorn entgegenzustellen – war er tatsächlich so wahnsinnig gewesen? Offensichtlich. Er war auch verrückt genug gewesen, Harry sehen zu wollen, nicht wahr? Und während des ganzen Weges quer durch das halbe Land war ihm nicht ein Mal der Gedanke gekommen, dass der Junge nicht mehr hier sein würde. Er konnte ein zynisches Glucksen nicht unterdrücken. Er war zu einer lächerlichen Gestalt geworden. Nein, er hatte sich selbst dazu gemacht. Doch das würde nun ein Ende haben, schwor er sich.

Aber was sollte er tun? Was konnte er tun? Die Frage wand sich wie eine giftige Schlange durch sein Gehirn. Selbstverständlich wusste er, was er hätte tun können. Er hatte den Gedanken nur mit aller Macht verdrängt. Er wusste, wo und wie er an einen Zauberstab kommen konnte – und mehr. Doch in dieser Richtung lagen die Schatten einer Vergangenheit, an die er sich niemals hatte erinnern wollen. Sechzehn war er gewesen, sechzehn Jahre hatte es gedauert, bis er diesem Ort hatte entfliehen können. Ein Entkommen, das auf seine Weise schwerer und schmerzhafter gewesen war als seine Flucht aus Azkaban. Er wollte sich diesen Schatten nicht stellen. Er hatte sich geschworen, niemals zurückzukehren. Aber damals war er sechzehn gewesen. Im Hier und Jetzt gab es Notwendigkeiten. Es würde eine hässliche Erfahrung werden; eine, die er um fast jeden Preis vermieden hätte, wenn ihm eine andere Wahl geblieben wäre. Aber er hatte diese Wahl nicht, so wie es aussah. Er musste es tun, seine Alternativen waren nichtvorhanden. Remus wäre ein Ausweg gewesen, aber er konnte sich nicht auf eine jahrelange, womöglich ergebnislose Suche durch das ganze Land machen. Und so grauenhaft der Gedanke auch war, er konnte nicht einmal davon ausgehen, dass der letzte seiner Freunde überhaupt noch lebte. So viele waren gestorben …

Und bald würde Peter sich in die Schar der Toten einreihen, versicherte er sich mit neuer Entschlossenheit. Es konnte nicht geduldet werden, dass die Taten des Verräters noch länger ungesühnt blieben und die Existenz dieser Ratte weiterhin eine stete Bedrohung für sein Patenkind war. Wenn es zum Erreichen seiner Ziele nötig war, dass er sich seiner Vergangenheit stellte, dann musste er das eben tun.

Ein halber Tagesmarsch nur lag zwischen ihm und seiner Kindheit und Jugend. Der Weg würde ihm länger und schwieriger werden, als die zweiwöchige Wanderung bis hierher, aber er würde ihn gehen. Was war er letzten Endes anderes als ein Black, der seinem alten Zuhause einen Besuch abstattete? Auch ein verhasstes Erbe konnte beansprucht werden, und er war nun das, was er niemals hatte werden wollen: das Oberhaupt des Schwarzen Hauses.

Zum Grimmauldplatz, dachte er, als er erneut zum Hund wurde. Zum Grimmauldplatz und darüber hinaus. Dorthin, wo die Schatten warten.