8. Per Farti Perdonare
(La Pulce D'Acqua – Angelo Branduardi)
Simon stolperte aus dem Kamin, was diesmal jedoch nicht auf Schwindel oder Desorientierung zurückzuführen war, sondern an seiner gebückten Haltung lag. Terry ihn zwar gewarnt, dass es knapp war, aber das war der niedrigste und engste Kamin, den er bisher hatte benutzen müssen. Vorsichtig richtete er sich wieder auf und klopfte sich die Robe ab, obwohl es kaum nötig gewesen wäre. Wenigstens machte der Kamin einen außergewöhnlich sauberen Eindruck.
Das Erste, was ihm auffiel, war der seltsam muffige Geruch, den er nicht so recht einordnen konnte. Doch dann fiel sein Blick auf einen überfüllten Aschenbecher, der auf einem Tischchen neben einem alten Sessel stand. Die Einrichtung war nicht direkt schäbig, sah aber abgewohnt aus. Durch das einzige Fenster schien die Morgensonne in den Raum, was diesen wahrscheinlich düsterer wirken ließ, als er in Wirklichkeit war. Es ließ sich schwer sagen, ob die gemusterte Tapete schon immer einen so hässlichen Gelbton gehabt hatte oder vom Nikotin vergilbt war. Es gab keine Bücherregale, nur eine große, braune Schrankwand, in deren Tiefen ein paar einzelne Bände ein einsames Dasein fristeten. Er hatte sich Terrys Zuhause anders vorgestellt. Oder hätte es sich vermutlich anders vorgestellt, wenn er darauf jemals einen Gedanken verschwendet hätte.
»Fünf Minuten«, meinte Terry, der schon in der Tür stand.
Simon nickte ergeben. »Beeil dich!«
Er fühlte sich etwas unbehaglich und bedauerte bereits, dass er nicht gleich in die Winkelgasse vorausgegangen war. Hoffentlich beeilte sich Terry wirklich.
Er hörte eine Tür gehen und jemanden »Bist du das, Spätzchen?« rufen. Es folgte Stimmengemurmel, das zu leise war, als dass er mehr als einzelne Wörter hätte verstehen können. Er wandte sich dem Schrank zu und begann, die Buchrücken abzusuchen. Ein großer Atlas und Bildbände über Schlösser und Gärten, den Zweiten Weltkrieg und Landschaften der Erde standen neben einer Shakespeare-Gesamtausgabe und einem schmalen Bändchen mit Gedichten von Robert Frost. Ein trauriger Anblick.
Er fuhr erschrocken herum, als hinter ihm jemand die Tür öffnete. Ein älterer Mann schlurfte herein, eine Zeitung unter den Arm geklemmt und eine große Tasse in der Hand. Er schien Simon nicht zu bemerken, sondern steuerte auf einen Sessel zu, stellte die Tasse auf das Tischchen daneben und nahm mit einem Grunzen Platz.
Simon war einen Moment lang beinahe panisch. Der alte Mann, bestimmt Terrys Großvater, schlug die Zeitung auf. Offenbar hatte er ihn immer noch nicht gesehen. Erst als er sich eine Zigarette anzündete, fiel sein Blick auf Simon, der noch immer still und bewegungslos vor der Schrankwand verharrte. Der Mann runzelte die Stirn und blies einen Rauchschwall in Simons Richtung.
»Äh, guten Morgen, Mr. …« Verdammt! Er wusste nicht einmal, wie Terrys Großvater hieß. »Ich bin ein Schulfreund von Terry«, fuhr er rasch fort.
Der Mann sagte erst nichts, sondern musterte ihn von oben bis unten. Simon war sich bewusst, dass er in seiner Robe einen seltsamen Anblick bieten musste – zumindest für Leute, die nicht daran gewöhnt waren –, aber in der Winkelgasse war normale Kleidung einfach unpassend und erregte unnötige Aufmerksamkeit.
»Tivers«, brummte der Mann schließlich. »Morgen!«
Simon brauchte viel zu lange, um zu begreifen, was der Mann mit »Tivers« gemeint hatte. Terrys Großvater tat nichts, um ihm über die Peinlichkeit des Moments hinwegzuhelfen. Stattdessen schlug er seine Zeitung auf, paffte eine weitere Rauchwolke und schien bereit, Simons Anwesenheit im Weiteren zu ignorieren. Er konnte nur hoffen, dass Terry bald fertig war und ihn erlöste. Diese Aussicht wurde schlagartig unwahrscheinlich, als er erneut Stimmen auf dem Gang hörte und jemand eine Treppe hochstapfte.
Er räusperte sich vorsichtig. »Äh, Mr. Tivers?«
Ohne von seiner Zeitung aufzusehen, murmelte der Mann: »Die Treppe hoch, zweite Tür links.«
»Danke«, erwiderte Simon und ergriff erleichtert die Flucht. Auf dem Gang konnte er durch eine halb geöffnete Tür in die Küche sehen und hörte jemanden mit Geschirr hantieren. Er ging rasch zur Treppe und stieg leise hoch, um nicht noch jemandem zu begegnen. Oben angekommen stellte er fest, dass die Tür zur Linken in ein Badezimmer führte. Er musste eigentlich nicht, aber wo er schon einmal da war, benutzte er die Toilette. Als er wieder aus dem Badezimmer herauskam, war kaum eine Minute vergangen. Von Terry natürlich keine Spur, und er hatte keine Ahnung, wo sich dessen Zimmer befand. Eine der Türen war jedoch nur angelehnt, und er versuchte sein Glück und stieß sie behutsam ein Stück weiter auf. Zu seiner Erleichterung sah er Terry, der ihm den Rücken zugekehrt hatte und gerade eine Robe aus einem Schrank zog. Er ging rasch ins Zimmer und machte die Tür hinter sich zu. Diesmal war es Terry, der herumfuhr.
»Hey!«, rief er und hielt sich die Robe vor die Brust. »Ich zieh mich gerade um!«
Simon sagte nichts auf diese lächerlich unsinnige Bemerkung und ließ seinen Blick durch Terrys Zimmer schweifen. Unter der Dachschräge war ein schmales Bett, vor dem Fenster standen ein Schreibtisch und der Käfig von Terrys Steinkauz. Ein einziges Bücherregal. Er setzte sich auf das Bett und grinste Terry an.
»Nichts, was ich nicht schon gesehen hätte«, erinnerte er ihn.
»Das war in Hogwarts!«, protestierte Terry.
Simon verstand nicht, was das heißen sollte. Außerdem hatte Terry noch Unterhose und Socken an, und er hatte ihn schließlich auch schon komplett nackt in den Gemeinschaftsduschen gesehen.
»Nette Bräune«, sagte er fröhlich. »Steht dir. Die Mädchen werden dir zu Füßen liegen. Wenn ich zwei Jahre jünger wäre …«
»Idiot!«, schnauzte Terry ihn an.
Simon grinste noch gemeiner, während Terry mit seiner Robe kämpfte. »Nur mit den Haaren müsste man was machen. Wie wär's mit blonden Strähnchen? Ein paar goldene Löckchen wären ein hübscher Kontrast.«
Terry schnaubte unter seiner Robe und zischte etwas, das Simon geflissentlich überhörte. Abgesehen davon überschätzte Terry das voyeuristische Vergnügen gewaltig, das ihm das Betrachten seines dreizehnjährigen, halbnackten Körpers bereitete.
»Die Schlaufen an der Seite haben übrigens einen Sinn!«, belehrte er Terry, nachdem er dessen verzweifelten Kampf eine Weile interessiert verfolgt hatte. »Man kann damit die Robe aufmachen. Das Anziehen ist dann wesentlich leichter.«
Terry hatte es endlich geschafft, die Arme in die richtigen Löcher zu stecken und seinen Kopf zu befreien.
»Du Arsch!«, sagte er und funkelte Simon böse an. Simon war versucht, ihn noch ein bisschen weiter aufzuziehen, entschied sich aber dagegen. Er sah ihm zu, wie er seine Robe ausschüttelt, bis sie einigermaßen ordentlich fiel, und dann die Schuhe anzog. Er hätte einiges dafür gegeben, wenn die Szene gerade einen anderen Hauptdarsteller gehabt hätte. Er hatte George noch nie auch nur halbnackt gesehen. Warum hatte die Weasleys diesen verdammten Hauptgewinn ziehen müssen? Und warum hatte George kein einziges Mal geschrieben? Nicht einmal eine Postkarte! War das wirklich zu viel verlangt? Es gab doch bestimmt auch für Zauberer Möglichkeiten, eine Karte aus dem Urlaub zu schreiben! Vielleicht nicht per Eulenpost, Ägypten war immerhin ein paar Tausend Kilometer weit weg, aber irgendwie ging das ganz sicher. Und wenn Terry daran gedacht hatte, aus Spanien eine Karte zu schreiben, konnte er das Gleiche doch auch von George erwarten, oder? Na gut, es war noch Zeit. Die Weasleys waren mindestens noch eine Woche unterwegs, aber man sollte doch annehmen, dass George in drei gottgegeißelten Wochen irgendwann einmal die Zeit gefunden hatte, ein paar beschissene Zeilen auf eine mickrige Postkarte zu kritzeln!
»Fertig!«, stellte Terry fest, nachdem er einige Zehn-Pfund-Noten aus seiner Jeans gekramt und eingesteckt hatte. »Gehen wir endlich?«
Simon verkniff sich die Frage, wer hier eigentlich auf wen hatte warten müssen. Er stand wortlos auf und folgte Terry. Im Erdgeschoss steckte dieser den Kopf in die Küchentür und rief »Wir gehen jetzt!«, worauf eine Frauenstimme »Viel Spaß, Spätzchen!« antwortete.
»Spätzchen?«, flüsterte Simon grinsend und bekam einen spitzen Ellenbogen in die Rippen gerammt. Er rieb sich die schmerzende Stelle und setzte ein unbeteiligtes Gesicht auf, während er Terry zurück ins Wohnzimmer folgte.
Terrys Großvater las noch immer seine Zeitung und grummelte nur etwas Unverständliches, als sie sich verabschiedeten. Simon musste sich wieder tief bücken, um in die grünen Flammen des Reisefeuers zu treten, aber entstieg gleich darauf ohne Probleme einem der Ankunftskamine von Gringotts.
Die hohe weiße Marmorhalle war überraschend leer, und nur die Hälfte der Schalter war besetzt. Terry kam aus einem Nachbarkamin, und sie tauschten ihr Geld bei einem der Kobolde in Galleonen, bevor sie die Bank verließen. Auch auf der Winkelgasse waren nur wenige Menschen unterwegs. Simon begrüßte das, bezweifelte jedoch, dass es lange so bleiben würde. Aber sie waren früh dran, und mit etwas Glück konnten sie ihr Programm durchziehen, bevor der Ansturm begann.
Terry betrachtete die drei Raben im Schaufenster der Magischen Menagerie. Am liebsten wäre er sofort hineingegangen und hätte einen gekauft, aber er wusste nicht, ob sein Geld dafür reichen würde. Außerdem wäre seine Mutter mit Sicherheit dagegen, dass er sich noch ein fliegendes Haustier zulegte. Ein Schild neben dem Käfig verkündete, dass es sich um hochintelligente, sprechende Kolkraben handelte, die alle mindestens hundert Wörter beherrschten. So sehr er Puck auch mochte – und manchmal hatte er das Gefühl, dass sie viel mehr verstand, als sie sich anmerken ließ –, ein Vogel, mit dem man sprechen konnte, war doch etwas anderes.
Er hing so fasziniert vor dem Schaufenster, dass er Simons Rückkehr erst bemerkte, als dieser auf seine Schulter tippte.
»Und? Was hat Ollivander gesagt?«, fragte Terry ihn, obwohl man schon an seiner Miene ablesen konnte, dass er keinen Erfolg gehabt hatte.
»Wenig«, erwiderte Simon missmutig. »Hat sich das Haar angesehen und mir fünfzig Galleonen dafür geboten. Wollte nicht mal wissen, wo ich es herhab'. Kein Wort darüber, was es ist oder sein könnte. Er hat nur idiotisch gegrinst, als ich ihn gefragt hab'. Eine einzige Zeitverschwendung.«
»Na ja«, wandte Terry ein, »immerhin wissen wir jetzt, dass es mindestens fünfzig Galleonen wert ist. Und wir haben sogar drei.«
»Ich hab' drei«, korrigierte Simon ihn.
Terry verdrehte die Augen, sagte aber nichts darauf. Er warf den Raben im Schaufenster noch einen letzten, bedauernden Blick zu und trottete dann Simon hinterher, der es offensichtlich ziemlich eilig hatte, Flourish & Blotts zu plündern. Gemütlicher Einkaufsbummel war ein Konzept, mit dem Simon anscheinend nichts anfangen konnte.
Als sie kurz darauf Flourish & Blotts erreichten, blieben sie beide vor dem Schaufenster der Buchhandlung stehen. Terry verstand zuerst nicht, was sich da hinter der Scheibe des Schaufensters abspielte. Ein Käfig. Noch ein ganzes Stück größer als die Voliere der Raben, die er vorhin im Schaufenster der Magischen Menagerie gesehen hatte. Statt Sitzstangen waren Regalbretter im Käfig angebracht, und darauf saßen … Bücher. Die Einbände schillerten schuppig grün, als wären sie aus Eidechsen-, Schlagen- oder Fischhaut gemacht, und goldene Buchstaben glänzten auf ihrem Rücken und der Vorderseite. Dutzende Bände saßen auf jedem Brett. Und sie bewegten sich, drängelten sich zusammen, schubsten, krabbelten übereinander. Hin und wieder fiel eines herunter, kroch über den Käfigboden und sprang dann wieder mit einem kräftigen Schnappen der Buchdeckel auf das nächste erreichbare Brett. Der Käfig machte trotz seiner Größe einen völlig überfüllten Eindruck. Es mussten insgesamt mehr als hundert Bücher sein, die um einen Platz auf den Regalbrettern kämpften. Einige Exemplare wirkten bereits recht angeschlagen und zerfleddert.
In einer Ecke des Käfigs lieferten sich zwei anscheinend besonders aggressive Exemplare eine Art Hahnenkampf, bei dem die Papierfetzen flogen. Terry ging näher an die Scheibe heran, bis er meinte, das Rascheln der Seiten und das Schnappen der Buchdeckel hören zu können. Er versuchte, die Wörter auf den Büchern zu entziffern. Seine Befürchtung bestätigte sich: »Das Monsterbuch der Monster«. Er hatte schon kein gutes Gefühl gehabt, als der den Titel auf der neuen Bücherliste gelesen hatte.
»Das kann ja lustig werden«, sagte er zu niemandem im Besonderen, da Simon sich inzwischen schon wieder abgewandt hatte und Anstalten machte, die Buchhandlung zu betreten.
»Guten Morgen, Mr. Gaffer!«, begrüßte Simon den Mann hinter der Theke. »Ich glaube, in ihrem Käfig sind gerade zwei Bücher dabei, sich zu … äh, fressen?«
Der Mann stöhnte auf, griff unter die Theke und holte einen langen Stecken hervor, hastete an Terry vorbei zum Käfig und stocherte wie wild zwischen den Gitterstäben herum.
»Wollt ihr euch wohl benehmen!«, schrie er, während er versuchte, die beiden Streithähne zu trennen. »Auseinander mit euch! Auseinander!«
Seine Bemühungen waren schließlich von Erfolg gekrönt, allerdings hatte das unterlegene Buch schon einiges abbekommen. Zerfetzte Seiten hingen halb aus dem Buchblock, und der Einband hatte sichtbare Schrammen davongetragen. Humpelnd verkroch sich das malträtierte Monsterbuch in einer Käfigecke. Terry erwartete fast, dass gleich eine Zunge zwischen den Seiten hervorkäme und es begänne, seine Wunden zu lecken. Natürlich geschah nichts dergleichen. Das Buch saß nur zitternd in seiner Ecke und blätterte durch seine Seiten, wie um diese zu ordnen und nachzusehen, wie viele noch da waren. Es war ein mitleiderregender, erbärmlicher Anblick.
»Nie wieder!« Mr. Gaffer schäumte. »Das war das erste und letzte Mal, dass wir dieses Machwerk ins Sortiment genommen haben!« Er funkelte Terry und Simon wütend über seine Nickelbrille hinweg an, als wäre sie an dem ganzen Unglück schuld. »Wir haben bisher jede noch so absurde …« Er unterbrach sich und atmete tief durch. »Aber das hier geht zu weit! Einfach zu weit. Dumbledore wird noch von uns hören! Alles hat seine Grenzen!«
Er stürmte hinter seinen Ladentisch zurück und verstaute seinen Stecken wieder darunter. Erst dann schien er sich wieder an seine professionellen Pflichten zu erinnern, setzte ein halbwegs freundliches Lächeln auf und fragte: »Kann ich behilflich sein? Schulbücher für Hogwarts, nehme ich an?«
»Wir kommen zurecht«, meinte Simon. »Allerdings brauchen wir zwei Exemplare davon.« Er zeigte hinter sich auf den Käfig mit den Monsterbüchern. Mr. Gaffers Miene wurde wieder etwas verkniffen, und Simon fügte schnell hinzu: »Später. Wir wollen uns erst noch umsehen.«
Der Verkäufer nickte wortlos, und Simon verschwand irgendwo im hinteren Teil des Ladens. Terry machte sich daran, die Schulbücher zusammenzusuchen. Er beeilte sich nicht besonders. Simon würde erfahrungsgemäß wohl kaum unter einer Stunde wieder aus der Buchhandlung herauszubekommen sein. Unter Mr. Gaffers missmutigen Blicken machte er zwei Bücherstapel auf der Ladentheke. Nicht dass er damit rechnete, dass Simon es ihm danken würde.
Es dauerte nicht lange, dann war er auch schon fertig, und natürlich keine Spur von Simon weit und breit. Inzwischen waren noch mehrere andere Kunden in den Laden gekommen. Terry verzog sich in die Abteilung »Transfiguration« und stöberte ein wenig lustlos in den Büchern über fortgeschrittene Verwandlungsmagie. Die meisten waren ihm einfach zu hoch. Ab einer gewissen Stufe schien sich alles nur noch um die verschiedenen Theoriemodelle und den geschickten Aufbau des Verwandlungskubus zu drehen. Schließlich fiel ihm aber doch noch ein Buch in die Hände, dessen Titel nicht allzu langweilig klang. »Mutabor – Verwandle dich!« hieß es, und Terry blätterte mit zunehmendem Interesse darin herum.
Er war sich ziemlich sicher, dass er dieses Buch noch nie in der Schulbibliothek gesehen hatte. Wenn überhaupt, dann stand es bestimmt in der Verbotenen Abteilung. Obwohl die Zauber selbst zum Teil gar nicht so schwer waren, warnte jeder zweite Absatz vor den möglichen Gefahren einer Selbstverwandlung. Die erste Hälfte beschäftigte sich mit Teilverwandlungen: wie man seine Hände in Klauen verwandelte, um besser klettern oder graben zu können, oder sich selbst Kiemen und Flossen anzaubern konnte, um unter Wasser beinahe so perfekt zu schwimmen wie ein Meermensch; bessere Beine, um schneller zu laufen, weiter und höher zu springen, kombiniert mit Flughäuten unter den Armen – so konnte man angeblich sogar kurze Strecken im Gleitflug zurücklegen. Eine sehr gefährliche Sache, behauptete das Buch, aber irgendjemand musste es wohl ausprobiert und überlebt haben, oder? Woher wollte der Autor sonst wissen, dass es funktionierte?
Der zweite Teil des Buchs begann mit einem ganzen Kapitel voller Warnungen, die Terry schnell überblätterte. Vollverwandlungen waren noch interessanter, aber angeblich auch viel, viel schwieriger. Und faszinierender. Man konnte sich in beinahe alles verwandeln: Tiere, Bäume, sogar Steine oder komplexe Werkzeuge. Angeblich hatte sich sogar einmal ein Zauberer in ein Schwert verwandelt, freiwillig, und ein anderer war von einem Verwandlungsmeister in einen Stuhl verwandelt worden, unfreiwillig. Aber diese Vollverwandlungen hatten einen Nachteil: Man konnte sich nicht selbst zurückverwandeln. Anscheinend gab es nur eine bekannte Ausnahme von dieser Regel: die Animagus-Transformation. Der Rest des Buches beschäftigte sich ausschließlich damit. Natürlich erst nach einer ausführlichen Darstellung aller Risiken. Schon wieder. Wenn man dem Autor glauben schenken wollte, führte eine Animagus-Transformation immer zu »psychischen Defekten« und barg »unabsehbare Gefahren für die geistige Gesundheit« eines Zauberers. Terry fand das ziemlich weit hergeholt. Mindestens war es übertrieben. McGonagall war schließlich auch eine Animaga und alles andere als eine »instabile Persönlichkeit«.
Je länger er darin blätterte, desto sicherer war er, dass er dieses Buch um jeden Preis haben musste. Oder um beinahe jeden Preis. Koste es, was es wolle – solange sein Geld dafür reichte. Notfalls würde er Simon um ein paar Galleonen anhauen müssen. Sollte es hart auf hart kommen, würde er sich sogar Fortescues abschminken, obwohl er sich schon den ganzen Tag darauf gefreut hatte.
Er verblätterte sich so in das Buch, dass er die Zeit vergaß. Als Simon ihn schließlich aufstöberte und zur Kasse schleppte, hatte das Buch bereits gewirkt. In Terrys Kopf gab es nur noch Platz für den einen Gedanken: Was würde wohl seine Animagusform sein? Er wusste, dass er ein Animagus werden würde, das war so sicher wie das Amen in der Kirche. Es war nur eine Frage der Zeit. Dagegen war die Sache mit dem Stein der Weisen, Goldmachen und das Elixier des Lebens, nur langweiliges Magietratra.
Als der Verkäufer ihre Monsterbücher aus dem Käfig holte, suchte sich Terry das etwas mitgenommene Exemplar aus, das noch immer armselig und verschüchtert in der Ecke kauerte. Er bekam das zerfledderte Monsterbuch zum halben Preis, und seine Galleonen reichten bis auf ein paar Knuts gerade für seine Schulbücher und Mutabor. Er verließ Flourish & Blotts vollkommen pleite, aber zufrieden. Die Eisbecher würde dann eben Simon bezahlen müssen.
Sirius saß seit einer Stunde im Gebüsch am Waldrand und wartete. Er hatte sich die Kapuze seines Reisemantels über den Kopf gezogen, aber die Patrouille ließ sich heute Zeit. Die Hexe, die sich um die Hühner und den Garten kümmerte, erschien immer pünktlich. Sie kam jeden Morgen aus dem Haus – vermutlich benutzte sie den Kamin des Fuchsbaus – und verschwand nach spätestens einer halben Stunde wieder. Der allabendliche Besuch der beiden Zauberer verlief ganz anders. Sie waren vorsichtig, professionell – und unberechenbar. Seit er auf der Lauer lag, waren sie noch nie zweimal hintereinander zur selben Zeit oder an derselben Stelle aufgetaucht. Das erste Mal hatten sie ihn beinahe überrascht, und er hatte sich die Kapuze seines Mantels gerade noch rechtzeitig ins Gesicht ziehen können.
Er hatte sich diese Beinahe-Katastrophe eine Lehre sein lassen und wartete seitdem mit heruntergezogener Kapuze im Schatten der Bäume auf die zwei Zauberer. Inzwischen bezweifelte er, dass es Auroren waren. Sie waren zu vorsichtig, und auch sonst benahmen sie sich nicht wie Auroren.
Plötzlich vernahm er das vertraute Geräusch einer Apparation. Ganz nahe. Zu nahe. Er erstarrte zu völliger Bewegungslosigkeit. Gleich darauf wiederholte sich das Geräusch. Sie waren irgendwo rechts hinter ihm aufgetaucht. Ziemliches Pech. Hoffentlich stolperten sie nicht über ihn. Sein Reisemantel war kein Tarnumhang. Die einsetzende Dämmerung und das Zwielicht unter den Bäumen würden zwar helfen, aber wenn sie ihm allzu nahe kamen, würden sie ihn wahrscheinlich entdecken. Er gab sich keinen Illusionen hin; er hatte es hier nicht mit Amateuren oder einfachen Auroren zu tun.
Die beiden wechselten kein Wort miteinander. Sirius hörte nur das Knacken einiger Zweige und die gedämpften Schritte hinter sich, wagte es aber nicht, den Kopf zu drehen. Auch die kleinste Bewegung hätte die Tarnfähigkeiten des Reisemantels gestört und so die Gefahr einer Entdeckung erhöht. Er atmete erst auf, als sie mehr als fünf Meter rechts von ihm vorbeigingen und unter den letzten Bäumen stehen blieben. Er hatte einen guten Blick auf ihre Gestalten, aber viel ließ sich auch jetzt nicht sagen. Sie kehrten ihm den Rücken zu, trugen wie immer breitkrempige Schlapphüte, unauffällige schwarze Umhänge und hatten ihre Zauberstäbe gezückt. Sie beobachteten das Haus einige Minuten, bevor sie sich zunickten und erneut in Bewegung setzten. Sie traten aus dem Unterholz und begannen mit ihrem Rundgang.
Sirius sah ihnen zu, wie sie um das Grundstück der Weasleys wanderten. Er verstand noch immer nicht, was diese Zauberer hier wollten. Sie schienen lediglich aus der Ferne die Schutzzauber zu testen. Es machte keinen Sinn. Was wollten sie hier? Einfach nur »nach dem Rechten sehen«?
Natürlich war sein erster Verdacht gewesen, dass es Auroren waren, die nach ihm suchten. Er hatte sich schließlich ganz in der Nähe sehen lassen, wenn auch in Hundegestalt. Es war kein geplanter Besuch gewesen. Er hatte vorher nicht gewusst, dass sich Harry so nahe an seinem Ziel aufhielt. Als er auf dem Weg zum Fuchsbau gewesen war, hatte sich sein Reisemantel gemeldet. Eine Reihe von Runen am Saum des Mantels hatte plötzlich aufgeleuchtet. Er hatte es zuerst nicht verstanden. Ein »Familienmitglied«, ein »Nachkomme«, noch dazu »unweit«? Schließlich hatte seine Neugier gesiegt. Er hatte sich vom Reisemantel in die Nähe führen lassen und war dann als Hund auf Erkundung gegangen. Er hatte kaum zu hoffen gewagt, aber dann hatte er ihn doch gefunden: Harry. Eindeutig der Sohn seines Vaters. Der Junge war James' Ebenbild. Bis auf die Augen. Das durchdringende, fast stechende Grün Lilys lag in ihrem Blick.
Der Junge hatte ihn angestarrt, und er hatte zurückgestarrt. Der Schock der plötzlichen Erkenntnis hatte ihn gelähmt und länger zögern lassen, als verantwortbar gewesen wäre.
Lily und James waren tatsächlich tot. Die Magie hatte es verstanden, sein Reisemantel hatte es unmissverständlich klargemacht, nur er hatte es vergessen. Oder verdrängt. Pflicht, Verantwortung, Fesseln, Familienbande … Er hatte magische Schwüre geleistet, war eine unwiderrufliche Verpflichtung eingegangen, als er der Pate des Jungen geworden war. Auch wenn er es verdrängt hatte, die Magie bestand darauf. Seit dem Tod von Lily und James war Harry nicht mehr nur sein Patensohn. Der Mantel hatte auf ein echtes Familienmitglied reagiert, auf einen Nachkommen der Blacks – und die Magie ließ sich nicht auf Diskussionen ein. Eine magische Kette band Harry und ihn aneinander – für den Rest ihres Lebens.
Er hatte sich schließlich losreißen können und sich wieder aus dem Staub gemacht. Auch danach hatte er einige Zeit gebraucht, um es einigermaßen zu begreifen, und ganz realisiert hatte er es immer noch nicht. Es änderte alles – und nichts. Seine Aufgabe blieb die gleiche, und trotzdem war alles anders. In jeder relevanten Hinsicht war er nun so etwas wie ein »Vater«. Ein verrückter Gedanke, der ihn aber nicht mehr loslassen wollte. Sirius Black. Vater! Er war kurzzeitig in Hysterie verfallen – oder einen Zustand, der einer Hysterie recht nahekam. Dann hatte er sich wieder an seine Aufgabe erinnert und war zum Anwesen der Weasleys weitergezogen. Seine Prioritäten waren immer noch dieselben, selbst an seiner Motivation hatte sich kaum etwas geändert. Die Ratte war eine Gefahr für Harry.
Das Problem war, dass ihn Harry und das Mädchen gesehen hatten. Wenn die Auroren inzwischen herausgefunden hatten, dass er ein Animagus war, hätten sie auf die richtige Idee kommen können. Es wäre auch nicht völlig abwegig gewesen, bei den Weasleys nach ihm zu suchen. Immerhin hätte er ihr Haus als Unterschlupf nutzen können, solange sie abwesend waren. Für die meisten Auroren, die er kennengelernt hatte, wäre dieser Gedankengang wohl zu raffiniert gewesen, aber man durfte seinen Gegner auch nicht unterschätzen. Daher war es nur natürlich gewesen, dass er die zwei Zauberer anfangs für Auroren gehalten hatte, die ihn hier suchten. Aber er hatte diese Idee schnell wieder verworfen. Auroren hätten mindestens das Haus durchsucht und die Gegend durchkämmt, während die zwei Zauberer sich darauf beschränkten, einmal rund um das Anwesen zu wandern und die Schutzzauber zu prüfen.
Es war seltsam und unlogisch, doch mittlerweile spielte es keine große Rolle mehr. Er hatte einen Entschluss gefasst. Zwar wäre es einfacher gewesen, die Ratte hier zu erledigen, aber es war zu gefährlich geworden, noch länger auf die Rückkehr der Weasleys zu warten. Irgendwann würde sein Glück zur Neige gehen. Er hätte es dennoch eher mit den beiden aufgenommen, als es in Hogwarts zu versuchen, aber darüber hinaus hatte er nicht die geringste Ahnung, wann die Weasleys zurückkehren würden. Womöglich ergab sich gar keine Gelegenheit, die Ratte hier zu stellen. Im Prinzip war es ein guter Plan gewesen, aber mit jedem Tag wurde die Entdeckungsgefahr größer und ein Erfolg unwahrscheinlicher. Abgesehen davon, es war an der Zeit, den Bannschneider einem Test zu unterziehen. Und die Schutzzauber des Weasley-Anwesens waren ein besseres Versuchsobjekt als Hogwarts selbst.
Die beiden Gestalten hatten ihre übliche Runde inzwischen beendet. Sie schienen noch kurz ein paar Worte miteinander zu wechseln, waren aber zu weit entfernt und sprachen zu leise, als dass Sirius etwas hätte verstehen können. Die beiden sahen sich ein letztes Mal um und verschwanden dann gemeinsam.
Sirius erhob sich mühsam, schlug die Kapuze zurück und schüttelte seine eingeschlafenen Beine aus. Er fühlte sich nun einigermaßen sicher. Die beiden Zauberer waren noch nie zurückgekommen, nachdem sie ihren Rundgang beendet hatten. Die Sonne war vollständig hinter dem Horizont verschwunden, und es wurde schnell dunkler. Ein seltsames Déjà-vu überkam ihn, als hätte er schon unzählige Male auf die Nacht gewartet, um … irgendetwas zu tun, an das er sich nicht erinnern konnte. So etwas passierte ihm ständig, seit er die Begegnung mit den Schatten unter dem Grimmauldplatz hinter sich gebracht hatte. Es ließ allmählich ein wenig nach, dennoch war es beunruhigend. Manchmal spukten Erinnerungen durch seinen Kopf, von denen er nicht sicher war, ob es seine eigenen waren.
Er schüttelte sein Unbehagen ab, stampfte noch einmal mit seinen Füßen auf, um das Kribbeln in seinen Beinen zu beenden, und beschwor ein Lumos. Er bewegte sich langsam auf das Haus zu. Fuchsbau. Der Name war passend und unpassend zugleich. Windschief schraubte sich das Gebäude Stockwerk um Stockwerk in die Höhe. Das Haus hätte ihm gefallen können, auch wenn er die Konstruktion etwas gewagt fand. Ohne magische Unterstützung hätte es wohl kaum gehalten, und sich bei Fragen der Statik auf Magie zu verlassen, war bestenfalls unklug.
Er steckte seinen Zauberstab weg und zog stattdessen den Bannschneider aus dem Mantel. Die Klinge war noch inaktiv, schwarz und stumpf, der ganze Dolch sah unscheinbar aus, weniger gefährlich als ein großes Küchenmesser. Er streckte ihn vor sich hin und rief den Dolch bei seinem Namen.
»Plauroch!«
Sofort verschwand das stumpfe Schwarz, und die zweischneidige Klinge schimmerte in stählernem Blau. Sie war auch jetzt nicht wirklich scharf. Einen Menschen hätte man damit kaum verletzten können, aber das war auch nicht der Zweck des Dolches. Er hielt das Heft fest in der Hand und schritt geradewegs auf das Haus zu. Fast war ihm, als könne er die um sich schlagenden Stränge der durchtrennten Zauberbanne hören, die hilflos und ohnmächtig durch die abendliche Stille peitschten, während sie an Kraft verloren und ihre Magie verging. Aber das war nur Einbildung. In Wirklichkeit hörte er nur die eigenen Schritte.
Unbehelligt von den sich vor ihm auflösenden Schutzzaubern betrat er den Hof des Fuchsbaus, ging am Hühnerstall vorbei und hielt auf die Haustür zu. Er hätte es mit einem Öffnungszauber versuchen können, aber da er Plauroch schon einmal in Händen hielt, zog er den Bannschneider über den Rahmen und einmal quer über die Tür selbst. Die Klinge war zu stumpf, um im Holz Eindrücke zu hinterlassen, doch die Tür schwang danach auf, ohne Widerstand zu leisten. Er verharrte einen Augenblick, bevor er den Kadaver aus der Tasche zog und jenseits der Schwelle fallen ließ. Die Weasleys würden sich wundern, konnten vermutlich nicht verstehen, warum jemand ihre Schutzzauber zerstört hatte, nur um ihnen eine tote Ratte in den Flur zu legen, aber Peter würde wissen, was die Stunde geschlagen hatte. Oh ja, Peter würde diese kleine Geste zu würdigen wissen – und sich vor Angst in den eigenen Exkrementen winden. Die Erwartung war das Schönste daran.
Sirius wandte sich zufrieden lächelnd ab. Die Tür ließ er offen stehen. Mit energischen Schritten ging er wieder auf den Wald zu, Plauroch noch immer fest in der Hand haltend, falls sich noch Reste von Schutzbannen auf seinem Weg befinden sollten. Unter den Bäumen steckte er den Dolch wieder weg und nahm erneut seinen Zauberstab zur Hand, aber er disapparierte nicht sofort. Er war erschöpft. Plaurochs Macht hatte ihren Preis. Er setzte sich unter einen Baum, lehnte sich an den Stamm und gönnte sich eine kleine Erholungspause. Die Müdigkeit verflog jedoch schnell. Als er sich wieder erhob, drehte er sich ein letztes Mal um und betrachtete das abenteuerliche Gebäude, das sich in den Abendhimmel wand. Ein bleicher Halbmond schien blass am Firmament, das im Westen noch in sanftem Orange nachglühte.
Er prüfte all seine Habseligkeiten, vergewisserte sich, dass er das Kästchen, den Bannschneider, den Katzenring eingesteckt und sicher verwahrt hatte, und einen Augenblick später stand er hundert Meilen weiter nordwestlich auf einem bewaldeten Hügel in der Nähe von Gloucester. Bis Schottland war es noch weit, aber er hatte auch noch eine ganze Woche Zeit. Er würde auf jeden Fall rechtzeitig vor dem Schulbeginn Hogwarts erreichen, und er hatte große Lust, die Strecke zu Fuß zurückzulegen. Nach zwölf Jahren in einer kleinen Zelle schien es nichts Großartigeres zu geben, als einfach nur laufen zu können, wohin man wollte.
Er steckte seinen Zauberstab ein, verwandelte sich und begann mit einem leichten Trab durch das Wäldchen. Es war eine reine Freude, seine Kräfte spielen zu lassen, und bald schon jagte er in gestrecktem Lauf den Hügel hinab, seinem eigenen Mondschatten hinterher. Nach Norden, immer weiter nach Norden. Der Verbotene Wald war sein nächstes Ziel.
Es tat Fred in der Seele weh, als er eine Galleone und sieben Sickel auf Fortescues Tresen abzählte. Aber wenn er schon – ausnahmsweise – einmal genug Geld hatte, um Angelina einzuladen, konnte er auch nicht knausern.
»Eure Eisbecher kommen sofort!«, sagte Fortescue und strahlte ihn an, während er die Münzen verschwinden ließ. Fred brummte missmutig und verließ den Laden wieder.
Sobald er draußen war, besserte sich seine Laune sofort wieder. Angelinas Anblick entschädigte für vieles. Das Mädchen war einfach jeden Knut wert. Er hätte jeden Tag eine Galleone für sie ausgegeben – wenn er das Geld dazu hätte auftreiben können. Er setzte sich wieder zu ihr und tat so, als würde er sie verzückt und sprachlos anhimmeln. Er musste nicht groß schauspielern. Wenn es jemand verdiente hatte, angehimmelt zu werden, dann Angelina.
Angelina schüttelte über seine gekonnte Darstellung eines verliebten Teenagers nur grinsend den Kopf und hauchte ihm einen Kussmund zu. Ein bisschen zu spöttisch für seinen Geschmack, aber Fred nahm, was er kriegen konnte.
»Oh, geliebtes Wesen mein …«, wollte er gerade seine vorbereitete Rede abspielen, aber Angelina runzelte plötzlich die Stirn und fiel ihm ins Wort.
»Ich geb' dir gleich ein ›geliebtes Wesen mein‹! Du treulose Schrumpfkarotte! Aus den Augen, aus dem Sinn, oder was? Vier Wochen in Ägypten und nicht eine einzige Postkarte!«
Fred fand, dass er das nicht verdient hatte. Vor allem die »Schrumpfkarotte« war unter der Gürtellinie! Wozu hätte es gut sein sollen, ihr eine Postkarte zu schreiben? Wozu waren Postkarten überhaupt gut? Trotzdem setzte er sicherheitshalber ein entschuldigendes Grinsen auf.
»Aber Angelina, Engelchen! Glaub mir, ich hab mich jeden Tag nach dir verzehrt! Es ist kein Tag vergangen, an dem ich nicht an dich gedacht hab'! Ich schwör's bei Merlin, wenn du willst!«
Das war nicht einmal sehr gelogen, und Fred hoffte, dass die ungewohnte Aufrichtigkeit bei seiner Freundin ankommen würde. Glücklicherweise schien sie es ihm abzukaufen, denn ihre gerunzelte Stirn glättete sich ein wenig.
»Das möchte ich dir auch geraten haben!«, sagte sie, und ihr belustigter Gesichtsausdruck ließ ihn zweifeln, ob sie ihre Beschwerde ganz ernst gemeint hatte. Das Auftauchen der zwei Eisbecher an ihrem Tisch rettete ihn jedenfalls vor weiteren Vorwürfen. Der größere war natürlich für Angelina. Er hatte sich nicht überwinden können, für sein Eis mehr als zehn Sickel auszugeben. Das lag sowieso schon über seinem üblichen Limit. Damit er nicht zu schnell fertig wurde, aß er langsam. Zum Glück gab es relativ viel zu erzählen, und Angelina gab sich die meiste Zeit mit der Rolle als Zuhörerin zufrieden.
Er glättete die Streichanekdoten etwas, da Angelina zu völlig unangebrachter Nachsicht neigte, wenn es um ihren Streberbruder ging. Auch seine leider völlig ergebnislosen Annäherungsversuche bezüglich des einen oder anderen Mädchens auf dem Kreuzfahrtschiff ließ er lieber unerwähnt. Aber es gab auch so genug zu erzählen. Gerade als er berichtete, wie er und George eine der wandelnden Restmumien auf dem Schlachtfeld von Samut aufgewickelt hatten, um zu sehen, was unter den Bandagen war – nicht mehr viel, wie sich herausgestellt hatte –, fragte sie plötzlich, wo sich eigentlich George rumtreibe.
»Hat noch was zu erledigen«, antwortete er schwammig, obwohl er eine ziemlich gute Vorstellung davon hatte, was sein Bruder gerade im Laden von Maxwell & Strangeways trieb. Er fand es nur schwachsinnig, und wenn er es Angelina erzählt hätte, wären einige Themen aufgeworfen worden, die er lieber vermeiden wollte. Ein Geburtstagsgeschenk für den Schleicher! Lächerlich! Als würden sie in Galleonen schwimmen! Das Dumme war, dass er selbst noch keine Ahnung hatte, was er für Angelina besorgen sollte, und langsam wurde es dringend. Angelina hatte schon im Oktober Geburtstag, und er hatte keinen Schimmer, was er ihr schenken sollte. Ein kleines Ablenkungsmanöver schien angebracht, und Angelinas Linke ruhte strategisch günstig neben ihrem Eisbecher. Er legte seine Hand auf ihre. Manchmal war es von Vorteil, dass er Linkshänder war. Sie konnten beide weiter ihr Eis essen und gleichzeitig bequem Händchen halten.
»Genug von Ägypten! Jetzt wird es höchste Zeit, dass du mir sagst, wie schrecklich du mich vermisst hast!«, verlangte er von ihr. Angelina reagierte erwartungsgemäß: Sie lachte ihn aus.
»Aber sicher doch, Schnuckelchen!«, verkündete sie feixend. »Ich hab' dich sehr vermisst. Ohne dich hab' ich nichts zu lachen.«
Fred warf ihr einen bösen Blick zu, der nur halb gespielt war. Hoffentlich war »Schnuckelchen« ein einmaliger Ausrutscher. Sogar »Schrumpfkarotte« wäre ihm lieber gewesen.
»Also erzähl schon!«, startete er die nächste Stufe seines Ablenkungsmanövers. »Was hast du die Ferien über getrieben? War's nicht sterbenslangweilig – so ganz ohne meine charmesprühende Wenigkeit?«
»Doch, doch«, versicherte sie ihm lächelnd. »Meistens war es todlangweilig.«
Sie begann trotzdem, von ihren Ferien zu erzählen. Fred war ziemlich zufrieden mit sich. Es interessierte ihn zwar nicht wirklich, was sie ohne ihn angestellt hatte – solange sie sich nicht einen neuen Freund angelacht hatte –, aber er konnte den aufmerksamen Zuhörer spielen. Das brachte immer Pluspunkte. Er gab die passenden Geräusche von sich, wenn sie erwartet wurden, beschränkte sich ansonsten aber darauf, Angelina zu bewundern, ohne ihren Geschichten besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Irgendwann wanderte sein Blick von ihren dunklen Augen auf die Hand, die er noch immer hielt. Seine eigene Haut war zwar fast braun, jedenfalls brauner als noch vor vier Wochen, aber trotzdem sah sie im Vergleich zu Angelinas fast weiß aus. Sogar gegen die Innenfläche ihrer Hand, die eher milchkaffeefarben als schokobraun war, wirkten seine Finger blass und bleich.
Er löffelte schnell den letzten Rest seines Eises und beugte sich dann vor, um einen klebrig-süßen Kuss von Angelinas Lippen zu stehlen. Sie ließ es sich einen Moment lang gefallen, lange genug, dass er ein leicht säuerliches Melonenaroma von ihren Lippen schmecken konnte, bevor sie ihn einigermaßen sanft wieder auf seinen Platz zurückschubste.
»Also wirklich!«, ertönte es hinter Fred. »Unzucht in aller Öffentlichkeit! Kann man dich nicht fünf Minuten alleine lassen?«
»Hallo, George!«, begrüßte Angelina seinen Bruder.
»Angelina! Engelchen! Sonnenstrahl! Ich hoffe, mein missratener Doppelgänger hat dich nicht allzu sehr belästigt?«
Fred schnaubte, während sich George einen Stuhl heranzog und sich zu ihnen setzte.
»Bisher ging's«, erwiderte Angelina und zwinkerte George zu. »Er wollte gerade mit dem Belästigen anfangen. Aber zum Glück bist du ja jetzt da.«
»Genau! Immer zur Stelle, wenn ich gebraucht werde. Pflichtbewusst, galant, Rächer der Enterbten, Held der Witwen und Waisen, nicht zu vergessen die Bescheidenheit in Person – mit einem Wort: ich!« Dabei entwand er Angelinas Hand aus Freds Griff und küsste sie.
Fred warf ihm einen warnenden Blick zu, aber George achtete nicht auf ihn.
»Spinner«, meinte Angelina daraufhin verzweifelt. »Einer schlimmer als der andere. Womit hab' ich das nur verdient?«
»Karma. Wahrscheinlich warst du in deinem letzten Leben eine böse alte Hexe, die sich an kleinen Kindern übergefressen hat«, neckte George sie. »Völlerei ist eine Todsünde!«
»Auch für eine Todsünde wär' diese Strafe zu grausam«, konterte Angelina. »Übrigens, was hast du da?«
»Oh, das?« George hielt eine große Pappröhre hoch, die er mitgebracht hatte. »Das ist dein Geburtstagsgeschenk, mein naseweises Engelchen! Keine weiteren Fragen, oder ich schenk's jemand anderem!«
Fred glaubte seinen Ohren nicht zu trauen. Offenbar war sein Bruder übergeschnappt.
»Geteilte Freude ist doppelte Freude und billiger obendrein«, sagte George und grinste ihn verschwörerisch an, aber Fred konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, was sein Bruder damit meinte.
Angelina wollte natürlich unbedingt wissen, was sich in der Röhre befand, aber George blieb standhaft – und Fred hielt sich heraus. Er war sich auch keineswegs sicher, auf welche Schnapsidee George jetzt wieder gekommen war. Schließlich sah Angelina ein, dass ihre Fragerei nichts brachte.
»Dann eben nicht«, gab sie sich geschlagen, und löffelte die letzten Eisreste aus ihrer Schale. »Habt ihr schon von der Sache mit Mr. Malfoy gehört?«, fragte sie unvermittelt, als sie den Löffel weggelegt hatte.
»Malfoy?«, fragte Fred angewidert. »Was hat der Dreckskerl jetzt wieder angestellt?«
Angelina zögerte einen Moment und warf ihm einen undeutbaren Blick zu. »De mortuis nil nisi bene.«
»Was?«, stieß George hervor, aber auch Freds »Häh?« war nicht viel intelligenter.
»Er ist vor zehn Tagen oder so gestorben. Der halbe Daily Prophet war mit Todesanzeigen und Würdigungen voll. Und ein seitenlanger Artikel über seine Verdienste und so weiter. Das Übliche eben. Die Funeralien waren letzte Woche.«
Fred konnte es kaum glauben. »Wie …?«
Und George sprach aus, was ihm ebenfalls auf der Zunge lag: »Hat das Schwein doch jemand erwischt! Sehr gut!«
»George!«, rief Angelina entsetzt.
Aber George zeigte keine Spur von Reue. »Wer auch immer das Schwein um die Ecke gebracht hat, hat 'nen Merlinorden verdient. Erster Klasse!«
Angelina schüttelte missbilligend den Kopf. Fred hielt lieber den Mund, aber sein Bruder hatte ihm aus dem Herzen gesprochen. Der miese Dreckskerl hatte es fast geschafft, ihre kleine Schwester umzubringen. Fred hätte mit Freuden auf sein Grab gepisst. Hoffentlich war es nicht zu schnell gegangen.
»Woran ist er denn gestorben?«, fragte er in möglichst neutralem Ton.
Er war wohl nicht allzu überzeugend, denn Angelina bedachte nun auch ihn mit einem bösen Blick.
»Drachenpocken«, antwortete sie kurz angebunden. »Angeblich. Das ist wenigstens die offizielle Geschichte.«
Fred konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. »Und inoffiziell?«
Angelina zuckte nur mit den Schultern. »Was weiß ich? Vielleicht haben ihn tatsächlich die Drachenpocken erwischt. Sein Vater ist auch daran gestorben. Stand jedenfalls so im Daily Prophet.«
Fred lehnte sich zufrieden zurück. Drachenpocken waren kein schöner Tod. Angelina gab ihm einen Tritt unter dem Tisch, aber er merkte es kaum. Manche Dinge waren es wert, auch wenn man die eigene Freundin damit verärgerte.
»Schon was gehört, wen wir dieses Jahr in Verteidigung kriegen?«, wechselte George taktvoll das Thema. »Lockhart wird sich ja kaum trauen, sein Gesicht noch mal in Hogwarts sehen zu lassen, oder?«
»Ich hab' noch nichts gehört«, sagte Angelina. »Aber ich hoffe sehr, dass ihr die Schule dieses Jahr ein bisschen ernster nehmt!« Sie wirkte auf Fred immer noch ein bisschen angefressen. »Ohne ein paar vernünftige OWLs steht ihr ziemlich dumm da! So unterbelichtet seid ihr doch nicht. Wenn ihr nicht so faul wärt und nicht dauernd irgendwelchen Unsinn anstellen –«
»Ach komm schon!«, murrte er dazwischen. »Musst du uns damit jetzt schon die Laune verderben? So wichtig sind die blöden Prüfungen auch nicht. Man kann auch ohne einen Sack voll OWLs was werden.«
»Fragt sich nur, was!« Und mit beinahe gemeinem Lächeln fügte sie hinzu: »Und ich bin nicht sicher, ob ich für so jemanden die richtige Freundin bin.«
Fred streckte ihr zur Antwort nur die Zunge heraus. George und er wussten schon, was sie taten. Man musste eben Prioritäten setzen. Für ihre Zukunftspläne waren vor allem Zaubertränke, Verwandlungen und Arithmantik wichtig, und da würden sie schon bestehen.
»Keine Sorge«, mischte sich nun auch George ein. »Wir kriegen unsere OWLs. Kinderspiel.«
Angelina wiegte zweifelnd ihren Kopf. Fred hatte keine Lust, sich noch mehr Ermahnungen anzuhören, und bevor sie weiter darauf herumreiten konnte, beendete er die Diskussion mit einem erneuten Themenwechsel. »Hab' ich dir überhaupt schon erzählt, dass bei uns eingebrochen wurde, während wir weg waren?«
Sie sah ihn erstaunt an. »Eingebrochen? Bei euch?«
»Unglaublich, aber wahr«, fuhr Fred fort. »Reichlich komische Sache. Und die Hohlschädel haben nicht mal was mitgenommen.«
»Als hätten wir was, das sich zu stehlen lohnt«, murmelte sein Bruder. »Müssen die dümmsten Einbrecher der Welt gewesen sein.«
»Wahrscheinlich«, meinte auch Fred. »Sie haben uns sogar was dagelassen, bevor sie wieder abgezogen sind.«
Angelina runzelte ungläubig die Stirn. »Die Einbrecher haben euch was dagelassen?«
»Eine tote Ratte«, bestätigte Fred grinsend. »Ein Riesenvieh. Lag auf der Türschwelle, als hätte sie 'ne Katze ins Haus geschleppt und da einfach liegenlassen.«
Plötzlich warf ihm seine Freundin einen sehr misstrauischen Blick zu. »Ist das euer Ernst? Oder wollt ihr mich nur auf den Arm nehmen?«
Fred tat beleidigt. »Aber Engelchen! Das würden wir doch nie wagen! Außerdem ist die Sache schon recht lästig gewesen, weil Mum und Dad unsere ganzen Schutzzauber erneuern mussten. Unsere werten Erzeuger haben ganz schön geflucht, das kannst du mir glauben!«
Und das war noch untertrieben. Vor allem ihre Mum hatte sich darüber tagelang aufgeregt. Auch Angelina schien die Geschichte ziemlich ernst zu nehmen und sah besorgt aus.
»War bestimmt nur ein dummer Streich«, beruhigte er sie. »Ist ja nichts passiert.«
Seine Freundin wirkte nicht sehr überzeugt, aber George tippte demonstrativ auf seine Armbanduhr und sagte: »Wir müssen langsam mal los.«
Fred wusste, dass sein Bruder recht hatte, das hielt ihn jedoch nicht davon ab, sich angemessen von Angelina zu verabschieden. Für einen Kuss war immer Zeit. Er ignorierte Georges bissigen Kommentar und nahm sich vor, es ihm bei nächster Gelegenheit, mit gleicher Münze heimzuzahlen. Und leider würde die nächste Gelegenheit bestimmt nicht lange auf sich warten lassen, denn übermorgen um diese Zeit würden sie bereits im Hogwarts-Express sitzen.
»Ich finde trotzdem, dass das Ministerium zu viel Aufwand betreibt«, beschwerte sich ihr Dad am Frühstückstisch. »Es wäre der reine Wahnsinn, Harry mitten in London überfallen zu wollen.«
Luna sah zu dem großen schwarzen Auror, der vor einer Stunde aus dem Kamin getreten war und sich als »Kingsley Shacklebolt« vorgestellt hatte. Der Mann nickte bedächtig, als würde er ihrem Dad zustimmen wollen, sagte aber dann: »Das Problem ist ja gerade, dass Black vermutlich wahnsinnig ist. Vielleicht lässt er sich zu einer Dummheit hinreißen, und dann haben wir ihn.«
Ihrem Dad schien der Appetit vergangen zu sein, denn er schob seinen halbvollen Teller von sich weg und lehnte sich schweigend in seinem Stuhl zurück. Offenbar war Harry ebenfalls nicht besonders hungrig, jedenfalls starrte er düster vor sich hin und knabberte lustlos an einer Toastscheibe. Luna machte sich ungerührt wieder über ihr Porridge her und beobachtete dabei die fünfte Person am Tisch, die bisher kaum etwas gesagt hatte.
Die junge Frau war seltsam. Abgesehen von den Haaren, das verstand sich von selbst. Lilafarbene Haare sah man zwar nicht jeden Tag, aber viel interessanter waren ihre Augen. Luna war sich sicher, dass sie zuerst blau gewesen waren, als sie aus dem Kamin gekommen war. Mittlerweile waren sie so strahlend grün wie Harrys. Und sie waren auch stets auf Harry gerichtet, als wollten sie sich keine Bewegung des Jungen entgehen lassen. Vermutlich war diese genaue Beobachtung nötig, wenn sie Harry kopieren wollte, aber Luna fand, dass es auch unauffälliger gegangen wäre.
Ihr Dad schlug schließlich den Quibbler auf – Kontrolllektüre, wie er es nannte –, versteckte sich dahinter und ignorierte die beiden ungebetenen Gäste. Es war unhöflich, aber er hielt ohnehin nicht viel vom Zaubereiministerium im Allgemeinen und Auroren im Speziellen. Außerdem hatte er nicht viel Schlaf gehabt, und das machte ihn immer ein bisschen unleidlich.
»Und ihr beiden, freut ihr euch schon auf die Schule?«, fragte Auror Shacklebolt plötzlich in das peinliche Schweigen hinein.
Harry brummte etwas Unverständliches in sein Toastbrot, das man nur mit einiger Phantasie als Zustimmung hätte deuten können. Luna überlegte einen Moment, ob sie etwas sagen sollte, und entschloss sich dann zu einem ehrlichen »Wie verrückt«. Sie konnte nur mit Mühe ein Kichern unterdrücken, als der kahlköpfige Mann ihr daraufhin einen zweifelnden Blick zuwarf.
Er machte eigentlich einen netten Eindruck, ganz anders, als sie sich einen Auror vorgestellt hatte. Seine Glatze glänzte tiefschwarz, und er trug einen auffälligen goldenen Ohrring. Ob der Ohrring wohl …
»Ist das ein magischer Ring, Mr. Shacklebolt?«, fragte sie ihn.
Er schien von der Frage überrascht, aber auch dankbar, dass jemand die Unterhaltung in Gang hielt. »Der hier?«, erwiderte er und fasste sich ans Ohr. »Nicht wirklich. Eher ein Andenken. Aber er ist tatsächlich aus einem magischen Schutzring gemacht, dessen Kräfte verbraucht waren.«
Luna nickte zustimmend und wandte sich wieder ihrem Porridge zu. »Bitzer macht wirklich das beste Porridge, das es überhaupt gibt. Wollen Sie wirklich nichts, Mr. Shacklebolt? Oder Sie, Miss Tonks?«, fragte sie, ganz die aufmerksame Gastgeberin. Sie amüsierte sich königlich.
»Nein danke«, erklärte der Auror zum wiederholten Male. »Sehr freundlich, Miss Lovegood, aber wir haben bereits gefrühstückt.«
Luna schenkte ihm ein breites Grinsen und begann, sich mit dem Zeigefinger ihrer freien Hand Locken in die Haare zu drehen. Am liebsten hätte sie sich vor Lachen gekugelt, aber das wäre wohl sehr unhöflich gewesen. Der Auror sah hastig von ihr weg und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf Harry.
»Sie sehen ihrem Vater wirklich außergewöhnlich ähnlich, Mr. Potter«, stolperte er blindlings ins größte Fettnäpfchen, das weit und breit zu finden war. Wenn Harrys Miene bisher nur düster gewesen war, dann wurde sie jetzt geradezu mörderisch. Er ließ seinen halbgegessenen Toast auf seinen Teller fallen, verschränkte die Arme und seine Lippen wurden zu einem schmalen Strich. Luna schaffte es gerade so, den größten Teil des Porridges in ihrem Mund hinunterzuschlucken, bevor das Lachen aus ihr herausbrach. Sie hielt sich schnell eine Serviette vor den Mund und biss darauf. Sie versuchte, so zu tun, als hätte sie sich verschluckt, aber sie bezweifelte, dass sich jemand davon täuschen ließ. Jedenfalls nicht Frau Lilahaar, die ihr mit einem gelb gewordenen Auge zublinzelte.
Der Auror räusperte sich und warf einen auffälligen Blick auf seine Uhr. »Es wird wohl langsam Zeit für uns«, verkündete er dann laut. »Wie steht es, Anwärterin Tonks?«
»Kein Problem, Sir«, meinte sie. »Wie sieht es damit aus?«
Und dann bewegte sich ihr Gesicht. Alles schien sich auf einmal zu verschieben und kantiger zu werden, das Kinn wurde kräftiger, Brauen wanderten, die Haare färbten sich schwarz und wurden kürzer und strubbeliger, die Augen wieder grün, und auf ihrer Stirn erschien eine auffällige rote Blitznarbe. Sie zog eine Brille aus der Robe, die ihr plötzlich zwei Nummern zu groß geworden schien, setzte sich das Gestell auf die Nase, und dann saßen zwei Harrys am Küchentisch.
Luna war angemessen beeindruckt. Vielleicht hätte sie es mit einer Illusion genauso gut hinbekommen, aber eine Illusion ließ sich auch leichter durchschauen als die Verwandlung eines Metamorphmagus.
»Sie sind zu dick«, wies sie hilfsbereit auf die offenkundigen Schwächen von Harrys Doppelgängerin hin. »Der echte Harry ist viel dünner. Und vielleicht auch ein bisschen kleiner?«
Die Frau zuckte mit den Schultern. »Lässt sich nicht ändern«, gab sie zu. »Irgendwo muss ich meine Körpermasse verstauen.« Dabei lächelte sie Harry entschuldigend an.
»So seh' ich aus?«, fragte Harry ungläubig und erkennbar entsetzt.
»Mhmm, so ziemlich.« Luna verglich noch einmal Harry mit der Gestaltwandlerin und stellte dann vergnügt fest: »Ein bisschen größer, ein bisschen dicker, aber ansonsten gut getroffen. Könnte dein Zwillingsbruder sein. Wenn dein Zwillingsbruder gerne in zu großen Frauenroben herumläuft, heißt das.«
»Ja, sehr gut«, mischte sich Mr. Shacklebolt hastig ein. »Dann werden wir Sie nicht länger belästigen. Anwärterin Tonks muss sich für ihre Rolle noch umziehen. Der weitere Ablauf ist klar, Mr. Lovegood? Oder sollen wir noch einmal alles durchgehen?«
»Ich habe den Ablauf sehr wohl verstanden. Ich kann nicht sagen, dass ich Ihrem Plan große Chancen einräumen würde, aber verstanden habe ich ihn. Sie ziehen mit Ihrem Lockvogel von der Winkelgasse quer durch London zum Bahnhof King's Cross und hoffen, dass sich Black zu einer unüberlegten Handlung hinreißen lässt. Was auch immer das Ergebnis dieser … Komödie sein wird, wir benutzen den Portschlüssel, um kurz vor elf direkt zum Gleis 9 ¾ zu reisen.« Ihr Dad schüttelte missbilligend den Kopf.
»Genau«, bestätigte der Auror ruhig, ohne sich anmerken zu lassen, ob er die Haltung ihres Dads überhaupt zur Kenntnis genommen hatte. »Wir haben noch zwei Mann direkt am Bahnsteig postiert, und im Hogwarts-Express wird diesmal ebenfalls eine Begleitperson sein. Nach menschlichem Ermessen kann nichts schiefgehen.«
Ihr Dad sagte darauf nichts mehr. Er brachte den Auror und die Metamorphmaga, die inzwischen wieder ihre – vermutlich – normale Gestalt angenommen hatte, zum Kamin, verabschiedete sie und kam dann wieder zu ihnen an den Frühstückstisch.
»Die Auroren müssen wirklich verzweifelt sein«, murmelte er vor sich hin, während er sich wieder auf seinen Platz setzte. »Das Ministerium kann doch nicht ernsthaft glauben, dass sich Black so einfangen lässt, oder?«
Harry schwieg dazu, und auch Luna hielt sich mit Kommentaren zurück. Ihr Dad erwartete wohl sowieso keine Antwort. Sie selbst fand den Plan gar nicht so dumm. Wenn Sirius Black wirklich verrückt war, konnte es vielleicht sogar klappen.
»Wir haben noch fast drei Stunden, bis sich der Portschlüssel aktiviert«, wechselte ihr Dad das Thema. »Habt ihr auch alles gepackt? Schulsachen, Bücher, Roben? Nichts vergessen? Du hast an deine Hogsmeade-Erlaubnis gedacht, Lunaschatz?«
»Sicher, Dad«, seufzte Luna, während Harry schon wieder ein Gesicht zog, als würde die Sonne nie wieder scheinen. Es lief aber auch wirklich nicht besonders für das arme Kerlchen. Luna schenkte ihm ihr aufmunterndstes Lächeln, aber ihre Bemühungen blieben ohne jede Wirkung. Sie konnte ihm seine Miesepetrigkeit nicht wirklich übelnehmen. Da war die Hogsmeade-Erlaubnis mit seinem Namen, auf der jedoch eine Unterschrift fehlte. Die Weasleys waren seit einer Woche wieder zu Hause, aber Harry hatte sie nicht besuchen dürfen. Es war zwar ein kleiner Lichtblick gewesen, dass Ginny und Ron am Wochenende vorbeigekommen waren und sogar im Schwarzen Turm hatten übernachten dürfen, aber Harry fühlte sich anscheinend trotzdem eingesperrt. Man konnte es ihm kaum verdenken, schließlich stimmte es. Er war hier eingesperrt. Dass sein eigener Patenonkel ihm nach dem Leben trachtete, war auch nicht unbedingt ein Grund, Freudentänze aufzuführen. Andererseits … nur die wenigsten Menschen konnten sich ihr Leben aussuchen, das wusste sie selbst am allerbesten. Mit manchen Dingen musste man sich einfach abfinden. Ihre eigene Zukunft war auch kein angenehmer Anblick gewesen, solange sie die Zukunft noch hatte sehen können. Zum Glück hatte sich wenigstens das erledigt.
»Lust auf eine Partie Schach?«, fragte sie ihn, als sie mit dem Frühstück fertig war. Er war in den letzten Wochen viel besser geworden und hatte sie sogar zweimal geschlagen, ohne dass sie ihm eine Figur vorgegeben hatte. Die Ferienlangeweile und die viele Übung hatten wahre Wunder gewirkt.
Aber Harry schüttelte den Kopf. »Ich glaub', ich geh' lieber noch mal fliegen.«
Auch damit konnte Luna leben. Ihr Dad verschwand in seinem Arbeitszimmer, Harry drehte seine Runden um den Turm und spielte mit seinem Trainingsschnatz, während sie sich in ihrem Zimmer vor den Spiegel stellte und ein paar Illusionen an sich selbst ausprobierte.
Es war gar nicht so leicht. Eigentlich hatte sie gehofft, es besser zu machen als die Gestaltwandlerin, aber diese Illusion war schwieriger als gedacht. Besonders das Gesicht machte ihr einige Schwierigkeiten. Wenn sie mit Nase und Augen einigermaßen zufrieden war, vergaß sie jedes Mal, sich Mund und Kinn richtig vorzustellen, und die Ohren waren ohnehin eine Katastrophe. Schlussendlich war alles leicht verschwommen, doch konnte man die Blitznarbe ganz deutlich sehen, und sogar Harrys Brille hatte sie ganz gut hinbekommen. Die Metamorphmaga war dafür viel zu dick und zu groß gewesen, womit sie natürlich kein Problem hatte. Aber es war trotzdem anstrengend und erforderte ihre ganze Konzentration, die Täuschung aufrechtzuerhalten, und sie verlor schnell die Lust daran.
Den Rest des Vormittags verbrachte sie damit, die Porträts und Bitzer aufzusuchen, um auf Wiedersehen zu sagen. Bitzer behauptete zwar, dass er sich freute, dass das Haus wieder leerer wurde, da er dann weniger Arbeit damit haben würde, hinter ihr und Harry herzuputzen, aber sie nannte ihn nur einen alten Griesgram und gab ihm zur Strafe einen Schmatz auf die Backe.
Als sie sich von allen angemessen verabschiedet hatte, war es auch schon fast so weit, dass sie aufbrechen mussten. Sie war richtig aufgedreht, als sie sich mit Harry, ihrem Dad und ihren Schulsachen um den Portschlüssel aufstellte. In Kürze würde sie wieder im Hogwarts-Express sitzen. So schön die Ferien auch gewesen waren, sie freute sich ehrlich auf die Schule. Endlich die anderen wiedersehen, wieder im Ravenclawturm leben, mit den Porträts und Geistern von Hogwarts ein Schwätzchen halten und Neuigkeiten austauschen – sie konnte es kaum noch erwarten, wieder in Hogwarts zu sein.
