9. You're Not Ulysses
(Ulysses – Franz Ferdinand)
Anthonys Blick suchte die Reihe der Waggons ab. Aus vielen Abteilfenstern schauten Schüler auf den Bahnsteig, aber er sah kein vertrautes Gesicht. Seine Mutter legte ihm die Hand auf die Schulter und sah ihn ernst an. »Denk daran, was ich dir gesagt habe«, schärfte sie ihm noch einmal ein.
»Ja, Mutter«, erwiderte er gereizt. Sie hatte in den letzten Tagen viel zu viel zu sagen gehabt, aber vermutlich meinte sie dieses Mal ihre Anweisungen in Bezug auf das Amulett. Es ärgerte ihn, dass sie ihm nicht mehr darüber verraten wollte. Er wusste nur, dass sie es selbst hergestellt hatte und dass es ihn vor irgendetwas schützen sollte. Es war eine filigrane, sehr komplexe Rune aus Gold. In seinem neuen Schulbuch für Alte Runen gab es nichts, was ihr auch nur entfernt ähnlich gesehen hätte. Er hatte nachgesehen. Das seltsame Zeichen war nur etwa drei Zentimeter groß, hing unauffällig unter seiner Robe, aber die Kette war trotzdem ungewohnt schwer an seinem Hals. Seine Mutter hatte reichlich kryptisch gemeint, dass es ihn vor »negativen Einflüssen« schützen würde und er solle es nie ablegen und auch nicht herumzeigen. Er hatte darauf verzichtet, auf die völlige Unmöglichkeit dieser Forderung hinzuweisen. Zumindest die anderen Drittklässler in seinem Schlafsaal würden es früher oder später bemerken.
Sie strich ihm über die Haare, und er verdrehte unwillkürlich die Augen – was sie natürlich ignorierte.
»Also pass auf dich auf, benimm dich, und vergiss nicht zu schreiben! Wir sehen uns Weihnachten!«
»Ja, Mutter, so wie immer«, leierte er ohne Begeisterung herunter zu. Sie bedachte ihn mit einem tadelnden Blick, nickte ihm dann aber zu, und er durfte endlich das Weite suchen.
Er ging den Zug entlang, warf im Vorbeigehen unauffällige Blicke in die Abteile, aber keine Spur von Simon, Terry oder Luna. Auf halber Strecke tauchte endlich Simons Gesicht kurz an einem Abteilfenster eines der letzten Waggons auf, verschwand jedoch gleich wieder. Er klemmte sich seinen Besen unter den Arm, bugsierte mühsam seine Schultruhe in den Zug und quälte sich auf der Suche nach dem richtigen Abteil durch den engen Gang. Als er schließlich fündig wurde, saßen nur Terry und Simon darin, obwohl es schon kurz vor elf sein musste.
»Hoi, Anthony!«, begrüßte ihn Terry strahlend, während Simon ihm nur zunickte. Terry half ihm, die Truhe in die Gepäckablage zu stemmen, und verkündete dann fröhlich: »Da wären wir wieder! Fehlt nur noch Luna.«
Anthony ließ sich wortlos auf einen freien Sitz fallen und schloss für einen Moment die Augen.
»Na das kann ja 'ne unterhaltsam Fahrt werden«, beschwerte sich Terry. »Hoffentlich ist wenigstens Luna besser drauf als ihr.«
Anthony öffnete die Augen nur einen Spalt. »Nerv nicht!«
Simon stand auf, sah schnell aus dem Abteilfenster und setzte sich gleich wieder. Er trommelte unruhig mit den Fingern auf der Ablage vor dem Fenster und kaute auf seiner Unterlippe.
Anthony fragte nicht. Er hatte genug eigene Probleme. Er ließ sich in seinen Sitz zurücksinken, bis er die Füße auf den gegenüberliegenden Platz legen konnte, verschränkte die Arme vor der Brust und unterzog die Decke des Abteils einer genauen Musterung. Eigentlich war er erleichtert, dass die Schule wieder anfing und er von zu Hause wegkam. Er hatte genug, übergenug, vor allem von Intrigen. Es ging nur noch darum, wer auf welcher Seite stand. Allein der Gedanke daran machte ihn wütend. Es hatte ihn seine ganze Selbstbeherrschung gekostet, keinen Streit mit seinen Eltern anzufangen. Selbstverständlich wäre es aussichtslos gewesen, aber er hatte die Nase von ihrer Geheimnistuerei so voll gehabt, dass er es beinahe trotzdem getan hätte. Er nahm es ihnen übel, dass sie ihn wie ein kleines Kind behandelten, dem man nichts Wichtiges erzählen durfte. An dem Morgen, als der Daily Prophet auf seiner Titelseite vom Tod Mr. Malfoys berichtet hatte, war dieses Ereignis mit keinem Wort erwähnt worden. Das einzige Thema am Frühstückstisch war die Entwicklung der Preise für Salamanderschuppen gewesen. Er hatte die Farce schließlich selbst beendet, war einfach aufgestanden, ohne um Erlaubnis zu fragen, und war auf sein Zimmer gegangen. Es hatte ihn nicht wirklich überrascht, dass sie nicht zu den Begräbniszeremonien eingeladen worden waren – auch wenn er darüber keineswegs unglücklich gewesen war.
»Was ist denn mit dir los?«, unterbrach Terry seine Grübeleien. »Schlecht geschlafen?«
»Das auch«, gestand Anthony mürrisch, und er musste tatsächlich gähnen. »Habt ihr schon was von Draco gesehen?«
Simon stand schon wieder am Fenster, während Terry den Kopf schüttelte. »Glaubst du, er kommt überhaupt schon? Ich mein', nachdem sein Vater gerade erst …«
»Wer weiß?«, erwiderte Anthony unbehaglich. Es wäre ihm nicht unrecht gewesen, wenn sich die unvermeidliche Begegnung mit Draco noch ein bisschen länger hinausgezögert hätte.
»Luna kommt«, meldete sich Simon vom Fenster und setzte sich wieder.
»Schon komisch«, fuhr Terry nachdenklich fort. »Die Sache mit Malfoys Vater. So kurz nach …«
»Zufall«, behauptete Anthony bitter. »Irgendwann muss jeder mal abtreten.«
Terry starrte ihn sprachlos an, aber Anthony grinste nur zynisch zurück. Die Abteiltür ging auf, und eine Truhe kam hereingeschwebt. Luna stand dahinter, rief ein fröhliches »Hi!« herein und dirigierte ihre Schultruhe mit dem Zauberstab in die Gepäckablage. Anthony zog stöhnend die Beine ein und setzte sich wieder normal hin.
Luna hüpfte praktisch auf den freigewordenen Sitz, klemmte sich ihren Zauberstab hinters Ohr, klatschte in die Hände und lächelte in die Runde, als wäre heute ihr Geburtstag und gleich würde die Torte serviert und sie dürfte die Kerzen ausblasen. Merlin! Er hätte fast laut geflucht. Natürlich hatte Luna übermorgen Geburtstag! Das hatte er völlig vergessen. Vermutlich würde er sich einiges anhören müssen. Vielleicht konnte er sich an Terrys oder Simons Geschenk beteiligen? Vorausgesetzt, sie hatten es nicht ebenfalls vergessen.
»Ist dir schlecht?«, wollte Luna von Simon wissen. Er sah tatsächlich ein bisschen blass um die Nase aus, stellte nun auch Anthony fest. Aber Simon antwortete nicht, sondern stand nur wieder auf, um kurz aus dem Fenster zu sehen und sich gleich wieder auf seinen Sitz fallen zu lassen.
»Gib dir keine Mühe!«, sagte Terry an Luna gewandt. »Der da redet nicht, und der andere ist mies drauf. Versuch's erst gar nicht, die ziehen dich nur runter.«
»Ach so?«, meinte Luna nur.
Anthony schnaubte empört. Terry hatte leicht reden. Der Junge hatte ja keine Ahnung …
Luna sprang plötzlich wieder von ihrem Sitz auf, ließ ihre Truhe wieder aus der Gepäckablage herunterschweben und wühlte darin herum.
»Komm raus!«, plapperte sie in ihre Truhe hinein. »Auslauf!«
Anthony beobachtete das Geschehen misstrauisch, aber seine Befürchtungen wurden noch übertroffen, als eines dieser verdammten grünen Bücher aus der Truhe sprang und über den Boden auf ihn zuzukrabbeln begann. Sein eigenes hatte ihn viermal gebissen, bevor er es mit einem Fesselungszauber hatte ruhigstellen können. Er gab Lunas Monsterbuch einen Tritt, als es Anstalten machte, an seinen Füßen zu knabbern. Es raschelte so heftig mit den Seiten, dass es fast wie ein Fauchen klang.
»Lass das!«, sagte Luna – allerdings nicht zu dem Buch, sondern unerhörterweise zu ihm!
»Soll ich mich einfach so von dem Ding anknabbern lassen?«
»Hab dich nicht so! Es will nur spielen!«, behauptete Luna, während sich das grüne Unheil seitwärts an Terry heranschlich. »Außerdem hat es nicht einmal Zähne, also kann gar nicht passieren.«
»Äh, Luna?«, meldete sich Terry schüchtern von der Seite.
»Braucht es auch nicht«, stellte Anthony sachlich fest. »Meines hat es jedenfalls auch ohne Zähne geschafft, mich vier Mal zu beißen, eine meiner Socken zu fressen und mein Kräuterkundebuch zu Konfetti zu verarbeiten. Ich musste ein neues bestellen!«
»Luna!«, versuchte es Terry noch einmal etwas drängender.
»Man muss es natürlich erziehen!«, erwiderte Luna unbeirrt. »Woher soll es wissen, was es darf und nicht darf, wenn man es ihm nicht beibringt?«
»Luna!«, schrie Terry in Panik auf. »Schaff mir endlich das Ding vom Hals!«
Er hatte seine Füße auf dem Nachbarsitz in Sicherheit gebracht, aber das grüne Unheil sprang unermüdlich vor ihm auf und ab und schnappte bissig.
»Also wirklich!« Luna stand auf und hob das kleine Monster auf. »Stell dich nicht so an!«, sagte sie dann auch noch zu Terry. »Es ist doch nur ein Buch!«
»Nur ein Buch!«, murrte Terry zurück. »Ein beschissenes Monster ist das! Halt mir das Ding bloß vom Leib!«
Luna tätschelte das Buch beruhigend und setzte sich wieder, behielt es aber auf dem Schoß. Glücklicherweise schien das Monsterbuch mit seiner neuen Position zufrieden. Es blätterte mit leisem Rascheln durch seine Seiten, beinahe so, als würde es zufrieden schnurren. Anthony ließ sich davon nicht täuschen.
»Seht ihr? Es ist ganz friedlich«, stellte Luna in völliger Verkennung jeglicher Realität fest. »Braves Buch …«
Anthony konnte nur den Kopf schütteln, und auch Terry, der seine Beine wieder vorsichtig auf den Boden setzte, murmelte »Friedlich? Dass ich nicht lache!« vor sich hin.
»Es wird sowieso nicht lange halten«, warf Simon plötzlich ein. »Solche Bücher haben nicht einmal die Lebenserwartung eines Goldhamsters.« Es waren die ersten Worte, die er von sich gegeben hatte, seit Anthony das Abteil betreten hatte. Sie alle sahen ihn an.
»Was?«, blaffte Simon sie an. »Ich hab's nachgeschlagen.« Aber im gleichen Augenblick ertönte ein lauter Pfiff der Lokomotive, und der Hogwarts-Express setzte sich mit einem Ruck in Bewegung.
»Also reden wir jetzt wieder?«, grinste ihn Terry an.
»Die Magie lässt jedenfalls schnell nach«, erklärte Simon, ohne auf Terry einzugehen. »Dann sind es nur noch normale Bücher. Spätestens an Weihnachten ist der Spuk vorbei.«
»Oh, schade«, seufzte Luna, während Anthony diese Information mit Genugtuung zur Kenntnis nahm. »Kann man da nichts machen?«
»Nein«, antwortete Simon, und Anthony konnte ein zufriedenes Lächeln nicht unterdrücken.
Als hätte es verstanden, worum es gegangen war, und als hätte es seine Befriedigung gespürt, sprang das Monsterbuch mit bösartigem Schnappen von Lunas Schoß, flatterte in hohem Bogen durch die Luft und verbiss sich in Anthonys Hand, die er im letzten Moment abwehrend vor sich gestreckt hatte. Als er das verdammte Mistding endlich wieder abgeschüttelt hatte, waren richtige Druckstellen an seiner Hand zurückgeblieben.
Luna verteidigte ihr Buch natürlich und behauptete immer noch, dass es nur ein bisschen »ausgelassen« wäre und »spielen« wolle, aber Terry und er bestanden gemeinsam darauf, dass sie es wieder in ihre Truhe einsperrte. Sie schmollte zwar, gab aber schließlich nach, und damit war die grüne Gefahr fürs Erste gebannt.
»Mir ist langweilig!«, verkündete George nicht ganz wahrheitsgemäß, stemmte sich mit einem Ruck aus seinem Sitz hoch und behauptete: »Ich schau' mal, was Katie und Alicia so treiben.«
»Pass auf, dass du Oliver nicht in die Arme läufst!«, gab ihm Angelina mit auf den Weg. »Er läuft Amok. Hat mir schon beim Einsteigen aufgelauert und einen ›vorläufigen Trainingsplan‹ in die Hände gedrückt.«
Lee grinste. »Ist ja auch seine letzte Chance. Wenn er's dieses Jahr nicht schafft, den Pokal zu gewinnen, dann war's das für ihn.«
Auch Fred sagte noch etwas darauf, aber da war George bereits draußen und schloss die Abteiltür hinter sich. Oliver war im Moment sein geringstes Problem. Er ging mit klopfendem Herzen den Gang hinunter und ärgerte sich darüber, dass er so aufgeregt war. Er hätte es sofort nach dem Einsteigen hinter sich bringen sollen, hatte aber befürchtet, dass es zu auffällig gewesen wäre, gleich zu verschwinden. Also hatte er eine Viertelstunde gewartet und war noch nervöser geworden. Dann hatte noch eine Viertelstunde gewartet und war viel nervöser geworden – und danach hatte er noch einmal eine halbe Stunde damit verbracht, alle fünf Minuten auf die Uhr zu schielen. Mordred! Es war aber auch nicht leicht, oder?
Im nächsten Waggon quetschte er sich an der Frau mit dem Imbisswagen vorbei und stattete dem Zugklo einen kurzen Besuch ab, als er daran vorbeikam. Anscheinend wurde nun auch noch seine Blase nervös. Er wusch sich die Hände, spritzte sich ein bisschen Wasser ins Gesicht und fuhr sich mit nassen Fingern durch die Haare. Versuchsweise lächelte er sein Spiegelbild an. Er musste sich räuspern, bevor er ein einigermaßen verständliches »Hallo« herausbrachte. Es war erbärmlich. Er war erbärmlich. Warum stellte er sich derart an?
Er verließ die Toilette mit energischen Schritten, aber je näher er dem Ende des Zuges kam, umso langsamer wurde er wieder. »Was bist du? Ein Gryffindor oder ein feiger Hufflepuff?«, murmelte er sich selbst verächtlich zu, aber es half nicht viel. Er fühlte sich immer noch wie auf dem Weg zu seiner Hinrichtung. Er begann, im Vorübergehen vorsichtige Blicke in die Abteile zu werfen. Er hatte Simons Gesicht zwar nur kurz an einem Fenster gesehen und war sich nicht sicher, ob es der letzte oder vorletzte Waggon gewesen war, aber weit konnte es jedenfalls nicht mehr sein.
Er zuckte zusammen, als sich in seinem Rücken eine Abteiltür öffnete und ihm jemand »Fred!« hinterherrief. Aber als er sich umdrehte, war es nur Oliver, der ihm nachgelaufen kam.
»Fred! Warte!«, rief Oliver noch einmal. »Oder George?«, fragte er unsicher, als er heran war, winkte jedoch ab, noch ehe George etwas sagen konnte. »Egal! Hier ist unser Trainingsplan! Zwei Exemplare für euch!«
George starrte sprachlos auf die zwei Pergamente, mit denen Oliver ihm vor der Nase herumwedelte. Er hatte Angelinas Bemerkung eigentlich für einen Witz auf Olivers Kosten gehalten, aber vermutlich hätte er es besser wissen müssen. Oliver war sein eigener Witz! Ihr Hüter und Mannschaftskapitän lief tatsächlich Amok.
»Olli«, stellte George in völlig sachlichem Tonfall fest, »du spinnst.«
Oliver schien es die Sprache zu verschlagen. Er wirkte im ersten Augenblick nicht einmal beleidigt, nur verblüfft, ehrlich überrascht – und vollkommen verständnislos.
»W-Wie meinst du das?« Und dann schien er zu begreifen, und die Zornesröte stieg ihm ins Gesicht. »Ich spinne?«, brach es plötzlich aus ihm heraus. »Ich spinne? Bin ich eigentlich der Einzige, der auch mal den Pokal gewinnen will? Glaubst du vielleicht, mir macht das Spaß? Seit vier Jahren spiel' ich dämlicher ›Spinner‹ den Hampelmann für die Mannschaft, und was ist der Dank dafür? Wenn einer von euch glaubt, er wäre der bessere Kapitän, dann trete ich sofort zurück! Dann könnte ihr mal sehen, wie es ist, wenn –«
»Schon gut, Olli«, versuchte George ihn zu beruhigen, aber Oliver hatte sich gerade in Rage geredet und schien nicht willens, die Sache so schnell auf sich beruhen zu lassen.
»Ich hab' das wirklich nicht nötig!«, behauptete Oliver und ragte dabei wenn möglich noch größer über George auf als gewöhnlich. »Ihr tut alle so, als würde ich aus Jux und Tollerei andauernd den Sklaventreiber spielen, als würde es mir Spaß machen, für euch den Hampelmann zu spielen! Aber soll ich dir was verraten, Fred? Das tut es nicht! Es macht mir keinen Spaß! Letztes Jahr hätten wir gewinnen müssen! Aber das ist Schnee von gestern, es interessiert mich nicht mehr! Soll ich dir was verraten, Fred?« Ein wütender Zeigefinger bohrte sich durch Georges Roben in seinen Brustkorb, wieder und wieder. »Hast du 'ne Ahnung, was ich in den Sommerferien gemacht hab'? Ich habe ein Probetraining bei Puddlemere gemacht, und sie wollen mich nächstes Jahr für die Ersatzmannschaft! Es wäre zwar ein schöner Abschluss gewesen, wenn wir wenigstens in meinem letzten Jahr den Pokal geholt hätten, aber ich werd' auch so meinen Weg machen! Was kümmert mich eigentlich euer dämlicher Schulpokal? Ich bin der verdammt noch mal beste Hüter, den Hogwarts seit Jahren –«
»Glückwunsch«, gelang es George endlich dazwischenzuquetschen und Olivers Finger abzufangen und ihm die Hand zu schütteln. »Puddlemere wollen dich wirklich schon nächstes Jahr nehmen? Das ist großartig, Olli!« Und George meinte das ausnahmsweise ganz ehrlich. »Wenn es jemand verdient hat, dann du!«, sagte er noch und boxte Oliver freundschaftlich auf die Schulter.
Oliver war wieder sprachlos und sein Ausbruch war ihm offenbar mit einem Mal peinlich, denn er lächelte schwach, stotterte etwas herum und sagte dann halb entschuldigend: »Na ja, anfangs werd' ich wohl nur die Ersatzbank wärmen …«
»Das ist doch normal«, meinte George und nahm ihm dabei die beiden Pergamente ab. Oliver schien es gar nicht zu bemerken. »Sie müssen dich ja erst ein paarmal spielen sehen, bevor sie dir 'nen Stammplatz in der Mannschaft geben.«
»Wahrscheinlich«, sagte Oliver etwas unsicher.
»Bestimmt«, versicherte ihm George. »Wenn sie dich erst mal in Aktion gesehen haben, lassen sie dich nie mehr weg. Du machst das schon. Ich wette, in zwei Jahren spielst du für England! Spätestens!«
Als ein zweifelndes, aber durchaus glückliches Lächeln über Olivers Gesicht zog und er hoffnungsvoll »Glaubst du wirklich?« fragte, schaffte George es nur mit äußerster Anstrengung, ernst zu bleiben. Und wie Oliver ihn aus großen Augen ansah, war wirklich … Nein! Er würde Oliver nicht süß finden! Süß war so ein Mädchenwort! Aber trotzdem hatte er mit einem Mal unheimliche Lust, Oliver zu umarmen – und vielleicht noch ein paar andere Dinge mit ihm anzustellen, die aber erst recht nicht infrage kamen.
»Aber sicher doch, Olli!«, sagte er und versuchte angestrengt, die Bilder wieder aus seinem Kopf zu bekommen. »Und keine Angst, dieses Jahr gewinnen wir den Pokal! Wir stehen alle wie ein Mann hinter dir! Oder vor dir? Jedenfalls ganz in deiner Nähe!«
Oliver runzelte die Stirn. »Willst du mich auf den Arm nehmen?«
»Aber das würde mir nie im Leben einfallen«, behauptete George mit unschuldigem Augenaufschlag. »Du bist der Chef, Olli – und, wenn ich dir das ganz im Vertrauen sagen darf …« George zögerte, aber Oliver würde es nur für Verarsche halten, also warum nicht? »… du bist unglaublich männlich und sexy, wenn du wütend bist.«
»Kannst du nicht ein Mal ernst sein?«, beschwerte sich Oliver verbittert.
George strahlte ihn an. »Aber das war doch mein Ernst, Ollilein!«, behauptete er lachend, da er sicher sein konnte, dass Oliver ihm kein Wort glauben würde. Ihr Kapitän gab ein beleidigtes »Hrmpf« von sich, drehte sich abrupt um und räumte gemeinsam mit dem Rest seiner Würde das Feld. George lachte ihm hinterher und fühlte sich besser als seit Tagen. Es war wohl das erste Mal, dass er für Olivers Quidditch-Besessenheit dankbar war. Er fühlte sich viel ruhiger, seine Hände schwitzten kaum noch, und er freute sich fast darauf, dass er Simon gleich wiedersehen würde. Er steckte die Trainingspläne ungelesen ein und machte sich schleunigst auf den Weg, damit ihn seine Selbstzweifel nicht gleich wieder einholen konnten.
Er hatte es nicht mehr weit. Nur ein halber Waggon lag zwischen ihm und seinem Ziel, was wohl ein Glück war, denn seine Nervosität war anscheinend ein geübter Langstreckenläufer und setzte zu einem unerwarteten Endspurt an, sobald er einen Moment innehielt, um einen Blick ins Abteil der Ravenclaws zu werfen. Kurzentschlossen warf er alle Bedenken über Bord, zögerte nicht länger und schob die Abteiltür auf. Er steckte seinen Kopf hinein, blickte in vier Augenpaare und zwang sich zu einem unbekümmert klingenden »Hallo!«.
Die kleine Lovegood reagierte als Erste und sagte: »Hi!« Die anderen beiden murmelten mäßig begeisterte Begrüßungen, und Simon – Simon starrte ihn an, als wäre er ein zweiköpfiges Einhorn.
George hob bedeutungsvoll die Augenbrauen und hoffte verzweifelt, dass er dabei nicht allzu sehr wie ein Trottel aussah. Schließlich überwand sich auch Simon zu einem krächzenden »Hallo«, und George schlenderte so betont unaufgeregt ins Abteil, dass er vergaß, die Tür hinter sich wieder zuzuziehen. Und dann überholten ihn seine Zweifel und Unsicherheit endgültig, liefen jubelnd über die Ziellinie und verwiesen seine »Schiebung!« rufende Selbstsicherheit auf einen kläglichen dritten Platz. Eigentlich hatte er geplant, ganz gelassen auf Simon zuzugehen, sich – ungeachtet der Zuschauer – auf dessen Schoß zu setzen, ihn – ungeachtet der Zuschauer – zu umarmen und zu küssen, und ihm dann – ungeachtet der Zuschauer – die altbekannte Frage zu stellen: »Ist das ein Zauberstab in deiner Robe, oder freust du dich so, mich zu sehen?«
In seiner Phantasie war es witzig gewesen, und er selbst war cool und selbstbewusst rübergekommen, aber im knallharten Licht der Realität war es schwachsinnige Idee, wie er sich nun eingestehen musste – ob mit oder ohne Zuschauer.
Jedenfalls machte Luna schließlich Platz für ihn, und er setzte sich neben Simon, ohne dass ihm eine auch nur ansatzweise lustige Bemerkung über die Lippen kommen wollte. Er blickte in Simons schlammgrüne Augen, in das langweilige Gesicht, sah das kurze Aufblitzen von Simons Adamsapfel, als dieser schluckte, und überlegte krampfhaft, was er jetzt sagen sollte. Als das Schweigen andauerte, verfiel er in Panik und öffnete einfach den Mund. Was herauskam, begriff er erst, als er es selbst hörte.
»Wie sieht's aus? Hast du mich sehr vermisst?«
Mordred! Unmöglich! Das konnte nicht seine Stimme gewesen sein, die diesen absolut hirnlosen, völlig verblödeten und todpeinlichen Schmalzschwachsinn dahergestammelt hatte! Er hätte sich ohrfeigen können. Nein, viel zu harmlos. Das hatte einen Tritt in die Eier verdient! Wenn er es wenigstens witzig oder ironisch gemeint hätte, aber so … und das vor Zuschauern! George hoffte verzweifelt, dass sie dieses Jahr Gedächtniszauber lernen würden.
Simon beugte sich vor und beantwortete die Frage. Ohne Worte. George wusste nicht, wie lange, aber im Moment verschwendete er keinen Gedanken an Rekorde. Er beruhigte sich ein bisschen, und als sie aufhörten, ging es ihm besser. Eigentlich ging es ihm sogar bestens. Er rückte jedoch gleich wieder ein Stück ab und brachte ein bisschen Sicherheitsabstand zwischen sich und Simon, als ihm siedend heiß einfiel, dass die Abteiltür eine Glasscheibe hatte und jeder, der draußen vorbeiging, sie hier drinnen sehen konnte. Trotzdem grinste er Simon an, beugte sich noch einmal schnell zu ihm, und ganz leise, schließlich hatte sie Zuschauer, aber er konnte sich die Gelegenheit einfach nicht entgehen lassen, flüsterte er ihm ins Ohr: »Ist das ein Zauberstab in deiner Robe, oder freust du dich so, mich zu sehen?«
»Beides?«, meinte Simon mit komischem Ernst, und George kramte verzweifelt in seinem Gedächtnis nach einem Zauberspruch, mit dem man Glas undurchsichtig machen konnte. Sein Gehirn brauchte unendlich lange Sekunden, bis ihm etwas Passendes einfiel.
»Sechs?«, fragte Anthony noch einmal empört, aber Terry bestätigte schadenfroh: »Du hast 'ne Zwei gelegt, ich hab' noch mal eine draufgelegt, und Luna hatte auch eine, also bist du mit sechs Karten dabei.«
»Ja, ja«, gab Anthony nach. »Schon gut, ich hab's kapiert!«
Er zog resigniert sechs Karten vom Stapel. Dämliches Muggelspiel! Warum hatte er sich nur überreden lassen? Ein Seitenblick beantwortete diese rhetorische Frage. Es war kein schöner Anblick, wie sich Simon und das Wiesel anschmachteten, da war jede – wirklich jede – Ablenkung willkommen. Was fand Simon nur an diesem rothaarigen –
»Du bist immer noch dran!«, erinnerte ihn Terry.
Anthony wandte seine Aufmerksamkeit wieder seinem Blatt zu und überdachte seine Möglichkeiten. »Du setzt aus«, informierte er Terry und legte eine Karte ab.
Luna sah kurz in ihre zwei letzten Karten, verkündete: »Hmm … Du auch«, legte ihre vorletzte Karte ab – »Mau, übrigens« – und richtete ihren Blick wieder auf die Szene am Fenster. Anthony fand die Faszination, mit der sie Simon und George beobachtete, fast schon ungesund, hütete sich aber, etwa zu sagen.
Terry legte einen Buben ab und wünschte sich Karo. Luna spielte ungeniert ihre letzte Karte – das Kreuzass – und meinte strahlend: »Mau-Mau!«
Es war das vierte Mal in Folge, dass sie gewann. Vielleicht war es das, vielleicht auch nur das selbstzufriedene Lächeln, mit dem sie ihn und Terry bedachte, während sie an ihrem hinters Ohr gesteckten Zauberstab herumspielte, aber vermutlich war die Tatsache, dass er selbst das Kreuzass auf der Hand hielt, der unzweideutigste Hinweis. Jedenfalls war Anthonys Misstrauen geweckt. Er warf seine Karten weg und begann wütend, den Stapel der abgelegten Karten zu durchwühlen.
»Hey!«, beschwerte sich Terry, der arme ahnungslose Tropf. »Was machst du da?«
Aber da hatte Anthony auch schon gefunden, wonach er gesucht hatte. Zwei, Zwei – und eine Drei! Eine Drei! Er nahm die Karten, zeigte sie wortlos Terry und hielt die Beweisstücke dann Luna unter die Nase.
»Eine Drei, Luna!«, empörte er sich. »Eine Drei, du miese Betrügerin!«
Sie besaß die Dreistigkeit, »Ups« zu sagen und dann loszukichern. Anthony war einen Moment lang sprachlos vor Empörung. Dass »Schuldbewusstsein« offensichtlich ein Fremdwort in Lunas Wortschatz war, damit hatten sie sich alle schon lange abfinden müssen, aber bei einem einfachen harmlosen Muggelspiel unter Freunden derart offen und unverschämt zu betrügen, das setzte selbst für Lunas Verhältnisse neue Maßstäbe an bodenloser Niederträchtigkeit.
Terry sammelte unterdessen unbeeindruckt die Karten wieder ein und mischte erneut, als wäre nichts vorgefallen.
»Keine Tricks mehr!«, verlangte Terry lediglich, als er mit dem Austeilen begann. Lunas »Versprochen« wäre überzeugender gewesen, wenn sie nicht erneut losgekichert hätte.
Anthony beschloss, dass er sich kein zweites Mal von ihr hereinlegen lassen würde, und stieg aus. Terry sagte zwar, dass er kein Spielverderber sein solle, und Luna nannte ihn einen »beleidigten Flubberwurm«, aber er kramte unbeeindruckt sein Zauberkunstbuch aus der Truhe und schlug es demonstrativ auf. Dieses Muggelspiel war ohnehin von begrenztem Unterhaltungswert gewesen.
Er versuchte eine Weile erfolglos, sich auf den dritten Band des »Kompendiums der Zaubersprüche« zu konzentrieren. Leider war das bei der schummrigen Beleuchtung in ihrem Abteil recht ermüdend, obwohl sich die Deckenlampe schon vor einiger Zeit eingeschaltet hatte. Draußen war es sehr viel dunkler, als es am späten Nachmittag eigentlich hätte sein dürfen. Der Himmel war nicht grau, sondern fast schwarz vor Wolken, und dichter Regen trommelte an das Zugfenster, und dicke Tropfen liefen in langen Fäden über die Glasscheibe. Das Wetter passte zu Anthonys Stimmung.
Wahrscheinlich sollte es ihn nicht allzu sehr wundern, dass das Wetter immer schlechter wurde, je weiter sie nach Norden kamen, aber dennoch kam es ihm wie ein schlechtes Omen vor, dass der erste Schultag mit einem Herbststurm über Schottland begann. Er überlegte, ob er sich nicht einmal auf den Weg durch den Zug machen sollte. Er hatte sowieso nach Millicent Ausschau halten wollen, aber dann fiel ihm ein, dass es nicht unwahrscheinlich war, dass sie mit Parkinson und Nott und anderen Slytherins zusammen im selben Abteil wie Draco saß, und er verwarf den Gedanken wieder. Auch wenn es sich nicht lange würde vermeiden lassen, er wollte Draco nicht jetzt schon begegnen.
Er gab endgültig den Versuch auf, dem Text des Zauberkunstbuches zu folgen, ließ aber das Buch aufgeschlagen auf seinem Schoß liegen, während er aus dem Fenster in die dämmrige Landschaft starrte. Mit einem Ohr hörte er dem einschläfernden Geräusch des Regens und dem Rumpeln des Zuges zu, mit dem anderen lauschte er dem Gespräch zwischen Simon und George. Es war bereits das dritte Mal, dass der Weasley-Zwilling in ihr Abteil geschlichen gekommen war. Das erste Mal war er nur kurz geblieben, höchstens zehn Minuten, das zweite Mal mindestens doppelt so lang, und jetzt saß George bereits über eine halbe Stunde neben Simon und erzählte von Ägypten. Wenigstens hatten sie das Herumknutschen und den geflüsterten Teil ihrer Unterhaltung bei den ersten beiden Besuchen hinter sich gebracht – Merlin sei Dank! – und redeten jetzt einigermaßen normal miteinander. Zum Teil war es sogar recht interessant, was das Wiesel da erzählte. Er lauschte unauffällig, aber aufmerksam, während George von den großen Pyramiden, von Mumien und Skeletten, knochenübersäten alten Schlachtfeldern, Riesenskarabäen und Flugsphingen berichtete. Und als er von dem Unsinn erzählte, den er und sein Bruder angestellt hatten, fiel es Anthony schwer, sich das Grinsen verkneifen. Es half, dass er immer noch ein bisschen wütend war. Auf jeden Fall waren seine eigenen Ferien im Vergleich dazu deprimierend und trostlos verlaufen, musste er sich eingestehen.
Manchmal hätte man die Weasleys fast beneiden können. Die angeblich bettelarme Unterschicht vergnügte sich auf einer Nilkreuzfahrt, durfte durch Ägypten gondeln und sich unbeschwert an den touristischen Sehenswürdigkeiten ergötzen, während er sich mit Privatlehrern, Politik, Intrigen und vor allem der höchst frustrierenden Heimlichtuerei seiner Eltern herumschlagen durfte, die es nicht einmal für nötig befanden, ihn auch nur ansatzweise in das einzuweihen, was eigentlich vor sich ging!
Während er mit leerem Blick auf die Seiten seines Zauberkunstbuches starrte, kochte er innerlich. Trotzdem war er der Erste, der es bemerkte: Der Zug wurde langsamer. Allmählich nur, aber das Rattern und Rumpeln der Räder auf den Gleisen veränderte seinen Ton. Draußen vor dem Zugfenster herrschte noch immer Halbnacht, und man konnte durch den dichten schwarzen Regenvorhang nicht viel erkennen, aber es war noch ein wenig zu früh, als dass sie schon am Bahnhof von Hogsmeade angekommen sein konnten.
Auch die anderen wurden jetzt aufmerksam und hoben die Köpfe. George erhob sich sogar von seinem Sitz und presste sein Gesicht ans Fenster. Anthony zog die Abteiltür auf und steckte seinen Kopf hinaus. Aus den anderen Abteilen auf dem Gang blickten ihm einige Gesichter entgegen, die jedoch sämtlich genauso ratlos dreinschauten wie er.
»Was ist los?«, fragte Terry. »Warum halten wir?«
Anthony drehte sich zu ihm um und zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Vielleicht ist irgendwas auf den Gleisen?«
»Ich geh dann mal besser«, meinte George. »Wir sind sowieso bald da, und die anderen werden sich langsam fragen, wo ich abgeblieben bin.«
Aber bevor er auch nur einen Schritt auf die Abteiltür zu machen konnte, hielt der Zug mit einem unerwarteten Ruck, und er taumelte und landete auf Simon. Dieser stöhnte schmerzhaft auf, und im selben Augenblick erloschen alle Lichter.
»Hey! Was soll das?«, erklang Terrys Stimme in der Dunkelheit.
Durch den ganzen Waggon hallten aufgeregte Rufe, aber noch immer keine Durchsage. Es war so dunkel, dass man nur ungefähre Umrisse ausmachen konnte. Anthony ließ seinen Zauberstab aus seinem Ärmel in die Hand gleiten, um wenigstens für etwas Licht zu sorgen, aber Luna war um eine halbe Sekunde schneller.
Ihr »Lumos!« kam als Erstes, aber seines fast gleichzeitig. Das vereinte Licht ihrer zwei Sprüche war heller, als es die Abteilbeleuchtung gewesen war. George rappelte sich von Simons Schoß hoch.
»Alles okay?«, fragte das Wiesel.
Simons Gesicht war zu einer Grimasse verzogen, und er hielt sich den Bauch. »Nichts passiert«, meinte er keuchend. »Aber viel tiefer hättest du nicht zielen dürfen, sonst hättest du die Hoffnung aufgeben müssen, einmal die Mutter meiner Kinder zu werden.«
»Vollidiot!«, sagte George darauf und gab Simon eine Kopfnuss, die für Anthonys Geschmack noch viel zu sanft ausfiel.
»Was jetzt?«, unterbrach Terry diesen peinlichen Auftritt. »Sollten wir nicht mal nach vorne schauen.«
»Wir sitzen ziemlich weit hinten«, wandte Luna zu Recht ein. »Bis wir bei der Lok vorne sind, haben bestimmt schon hundert Leute die gleiche Idee gehabt.«
»Richtig«, stimmte Anthony ihr zu. »Warten wir einfach ab. Irgendwann wird schon eine Durchsage kommen.«
Terry stand trotzdem auf, aber er schob nur die verrutschten Truhen über ihren Köpfen wieder ordentlich in die Gepäckablage zurück.
Vom Gang und den Nachbarabteilen her waren noch immer aufgeregte Stimmen zu hören, aber der Aufruhr ebbte bereits wieder ab. Anthony nahm seelenruhig sein Buch wieder zur Hand, Terry setzte sich ebenfalls wieder und mischte erneut die Karten. George meinte, er müsse jetzt aber wirklich los und wieder in sein eigenes Abteil. Er hatte seine Hand zum Griff der Schiebtür ausgestreckt, als diese sich plötzlich von selbst öffnete. Im selben Moment schien jedes Geräusch im Zug zu verstummen, und eine tödliche Stille legte sich wie ein Mantel über ihr Abteil.
Anthony fühlte eine unheimliche Kälte in sich aufsteigen; wie ein eisiger Wintermorgen ließ sie ihn zittern, und mit einem Mal kondensierte sein Atem in der Luft, während es gleichzeitig in seiner Brust zu brennen begann. Der Weasley-Zwilling wich rückwärts ins Abteil zurück und gab den Blick auf den Eingang frei.
In der Tür stand eine große Gestalt. Sie war im Schein der zwei Lumos deutlich zu erkennen, trotzdem blieb ihr Gesicht unter einer grauen Kapuze verborgen, als hätte einfaches Licht nicht genug Kraft, um in den Schatten darunter einzudringen. Lunas Lumos wurde unstet und blass und begann zu flackern, aber Anthonys Licht schien weiterhin hell genug. Die Gestalt trug eine lange, dunkelgraue, fast schwarze Robe, die sie komplett einhüllte. Anthony war von seinem Sitz an der Tür aufgesprungen und wich nun ebenfalls weiter ins Abteil zurück. Er hatte zwar von Dementoren gehört, war aber noch nie einem von Angesicht zu Angesicht gegenübergestanden.
Die Kälte im Abteil schien sich noch zu steigern und sich ungehindert durch seine Robe hindurch in seine Haut zu beißen. Terry und Luna starrten mit bleichen, verzerrten Mienen, aber leeren Augen auf das dunkle Wesen in der Tür, George und Simon standen hinter ihm, so dass er ihre Reaktionen nicht sehen konnte. Etwas brannte wie verrückt in seiner Brust. Und auf seiner Brust. Das Amulett! Es glühte, und ein blasser Schimmer drang sogar durch den Stoff seiner Roben hindurch.
Anthony hörte hinter sich ein gurgelndes Geräusch, aber er hätte nicht sagen können, ob es von Simon oder George gekommen war. Jemand trat neben ihn und zischte »Was ist das?« in sein Ohr.
Simon. Also hatte wohl George gegurgelt. »Ein Dementor!«, raunte Anthony zurück und überlegte, ob er das Amulett aus der Robe ziehen sollte. Anscheinend bot es einen gewissen Schutz gegen die Kräfte des Dementors, denn er fühlte – abgesehen von der Eiseskälte – keine negativen Auswirkungen des Kontakts. Vielleicht würde der Anblick der Schutzrune dieses Ding sogar vertreiben?
Aber bevor er die Kette um seinen Hals fand und das Amulett hervorholen konnte, verschwand der Dementor wieder. Und die Welt um sie herum erwachte wieder zum Leben.
Schreie erklangen im Zug, und Türen knallten. Leute liefen auf dem Gang und auch an ihrem Abteil vorbei. Luna saß noch immer bewegungslos auf ihrem Platz. Ein paar einzelne Tränen liefen ihr die Wangen hinab.
»Mir ist … gar nicht gut«, würgte Terry hervor, und er war tatsächlich leichenblass. Anthony beeilte sich, ihm den Weg freizumachen, als er ans Fenster stürzte, es aufzog und sich in den Sturm hinaus übergab. George sah aus, als hätte er sich am liebsten danebengestellt und mitgekotzt, aber stattdessen klopfte er Terry beruhigend auf den Rücken. Anthony beschloss, es Simon und dem Wiesel zu überlassen, sich um Terry zu kümmern, und wandte sich Luna zu.
»Luna?«, fragte er vorsichtig und kniete sich vor sie. »Alles in Ordnung, Luna?«
Sie sah ihn aus immer noch leeren Augen an und legte den Kopf schief. Aber sie lächelte dabei nicht. Anthony war plötzlich ernsthaft beunruhigt.
»Luna?«, fragte er noch einmal. »Ist alles klar bei dir? Der Dementor ist weg.«
Sie starrte weiterhin durch ihn hindurch, als wäre er gar nicht da. Er überlegte, ob er sie vielleicht auch auf den Rücken klopfen sollte. Er streckte gerade seine Hand aus, um ihr vorsichtig die Schulter zu tätscheln, als sie plötzlich aus ihrem Stupor aufzuwachen schien.
»Anthony?« Sie sah ihn an, als ob sie ihn gerade erst erkannt hätte. Dann hob sie ihre Finger an die Wangen und fuhr sich durch die Tränenspuren.
»Hab' ich geweint?«, wollte sie verwundert wissen.
»Ein bisschen«, bestätigte Anthony erleichtert und reichte ihr sein Taschentuch.
»Das war …« Sie schüttelte sich. »Das war also ein Dementor«, fuhr sie nachdenklich fort. Sie starrte einen Moment ratlos auf das Taschentuch, aber dann wischte sie sich doch die Tränen aus dem Gesicht.
»Seltsam.« Sie lehnte sich mit gerunzelter Stirn in ihren Sitz zurück. »Hmm … Neu, aber ich bin nicht sicher, ob ich Dementoren mag.«
Anthony schüttelte darüber den Kopf, aber er war auch beruhigt. Das hatte sich schon fast nach dem üblichen Lunawahnsinn angehört, auch wenn sie dabei nicht gelächelt hatte. Offenbar bekam sie sich wieder in den Griff.
Ein Dementor! Erst jetzt begriff er, was sie gerade erlebt hatten. Was sollte das jetzt wieder? Was hatte ein Dementor in einem Zug voller Schulkinder zu suchen? Er versuchte, sich daran zu erinnern, was er über Dementoren wusste. Mr. Toke, sein Verteidigungslehrer, hatte Dementoren recht ausführlich behandelt, und damals hatte sich Anthony noch darüber gewundert. Jetzt war er ziemlich sicher, dass er das seinen Eltern zu verdanken hatte. Zumindest seine Mutter musste gewusst haben, dass er möglicherweise einem Dementor begegnen würde, oder? Immerhin hatte sein Amulett ziemlich heftig auf das Wesen reagiert, und er glaubte nicht, dass das ein Zufall war. Dementoren … die Wächter von Azkaban. Sie ließen sich mit dem Patronus-Zauber vertreiben, aber Anthony hatte den Spruch noch nie geschafft. Mr. Toke hatte nur gesagt, dass das keine Schande sei und er nur fleißig weiterüben solle. Es gebe genug Zauberer und Hexen, die es nie zu einem Patronus brächten. Dementoren … Da war noch was gewesen.
»Schokolade«, fiel ihm endlich wieder ein, und als hätte er ein Zauberwort gesagt, stieß die ferne Lokomotive einen Pfiff aus, und der Zug setzte sich mit einem sanften Ruck wieder in Bewegung.
Simon und George verfrachteten einen immer noch ziemlich blassen Terry, dem inzwischen das Regenwasser aus den Haaren tropfte, auf seinen Sitz zurück und schlossen das Fenster wieder. Anthony suchte unterdessen in seiner Robe nach dem letzten Schokofrosch, den er noch übrig behalten hatte.
»Schokolade hilft gegen Dementorenschocks«, erklärte er schnell Simon. »Hast du noch welche?«
Während Simon seine Schultruhe aus der Gepäckablage zog und darin umständlich zu kramen begann, gab Anthony seinen Schokofrosch an Luna. Terry hätte es zwar nötiger gehabt – zumindest sah er so aus –, aber erstens war Luna ein Mädchen, und zweitens ließ Terry seine Schokofrösche immer entkommen, und im Moment war ihm wohl nicht nach einer lustigen Schokofroschjagd.
Als Simon eine Tafel Muggelschokolade aus den Untiefen seiner Truhe hervorzauberte, nahm sich Anthony ebenfalls ein Stück, obwohl er sich eigentlich völlig normal fühlte.
Terry bekam langsam wieder etwas Farbe im Gesicht, während er Schokolade lutschte. Auch der Weasley-Zwilling sah nach einem Stückchen Schokolade nicht mehr ganz wie ein rothaariges Häufchen Elend aus, meinte etwas zögerlich, dass er jetzt wirklich in sein eigenes Abteil zurückmüsse, und diesmal schaffte er es – in seinem inzwischen dritten Anlauf – tatsächlich aus der Tür.
Als sie wenig später im Bahnhof von Hogsmeade einfuhren, war Terry beinahe wieder der Alte, Luna ihr übliches verworrenes Selbst und Anthony leicht genervt, da er sich Simon über alles ausquetschen lassen musste, was Mr. Toke jemals über Dementoren erzählt hatte.
Terry starrte zur Decke der großen Halle. Es regnete noch immer aus großen schwarzen Wolken, die in der hereinbrechenden Nacht kaum mehr auszumachen waren. Die unzähligen Kerzen, die über den Tischen schwebten, halfen dabei natürlich nicht, aber Terry begrüßte ihr blendend sanftes Leuchten. Er versuchte zwar, sich vor den anderen nichts anmerken zu lassen, aber die Begegnung mit dem Dementor saß ihm immer noch in den Knochen. Noch nie hatte er sich so ängstlich, einsam und verlassen gefühlt. Selbst an dem Tag, an dem sich seine Eltern getrennt hatten und er hilflos danebenstehen und zusehen musste, hatte er sich nicht halb so elend und verzweifelt, so einsam und allein gefühlt. Die wenigen Augenblicke mit dem Dementor waren ihm wie die längsten und schrecklichsten Stunden seines Lebens vorgekommen. Er hatte kaum noch Luft bekommen und eine Weile sogar gedacht, dass es das Beste wäre, gleich zu sterben, als noch lange so weiterzuleben. Es war das unangenehmste, beschissenste und grausamste Gefühl gewesen, das er bisher in seinem Leben gehabt hatte.
Und dann, als hätte das alles nicht gereicht, hatte er auch noch Kopfweh bekommen, und ihm war so schlecht geworden, dass er sich hatte übergeben müssen, sobald der Dementor wieder weg gewesen war. Die Schokolade hatte ein bisschen geholfen, aber am Schultor hatten wieder Dementoren gewartet. Sie waren in der Kutsche an ihnen vorbeigefahren, und es war nicht so schlimm wie im Zug gewesen, aber Terry hatte es gereicht. Er wollte nie wieder ein dieser verhüllten Kapuzengestalten sehen. Das musste der schlimmste erste Schultag sein, den irgendjemand jemals erlebte hatte – und am liebsten hätte er den ganzen Tag in die Tonne getreten und vergessen.
»Wieso fragst du überhaupt, wenn du mir doch nichts glaubst«, murrte gerade Anthony neben ihm Simon an.
»Es ist trotzdem Unsinn!«, behauptete Simon stur. »Dass sie sich von Magie ernähren, kann ja noch angehen, aber dass sie auch von den ›guten Gefühlen‹ und den ›glücklichen Erinnerungen‹ ihrer Opfer leben sollen, ist …« Simon suchte offenbar nach Worten, begnügte sich aber dann doch mit einem »… idiotisch«.
Terry schnaubte nur. Er hielt es für überaus plausibel, dass die Dementoren sich von den Glücksgefühlen anderer ernährten. Jedenfalls hatte er sich noch nie weniger glücklich gefühlt als während der kurzen Zeit in Gegenwart eines dieser Monster.
»Gefühle sind nur … was weiß ich?«, fuhr Simon unbeeindruckt fort, »Neurotransmitter, Endorphine, neurale Erregungsmuster, Hormone und so Zeug! Jedenfalls haben sie einfach nicht genug Energie, um sich von ihnen zu ernähren, selbst wenn man sie irgendwie aus jemandem heraussaugen könnte, was sowieso nicht geht!«
»Und wie erklärt sich unser Mr. Neunmalklug dann gewisse, nicht ganz vernachlässigbare Reaktionen …« Anthony warf nun ihm einen bedeutungsvollen Seitenblick zu, was Terry ihm ziemlich krummnahm. Er wollte mit der ganzen Sache nichts zu tun haben und nur noch vergessen, dass so etwas wie Dementoren existierten. Zumindest für heute! War das zu viel verlangt?
»Eine Nebenwirkung?«, meinte Simon mit einem Achselzucken und ziemlich mitleidslos, wie Terry fand. »Ich sage ja nicht, dass Dementoren gar keinen Einfluss auf die Psyche und die Wahrnehmung haben. Es sind magische Wesen, und mir war auch ziemlich kalt. Aber das man sich schlecht fühlt, kann eigentlich nur eine Nebenwirkung sein! Vielleicht saugen sie ja tatsächlich Magie von ihren Opfern ab, und man fühlt sich dadurch mies, wenn man auf so etwas empfindlich reagiert? So, wie einem beim Blutspenden schwindelig werden kann. Eines ist jedenfalls sicher: Emotionen haben null Nährwert! Da ist einfach nicht genug Energieinhalt, als das irgendwas von der Größe eines Dementors davon leben könnte.«
Anthony schien zwar noch ein paar Gegenargumente auf Lager zu haben, aber Terry wollte nicht mehr an Dementoren denken und war deshalb froh, dass in diesem Augenblick die Türen aufschwangen und die neuen Erstklässler die Große Halle betraten. Angeführt wurden sie jedoch nicht von Professor McGonagall, sondern von Flitwick, der nicht größer als die meisten der hinter ihm hertippelnden Schüler war.
Für Terry stellte der Beginn der Hauswahl eine willkommene Ablenkung dar. Sie saßen als Drittklässler nun fast in der Mitte des langen Ravenclawtisches und hatten einen guten Blick auf die Prozession der Erstklässler. Flitwick hatte schon den Lehrertisch erreicht, als die letzten durch die Tore der Großen Halle traten. Terry versuchte, ihre Anzahl zu schätzen, aber das war gar nicht so einfach.
»Wie viele sind das?«, fragte er erstaunt, als die Prozession gar kein Ende zu nehmen schien.
»Hundert mindestens«, vermutete Anthony und auch Simon meinte, dass hundert ungefähr hinkommen könnte.
Vor dem Lehrertisch wurde es ziemlich voll. Blasse Kindergesichter starrten unter ihren schwarzen Spitzhüten auf die Haustische. Terry kamen sie klein und verloren vor, wie sie sich da vor dem hohen Lehrertisch zusammendrängten. Die neuen Erstklässler hatten bestimmt auch nicht damit gerechnet, dass sie gleich am ersten Tag Dementoren begegnen würden. Auf eine absurde Weise fühlte er sich bei diesem Gedanken besser. Geteiltes Leid war halbes Leid, oder?
»Geht es dir gut?«, flüsterte ihm plötzlich Lisa von der Seite her ins Ohr.
»Sicher«, tat Terry ahnungslos. »Warum sollte es mir nicht gutgehen?«
Lisa sah ihn einen Moment mitleidig an und meinte dann: »Mach dir nichts draus. Ich hatte solche Angst, ich hätte mich auch fast übergeben. Und Harry Potter ist angeblich sogar ohnmächtig geworden.«
Terry stöhnte innerlich auf. Dass Harry Potter ohnmächtig geworden war, stellte kein großes Geheimnis dar. Spätestens als McGonagall ihn in der Eingangshalle abgefangen und mit sich fortgeschleppt hatte – wahrscheinlich in den Krankenflügel –, war jedem klar gewesen, dass etwas vorgefallen sein musste, und es hatte nur Minuten gedauert, bis Terry von Wayne Hopkins die Geschichte in allen Einzelheiten erzählt bekommen hatte. Aber er hatte gehofft, dass seine eigene peinliche Reaktion auf den Dementor nicht so schnell die Runde machen würde. Irgendjemand hatte geredet – sein erster Verdacht fiel auf Luna, die ihm auffallend unschuldig zulächelte – und nun wusste anscheinend die ganze Schule, dass er sich die Seele aus dem Leib gekotzt hatte. Das fehlte ihm noch zu seinem Glück.
Lisa hatte es bestimmt gut gemeint – und vielleicht hatte es sogar Luna gut gemeint –, aber selbst wenn sich Harry Potter vor Angst in die Hosen gemacht hätte, wäre ihm das kein großer Trost gewesen. Er ignorierte Lisas penetrant verständnisvolle Blicke und sah wieder nach vorne zum Lehrertisch, wo Professor Flitwick gerade den Sprechenden Hut auf seinen Stuhl legte. Als er wieder zurücktrat, räusperte sich der Hut laut und stimmte dann einen tiefen Singsang an:
Als Sprechender Hut bin ich bekannt
Bei Jung und Alt im Zaubererland.
Geflickt und schäbig bin ich zwar,
Verschroben, vielleicht sonderbar sogar,
Doch müde bin ich noch lange nicht,
Ich sing' euch mein Lied und tu dann meine Pflicht!
Mit Schrecken hat das Jahr begonnen,
Doch schaut nicht allzu mitgenommen,
Denn nach den ärgsten Widrigkeiten,
Folgen gewiss wieder bessere Zeiten.
'nen kleinen Trost kann ich euch bieten:
In meiner Lotterie gibt's keine Nieten!
So setzt mich hurtig auf den Kopf!
Nur zu! Packt euer Glück beim Schopf!
Ich wähle weise und weiß, was ich tue,
Befolgt meinen Rat, behaltet die Ruhe,
Ich teile ich euch schon richtig zu.
Streitet nicht, dann geht's im Nu!
Langen Sanges, kurzer Sinn:
Ich wähl' für euch, und ihr geht hin!
Für jeden findet sich ein Haus,
Ich suche stets das beste aus.
Damit ihr meine Wahl versteht,
Dies sind die Häuser, um die es geht:
In Ravenclaws Reihen wird Weisheit geschätzt,
Auch wenn Rabenschläue gar manchen vergrätzt.
Mit Adlersaugen schweift ihr Blick über die Welt
Und findet meist vieles, das ihnen missfällt.
Wissen ist wichtig, doch ist es auch klug,
Eines zu wissen: Man weiß nie genug!
Wer hoch hinaus will, soll Slytherin nicht meiden!
Du kannst etwas werden! Warum dich bescheiden?
Die Schlangengrube ist warm, voll Leben und Pracht,
Manch schlaue Schlange hat es schon weit gebracht.
Doch ohne Freunde hast du hier nichts zu lachen.
Vergiss also nicht, dir auch welche zu machen!
Gryffindor heißt Tapferkeit, und das mit edlem Sinn!
Wer im Herzen ein Löwe ist, den schick' ich dort hin!
Sie brüllen, sie glänzen, sind stolz, doch gerecht,
Sind aufrecht, doch wild, und ihr Mut ist stets echt.
Aber dies, meine Löwen, glaubt einem alten Hut:
Gefahr ist gefährlich, und Übermut tut selten gut!
Hufflepuffs Farben leuchten wie das Bienenkleid.
Der Dachsbau ist emsig und kennt keinen Neid.
Jedoch kostbarer noch als Ausdauer oder Fleiß
Ist die Treue der Dachse – sie ist der wahre Preis!
In tiefsten Tunneln wohnt oft das größte Glück.
Sucht Zufriedenheit dort, und seht nicht zurück!
Genug gesungen für dieses Jahr!
Es ist nun so, wie's immer war:
Ich warte hier auf eure Köpfe,
Färb' euch die Haare, flecht' euch Zöpfe.
(Nur keine Angst, war bloß ein Scherz,
Ich hab' ja sonst nicht viel zu lachen.)
Kommt jetzt herbei, fasst euch ein Herz,
Und lasst mich meine Arbeit machen!
Der Gesang des Sprechenden Hutes war noch länger als letztes Jahr gewesen, und Terry hatte zwischendurch ein Gähnen nicht unterdrücken können. Der Beifall war verhalten und klang eher nach Erleichterung, dass das Lied endlich zu Ende war, als nach stürmischer Begeisterung. Noch immer war Professor McGonagall nicht erschienen, und statt ihrer hielt nun Flitwick eine Pergamentrolle in Händen und trat damit vor die neuen Schüler.
»Aldrich, Lynette!«, rief ihr Hauslehrer die erste Neue auf, als die letzten vereinzelten Klatscher verklungen waren. Ein kleines Mädchen mit langen blonden Haaren unter dem schwarzen Spitzhut trat zögernd vor, ging zum Stuhl und setzte sich zaghaft den Sprechenden Hut auf den Kopf. Terry fand, dass sie Luna ein bisschen ähnlich sah, aber ein lautes »GRYFFINDOR!« erscholl, sobald ihr der Hut über die Augen gerutscht war.
Während am Gryffindortisch applaudiert wurde, beugte sich Simon vor und flüsterte: »Mal ganz unabhängig davon, wie sich Dementoren ernähren – was haben sie hier zu suchen?«
»Sie sind die Wächter von Azkaban!«, erwiderte Anthony und klang dabei ziemlich ungeduldig. »Was werden sie wohl hier suchen? Kleiner Tipp: Einen entflohenen Gefangenen vielleicht?«
»Aber warum sollte Sirius Black ausgerechnet nach Hogwarts kommen?«
Am Tisch der Slytherins wurde heftig geklatscht, als sie ihren ersten Neuzugang begrüßten.
»Wegen Harry?«, warf Luna ein, als der Applaus wieder nachließ. »Harry ist hier, und das Ministerium glaubt, dass Black hinter ihm her ist, also …«
Simon musterte sie ausdruckslos. »Das ist idiotisch.«
»Black ist ein Gryffindor«, gab Anthony zu bedenken.
»Aber doch keine elf mehr«, lehnte Simon dieses Argument kategorisch ab, während erneut Beifall von Slytherintisch kam.
»Aber wenn er wirklich übergeschnappt ist …«, mischte sich nun auch Terry ein. »Zwölf Jahre mit Dementoren eingesperrt …« Ihn schauderte beim bloßen Gedanken daran. Die kurze Begegnung im Zug hatte ihm für ein ganzes Leben gereicht. Es war unvorstellbar, dass jemand so etwas einen ganzen Tag, geschweige denn zwölf Jahre aushalten sollte, ohne Selbstmord zu begehen oder tatsächlich komplett den Verstand zu verlieren.
»Richtig«, stimmte Anthony ihm zu, und wie um Terry Argument zusätzliches Gewicht zu verleihen, brach ihr eigener Tisch in Beifall aus. »Man kann jemanden wie Sirius Black nicht mit normalen Maßstäben messen. Die Blacks waren noch nie für gesunden Menschenverstand und übermäßige Rationalität berühmt. Eine Ururgroßmutter von mir hat einen Black geheiratet, und angeblich hat er sie noch an ihrem Hochzeitstag –«
»Ruhe!«, zischte jemand hinter Terry in ihre Diskussion hinein.
Er drehte sich um und sah eine Fünftklässlerin, deren Namen er nicht kannte, auf deren Robe jedoch deutlich sichtbar ein Vertrauensschülerabzeichen glänzte. In Terrys Augen stellte sie zumindest in äußerlicher Hinsicht einen Rückschritt dar. Auch Clearwater war keine umwerfende Schönheit gewesen, aber dieses Mädchen hatte einen schwarzen Bürstenhaarschnitt, einen schiefen Mund und einen Befehlston, der mit dem einen hingekeiften Wort alles in den Schatten stellte, was Clearwater je zustande gebracht hatte.
»Während der Hauswahl wird nicht gequatscht! Schon gar nicht, wenn Professor Flitwicks sie leitet. Wenn ich noch ein Wort von euch Affen höre, hexe ich euch die Fressluken zu! Dann könnt ihr uns nachher beim Essen zuschauen!«
Luna kicherte, während Simon mit selbstmörderischer Gelassenheit meinte: »Das ist keine sonderlich kreative Drohung.«
Die Vertrauensschülerin beugte sich über den Tisch und hielt ihm ihren Zauberstab unter die Nase. »Aber eine, die ich wahrmachen kann und werde, falls du nicht augenblicklich die Klappe hältst, Grey!«
Anscheinend war Simons Todeswunsch doch nicht so dringend, jedenfalls presste er die Lippen aufeinander und sagte nicht mehr darauf. Terry bezweifelte nicht, dass dieses Mädchen ihre Drohung tatsächlich wahrgemacht hätte. Er sah ihr hinterher, während sie weiter den Tisch hinunter stürmte und bei den Viertklässlern anhielt – wahrscheinlich, um ihnen eine ähnliche Standpauke zu halten.
Die Hauswahl zog sich hin. Terry musste erneut gähnen, als »Cattermole, Lewis« aufgerufen wurde – »HUFFLEPUFF!«. Die Herde der Erstklässler vor dem Lehrertisch schien in der ganzen Zeit kaum geschrumpft zu sein. Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und klatschte nur automatisch mit, wenn es der restliche Tisch auch tat. Er war eindeutig zu erledigt und müde, um der Hauswahl viel Aufmerksamkeit zu schenken. Außerdem bekam er langsam Hunger. Die Schokolade hatte zwar ein bisschen geholfen, aber hinten in der Kehle brannte es noch immer etwas, und ein saurer Geschmack hielt sich irgendwo ganz hartnäckig. Er hatte sich nicht einmal die Zähne putzen können, obwohl ihm damit auch nur halb geholfen gewesen wäre, denn mindestens genauso viel Erbrochenes hatte sich durch seine Nase in den Sturm hinaus verabschiedet. Jedenfalls war es ihm so vorgekommen, und er hoffte nur, dass es niemand riechen konnte.
Bei »Ogden, Samuel« – »SLYTHERIN!« – knurrte sein Magen protestierend auf, aber ein Ende der Langeweile und der Beginn des Festessens waren noch lange nicht in Sicht. Gerade einmal die Hälfte der Erstklässler hatten ihren Platz an den Haustischen eingenommen. Sein Magen begann damit, sich alle paar Schüler zu melden, und Terry verfolgte ungeduldig, wie sich die Reihen der Neuen mit quälender Langsamkeit lichteten.
Als gerade »Plunkett, Floyd« unter dem Hut saß – und da saß er schon eine ganze Weile –, setzte kurz ein Raunen an den Haustischen ein. Einige zeigten mit dem Finger, sonst hätte Terry den Grund für die Aufregung wohl gar nicht bemerkt. Harry Potter schlich sich so unauffällig, wie es eben möglich war, wenn alle einen anstarrten, auf seinen Platz am Gryffindortisch, und Professor McGonagall ging an der Seite der Halle entlang zum Lehrertisch, wo sie sich zwischen Hagrid und den neuen Lehrer setzte. Sie machte keine Anstalten, Flitwicks Stelle einzunehmen, selbst als der Sprechende Hut endlich »HUFFLEPUFF!« rief. Flitwick fuhr fort, die Schülerliste abzuarbeiten.
Es ging im Schneckentempo weiter, auch wenn der Hut mit den nächsten beiden Erstklässlern kurzen Prozess machte und beide sofort nach »GRYFFINDOR!« steckte. Jedenfalls kam es Terry wie eine Ewigkeit vor, bis Flitwick endlich beim letzten Schüler – »Zoraster, Marco!« – angekommen war. Als der Hut »RAVENCLAW!« verkündete, war es weniger die Freude über ein neues Mitglied ihres Hauses, als vielmehr die Erleichterung über das ersehnte Ende der Hauswahlzeremonie, die ihn mit neuer Begeisterung mitklatschen ließ. Er hörte schlagartig auf, als sich Dumbledore von seinem Sitz erhob. Hoffentlich wollte ihr Direktor jetzt keine lange Rede halten.
»Willkommen! Willkommen zu einem weiteren Jahr in Hogwarts! Ich habe euch allen ein paar Dinge mitzuteilen, und da eines davon sehr ernst ist, halte ich es für das Beste, wenn wir die Sache hinter uns bringen, solange ihr noch nicht zu sehr mit dem Verdauen unseres vorzüglichen Festbanketts beschäftigt seid.«
Dumbledore räusperte sich, bevor er weitersprach, und Terry hoffte inständig, dass sich ihr Direktor kurzfassen würde.
»Wie ihr alle nach der Durchsuchung des Hogwarts-Expresses längst mitbekommen haben werdet, beherbergt unsere Schule derzeit einige Dementoren von Azkaban, die in Angelegenheiten des Zaubereiministeriums hier sind.«
Er machte wieder eine kleine Kunstpause und sah dabei in etwa so glücklich aus, wie Terry sich fühlte. Aber wenn dem so war, warum hatte der Direktor es dann überhaupt erlaubt, dass sich Dementoren in der Schule aufhalten durften?
»Sie stehen an jedem Eingang zum Schulgelände Wache«, fuhr Dumbledore schließlich fort, »und ich möchte keinen Zweifel daran lassen, dass niemand die Schule ohne Erlaubnis verlassen darf, solange sie bei uns sind. Dementoren lassen sich von Tricks oder Verkleidungen nicht täuschen – nicht einmal von Tarnumhängen –, und ihr werdet euch jeden derartigen Versuch aus dem Kopf schlagen! Es liegt nicht in der Natur eines Dementors, Argumenten, Bitten oder Ausreden Gehör zu schenken, deshalb warne ich jeden Einzelnen von euch eindringlich, den Dementoren einen Grund zu geben, euch ein Leid zuzufügen. Ich erwarte von den Vertrauensschülern und unseren beiden neuen Schulsprechern, dass sie sicherstellen, dass kein Schüler den Dementoren ins Gehege kommt.«
Terry hielt diese Warnung für höchst überflüssig, soweit es ihn betraf. Er würde sich freiwillig einem Dementor nicht einmal auf zehn Kilometer nähern, von zehn Metern gar nicht zu reden.
»Nun zum angenehmeren Teil: Ich freue mich, dieses Jahr zwei neue Lehrer in unserer Truppe begrüßen zu dürfen.«
Zwei? Terry sah noch einmal zum Lehrertisch, aber da war immer noch nur ein unbekanntes Gesicht. Der Neue war ein recht unauffälliger Zauberer mittleren Alters, der so normal aussah, dass er ebenso gut hinter dem Schalter einer Bankfiliale hätte sitzen können. Natürlich nur, wenn er statt Roben einen Anzug getragen hätte, aber das war auch alles, was einer solchen Laufbahn im Wege gestanden hätte.
»Erstens Professor Lupin, der sich freundlicherweise bereiterklärt hat, die Stelle des Lehrers für Verteidigung gegen die Dunklen Künste zu übernehmen.«
Der potenzielle Anwärter auf eine Blitzkarriere hinter dem Bankschalter stand auf, lächelte etwas verlegen, verbeugte sich kurz und setzte sich schnell wieder hin. Einige Schüler klatschten, und auch Terry schlug höflichkeitshalber, aber ohne großen Enthusiasmus die Hände ein paarmal zusammen.
»Was unseren zweiten Neuzugang betrifft …« Dumbledore strahlte vom Lehrertisch auf sie herunter und zwinkerte dabei so lustig über den Rand seiner halbmondförmigen Brillengläser, dass Terry Übles zu schwanen begann. »Nun, ich bedauere, euch sagen zu müssen, dass sich Professor Kettleburn, unser Lehrer für Pflege magischer Geschöpfe, zum Ende des letzten Schuljahres in den Ruhestand begeben hat, um mehr Zeit zu haben, sich seiner noch verbliebenen Extremitäten zu erfreuen. Ich bin jedoch hocherfreut, euch mitteilen zu können, dass seine Stelle von niemand Geringerem als Rubeus Hagrid eingenommen wird, der einverstanden war, diesen Lehrauftrag zusätzlich zu seinen Wildhüterpflichten zu übernehmen.«
Terry starrte stumm zum Lehrertisch. Er hatte schlagartig keinen Hunger mehr. Ausgerechnet Hagrid! Nicht dass er Angst vor dem riesigen, haarigen, düsteren, bärtigen, viel zu lauten und definitiv furchteinflößenden Wildhüter gehabt hätte – wenigstens nicht ganz so viel Angst wie vor den neuesten Bewohnern seines privaten magischen Schreckenskabinetts, den Dementoren. Aber … Hagrid? Wenn er das gewusst hätte, dass Kettleburn in Ruhestand gehen würde und sie Hagrid als Lehrer bekommen würden, dann hätte er Hellsehen oder Muggelkunde als Wahlfach genommen, aber doch nicht Pflege magischer Geschöpfe!
»Nun, ich denke, das war alles Wichtige. Lasst das Festmahl beginnen!«, rief Dumbledore fröhlich in die Große Halle, und vor ihnen erschienen vollbeladene Tabletts auf den Tischen.
»Hagrid«, sagte Terry nur verzweifelt und starrte dumpf auf seinen leeren Teller. »Das hat noch gefehlt.«
»Iss!«, raunte Anthony ihm zu und gab ihm einen beinahe sanften Stoß mit dem Ellenbogen. »So schlimm wird's schon nicht werden.«
»Wird es nicht?«, fragte Terry düster, aber das protestierende Knurren seines Magens gab Anthony zumindest teilweise recht. Er nahm sich von den Tabletts, ohne darauf zu achten, was genau er sich da auf den Teller lud, und begann, sich mechanisch Essen in den Mund zu schaufeln. Seltsamerweise ging es ihm nach einigen Minuten stummer Nahrungsaufnahme besser, und nachdem er sich zum Nachtisch noch drei Portionen Schokoladenpudding einverleibt hatte – er schickte ein kurzes Dankgebet an die Hauselfen –, überlebte er selbst das Absingen des Schullieds, ohne in Tränen auszubrechen oder einen Schreikrampf zu bekommen, was ihn selbst am allermeisten wunderte.
Er war unglaublich stolz auf sich, als er trotz der Tiefschläge, die der heutige Tag bereitgehalten hatte, in aufrechter Haltung und mit hocherhobenen Schultern die Große Halle verließ und erschöpft ihrem neuen Schlafsaal im dritten Stock des Ravenclawturms entgegentorkelte.
