10. Use Them Wisely
(Metaphor – Sparks)


Sirius erwachte schweißgebadet. Er riss die Augen auf, doch da war kein Licht, sondern nur undurchdringliche Finsternis, als wäre er im Schlaf erblindet. Panisch tastete er um sich, und seine Hände streiften rauen Fels und etwas Weiches, aber Stacheliges. Erst der Geruch nach Tannennadeln, Harz und Wald brachte die Erinnerung zurück. Er beruhigte sich etwas und suchte mit klopfendem Herzen nach seinem Zauberstab. Ein Lumos erhellte kurz darauf seinen Unterschlupf.

Die Unebenheiten und Vorsprünge im Gestein der Höhle warfen seltsame Schatten auf die Felswände, aber er war allein. Keine Gespenster der Vergangenheit, keine Dementoren, nur ein paar Tausendfüßler und Spinnen, die ohne besondere Hast aus dem Licht flohen oder ganz unbeeindruckt von der plötzlichen Helligkeit an Ort und Stelle verharrten. Sein Alptraum war hinter einem Schleier verschwommener Gedankenfetzen verschwunden und bereits halb vergessen, als er sich gebückt von seinem Lager erhob, um nicht mit dem Kopf an die niedrige Höhlendecke zu stoßen. Er bezweifelte nicht, dass er auch von Dementoren geträumt hatte, doch die Traumbilder waren bereits zu verblasst, als dass er sich an Einzelheiten hätte erinnern können. Was nicht unwillkommen war. Er würde sich ihnen früh genug stellen müssen, und dann nicht nur in seinen Träumen.

Er gähnte ausgiebig und reckte sich, soweit es die Enge seines Unterschlupfs zuließ. Alles in allem hatte er vergleichsweise gut geschlafen, obwohl sein Verwandlungszauber nicht gehalten hatte. Seine behelfsmäßiges Feldbett musste sich irgendwann in der Nacht wieder in Zweige, Laub und Moos zurückverwandelt haben. Aber auch so war sein Lager nicht allzu hart oder unbequem gewesen. Nicht unbequemer jedenfalls als die Pritsche seiner Zelle in Azkaban, und sein Mantel hatte ihn warm genug gehalten, so dass er eine Decke kaum vermisst hatte. Letztendlich waren selbst die Alpträume relativ harmlos, wenn er sie mit dem verglich, was ihm von den vergangenen zwölf Jahren noch im Gedächtnis war.

Er rieb sich die Augen und machte sich dann auf den Weg zum Höhleneingang. Erst kurz vor dem Spalt, der nach draußen führte, machte sich ein leichter Schimmer von Tageslicht an den Felswänden bemerkbar. Er zwängte sich in gebückter Haltung durch die niedrige und schmale Öffnung und trat aus der Höhle ins Freie.

Es war zwar hell genug, dass er sein Lumos beenden konnte, aber die Sonne hatte sich noch nicht vollständig gegen den Frühnebel durchgesetzt. Über dem Wald hing ein feiner, aber dichter und kalter Schleier aus Feuchtigkeit. In weißen Tröpfchenketten zeichneten sich unzählige Spinnennetze zwischen den Baumstämmen und im Unterholz ab. Gelegentlich fielen Wassertropfen aus den flechten- und moosbedeckten Zweigen der Bäume und schlugen hörbar auf dem Waldboden auf, unrhythmisch wie die ersten Boten eines einsetzenden Herbstschauers. Der Wald, die ganze Welt, einschließlich der Luft, die er einatmete, waren nass.

Ansonsten war der Wald war totenstill. Nichts rührte sich, sah man vom gelegentlichen Zwitschern und Keifen der Vögel ab.

Sirius erschauerte in der Morgenkälte, obwohl sein Mantel ihm reichlich Wärme spendete. Er zögerte kurz, aber sich auf unbeholfene Zweibeinerweise durchs Dickicht zu schlagen, hatte wenig für sich.

Der Hund lief los und sprang mit einem Satz über einen liegenden Baumstamm. Er kannte den Weg. Er kannte diesen Wald. Viele Nächte hatte er damit verbracht, im Mondlicht zwischen den Baumstämmen dahinzujagen. Es war anders am Tag, aber trotzdem erwartete er halb, dass jeden Augenblick ein Hirsch aus dem Unterholz hervorbrechen würde, um mit ihm um die Wette zu rennen. Oder ein Wolf? Aber etwas sagte ihm, dass das nicht geschehen würde.

Es war nicht weit. Beim Bach in der Nähe der Höhle hielt er an und stillte seinen Durst. Sein Hunger war noch nicht groß, dennoch wurde sein Blick starr, als ein buschiger roter Schwanz sich in den Zweigen einer hohen Fichte zeigte. Aber das Eichhörnchen huschte höher den Stamm hinauf und verschwand im Astgewirr. Trotzdem würde eine Jagd Spaß machen. Aber es war nicht die Zeit.

Sirius tauchte noch einmal seine Hände in den Bachlauf und trank. Dann spritzte er sich das eisige Wasser ins Gesicht, um die letzten Spuren der Müdigkeit zu vertreiben. Es war so schwer, wie er sich vorgestellt hatte. Ein Déjà-vu nach dem anderen holte ihn ein. Und diesmal waren es keine seltsamen Bilder, deren Herkunft er sich nicht erklären konnte, sondern echte Erinnerungen. James, Remus, er – und Peter. Als Hirsch, Wolf, Hund und Ratte hatten sie jede Vollmondnacht im Verbotenen Wald verbracht, fast drei Jahre lang. James und er hatten Peter oft auf ihrem Rücken reiten lassen, wenn er ihnen mit seinen kurzen Rattenbeinchen nicht hatte folgen können. Einmal hatte sich Peter sogar in einem Acromantulanetz verfangen, und sie hatten ihn retten müssen. Er versuchte, die Ironie auszukosten, darüber zu lachen, aber ihm war nicht nach Lachen zumute. Selbst sein Hass auf Peter war in diesem Wald von anderer Natur als sonst. Er wollte nicht mehr daran denken, sondern es nur noch hinter sich bringen.

Aber das würde noch warten müssen. Seufzend richtete er sich auf. Es gab zu viele Hindernisse, die vorher noch aus dem Weg geräumt werden mussten. Die Dementoren waren zu gefährlich, um ignoriert zu werden. Vor Zauberern und Auroren fürchtete er sich nicht. Menschen ließen sich leicht täuschen oder nötigenfalls außer Gefecht setzen. Die Dementoren zu überwinden, das war sein erstes Ziel auf dem langen Weg zur Rache.

Aber noch vorher musste er sich um sich selbst kümmern. Er hatte keine Vorräte. Feuer war kein Problem, auch Quellen und Bachläufe gab es zur Genüge, aber er musste auch essen. Es mochte Wochen oder gar Monate dauern, bis er eine Chance bekam, seine Aufgabe zu erfüllen. Ein Reh oder Hirsch würde mit den richtigen Konservierungszaubern zwar wochenlang vorhalten, aber erst gestern war ihm eingefallen, dass er kein Salz hatte. Er hätte bei seinem letzten Einbruch in ein Muggelhaus unbedingt etwas mitnehmen sollen, aber er hatte einfach nicht daran gedacht. Sich nur deswegen nach Hogsmeade zu begeben und der Gefahr einer Entdeckung auszusetzen, wäre töricht gewesen. Er konnte zwar immer noch als Hund essen, falls sich das Wildfleisch als so ungenießbar herausstellte, wie er befürchtete, aber etwas in ihm ärgerte sich maßlos über seine Achtlosigkeit. Er hatte sich einfach auf seine Magie verlassen, aber Magie war eben nicht alles, was man zum Überleben brauchte. Salz gehörte nicht zu den Kleinigkeiten, die man vergessen durfte.

Zu spät und nutzlos, sich darüber noch viele Gedanken zu machen. Und dem Hund war es auch gleichgültig, als er wieder zu der Höhle zurückjagte. Ein steter Westwind hatte eingesetzt, flüsterte in den Blättern und Zweigen und riss den Nebelschleier auf. Als er wieder an seinem Ausgangspunkt ankam, fielen die ersten kraftlosen Sonnenstrahlen auf die Felswand, in der sich der Eingang zu seinem Versteck verbarg. Durch den Spalt zwängte Sirius sich wieder als Mensch. Ein Lumos erhellte den Weg zurück zu seinem improvisierten Lager.

Er suchte eine einigermaßen ebene Stelle auf dem Höhlenboden, die auch groß genug für seine Vorhaben sein würde, und begann dann, mit dem Zauberstab ein Hexagramm anzulegen. Er hatte nicht vor, sich allzu nah an Hogwarts heranzuwagen oder einem Dementor in die Quere zu geraten – nicht am ersten Tag –, aber es war sicherer, sich sofort einen Fluchtweg zu schaffen. Die Notwendigkeit zu einem strategischen Rückzug konnte sich früher ergeben, als er hoffte.

Er wusste nicht wirklich, was er tat, aber das Wissen und die Erinnerungen der Black-Schatten leiteten ihn. Als das Grundhexagramm fertiggestellt war, zog er den Katzenring aus der Innentasche seiner Robe. Auch dieser hatte die Form eines sechszackigen Sterns und bestand aus zwei verschlungenen goldenen Dreiecken, in deren Spitzen filigrane Runenformen eingewoben waren. Die Zacken waren spitz, und die Kanten scharf genug, um sich daran zu schneiden. Doch das war notwendig, und Verletzung war Teil des Zaubers. Der Blutzoll, den der Katzenring forderte, war lächerlich gering im Vergleich zu seinem Nutzen.

Das goldene Gebilde funkelte bösartig und gemein im Licht seines Lumos, als wolle es ihn verspotten. Aber Harmlosigkeit und guter Wille waren von einem Familienschatz der Blacks auch nicht zu erwarten. Einen Augenblick lang war er unsicher, wie es weitergehen sollte, aber dann steckte er das innere Sechseck auf die Zeigefingerkuppe seiner Linken – vorsichtig, um sich nicht an den scharfen Kanten zu schneiden – und begann damit, die Symbole in den Ecken des Katzenrings in sein gezeichnetes Hexagramm zu kopieren.

Es war schwieriger und anstrengender, als er sich vorgestellt hatte. Bald lief ihm der Schweiß von der Stirn. Er unterbrach sein Werk kurz, um sich den wärmenden Mantel auszuziehen, kauerte sich dann jedoch sofort wieder auf den Boden und fuhr mit seiner Arbeit fort.

Er kannte keines der Symbole, die er mühevoll in die Spitzen des Hexagramms übertrug, aber seine Hände schienen mehr zu wissen als er und bewegten sich geschickt und sicher, als hätten sie das Gleiche schon unzählige Male getan und kennten die Zeichen genau. Er musste nur gelegentlich einen Blick auf den Ring werfen, um sich zu vergewissern, dass er die Linien richtig gezogen hatte. Trotzdem dauerte es über eine Stunde, bis er mit dem Ergebnis zufrieden war. Sein Rücken schmerzte danach mehr als nach der Nacht auf seinem harten Schlaflager, aber er hatte es geschafft.

Er stellte sich in die Mitte des Hexagramms und zeichnete einen letzten waagrechten Strich vor sich auf den Boden. Die Linien glühten in schwärzlich flackerndem Orange auf, als sich das fertiggestellte Hexagramm aktivierte, und der Ring klappte in zwei Hälften, glitt von seinem Finger und fiel zu Boden. Er hob ihn hastig wieder auf und hielt sich die entstandene Öffnung ans Ohr.

»Una«, sagte er laut, und mit einem Schnappen schloss sich der sechszackige Stern wieder und durchbohrte dabei sein Ohrläppchen. Der kleine Stich war unbedeutend und wurde völlig vom körperlichen Schock der auf ihn einstürzenden Magiewelle überlagert. Ihm war, als würde er nach einem tiefen Fall auf dem Boden aufschlagen. Das Gefühl war kurz, aber so heftig, dass er in die Knie ging und sekundenlang keine Luft mehr bekam. Unterdessen ließ das flackernde Glühen des Hexagramms langsam nach und verschwand dann völlig. Blut tropfte von seinem Ohr auf den Boden, während er sich mit beiden Händen aufstützte und allmählich wieder zu Atem kam.

Er tastete nach dem Ring, aber es schien alles in Ordnung zu sein. Das zackige Gebilde saß fest und sicher in seinem Ohrläppchen. Es blutete noch etwas, und es brannte, aber der Schmerz war kaum der Rede wert. Mit einem »Deleto!« löschte er die verblassten Linien auf dem Boden. Das Hexagramm hatte seinen Zweck erfüllt, und sollte er es noch einmal benötigen, was leider vorhersehbar war, würde er es ohnehin neu zeichnen müssen. Jedenfalls konnte er nun wesentlich unbesorgter auf Erkundung gehen. Nicht sorglos natürlich, aber ein Fluchtweg, der im Fall der Fälle jederzeit offenstand, war eine willkommene Rückversicherung.

Die Aktivierung des ersten Lebens des Katzenrings hatte ihn mehr erschöpft, als er erwartet hätte, und Sirius überlegte kurz, ob er seine erste Aufklärungsmission nicht auf später verschieben sollte. Aber die Verlockung war einfach zu groß. Er war erst gestern kurz vor dem Herbststurm im Verbotenen Wald angekommen und hatte sicherheitshalber um Hogwarts einen großen Bogen gemacht. Die Anwesenheit der Dementoren hatte er schon von weitem gefühlt. Auch wenn er die Ankunft der Schüler gern mit eigenen Augen gesehen hätte, es wäre zu gefährlich gewesen, sich nahe genug an das Schloss heranzuwagen. Wenn sich die Aufregung der ersten Tage gelegt hatte und er bereit war, würde er aktiv werden, aber nicht vorher. Geduld war seine wichtigste Waffe, wenn auch glücklicherweise nicht seine einzige.

Trotzdem wollte er das Schloss sehen. Nur vom Waldrand aus einen vorsichtigen Blick riskieren. Ob sich Hogwarts in all den Jahren verändert hatte? Wohl kaum, aber der Drang, die hohen Türme, die steinernen Mauern und die breiten Eingangstore wiederzusehen, war mehr als bloße Neugier oder strategische Vernunft. Er wollte sich erinnern – an das Gute und an das Schlechte –, gleichgültig, wie weh es tun würde. Ein letzter Besuch in seinen Kinder- und Jugendtagen; ein letzter Besuch vor dem endgültigen Abschied. Und dann Peter …

Gedankenverloren starrte Sirius auf den Zauberstab in seiner Hand. Schließlich steckte er ihn weg, verließ die Höhle wieder, und kurz darauf rannte der Hund zwischen den Stämmen und durchs Dickicht auf die ferne Grenze des Verbotenen Waldes zu. Der Westwind gewann immer mehr an Stärke und machte sich selbst unter dem grünen Laubdach bemerkbar. Hin und wieder meinte er, Stimmen im Wind zu hören, aber er traf nur auf eine kleine Jagdgruppe der Zentauren, die ihm keine Beachtung schenkte. Nach einer Stunde gestreckten Laufs wurden die Abstände zwischen den Bäumen größer, und das Unterholz lichtete sich. Er wurde langsamer und näherte sich vorsichtig der Waldgrenze, immer auf Deckung bedacht.

Und dann sah er Hogwarts zum ersten Mal seit fünfzehn Jahren, wie es in der Morgensonne dalag und seine Türme in den immer noch trüben Herbsthimmel streckte, als wären sie Finger, mit denen das Schloss nach den Wolken griff.


Simon trottete missgelaunt und nur halb bei Sinnen hinter den anderen die Treppe hinunter. Der weißgraue Himmel in der Großen Halle war viel zu hell, passte ansonsten aber zu seiner Stimmung. Er hätte dringend noch zwei oder drei Stunden Schlaf gebrauchen können.

Im Vorbeigehen ließ er unauffällig den Blick über den Gryffindortisch schweifen, aber George und sein Bruder waren noch nicht da. Oder vielleicht schon wieder weg? Es war ziemlich spät, und die beiden hatten mehr Schlaf abbekommen als er – zumindest war George im Bett gelegen, als er die Karte konsultiert hatte. Nicht dass er die ganze Nacht damit verbracht hätte, George hinterherzuspionieren und darauf zu hoffen, dass sich die Zwillinge schon in der ersten Nacht aus ihrem Schlafsaal schleichen würden. Nichts hätte ihm ferner gelegen. Er hatte nur ohnehin nicht schlafen können, weil ihm die Sache mit den Dementoren keine Ruhe gelassen hatte. Die Karte hatte er nur hervorgeholt, weil er sowieso schon wach war und … Aber wem wollte er hier eigentlich etwas einreden? Es war ja nicht so, als ob ihn jemand dabei beobachtet hätte, wie er auf Georges Namen gestarrt und sich dabei einen runtergeholt hatte.

Er setzte sich auf den freien Platz neben Kevin und griff erst einmal nach der Teekanne, um sich eine Tasse einzuschenken. Er verbrannte sich die Zunge, ohne wirklich aufzuwachen. Durch die Wimpern seiner beinahe geschlossenen Augen suchte er noch einmal den Gryffindortisch ab, aber ohne Erfolg.

»Stundenpläne«, sagte Kevin neben ihm plötzlich, und ein verschwommener Stapel Pergamente schob sich in sein Blickfeld. Simon nahm ihn wortlos entgegen, behielt einen Bogen und reichte den Rest an Anthony weiter. Er trank noch einen Schluck Tee, bevor er sich dazu aufraffte, einen genaueren Blick auf den Stundenplan zu werfen.

Ehe er richtig begriffen hatte, was er da vor sich sah, kam auch schon ein höchst uncharakteristisches »Gequirlte Kacke!« aus Terrys Mund, und Anthony fluchte nicht weniger farbig, wenn auch mit etwas mehr Stil. Auch Simon starrte ungläubig auf den Pergamentbogen vor ihm.

»Der vierzehntägliche Wechsel der entsprechend gekennzeichneten Stunden beginnt ab Montag, dem 6. September, mit dem jeweils erstgenannten Fach. Abweichungen werden angekündigt!«, murmelte er empört mit. Kein Wort über die Spalte Samstag! Nicht einmal eine Entschuldigung! Kein »Bedauerlicherweise sehen wir uns gezwungen …« und so weiter! Nichts! Nur ein kommentarloser Eintrag in der zweiten Zeile der … der Samstagsspalte! Vielleicht konnten sie von Glück reden, dass es nur ein Eintrag und dieser auch erst in der zweiten Stunde war – »Verwandlung, VgdDK (14tägl. Wechsel)« –, aber Simon fand es trotzdem ungeheuerlich und eine Frechheit.

»Gottgegeißelte …«, begann er, aber dann fehlten ihm die Worte.

»Dienstag«, kam es fassungslos von Anthony. »Habt ihr den Dienstag gesehen?«

»Mittwoch ist schlimmer«, meinte Terry düster, und auf den ersten Blick musste Simon ihm recht geben. Der Dienstag begann mit einer Doppelstunde Pflege magischer Geschöpfe, dann kamen drei ewig lange Freistunden mit dem Mittagessen dazwischen, und zum krönenden Schluss endete der Tag mit einer Doppelstunde Kräuterkunde, die bis kurz vor dem Abendessen dauern würde. Eine sehr lästige Verteilung. Der Tag war kaputt, auch wenn man in der langen Pause natürlich Hausaufgaben erledigen konnte. Simon war es wesentlich lieber, wenn er den Unterricht am Stück hinter sich bringen konnte. Noch den ganzen Tag eine drohende Abenddoppelstunde Kräuterkunde vor sich zu haben, war alles andere als angenehm. Und Terrys Abneigung gegen Mittwoch war ebenfalls mehr als verständlich. Der Unterrichtstag war zwar so kompakt, wie man sich nur wünschen konnte – Alte Runen, doppelt Zaubertränke, Mittagessen –, aber eine Doppelstunde Geschichte obendrauf würde den Mittwoch wohl zum Spitzenanwärter auf den Titel des meistgehassten Wochentages machen – sofern man den Samstag außer Konkurrenz laufen ließ.

»Ärger? Fragen? Probleme?«, fragte eine Stimme, die vor scheinheiliger Besorgnis nur so troff. Selina Urquhart, ihre neue Vertrauensschülerin, stand an ihrem Tisch und gab sich keine Mühe, ihr höhnisches Grinsen zu verstecken.

Vermutlich wäre ihr das auch schwergefallen, überlegte Simon, während er sie bewusst ignorierte. Ihr Gesicht wäre bei einem Jungen gerade so annehmbar gewesen – vielleicht sogar einigermaßen attraktiv –, aber für ein Mädchen war es inakzeptabel. Nicht dass ihn das gestört oder auch nur interessiert hätte, vor allem nicht in diesem Augenblick, da hinter ihr gerade die Zwillinge in der Großen Halle aufgetaucht waren und gar nicht allzu weit entfernt am Gryffindortisch Platz nahmen. Trotzdem war es zu weit weg, als dass er mit Sicherheit hätte sagen können, welcher nun George war. Und keiner der beiden sah zu ihm her, blinzelte ihm zu oder gab sich auf irgendeine Weise zu erkennen. Es war extrem frustrierend, und wahrscheinlich würde dieses Schuljahr noch viele solcher Frustrationen für ihn bereithalten. Alles andere war reines Wunschdenken.

Währenddessen schien Selina Urquharts Geduldsfaden zu reißen, jedenfalls hatte sie offensichtlich genug davon, von Drittklässlern ignoriert zu werden. Sie schlug mit der flachen Hand auf die Tischplatte.

»Herhören, Geziefer! Ich hab' 'ne offizielle Bekanntmachung für euch! Verteidigung fällt für diese Woche aus. Professor Lupin ist krank. Ab Montag läuft alles wieder normal. Verstanden?«

Simon nahm es schweigend zur Kenntnis, aber ein paar andere taten ihr den Gefallen, »Jaja« zu murmeln. Nach einem letzten bösen Blick in die Runde zog sie endlich wieder ab, und Simon konnte sich wieder ganz der wesentlich angenehmeren Aussicht auf den Gryffindortisch widmen. Er beobachtete die Zwillinge über den Rand seiner Teetasse hinweg, war aber immer noch unsicher, wer von beiden nun George und wer Fred war. Vielleicht war der Zwilling, der von ihm aus gesehen links saß, etwas auffälliger bemüht, nicht herzusehen, aber das war kein schlüssiges Argument – weder in die eine noch in die andere Richtung. Da saßen sie nun, nur wenige Meter voneinander entfernt, aber genauso gut hätte George dreitausend Kilometer weit weg in Ägypten sein können. Gestern im Zug hatte er sich ernsthaft bemüht, Georges Urlaubsanekdoten aufmerksam zu folgen, aber er hatte andauernd daran denken müssen, was sie in den Ferien alles miteinander hätten anstellen können, wenn George nicht weggefahren wäre.

Er war undankbar, soviel war ihm klar. Eigentlich hätte er sich überglücklich schätzen müssen. Es war nun wirklich nicht damit zu rechnen gewesen, dass George überhaupt interessiert war. Und die Küsserei war gut, keine Frage. Viel zu selten für seinen Geschmack, aber immerhin passierte es. Unglaublich genug. Vor einem Jahr hätte er noch alles dafür gegeben, wenn ihn ein anderer Junge auch nur halbwegs interessiert angesehen hätte, und heute knutschte er mit George Weasley herum. Es war unglaublich. Unfassbar geradezu. Er hätte zufrieden und überglücklich sein müssen, dass er inzwischen elf Mal – bei immerhin drei verschiedenen Gelegenheiten – Spucke mit George hatte austauschen dürfen. Trotzdem hatte er im Zug die ganze Zeit über nur daran gedacht, was sie alles hätten machen können, wenn sie allein im Abteil gewesen wären. Oder er hätte – wenn er nicht so feige gewesen wäre – George an der Hand nehmen können und ihn hinter sich her zur nächstgelegenen Zugtoilette zerren können, und dann hätte man ein wenig experimentieren können. »Ist das ein Zauberstab in deiner Robe …?« Idiotischer, dummer, niedlicher kleiner George. Und jetzt waren sie wieder in Hogwarts, in verschiedenen Häusern, verschiedenen Klassen unter der Bewachung der Professoren und unter den Augen Hunderter Schüler.

Simon hätte am liebsten losgeflucht, aber er seufzte schließlich nur resigniert in seine Teetasse hinein.

Anthony stieß ihn unter dem Tisch an. »Hör auf damit! Trollkopf!«

Luna kicherte, nur Terry blickte immer noch verzweifelt auf seinen Stundenplan hinunter und schien nichts mitbekommen zu haben.

»Was?«, wollte Simon verärgert wissen. Er hatte womöglich ein bisschen auffällig gestarrt, war aber jederzeit bereit, alles abzustreiten. Leider gab ihm Anthony keine Gelegenheit dazu, sondern schüttelte nur den Kopf und verdrehte die Augen. Simon bemühte sich einen Moment lang angestrengt, an etwas anderes zu denken, aber das war gar nicht so leicht. Er versuchte, sich noch einmal die Begegnung mit dem Dementor ins Gedächtnis zu rufen. Das war wie ein Eimer kalten Wassers gewesen – eisig kalten Wassers. Trotzdem verstand er Terrys extreme Reaktion nicht so recht. Und auch Luna und George waren ziemlich mitgenommen gewesen. Er selbst hatte natürlich auch Angst gehabt, aber es hatte sich eher um die Art von Aufregung gehandelt, die eben zu erwarten war, wenn plötzlich eine unheimliche, große, dunkel vermummte Gestalt ohne Vorwarnung in der Tür stand.

Die ganze Sache mit dem »Zehren von guten Gefühlen und glücklichen Erinnerungen« musste Unsinn sein, egal was Anthony glaubte. Emotionen waren nicht weiter als neuronale Erregungsmuster im Gehirn, ein paar natürliche Drogen und Hormone im Blutstrom, und das war es dann auch schon. Nichts davon qualifizierte als irgendeine Art von »Nahrung«. Bei Magie dagegen war so gut wie alles möglich. Vielleicht konnten Dementoren wirklich an den magischen »Ausstrahlungen« ihrer Opfer parasitieren, und vielleicht hatte der Abfluss magischer Energie tatsächlich eine unangenehme Wirkung auf den Gefühlshaushalt ihrer empfindlicheren Opfer. Die Nebenwirkungshypothese schien die einzig vernünftige – und sie passte zu den Fakten. Ganz offensichtlich deckten die subjektiven Beschwerden ein breites Spektrum von Symptomen ab. Von »Ich merke nichts« wie bei Anthony und ihm bis hin zu heftiger Übelkeit und sogar Ohnmacht wie bei Terry und Potter. Simon hatte keine Zweifel, dass sich das Nebenwirkungsspektrum als relativ saubere Glockenkurve darstellen lassen würde, falls sich jemand die Mühe machen sollte, die Reaktionen aller Schüler statistisch nach Schweregrad zu erfassen. Die meisten Kurven im Leben stellten sich früher oder später als Normalverteilung oder Exponentialfunktion heraus. »Gauß und Euler lauern überall!«, wie seine Mum oft genug sagte. Und wo sie recht hatte, da hatte sie recht.

Auch George hatte sich gestern schnell wieder gefangen. Jedenfalls hatte er sich sofort um Terry gekümmert und ihn gehalten und ihm auf den Rücken geklopft, während dieser aus dem Fenster gereihert hatte. Simon war sich reichlich nutzlos vorgekommen, aber er tröstete sich damit, dass er eben andere Talente hatte. Er sah noch einmal unauffällig zu den Gryffindors hinüber. Inzwischen war er sich sicher, dass George links saß. Fred hätte seinen Blick nicht so auffällig gemieden, sondern inzwischen vermutlich höchst unfreundlich zurückgestarrt.

»Auf!«, sagte Anthony plötzlich und zog ihn an der Schulter. Die anderen standen schon und warteten, stellte Simon fest. Es war nicht so, dass er es nicht mitbekommen hätte – er hatte nur nicht darauf geachtet. Er stürzte den letzten Schluck Tee hinunter und griff sich schnell seinen Stundenplan.

»Was haben wir überhaupt?«, fragte er, während er Anthony hinterhereilte, nicht ohne noch einmal George zuzublinzeln.

»Arithmantik!«

George wartete bis zum allerletzten Moment, um ihm dann doch noch einen Blick und vielleicht den Ansatz eines Lächelns zuzuwerfen. Es war frustrierend!

Simon folgte den anderen in den Turm, wo sie ihre Schulsachen holten. Wie sich herausstellte, wusste niemand mit Sicherheit, wo sich das Arithmantik-Klassenzimmer befand. Nur Kevin meinte schon einmal gehört zu haben, dass es sich vielleicht im sechsten Stock befinden könnte. Sie überließen ihm die Führung, und ausnahmsweise schien Kevin dieses eine Mal gewusst zu haben, wovon er sprach. Oder es war Zufall, dass sie auf einige Hufflepuffs und Slytherins trafen, die bereits vor einem Klassenzimmer warteten – was Simon fast für wahrscheinlicher hielt.

»Arithmantik?«, sprach ihr Führer durchs Tal der Ahnungslosigkeit Ernie Macmillan an, der am Rande eines Grüppchens Hufflepuffs wartete. Von Smith war nichts zu sehen, was Simon ein wenig bedauerte. Nicht sehr natürlich, aber Smith war ein ordentlicher Diskussionsgegner, wenn auch manchmal ein bisschen zu sehr von der eigenen Brillanz überzeugt.

Macmillan bestätigte, dass sie hier richtig waren, und Simon wollte sich gerade an der Wand auf den Boden sinken lassen – kein Grund, in der Gegend herumzustehen, wenn man auch sitzen konnte –, als ihm Anthony plötzlich seine Schulsachen in die Hände drückte und zu den Slytherins hinüberspazierte. Er ging zu Draco Malfoy und sagte irgendetwas. Malfoy reagiert erst nicht und nickte dann nur mit ausdrucksloser Miene. Den Rest bekam Simon nicht mit, denn hinter ihm fragte plötzlich jemand: »Sind wir hier richtig für Arithmantik?«

Er drehte sich um und stand vier Gryffindors gegenüber. Also alle vier Häuser in derselben Klasse. Das konnte interessant werden. Die beiden Mädchen erkannte er. Parvati winkte und steuerte bereits auf Padma zu, und jeder kannte Hermione Granger, die Ravenclaw von Gryffindor.

»Wenn Macmillan nicht bewusst oder unbewusst gelogen hat, ja«, beantwortete er schließlich ihre Frage wahrheitsgemäß Sie sah ihn mit gerunzelter Stirn an, als hätte er nicht so erschöpfend und exakt Auskunft gegeben, wie es zwischen zwei intelligenten Gesprächspartnern nur eben möglich war.

»Hi, Seamus!«, grüßte Luna einen der beiden Jungen, die sich hinter Granger herumdrückten. Der andere, ein schwarzer Junge, an dessen Namen sich Simon beim besten Willen nicht erinnern konnte – schließlich hatten sie normalerweise keinen Unterricht mit Gryffindors –, wandte sich an Simon und wollte noch einmal wissen: »Sind wir hier jetzt richtig oder nicht?«

Simon überlegte, wie er es noch klarer ausdrücken sollte. »Unbestätigten Informationen zufolge lautete die Antwort auf diese Frage –«

»Ja!«, fiel ihm Luna ins Wort. »Achtet nicht auf den. Simon ist manchmal ein bisschen …«, und sie hatte die Unverschämtheit, mit einem Wedeln ihrer Hand anzudeuten, dass er nicht ganz bei Sinnen sei! Ausgerechnet Luna! Er warf ihr einen Blick zu, der Bände sprach, aber sie nur zum Kichern brachte. Bevor er eine Bemerkung machen konnte – und ihm wäre schon etwas eingefallen, da war er sicher –, erschien Professor Vector im Korridor.

»Ist noch zu?«, wollte sie wissen, während sie sich durch die Hufflepuffs drängte.

»Ja, Professor«, antwortet ihr jemand, aber da tippte sie schon mit ihrem Zauberstab an die Tür, die sofort aufschwang.

Sie verschwand in dem Klassenzimmer, und die Schüler begannen, ihr zu folgen. Plötzlich war auch Anthony wieder an Simons Seite und nahm seine Schulsachen wieder an sich.

»Was war?«, fragte Simon ihn, während sie sich durch die Tür drängten.

»Nichts Besonderes«, meinte Anthony, aber er wirkte irgendwie erleichtert.

Leider waren die hinteren Reihen schon vollständig belegt. Nur die billigen Plätze ganz vorne waren – oh Wunder! – noch komplett frei. Simon fand sich mit seinem Schicksal ab und quetschte sich in die erste Reihe. Wenigstens landete er ganz am Ende, da hinter Anthony, Luna und Terry noch Kevin, Padma und die Gryffindors nachdrängten. Der Raum war definitiv überfüllt, und die Luft war schon stickig genug gewesen, als sie ihn betreten hatten.

Professor Vector ließ ihren Blick mit offensichtlichem Missfallen durch das Klassenzimmer schweifen. Mit gerunzelter Stirn und ernster Miene musterte sie die Schülerreihen durch die rechteckigen Gläser ihrer Brille. Simon hatte sie bisher immer nur von fern am Lehrertisch sitzen sehen und nahm sich Zeit, sie ebenfalls einer genaueren Musterung zu unterziehen. Sie trug ihre schulterlangen blonden Haare offen. Die schmalen rechteckigen Brillengläser waren das auffälligste an ihr, ansonsten machte sie einen unscheinbaren Eindruck. Rein äußerlich schien sie etwa im gleichen Alter wie seine Mum zu sein; aber da sie eine Hexe war, hieß das vermutlich, dass sie ein oder zwei Jahrzehnte mehr auf dem Buckel hatte. Sie wirkte streng und ein wenig humorlos, aber das konnte auch an ihrer momentanen Laune liegen. Jedenfalls hatte sie ähnlich tief eingegrabene Lachfältchen und Krähenfüße wie seine Mum, also konnte sie nicht unentwegt ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter haben, sondern lächelte vermutlich manchmal auch.

Mit einem Wink ihres Zauberstabs riss sie die Fenster auf. »Stoßlüftung«, verkündetet sie. »Lieber erfroren als erstickt. Falls es Ihnen an den Fensterplätzen zu kalt wird, benutzen Sie einen Wärmezauber!«

Es war zwar kühl draußen, aber bei weitem nicht kalt genug für einen Wärmezauber. Simon war dankbar für die Frischluft und kramte sein Schulbuch und Schreibzeug aus der Tasche.

Allmählich beruhigte sich das Klassenzimmer etwas, und als sich Professor Vector räusperte, verstummten auch die letzten geflüsterten Gespräche.

»Sind wir dann so weit?« Hinter Professor Vector erhob sich ein Stück Kreide und begann wie von selbst, etwas auf die Tafel zu schreiben. »Also: Guten Morgen, meine Damen und Herren!«, sagte sie, während die Kreide Professor Septima Vector in eleganten Buchstaben auf die Tafel malte. »Ich bin Professor Vector. Ich begrüße Sie zu Ihrer ersten Arithmantikstunde. Die Platzverhältnisse sind etwas beengt, aber wie ich sehe, hat jeder von Ihnen einen Sitzplatz gefunden. Ich werde dafür sorgen, dass sich der Raum bis zu unserer nächsten Stunde vergrößert. Für heute wird es einmal gehen.«

Sie rang sich ein bemühtes Lächeln ab. »Ich bin an kleinere Klassenstärken gewöhnt, aber wir alle müssen Kompromisse machen. Ich erwarte von Ihnen jedoch, dass auch Sie sich den Umständen entsprechend verhalten. Stören Sie Ihre Mitschüler nicht durch Schwätzen! Wenn Sie Fragen haben, melden Sie sich und fragen mich!«

Sie unterbrach ihre Rede, um mit dem Zauberstab zu winken und die Fenster von weit geöffnet in Kippstellung zu bringen. »Noch etwas«, fuhr sie fort. »Keine Hausrivalitäten! Derartiger Unsinn hat in meinem Unterricht nichts zu suchen! Ich werde genug damit zu tun haben, mich an Ihre Namen zu erinnern, und habe nicht vor, mir zu jedem Gesicht auch noch die jeweilige Hauszugehörigkeit zu merken. Das Aussortieren der Punkte überlasse ich den Stundengläsern. Dazu sind sie da. Haben das alle verstanden?«

Sie machte eine Pause und wartete offensichtlich auf ein Zeichen der Zustimmung, dass sie in Form leisen Gemurmels auch bekam. Dann setzte sie ihre ernste Miene ab und lächelte plötzlich.

»Gut, dann wenden wir uns den wichtigen Fragen zu: Was ist Arithmantik – und wozu bei den herausragenden weiblichen Attributen von Mordreds Mutter soll die ganze Rechnerei gut sein?«

Nervöses Kichern kam in den Schülerreihen auf, und Simon setzte ein höfliches Lächeln auf. Ein wenig positive Verstärkung konnte nie schaden, wenn sich ein Lehrer schon einmal an einem Witz versuchte, selbst wenn das Ergebnis kläglich war.

»Arithmantik ist die Kunst der Zahlenmagie«, beantwortete Professor Vector ihre eigene Frage, »und im Wesentlichen nutzlos wie alles Schöne im Leben.« Sie lächelte, als hätte sie einen Scherz gemacht, den nur sie verstand. Was vermutlich auch so war, jedenfalls Simon verstand ihn nicht.

»Nur wenige Zauber lassen sich ausschließlich durch reine Zahlenmagie bewirken, aber Arithmantik ist unentbehrlich zum Verständnis aller Spielarten der Magie. Wenn Sie verstehen wollen, warum ein Zauber funktioniert – oder auch nicht –, kommen Sie um Arithmantik nicht herum. Genauso wenig ist es ratsam – wenn auch nicht völlig unmöglich –, sich an der Entwicklung eines neuen Zaubers zu versuchen, ohne ausreichende Grundkenntnisse der Gesetze der Zahlenmagie zu besitzen. In vieler Hinsicht ist die Arithmantik ein interdisziplinäres Fach. Sie bietet tieferes Verständnis und Erklärungen für ansonsten unerklärbare Phänomene. Arithmantik ist eine Abkürzung durch das Labyrinth der Magie und eine Machete, mit der sich ein Weg durch den Dschungel der Zaubersprüche schlagen lässt.«

Professor Vector klang enthusiastisch und überhaupt nicht einstudiert, aber Simon hatte dennoch den starken Verdacht, dass sie diese Rede in jeder ersten Arithmantikstunde hielt. Die Wortwahl war zu überlegt, um spontan zu sein.

»Aber alles beginnt am Anfang.« Wieder erhob sich die Kreide und schwebte zur Tafel. »Unser Material sind Zahlen, und unser Handwerkszeug ist die Mathematik. Gewisse mathematische Grundkenntnisse sind unentbehrliche Voraussetzung für meinen Unterricht.«

Während die Professorin weitersprach, protokollierte die Kreide die einzelnen Stichpunkte auf der Tafel mit. »Ich erwarte eine sichere Beherrschung der Grundrechenarten einschließlich der Bruchrechnung von Ihnen. Außerdem sollten Sie in der Lage sein, Gleichungen und Ungleichungen zu lösen, und zumindest schon einmal gehört haben, dass es so etwas wie quadratische Gleichungen, lineare Gleichungssysteme, Potenzen und Wurzeln gibt.«

Ein leises Raunen ging durch den Raum, was Simon ein wenig wunderte. Selbst Zauberer mussten doch von irgendwem rechnen lernen, und was Vector da aufgezählt hatte, war doch eher Kinderkram als ernsthafte Mathematik.

»Keine Sorge!«, beschwichtigte Professor Vector. »Wir werden die ersten vier Wochen mit ausführlicher Wiederholung und Einübung der Grundkenntnisse beginnen. Dann werden wir einen kleinen informellen Test schreiben, damit ich weiß, wo Sie stehen. Für diejenigen, die größere Lücken haben, wird es wie jedes Jahr ein Tutorium geben, dass sich speziell mit Ihren jeweiligen Schwächen beschäftigen wird. Es wird üblicherweise von einem Sechstklässler geleitet, aber gelegentlich werde ich auch selbst unterrichten. Bis November sind wir mit etwas gutem Willen und Lernbereitschaft alle auf dem gleichen Stand. Sollte jemand unter Ihnen bis dahin noch immer eine unüberwindbare Abneigung gegen die Beschäftigung mit Zahlen haben, können Sie sich danach auch für ein anderes Wahlfach entscheiden. Manchen Zauberer und Hexen gelingt es nie, sich mit der Schönheit und Magie der Zahlen anzufreunden, und mein Unterricht soll nicht zur Folter für Sie werden.«

Simon war beeindruckt von der Vernunft und Logik in Professor Vectors Worten, aber wirklich verlieben tat er sich erst, als sie die nächste Bemerkung machte.

»Natürlich werden diese ersten Wochen für einige von Ihnen sehr öde und langweilig werden. Dafür habe ich vollstes Verständnis. Ich möchte Sie trotzdem bitten, auf Ihre Mitschüler Rücksicht zu nehmen und den Unterricht nicht zu stören, selbst wenn das alles für Sie ein alter Hut sein sollte. Also, wenn es unbedingt sein muss und Sie es vor Langeweile nicht mehr aushalten, beschäftigen Sie sich mit etwas anderem! Aber bitte still! Erledigen Sie einfach Ihre Hausaufgaben, oder bringen Sie sich ein Buch mit!«


Terry war froh, dass der erste Schultag schon nach dem Mittagessen zu Ende war. Ihm reichte es. Die Arithmantikstunde war öde gewesen, und danach hatte sie Flitwick eine Doppelstunde lang den Stoff des letzten Jahres wiederholen lassen. Und schließlich hatte er sich beim Mittagessen den Bauch vollgeschlagen und war nun hundemüde. Gott sei Dank fiel Verteidigung aus. Er kam sich wie ein alter Mann vor, als er sich die Stufen des Turmes zu den Schlafsälen hinaufschleppte.

Er ließ sich in sein Bett fallen und überlegte allen Ernstes, ob er die Vorhänge zuziehen und ein Nickerchen machen sollte. Ein völlig abgefahrener Einfall, wie er selbst fand, aber einer, der mit jeder Minute an Attraktivität gewann. Hausaufgaben hatte sie noch keine, und auch sonst war eigentlich nichts zu tun.

Die Erstürmung des Schlafsaals unterbrach seinen Anflug von nachmittäglicher Siesta-Stimmung. Zuerst kamen Stephen, Su und Michael und warfen ihre Schulsachen ab, gefolgt von Kevin, der sich lautstark beschwerte, dass er als Einziger heute Nachmittag noch einmal Unterricht hatte. Simon wies ihn darauf hin, dass er selbst schuld sei, da ihn niemand gezwungen habe, Muggelkunde zu nehmen, das nebenbei gesagt das überflüssigste Fach sei, das man sich überhaupt vorstellen könne – was Kevins Stimmung keineswegs verbesserte. Anthony kam als Letzter, ließ sich aufs Nachbarbett fallen, gähnte und meinte, dass seinetwegen jeder Unterrichtstag schon nach dem Mittagessen enden könnte.

Su und Michael wollten nachsehen, ob das Schach noch frei war, Kevin schloss sich ihnen an, und Stephen hatte eine Verabredung mit Mandy in der Bibliothek – angeblich, um ihr bei den Übungen für Arithmantik zu helfen. Als sich Simon mit einem Buch auf sein Bett legte, kehrte wieder angenehme Stille ein. Und Terry musste gegen den Schlaf ankämpfen.

»Habt ihr was für Luna?«, wollte Anthony plötzlich wissen. »Für morgen?«

»'nen Traumfänger – warum?«, antwortete Terry und richtete sich auf. Eigentlich hatte er sogar drei aus Spanien mitgebracht. Gloria hatte verhandelt, und er hatte drei zum Preis von zwei bekommen. Einen hatte er seiner Mutter geschenkt – vielleicht kein typisches Spaniensouvenir, aber die Traumfänger hatten ihm gefallen –, einen wollte er selbst behalten, und der dritte würde nun Lunas Geburtstagsgeschenk werden.

»Und du?«, fragte Anthony Simon.

»Buch.«

»Mist«, meinte Anthony, aber er klang nicht so, als hätte er vor, sich deswegen graue Haare wachsen lassen.

»Hab noch eins.« Simon fing an, den Bücherstapel neben seinem Bett zu durchwühlen. »Kannst du haben. Ist die Fortsetzung von meinem.«

Er brachte das Buch zu Anthony und reichte es ihm mit den Worten: »Müsste was für Luna sein, und ich hab's sowieso schon gelesen.«

Es war in diesem Augenblick, dass Terry die Idee kam. Ohne Anthonys Hilfe würde er ohnehin nicht auskommen, dafür war der Retransformationstrank viel zu kompliziert, und Anthony würde wesentlich einfacher zu bearbeiten sein, wenn er vorher Simon zum Mitmachen überreden konnte. Er griff unter seine Matratze und zog Mutabor hervor. Inzwischen kannte er die wichtigsten Passagen auswendig, und niemand, der seine fünf Sinne beisammenhatte, konnte der Versuchung, ein Animagus zu werden, widerstehen, oder? Wenn er es Simon und Anthony noch dazu als Gemeinschaftsprojekt verkaufen konnte, stand einer Zukunft als Gestaltwandler nichts mehr im Weg. Es war ihm dabei auch fast egal, was er werden würde – solange es fliegen konnte und kein Spatz war. Ein Adler oder eine Fledermaus, im Notfall würde er sich sogar mit einem Schmetterling zufriedengeben. Natürlich bestand auch die Gefahr, dass sich sein animalisches Alter Ego als etwas ziemlich Nutzloses erweisen würde: eine Kröte, ein Nilpferd oder, noch schlimmer, ein Fisch. Aber das war ihm auch egal. Er wusste, dass er sich den Rest seines Lebens darüber ärgern würde, wenn er es nicht versuchte – und er musste einfach ein Animagus werden. Selbst wenn er nur als langweilige Katze wie McGonagall enden würde, das war es wert!

»Sonnentod von Ludrag Nightclaw?«, unterbrach Anthonys Stimme seine Gedanken. »›Eine unmögliche Ménage-à-trois geht weiter‹? ›Fortsetzung des Weltbestsellers Jägermond‹? Luna liest so etwas? Und du auch?«

Simon wirkte einen Moment verlegen, behauptete dann jedoch etwas trotzig: »Es ist gut geschrieben.«

Anthony wirkte nicht überzeugt. »Und worum geht's bei dieser ›unmöglichen Ménage-à-trois‹?«

»Du musst es ja nicht nehmen«, kam es patzig zurück.

»Schon gut, schon gut, aber worum geht's in dem Buch?«, wollte Anthony hartnäckig wissen.

Simon atmete tief durch und setzte sein ausdruckslosestes Gesicht auf. Terry wartete gespannt, was jetzt wohl kommen würde.

»Eine tragische Dreieckskonstellation zwischen einem Muggel, einem Vampir und einer Hexe«, referierte Simon mit steinerner Miene. »Der Muggel ist in den Vampir verliebt, der Vampir will die Hexe ›bekehren‹ und die Hexe will den gutaussehenden, aber trotteligen Muggel vor dem Vampir retten. Aber der Vampir will überhaupt keine emotionale Beziehung mit ›Nahrung‹, die Hexe findet, dass Vampire widerliche Blutsauger sind, und will keine Untote werden, und der Muggel … der Muggel ist schwul und interessiert sich nicht für Frauen – und für Hexen gleich zweimal nicht.«

Terry war einen Moment lang sprachlos, während er versuchte, das Gehörte zu begreifen. Anthony erging es wohl ähnlich, aber schließlich fing er doch zu lachen an. Und Terry konnte nicht anders, als mitzulachen.

Simon drehte ihnen beleidigt den Rücken zu und stolzierte davon, während Anthony und er sich vor Lachen auf ihren Betten kugelten. Es war vielleicht nicht das diplomatisch Klügste, Simon ausgerechnet jetzt auszulachen, aber Terry fand die Vorstellung einfach wahnsinnig komisch. Er konnte sich die tragische Szene direkt ausmalen: »Du küsst doch auch keine Steaks!«, weist der Vampir den Muggel ab, während ihm die Hexe beim ersten Annäherungsversuch ein Kreuz entgegenstreckt und einen spitzen Holzpfahl unter dem Kopfkissen hervorzieht. Der Muggel wirft sich dazwischen und schreit sie an: »Lass deine Finger von meinem Geliebten, du Hexe!«, und kurz darauf kreischt er hysterisch auf: »Und grapsch mich nicht an, Frau! Das ist sexuelle Belästigung!« Möglicherweise lohnte sich die Lektüre tatsächlich?

»Abgefahren«, brachte Terry schließlich grinsend heraus, als seine Erheiterung wieder etwas abgeklungen war. »Total abgefahren!«

»Und krank«, meinte Anthony noch immer lachend. »Sehr, sehr krank, wenn du mich fragst!«

Terry enthielt sich eines weiteren Kommentars. Simon weiter zu verärgern, war nicht Bestandteil des Plans. Er wartete ein paar Minuten, bevor er Mutabor nahm und zu Simon hinüberschlenderte. Anthony blätterte unterdessen in dem »kranken« Buch und gluckste von Zeit zu Zeit, was eher ungünstig war, obwohl Simon nichts zu merken schien.

Terry blieb vor ihm stehen und bemühte sich nach Kräften, sein Grinsen zu unterdrücken.

»Ich hab' hier ein Buch für dich«, sagte er schließlich, aber Simon blätterte nur die Seite um und tat so, als wäre er gar nicht da.

»Ein Buch, das du bestimmt noch nicht gelesen hast«, versuchte Terry ihm eine Reaktion zu entlocken.

»Es gibt Millionen von Büchern, die ich noch nicht gelesen habe, und die allermeisten davon werde ich auch nie lesen«, erwiderte Simon mit gelangweilter Stimme.

»Es ist ein Buch!«, sagte Terry, setzte sich zu Simon aufs Bett und flüsterte ihm ins Ohr: »Komm schon, Simon! Ich weiß doch, dass du es auch willst!« Was wohl ein Fehler war, denn er schaffte es nicht, dabei ernst zu bleiben und musste wieder lachen. Er bekam den Stoß nicht richtig mit, fühlte nur, wie er geschubst wurde und vom Bett rutschte, um sich gleich darauf auf dem Boden wiederzufinden.

»Pass bloß auf, ›Spätzchen‹!«, warnte ihn Simon, während Terry sich lachend wieder aufrappelte. »Das nächste Mal schubse ich dich vielleicht nicht von der Bettkante, und dann werden wir ja sehen, wer von uns beiden zuletzt lacht!«

»Sucht euch ein Zimmer!«, rief Anthony dazwischen, aber Simon tat wieder so, als ob er nichts gehört hätte.

»Alter Stinkstiefel!«, titulierte Terry ihn fröhlich und legte Mutabor auf das aufgeschlagene Buch vor Simons Nase.

Dieser starrte erst angewidert auf das Buch und dann zu Terry hoch. »Verwandlung? Warum sollte ich das wohl lesen wollen?«

Terry stöhnte genervt auf. Simon zierte sich mit Absicht, da war er ganz sicher. »Sonst brauchst du doch auch keinen Grund, oder? Lies es einfach!«

Simon starrte noch immer ziemlich mürrisch, und zur Sicherheit schickte Terry ein wehleidiges »Bitte!« mit Augenaufschlag hinterher. So etwas konnte nie schaden, wenn man Simon zu etwas überreden wollte.

»Vollidiot«, meinte Simon, aber Terry wusste, dass er gewonnen hatte. »Zisch ab, und lass mich weiterlesen!«

»Ja, Simon«, erwiderte Terry ergeben, und diesmal schaffte er es, dabei ernst zu bleiben. Grinsend machte er sich auf den Rückweg. Der erste Schritt war getan. Simon würde das Buch lesen. Wenn alles nach Plan verlief, war es nur noch eine Frage der Zeit, bis er ein Animagus war. Er konnte beinahe schon fühlen, wie sich seine Arme in Schwingen verwandelten und ihm Federn sprossen.

Er fühlte sich überhaupt nicht mehr müde und machte sich auf den Weg in den Gemeinschaftsraum, statt sich wieder hinzulegen. Vielleicht konnte er Su, Michael und Kevin zu einem kleinen Schachturnier überreden. Heute war ein Tag, an dem er nur gewinnen konnte. Das war so sicher wie das Amen in der Kirche.


Luna räumte ihre Geburtstagsgeschenke vorläufig in ihre Truhe, bevor sie »Runenmacht des Futhark« zu ihrem Arithmantikbuch in die Schultasche steckte.

Bisher war es ein reichlich seltsamer Geburtstag gewesen. Zumindest die Geschenke waren seltsam gewesen. Das komische Ding, das ihr Terry gegeben hatte – »Traumfänger« hatte er es genannt –, war nur ein runder Rahmen mit einem Netz, in das Perlen eingeflochten waren und an dem ein paar Federn hingen. Angeblich sollte es schlechte Träume fernhalten, aber es hatte sich überhaupt nicht magisch angefühlt. Wahrscheinlich nur ein Muggelaberglaube, aber es war schließlich der Gedanke, der zählte. Und der Gedanke war nett gewesen.

Was sich Simon und Anthony bei ihren Geschenken gedacht hatten, war ihr jedoch schleierhaft. Bestimmt war es Simons Idee gewesen. Nur weil er ein einziges Mal einen Vampirroman bei ihr gesehen hatte. Jungs waren komisch. Aber sie hatte sich nichts anmerken lassen und sich höflich bei beiden bedankt, wie es sich gehörte. Ihr Dad wäre stolz auf sie gewesen. Wobei auch sein Geschenk … gewöhnungsbedürftig war.

Er hatte ihr einen Handspiegel geschickt, der einem mit dem eigenen Gesicht Grimassen schnitt. Vermutlich hatte er das für lustig gehalten und gedacht, dass sie es ebenfalls komisch finden würde. Sie bezweifelte, dass er selbst lange in den Spiegel geblickt hatte. Wenn man das nämlich tat, dann begann sich das eigene Spiegelbild langsam zu verändern. Alles fing an, sich zu bewegen, und das, was einem bald darauf entgegenblickte, war ziemlich unheimlich. Sie dachte mit Schaudern an das Gebilde zurück, das der Spiegel nach ein paar Minuten aus ihrem Gesicht gemacht hatte. Die Augen waren auf die Stirn gewandert und hatten sich auf Stielen durch ihre Haare geschoben; an ihre Stelle waren die Ohren gewandert. Ihr Mund war ihr unters Kinn gerutscht, und die Nase war gewachsen und hatte sich ausgebreitet, bis die Nasenlöcher groß genug gewesen waren, dass sie ihre Fäuste hätte darin versenken können. Es war beinahe gruselig gewesen.

Wenn man es genau nahm, steckte wohl hinter allen Geschenken dieses Jahres guter Wille, aber leider fehlte es an allem anderen. Doch das war ihr eigentlich egal. Sie war heute dreizehn geworden und würde sich dadurch nicht die Laune verderben lassen. Dann musste sie sich eben selbst ein besseres Geschenk machen!

»Luna! Kommst du jetzt?«, rief Morag, die mit Padma schon an der Tür zum Schlafsaal auf sie wartete.

»Bin unterwegs«, antwortete Luna, und gemeinsam verließen sie den Mädchenschlafsaal und gingen die Treppe hinunter zum Gemeinschaftsraum, wo die Jungs auf sie warteten. Sie brachen sofort auf, da das Klassenzimmer für Alte Runen im ersten Stock unten war und sie durch das ganze Schloss mussten. Dabei ließ es sich nicht vermeiden, dass sie an vielen Porträts vorbeikamen, aber Luna rief nur schnell »Danke!«, wenn jemand ihr aus einem Gemälde heraus alles Gute zum Geburtstag wünschte. Sie wollte nicht zu weit zurückfallen oder gar zu spät zu ihrer ersten Unterrichtsstunde in Alte Runen kommen. Allerdings nützten ihr alle ihre guten Vorsätze nichts, denn im zweiten Stock begegnete sie dem Dicken Mönch, und ein Geist war nun einmal nicht so leicht zu ignorieren wie ein Porträt.

»Ah, Miss Lovegood!«, brummte der beleibte Mann, als er sie sah. »Welch glückliches Zusammentreffen! Wie ich vom ehrenwerten Sir Nicholas hörte, feiern Sie heute die Wiederkehr Ihres Wiegenfestes? Darf ich Ihnen meine besten Wünsche zu Ihrem Ehrentag offerieren?«

Ihr blieb praktisch keine andere Wahl, als stehen zu bleiben und ihm die kalte Hand zu schütteln – oder wenigstens so zu tun, als ob, da an richtiges Händeschütteln ja nicht zu denken war. »Vielen Dank, Frater Lawrence«, bedankte sie sich höflich.

»Wie oft jährt sich denn das frohe Ereignis, falls Sie diese ungalante Frage verzeihen mögen?«, fragte der Dicke Mönch mit breitem Schmunzeln.

»Ich bin dreizehn geworden, werter Frater«, antwortete sie mit einem Knicks und hoffte, dass er sie nicht allzu lange aufhalten würde.

»Dreizehn!«, tat er erstaunt und zwinkerte ihr fröhlich zu. »Dann sind Sie ja jetzt eine richtige junge Dame! Ah, tempus fugit! Passen Sie nur auf! Bald werden die Jünglinge scharenweise um ein Zeichen Ihrer Gunst wetteifern!«

Er strahlte über das ganze feiste Gesicht, so dass sich seine Backen aufbliesen und er seinem Spitznamen alle Ehre machte. Natürlich nannten ihn die anderen Geister nur hinter seinem Rücken »Bruder Schweinebacke«, und Luna wäre niemals auf die Idee gekommen, diesen Namen zu benutzen. Meistens konnte sie den Dicken Mönch gut leiden – wenn er sie nicht gerade auf dem Weg zu etwas Wichtigerem aufhielt.

»Mhmm«, gab sie ihm vorsichtig recht, »möglicherweise, Frater Lawrence. Aber jetzt müssen Sie mich bitte entschuldigen. Der Unterricht beginnt gleich, und ich will zur ersten Stunde nicht zu spät kommen.«

»Natürlich, mein Kind«, brummte er, »natürlich. Die Jugend hat es doch immer eilig. Hurtig, hurtig, Miss Lovegood! Sputen Sie sich! Carpe diem!«

Er lachte hinter ihr her, während sie die letzte Treppe hinablief und gerade noch den letzten Schüler ins Klassenzimmer verschwinden sah. Sie rannte den Korridor entlang und kam außer Atem, aber bevor die Tür sich ganz schließen konnte, in Alte Runen an.

Die Sitzplatzsituation war alles andere als ideal, aber dafür, dass sie zu spät war, hatte sie noch Glück gehabt. Terry hatte ihr neben sich einen Platz in der letzten Reihe freigehalten, und auch drei vertraute Gryffindorgestalten hatten sich in der letzten Reihe versteckt, was ihr Vorhaben wesentlich erleichterte. Padma und Parvati würden ohnehin keinen Ärger machen, und dann musste sie nur noch einen versetzen, und schon war alles in bester Ordnung. Sie musste sich nur beeilen, sonst würde Professor Babbling vielleicht ungeduldig werden.

Padma stellte keine Fragen, sondern setzte sich auf ihre geflüsterte Bitte hin sofort und kommentarlos neben Terry und zog Parvati mit sich. Blieb nur noch …

»Hmm … Dean, nicht wahr?«, fragte sie den schwarzen Jungen. »Würdest du bitte eins weiterrutschen?«

Der Junge sah sie verwirrt an. »Warum?«, fragte er ahnungslos, während Seamus sie ungläubig anstarrte.

Das konnte schwierig werden. »Weil ich dich ganz nett darum bitte?« Einen Versuch war es wert. Zu überzeugenderen Argumenten konnte man immer noch greifen, wenn es denn sein musste.

»Tu's einfach«, zischte ihm Parvati zu, was ein ausgezeichneter Rat war. Dean zögerte noch immer, aber als Parvati ihn darauf hinwies, dass er sich bestimmt nicht mit der »verrückten Lovegood« anlegen wolle, rutschte er schnell beiseite. Gelegentlich war es von Vorteil, einen gewissen Ruf zu haben, stellte Luna zufrieden fest.

Sie setze sich neben Seamus, lächelte ihn an und sagte: »Hi, Seamus!«

Das Niedliche an Seamus war, dass er nicht wirklich rot wurde. Nur die großen länglichen hektischen Flecken, die sich von seinen Wangen bis zum Unterkiefer erstreckten und ohnehin immer da waren, wurden um einige Schattierungen dunkler. Er starrte sie nur an und sagte nichts, aber sie wusste ja, wie schüchtern er war.

»Ich habe heute Geburtstag«, informierte sie ihn, damit er Bescheid wusste. Er nickte nicht einmal, blinzelte jedoch, was sie als Zeichen nahm, dass er sie verstanden hatte.

»Die Geschenke waren nicht so toll, aber das ist ja auch nicht das Wichtigste an einem Geburtstag. Oder was meinst du?«

Er zuckte nervös zurück und stammelt herum: »W-Was? Was soll das? Was willst du überhaupt? Warum sitzt du hier?«

Sie schenkte ihm ein Lächeln, von dem sie hoffte, dass es geheimnisvoll wirken würde, während sie innerlich zu kichern begann. Leider wurde ihre Unterhaltung mit Seamus von Professor Babblings lauter Stimme unterbrochen.

»Neun Nächte lang hing Odin an der Weltenesche Yggdrasil, aufgespießt vom eigenen Speer, er selbst sich selbst zum Opfer dargebracht. Unter Schreien erwarb er die Runen und fiel herab.«

Professor Babbling hatte eine tiefe und fast dröhnende Stimme, die man so einer kleinen und ältlichen Person nicht zugetraut hätte.

»Mythologie! Sie hat nur wenig mit dem zu tun, was Sie hier lernen sollen, aber gelegentlich werden wir auch diese Themen streifen, und sei es nur, um uns der Warnungen und Lehren der Altvorderen zu vergewärtigen. Runen sind mächtig, und Runen sind gefährlich! Warum sind Runen so gefährlich?«

Ein paar Finger schossen in die Luft, darunter Anthonys. Allerdings rief Professor Babbling jemanden aus der ersten Reihe auf.

»Ja, Miss …«

»Granger, Professor. Runenmagie ist nicht auf die individuelle magische Stärke der Hexe oder des Zauberers beschränkt wie bei anderen Arten der Magie. Deshalb können auch Effekte damit bewirkt werden, die über die normalen Möglichkeiten von Zaubersprüchen oder Verwandlungen hinausgehen.«

»Sehr richtig, Miss Granger. Aber andererseits muss auch für Runenmagie ein Preis bezahlt werden, und je mächtiger die Magie, desto höher der Preis. Er muss nur nicht sofort entrichtet werden.«

Professor Babbling begann, vor der Tafel auf und ab zu gehen, während sie weiterdozierte: »Und auch die Schreie Odins sind keine blumige Metapher. Sie werden das zu spüren bekommen, wenn Sie sich Ihren Runennamen erwerben. Doch bis dahin ist noch Zeit. Wir werden mit dem älteren Futhark und einfachen Runenworten beginnen. Die verschiedenen Formen des Futhark werden uns einen Großteil des Schuljahres beschäftigt halten. Gegen Ende werden wir Ogham streifen, aber nur kursorisch und aus historischem Interesse. Ein genauerer Blick auf Ogham ist den NEWT-Klassen vorbehalten.«

Sie blieb stehen und zeichnete sechs Symbole auf die Tafel.

ᚠ ᚢ ᚦ ᚨ ᚱ ᚲ

»Fehu, Uruz, Thurisaz, Ansuz, Raido, Kaunan«, sagte sie dann und tippte dabei mit der Kreide der Reihe nach auf die einzelnen Symbole. »Futhark. Dies sind die ersten sechs Zeichen des älteren Futhark – und sie geben dieser Runenreihe den Namen.«

Luna sah, wie Seamus mitzuschreiben begann. Sie selbst hatte noch nichts aufschreibenswert Neues gehört, aber um nicht ungesellig zu wirken, kopierte auch sie die Runen auf ein Pergament.

»Bitte schlagen Sie nun Ihre Schulbücher auf, und lesen Sie den Spruch auf der ersten Seite mit. Nicht auf der ersten Seite des Textes, sondern die zwei Verse auf dem Vorsatzblatt.«

Und dann rezitierte sie laut:

»Weißt du zu ritzen? Weißt du zu deuten?
Weißt du zu zeichnen? Weißt du zu prüfen?
Weißt du zu bitten? Weißt du zu bieten?
Weißt du zu senden? Weißt du zu tilgen?

Besser ist es, nicht zu bitten, als zu viel zu bieten!
Eine Gabe hat immer einen Preis!
Besser ist es, nicht zu senden, als zu viel zu tilgen!
So ritzte Thundr, bevor es Menschen gab,
und er stieg auf, von wo er kam.«

Es war ziemlich beeindruckend, wie Professor Babblings Stimme das Klassenzimmer erfüllte und nun in Schweigen verfiel, als warte sie darauf, dass sich die Botschaft in ihren Köpfen setzte. Luna war sich nur nicht sicher, ob sie die Botschaft auch verstanden hatte. Das hörte sich alles sehr … interpretationsbedürftig an, oder?

»Thundr ist übrigens einer der über zweihundert Namen Odins, aber das nur nebenbei. Das Wichtige ist: Nur wenn Sie alle acht Fragen mit ›Ja‹ beantworten können und die vier Warnungen – und es sind vier! – verstanden haben, dann – und erst dann – werden wir in allem Ernst beginnen, Runen zu ritzen! Bis dahin werden Sie nur auf Papier oder Pergament und nur mit Tinte zeichnen. Sie werden niemals – unter gar keinen Umständen! – auch nur mit einem einfachen Holzstöckchen Runen irgendwohin ritzen! Ein falscher Buchstabe, ein einziger falscher Strich kann Verletzung, Verstümmelung und Tod bedeuten – für Sie und andere! Wenn jemand gegen diese Regel verstößt, wird er oder sie, unabhängig von der möglichen Harmlosigkeit des Vorfalls, meinen Unterricht nie wieder besuchen! Habe ich mich deutlich ausgedrückt?«

Die Klasse murmelte ein müdes »Ja, Professor«. Luna fand, dass die ganzen Warnungen und Drohungen der Professoren viel wirksamer gewesen wären, wenn nicht jeder von ihnen sein eigenes Fach zum gefährlichsten und potenziell tödlichsten aller Schulfächer erklärt hätte. Bei Professor McGonagalls erster Verwandlungsstunde war es ja noch eindrucksvoll gewesen, aber spätestens beim dritten Hören verlor die Drohkulisse aus kombiniertem Tod und Unterrichtsausschluss erheblich an Wirkung.

Während Professor Babbling über Fehu, das Vieh, zu erzählen begann, lächelte sie Seamus so lange an, bis er das Weiterschreiben vergaß und entnervt zurückstarrte. Wenn er nicht besser aufpasste, würde er nur die Hälfte von Professor Babblings Ausführungen mitbekommen und am Schluss noch Nachhilfe brauchen. Sie hörte mit halbem Ohr dem Vortrag zu und machte sich zur Sicherheit ein paar Notizen, obwohl das meiste sowieso in ihrem Schulbuch stand.

Unterdessen überlegte sie, ob sie Seamus nach der Stunde vielleicht ausnahmsweise, zur Feier des Tages, erlauben sollte, ihre Schultasche für sie zu tragen. Schließlich mussten sie sowieso beide zu Arithmantik in den sechsten Stock hoch.

Professor Babbling warf ihr einen strengen Blick zu, als sie plötzlich zu kichern begann, aber Luna kümmerte es nicht. Schließlich hatte sie heute Geburtstag und damit jedes Recht, sich so gut wie möglich zu amüsieren. Und genau das hatte sie auch vor.