13. Blue Eyes, Blue Eyes …
(Make Me Smile (Come Up And See Me) – Steve Harley & Cockney Rebel)
»Aber was, wenn ich nur einen Spaziergang am See machen will?« Luna sah aufrichtig interessiert in Filchs mürrisch verzogene Miene und ignorierte das genervte Aufstöhnen in der Schlange hinter sich.
»Name!«, grunzte Filch sie ungerührt, ohne auf ihren neuen Einwand einzugehen. Er wirkte inzwischen recht verdrießlich – noch gereizter als gewöhnlich –, aber auch ihre Geduld näherte sich langsam ihrem Ende. Die Sicherheitsmaßnahmen wurden allmählich lächerlich! Auroren und Wachtrolle, die auf den Korridoren und auf dem Schulgelände herumspazierten waren ja schön und gut, aber warum nun Filch auch noch ihre Namen auf seiner Liste abhaken musste, wollte ihr nicht so recht einleuchten.
»Also müssen alle im Schloss bleiben, die keine Hogsmeade-Erlaubnis haben? Niemand darf raus? Aus keinem Grund? Das ganze Wochenende lang nicht?« Sie bedachte den Hausmeister mit einem sehr nachdenklichen Blick. »Hmm, also kein Quidditchtraining? Keine –«
»Lovegood!«, fiel Anthony ihr in den Rücken. »Luna Lovegood!«
Filch knurrte böse, sah auf seiner langen Pergamentrolle nach, machte einen Haken und winkte sie barsch weiter. Sie hatte nicht vor, ihn so einfach davonkommen zu lassen, und setzte gerade zu einem »Aber …« an, doch Anthony drängte sie zur Seite, sagte brav sein »Goldstein, Anthony« und schob sie mit sanft, aber nachdrücklich durch das Eingangstor nach draußen. Eigentlich ein bisschen unverschämt, wenn man genauer darüber nachdachte.
»Musste das sein?«, zischte Anthony ihr zu, als sie draußen standen.
Sie blinzelte in die blasse Sonne, die sich als trübe kleine Scheibe durch graue Wolkenschleier abzeichnete, und dachte kurz nach.
»Wahrscheinlich nicht«, gab sie schließlich zu – widerwillig. Vermutlich hatte Filch nur getan, was man ihm aufgetragen hatte. Selbst ein noch so übellauniger Hausmeister hatte an einem Samstagvormittag bestimmt Besseres zu tun, als vor dem Schlosstor zu stehen und Namen auf einer Liste abzuhaken. Aber es war so sinnlos! Wollte er den ganzen Tag da Wache stehen? Bei jedem, der ein- oder ausging, nach dem Namen fragen und immer wieder auf seiner Liste nachsehen? Wozu? Und überhaupt – warum nur an einem Hogsmeade-Wochenende und nicht immer?
»Lasst uns gehen!«, meinte Simon, als er und Terry endlich zu ihnen stießen.
Luna steckte die Hände in die Manteltaschen und folgte den anderen. Es gab wirklich Wichtigeres als das seltsame Benehmen von Filch. Ihr erstes Hogsmeade-Wochenende! Sie freute sich seit Wochen darauf, und jetzt war es endlich so weit. Wegen der ganzen Aufregung um Sirius Black hatten viele schon daran gezweifelt, dass es überhaupt stattfinden würde, aber anscheinend waren die Lehrer überzeugt, dass Black es einzig und allein auf den armen Harry abgesehen hatte. Jedenfalls fand es nun statt. Ohne Harry, der ja sowieso keine Erlaubnis hatte.
Es war eine überraschend lange Wanderung auf dem knirschenden Kiesweg, bis sie überhaupt die Tore zum Schulgelände erreichten. Luna war nicht einmal mehr kalt, obwohl sich die Sonne die ganze Zeit über nicht hinter den Wolken hervorgewagt hatte. Zu beiden Seiten der schmiedeeisern en Tore, direkt unter den Statuen der beiden geflügelten Schweine auf ihren Steinsäulen, waren zwei Auroren postiert. Sie hatten einen großen Wachtroll und Madam Hooch dabei. Die Auroren wirkten gelangweilt, der Wachtroll döste auf seine Keule gelehnt, aber Madam Hoochs wachsamer Adlerblick schien jeden Einzelnen von ihnen durchbohren zu wollen, während sie näher kamen.
Anthony grüßte sie mit einem höflichen »Guten Morgen, Madam Hooch!«, und Luna schloss sich dem Murmeln von Terry und Simon an. Als Antwort erhielten sie nur ein knappes Kopfnicken, und dann ruckte Madam Hoochs Blick auch schon weiter und nahm die nächste Schülergruppe hinter ihnen aufs Korn. Die Auroren nahmen kaum Notiz von ihnen, und der Wachtroll öffnete nicht einmal die Augen, als sie an ihm vorbeigingen.
In einer der Gruppen vor ihnen wanderten Lisa, Padma und Morag zusammen mit Parvati und Lavender nach Hogsmeade, und da Simon und Anthony ein ziemliches Tempo vorgaben, holten sie langsam auf. Als sie auf gleicher Höhe waren, rief Morag Lunas Namen. Sie setzte sich von den Jungs ab und schlenderte zu den Mädchen.
»Und? Triffst du dich heute mit Seamus?«, fragte Morag sofort, als sie herangekommen war.
Sie war ehrlich überrascht und schüttelte den Kopf. »Nein? Warum?«
»Nur so«, meinte Morag, und Lavender kicherte.
»Ach so. Ja dann …« Luna tat, als wäre sie nicht weiter interessiert und mit dem »Nur so« völlig zufrieden.
Morag verdrehte die Augen. »Spielverderberin«, sagte sie, bevor sie zu berichten begann: »Seamus hat Parvati gefragt, ob du heute auch in Hogsmeade bist.«
Luna sah zu Parvati, aber diese zuckte nur mit den Achseln und meinte: »Vielleicht wollte er nur sichergehen, dass er dir nicht zufällig über den Weg läuft?«
»Hmm«, machte Luna und drehte nachdenklich am Zauberstab hinter ihrem Ohr. Diese Möglichkeit ließ sich natürlich nicht völlig ausschließen. Wer wusste schon, was in den Köpfen von Jungs vorging? Trotzdem musste sie lächeln. Selbst das wäre süß von Seamus gewesen. In gewisser Weise.
»Hat Terry eigentlich 'ne Verabredung?«, wollte Lisa plötzlich von ihr wissen.
Luna konnte der Versuchung nicht widerstehen. »Terry hat. Hast du ihn etwa auch gefragt?«
»Nein … nicht direkt.« Lisa starrte düster den drei Jungs hinterher, die inzwischen schon ein ganzes Stück voraus waren. »Mit wem?«
»Oh, mit niemand Besonderem«, erwiderte Luna leichthin. »Nur mit mir – und Simon und Anthony.«
Sie wartete Lisas Antwort nicht ab, sondern lief los, um die anderen wieder einzuholen. Sie erreichte die Jungs gerade, als die letzte Biegung des Wegs den Blick auf die ersten Häuser von Hogsmeade freigab.
»Also irgendwie hab' ich mir das größer vorgestellt«, sagte Terry zu ihr, als sie angekommen war. Er war einen Moment stehen geblieben, vielleicht um auf sie zu warten, während Anthony und Simon unbeirrt weitermarschierten.
Hogsmeade war vermutlich wirklich nicht sonderlich beeindruckend, wenn man es mit den Augen eines Muggelstämmigen betrachtete. Ein paar Geschäfte entlang der Hauptstraße und einige Häuser in den Seitengässchen, die davon abzweigten. Aber für Zaubererverhältnisse war es eine richtige Stadt. Normalerweise lebten Zauberer und Hexen viel verteilter, und meist ließen sie sich nicht einmal in Sichtweite voneinander nieder. Vermutlich lebte Terry noch zu sehr in der Muggelwelt, als dass er erkannt hätte, wie seltsam eine Zaubererstadt an sich schon war.
»Komm!«, sagte sie zu ihm und zog ihn weiter. »Lisa hat nach dir gefragt«, informierte sie ihn im Gehen.
Terry drehte sich um, warf einen Blick auf die nachfolgenden Mädchen und murmelte dann: »Hyänen.«
Luna musste kichern. In Terrys Kopf gab es im Moment nur Platz für eine einzige Sache: seine Animagus-Transformation. Obwohl der Trank noch lange nicht fertig war, übte er jeden Tag die einzelnen Schritte des Verwandlungsspruchs. Und er zwang auch sie regelmäßig zum Mitmachen. Einundzwanzig genau abgestimmte Zauberstabgesten, kombiniert mit einer Folge von dreiundzwanzig Spruchsilben. Es war ein Monsterspruch, und sie bezweifelte langsam, dass es die Mühe wirklich wert war. Die erste Trankdosis würde ihnen gerade einmal Zeit für zwei oder drei Versuche lassen, und in dem Buch stand, dass kaum jemand es unter zwanzig Anläufen schaffte und auch doppelt so viele nicht selten waren. Wenn man dann noch die Brauzeit für den Trank bedachte und die Sicherheitsabstände, die man einhalten musste, um Vergiftungserscheinungen zu vermeiden, dann konnte es Jahre dauern, bis sie Erfolg hatten. Sie bezweifelte ein wenig, dass Terrys Begeisterung so lange anhalten würde.
»Was hat Lisa gesagt?«, wollte Terry von ihr wissen, während sie sich beeilten, zu Simon und Anthony aufzuschließen.
»Nichts Wichtiges«, gab Luna Auskunft. »Sie wollte nur wissen, ob du 'ne Verabredung mit 'nem anderen Mädchen hast.«
Ein Schnauben war Terrys einzige Reaktion. Aber inzwischen hatten sie Simon und Anthony eingeholt und standen vor den ersten Häusern von Hogsmeade. Nachdem Simon einen schnellen Tempus-Zauber absolviert hatte, fragte er: »Und? Wo wollt ihr zuerst hin?«
»Honeydukes!«, rief Luna und klatschte in die Hände, um ihre Forderung zu unterstreichen.
Anthony musterte sie mit einem Stirnrunzeln. »Zum Süßigkeitenladen? Du bist dir ganz sicher, dass du dreizehn geworden bist und nicht erst fünf?«
Aber Simon meinte: »Warum nicht? Bringen wir es hinter uns. Wenn wir Glück haben, ist es noch einigermaßen ruhig. Später ist in Honeydukes normalerweise die Hölle los.«
Terry enthielt sich klugerweise der Stimme, und so brachen sie auf, auch wenn Anthony etwas Ähnliches wie »Kindereien« vor sich hin murmelte. Es stellte sich jedoch bereits in einiger Entfernung von Honeydukes heraus, dass Simon sich geirrt hatte. Es war nicht mehr einigermaßen ruhig, und die Hölle hatte ihre Pforten bereits geöffnet. Schon auf der Straße vor dem Geschäft belagerte eine mächtige Schülertraube einen kleinen Stand. Luna nutzte ihre Kleinheit und gelegentliches Zustechen mit dem Zauberstab, um sich durch die Massen zu kämpfen, und gleich darauf hatte sie auch schon eine kostenlose Probe von Honeydukes Neues Karamelltoffee Mit Noch Mehr Mandeln Und Krokantsplittern ergattert. Es war umwerfend. Butterweich schmolz die zähe Masse im Mund und klebte zwischen den Zähnen, bevor sie allmählich die Nüsse freigab. Terry, der ihr als einziger gefolgt war, hatte einen beinahe verträumten Ausdruck auf dem Gesicht, während er angestrengt daran herumkaute.
»Wirklich gut«, meinte er noch immer mit der zähen Masse kämpfend, als sie sich wieder aus der Schülertraube befreit hatten. »Kann man nichts dagegen sagen.«
In den Laden selbst hineinzukommen, war nicht ganz so einfach. Es war ein gewaltiges Schieben und Drängeln, Rippenstoßen und Schubsen, aber es gab zum Glück nicht genug Platz, um hinzufallen. Luna ließ sich mit dem allgemeinen Strom durch das Geschäft treiben. Im Vorbeigehen füllte sie sich aus einem Fass voller Bertie-Botts-Bohnen eine große Tüte ab und bediente sich auch an den Eis-Mäusen und den Pfeffer-Teufelchen großzügig. Sie nahm auch eine Handvoll Zuckerfedern mit, schließlich hatte sie genug Geburtstagsgeld in der Tasche, das dringend ausgegeben werden wollte, und außerdem hatte sie Ginny versprochen, ihr etwas aus Honeydukes mitzubringen. Daher war sie schon ziemlich beladen, als sie das Schild sah: »Ausgefallene Geschmäcker«. Sie befreite sich aus dem Gedränge und steuerte zielstrebig darauf zu. Komischerweise war es relativ ruhig in dieser Ecke des Ladens. Ein paar Gryffindors standen um eine Anrichte mit großen Glasbehältern, die mit verschiedenen Lutscherarten gefüllt waren. Luna sagte »Hi!« zu ihnen, bevor sie zugriff. Blutaroma? Sie hatte keine Ahnung, wie Lutscher mit Blutaroma schmeckten, und nahm gleich ein halbes Dutzend. Die anderen hatten so etwas bestimmt auch noch nie probiert.
»Hi, Luna«, meinte Hermione etwas verspätet, während Ron und Dean stumm blieben. »Ich dachte, ihr und die Hufflepuffs hättet heute Vormittag Unterricht?«
»Fällt aus«, erklärte Luna ihr. »Professor Lupin ist schon wieder krank.«
Die drei Gryffindors warfen sich seltsame Blicke zu, sagten aber nichts. Sie wartete eine Weile, doch das betretene Schweigen hielt an. Schließlich hatte sie genug. Sie beugte sich über die Anrichte, hinter der sie vorhin einen hellen Haarschopf hatte hervorspitzen sehen, und sagte zu dem am Boden kauernden Jungen dahinter: »Hi, Seamus! Hast du etwas verloren? Soll ich suchen helfen?«
Der Kopf, der vorsichtig hinter der Anrichte auftauchte, war so rot, dass sie sich des Verdachts nicht erwehren konnte, dass Seamus sich vor ihr hatte verstecken wollen. Was natürlich Unsinn war. Warum hätte er sich verstecken sollen? Sie war sich sicher, dass sie ihm keinen Grund zu so etwas gegeben hatte. Andererseits war Seamus ein Junge, und Jungs waren manchmal sehr komisch.
»L-Luna? Hi …«, brabbelte Seamus und behauptete dann stotternd: »I-Ich hab' nichts verloren, ich … ich hab' mir nur die Schuhe zugebunden.«
Also hatte er sich tatsächlich versteckt. Vor ihr. Innerlich schüttelte sie den Kopf. Jungs waren definitiv komisch! Sie lächelte ihm beruhigend zu. »Wie gefällt dir Honeydukes?«, fragte sie, um ein bisschen harmlose Konversation zu machen und ihm etwas Zeit zu geben, sich wieder zu fangen.
Seamus öffnete den Mund, allerdings kam nichts heraus, was Luna als ein Wort aus irgendeiner ihr bekannten Sprache hätte identifizieren können, und dann klappte er ihn auch schon wieder zu. Hinter ihr erklang ein gedämpftes Keuchen, und als sie sich umdrehte, sah sie Dean, der sich die Hand vors Gesicht hielt und offenbar unter krampfhaften Bauchschmerzen litt. Entweder versuchte er, ein Lachen zu unterdrücken – mit mäßigem Erfolg –, oder er hatte zu viele Süßigkeiten gegessen und tatsächlich Bauchweh. Da sie sich in Honeydukes aufhielten, schien die zweite Möglichkeit nicht von vorneherein völlig ausgeschlossen. Trotzdem warf sie ihm einen warnenden Blick zu. Sicher war sicher.
»Nett hier, nicht wahr? Was ist eigentlich deine Lieblingssüßigkeit?«, fragte sie Seamus so beiläufig wie nur eben möglich.
Er erstarrte, und sie rechnete schon nicht mehr mit einer Antwort, aber dann deutete er auf ein Fass weit hinten, am anderen Ende der Abteilung für »Ausgefallene Geschmäcker«. Ganz offensichtlich, ohne wirklich hinzusehen.
»Aha!« Sie zwinkerte ihm verschwörerisch zu. »Vielleicht sehen wir uns ja später noch? In den Drei Besen?«, gab sie ihm zum Abschied mit auf den Weg, winkte und schlenderte davon. Sie tat so, als interessierte sie sich brennend für die Kakerlaken-Crossies, und als sie sich wieder umdrehte, waren die vier Gryffindors wie vom Erdboden verschluckt. Sie ging zu dem Fass, auf das Seamus vorhin gezeigt hatte, und fand es bis zum Rand voll mit roten, grünen und gelben Wabbelschnecken. Die dicken, glitschigen Würmer ließen sich nur unter Mühen in eine Tüte füllen, aber sie fand, dass es die Sache wert war. Hmm, vielleicht hatte Ginny irgendetwas gegen Ron in der Hand, und sie konnten ihn dazu »ermutigen«, Seamus ein paar davon als kleines Präsent aufs Kopfkissen zu legen? Und möglicherweise mochte Seamus diese widerlichen Glitschwürmer ja wirklich? Konnte man das etwa völlig ausschließen? Wohl kaum.
Sie wusste nur eines mit hundertprozentiger Sicherheit: Wenn sie vorher auch nur geahnt hätte, was für einen Spaß es machte, einen Freund zu haben, dann hätte sie sich schon im ersten Schuljahr einen ausgesucht.
Simon sah zweifelnd zu dem rissigen, alten Holzschild hoch. Mit viel Phantasie konnte man in der abblätternden Farbe die Umrisse eines blutigen Schweinskopfs auf einem möglicherweise einstmals weiß gewesenen Tuch erkennen. Ein Tempus-Zauber sagte ihm, dass er noch fast zehn Minuten hatte, und er war ernsthaft versucht, so lange hier draußen zu warten. Der Eberkopf machte schon von außen keinen besonders einladenden Eindruck, wie mochte es erst drinnen aussehen? Durch die Fenster ließ sich das leider nicht feststellen. Sie waren so staubig und verdreckt, dass selbst normales Milchglas eine klarere Sicht ins Innere erlaubt hätte.
Schließlich gab er sich einen Ruck und drückte die Klinke, die wohl der sauberste Teil der Tür war. Er wischte sich trotzdem die Hand an der Robe ab, während er sich in dem düsteren Schankraum umsah. Milchglas wäre nicht nur weniger blickdicht gewesen, es hätte wohl auch mehr Licht hereingelassen als die schmutzigen Fensterscheiben. Die Theke war verlassen. Ein seltsamer Geruch hing in der Luft. Es stank nicht direkt, es roch einfach unangenehm. Irgendwie stechend, sauer, tierisch, aber kein Geruch, den er einordnen konnte.
Erst als er ein paar Schritte in den düsteren Raum hinein getan hatte, fiel ihm auf, wie seltsam weich der Boden war. Bisher hatte sein Blick eher den geschwärzten Deckenbalken und den unzähligen alten Spinnwebennestern dort oben gegolten, aber als er nach unten sah, war da nicht der Teppich, den er zuerst dort vermutet hatte. Da war überhaupt kein richtiger Boden. Es schien eine Mischung aus gestampfter Erde und dreckigen Sägespänen zu sein, was da als Fußbodenersatz fungierte. Wenigstens passte die restliche Einrichtung – soweit man sie im herrschenden Zwielicht überhaupt erkennen konnte – zum allgemeinen Ambiente. Die Tische und Stühle wirkten, als wären sie vor Erfindung des Hobels von einem betrunkenen Schreinerlehrling aus grob behauenen Stämmen und Brettern zusammengenagelt worden. Der hintere Teil des Raumes lag in gnädigem Dunkel. Man konnte nur eine steile Stiege erahnen, die wohl nach oben führte. Rustikal und pittoresk war eine Sache, aber das hier war absurd. So ein heruntergekommener Eindruck konnte nicht durch simple Vernachlässigung und apathische Unsauberkeit entstehen, ein solcher Grad von Schäbigkeit und purem Dreck erforderte harte Arbeit, wenn man ihn aufrechterhalten wollte. Absicht. Es war die einzige Erklärung, die ihm für den Zustand dieses »Etablissements« einfallen wollte. Er war inzwischen einiges an Seltsamkeiten von der Zaubererwelt gewohnt, aber dieser Ort stellte eine neue Dimension dar. Eine äußert unhygienische Dimension.
Er fragte sich, was sich George dabei gedacht hatte. Gut, vielleicht wäre Madam Puddifoots ein bisschen sehr daneben gewesen, und er selbst hätte nie vorgeschlagen, sich dort zu treffen, aber was gab es gegen die Drei Besen einzuwenden? Natürlich war das Gasthaus ziemlich überlaufen, und man hätte sie zusammen gesehen, aber na und? Solange sie nicht herumknutschten und Händchen hielten, konnte man ihnen kaum ansehen, dass sie mehr als nur ganz normale Schüler waren, die sich freundschaftlich unterhielten.
Und in den Drei Besen wäre es wenigstens warm gewesen. Die anderen saßen inzwischen bestimmt bei einem Butterbier an einem gemütlichen, sauberen Tisch, während er in einer leeren Schankstube stand, deren einziger Vorteil gegenüber draußen war, dass die versifften Holzpaneele an den Wänden den Wind abhielten.
Simon stand noch immer unschlüssig herum und erwog ernsthaft, wieder hinauszugehen und auf der Straße auf George zu warten, als knarzende Geräusche von der Stiege her erklangen. Dünne, nur von Pantoffeln bedeckte Füße kamen vor o-beinigen Knien in Sicht, gefolgt von einer Schürze, die ihre Farbe unter einer Schicht von Schmutzflecken vollständig verbarg, und dünnen, behaarten, altersfleckigen Armen. Das dazugehörige Gesicht ließ nicht lange auf sich warten.
»Guten Tag«, grüßte Simon hastig, und der alte Mann hielt auf der Stiege inne.
Mit mürrischer Miene blinzelte er durch dicke Brillengläser in die Gaststube, und Simon hatte ausreichend Zeit, die bemerkenswerte Erscheinung in aller Ruhe auf sich wirken zu lassen. Es mochte auch daran liegen, dass der hintere Teil des Raumes kaum Licht abbekam, aber selbst im strahlendsten Sonnenschein hätte das faltige Gesicht des Mannes wohl einen ausgezehrten und hohlwangigen Eindruck gemacht. Seine Nase war schmal und lang, die Augen blitzten stechend unter dichten, weiß-grauen Augenbrauen hervor. Schütteres, aber langes Haar reichte ihm in fettig glänzenden, gelblich-grauen Strähnen bis über die Schultern. Der Bart war … wäre vielleicht ebenso gelblich-weiß gewesen, wenn man ihn gründlich gewaschen hätte. Zumindest stand zu vermuten, dass er weiß nachgewachsen wäre, wenn man ihn abrasiert hätte. Die ganze Gestalt machte einen uralten, knochigen, aber nicht unbedingt gebrechlichen Eindruck.
Der Alte knurrte etwas Unverständliches und setzte sich wieder in Bewegung. Er kletterte die letzten Stiegenstufen herab, ignorierte Simon und verschwand hinter dem Tresen. Dort griff er nach einem Krug, betätigte den Zapfhahn, hielt den Krug schräg darunter und ließ ihn langsam volllaufen. Dann hob er ihn an die Lippen und trank. Zwei gar nicht so dünne Fäden Bier liefen ihm aus den Mundwinkeln in den Bart und schließlich auf seine Schürze. Als er den Krug wieder absetzte, schien dieser leer, doch vermutlich war die Hälfte ohnehin Schaum gewesen, wenn man nach der Menge gehen wollte, die nun als weißer Rand den vergilbten Bart des Alten zierte.
Mit einem Knall landete der ohnehin von Sprüngen durchzogene Krug wieder auf dem Tresen. »Was willst du?«, fuhr der seltsame Greis Simon an, während er sich mit dem Handrücken über den Mund wischte.
Simon beschloss, sich von diesem Schauspiel nicht ins Bockshorn jagen zu lassen. »Was gibt's denn?«, fragte er mit bewusst gelangweilter Stimme, beging jedoch den Fehler, sich lässig gegen den Tresen zu lehnen. Es klebte, und er ging hastig wieder auf Abstand.
»Bier, Schnaps …« Ein gemeines Grinsen erschien auf dem Gesicht des Alten, das mehr Lücken als Zähne erkennen ließ, und seine stechend blauen Äuglein blitzten hinter den Gläsern seiner Brille. »… und Wasser.«
Simon war sich ziemlich sicher, dass er in diesem Laden kein Wasser trinken wollte. Alkoholhaltige Getränke würden wenigstens einen Großteil der Bakterien und Keime abtöten, aber Wasser war unter diesen hygienischen Umständen ein gewagtes Spiel. Natürlich war der ganze Schmutz und Dreck vermutlich nur Staffage, aber die Klebrigkeit des Tresens war beunruhigend real gewesen.
»Dann nehm' ich 'n Bier«, erklärte er tapfer.
»Wie der Herr wünschen!«, kam die hämisch klingende Antwort. Und dann wanderte der Krug, aus dem gerade noch der Alte getrunken hatte, in ein Becken mit Spülwasser. Oder jedenfalls in irgendeine bräunlich-trübe Flüssigkeit. Simon war zu entsetzt, um genauer darüber nachzudenken. Und er wollte auch gar nicht darüber nachdenken. Ohne dass der Krug auch nur in die Nähe von halbwegs klarem Wasser gekommen wäre – von Spülmittel ganz zu schweigen –, wurde er unter den Zapfhahn gehalten und erneut gefüllt.
Hätte der Alte noch mehr Zähne gehabt oder wären die paar Zähne, die er noch hatte, weiß gewesen, Simon wäre vom Strahlen des Lächelns wahrscheinlich geblendet worden, mit dem der Alte ihm den Krug über den Tresen hinschob. Und dann wünschte dieser greise Wirt der untersten Höllenschenke ihm mit scheinheiliger Freundlichkeit: »Wohl bekommt's!«
Simon biss die Zähne zusammen und zwang sich zu einem ironischen »Danke!«, nahm den Krug und ging mit dem Rest seiner Würde zu einem Ecktisch, ohne noch ein weiteres Wort zu verlieren. Sicherheitshalber sprach er einen Reinigungszauber auf den Tisch und den Stuhl, bevor er sich setzte. Der Spruch hatte zwar keinen sichtbaren Effekt auf die dunkelfleckigen Holzflächen, aber er fühlte sich trotzdem wohler so. Er versuchte, sich daran zu erinnern, mit welcher Hand der Wirt den Henkel des Krugs gehalten hatte, und drehte ihn dann so, dass er wenigstens nicht von derselben Seite trinken würde. Nach kurzem Zögern sog er dann vorsichtig an der Schaumkrone. Er hatte es sich schlimmer vorgestellt. Das Zeug im Krug war nicht so süß wie Butterbier, aber auch nicht so herb wie normales Bier. Wobei seine Erfahrungen mit normalem Bier sehr beschränkt waren. Er hatte nur einmal ein Glas im Dorfpub getrunken, als er, seine Mum und ihr damaliger Freund dort essen gewesen waren. Es war so bitter gewesen, dass er es nach der Hälfte hatte stehenlassen. Dagegen war diese Brühe beinahe trinkbar – wenn man die besonderen Umstände außer Acht ließ, was ihm nicht leichtfiel.
Als sich die Tür zur Straße öffnete, war er richtig erleichtert, aber es war nicht George. Was da zur Tür hereinkam, war eher das Gegenteil von George. Grunzend und stampfend betrat ein praktisch nackter Fleischberg die »Gaststube«. Es war nur mit einem windigen Lendenschurz und quer über Bauch und Rücken verlaufenden Ledergurten bekleidet. Das Ding sah aus wie eine Mischung zwischen einem Sumo-Ringer und einem aufrechtgehenden Schwein. Haarlose, schwabbelnde Fleischmassen wackelten zum Tresen. Ein Oger in Hogsmeade? Über Oger wusste Simon nicht viel, und er erkannte das Wesen nur von einer Zeichnung aus einem Buch, in dem auch nur gestanden hatte, dass Oger sehr zurückgezogen lebten und im Allgemeinen jeden Kontakt mit Menschen und Zauberern mieden. Er war sich nicht einmal sicher, ob dieses Exemplar ein Männchen oder ein Weibchen war. Einerseits hatte der Lendenschurz eine deutliche Ausbuchtung, andererseits waren da Hängebrüste, vier an der Zahl, die nicht sehr männlich wirkten. Oder waren Oger vielleicht sogar Zwitter?
»'immä?«, grunzte das Wesen den Wirt an. Es sollte wohl »Zimmer« heißen, war aber kaum als menschlicher Laut zu erkennen. Doch die seltsame Aussprache mochte auch auf die zwei großen Hauer zurückzuführen sein, die ihm aus der Schnauze ragten.
Der Wirt grummelte nur, kam hinter dem Tresen hervor und bedeutete dem Oger, ihm zu folgen. Dann stakste er die steile Stiege hoch, die sich kurz darauf gefährliche durchbog und protestierend aufächzte, als der wandelnde Fleischberg hinter ihm die Stufen erklomm.
Kaum war das gequälte Knarzen der Holzstiegen verklungen, öffnete sich die Eingangstür erneut. Diesmal war es endlich George. Simon wäre am liebsten aufgesprungen und ihm um den Hals gefallen, so erleichtert war er. Aber er beschränkte sich darauf, das Grinsen, das sich auf seinem Gesicht ausbreiten wollte, nicht zu unterdrücken.
»Hi«, grüßte George und kam an den Tisch. »Wartest du schon lange?«
»Nicht der Rede wert«, log Simon unbekümmert.
George setzte sich auf den Stuhl gegenüber und warf einen Blick in den Krug. »Bier?«
Bevor Simon ihn warnen konnte, hatte George auch schon einen tiefen Zug genommen. Von der definitiv falschen Seite.
»Aberforth hat das beste Bier weit und breit«, meinte George, nachdem er einen großen Schluck getan hatte. Simon verzog das Gesicht und beschloss, die Vergangenheit des Krugs nicht zu erwähnen.
»Angeblich mischt er Ziegenpisse rein«, behauptete George grinsend. »Gibt seinem Gebräu die besondere Note.«
»Pass bloß auf, Jüngelchen!«, erklang es von der Treppe her. Der Alte stand wieder am Fuß der Stiegen, und diesmal hatte kein Geräusch sein Erscheinen angekündigt. Oder Simon hatte es einfach überhört.
Der Wirt kam zu ihnen, stützte sich mit beiden Händen auf die Tischplatte und funkelte George an. »Wer solche Gerüchte verbreitet, muss damit rechnen, dass noch ganz andere Leute in sein Bier pissen, nicht nur die Ziegen. Was willst du?«
»Bring mir 'nen Krug deiner besten Ziegenpiss– äh, deines unvergleichlich köstlichen Bieres natürlich, werter Wirt und Patron dieser edlen Schankstube!«
»Übertreib's nicht, Bürschchen!«, warnte der Alte ihn, wandte sich aber ab und ging wieder zum Tresen.
Simon beugte sich zu George hinüber. »Bist du sicher, dass das klug war? Ich will ja nichts behaupten, aber wenn es jemanden gibt, der seinen Gästen wirklich ins Bier pisst, dann …« Er deutete mit dem Daumen zur Theke.
George lachte nur und winkte ab. »Aberforth ist schon in Ordnung. Wirklich, er macht nur Spaß. Und er kann seinen Mund halten. Fred und ich waren schon ein paarmal hier. Wenn wir was zu besprechen hatten, was nicht jeder mitkriegen musste. Die Drei Besen sind für Privatgespräche zu voll.«
Simon nahm an, dass die Diskretion des Wirtes wohl auch darauf zurückzuführen war, dass niemand es lange aushielt, dem Hauch seines Atems ausgesetzt zu sein. Aber es konnte ihm eigentlich egal sein. Hauptsache, George hielt ihn für verschwiegen. Er ließ seine Finger über Georges Hand wandern, nahm sie dann und hob den Handrücken an seine Lippen.
»Muss das sein?«, sagte George und zog seine Hand wieder weg.
»Du hast gesagt, er kann den Mund halten.«
»Trotzdem. Wenn jemand reinkommt?«
Simon drehte sich auf seinem Stuhl und blickte sich demonstrativ in der ansonsten menschenleeren Gaststube um. »Hier rein?«
»Auch wieder wahr«, gab George zu. »Aber lass mich erst mein Bier holen. Dann kannst du mich befummeln, soviel du willst.
»Wer's glaubt«, murrte Simon vor sich hin, aber da war George schon weg. Erstaunlicherweise war er jedoch bereits Sekunden später tatsächlich wieder da und zog sogar seinen Stuhl näher heran, bevor er sich wieder hinsetzte. Er nahm einen Schluck aus seinem Krug und grinste Simon herausfordernd an. »Was ist jetzt mit fummeln?«
Simon glaubte seinen Ohren nicht zu trauen. Und seinen Augen noch weniger, als sich George zu ihm herüberlehnte und ihn plötzlich küsste. Es war ein wenig unbequem, weil die Tischkante zwischen ihnen war, aber er wollte sich keineswegs beschweren. Wenn George schon einmal in der richtigen Stimmung war, würde er es einfach genießen. Kam selten genug vor.
Als sich ein glitschiges, kaltes Etwas in sein Ohr bohrte, hätte er aufgeschrien, wenn sein Mund in diesem Moment frei gewesen wäre. So musste er sich auf ein würdeloses Quieken beschränken. Lachend ließ George von ihm ab und zog den Finger wieder aus Simons Ohr.
»Igitt!« Simon versuchte, sich das Ohr mit dem Ärmel seiner Robe abzuwischen. »Du Arsch! Was war das?«
»Nur Bier«, meinte George noch immer lachend. Er steckte demonstrativ den Zeigefinger in seinen Krug, und ehe Simon reagieren konnte, bohrte sich der nächste nasse Finger in sein anderes Ohr.
»Lass das!« Irritiert schlug Simon nach der Hand an seinem Ohr, aber George war zu schnell. Und er kugelte sich vor Lachen, während Simon versuchte, irgendwie den steifen Stoff der Schulrobenärmel in seine Gehörgänge zu schieben und diese wieder einigermaßen trocken zu bekommen. Er wusste nicht, ob er wütend werden oder sich ganz seiner Verdutztheit hingeben sollte. Es war, als würde er einem Fremden gegenübersitzen. Nun, in gewisser Weise stellte das eine eindeutige Verbesserung dar. In der Schule war George immer sehr nervös und verkrampft, wenn sie sich auch nur für zwei Minuten allein irgendwo trafen. Im Augenblick benahm er sich zwar vollkommen kindisch, aber er war auch entspannter und lockerer als jemals in den Korridoren des Schlosses. Vielleicht sogar ein bisschen zu locker.
»Habt ihr Sprouts geheimen Kräutervorrat geplündert?«, fragte er nur halb im Scherz. George und Fred war so etwas durchaus zuzutrauen.
»Haben wir noch nicht gefunden«, beschied in George mit überlegenem Grinsen. »Aber was nicht ist, kann ja noch werden.« Dann lehnte er sich mit hinter dem Kopf verschränkten Armen zurück und streckte die Beine unter dem Tisch aus.
Als sich gleich darauf etwas an der Innenseite von Simons Bein auf und ab bewegte, wusste er nicht mehr, was er denken sollte. Wenn er nicht völlig sicher gewesen wäre, dass das George war … aber auch wenn Nasse-Finger-ins-Ohr-Stecken besser zu Fred gepasst hätte, Fred hätte ihn bestimmt niemals geküsst, nur um ihm einen Streich zu spielen. Oder? Aber das war Schwachsinn. Das war eindeutig George, der da auf dem Stuhl saß und mit seinen Füßen … mit Füßen, die in Schuhen steckten, die den »Boden« dieser Absteige berührt hatten! Wer mochte wissen, wie oft die Sägespäneschicht auf dem Boden schon von Erbrochenem und Schlimmerem durchtränkt worden war! Er schloss die Augen, aber nicht einmal diese Vorstellung konnte verhindern, dass er eine Erektion bekam.
»Vielsafttrank!« Er öffnete die Augen und starrte in Georges dauergrinsendes Gesicht. »Wer bist du, und was hast du mit George gemacht?«
Das Lächeln gefror. »Hat ja lang genug gedauert, Grey!«, meinte sein Gegenüber mit völlig veränderter Stimme. »Wir sind wohl doch nicht so schlau, wie wir immer meinen, oder, du Schleicher?«
Simon war für eine beschämend lange Sekunde tatsächlich unsicher, doch dann schaffte es George nicht länger, ernst zu bleiben, und schüttelte sich vor Lachen.
»Sehr witzig«, meinte Simon trocken. »Aber hätten Sie vielleicht fünf Minuten Zeit? Wo Sie schon einmal diesen Körper angenommen haben, könnten wir uns ein Zimmer hier nehmen und Sie könnten mich einen genaueren Blick darauf werfen lassen. Ohne diese hinderlichen Roben.«
Georges Lachen verstummte schnell. »Dämlicher Spruch! Würdest du das tatsächlich mit jemandem machen, der Vielsafttrank getrunken hat?«
»Vielleicht?«, gab Simon schwammig Auskunft. Jetzt war es an ihm, zu grinsen. »Wie oft hat man schon so eine Gelegenheit? Und wenn das Original nicht verfügbar ist, muss man sich eben mit einer Kopie begnügen. In der Not frisst der Teufel Fliegen.«
Wahrscheinlich hätte er den Tritt kommen sehen müssen, aber er beschloss, den blauen Fleck einfach als Liebesbeweis zu werten und ließ sich nichts anmerken. Stattdessen begann er nun seinerseits, mit dem Fuß an Georges Bein entlangzufahren.
Er beugte sich über den Tisch und fragte leise: »Was ist jetzt mit Weihnachten? Hast du dir's überlegt?«
»Das ist nicht so einfach«, druckste George herum – erwartungsgemäß. »Wir können nicht schon wieder in Hogwarts bleiben. Wir waren schon die letzen zwei Weihnachten nicht zu Hause. Unsere Mum …«
Simon verdrehte die Augen. Georges Mum tauchte inzwischen fast so oft als Entschuldigung auf wie die magische Karte. Allmählich beschlich ihn das seltsame Gefühl, dass Georges Mum das eigentliche Problem darstellte. George schien sogar weniger Angst vor dem Erwischtwerden an sich zu haben als davor, dass in der Folge auch seine Mum erfahren könnte, dass ihr Sohn schwul war.
»Und was ist mit 'nem Besuch?«, unterbrach er Georges Litanei. »Nach Weihnachten? Will deine Mum dich auch an Silvester unbedingt im Haus haben?«
»Wie soll ich ihr erklären, dass ich jemanden mitten in den Weihnachtsferien besuchen will? Allein? Ohne Fred?«
»Ich vermute, die Wahrheit ist keine Option?«, fragte er ohne viel Hoffnung.
»Was? Nein! Das … das geht einfach nicht! Dad wär' nicht das Problem, aber Mum … Nein!« George klang nicht so, als würde er über diesen Punkt diskutieren wollen.
»Nachhilfe?«, schlug Simon vor. »Im Sommer sind OWLs. Es könnte doch sein, dass du in irgendwas nicht so gut bist wie Fred?«
»Nachhilfe? Von 'nem Drittklässler? Jaja, ich weiß, alle Ravenclaws sind Genies, und du bist sowieso das größte Genie aller Zeiten, aber das glaubt keiner!«
Simon fand, dass es etwas weniger Sarkasmus auch getan hätte, konnte aber nicht umhin, die innere Logik von Georges Gegenargument anzuerkennen.
»Komm schon«, meinte George und stieß mit seinem Krug aufmunternd gegen Simons Bier. »Kein Grund, den Beleidigten zu spielen.« Simon griff mürrisch nach seinem Krug und nahm ebenfalls einen Schluck.
»Bis Weihnachten ist es doch sowieso noch ewig hin«, erklärte George schließlich. »Vielleicht fällt mir bis dahin noch was ein.«
Und dann machte sich Simons fortgesetztes Schweigen endlich bezahlt. Er konnte es selbst kaum glauben, aber George stand tatsächlich auf und setzte sich auf seinen Schoß – für seine Größe war er überraschend schwer – und flüsterte ihm ins Ohr: »Und vielleicht – aber nur vielleicht – hab' ich ja auch 'ne kleine Geburtstagsüberraschung für dich.«
»Was?« Simon versuchte, weniger interessiert zu klingen, als er tatsächlich war. Im Moment war er aber ohnehin ziemlich abgelenkt. Georges Hintern presste sich mit einigem Gewicht durch die Roben an seine Weichteile – auf eine keineswegs unangenehme Weise. Er fragte sich, ob George es durch die Roben hindurch spüren konnte. Er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, aber er fühlte selbst, dass seine Wangen glühten, und wenn es so weiterging, dann würde das hier in Kürze das erste Mal gewesen sein, dass er Sex gehabt hatte. Oder wenigstens so etwas Ähnliches wie Sex.
»Wird nicht verraten.« George grinste ihn verschmitzt an und gab ihm einen schnellen Kuss. »Die paar Tage wirst du schon noch aushalten.«
Simon schlang die Arme um George und drückte ihn an sich. Es fühlte sich unglaublich an, George einfach nur umarmen zu können. Er riskierte einen Blick zum Wirt. »Und die Idee mit dem Zimmer …?«
George starrt ihn aus großen Augen an. »Du spinnst wirklich! Außerdem hab' ich gar nicht so viel Zeit!«
Simon murmelte: »Die fünf Minuten …«, aber George redete einfach weiter. »Wir haben massenweise Bestellungen, und Fred war sowieso nicht begeistert, dass ich mich abgeseilt hab'.«
Simon stöhnte in einer Mischung aus Frustration und Erregung auf. »Ihr macht schon wieder euren Bestellservice?«
George zog einen imaginären Hut. »Weasley GmbH & Co. KG! Stets zu Diensten! Irgendwie müssen wir uns schließlich finanzieren, oder? Und eigentlich wird's höchste Zeit, dass ich mich wieder bei meinem Kompagnon blicken lasse, sonst macht mir Fred Feuer unterm Arsch.«
Mit diesen Worten befreite sich George gemeinerweise aus seinen Armen und rutschte wieder auf seinen eigenen Stuhl. »Und ich sollte mich lieber mit Austrinken beeilen.«
Es war ein reichlich kurzes Vergnügen gewesen, fand Simon. Viel zu kurz. Zwei oder drei Minuten länger dieser anderen Art »Feuer unter dem Arsch«, und er hätte sich die dringend nötige Handarbeit sparen können.
»Und wann treffen wir uns wieder?«, fragte er, und gab sich keine Mühe, seine Frustration zu verbergen.
»Weiß nicht«, meinte George lahm und blickte erst einmal in seinen Bierkrug und nahm dann einen langen Schluck. »Fred und ich müssen noch was für Halloween vorbereiten, und dann ist nächsten Monat das Spiel gegen Slytherin, und wenn's nach Olly geht, werden wir in jeder freien Minute trainieren … Spätestens an deinem Geburtstag oder so?«
»Hm«, machte Simon nicht allzu unglücklich. Eigentlich war das sogar früher, als er erwartet hatte.
»Ich schick dir 'ne Nachricht«, meinte George. »Aber jetzt muss ich wirklich los.«
Er stand auf, nahm sich jedoch die Zeit für einen langen Abschiedskuss. Simon war weniger begeistert, als erneut ein feuchter Finger in seinem Ohr landete.
»Das wird alt!«, beschwerte er sich, aber George lachte nur, ging zu dem Alten an den Tresen, warf diesem ein paar klimpernde Münzen hin. Erst in der Tür drehte er sich noch einmal um und rief: »Bis dann!«, bevor er wieder verschwand.
Simon starrte trübsinnig in seinen halbleeren Bierkrug. Eigentlich war es idiotisch. Bier schmeckte ihm nicht einmal besonders, aber das war doch so eine Situation, in der man üblicherweise Alkohol konsumierte, oder? Wenn nicht jetzt, wann dann?
»Noch 'n Bier!«, rief er dem Alten hinter dem Tresen zu. Wie hatte George ihn genannt? Aberforth? Was sollte das wieder für ein Name sein?
Ein Bier zum Wiederrunterkommen und dann zurück ins Schloss, sagte er sich, während er seinen Krug in einem Zug leerte. Es schüttelte ihn, aber das kalte Gebräu wärmte ihn irgendwie auch. Vermutlich lag der Alkoholgehalt doch erheblich über dem von Butterbier. Er seufzte in seinen leeren Krug. Sobald er wieder in Hogwarts war, würde er dem nächstgelegenen Ort der Abgeschiedenheit einen schnellen Besuch abstatten. Er hatte jetzt nur noch eine dringende Verabredung für heute. Ein bisschen Sex mit einem guten, alten Freund – seiner Hand.
Fred nahm eine vorsichtige Nase von dem Dampf, der aus dem brodelnden Kessel stieg. Er war ja eine Menge gewohnt, aber das Zeug roch noch ekelhafter, als es aussah.
Er sah zu, wie sein Bruder zwei Phiolen abfüllte. »Und du bist sicher, dass wir nicht für ein paar Monate im Krankenflügel landen?«, fragte er nur halb im Spaß.
»Ja«, erwiderte George und drückte ihm eines der Trankfläschchen in die Hand. »Länger als achtzehn Stunden kann es nicht dauern. Aber wir müssen rausfinden, wie lang der Trank genau wirkt, bevor wir weitermachen können.«
»Und dazu müssen wir's testen, und was wäre ein besserer Zeitpunkt als Halloween …«, wiederholte Fred das alte Argument, doch er rümpfte angewidert die Nase, als er sich die klumpige Brühe in der Phiole genauer betrachtete. Der Trank hatte die Konsistenz von Erbrochenem, sah auch so aus und roch dazu noch säuerlich. Das würde kein reines Vergnügen werden.
George nahm mit spitzen Fingern ein einzelnes Haar aus einem gefalteten Pergamentumschlag und reichte es ihm. Er ließ es in die Brühe fallen, wo es sich sofort auflöste. George hatte inzwischen das Gleiche mit einem zweiten Haar und seinem eigenen Trank gemacht und hielt nun seine Phiole gegen das Licht. Reine Angabe, vermutete Fred. Er konnte an seinem Trank keine Veränderung sehen, und Licht würde dieses eklige Zeug sowieso nicht durchlassen.
»Sieht gut aus«, behauptete George jedoch. Was eine glatte Lüge war. Dieser Trank sah alles andere als gut aus. »Auf drei?«
Fred atmete tief durch und bestätigte: »Auf drei!« Während sein Bruder zählte, hielt er sich die Nase zu, und bei drei stürzte er todesmutig den Inhalt der Phiole hinunter. Es schmeckte, wie es aussah und roch. Er hatte das dringende Bedürfnis zu rülpsen, aber er unterdrückte es. Wenn er jetzt rülpste, würde er das Zeug bestimmt nicht unten behalten können, und es würde ihn schwallartig auf dem umgekehrten Weg verlassen.
Es knirschte und knallte in seinen Ohren, als würde jemand in ihnen mit den Fingern knacken, und er fühlte, wie sich sein Kiefer zu verschieben begann. Er sah zu George und beobachtete wie in einem Spiegel, was auch mit seinem eigenen Gesicht geschah. Der Mund und die Nase seines Zwillingsbruders schoben sich vor und zusammen, während die sich Zähne verlängerten und zu einem beeindruckenden Raubtiergebiss formten; die Ohren wurden länger und eckig, beinahe spitzig. Gleichzeitig sprossen ihm Haare. Ein dichter, schwarzer Flaum. Und das überall. Die Augenbrauen wurden richtig buschig und trafen sich beinahe in der Stirnmitte – und dann starrte ihn George plötzlich aus braunen statt blauen Augen an. Im selben Moment schien das Licht im Labor heller zu werden, und die Farben verschoben sich und wurden blasser. Er blinzelte und beobachtete dann fasziniert, wie George größer wurde. Gleichzeitig schien sich auch seine eigene Wirbelsäule zu strecken und seine Schultern näher zusammenzurücken. Zum Glück hörte das plötzliche Wachstum auch schnell wieder auf. Trotzdem waren seine Roben mit einem Mal unbequem eng geworden.
Die Hände veränderten sich zuletzt. Sie waren bereits von einem dichten schwarzen Flaum bedeckt, als sie … zu schrumpfen begannen. Fred sah beunruhigt zu, wie seine Finger kürzer wurden und sich die Nägel in etwas Krallenartiges verwandelten. Er bewegte sie vorsichtig, aber sie fühlten sich nicht anders an als vorher. Ein bisschen stummeliger, und es würde wohl nicht einfach sein, mit den kurzen Krallenfingern und dem unbeweglichen Daumen etwas zu greifen, aber zur Not würde es schon irgendwie gehen.
Er wartete noch, aber die Verwandlung schien abgeschlossen. Er benutzte George als Spiegel, um sich ein genaues Bild von seiner eigenen Erscheinung zu machen. Am irritierendsten waren wohl die hundeartige Schnauze und die schwarze Wolle im ganzen Gesicht.
»Du siehst aus wie ein Wolfswer«, sagte er, aber die eigene Stimme klang in seinen Ohren falsch und ungewohnt.
»Es gibt keine Wolfswere«, erwiderte sein Bruder, und auch seine Stimme war eigenartig hoch.
Unbehaglich bewegte Fred die Schultern hin und her. »Aber wenn es welche gäbe, würden sie so aussehen.« Der Flaum juckte an allen möglichen und unmöglichen Stellen unter seiner Robe.
George starrte nur, und dann fletschte er die Zähne. Es war fast unheimlich, auch wenn Fred wusste, dass es nur ein Grinsen war.
»Es hat geklappt!«, rief George mit bösartig strahlender Wolfsmiene. »Es hat wirklich geklappt, Bruderherz! Der erste Schritt auf dem Weg der Weasley-Zwillinge zu unsterblichen Ruhm und unermesslichem Reichtum! Wir sind so was von genial! Nicht mal Snape hätte das so schnell und perfekt hinbekommen!«
»Na ja, wir haben fast ein Jahr gebraucht, und perfekt ist auch was anderes«, gab Fred zu bedenken. »Mit den Augen ist irgendwas passiert, aber riechen oder hören kann ich nicht besser.« Er schnüffelte ein paarmal. »Vielleicht zu viel Re'em-Blut?«
»Möglich«, meinte George. »Aber es ging doch sowieso nur ums Aussehen. Die Nasensache ist wahrscheinlich wirklich 'ne Nebenwirkung, aber mit den Ohren kann das Re'em-Blut eigentlich nichts zu tun haben. Aber Fang ist auch nicht mehr der Jüngste. Wahrscheinlich hört er einfach nicht mehr so –«
Sein Bruder verstummte und betaste plötzlich sein Hinterteil. »Äh, Fred?«
Fred hörte sich selbst entsetzt aufknurren. »Nein!« Aber er merkte es jetzt selbst. Und er war nicht begeistert, als seine Hände ein knubbeliges Etwas unter seinen Roben fühlten. »Nein!«, widersprach er ein zweites Mal und schickte einige äußerst unflätige Flüche zu Merlin und den Göttern, aber das kurze Stückchen Wirbelsäulenfortsatz ließ sich davon nicht beeindrucken und blieb, wo es war! Es war kein richtiger Schwanz im eigentlichen Sinn, aber auf jeden Fall hing nun ein zuckendes Stummelchen, dessen Bewegungen er nicht kontrollieren konnte, zwischen seinen Pobacken.
Seltsamerweise schien George die Sache auch noch komisch zu finden. Jedenfalls gab er Laute von sich, die verdächtig nach einem gebellten Lachen klangen.
»Das ist nicht witzig!«, wies Fred ihn zurecht. »Das ist alles, aber nicht witzig!«
»Sieht doch keiner«, behauptete George. »Und so nahe kommt dir Angelina heute bestimmt nicht, dass sie was merkt.«
Da hatte sein Bruder nicht unrecht. Angelina würde wohl kaum darauf aus sein, eine Hundeschnauze zu küssen, auch wenn diese zu ihrem Freund gehörte.
Er zuckte mit den Schultern und tat so, als würde es ihn nicht weiter kümmern. »Dein Schleicher wird dir wohl auch nicht gerade das Fell kraulen, oder?«
»Simon«, korrigierte ihn sein Bruder und murmelte dann etwas, das sich nach »Darauf würd' ich nicht wetten« anhörte, aber er stand schon an der Tür, und Fred wollte nicht nachfragen. Je weniger er wusste, was George und der Schleicher miteinander trieben, umso besser.
»Auf zum Fest!«, sagte George, und Fred blieb nichts anderes übrig, als ihm nach draußen zu folgen. Nicht ohne Probleme. Seine Füße waren scheinbar auch geschrumpft, auf jeden Fall fühlten sich seine Schuhe zwei Nummern zu groß an, und er hatte bei den ersten Schritten leichte Schwierigkeiten, das Gleichgewicht zu halten.
Der siebte Stock war verlassen. Wahrscheinlich waren alle bereits in der Großen Halle und mit dem Festessen beschäftigt. Umso besser für ihren großen Auftritt. Auch auf dem Weg nach unten begegneten sie niemandem. Das Treppensteigen mit diesen seltsamen Füßen war ungewohnt, und er musste sich am Geländer festhalten. Aber George ging es nicht anders.
Als sie es glücklich und ohne Unfälle bis ins Erdgeschoss geschafft hatten, verschnauften sie einen Moment vor den Toren der Großen Halle, bevor sie gemeinsam hindurchtraten. Die Halloween-Dekoration war so einfallslos wie immer. Am beeindruckendsten war der stürmische Nachthimmel, an dem Blitze zuckten, als wäre sie extra zu Halloween bestellt worden. Ansonsten flatterten die üblichen falschen Fledermäuse durch die Halle, und große, lebendige Luftschlangen zogen ihre orangeroten Bahnen an der Decke. Hunderte ausgehöhlte und von Kerzen erleuchtete Kürbisse standen auf den Tischen und überall. Das Festessen war bereits in vollem Gange.
Das Kreischen und Schreien an den Erstklässlertischen war Musik in Freds Ohren. Allerdings war das eine Mädchen, das »Werwölfe!« schrie und sich unter dem Tisch der Ravenclaws versteckte, vermutlich muggelstämmig oder hatte einfach keine Ahnung. Sie hatten nun wirklich keine Ähnlichkeit mit Werwölfen.
An Georges Seite stolzierte er in die Halle und zum Gryffindortisch – und er lächelte dabei, damit auch jeder seine Reißzähne bewundern konnte. Sie wurden mit großem Hallo empfangen, und selbst Kenneth, der dieses Jahr als etwas entfernt Vampirähnliches ging, meinte, dass das wirklich eine beeindruckend hässliche Verkleidung wäre. Collum nannte es einen Geniestreich und wärmte mit diesem höchst angemessenen Kompliment Freds Herz. Die Mädchen waren etwas zurückhaltender, aber zumindest Alicia und Katie lachten sich kaputt. Angelina schüttelte den Kopf, aber sie lächelte dabei. George und er setzten sich zu Lee und Angelina.
Lee grinste sie an. »Was wollt ihr eigentlich darstellen?«
Fred sah seinem Bruder in die Augen, und wie aus einem Mund antworteten sie: »Wolfswere!«
»Das sieht man doch! Also wirklich, Lee!«, fügte George noch hinzu.
Lee runzelte die Stirn. »Wolfswere? Es gibt keine Wolfswere.«
Fred tauschte einen weiteren schnellen Blick mit George, und im Chor verkündeten sie: »Aber wenn es welche gäbe, würden sie so aussehen!«
Als sie in bellendes Gelächter ausbrachen, verstanden die anderen wahrscheinlich nicht, was daran so komisch war, aber das war auch egal. Fred legte einen Arm um Angelina, die noch immer ungläubig den Kopf schüttelte,
»Ich hoffe für dich, dass da irgendwo unter diesem Pelz Fred steckt!«, warnte sie ihn. »Sonst trete ich dir einen dieser Kürbisse samt Kerzen dahin, wo die Sonne nicht scheint!«
»Das ist mein Engelchen!« Er war richtig stolz auf Angelina, aber als er seine Schnauze gegen ihre Wange drückte, fing er sich einen Nasenstüber ein.
»Lass das!«, wies ihn Angelina zurecht. »Solange du so aussiehst, bleibst du mir aus dem Gesicht, egal wer du bist!«
Mit Tränen in den Augen versicherte er Angelina, dass er diese Warnung beherzigen würde. Auch wenn es nur ein leichter Klaps gewesen war, es hatte so wehgetan, als hätte sie ihm gerade ein ganzes Büschel Nasenhaare ausgerissen. Das war die Sache nicht wert. Wenigstens schien sie keine Einwände gegen seinen Arm zu haben. Damit musste er sich im Moment wohl zufriedengeben.
Fred sah sich in der Großen Halle um und stellte fest, dass immer noch viel Augenpaare auf sie gerichtet waren. Selbst der Lehrertisch schien beeindruckt. Snape starrte mit düsterer Miene auf sie herunter. Vermutlich wäre er noch angepisster gewesen, wenn er gewusst hätte, dass sie einen neuen Zaubertrank erfunden und auch benutzt hatten. Fred meinte, dass sogar Dumbledore ihnen interessiert über die Brillengläser hinweg zublinzelte. McGonagall schüttelte missbilligend den Kopf, als sich ihre Blicke kreuzten, und Fred sah schnell wieder weg. Er und George hatten zwar gegen keine ausdrückliche Schulregel verstoßen, aber ihre Hauslehrerin ließ sich von derartigen Einwänden nicht immer überzeugen.
Dem fragenden Blick Greys wich er nicht nur nicht aus, er erlaubte sich auch, sich unauffällig mit dem Mittelfinger an der Stirn zu kratzen. Die Botschaft kam wohl an, denn die Miene des Schleichers wurde wieder ausdruckslos und öde wie immer.
Befriedigt wandte er sich dem Festmahl zu. Allerdings war die Sache mit mehr Schwierigkeiten verbunden, als er gehofft hatte. Zwar schaffte er es, sich mit Gabel und Löffel irgendwie den Teller vollzuladen, aber mit seinem nahezu nutzlos gewordenen Daumen war es unmöglich, das Messer vernünftig zu greifen und damit auch zu schneiden.
Schließlich erbarmte sich Angelina, und sie hatte für seinen Geschmack viel zu viel Spaß dabei, ihm das Fleisch auf dem Teller kleinzuschneiden. Auch George musste sich von Lee helfen lassen, doch dieser ging die Aufgabe weniger huldvoll an als Angelina und machte reichlich Witze über »Klein George«, der anscheinend noch nicht gelernt hätte, mit Messer und Gabel zu essen.
Auch trotz des kleingeschnittenen Bratens war das eigentliche Essen nicht einfach. An richtiges Kauen war mit diesen Zähnen nicht zu denken. Es war kompliziert genug, sich mit dem Löffel in der Faust eine Portion ins Maul zu schieben, ohne dass die Hälfte schon auf dem Weg dahin herunterfiel. Sie dann auch in diesem ungewohnten Mund auf der großen Zunge zu behalten und schnell herunterzuwürgen, ohne dass ihm wieder etwas seitlich herausfiel, erforderte ein paar Anläufe. Aber irgendwann hatte er schließlich den Dreh heraus, und danach leerte sich sein Teller bemerkenswert schnell.
Angelina war gerade dabei, ihm eine zweite Portion zu schneiden, als der Kopf des Fast Kopflosen Nicks aus der Tischmitte auftauchte. Auch andere Geister kamen aus den Wänden und durch die anderen Tische geschwebt und versammelten sich in der Mitte der Großen Halle. Fred aß unbeeindruckt weiter, während die Geister einen komplizierten Formationsflug aufführten. Es war fertig, als auch sie fertig waren, und stimmte in den Applaus mit ein. Ganz offensichtlich hatten sie sich Mühe gegeben und heimlich geübt. Der Fast Kopflose Nick kam danach an den Gryffindortisch und unterhielt die jüngeren Jahrgänge mit seiner üblichen Wiederaufführung seiner misslungenen Köpfung.
Doch Fred schenkte ihm keine Beachtung, denn er sah einen Auror durch die Tore der Großen Halle kommen und an der Seite zum Lehrertisch hasten. Er stieß George an und deutete mit einem Nicken in die Richtung. George drehte sich um, und auch Lee und Angelina sahen nun dem Auror nach, der zum Lehrertisch eilte. Er lief schnurstracks zu Dumbledore und redete auf ihn ein. Dumbledore wirkte plötzlich sehr ernst und sagte etwas zu den Lehrern, worauf sich alle vier Hauslehrer erhoben und aus dem Saal rauschten.
Inzwischen hatten auch die anderen Tische mitbekommen, dass etwas vorging. Die meisten Gespräche waren bereits verstummt, als sich Dumbledore erhob und vor den Lehrertisch trat.
»Liebe Schüler! Ich habe leider eine unerfreuliche Neuigkeit für euch. Wie es scheint, ist es Sirius Black gelungen, in Hogwarts einzudringen.«
Wie um die Dramatik des Augenblicks zu unterstreichen, zuckte in diesem Moment ein Blitz über den stürmischen Nachthimmel. Aufgeregtes Geflüster brach an den Haustischen aus, und Dumbledore hob beschwichtigend die Arme.
»Bitte bleibt ruhig! Es gibt keinen Grund zur Sorge! Wir haben die Situation unter Kontrolle! Die Hauslehrer und ich werden die Auroren bei einer gründlichen Durchsuchung des Schlosses unterstützen. Bedauerlicherweise werdet ihr jedoch zu eurer eigenen Sicherheit die Nacht hier verbringen müssen. Beendet in aller Ruhe euer Mahl, und danach werden wir es uns hier so gemütlich wie möglich machen. Es wird ein großes, lustiges Zeltlager werden! Ihr werdet sehen, es wird ein echter Campingspaß!«
Fred hatte da seine Zweifel, und wenn Dumbledore noch so vergnügt zwinkern mochte. Das Fell unter seinen Roben juckte und kratzte, und er hatte sich schon darauf gefreut, bald aus den engen Klamotten steigen und sich in sein großes, weiches Bett legen zu können. Und das würde heute Nacht wohl nicht mehr passieren.
Dumbledore wurde dann jedoch wieder sehr ernst. »Ich möchte, dass die Vertrauensschüler umgehend die Anwesenheit ihrer jeweiligen Häuser überprüfen und jeden fehlenden Schüler melden! Ab sofort übernehmen die verbliebenen Professoren das Kommando. Die Schulsprecher melden sich bei Professor Sinistra, und niemand – ich betone noch einmal: niemand! – verlässt die Große Halle, bis ich wieder zurück bin!«
Und dann stieg er vom Podium des Lehrertischs herunter und verließ die Halle. Sobald sich die Tore hinter ihm schlossen, herrschte heller Aufruhr, und alles redete wild durcheinander. Percy lief mit wichtiger Miene an ihnen vorbei zum Lehrertisch.
Einen einzigen Vorteil hatte das Ganze: Angelina schien mit einem Mal gar nicht mehr so von seiner Wolfswergestalt abgeschreckt zu werden und drängte sich regelrecht an ihn. Aber das war nur eine natürliche Reaktion, fand Fred. Wenn ein irrer Massenmörder in sturmumtoster Nacht zur Geisterstunde in einem tausend Jahre alten Schloss unterwegs war … tja, was gab es da für eine sicherere Zuflucht als die starken Arme eines der gefürchteten Weasley-Zwillinge?
Sirius kämpfte mit dem klapprigen Schulbesen, dem Sturmwind und dem Regen – und nicht zuletzt mit dem Fenster, das trotz allen Fluchens nicht aufgehen wollte. Er war sich ziemlich sicher, dass es kein Schutzzauber war, der ihm und Plauroch widerstanden hatte und ihn im letzten Augenblick daran hindern wollte, das Fenster zu öffnen. Sein hastig gesprochener Öffnungszauber hatte auch anstandslos den Fensterhebel gedreht, aber statt aufzuspringen, waren die beiden Flügel fest geschlossen geblieben. Die Wahrheit war ganz einfach: Das verdammte Ding klemmte!
Nicht einmal der Mantel konnte verhindern, dass der Wind ihm den Regen ins Gesicht peitschte. Dazu kam, dass der Schulbesen schon Schwierigkeiten gehabt hatte, überhaupt auf diese Höhe zu kommen, und jedes Mal, wenn er sich mit seinem Gewicht gegen das Fenster lehnen wollte, drückte es den Besen unter ihm weg. Er war kurz davor, aufzugeben und es an einem anderen Fenster zu versuchen. Möglichst im Windschatten des Turms, wie er es gleich von Anfang an hätte tun sollen. Ein Blitz zuckte gleißend hell vor seinen Augen, und der Donner kam fast gleichzeitig. Es hatte den Astronomieturm getroffen. Er nutzte den Lärm, um kräftig gegen den Fensterrahmen zu hämmern, und versuchte nicht daran zu denken, was mit ihm passieren würde, falls der nächste Blitz sich ihn als Ziel aussuchen sollte. Vielleicht würde ihn der Mantel den Einschlag selbst überleben lassen, aber der darauffolgende Fall aus solcher Höhe würde die Freude darüber kurz halten.
Ein weiterer Blitz, noch lauterer Donner und ein mit aller Kraft geführter Schlag gegen den Fensterrahmen brachten die Glasscheiben zum Erzittern – und ließen die verdammten Fensterflügel endlich aufspringen. Er starrte ins Dunkel eines verlassenen Schlafsaals. Hoffentlich verlassen! Er hatte keine Hand frei, um den Zauberstab zu ziehen und ein Lumos vorauszuschicken. In der Faust hielt er den Bannschneider und mit der anderen Hand klammerte er sich an den Besen. Es war nicht zu ändern. Er konnte nur hoffen, dass niemand im Halbdunkel des Schlafsaals mit gezücktem Zauberstab auf ihn wartete. Er zog den Kopf ein und lenkte den widerspenstig im Sturmwind schwankenden Besen durch das hohe Turmfenster.
Er landete, ohne dass ihn ein Fluch traf. Er stieg hastig vom Besen und zog seinen Zauberstab. Das nur für ihn sichtbare Leuchten eines Lumen Gloriae tauchte gleich darauf den Raum in taghelles Licht. Er sah sich hastig um. Zumindest war er auf der richtigen Seite des Turms gelandet. Oder Mädchen hatten sich in den letzten zwölf Jahren sehr verändert. Jedenfalls deuteten die Quidditchposter und ein von Socken gekrönter Haufen Schmutzwäsche in der Ecke mit großer Wahrscheinlichkeit auf einen Jungenschlafsaal. Jetzt galt es nur noch, den richtigen zu finden. Er inspizierte den Raum, aber hier gab es nur drei Eulenkäfige. Nichts, was als Behausung für eine Ratte geeignet gewesen wäre.
Er hob den Zauberstab und flüsterte: »Ubitas Peter Pettigrew!« Sein Hände zitterten dabei vor Erregung. Er hoffte nur, dass er nahe genug war. Eine glitzernde Wolke entstieg seinem Stab, waberte einen Moment lang ziellos im Raum und sank dann langsam, aber zielstrebig zu Boden. Also unter ihm. Sirius beendete den Ortungszauber und ging leise zur Tür des Schlafsaals. Er horchte zuerst und öffnete sie dann nur einen kleinen Spalt, um vorsichtig in den Aufgang zu spähen. Er sah nur das leere, von Facklen an den Wänden erhellte Treppenhaus. Eigentlich sollte der Turm menschenleer sein. Sämtliche Schüler waren vermutlich bei der Halloweenfeier in der Großen Halle. Aber man konnte nie wissen. Womöglich waren sich auch die Auroren der Bedeutsamkeit des heutigen Tages bewusst. Es erforderte kein Genie, auch wenn sie die Angelegenheit natürlich aus dem falschen Blickwinkel betrachten mussten. Es war vorstellbar, dass sie ihn für wahnsinnig genug hielten, zum zwölften Jahrestag seines »Verrats« sein Werk zu Ende bringen zu wollen. Und in gewisser Weise war das tatsächlich einer der Gründe, warum er sich gerade den heutigen Tag ausgesucht hatte. Heute vor dreizehn Jahren waren Lilly und James gestorben. Wegen einer verräterischen Ratte, die sie alle für ihren Freund gehalten hatten. Es war nur angemessen, dass die Ratte auch in dieser Nacht seinen letzten, quiekenden Atemzug tat. Und dass der Vollmond dafür sorgte, dass Remus ihm nicht in die Quere kommen konnte, war eine willkommene Zugabe.
Schließlich meinte er, lange genug abgewartet zu haben, und trat auf den Treppenabsatz hinaus. Dort blieb er noch einmal stehen und lauschte. Nicht das kleinste verdächtige Geräusch. Nur das gelegentliche, von den dicken Schlossmauern gedämpfte Grollen des Sturmes war zu hören. Obwohl er nicht glaubte, dass es hier drinnen nötig war, hielt er den Bannschneider weiterhin vor sich gestreckte, während er Stufe um Stufe die Treppe hinunterschlich.
Vor der Tür zum nächsten Schlafsaal lauschte er wieder einen Moment. Kein Lebenszeichen. Er drückte langsam die Klinke und schickte sein Licht in den Raum. Mit erhobenem Zauberstab trat er ein, doch dieser Schlafsaal war ein Ebenbild des ersten. Leer und verlassen. Ein Eulenkäfig, aus dem ihm eine Waldohreule entgegenstarrte. Keine Spur der Ratte oder eines Rattenkäfigs. Er wiederholte leise seinen Ortungszauber – wieder mit dem gleichen Ergebnis: unter ihm.
Ohne sich länger mit einer Durchsuchung des Raumes aufzuhalten, verließ er den Schlafsaal. Erneut schlich er die Treppen des Turmes hinab. Wieder lauschte er an der Tür des nächsten Schlafsaals. Es konnte nicht mehr weit sein. Er war durch eines der mittleren Turmfenster eingestiegen. Mehr als zwei oder drei weitere Schlafsäle konnten nicht mehr unter ihm liegen, wenn sich die Anlage des Gryffindorturms nicht entscheidend verändert hatte – was jedoch nicht auszuschließen war. Wieder war es vollkommen still hinter der Tür, und wieder öffnete er sie erst einen Spalt und schickte sein Licht voraus. Nichts rührte sich. Mit gezücktem Zauberstab trat er ein.
Ein Schlafsaal wie die anderen beiden. Ein Käfig am Fenster, diesmal mit einer gefleckten Schnee-Eule, die ihn aus goldenen Augen misstrauisch zu mustern schien. Und dann hielt er den Atem an. Neben einem der Betten stand noch ein Käfig auf dem Boden. Und diesmal kein Eulenkäfig. Er hob den Zauberstab und machte einen Schritt darauf zu. Aus den Augenwinkeln sah er noch, wie sich der Vorhang eines Bettes plötzlich bewegte, und fuhr herum. Doch zu spät. Er hörte ein zweifaches »Stupor!«, und kurz hintereinander blitzten rote Lichter vor seinen Augen auf, dann ließ ihn sein eigener Schwung gelähmt zu Boden stürzen.
Das Nächste, was er bewusst wahrnahm, war die fremde Stimme eines Mannes. »… Arbeit! Kingsley wird zufrieden sein.«
Sirius verhielt sich völlig still, was leichter war als erwartet. Er konnte sich gar nicht bewegen. Er schaffte es nicht einmal, die Augen einen winzigen Spalt zu öffnen.
»Er wollte am Eingangsportal Wache stehen. Ich glaub' zwar nicht, dass der Kerl uns noch Schwierigkeiten macht, aber beeil dich trotzdem!«
»Zu Befehl, Chef!«, meinte eine weibliche Stimme ironisch, und dann entfernten sich Schritte und jemand trappelte die Treppen hinab. Einen Moment war es still, doch dann näherte sich jemand und beugte sich über ihn.
»Sirius Black«, murmelte die männliche Stimme, und Sirius konnte ihren Atem auf dem Gesicht spüren. Er fühlte zwar, wie der Reisemantel sein Möglichstes tat, die Magie des Lähmzaubers aus seinem Körper zu ziehen, aber Sirius war noch immer nicht in der Lage, auch nur den kleinen Finger zu rühren. Wäre es nur ein einzelnes Stupor gewesen, hätte der Mantel die Energie wohl sofort absorbieren können, und er würde jetzt nicht gelähmt und hilflos am Boden liegen.
Der Auror versuchte, ihm den Zauberstab aus der Hand zu winden, aber Sirius hatte ihn so fest umklammert gehalten, als der Lähmzauber ihn getroffen hatte, dass sein eiserner Griff nun wie eingefroren war. Und er versuchte nun, seine ganze magische Kraft darauf zu konzentrieren, seinen Zauberstab an sich zu binden. Es schien ihm zu gelingen, und zum Glück hielt es der Mann wohl nicht für so wichtig, einem ohnehin Bewusstlosen den Zauberstab abzunehmen, denn er gab nach zwei Versuchen wieder auf. Plauroch ignorierte er völlig. Vielleicht hielt er den Bannschneider für ein schwarzmagisches Artefakt und zu gefährlich, um es ohne Vorsichtsmaßnahmen zu berühren. Unverrichteter Dinge erhob sich der Mann wieder und trat zwei Schritte zurück. Er sagte nichts mehr. Wozu sollte er sich auch mit jemandem unterhalten, den er für bewusstlos halten musste?
Sirius versuchte verzweifelt, gegen die Lähmung anzukämpfen. Er konzentrierte alle magische Kraft, die er nur aufbringen konnte, auf seinen eigenen Körper. Er bezweifelte, dass es half. Lähmzauber ließen sich nicht einfach so abschütteln. Wenn der Mantel es nicht schaffte, die Magie schnell genug zu absorbieren, war er verloren. Minuten schienen zu vergehen, bis er es wenigstens schaffte, die Lider einige Millimeter zu heben. Er sah verschwommen den Teppichboden des Schlafsaals. Die Lähmung wich unendlich langsam, und er durfte sich nichts anmerken lassen. Er sah den Auror nicht, aber der Mann würde ihn wohl kaum aus den Augen lassen. Der Katzenring war seine einzige Hoffnung. Wenn es ihm nicht gelang, vor dem Eintreffen weiterer Auroren zu fliehen, wartete wahrscheinlich der Kuss eines Dementors auf ihn. Vermutlich ohne langen Prozess. Sie hatten vor zwölf Jahren nicht auf ihn gehört, warum sollten sie es jetzt tun? Der wahnsinnige Mörder und Verräter Sirius Black hatte in ihren Augen mit Sicherheit nur eines verdient: den Tod.
Und dann hätte er sich beinahe verraten. Er war sich sicher, gezuckt zu haben, als er die Ratte erblickte, die unter dem Bett saß. Ganz gewiss hatte er geblinzelt, aber der Auror rührte sich nicht. Trotzdem konnte Sirius die Augen nicht von der Ratte abwenden. Glühender Hass stieg ihm in die Kehle und ließ ihn die Kiefer spannen. Die Ratte schien es zu merken, zu begreifen, dass er nicht mehr weit davon entfernt war, seine Lähmung zu überwinden. Sie setzte sich ruckartig auf, sprang davon und floh. Sirius sah sie unter den Betten in Richtung der Tür laufen, aber er durfte den Kopf nicht drehen, um ihren weiteren Weg zu verfolgen. In diesem Moment hätte er sich mit Freuden von einem Dementoren küssen lassen, wenn er nur seine Finger um Peters dreckigen Hals schließen und der elenden Ratte das Genick hätte brechen können.
Mit all seinem Hass versuchte er, die Muskeln in seinem Arm anzuspannen. Allmählich kam das Gefühl in seinen Hände und Fingern wieder. Wenn die Auroren sich nur noch ein kleines bisschen Zeit ließen …
Eine weitere Minute verstrich. Der Auror ging ein wenig im Zimmer umher, kam aber nie näher oder in sein Blickfeld. Und dann hörte Sirius hastige Schritte auf den Treppenstufen. Sie waren noch weit entfernt, aber sein Ohr lag am Boden, und er hörte es früher als der Auror. Er machte sich innerlich bereit.
Endlich nahm auch der Auror das Getrappel auf den Stufen der Treppe wahr – und ging zur Tür. Darauf hatte Sirius gehofft. Sein Arm zuckte hoch, suchte eine ewig währende Sekunde nach dem Ring an seinem Ohr – und riss ihn mit einem Ruck heraus. Erneut wurde die Welt schwarz.
Als er wieder erwachte, bebte sein ganzer Körper unter heftigem Schüttelfrost. Er musste länger ohnmächtig gewesen sein als beim ersten Mal. Die Schmerzen am Ohr waren noch seine geringste Sorge. Sein Zauberstab und der Dolch waren seinen Händen entfallen, und Tränen strömten ihm über das Gesicht. Sein Schädel schien von glühenden Nadeln durchbohrt zu werden. Aber er hatte gewusst, dass das zweite Leben des Katzenrings einen höheren Preis als das erste fordern würde. Krämpfe schüttelten seinen Körper und ließen ihn unkontrolliert zucken. Noch war es nur Unwohlsein und Schmerz, mit dem er bezahlte. Mit Schmerz konnte er leben. Erst ab dem fünften Leben würde es gefährlich werden. Er hatte nicht vor, es so weit kommen zu lassen.
Und dann traf ihn die Erkenntnis mit voller Wucht. Er hatte versagt. Im letzten Augenblick jämmerlich versagt. Und die Ratte war so nah gewesen … zum Greifen nah. Er schrie seine Wut und seinen Schmerz in die Düsternis der leeren Höhle hinein, bis seine Kehle rau war.
Als die Krämpfe und die Schmerzen etwas nachließen, brach er zusammen. Er hatte nicht genug Kraft, sich zu seinem Lager zu schleppen. Nicht einmal die Energie für einen einfachen Heilzauber konnte er aufbringen. Sein Ohr würde wohl irgendwann von selbst aufhören zu bluten.
Er schloss die noch immer tränenden Augen. Er musste sich etwas Neues einfallen lassen. Diese Nacht hatte deutlich gezeigt, dass es so nicht ging. Was er brauchte, war ein Verbündeter. Ein Verräter. Jemand im Schloss, nahe am Herzen des Feindes. Vielleicht konnte er Remus doch …
Seine Gedanken verschwammen, und Sirius fiel in einen unruhigen, von Alpträumen und Krämpfen unterbrochenen Schlaf.
