14. You Are Who You Were Born
(You Say Yes, I Say Yes – Veto)
»Geburtstagsdepression« beschrieb seine Stimmung am besten, fand Simon. Einerseits ein Tag wie jeder andere, andererseits … er kam sich alt vor. Lächerlich und idiotisch, wenn man es logisch und objektiv betrachtete, aber so fühlte er sich nun einmal. Vielleicht lag es auch nur daran, dass die meisten um ihn herum jünger waren, aber er bezweifelte, dass es so einfach war.
Er stocherte lustlos in seinem Abendessen herum. Sechzehn! Selbst unter den günstigsten Umständen war jetzt ein Neuntel seines Lebens vorbei. Und das auch nur, wenn man die allerhöchste theoretische Lebenserwartung eines Zauberers zugrunde legte. Realistischerweise musste man eher davon ausgehen, dass bereits ein ganzes Fünftel seines Lebens hinter ihm lag. Das hieß natürlich, dass noch immer achtzig Prozent vor ihm lagen, bevor es zu Ende ging. Das hörte sich nicht allzu schlecht an. Und wenn man bedachte, dass es da auch noch den Stein der Weisen und das Elixier des Lebens gab, war es völlig absurd, schon jetzt über Sterben und Tod nachzudenken. Aber was hatten ihm die letzten sechzehn Jahre gebracht? An die Hälfte der Zeit konnte er sich nicht erinnern, und die andere Hälfte wies kaum Höhepunkte auf, die es wert gewesen wären, sich an sie zu erinnern. Insgesamt waren die letzten sechszehn Jahre seines Lebens eine gigantische Zeitverschwendung gewesen.
Er rümpfte die Nase, starrte einen Moment auf seinen halbvollen Teller und stand dann auf. Luna unterbrach ihr Gespräch mit Anthony und warf ihm einen fragenden Blick zu.
»Geh' hoch«, beschied er sie. »Lesen.«
Es war zwar eine Lüge, aber eine glaubwürdige. Noch letztes Jahr wäre es die Wahrheit gewesen. Seine Geburtstage hatten ihm immer vor allem eines gebracht: neuen Lesestoff. Das stimmte zwar auch dieses Jahr, aber es war trotzdem nicht dasselbe. Während er auf den Ausgang der Großen Halle zuhielt, warf er im Vorbeigehen wie beiläufig einen letzten Blick auf den Gryffindortisch, aber er sah nur den Hinterkopf von George.
Seine Laune besserte sich tatsächlich, sobald er die Große Halle verlassen hatte. Sechzehn! Trotz allem war es anders. Und eigentlich kaum vorstellbar. Objektiv gesehen nur ein Datum wie jedes andere, und natürlich würde sich überhaupt nichts ändern, dennoch fühlte es sich jetzt und hier wie ein ganz spezielles Ereignis an. Vermutlich würde auch dieses Gefühl nicht von langer Dauer sein – aber was sprach dagegen, es auszukosten, solange es anhielt?
Er trottete in einer zufriedenen, beinahe glücklichen Mischung von Missmutigkeit und Euphorie die Treppen hoch. Auf dem Absatz zum dritten Stock stand ein Wachtroll und grunzte ihn an. In einem Ausbruch spontaner Lebensmüdigkeit grunzte Simon zurück, beschleunigte seinen Schritt jedoch und stolperte hastig weiter, als der Troll ihn bedrohlich finster musterte. Im siebten Stock angekommen, schlug er den Weg zum Ravenclawturm ein. Vielleicht würde er doch ein bisschen lesen. Oder sich in den Gemeinschaftsraum setzen und eine Weile aus dem Fenster starren? Er hatte doch das Recht auf ein bisschen Trübsinn und Melancholie, oder? Immerhin war heute sein Geburtstag.
Er genoss für einen Moment die Ironie des Gedankens und grinste in sich hinein. Als sich überraschend eine Hand auf seine Schulter legte und jemand hinter ihm »Buh!« sagte, hätte er vor Schreck fast aufgeschrien. Als er panisch herumfuhr, starrte er in Georges breit grinsendes Gesicht.
»D-Du …« Simon atmete durch. »Du Vollidiot! Ich hätte mir fast in die Hosen gemacht!«
»Ein bisschen schreckhaft?«, fragte George mit unschuldigem Augenaufschlag. »Nervös? Gestresst? Fühlen Sie sich abgespannt und haben Angst vor einer Begegnung mit dem bösen Sirius Black? Keine Sorge! Solange Sie mit einem der gefürchteten Weasley-Zwillinge unterwegs sind, wird es niemand wagen, sich an Ihnen zu vergreifen! Das patentierte Weasley-TM-Abschreckungssystem wird Sie in vielfach bewährter Manier vor allen eventuellen Gefahren und Widrigkeiten des Lebens beschützen! Vertrauen Sie uns! Wir sind der Konkurrenz immer drei Schritte voraus!«
Simon wusste nicht, ob er weiterhin sauer sein und George in aller Deutlichkeit sagen sollte, was er von solchen kindischen Spielchen hielt … oder ob er die Gelegenheit für etwas anderes nutzen sollte. Er hatte George seit Tagen nicht mehr allein gesehen; das Abendessen war noch in vollem Gange und der Korridor im Moment leer und verlassen. Er sah sich um. Sie waren im sechsten Stock. Es gab keinen Grund, warum sich um diese Zeit jemand hier aufhalten sollte. Wenn sie sich in einen Seitengang verzogen, wo sie außer Sicht waren, sollte die Entdeckungsgefahr minimal sein. Natürlich konnte jederzeit ein verirrter Lehrer oder Schüler um die Ecke biegen, aber mit dieser Gefahr musste man immer leben. Sicherheit war nun einmal relativ.
»Hey?« George stupste ihn an. »Simon? Alles okay?«
Simon starrte ihn an und war einen Moment lang verwirrt. Dann schüttelte er kurz den Kopf. »Sicher. Was soll sein?«
George verdrehte die Augen – weshalb auch immer – und warf einen Blick auf die Karte, die er in den Händen hielt und die Simon erst jetzt bemerkte.
»Komm!«, murmelte George und packte ihn am Arm.
Simon ließ sich widerstandslos führen. George zog ihn ein Stück weiter, eine der Seitentreppen in den siebten Stock hoch, dann noch einmal einen Korridor hinab, bevor er in einen Gang einbog. Simon begriff erst, was ihr Ziel war, als er den Wandteppich von Barnabas dem Bekloppten und seinem Trollballett erkannte.
»Habt ihr etwa –«, wollte er fragen, aber George bedeutete ihm, still zu sein, und begann, vor einem Wandabschnitt auf und ab zu wandern. Simon beobachtete ihn mit verschränkten Armen. Auch wenn er mit etwas Ähnlichem gerechnet hatte, war er doch über die Plötzlichkeit überrascht, mit der die Holztür in der Wand erschien.
Er war zwar misstrauisch, aber George ließ ihm keine Zeit zum Nachdenken. Ehe er sich's versah, wurde er wieder am Arm gepackt und – diesmal trotz eines gewissen Widerstands – mitgeschleift.
»Tadaah!«, rief George, kaum dass sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, und wies mit schwungvoller Geste in den Raum.
Simon war nur mäßig beeindruckt. Das Ganze sah aus wie ein gewöhnliches Zaubertranklabor. Er hatte sich unter diesem »Rein-Raus«-Raum etwas ganz anderes vorgestellt. Im Vergleich zur geheimen Kammer Salazar Slytherins wirkte es jedenfalls nicht sehr spannend.
»Nett«, meinte er, während er den Blick über die Einrichtung und die Laborgerätschaften schweifen ließ. Anthony wäre bestimmt begeistert gewesen, aber auf ihn wirkte es einfach wie eine aufwendigere Version ihres Zaubertränke-Klassenzimmers. Kessel, Zutatenkabinette, eine ganze Wand von Glaskolben, Retorten und Phiolen. Nichts an sich Besonderes.
George schien ein wenig enttäuscht von seiner Reaktion. »Nett? Das ist ein voll eingerichtetes Laboratorium! Es ist perfekt! Und das Beste: Es erscheint nicht auf der Karte! Niemand kann uns hier hinterherspionieren!«
»Interessant«, meinte Simon ohne echte Überzeugung. Und dann traf es ihn. »Interessant …«, wiederholte er gefährlich leise und fragte beinahe übertrieben beiläufig: »Wie seid ihr dahintergekommen? Und seit wann weißt du, wie man die Tür erscheinen lässt?«
George schien zu ahnen, worauf die Sache hinauslaufen würde, und murmelte undeutlich etwas von »reiner Zufall« und »noch nicht lang her«.
»Und wie lange ist ›noch nicht lang‹? So ungefähr? In etwa? Grob geschätzt?«
»Weiß nicht.« George machte eine wegwerfende Handbewegung und grinste unsicher. »Paar Wochen … oder so.«
»Ein paar Wochen«, wiederholte Simon tonlos. Selbst wenn das die Wahrheit war – und das war bestenfalls fraglich –, dann bedeutete das immer noch, dass George seit ein »paar Wochen« von einem vollkommenen sicheren Treffpunkt gewusst hatte. Im siebten Stock. Mitten im Schloss. Auf halbem Weg zwischen Ravenclaw und Gryffindor. Sie hätten sich jederzeit sehen können. Gefahrlos. Jeden Tag. Oder zumindest öfter, als sie es getan hatten. Trotzdem hatte George immer wieder dieselben Ausreden benutzt: Die Lehrer und ihre magische Karte blablabla, es ist einfach zu gefährlich, sich im Schloss zu treffen, wir könnten erwischt werden, et cetera et cetera und noch mehr Blabla. Ein riesiger Haufen gottgegeißelten Blablablas! Und die ganze Zeit über hatte George von diesem Raum gewusst.
Es war ein Tiefschlag. Unter seine Enttäuschung mischte sich das bittere Gefühl, belogen worden zu sein. Verraten und für dumm verkauft. Eine wirklich nette Überraschung, ein ganz besonderes Geburtstagsgeschenk. Er starrte George an. Simon fühlte sich seltsam distanziert, als wäre das alles nicht real. Wie ein umgekehrtes Déjà-vu. Ihm war, als sähe er George zum ersten Mal. Da war er, der altbekannte gemeine Zug um die Lippen, die kalten Augen, die aus schmalen, scheinbar wimpernlosen Lidern in eisig hellem Blau in die Welt blinzelten. Bisher hatte Simon dies immer faszinierend und anziehend zugleich gefunden, aber im Moment war es alles andere als das.
Das irritierende Jamais-vu hielt an, bis sich George ein schwaches Lächeln abrang – das seine Lippen nur noch schmaler wirken ließ – und etwas kläglich behauptete: »Es sollte 'ne Überraschung sein.«
»Toll!«, erwiderte Simon und war kurz versucht, in Luna-Manier den Kopf schief zu legen und so in gespielter Geduld weitere Erklärungsversuche abzuwarten. »Ist dir gelungen«, gab er jedoch stattdessen verbittert zurück. »Ich bin überrascht! Glückwunsch!«
George sagte nichts darauf, aber wenigstens tat er auch nicht so, als hätte er keine Ahnung, worum es ging. Er zuckte nur halb entschuldigend mit den Schultern, griff nach einigen Sekunden peinlichen Schweigens nach einer armlange, schmale Röhre, die unbeachtet auf dem Tisch hinter ihm gelegen hatte, und hielt sie ihm etwas zaghaft hin.
»Alles Gute zum Geburtstag und so.«
Simon schnaubte. Eigentlich hatte er nicht vor, so schnell klein beizugeben. Er hatte schließlich jedes Recht, sauer auf George zu sein. Andererseits war ein Streit mit George definitiv das Letzte, was er wollte – und wenn es noch so verlocken war, ihm einmal so richtig die Meinung zu sagen.
Aber er wollte auch nicht einfach so kapitulieren. »Was ist das?«, fragte er deshalb mürrisch, ohne Anstalten zu machen, das Geschenk anzunehmen.
George grinste, aber es wirkte ein wenig seltsam. Nicht entschuldigend oder gar belustigt, sondern eher verlegen. Er sagte aber nichts weiter und streckte ihm nur auffordernd die Röhre hin. Schließlich nahm Simon sie ungnädig entgegen. Sie war offensichtlich aus Pappe und hatte an beiden Enden einen Deckel. Er sah George stirnrunzelnd an, aber dieser mied angestrengt seinen Blick. Simon hatte keine Ahnung, was sich in der Röhre befinden sollte. Das Ding war zwar fast zu lang dafür, aber von der Form her … Es schien kaum vorstellbar, aber George war zweifellos extrem verlegen. Hoffentlich hatte er nicht versucht, witzig zu sein, und irgendein dämliches und überlanges Sexspielzeug gekauft. Es schien zwar kaum vorstellbar, aber wenn George die Chance hatte, einen Witz zu machen, war fast alles möglich. Und die Form des Geschenks war ein bisschen verdächtig. Zögerlich und auf alles gefasst, öffnete Simon ein Ende der Pappröhre. Sie schien leer. Er kam sich dumm vor, als er endlich begriff, dass etwas darin aufgerollt war. Ein Bild? Er zog es heraus und rollte es auf – und blinzelte ungläubig.
»Na ja«, meinte George nach einer Weile. »Du hast doch gesagt, wenn du eines von mir hättest ...«
»Was?«, fragte Simon nicht gerade geistesgegenwärtig. Sein Blick zuckte zu George, wandte sich aber sofort wieder ab, als er dessen hochroten Kopf sah.
»Ein Poster. Du hast gesagt, wenn du eines von mir hättest, würdest du's aufhängen.«
Simon konnte sich beim besten Willen nicht erinnern, jemals so etwas von sich gegeben zu haben. Und selbst wenn, bestimmt hatte er nicht das damit gemeint! Nicht dass er sich beschweren wollte, aber er konnte so ein Poster niemals irgendwo aufhängen! Seine Mum … Unvorstellbar! Bestimmt glühte sein Kopf inzwischen ebenfalls wie eine überreife Tomate. Er wagte nicht, George anzusehen und konzentrierte sich stattdessen lieber auf das Poster – was jedoch auch nicht besonders hilfreich war. Rein technisch gesehen war es natürlich kein Akt. Immerhin trug George deutlich sichtbar Badeshorts, aber wie er so auf der Sonnenliege lag, die Schultern sonnenbrandgerötet, und in die Kamera grinste und ihr dann die Zunge herausstreckte …
George durchbrach schließlich die Stille. »Also … eigentlich ist es nur Urlaubsfoto. Bill hat's gemacht. Ich hab's nur vergrößern lassen. Und es ist auch nur ein halbes … aber auf der anderen Hälfte war Fred, und, na ja, die hab' ich Angelina geschenkt … damit sie auch mal was zu lachen hat. Dachte, es wäre ne gute Idee … du weißt schon … statt 'ner popligen Postkarte.«
Simon hörte nicht wirklich zu. Seine Gedanken rasten, während er auf den annähernd und so gut wie nackten George starrte, der sich breit auf einer Sonnenliege räkelte. Nun gut, vielleicht war »räkeln« übertrieben. Aber auf jeden Fall lag er da, grinste aus dem Bild heraus, hob gerade lässig den Mittelfinger in Richtung Kamera und rief ihr etwas Unflätiges zu. Man brauchte keine besonderen Kenntnisse im Lippenlesen, um zu ahnen, worum es ungefähr ging. »Poster« war eindeutig das falsche Wort. Das hier war mindestens ein Pin-up, und das war noch vornehm ausgedrückt. »Wichsvorlage« beschrieb es wohl am treffendsten.
George hatte inzwischen seinen Monolog eingestellt. Simon befürchtete, dass auch sein eigenes Gesicht feuerrot wie nach einem Sonnenbrand leuchtete. Während er das Poster wieder vorsichtig aufrollte und es dabei weiterhin tunlichst vermied, George direkt in die Augen zu sehen, zermarterte er sich das Gehirn, was er sagen sollte. Ein einfaches »Danke« wäre zu wenig und »Ich liebe es« zu schmalzig und peinlich gewesen und hätte zu sehr nach »Ich liebe dich« geklungen. Er verschloss die Röhre wieder sorgfältig, aber danach war sein Verstand immer noch wie leergefegt. Was hatte sich George nur dabei gedacht? Er räusperte sich, aber leider half auch das nicht weiter.
»Ich …«, begann er in der Hoffnung, der Satz würde sich irgendwie von selbst vervollständigen, wenn er ihn erst einmal begonnen hatte. Er sah hilfesuchend zu George, aber dieser lehnte an dem großen Tisch in der Mitte des Raumes und schien sich im Moment ausschließlich für den Fußboden zu interessieren.
»Du bist irre.« Es war nicht genau das, was er eigentlich hatte zum Ausdruck bringen wollen, aber vermutlich hatte er den richtigen Ton getroffen, denn George sah endlich hoch und grinste unsicher.
»Einfach nur noch irre!« Simon machte zwei Schritte auf ihn zu, aber er hielt immer noch den Pappzylinder in Händen. Unbeholfen platzierte er ihn neben George auf den Tisch, wo er sofort zu rollen begann und auf dem Boden landete. Simon bückte sich hastig, hob ihn wieder auf und stellte ihn diesmal aufrecht auf den Tisch, bevor er allen Mut zusammennahm. Er schlang die Arme um George und flüsterte: »Irre, aber sexy!«
Innerlich krümmte er sich und wäre am liebsten im Boden versunken. Sexy? Was faselte er da? Das war ja fast noch schlimmer als »Ich liebe dich«! In sein kümmerliches Restgehirn mussten sich zu viele schlechte Filme eingebrannt haben!
Georges Grinsen gefror einen Moment, kam jedoch gleich wieder. »Sexy?«, fragte er mit hochgezogenen Augenbrauen und begann dann zu glucksen.
Simon küsste ihn, ehe George noch etwas sagen konnte, das die ganze Situation womöglich noch demütigender machen würde.
Er spürte das leise Kichern in Georges Kehle und die belustigt zuckenden Schultern. George stand noch immer lässig an den Tisch gelehnt. Und sie waren allein. Zum ersten Mal seit langem wirklich allein. Jetzt oder nie? Seine eigene Feigheit hielt ihn fest im Griff und machte ihn nahezu handlungsunfähig. Jetzt oder nie. Wie ein Mantra echoten die drei Wörter unablässig durch Simons Kopf, aber er war gelähmt vor Angst.
Schließlich unterbrach George ihren Kuss und sagte etwas. Simon hörte nur irgendwelche Geräusche, das Pochen des Blutes in seinen Ohren und das stetige »Jetzt oder nie« in seinem Kopf.
Er nahm all seinen nichtvorhandenen Mut zusammen, gab sich einen Ruck und zwang sich, seine Hand in Bewegung zu setzen. Zitternd wanderte sie über Georges Rücken nach unten. Er konnte immer noch aufhören, sagte er sich. Jederzeit. Und was hatte er schon für eine Wahl? Wenn er abwartete, bis George den ersten Schritt machte, würde sie wohl in hundert Jahren noch küssen und herumknutschen und nicht mehr. Und er wollte mehr.
George erstarrte, als Simons Hand seine Rückenpartie verließ, nach vorn wanderte und sich zwischen sie schob. Aber er gab keinen Laut von sich. Simon biss sich auf die Unterlippe und zögerte unentschlossen, aber George blieb völlig still, bewegte sich nicht, protestierte aber auch nicht. Durch die Schulroben hindurch ließ sich undeutlich erahnen, dass zumindest ein Teil von ihm nicht abgeneigt war, die Sache diesmal durchzuziehen.
Es war jetzt auch schon egal. Er wusste nicht wirklich, was er tat oder woher er den Mut nahm, sah nur noch, wie George große Augen machte, als er sich bückte unter dessen Schulrobe griff und diese nach oben schob. Er fummelte unbeholfen und mit zitternden Fingern an Georges Gürtel herum. George machte keine Anstalten, ihm zu helfen. Aber er wehrte sich auch nicht. Er lehnte nur am Tisch und verfolgte das Geschehen scheinbar unbeteiligt, als ginge es ihn nichts an.
Simon war zu aufgeregt und zu sehr mit dem Gürtel beschäftigt, um darüber nachzudenken. Georges Hose war zu weit und rutschte von selbst über dessen Hüften, sobald der Gürtel endlich offen war. Als George hörbar einatmete, sah Simon ihn an. Georges Blick war schwer zu deuten. Er starrt nur mit großen Augen. Sein Mund war leicht geöffnet, aber noch immer kam kein Ton heraus.
Simon sah wieder hinunter auf Georges zeltförmig gespannte Unterhose, sagte sich ein letztes Mal »Jetzt oder nie« – und zog sie nach unten. Etwas in ihm konnte noch immer nicht glauben, dass dies alles wirklich passierte. Es war surreal wie in einem Traum. Georges steifes Glied war nicht sehr groß – womöglich sogar ein bisschen kleiner als sein eigenes – und schlanker, als er sich vorgestellt hatte. Am liebsten hätte er es ein paar Minuten lang nur angestarrt, aber da war immer noch die Gefahr, dass George plötzlich seine Lähmung abschüttelte und es sich anders überlegte. Es schien zwar unwahrscheinlich in dieser Phase des Geschehens, aber selbst dieses kleine Risiko war zu hoch.
Ohne länger Zeit mit nutzlosen Überlegungen zu verschwenden, griff Simons Hand wie von selbst nach Georges Schwanz. George zuckte leicht zusammen. Er hatte die Augen nun halb geschlossen und schien ihn gar nicht zu sehen. Simon bewegte seine Hand, zaghaft erst, aber da George sich nicht wehrte, wurde er mutiger und griff fester zu. George atmete stoßweise, aber ansonsten lehnte er immer noch regungslos an der Tischkante und machte keinerlei Anstalten, selbst aktiv zu werden. Also benutzte Simon seine Linke, um die eigene Erektion zu bearbeiten.
Seine Welt setzte sich nur noch aus Wahrnehmungsfragmenten zusammen und wurde zu einem Kaleidoskop von Einzelbildern. Er sah die Sommersprossen auf Georges gerötetem Gesicht, schmale, halb geschlossene Augen, fühlte den Wulst der hochgeschobenen Robe, die eigene Erregung, das Kitzeln des Stoffs, Georges hartes Glied in seiner Hand. Unidentifizierbare Gedankenfetzen trieben durch die zähe Masse, in die sich sein Verstand verwandelt hatte, ohne dass er alles oder auch nur das meiste von dem begriff, was gerade passierte. Momente und Sekunden tauchten auf und vergingen wieder, ohne dass er etwas dachte – denken konnte. Dann sog George scharf die Luft ein. Simon sah nach unten, und der Anblick von Georges Orgasmus und ein paar Bewegungen seiner anderen Hand reichten, um ihn Augenblicke später ebenfalls kommen zu lassen.
Als er sich ansatzweise gefangen hatte und zu George wieder richtig sehen konnte, hatte dieser die Augen wieder geöffnet und starrte ihn an. Simon kam zum ersten Mal zu Bewusstsein, was gerade passiert war. Es war nicht das selbstständige Wiedereinsetzen seines Verstandes, was ihn in die Realität zurückkatapultierte, sondern der Geruch. Weißlich-schmieriges Zeug klebte zwischen seinen Fingern, die immer noch Georges langsam schrumpfenden Schwanz hielten. Und in seiner Unterhose sah es ähnlich aus.
Er ließ George vorsichtig los und starrte auf seine Hand. Sperma tropfte zu Boden. Es war ein komischer Anblick. Er fühlte ein hysterisches Lachen in sich aufsteigen, riss sich jedoch im letzten Moment zusammen. Sein Kopf war seltsam klar, und er empfand überraschend wenig. Keine echte Befriedigung, nur die letzten Reste seiner Aufregung, die noch nicht völlig abgeklungen war. Ansonsten war da mehr Unsicherheit als Euphorie. Er fühlte vor allem eines: eine unbeschreibliche, entsetzliche und seinen Bauch verkrampfende Angst vor Georges Reaktion. Aber George schien noch immer nicht ganz zu sich gekommen zu sein, jedenfalls machte er keine Anstalten sich zu bewegen oder auch nur die Tischkante loszulassen, die er umklammert hielt.
»George?«, fragte er leise.
Die Antwort bestand aus einem langsamen Blinzeln.
»George?«
George räusperte sich. »Äh, ja?«
Simon fiel ein Stein vom Herzen. Es hatte weder wütend noch verletzt geklungen – und höchstens ein bisschen verwirrt und daneben. Dann sah George das erste Mal an sich herunter. Er stand noch immer mit heruntergelassenen Hosen am Tisch gelehnt und wirkte dabei so überrascht aus, dass Simon trotz seiner guten Vorsätze grinsen musste. Er fühlte sich nun doch leicht euphorisiert, was angesichts der Umstände wohl angemessen war.
»George?«, sagte er in einem Anflug von Übermut, und als George hersah, leckte er sich demonstrativ über die Handfläche, an der noch immer ein paar glibberige Tropfen Sperma klebten. Es schmeckte erwartungsgemäß scheußlich. Er hatte bisher nur sein eigenes probiert, und auch das nur ein einziges Mal, aber irgendwann würde er sich wohl daran gewöhnen müssen, oder? Außerdem war Georges Mienenspiel es mehr als wert. Diesmal konnte Simon ein Auflachen nicht mehr unterdrücken.
George schüttelte den Kopf, aber als Simon ihn küsste, verzog er angewidert das Gesicht. »Bäh«, machte er, was Simon wiederum urkomisch fand.
»Noch nie probiert?«, fragte er grinsend.
Aber statt zu antworten, schob ihn George von sich und zog sich die Hosen wieder hoch. Er wirkte viel zu ernst und nachdenklich für Simons Geschmack.
»Was?«, fragte er schließlich, als das Schweigen für seinen Geschmack lange genug angedauert hatte.
George zuckte mit den Schultern. »Nichts.«
»Nichts?« War das alles, was George dazu zu sagen hatte? Nichts?
»In 'ner guten halben Stunde muss ich beim Training sein.«
Quidditch? George dachte an Quidditch? Jetzt? Was hatte das mit irgendetwas zu tun?
»Samstag spielen wir gegen Slytherin.«
Wie extrem interessant. Simon konnte sich nur mit Mühe einen Fluch verkneifen.
»Es ist ein wichtiges Spiel!«, verteidigte sich George, als hätte er die unausgesprochenen Worte gehört.
Simon schnaubte nur verächtlich.
»Und nach dem Training duschen, umziehen, in den Turm …« George starrte mit gerunzelter Stirn an die Decke, als gäbe es dort irgendetwas Interessantes zu entdecken. »Zwanzig Minuten – 'ne Viertelstunde, wenn ich mich beeile.«
Simons Irritation wuchs. Ihm war schleierhaft, worauf George hinauswollte, und langsam war es ihm auch egal. Wie konnte er in diesem Moment nur an sein idiotisches Quidditch denken? Gab es nichts Wichtigeres?
Georges Blick war noch immer zur Decke gerichtet. »Hmm … Halb ist zu knapp, falls sich das Training hinzieht. Es ist ein wichtiges Spiel und bei Olly kann man nie wissen …«
George sah ihn endlich wieder an, zuckte mit den Achseln und meinte unsicher: »Also … so um neun? Ich mein', treffen wir uns um neun wieder hier? Wenn du, äh, willst … Zeit hast?«
Sprachlos starrte Simon ihn an. Er hätte beinahe ungläubig den Kopf geschüttelt, aber im letzten Moment besann er sich eines Besseren. Nicht auszudenken, falls George es missverstand und fälschlicherweise für ein Nein hielt. Nicht auszudenken.
Terry trommelte nervös mit dem Zauberstab gegen seinen Oberschenkel, während er auf und ab ging. Er verstand nicht, wie Luna so ruhig sein konnte. Sie lag lässig auf Anthonys Bett und schien sich über seine sinnlose Wanderung zu amüsieren. Entweder spielte sie nur die Unbeeindruckte, oder sie nahm die Sache einfach nicht ernst. Wahrscheinlich beides.
Er blieb vor dem Fenster stehen und starrte in den Sturm hinaus. Blitze zuckten über den Himmel und erleuchteten schwarzgraue Wolkentürme. Ehe der letzte Donner verhallen und ausgrollen konnte, setzte schon der nächste ein. Der Wind peitschte um den Turm, und Terry bildete sich ein, die Bäume am Waldrand hin und her schwanken zu sehen. Wie man sich bei solch einem Wetter auf einen Besen setzen mochte, war ihm ein Rätsel. Aber egal. Wenigstens war das Schloss einigermaßen leer, und das war die Hauptsache. Sollten sich die Quidditchspieler doch den Tod holen!
Die Tür zum Schlafsaal ging auf, und Terry fuhr herum. Anthony und Simon! Endlich! Anthony kam auf ihn zugestürzt.
»Wie steht's?«, fragte er und starrte in den Sturm hinaus in Richtung des Quidditchstadions.
»Keine Ahnung! Wen interessiert's?«, fuhr Terry ihn an. Als gäbe es nichts Wichtigeres als dieses dämliche Quidditch! Außerdem konnte man von hier oben sowieso nicht viel sehen, und das Donnergrollen des Sturms war zu laut, um die Stimme des Stadionsprechers zu verstehen – selbst wenn er verrückt genug gewesen wäre, das Fenster aufzumachen.
Anthony teilte diese Ansicht offensichtlich nicht, denn er drückte Terry eine Phiole in die Hand und begann, am Fensterriegel zu zerren. Terry nahm die kurz darauf folgende Gischt von feinen Regentröpfchen nicht einmal zur Kenntnis. Er starrte auf das kleine Glasröhrchen, nicht größer als sein kleiner Finger, in seiner Hand. Eine klare Flüssigkeit schwappte darin. Es war nicht viel, ein halber Schluck höchstens. Vorsichtig schloss er seine Faust um die kostbare Phiole.
Er sah zu Luna hinüber. Sie hielt ihre Dosis gerade gegen das Licht – und schüttelte die Phiole! Terry schloss kurz die Augen. Er würde Luna einfach ignorieren. Genau. Nicht einmal hinsehen. Er ging zu seinem Bett und setzte sich.
»Hmm …«, machte Luna, und Terry befürchtete schon irgendwelche neuen Kindereien, aber stattdessen richtete sie sich auf, setzte sich ordentlich hin und sah ihn an. »Fangen wir an?«
»Klar«, erwiderte Terry mutig. Jedenfalls mutiger, als er sich fühlte. »Auf drei.«
Doch er zögerte noch. Unsicher warf er Simon, der gerade neben Luna auf Anthonys Bett Platz nahm, einen hilfesuchenden Blick zu, erntete jedoch nur ein Schulterzucken. »Eure Entscheidung.«
Hinter Terry knallte das Fenster wieder zu. »Man kann kein einziges Wort verstehen!«, beschwerte sich Anthony. »Und viel erkennen lässt sich von hier aus auch nicht.«
»Gryffindor gewinnt«, behauptete Simon beinahe ernsthaft.
»Ha!« Anthony warf sich hinter Terry aufs Bett. »Wie objektiv und sachkundig! Wie wird man zum Quidditchexperten? Treib's mit 'nem Treiber?«
»Idiot«, gab Simon zurück. »Gryffindor hat die bessere Mannschaft.«
»Was ihnen bei dem Wetter gar nichts bringt«, erklärte Anthony ungerührt. »Das ist ein reines Glücksspiel unter diesen Bedingungen.«
Es war Terry herzlich egal, ob Slytherin oder Gryffindor den Sieg davontragen würde. Heute war es endlich so weit! Er wusste, es würde klappen. Auch wenn in dem Buch stand, dass es praktisch nie beim ersten Mal klappte – er würde es schaffen! Schließlich war er gut in Verwandlung, oder? Der Beste! Einer der Besten jedenfalls. Wenn es überhaupt jemand im ersten Anlauf schaffen konnte, dann er! Er hatte die Spruchsilben und die Zauberstabgesten seit Wochen geübt. Er beherrschte die Abfolge im Schlaf. Er träumte sogar manchmal davon. Es gab überhaupt keinen Grund, an sich zu zweifeln oder aufgeregt zu sein! Alles würde gutgehen! In wenigen Minuten würde er ein Animagus werden. Luna würde natürlich länger brauchen. Sie war nicht besonders gut in Verwandlung. Aber trotzdem war es nett, dass sie mitmachte und er nicht allein –
»Hey, warte!«, rief er, als er sah, dass Luna ihr Röhrchen bereits geöffnet hatte und es gerade an die Lippen setzen wollte. Sie zwinkerte ihm zu, legte den Kopf in den Nacken und kippte sich den Inhalt in den Mund. Ohne auf ihn zu warten.
Er zog hastig die Verschlusskappe von seiner eigenen Phiole, beobachtet noch einen Moment Luna, die jedoch kein Anzeichen von Unwohlsein zeigte, und machte es ihr nach.
Es schmeckte nach nichts. Wie klares, durch die Wärme seiner Hand lauwarm gewordenes Wasser. Er schluckte vorsichtig. Und er fühlte … nichts. Einen Augenblick lang hatte er den Verdacht, dass Anthony und Simon sie auf den Arm genommen hatten. Vielleicht war es tatsächlich nur Wasser? Vielleicht meinten die beiden, es wäre doch zu gefährlich, und hatten beschlossen, ihnen nur ein Schluck Wasser zu verabreichen? So etwas war Simon und Anthony ohne weiteres zuzutrauen. Immerhin war der Trank angeblich giftig und der ganze Verwandlungsprozess nicht ungefährlich.
Dann wurde ihm schwindelig und seine Sicht verschwamm. Das stete Grollen des Donners schien zu verstummen. Er hörte dumpfe Laute und sah undeutlich, wie sich dazu Simons Lippen bewegten, aber er verstand kein Wort. Kälte breitete sich in seinem Magen aus, während scharfe Magensäure seine Kehle hochstieg. Er schluckte mehrmals, um sich nicht zu übergeben. Offenbar doch nicht nur Wasser.
Er versuchte, ruhig zu bleiben und regelmäßig weiterzuatmen, wie es in dem Buch gestanden hatte. Tatsächlich ließen Schwindel und Übelkeit nach wenigen Augenblicken wieder nach. Ihm war noch ein wenig kalt, aber es war nicht unangenehm. Komischerweise fühlte er sich völlig gelassen. Ein bisschen fühlte es sich an wie die ersten Züge einer Zigarette. Er lächelte zu Luna hinüber, die zurücklächelte. Allmählich kam auch sein Gehör zurück.
»… mich? Terry! Alles okay?«
Was regte sich Simon so auf? Terry grinste ihn beruhigend an. Er atmete ein und aus, und es fühlte sich seltsam an. Als würde er zum ersten Mal in seinem Leben Luft holen. Unter Wasser.
»Alles in Ordnung.« Seine Stimme klang noch etwas dumpf in seinen Ohren, aber ansonsten schien alles wieder normal.
Er sah zu den Fenstern, wo gerade ein besonders langer und verästelter Blitzzweig über den düstergrauen Himmel kroch. Er schloss die Augen und bewunderte das Nachglühen der gezackten Lichtbahn hinter seinen Lidern.
»Wollt ihr nicht endlich anfangen?«, erklang von irgendwoher Anthonys Stimme. »Viel Zeit habt ihr nicht.«
Was redete Anthony da? Zeit wofür? Terry dachte einen Augenblick nach. Warum war er eigentlich hier? Da war etwas gewesen, was er tun wollte. Ach ja, die Animagus-Transformation. Richtig. Ein Animagus werden. Sich in einen Vogel verwandeln. Fliegen können. Fliegen wie ein Vogel …
Er zwang sich, die Augen zu öffnen. Sein Blick fiel auf den Zauberstab, den er locker in der Hand hielt. Er fühlte sich schwerer an als sonst. Es kostete ihn Überwindung, ihn anzuheben. Und wozu eigentlich? Er ließ ihn wieder sinken. Er sah zu Luna hinüber, die mit ihrem Zauberstab komische Schleifen in die Luft malte und dabei unsinniges Zeug vor sich hin plapperte. Einen Moment später erkannte er die Silben des Verwandlungsspruchs. Und er wurde wütend. Was bildete Luna sich ein? Wenn es einer von ihnen schaffen würde, dann er!
Ruckartig hob Terry seinen Stab, sagte sein erstes »An!« und hakte schwungvoll die erste Station auf dem verschlungenen Weg durch den Verwandlungskubus ab.
»Teon! … Kor! … Res! … Andro! … An! …« Wie von selbst schienen sich die Silben des Zauberspruchs zu sprechen. Mit traumwandlerischer Sicherheit tanzte sein Zauberstab durch die Ebenen des Verwandlungskubus. Er musste kein einziges Mal innehalten, nachdenken oder in seinem Gedächtnis kramen. Ein Kinderspiel! Er hätte beinahe gelacht und seinen Spruch unterbrochen.
»… An! … Eris! … An! … Sarko! … Ran! … An! … Tarsu!« Triumphierend durchfuhr er die letzte Kehre und malte den letzten Schnörkel mit seinem Zauberstab in die Luft. Und wartete. Und wartete noch etwas länger. Er war sich sicher, dass sich etwas tat. Er kannte das Gefühl von Verwandlungsmagie. Irgendetwas passierte. Doch dann war es wieder weg. Einfach weg und verpufft. Er horchte in sich hinein, aber die Magie war definitiv verschwunden. Wahrscheinlich hätte er jetzt bitter enttäuscht sein müssen, aber stattdessen brach ein Gähnen aus ihm heraus, das seine Kiefergelenke knacken ließ.
Fast gelangweilt setzte er zum zweiten Versuch an. Es gab ja sonst nicht viel zu tun, oder? Diesmal war er schneller als Luna. Auch wenn das unwichtig war. Er war sich sicher, dass auch sein zweiter Durchgang perfekt war. Er führte die Zauberstabgesten exakt aus, auch wenn sein Zauberstab immer schwerer zu werden schien, die Spruchsilben flossen klar und flüssig von seinen Lippen, seine einfachste Übung. Das Ergebnis war das gleiche wie beim ersten Mal. Ein kurzes Aufkitzeln von Magie und dann – nichts.
Terry spürte ein hämmerndes Pochen in den Schläfen, seine Augen begannen zu tränen und sein Mund war trocken. Aber er ließ sich davon nicht lange aufhalten und startete seinen dritten Versuch. Es fiel ihm zunehmend schwer, sich zu konzentrieren. Mitten im Spruch hatte er plötzlich vergessen, ob er schon beim sechsten oder noch beim fünften »An« war, aber er machte einfach weiter. Es geschah nichts Schreckliches, aber diesmal blieb sogar das schwache Aufflackern der Magie aus.
Verwirrt runzelte er die Stirn und sah zu Luna hinüber. Sie sah nicht gut aus. Wenn er genauer darüber nachdachte, fühlte er sich ebenfalls ein bisschen daneben. Ausgelaugt und müde.
»Das war's dann wohl«, meinte Anthony, stand auf und verschwand im Badezimmer.
Vermutlich hatte er recht. Terry fühlte, wie die Wirkung des Tranks immer mehr nachließ und er allmählich wieder klar im Kopf wurde. Leider wurde gleichzeitig das dumpfe Pochen in seinen Schläfen zu einem rhythmischen Stechen.
Anthony kam wieder herein und hatte zwei Eimer dabei, die er kommentarlos vor Terry und Luna abstellte. Terry musste nicht fragen, wozu. Ihm war schlecht. In seinem Magen rumorte es. Er versuchte noch einmal, seine Übelkeit hinunterzuschlucken, während sich Luna bereits über den Eimer beugte und sich geräuschvoll übergab.
»Geht schon«, behauptete er und stieß den leeren Eimer weg, bei dessen Anblick ihm nur noch übler wurde.
Anthony grinste ihn mitleidlos an und schob ihm den Eimer wieder hin. »Keine Chance. In dem Trank war Brechwurz. Recht potentes Emetikum. Das kommt dir jetzt hoch, ob du's willst oder nicht.«
Wie um Anthonys Worte zu bestätigen, krampfte sich sein Magen zusammen und pumpte Schwall um Schwall unidentifizierbarer Massen aus ihm heraus. Terry starrte mit tränenden Augen auf die Brocken halbverdauten Frühstücks, die im Eimer schwappten, während Anthony ihm auf den Rücken klopfte.
»Immer raus damit. Verdammt toxisches Zeug in dem Trank. Je weniger drinbleibt, umso besser. Ist wirklich ein Riesenspaß, Animagus zu werden, oder?«
Terry wünschte sich, Anthony würde still sein. Oder wenigstens aufhören, auf seinem Rücken herumzuklopfen. Aber er war zu sehr damit beschäftigt, sich erneut zu übergeben. Seltsamerweise ließen seine Kopfschmerzen etwas nach. Oder sie wurden von den Magenkrämpfen überdeckt. Minutenlang hing er über dem Eimer. Jedes Mal, wenn er meinte, es könne unmöglich noch etwas in seinem Magen sein, strafte dieser ihn lügen. Aber irgendwann, nachdem er sich schon längst sämtliche Galle aus dem Leib gekotzt zu haben schien und nur noch trocken würgte, ließ es nach. Ein Glas Wasser tauchte vor ihm auf, und er spülte sich den Mund, spuckte aus, trank vorsichtig einen kleinen Schluck und behielt ihn tatsächlich bei sich. Er wischte sich die Haare von der schweißnassen Stirn und musste rülpsen.
»War's das?«, fragte Anthony, dieser gemeine Bastard, und Terry konnte das Grinsen in seiner Stimme hören. Er nickte schwach und hoffte nur, dass es wirklich vorbei war. Vorsichtig ließ er sich aufs Bett zurücksinken und schloss die Augen. Tatsächlich fühlte er sich etwas besser, auch wenn die Kopfschmerzen jetzt verstärkt wiederkamen. Er lag da, ohne sich zu rühren, während er nur verschwommen hörte, wie Simon und Luna etwas sagten und jemand mit den Eimern herumhantierte.
Das Zimmer schien sich zu drehen. Er würgte abermals, aber anscheinend war wirklich nichts mehr in ihm, das er hätte auskotzen können. Er versuchte, ruhig und gleichmäßig zu atmen und das Brennen in der Kehle zu ignorieren. Die Fenster wurden aufgerissen, und kalter Wind wehte in den Schlafsaal und kühlte seine Stirn. Er richtete sich vorsichtig auf und sah sich um. Luna lag ausgestreckt und bleich auf Anthonys Bett und rührte sich nicht. Anthony und Simon standen an den Fenstern und wedelten mit den Zauberstäben. Irgendein Spruch, um den Regen draußen zu halten.
Terry versuchte aufzustehen, aber der Raum drehte sich immer noch, und er musste sich wieder setzen. Er verschnaufte einen Moment, probierte es ein zweites Mal und wankte auf ein offenes Fenster zu. Er hielt sich am Rahmen fest und steckte den Kopf hinaus in den Sturm. Dicke Regentropfen klatschten ihm ins Gesicht. Mit jeder Sekunde wurde er wacher und konnte wieder klarer denken. Leider wurde der pochende Kopfschmerz dadurch nur noch schlimmer.
Also hatte es nicht geklappt. Verdammter Mist. Anscheinend war die Sache doch schwerer, als er geglaubt hatte. Und wenn das Buch recht hatte und kaum ein Zauberer es unter zwanzig Versuchen schaffte, dann würde es eine ziemlich Tortur werden. Er verstand zum ersten Mal, warum vielleicht nicht jeder Zauberer ein Animagus werden wollte. Er öffnete den Mund, aber nur ein paar vereinzelte Tropfen verirrten sich auf seine pelzige Zunge. Trotzdem hatte er keine echten Zweifel, dass es die Mühen wert war. Er würde sich nötigenfalls auch fünfzigmal die Seele aus dem Leib kotzen. Aber im Moment hoffte er sehr, dass es nicht ganz so lange dauern würde.
In einer kurzen Donnerpause trug der Sturmwind Schreie und Wortfetzen heran. »… Gryffindor! Dreihun… zu …undzwanzig … Slyther…! …findor gewinnt!«
Terry zog den Kopf wieder ein. Im Schlafsaal roch es noch immer ein bisschen säuerlich, aber es ging. Er würde sich einfach ins Bett legen und behaupten, er sei krank. Es war nicht allzu weit von der Wahrheit entfernt. Er fühlte sich krank.
»Das Spiel ist vorbei«, informierte er die anderen. Luna richtete sich stöhnend auf. Sie war immer noch ziemlich blass um die Nase.
»Ich verschwinde dann mal lieber«, meinte sie ungewohnt kleinlaut. Terry hatte eine ziemlich gute Vorstellung davon, wie sie sich fühlte, aber es half ja nichts. Er selbst verschwand im Bad, trank bestimmt einen halben Liter direkt aus dem Wasserhahn und musste dann wieder würgen. Als sich sein Magen wieder beruhigt hatte, trocknete er sich das Gesicht und die regennassen Haare ab. Er sah noch immer sehr bleich im Spiegel aus, aber das würde es nur glaubwürdiger machen, wenn er behauptete, krank zu sein. Das Mittagessen würde er auf jeden Fall ausfallen lassen. Er verzog das Gesicht. In seinen Schläfen pochte das Blut, und selbst die kleinste Bewegung löste eine Welle stechender Kopfschmerzen aus. Vorsichtig und mit steifen Schritten schlich er in den Schlafsaal zurück.
Anthony und Simon sprachen am Eingang mit Su und Kevin. Vermutlich erklärten sie ihnen gerade, dass ihm plötzlich schlecht geworden war oder etwas Ähnliches. Er hörte nicht hin, und es war ihm auch egal. Er wollte sich nur noch hinlegen. Als er sein Bett endlich erreicht hatte, ließ er sich langsam darauf niedersinken. Er schloss die Augen. Das Hämmern in seinem Schädel wurde für einen Moment so unerträglich, dass er am liebsten geschrien hätte, aber dann klangen die Schmerzwellen allmählich wieder ab.
Er lag eine Weile regungslos. Das Rauschen des Blutes in seinen Ohren schien fast lauter als das Stimmengemurmel im Schlafsaal.
»Macht bitte die Vorhänge zu«, krächzte er leise, ohne zu wissen, ob ihn jemand hörte. Vermutlich klang es jämmerlich, aber er wagte nicht, sich aufrichten, um sie selbst zuzuziehen. Er öffnete nicht einmal die Augen. Er konnte einfach nicht. Er sagte es noch einmal, etwas lauter, als ihm lieb war. Diesmal schien ihn endlich jemand gehört zu haben. Schritte näherten sich, und die Vorhänge um sein Bett wurden zugezogen. Er begrüßte die Dunkelheit und Stille – auch wenn es nicht viel half. Noch immer hätte er einen schnellen, schmerzlosen Tod mit offenen Armen willkommen geheißen.
Sirius blickte angestrengt in das mondhelle Zwielicht des nächtlichen Herbstwaldes. Wenn sie von ihrem Ausflug nicht zurückkehrte, waren Wochen des Aushungerns, Zähmens und Abrichtens umsonst gewesen. Er machte sich keine großen Sorgen, dass Mirzam ausbleiben würde, aber man konnte nie wissen. Kaum etwas war leichter, als einen Vogel zu vergrämen. Mirzam war immerhin ein Wildfang und kein Abkömmling generationenlang auf Zahmheit, Gehorsam und Zuverlässigkeit gezüchteter Posteulen.
Trotz seiner Wachsamkeit machte ihn erst das Knacken eines Zweiges auf ihre Rückkehr aufmerksam. Mirzam war urplötzlich wie ein Geist aus dem Wald aufgetaucht und hatte sich auf dem kahlen Ast eines nahen Baumes niedergelassen. Aus ihrem maskenhaften Gesichtsschleier blickten zwei leuchtende Augen auf ihn herunter. Sirius lächelte erleichtert zu ihr hinauf und bot ihr seine Faust an, um sie anzulocken. Sie musterte ihn unbeeindruckt und ließ sich erst dazu herab, seine Einladung anzunehmen, als er ihr die Maus zeigte, die er für sie gefangen hatte.
Bei der Landung bohrten sich ihre Klauen in seinen Unterarm. Sie konnten ihn durch den Mantelstoff zwar nicht ernsthaft verletzten, aber trotzdem übten ihre kräftigen Greifer einen schmerzhaften Druck aus. Das Fehlen eines richtigen Falknerhandschuhs hatte sich schon früh bemerkbar gemacht. Inzwischen waren seine Arme, besonders die rechte Hand, von zahlreichen Blutergüssen und Narben bedeckt. Aber er nahm es hin. Heilzauber waren nie seine Stärke gewesen, und nach einigen Tagen hatte er es schlicht aufgegeben, wieder und wieder seine Arme und Hände zu behandeln, nur um sich kurz darauf neue blutige Kratzer und Wunden an denselben Stellen einzufangen.
»So ist es brav, meine Schöne!«, flüsterte er Mirzam zu, während sie hastig nach der Atzung schnappte und zu kröpfen begann. Noch durch den Mantel konnte er die Heftigkeit und Kraft spüren, die sich hinter ihren schnellen Schnabelhieben verbarg. »Wie war der Ausflug? Hat es dir gefallen, du kleines Biest?«
Er strich ihr sanft mit dem Handrücken übers Gefiederdach und bewunderte ihre gesprenkelten Schwingen. Im Tageslicht schimmerten sie goldbraun, doch der Mondschein tauchte sie in Grau, Schwarz und fahles Weiß. Beinahe hätte er laut gelacht. Im letzten Moment gelang es ihm, seine aufsteigende Heiterkeit in ein leises Glucksen zu verwandeln. Er wollte Mirzam nicht verschrecken.
Der erste freie Flug ohne Lockschnur. Das Glück des Falkners über die Rückkehr des ersten, selbst abgetragenen Vogels. Gab es etwas Vergleichbares? Er erinnerte sich an das Gefühl, aber das änderte nichts daran, dass er es zum ersten Mal empfand. Es musste Jahrhunderte her sein, dass ein Black so etwas getan und gefühlt hatte. Es war kaum anzunehmen, dass sich viele seiner Vorfahren mit dem aufwendigen Aufstellen, Lockemachen und Abtragen eines Greifvogels abgegeben hatten. Wozu gab es schließlich Magie?
Er ließ Mirzam ihr Mahl in aller Ruhe beenden. Sie war leichter, als sie aussah, und es dauerte nicht lange, bis die Maus halbiert und in zwei Happen verschlungen war. Er flüsterte ihr sinnlose Koseworte zu, die sie mit einem Schulterzucken und gelangweiltem Spreizen ihrer Schwingen abzutun schien. Gleichzeitig vollführte er mit der freien Hand die magischen Gesten, die das magische Geschirr beschworen, das sie anstelle eines Geschühriemens an ihn band.
»Genug für heute?«, fragte er sie leise. »Gehen wir wieder hinein?«
Sie musterte ausdruckslos und uninteressiert den Wald und ließ sich zu keiner Reaktion herab. Erst als er sich dem Höhleneingang zuwandte, meldete sie sich zu Wort. Sie konnte den engen Spalt nicht leiden und flatterte protestierend, als wolle sie sich zu groß machen, um hindurchzupassen. Aber wie gewöhnlich gab sie ihren Widerstand auf, nachdem er ihr gut zugeredet hatte.
Er stellte sie auf ihren Block und warf ihr eine weitere Maus zu. Meist fing er Mirzam's Atzung ohne magische Hilfe. Es war seltsam befriedigend, in Hundegestalt auf die Jagd zu gehen und sich nur auf die eigenen Sinne und die eigene Schnelligkeit und Gewandtheit zu verlassen. In den vergangenen Wochen hatte er mehr als einmal vergessen, warum er sich die Schleiereule überhaupt aufgestellt hatte. Das Lockemachen des Vogels hatte seine volle Konzentration und Hingabe erfordert. Er hatte zwar gewusst, was zu tun war, aber trotzdem tat er alles zum ersten Mal. Und kein Vogel war wie der andere. Und kein Vogel war einfach abzutragen. Es war stets eine Aufgabe, die die volle Liebe und Hingabe des Falkners erforderte.
Diesmal lachte er laut. Mirzam unterbrach ihr kröpfen, kreischte auf und warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu, doch er konnte nicht anders. Sirius Black, letzter Sohn, Erbe und Oberhaupt des edlen und uralten Hauses derer von Black. Ein Hundemensch, ein Menschenhund, in einer Höhle im Wald, allein in der Wildnis hausend, wo er sich ganz der hohen Kunst der Falknerei und Beizjagd widmen konnte. Es klang nicht einmal unwahrscheinlich. Die meisten würden es nur für ein weiteres Zeichen des Wahnsinns halten, der früher oder später alle Blacks befiel. Nur wenige würden begreifen, dass es wahrlich schlechtere Arten gab, sein Leben zu führen. Es war fast eine Versuchung. Die letzten Wochen seines Lebens waren erfüllt gewesen wie noch nie. Nicht von etwas Bestimmtem oder gar von einem tieferen Sinn erfüllt, sondern einfach nur erfüllt. Er hatte mit Mirzam gekämpft, sich selbst am Leben erhalten, war auf die Jagd gegangen, hatte sich in seinem »Heim« eingerichtet. Er hatte Einhörner auf Waldlichtungen überrascht, Zentauren gewittert und gemieden, war durch Dickicht und Unterholz geschlichen, war mit dem Wind um die Wette gelaufen. Der Wind. Er wurde kälter und schien ihn vor dem ersten Schnee warnen zu wollen. Seine Stimme wurde immer klarer, und manchmal glaubte er, verwehte Worte verstehen zu können. Der Wind schien ihn zu locken, ihm etwas zu versprechen, ihn abzulenken und zu verspotten. Oft genug machte sich eine plötzliche kalte Böe über ihn und seine »Mission« lustig und schien ihn zu fragen, wozu das alles gut sein solle und warum er nicht einfach alles vergaß und sich mit diesem sorglosen Leben zufriedengab. Es war eine Versuchung. So viele Erfahrungen, die auf ihn warteten. Vielleicht sogar die ein oder andere nützliche Erfahrung darunter, die sein Schatten eines Tages würde weitergeben können. Doch an wen weitergeben?
Er seufzte und schüttelte den Kopf, um den lästigen Gedanken wieder zu vertreiben. Ein Schritt nach dem anderen. Der Verräter kam zuerst, um alles andere war zweitrangig, hatte Zeit bis später. Mirzam würde bald so weit sein. Seine Botin, sein Herold. Keine Magie würde sie aufhalten können. Sie, die durch mehr als Magie mit ihm verbunden war, würde seine Botschaft auf durch Bann- und Schutzzauber tragen. Und so würde sie ihm einen Verbündeten im Schloss gewinnen. Das war jedenfalls der Plan. Riskant genug, denn selbst wenn Remus die Botschaft erhielt, musste er ihr erst noch glauben schenken. Einer wilden, phantastischen, unbewiesenen Geschichte glauben. Dumm genug sein, einem gesuchten Massenmörder vertrauen; weise genug sein, einem alten Freund vertrauen. Die Chancen standen schlecht und gut, nicht vorhanden und doch einen Versuch wert. Aber es konnte gelingen. Es musste gelingen!
Und falls doch nicht, wenn sich auch diese Hoffnung zerschlagen sollte, wie sich so viele seit seiner Flucht aus Azkaban zerschlagen hatten … es gab noch eine zweite Möglichkeit, einen letzten Ausweg. Tückisch und todbringend. Seit Jahrhunderten hatte niemand mehr solche Magie benutzt. Er selbst hatte tief in seinen Erinnerungen graben müssen. Nuntius necis. Der Engel des Todes. Er bezweifelte, dass es außer ihm noch viele andere lebende Zauberer und Hexen gab, die überhaupt von diesem Fluch wussten, geschweige denn in der Lage gewesen wären, ihn zu sprechen. Und noch einmal weniger, die auch nur ahnten, wie man sich davor schützen konnte. Selbst ein Dumbledore würde nicht mit derart altmodischer, mittelalterlicher und vorsintflutlich gewaltsamer Magie rechnen. Welcher Zauberer war heutzutage schon noch mit der Falknerei vertraut? Und von den wenigen, welcher Falkner wäre bereit, das Leben eines selbst locke gemachten, auf eigener Faust abgetragenen Vogels zu opfern? Nicht einmal in früheren, dunkleren Zeiten war es häufig vorgekommen, dass das Leben – vielmehr der Tod – eines Feindes so viel wert gewesen war. Falls ihm keine Wahl blieb, würde er es tun, doch er würde es hassen. Mehr noch: Er würde sich selbst dafür hassen. Mirzam war nicht irgendein Werkzeug seiner Rache, nicht nur eine austauschbare Posteule; sie war zu einer Weggefährtin geworden. Sie auf diese Weise zu benutzen, sie als bloße Waffe zu gebrauchen, ihr Vertrauen zu missbrauchen und sie wissentlich in den Tod zu schicken, würde schwerer sein als alles, was er bisher für seine Rache getan und hatte.
Doch er musste bald handeln, so oder so. Jeden Tag konnte der erste Schnee fallen, und dann würde es nicht mehr lange dauern, bis die Schüler aus dem Schloss strömten und in die Weihnachtsferien aufbrachen. Und mit ihnen würde eine Ratte verschwinden. Das konnte er auf keinen Fall zulassen. Was auch immer es kosten mochte, er würde Peter nicht noch einmal entkommen lassen.
Von ihrem Block herab erwiderte Mirzam stolz und kalt seinen Blick.
»Nur als letzter Ausweg …«, versprach er ihr flüsternd. »Nur als letzter Ausweg, meine Schöne. Remus wird mir glauben. Er muss!«
Sie drehte achtlos den Kopf zur Seite, begann ihre Federn durch den Schnabel zu ziehen und ihr Gefieder zu ordnen und würdigte ihn keiner Antwort.
Anthony war so wütend, dass es eine Weile dauerte, bis ihm bewusstwurde, dass er eine seiner Haarsträhnen von den Schultern gezupft hatte und diese nun zwischen den Fingern hielt und erbittert darauf herumkaute. Als er es bemerkte, stellte er es natürlich sofort ab, wischte sich rasch die Haare aus dem Mundwinkel und sah sich unauffällig um.
Anscheinend hatte er Glück. Luna und Terry waren mit irgendeinem Spiel beschäftigt – jedenfalls wanderte ein Zettel zwischen ihnen hin und her, auf dem sie abwechselnd herumkritzelten –, Simon las natürlich, hinter ihnen saß niemand und in der Reihe vor ihnen schliefen ein paar Hufflepuffs still vor sich hin. Auch von weiter vorne keine Gefahr. Der einschläfernd monotone Vortrag von Professor Binns hatte die Klasse fest im Griff und schläferte unerbittlich jegliche Wachsamkeit – und den Lebenswillen – seiner Zuhörerschaft ein.
Anthony atmete auf. Schlechte Angewohnheiten zu haben, war schlimm genug; sie öffentlich zur Schau zu stellen, war ein Unding. Er gab Luna die Schuld. Sie fingerte dauernd an ihren Haaren herum. Kein Wunder, dass ihr zersetzender Einfluss irgendwann abfärbte. Er würde ihre Marotten nicht übernehmen, egal wie wütend er war!
Die Versuchung, den Brief seiner Mutter zu einem Ball zu pressen und in Flammen aufgehen zu lassen war groß, aber das wäre kindisch und unwürdig gewesen. Außerdem hätte nicht einmal Professor Binns ein Feuer im Klassenzimmer ignorieren können. Statt sich also einem albernen Wutanfall hinzugeben, zwang er sich, seine Hände flach und ruhig auf den Tisch auf den Tisch zu legen und eine Weile nichts zu tun. Er konzentrierte sich auf die Stimme von Professor Binns, aber nicht einmal die gerade heruntergeleierte Aufzählung aller Namen und Amtszeiten der Zaubereiminister des 16. Jahrhunderts konnte ihn beschwichtigen. Schließlich gab er auf und starrte wieder düster auf den Brief hinunter.
Er war stolz darauf gewesen, wie subtil er seinen Verdacht in seinen letzten Bericht nach Hause hatte einfließen lassen. Er hatte nur ganz unschuldige Fakten erwähnt: die regelmäßigen Unterrichtsausfälle, wie angeschlagen Professor Lupin danach immer aussah, dass Professor Snape ihn einmal vertreten und dabei außer der Reihe das Thema Werwölfe behandelt hatte. Alles hübsch unauffällig über den ganzen Brief verteilt. Erst ganz zum Schluss hatte er erwähnt, dass er inzwischen verstand, was seine Mutter an Runen so faszinierend fand – eine glatte Lüge –, und dass er vor kurzem und ganz zufällig ein Amulett mit interessanten Runen gesehen habe. Nicht mehr. Als Postscriptum hatte er noch hinzugefügt, sie solle seinen Großvater von ihm grüßen, er freue sich schon darauf, ihn in den Weihnachtsferien zu sehen und wieder mit ihm über die neuesten Entdeckungen auf dem Gebiet der Zaubertrankforschung reden zu können. Er hatte weder den Namen »Belby« noch dessen Wolfsbanntrank ausdrücklich erwähnt. Wenn sein Verdacht stimmte, war es unnötig.
Die Antwort seiner Mutter machte eines vollkommen klar: Sie hielt ihn für naive und kindisch. Oder zumindest für nicht vertrauenswürdig genug, was auf dasselbe hinauslief. Man solle Amulette entweder tragen oder nicht tragen, hatte sie geschrieben. Sie irgendwo herumliegen zu lassen, wo Leute sie zufällig sehen könnten, sei töricht. Außerdem wünsche sie, dass er es gegenüber seinen Lehrern unter keinen Umständen an Respekt mangeln lasse. Und sie befand es tatsächlich für nötig, ihn daran zu erinnern, dass es von schlechtem Benehmen zeuge, sich an der Verbreitung von Gerüchten zu beteiligen. Mit anderen Worten: Trag dein Amulett oder versteck es gefälligst! Ob Professor Lupin ein Werwolf ist oder nicht, hat dich nicht kümmern! Und ansonsten: Halt den Mund und behalte deinen Verdächtigungen für dich, wenn du weißt, was gut für dich ist!
Der Rest ihres Briefs bestand aus unwichtigem, nichtssagendem Geplauder! Er hatte ihn jetzt dreimal aufmerksam gelesen, und da war einfach nichts! Kein Hinweis, nicht einmal eine Andeutung, ob er mit seinem Verdacht recht hatte oder nicht, geschweige denn irgendeine echte Information. Er war sich zwar inzwischen so gut wie sicher, dass Professor Lupin ein Werwolf war, aber ebenso sicher war er, dass seine Mutter darüber genau Bescheid wusste. Wahrscheinlich hatte sie es schon vor Beginn des Schuljahres gewusst! Eine der kleinen, verschlungenen Formen auf dem Amulett wies eine entfernte Ähnlichkeit mit einem selten benutzten Symbol für Antimon auf. Er hatte es nicht in einer Runentabelle gefunden, sondern war eher zufällig in einem alten Alchemiebuch darauf gestoßen. Antimon, der graue Wolf der Alchemisten. Es konnte Zufall sein. Die Rune auf seinem Amulett sah bei genauer Betrachtung doch ein wenig anders aus. Irgendwie krumm und verbogen. Und die Grundform war auch nicht gerade einzigartig. Ein tief geschwungenes U mit Schnörkeln und einem senkrechten Querstrich, der in einem Unterkreuz auslief. Er hatte zu wenig Ahnung von Runenmagie, um sich der Bedeutung wirklich sicher zu sein. Außerdem kam es ja angeblich bei jeder Rune auch auf die Absicht an, mit der sie gezeichnet wurde. Professor Babbling wurde jedenfalls nicht müde, in jeder Unterrichtsstunde wieder und wieder zu betonen, wie ungeheuer wichtig das wäre.
Am meisten ärgerte ihn, dass seine Mutter es für nötig befunden hatte, ihn zur Diskretion zu ermahnen. Als wäre er nicht verantwortungsbewusst genug, selbst zu wissen, dass man mit solchen Verdächtigungen nicht hausieren ging. Abgesehen von allem anderen: Professor Lupin konnte ihn durchfallen lassen! Aber was seine Mutter anscheinend nicht recht begriffen hatte: Wenn er darauf gekommen war, dass der Professor ein Werwolf war, dann würden das früher oder später auch andere tun. Man musste davon ausgehen, dass einige der intelligenteren Schüler längst denselben Verdacht geschöpft hatten. Es war nur eine Frage der Zeit, bis es zu einem offenen Geheimnis wurde. Vermutlich zählten auch andere Schüler schon die Tage bis zum nächsten Vollmond. Spätestens dann würde die Gerüchteküche zu brodeln beginnen.
Darüber hinaus schien es mindestens unwahrscheinlich, dass er der einzige Schüler dieses Jahr war, der ein Schutzamulett oder etwas Ähnliches von zu Hause mitbekommen hatte. Mit Sicherheit wussten auch andere Eltern Bescheid – und die vernünftigeren hatten ihre Kinder bestimmt gewarnt. Warum auch nicht? Solange Professor Lupin seinen Wolfsbanntrank nahm, konnte niemand etwas dagegen haben, dass er unterrichtete. Ein paar Schüler wussten bestimmt Bescheid. Höchstwahrscheinlich hatte man ihnen ebenfalls nahegelegt, nichts weiterzuerzählen und keine Gerüchte zu verbreiten. So gesehen war es höchst erstaunlich, dass es noch nicht die Runde gemacht hatte und alle Bescheid wussten. Aber vielleicht wussten inzwischen tatsächlich die allermeisten Bescheid, aber jeder behielt es für sich?
Nach kurzem Überlegen verwarf Anthony diesen Gedanken wieder. Sehr viele konnten es nicht sein, die eingeweiht waren oder Verdacht geschöpft hatten. Sonst wäre die Sache schon lange Tagesgespräch gewesen. Und wenn es so ein Gerücht gegeben hätte, dann hätte Terry als einer der Ersten davon erfahren – und es weitererzählt. Er war schließlich muggelstämmig, und viele Muggelstämmige hatten eine übertriebene Angst vor Werwölfen und Vampiren. Terry hätte es vermutlich für seine Pflicht gehalten, zumindest seine Freunde vor Professor Lupin zu warnen. Außerdem war er einfach nicht besonders gut darin, etwas für sich zu behalten. Das war einer der Gründe, warum Anthony niemandem von seinem Verdacht erzählt hatte. Terry war nicht gerade ein Musterbeispiel an Verschwiegenheit, und Luna konnte zwar ein Geheimnis für sich behalten, allerdings tat sie das nur, wenn sie auch wollte. Vielleicht wusste sie sogar längst Bescheid und hatte sich aus ihren eigenen Gründen dazu entschieden, nichts zu sagen? Luna wäre so etwas zuzutrauen gewesen.
Blieb noch Simon. Eigentlich hatte er anfangs ernsthaft überlegt, ob er Simon einweihen sollte, hatte sich aber dann doch entschlossen, erst einmal auf die Antwort seiner Mutter zu warten. Und jetzt … Es war nicht so, dass er etwas auf die Anweisungen seiner Mutter gab. Eher im Gegenteil. Er hatte noch nie so große Lust gehabt, ein Gerücht in die Welt zu setzten, wie nach der Lektüre ihres Briefes. Aber Simon war seit ein paar Wochen irgendwie anders. Natürlich machten sie wie immer zusammen Hausaufgaben und lernten gemeinsam, aber Simon seilte sich auffallend oft allein in die Bibliothek ab – noch öfter als sonst. Seltsamerweise war er jedoch dort nicht aufzufinden, wenn man ihn suchte. Nicht dass Anthony ihm nachspioniert hätte. Jedenfalls nicht gründlich oder auffällig; am Schluss wäre Simon noch auf seltsame Gedanken gekommen. Und es war auch nicht schwer zu erraten, was oder wer dahintersteckte. Trotzdem ärgerte sich Anthony über die Lügen und die Heimlichtuerei. Nicht zu vergessen, da stand auch die Frage der fortgesetzten und intensiven Fraternisierung mit dem Feind im Raum. Wenn man es denn so nennen mochte.
Er verzog das Gesicht und verdrängte den Gedanken. Es spielte für sein eigentliches Problem auch keine Rolle, was Simon in seiner Freizeit trieb. Wie man es auch drehte und wendete, fest stand, dass seine Eltern ihn nicht für voll nahmen. Dabei wurde er in drei Wochen vierzehn! In drei Jahren würde er volljährig sein, und sie behandelten ihn immer noch wie ein kleines Kind! Es war nicht nur eine Beleidigung, es war einfach nicht hinnehmbar. Also würde er es auch nicht länger hinnehmen. Oder?
Er starrte auf den Pergamentbogen und lauschte dem Murmeln von Professor Binns Stimme. Und er fasste einen Entschluss. Sorgfältig faltete er den Brief wieder zusammen und steckte ihn weg. Bald kamen die Weihnachtsferien, und er würde wieder nach Hause fahren. Und er würde einige echte Antworten bekommen. So oder so. Möglichkeiten gab es immer.
Mit grimmiger Entschlossenheit kramte er sein Zaubertränkebuch aus der Tasche und schlug es auf. Er erwartete nicht, eine Lösung darin zu finden, aber vielleicht stieß er darin auf den Beginn einer Idee. Als das einsetzende Rumoren um ihn herum auf das Ende der Doppelstunde hinwies, hatte er noch nichts gefunden. Dennoch war er zufrieden. Substanzielle Fortschritte waren so schnell auch nicht zu erwarten gewesen. Zumindest hatte er angefangen. Der Rest war nur eine Frage der Zeit.
Wenn seine Eltern sich kindisch, unvernünftig und unkooperativ verhielten, dann würde er ihnen eben zeigen, wie erwachsen, vernünftig und diskret er sein konnte. Und was war erwachsener, vernünftiger und diskreter als ein bisschen Spionage? Wenn sie es so haben wollten, dann würden sie es eben bekommen. Schließlich war er ein Goldstein. Es gab keinen Zaubertrank, den er nicht brauen konnte, und es gab kein Problem, das sich nicht mit dem richtigen Zaubertrank lösen ließe. Jedenfalls behaupteten sein Großvater das immer und auch Professor Snape ließ gelegentlich eine entsprechende Bemerkung fallen, und Anthony war geneigt, ihnen bis zum Beweis des Gegenteils zu glauben.
