15. Yelling With My Mouth Shut
(A Small Victory – Faith No More)
Fred lümmelte gelangweilt auf dem Sofa und sah George und Lee beim Schachspielen zu, als endlich Angelina zu seiner Rettung eilte. Der winterliche Kälteeinbruch hatte seine guten Seiten, befand Fred, während Angelina rückwärts in seine ausgebreiteten Arme sank, die Decke, die sie mitgebracht hatte, über sie beide ausbreitete und sich an ihn kuschelte. Sie streifte ihre Schuhe ab, zog ihre Beine an und legte sich zu ihm aufs Sofa. Dann bohrte sich ihr Ellenbogen in seine Magengrube, als sie sich noch einmal aufrichtete, um die Decke ordentlich über ihre Füße zu werfen. Aber das war ein kleiner Preis.
Er hatte nichts dagegen, dass sie ihn als menschliche Wärmflasche und seinen Brustkorb als Kopfkissen benutzte. Ihre schwarze Haarmähne kitzelte ihn am Kinn, und er drückte ihr einen Kuss hinters Ohr. Und dann zuckte er zusammen und stieß einen spitzen und ziemlich peinlichen Schrei aus, als sich zwei eiskalte Hände unter seinen Pullover schlichen und auf seine nackte Haut pressten. Es war die Überraschung und der unerwartete Schock. Normalerweise hätte er ganz anders reagiert, aber Angelinas Finger waren wie kleine Eiszapfen auf seinem Bauch. Wie machte sie das nur? Es war zwar kalt, aber doch nicht so kalt.
Lee sah von seinem Spiel auf und grinste anzüglich zu ihnen herüber. »Hey! Keine Unzucht im Gemeinschaftsraum! Es sind unschuldige Kinder anwesend. Sucht euch ein leeres Klassenzimmer!«
»Gar nicht beachten, Engelchen!«, murmelte Fred und drückte Angelina noch enger an sich. »Da spricht der pure Neid.«
»Mmm…«, seufzte Angelina nur zufrieden und drehte ihre Hände unter seinem Pullover, um sie auch von der anderen Seite zu wärmen. Diesmal biss er die Zähne zusammen und ertrug es wie ein Mann.
Für ein paar Minuten herrschte Ruhe in ihrer Ecke des Gemeinschaftsraums. Fred überlegte angestrengt, ob er mit dem Argument »Gleiches Recht für alle!« durchkommen würde, wenn er nun seinerseits seine Hände unter Angelinas Pullover wandern ließ – wahrscheinlich nicht, aber einen Versuch war es allemal wert, oder? Aber ehe er zur Tat schreiten konnte, zog Angelina ihre Hände wieder weg und richtete sich halb auf. Diesmal ohne ihm einen Ellbogen in die Rippen oder Weichteile zu jagen, wofür er sehr dankbar war.
»Wer gewinnt?«, fragte sie in Richtung George und Lee.
Beide behaupteten gleichzeitig »Ich!«.
»Ha! Wenn die Hölle zufriert!«, kommentierte Lee die selbstbewusste Einschätzung seines Gegners. »Du hast gerade deine Dame und 'nen Springer verloren. Wenn du das noch rumreißen kannst, nenn' ich dich ab sofort nur noch ›mein Herr und Meister‹.«
»Gut«, erwiderte George und machte seinen Zug. »Gardez! Dann such schon mal nach 'nem sicheren Plätzchen für deine Dame.«
Angelina ließ sich wieder niedersinken, schmiegte ihren Kopf an seine Brust und zog die Decke bis zu ihrem Kinn hoch. Sie verfolgte die Sticheleien und den Schlagabtausch zwischen George und Lee mit halb geschlossenen Augen. Fred interessierte sich im Moment überhaupt nicht für Schach. Stattdessen befreite er lieber eine Hand aus der Decke und begann sanft über Angelinas Haar zu streicheln. Er fand es immer wieder faszinierend, dass sich ihre Locken so viel weicher und glatter anfühlten, als sie aussahen. Angelina dagegen schien das Spiel tatsächlich mehr oder weniger aufmerksam zu beobachten, doch er bezweifelte, dass sie aus ihrem Blickwinkel den Zügen wirklich folgen und die Stellung beurteilen konnte.
Die Minuten vergingen still, und Fred schlich schließlich doch seine andere Hand unter Angelinas Pullover. Er war damit zufrieden, über Angelinas Haar und ihren weichen Bauch zu streicheln und an nichts anderes als an seinen nachtschwarzen Engel zu denken.
»Remis?«, hörte er seinen Bruder irgendwann später anbieten. Offensichtlich war das Spiel gut für ihn gelaufen, denn Lee akzeptierte mit einem »Okay?«, auch wenn er nicht sehr überzeugt dabei klang. George murmelte etwas von Hausaufgaben, Lernen und OWLs und verzog sich in Richtung der Schlafsäle. Fred hatte keinen Zweifel, dass George schon in Kürze wieder herunterkommen und sich unauffällig aus dem Gryffindorturm schleichen würde. Als George ihm seinen Verrat gebeichtet hatte, war er ziemlich sauer gewesen. Und das mit Recht. Der Rein-Raus-Raum war ihr gemeinsames Geheimnis gewesen. George hatte einfach kein Recht gehabt, den Schleicher einzuweihen, egal warum. Hoffentlich hatte es sich dieser niederträchtige Verrat für George wenigstens gelohnt. Oder besser gesagt: hoffentlich nicht. Er wollte gar nicht wissen, was sein Bruder und der Schleicher allein in ihrem Labor trieben. Oder zu zweit.
Lee kam zu ihnen herüber. »Mach Platz!«, sagte er zu Angelina und stöhnte gleich darauf auf, als sie ihre Füße auf seinen Schoß fallen ließ, nachdem er sich gesetzt hatte. Fred hatte ihr schon oft zu erklären versucht, dass gewisse Teile der männlichen Anatomie empfindlich waren, aber sie ignorierte es immer wieder. Inzwischen vermutete er Absicht dahinter.
»Du darfst mir die Füße massieren«, gestattete sie Lee großzügigerweise.
»Danke für das Angebot, aber nein danke. Ich mag, wie meine Finger riechen.«
Ein erneutes Aufstöhnen von Lee bestärkte Fred in seinem Verdacht. Es war Absicht. Sie wusste genau, wohin sie trat.
»Sadistin!«, sprach Lee ihm aus der Seele. Angelina gab keine Antwort, aber George merkte am Zucken ihrer Schultern, dass sie still in sich hineinlachte.
»Das war komisch, oder?«, meinte Lee dann. »George und Hausaufgaben? Lernen für die OWLs? Wer's glaubt, wird selig.«
Angelina musterte ihn streng. »Nimm dir lieber ein Beispiel an ihm! Es wird langsam Zeit, dass wir an unsere berufliche Zukunft denken! Auch du, mein Goldstück! Ohne gute OWLs kommst du in keinen NEWT-Kurs. Und Leute, die Sportkommentator werden wollen, gibt's wie Sand am Meer. Wenn du dann keine Qualifikationen vorzuweisen hast, die dich von der Konkurrenz abheben, bist du ziemlich aufgeschmissen. Ich an deiner Stelle …«
Lachend verfolgte Fred Lees hastige Flucht. Seine Freude darüber, endlich mit Angelina allein zu sein, war jedoch verfrüht.
»Das gilt auch für dich!«, wandte sie sich ihm zu, da ihr erstes Opfer das Weite gesucht hatte. »Es würde dir gar nichts schaden, wenn du ein bisschen mehr lernen würdest. Das Leben besteht nicht nur aus –«
Er versuchte, sie mit einem Kuss zum Schweigen zu bringen. Überraschenderweise gelang es ihm sogar. Sekundenlang genoss er ihre weichen Lippen und das sanfte Aneinanderstreicheln ihrer Zungen, doch dann schob sie ihn von sich. Und zog ihren Zauberstab. Ihr Privatsphärenzauber war perfekt ausgeführt, wie er neidlos anerkennen musste, ließ ihn jedoch das Schlimmste befürchten. Schicksalsergeben stellte er sich auf eine längere Gardinenpredigt ein. Ihre Motivationsreden neigten dazu, sich hinzuziehen, wenn sie erst einmal in Fahrt war.
Aber statt weiter auf ihm herumzuhacken, fragte sie: »Also, was ist jetzt mit George?«
»Nichts«, behauptete er geistesgegenwärtig. »Ich hab keine Ahnung, wovon du sprichst. Ehrlich. Was soll mit George sein?«
Angelina schenkte ihm ein süßes Lächeln. »Fred? Schnuckelchen?« Er zog instinktiv den Kopf ein. »Hältst du mich eigentlich für dumm? Naiv? Ein geistig minderbemitteltes Weibchen?«
»Nicht doch, Angelina«, beeilte er sich, ihr aufrichtig zu versichern. »Das würde ich niemals wagen!«
»Gut«, meinte sie, ohne ihr gefährliches Lächeln abzulegen. »Das möchte ich dir auch nicht geraten haben.«
Sie hauchte ihm einen Kuss auf die Wange, und Fred hoffte verzweifelt, dass die Angelegenheit damit erledigt wäre. Sie kuschelte sich wieder an ihn, und er begann gerade, sich wieder etwas zu entspannen, als sie »Also?« fragte.
»Was also?«, versuchte er, Zeit zu gewinnen.
»Was ist mit George los?«, murmelte sie geduldig und räkelte sich in seinen Armen. »Und erzähl mir ja nicht, dass du keine Ahnung hast!«
Er zuckte nur mit den Schultern. »Was weiß ich. George erzählt mir auch nicht alles.«
Er wusste, dass das ein Fehler gewesen war, noch ehe sich Angelina herumdrehte und ihn ungläubig und extrem misstrauisch ansah. Und nun bohrten sich noch dazu ihre beiden Ellbogen in seine Rippen. »Willst du mich auf den Arm nehmen? Er benimmt sich schon seit 'ner ganzen Weile komisch. Und heute … er hat während des ganzen Spiels immer wieder auf seine Uhr gesehen. Und er hätte noch gewinnen können und hat Lee trotzdem ein Remis angeboten! Ich weiß es, und Lee weiß das auch. Wir sind doch nicht blöd.«
Fred fluchte leise in sich hinein. Er würde George die Hölle heißmachen. Das war alles seine Schuld.
»Ihr heckt doch nicht schon wieder was aus?«
»Aber nicht doch, Engelchen!«, nutzte Fred die sich bietende Chance einer glaubwürdigen Ausrede. »Wie kannst du so was nur denken. Wir doch nicht.« Er bemühte sich, so ironisch und unaufrichtig wie möglich zu klingen.
Angelina musterte ihn jedoch weiterhin aus schmalen Augen. »Vielleicht. Aber ich denke, da steckt mehr dahinter. Das wäre zu simpel. Deswegen hätte er nie so eine schwache Ausrede benutzt. Hausaufgaben und OWLs! Lächerlich! Nein, das ist es nicht.«
Bei Tiamats Titten und Mordreds Eiern! Langsam hatte er genug von dieser Inquisition. Bestimmt würde er morgen blaue Flecken an den Rippen haben, und zu allem Überfluss war sein rechtes Bein eingeschlafen und kribbelte unangenehm.
»Du weißt schon, dass ich dich zwingen könnte?«
Fred schnaubte ungläubig, aber Angelina grinste zuversichtlich und funkelte ihn überlegen an. »Ich bin deine Freundin, Fred. Ich könnte mit Liebes- und Sexentzug drohen …«
»Sex…entzug?«, entfuhr es Fred ungläubig. Das war doch die Höhe! »Welcher Sex? Dreck! Wir haben keinen Sex!«
Angelina machte ein Gesicht wie eine Katze, die gerade eine Maus gefangen hatte. Vermutlich hatte er ihr nur das Stichwort geliefert, auf das sie gewartet hatte.
»Ach Schnuckelchen, wenn du jetzt schon meinst, dass wir keinen Sex hätten, dann warte erst mal ab, wie es ist, wenn wir wirklich keinen mehr haben!«, drohte sie mit zuckersüßer Stimme. »Ich hätte auch einen Wärmzauber benutzen können, statt mich zu dir unter die Decke zu legen. Schon mal daran gedacht?«
Fred war so sauer, dass er seinen eingeschlafenen Fuß befreite und endlich auch ihre verdammt spitzen Ellbogen von sich wegschob. »Ich lass mich nicht erpressen!«
»Och, alter Spielverderber!« Angelina zog einen Schmollmund – und konnte dann anscheinend nicht länger ernst bleiben und musste loslachen. Sie zog seinen Arm um ihre Schulter und lehnte sich an ihn. »Also so ernst ist die Sache? Jetzt mach ich mir wirklich Sorgen. Was kann so schlimm sein, dass mein Fred keinen Spaß mehr versteht?«
»Lass es, Angelina!«, flehte er sie inständig an. »Bitte!«
»Tja«, sagte sie und schlang ihre Arme um ihn. »Ist er vielleicht verliebt? Würde einiges erklären, aber warum die Heimlichtuerei?«
»George? Verliebt? Schwachsinn!«, behauptete Fred im Brustton der Überzeugung. »Du phantasierst!«
»Tu ich das?«, fragte Angelina unbeeindruckt. »Dann kann's ja nicht schaden, wenn ich ein bisschen weiterphantasiere, oder?«
Fred sah die vollkommene Nutzlosigkeit seiner Bemühung ein und schwieg hartnäckig. Es hatte ohnehin nicht so geklungen, als würde sie einen Kommentar seinerseits erwarten. Er hielt wirklich besser den Mund. Jedes weitere Wort würde Angelina nur weitere Munition liefern.
»Eine Slytherin?«, spekulierte sie wild drauflos. »Irgendein reinblütiges verwöhntes Prinzesschen aus reichem Elternhaus? Arabella vielleicht?«
Sie stupste ihn energisch an. Zielsicher zwischen zwei Rippen. »Nun sag schon! Es ist Arabella Alderton? Hab ich recht?«
»Gib's auf! Ich werd' dir nichts verraten. Kein Wort! Ich verweigere die Aussage!«
»Nein, du hast natürlich recht«, fuhr sie fort, als hätte sie ihm gar nicht zugehört. »Ich hätt's längst erfahren, wenn es Arabella wäre. Außerdem ist unser Georgie nicht ihr Typ. Aber wenn nicht sie, wer dann? Und warum macht er so ein Geheimnis darum? Ist sie vielleicht nicht nur stinkreich, sondern auch noch hässlich? Fett? Dumm? Alles drei?«
Fred startete einen letzen, verzweifelten Ablenkungsversuch: »Vergiss es einfach, Engelchen. Denk nicht so viel nach. Das gibt nur hässliche Falten auf deiner wunderhübschen Stirn.«
Sie schmiegte sich wieder an ihn – und zwickte ihn bösartig. »Sei still, Fred, und lass mich überlegen!«
Er rieb sich wütend die schmerzende Brustwarze. Sie murmelte verschiedene Namen vor sich hin, lehnte aber einen nach dem anderen aus diesen oder jenen Gründen wieder ab. Fred konnte das Licht am Ende des Tunnels bereits sehen, und leider war er sich ziemlich sicher, dass es ein herannahender Zug war. Er genoss die letzten Momente, in denen Angelina noch in glückseliger Ahnungslosigkeit Namen vor sich hin brabbelte und ein Mädchen nach dem anderen von ihrer Liste strich.
Plötzlich richtete sie sich kerzengerade auf. »Nein!«
Jetzt war es also so weit. Es bestand zwar immer noch eine kleine Hoffnung, dass sie sich auf dem Holzweg befand, aber ihre Reaktion deutete an, dass die Hoffnung wirklich klein war.
»Oh, mein Gott! Natürlich! Das ist es! Keine Freundin! George hat einen –«
»Schhh!«, unterbrach Fred sie verzweifelt und sah sich um. »Schrei nicht so rum!« Privatsphärenzauber oder nicht, es gab keinen Grund, gewisse Details im Gemeinschaftsraum der Gryffindors lauthals herauszuposaunen.
»Warum bin ich nicht früher darauf gekommen?« Angelinas Augen blitzten verärgert. »Seit Katie kein einziger Versuch! Und mein Geburtstagsgeschenk! Ich hätt's sofort kapieren müssen!«
Fred verabschiedete sich endgültig von jeder Hoffnung, jemals zu begreifen, wie das Gehirn einer Frau arbeitete. Er sah keine Möglichkeit, wie ihm ihr Geburtstagsgeschenk einen Hinweis hätte geben können. George hatte ihr ein Poster geschenkt. Von ihm. In Badehose. Es war ihm zwar peinlich gewesen, aber Angelina hatte sich darüber kaputtgelacht und es für einen grandiosen Witz gehalten. Bis jetzt.
»Was hat dein Geburtstagsgeschenk damit zu tun?«, fragte er und war sich dabei gar nicht sicher, ob er die Antwort überhaupt wissen wollte.
»Zerbrich dir nicht dein hübsches Köpfchen, Freddy-Schatz. Das macht nur Falten«, ließ ihn Angelina kichernd abblitzen. »Georgielein, Georgielein. Wer hätte das gedacht?«
Sie rieb sich die Hände! Seine Freundin rieb sich die Hände! »Ach, George! Wir werden so viel Spaß miteinander haben. Wir können über Jungs lästern und den schönsten und knackigsten Hintern von Hogwarts küren!«
Er warf ihr einen Blick zu, der nur einen winzigen Teil seines Entsetzens widerspiegeln konnte. Gerade jetzt fehlten ihm die Worte, um dem vollen Umfang seines Horrors angemessen Ausdruck zu verleihen.
»Keine Sorge! Dein Hintern läuft natürlich außer Konkurrenz! George kann da ja schlecht objektiv urteilen. Ist ja schließlich auch sein Hintern. Gewissermaßen. Du weißt schon, was ich meine.«
Fred schloss die Augen und knirschte mit den Zähnen. Er verweilte eine ihm unbekannte Zeitspanne lang im Tal des Wahnsinns und der Verwirrung und überlegte ernsthaft, ob ein keusches Leben als weltabgeschiedener, asozialer Einsiedler nicht doch auch seinen Reiz hatte. Er öffnete die Augen erst wieder, als ihn Angelina mit einem begeisterten Kuss aus seiner düsteren Vision herausriss.
Und dann runzelte sie die Stirn und sah ihn merkwürdig an. »Ihr seid Zwillinge.«
Fred erwiderte ihren Blick und machte sich auf alles gefasst. Einschließlich einer abrupten Beendigung seiner Beziehung mit dem schönsten Mädchen von Gryffindor. Es gab Grenzen. Für alles!
»Wenn er – Ich meine … hast du nie … du weißt schon …« Angelina verdrehte die Augen. »Mach nicht so ein Gesicht, Fred. Ich mein' ja nur. Solltest du dich nicht auch für Jungs interessieren? Wenigstens ein klitzekleines bisschen? Immerhin … Zwillinge und so?«
»Nein!«, protestierte Fred entgeistert. »Spinnst du jetzt total?« Insgeheim war er fast erleichtert. Er hatte mit … exotischeren Ideen gerechnet.
»War nur eine Frage«, meinte Angelina leichthin. »Ist mir auch lieber so. Dann kann ich euch beide haben. Dich als Freund und George als beste Freundin!«
Fred schrie und heulte innerlich vor Panik auf. Das war gefährlich nahe an exotischen Ideen.
»Sag ihm ja nicht, dass ich das gesagt hab', oder ich mach' ernst mit dem Sexentzug!«
Fred begann, mit dem Oberkörper vor und wieder zurück zu schaukeln. Es war seltsam beruhigend.
»Und? Wer ist jetzt Georges Auserwählter? Kenn ich ihn?«
Er schloss wieder die Augen und schaukelte weiter. Mit geschlossenen Augen war es noch besser. Er konnte sich beinahe einreden, dass das alles nur ein Traum war. Ein Alptraum.
»Also gut, du Miesepeter! Dann werd' ich's eben aus George rauskitzeln.«
Er würde einfach hier sitzen bleiben. In gewisser Weise war es herrlich hier. Er würde auf dem Sofa sitzen und weiterschaukeln. Für den Rest seines Lebens. Ja, das hörte sich gut an. Besser als die Alternativen. Irgendwie musste das alles doch vorbeigehen. Vielleicht war das Ganze nur ein schrecklicher, grauenhafter Alptraum. Wenn ihn doch nur jemand aufwecken würde! War das wirklich zu viel verlangt?
Minerva saß in ihrem Lieblingssessel und sah den tanzenden Flammen in ihrem Kamin zu. Die wohlige Wärme, die das prasselnde Feuer verströmte, machte sie schläfrig. Vor drei Tagen hatte der erste Frost eingesetzt und hielt seitdem die Mauern von Hogwarts in eisigem Griff. Es hatte noch nicht geschneit, doch es gab keinen Zweifel: Der Winter war da.
Sie gähnte lang und ausgiebig und griff zu dem Rotweinglas, das auf dem Tischchen zu ihrer Rechten stand. Sie nahm einen kleinen Schluck und betrachtete gedankenverloren das rubinrote Glühen, das ihr Kaminfeuer in dem halbvollen Glas hervorzauberte. Eigentlich trank sie nur zu besonderen Gelegenheiten, aber in den letzten Monaten hatte sie sich angewöhnt, jeden Abend vor dem Schlafengehen ein kleines Gläschen zu sich zu nehmen. Als reines Nerventonikum und nur zur Stressbewältigung. Medizin gewissermaßen, die ihr beim Einschlafen half.
Nachdenklich tauchte sie ihren Zeigefinger in den Wein und strich über den Rand des Glases. Sie hatte inzwischen Übung und brauchte nur eine Runde, bis sie Druck und Geschwindigkeit ihres Fingers angepasst hatte und das Glas zu singen begann.
Nur noch zwei Wochen bis zu den Weihnachtsferien, machte sie sich Mut. Bald würde sich die Schule leeren und sie konnte sich etwas erholen. Die Doppelbelastung war nicht so schlimm wie letztes Jahr, als Albus fast einen vollen Monat nicht dagewesen war und sie die Leitung der Schule ganz allein hatte übernehmen müssen. Doch auch so war es noch anstrengend genug. Albus verschwand zwar üblicherweise nur für ein paar Tage und meist auch nur über das Wochenende, aber es gab einfach zu viel zu tun. Die Patrouillen der Auroren und Wachtrolle mussten mit den Kontrollgängen der Lehrer koordiniert werden, Briefe besorgter Eltern warteten auf Beantwortung, während gleichzeitig eine wachsende Zahl von Disziplinarmaßnahmen verhängt werden musste – die Schülerschaft schien den Ernst der Bedrohung inzwischen wieder vergessen zu haben, und die üblichen Verdächtigen taten so, als hätten sie die Wörter »Zapfenstreich« und »Ausgangssperre« noch nie gehört.
Die zeitliche Zusatzbelastung war am schlimmsten. Und teilweise war sie auch noch selbst schuld daran. Samstagsunterricht war eine echte Schnapsidee gewesen! Was hatte sie nur geritten? Und was hätte sie nicht für einen Zeitumkehrer gegeben! Sie könnte damit in die Vergangenheit reisen und ihrem jüngeren Ich den Kopf zurechtrücken. Wie schlimm konnte ein Zeitparadoxon schon sein? Auch ansonsten wäre ein Zeitumkehrer nett gewesen. An Unterrichtsvorbereitung war an den meisten Tagen nicht zu denken, und sie war froh, dass sie auf jahrelange Routine zurückgreifen konnte. Trotzdem litt ihr Unterricht. Sie wurde rascher ungeduldig und ließ sich zu lauten und scharfen Bemerkungen hinreißen – und ärgerte sich danach über ihren Mangel an Selbstkontrolle. Ihre Arbeitsbelastung und ihr Stress waren zuvörderst einmal ihr Problem, nicht das ihrer Schüler.
Ein hartes Klopfen an der Tür, fast schon ein Hämmern, ließ sie aufstöhnen. Sie warf einen Blick auf die Kaminuhr, um sich zu vergewissern, dass es auch wirklich eine Unverschämtheit war, sie um diese Stunde noch zu stören. Es war. Beide Zeiger näherten sich bereits der Zwölf! Wenn es nicht um Leben und Tod ging, hatte sie jedes Recht, gleich sehr ärgerlich zu werden. Sie stellte ihr Glas ab, raffte sich aus ihrem gemütlichen Sessel auf und ging zur Tür.
Es klopfte erneut – laut und ungeduldig –, doch sie ließ sich nicht hetzen. Sorgfältig schloss sie ihren Morgenmantel, warf einen prüfenden Blick in den Spiegel, setzte ein steinernes Gesicht auf und schob sich die Brille ganz nach vorn auf die Nasenspitze. So würde den Übeltäter die volle Strenge ihres strafenden Blickes treffen, wenn sie ihn oder sie über den Rand ihrer Brillengläser hinweg zu einem Haufen wimmernden Elends reduzieren würde. Mit mörderischem Schwung riss sie die Tür auf, um den nächtlichen Ruhestörer zu konfrontieren.
»Remus?« Sie wich unwillkürlich einen Schritt zurück. Für eine Schrecksekunde hatte sie tatsächlich ein wenig Sorge, er würde sich vor ihren Augen in einen Werwolf verwandeln. Seine Miene war verzerrt, seine sonst so sanften Augen blickten gehetzt und verstört, seine ganze Haltung hatte etwas Wildes, eindeutig Gefährliches an sich. Aber natürlich war das Unsinn. Selbst wenn sich Remus' Zyklus leicht verschoben hätte – und es geschah durchaus, dass ein Werwolf »außer Phase« geriet –, konnte er sich nicht mitten zwischen zwei Vollmonden verwandeln.
»Dumbledore!«, schnappte Remus, und sie meinte beinahe, die gefletschten Zähne seiner Wolfsgestalt zu sehen. »Wo ist Dumbledore?«
»Nicht hier.« Und da sie annahm, dass ihn diese Antwort keineswegs befriedigen würde, fuhr sie fort: »Ich weiß es nicht. Ich erwarte ihn nicht vor Montag zurück.«
Das Grollen aus Remus' Kehle erschreckte ihre innere Katze und ließ sie beinahe böse zurückfauchen. Aber es reichte, wenn einer von ihnen die Kontrolle über sein animalisches Alter Ego verlor.
»Beruhige dich, Remus«, versuchte sie ihn zu besänftigen. »Was ist passiert?«
»Wie kann ich ihn erreichen?«, wollte er von ihr wissen. Seine Augen glänzten fiebrig und wanderten unstet hin und her. Minerva fragte sich, ob er sie überhaupt gehört hatte. »Ich muss ihn sprechen! Sofort!«
Sie schüttelte bedauernd den Kopf. »Er hat Fawkes mitgenommen, und ehe ihn eine Eule findet, ist er vermutlich schon wieder zurück«, erklärte sie vernünftig. »Tut mir leid, Remus. Was auch immer du von Albus willst, es wird bis Montag warten müssen.«
Als wolle er ihr gleich an die Kehle springen, blaffte er sie an: »Es kann nicht warten!«
Er klang so verzweifelt, dass sie kaum eine Wahl hatte. Sein Problem schien nicht von der Art zu sein, die sich zwischen Tür und Angel klären ließ.
»Komm rein!«, forderte sie ihn ohne große Begeisterung auf und trat zur Seite.
Er zögerte, warf einen Blick über die Schulter, gab sich dann jedoch einen sichtlichen Ruck und folgte ihrer Einladung. Sie schloss die Tür hinter ihm, ging um ihn herum und nahm wieder in ihren Sessel Platz. Remus war unentschlossen auf halbem Weg zwischen Tür und Kamin stehen geblieben.
»Setz dich!«, befahl ihm Minerva und benutzte dabei ihre strengste Klassenzimmerstimme. Ihrer Taktik war nur ein Teilerfolg beschieden. Er kam zwar endlich näher, aber anstatt sich zu setzen, begann er, vor ihrem Kamin auf und ab zu wandern.
Er machte keine Anstalten, von sich aus mit seinem Problem herauszurücken, aber sie überließ ihn lieber eine Weile sich selbst, statt Fragen zu stellen. Vielleicht beruhigte er sich nach ein wenig Auslauf etwas.
»Etwas zu trinken? Holunderwein? Oder etwas Härteres? Ogdens? Ein Gläschen Amontillado?«, fragte sie schließlich, nachdem Remus wohl eine gute Viertelmeile hinter sich gebracht hatte, ohne Ermüdungserscheinungen zu zeigen.
Er hielt zwar kurz inne, um den Kopf zu schütteln, setzte danach jedoch wieder stur seine ziellose Wanderung fort. Sie sah ihm eine Weil zu, leerte ihr Weinglas und gähnte schließlich demonstrativ.
»Wenn du nicht bald damit herausrückst oder dich zumindest hinsetzt, gehe ich zu Bett, Remus«, drohte sie ihm. Und es war ihr ausgesprochen ernst damit. »Du kannst mich ja morgen früh wieder aufsuchen, falls du bis dahin zu einem Entschluss gekommen sein solltest.«
Er fuhr sich durch die Haare und sah sie beinahe hilfesuchend an. Leider hatte sie keine Ahnung, was für eine Art von Hilfe er von ihr erwartete. Er ließ sich auf den Sessel fallen und starrte auf seine Hände. Es war nur ein kleiner Fortschritt, aber immerhin.
»Ich …«, würgte er schließlich mit rauer Stimme hervor. »Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Sirius …«
Minerva war mit einem Schlag hellwach. »Black? Was ist mit ihm? Hast du ihn gesehen? Ist er auf dem Schulgelände?«
»Nein … nein, das nicht. Nichts dergleichen. Sirius hat mir eine Nachricht geschickt. Peter … es geht um Peter.«
Sie war sich nicht sicher, was sie von Remus' wirrem Gerede halten sollte. »Eine Nachricht von Sirius Black?«, fragte sie zweifelnd. Es sollte Black eigentlich nicht möglich sein, irgendetwas nach Hogwarts zu schicken, auch keine Botschaften. Albus hatte die Schutzbanne entsprechend angepasst. Aber vielleicht hatte er einen Mittelsmann benutzt? Remus hatte einen Peter erwähnt.
»Es ist … kompliziert«, murmelte Remus. »Am besten …«
Er sprach nicht weiter, sondern zog ein Pergament aus seiner Robe. Zuerst glaubte sie, er wolle ihr Blacks Nachricht zeigen, doch als er das Pergament auf dem Tisch ausbreitete, war es offensichtlich leer. Er berührte es mit seinem Zauberstab, murmelte etwas und ein Netz von Linien breitete sich darauf aus. Sie bewegten und verschoben sich, während Remus offenbar nach etwas suchte.
»Hier«, sagte er schließlich, deutete auf eine Stelle des Pergaments und schob es ihr hin.
Sie schob sich die Brille hoch und warf einen Blick darauf. Es schien sich um eine Art Karte zu handeln. Die Grundrisse einer Reihe von nebeneinanderliegenden Räumen waren zu erkennen. Sie sah zu Remus und hob fragend die Augenbrauen.
»Lies!« Ungeduldig deutete Remus auf einen kleinen, beschrifteten Punkt in einer Ecke eines der Räume. »Der Name …«
Sie seufzte und kniff die Augen zusammen. Die Schrift war winzig. Doch schließlich entzifferte sie mühsam die kleinen Buchstaben: Peter Pettigrew.
»Peter Pettigrew?«, wiederholte sie laut. »Was soll das? Pettigrew ist tot.«
»Nein!«, grollte Remus sie an. »Er kann nicht tot sein. Die Karte zeigt ihn! Und sie zeigt nur wahre Namen! Wenn es keinen zweiten Zauberer namens Peter Pettigrew gibt, dann ist das da Peter!«
»Aber –«
»Er ist im Schloss!«, unterbrach sie Remus und sprang wieder von seinem Sessel auf. »Verstehst du, Minerva? Hier! Jetzt! Er ist in den Kellergewölben! Er ist die ganze Zeit hier gewesen!«
Sie versuchte, Ordnung in ihre Gedanken zu bringen, doch die Geschichte ergab keinen Sinn. Trotzdem musste sie der Sache auf den Grund gehen. Sie wünschte sich wirklich, Albus wäre hier, aber solange er nicht da war, trug nun einmal sie die Verantwortung.
»Remus! Setz dich wieder hin!«, befahl sie scharf. »Nimm dich zusammen und erzähl von Anfang an! Was stand in dieser ominösen Nachricht von Black? Hast du sie noch?«
Remus schüttelte den Kopf und ließ sich wieder in den Sessel sinken. Seine Unruhe ließ jedoch nicht nach. Er fuhr sich durch die Haare und konnte seine Hände nicht stillhalten.
»Der Brief ist verbrannt«, murmelte er. »Sobald ich ihn gelesen hatte. Kam vor einer Stunde. Per Eule.«
»Was stand darin, Remus?«
Remus starrte sie an, als hätte er die Frage nicht verstanden. »Peter …«, sagte er nur und deutete wieder auf die Karte, als wäre damit alles erklärt. »Zuerst konnte ich es auch nicht glauben. Hielt es für einen Trick. Ein Lügenmärchen, um mein Vertrauen zu gewinnen. Aber dann … ich sagte mir, nachsehen schadet nichts. Und ich habe die Karte abgesucht. Nur um sicherzugehen, verstehst du? Aber da war er. Peter …«
Minerva hatte noch immer Schwierigkeiten, ihm zu folgen. »Was willst du damit sagen, Remus? Dass Pettigrew seinen Tod nur vorgetäuscht hat? Dass er in Wirklichkeit die ganze Zeit mit Sirius Black unter einer Decke gesteckt hat und ihm nun dabei helfen will, Harry Potter –«
Ihr stockte der Atem. War Pettigrew in Hogwarts eingedrungen, um Harry Potter zu töten? Sie sah hastig zur Karte, aber der Punkt unter dem Schriftzug Peter Pettigrew hatte sich nicht gerührt.
Remus starrte sie wieder an. Dann lachte er. Mit bitter bellendem Spott lachte er sie aus. »Nein, Minerva! Begreifst du nicht? Peter war der Verräter! Nicht Sirius! Peter hat sich einen Finger abgeschnitten und seinen Tod vorgetäuscht! Der Verräter ist einfach in seine Rattengestalt geschlüpft und hat sich zwölf Jahre lang versteckt! Während Sirius in Azkaban saß! Zwölf Jahre, Minerva! Unschuldig! In Azkaban!« Er war mit jedem Satz lauter geworden, und die letzten Worte schrie er fast heraus.
Es war unmöglich. Was Remus da zusammenspann, konnte nicht wahr sein. Es musste ein Trick von Black sein. Unschuldig zwölf Jahre lang in Azkaban dahinzuvegetieren … das war einfach undenkbar. Sie erschauerte trotz der Wärme ihres Kaminfeuers. Sie verdrängte die Vorstellung und wandte sich wieder dem aktuellen Problem zu.
»Er hat seine Rattengestalt angenommen?«, fragte sie mit steinerner Miene.
Remus zögerte und seufzte dann auf: »Peter ist ein Animagus. James, Sirius und er waren … Es ist eine lange Geschichte. Sie haben sich nie registrieren lassen. Die Zeiten waren … wir waren jung, und dann kam der Krieg …«
Minerva hörte nicht länger zu. Sie schloss die Augen und versuchte, ruhig zu atmen und die Geschehnisse der letzten Minuten zu verarbeiten. Ihr fehlten noch ein paar Steinchen in dem Mosaik, aber die groben Umrisse formten sich allmählich heraus. Peter Pettigrew, James Potter und Sirius Black. Und ihr Freund, der Werwolf. Vier Freunde, drei unregistrierte Animagi. Und ein Verrat. Doch wer war der Verräter gewesen? Konnte man Blacks Informationen trauen? Wohl kaum, entschied sie. Selbst wenn er bezüglich des Verrats an den Potters unschuldig gewesen sein sollte, nach zwölf Jahren Azkaban war es um seine geistige Zurechnungsfähigkeit bestimmt nicht gut bestellt. Doch wenn Remus und seine Karte recht hatten, dann lebte Pettigrew noch. Warum sollte Peter Pettigrew die Zaubererwelt zwölf Jahre lang im Glauben lassen, er sei tot?
Sie öffnete ihre Augen wieder und musterte Remus distanziert. »Was sind die Animagusgestalten der anderen? In was kann sich Black verwandeln?«
»Hund«, flüsterte Remus. »Ein großer, schwarzer Hund. James … James war ein Hirsch.« Er sah sie nicht an. Sein Blick war starr auf ihre Hände gerichtet.
Sie bemerkte es selbst erst in diesem Moment. Ihre Finger waren zu Krallen geworden und hatten sich tief ins Polster der Armlehnen gebohrt. Das darunterliegende Holz hatte unter dem Einfluss ihrer unbewussten Magie groteske Formen angenommen und schlug Wellen, als wäre es flüssig. Sie atmete tief ein und zwang die Krallen zurück. Es musste die Kombination aus Schock und Stress sein, die sie an die Schwelle zur Phrenesis getrieben hatte. Verständlich, aber sie durfte sich nicht gehenlassen. Kontrolle lautete das oberste Credo der Verwandlungsmeister. Sich dem Wandlerwahn zu ergeben, war keine Option. Niemals. Mit einer raschen Geste glättete sie die verkrümmten und deformierten Lehnen wieder und stemmte sich dann mit einem Ruck aus ihrem Sessel.
Sie entledigte sich eines Teils ihrer angestauten Energien dadurch, dass sie ihr Nachthemd und ihren Morgenrock in eine Robe verwandelte, und nahm Remus' Karte an sich. Die Magie des Pergaments war komplex und fühlte sich interessant an, doch sie hatte keine Zeit für eine eingehende Analyse.
»Diese Karte ist selbstaktualisierend?«, vergewisserte sie sich.
Remus nickte. »Was hast du vor, Minerva?«
»Diese Angelegenheit aufklären natürlich«, erwiderte sie, während sie ihren Zauberstab zog. »Was bleibt mir sonst schon übrig?«
Remus düstere Miene erhellte sich, und er sprang auf. Sie würde seiner Begeisterung einen Dämpfer verpassen müssen. Er war ganz offensichtlich emotional zu sehr involviert, und in seinem agitierten und offensichtlich volatilen Geisteszustand stellte er nur einen zusätzlichen Unsicherheitsfaktor dar. Und das war das Letzte, was sie gebrauchen konnte.
»Geh und weck Pomona und Filius!«, wies sie ihn ruhig an. »Erwartet mich in Albus' Büro! Wenn ihr binnen einer halben Stunde –«
»Nein, Minerva!«, protestierte er. »Ich lass dich auf keinen Fall allein gehen! Ich komme mit! Peter –«
»Das war keine Bitte, Professor Lupin!«, wies sie ihn scharf zurecht. »Falls ihr in einer halben Stunde noch nichts von mir gehört habt, werdet ihr die Auroren alarmieren! Haben wir uns verstanden?«
Sie richtete sich zu ihrer vollen Größe auf und legte ihre gesamte Autorität in ihre Stimme. Einen Augenblick lang schien es ihr, als würde es keinen Erfolg haben. Remus grollte sie an und verschränkte aufsässig die Arme vor der Brust. Doch sie starrte ihn kühl und gefasst nieder. Nach einem sekundenlangen Blickduell knickte er erwartungsgemäß ein und sah zu Boden.
Er nickte abrupt und bestätigte knurrend: »Verstanden!«
Die Katze in ihr sah mit hocherhobenem Kopf verächtlich zur Seite. Hunde und ihre dämliche Autoritätshörigkeit. Ein Sozialverhalten, das auf hierarchischen Loyalitätsstrukturen basierte, konnte ebenso sehr eine Schwäche wie eine Stärke sein.
»Gut!«, meinte sie jedoch nur bestimmt und ließ sich nichts anmerken. »Dann … auf!«
Sie trieb ihn vor sich her aus ihren Gemächern und erinnerte ihn noch einmal an »Filius und Pomona!«, als sie den Treppenabsatz erreichten, an dem sich ihre Wege trennen mussten, und er kurz zögerte, als wolle er doch mit ihr kommen. Minerva hoffte, Remus würde vernünftig sein und ihre Anweisungen befolgen, aber sie sah nicht zurück, um sich zu vergewissern. Im Gehen strich sie mit der Hand über den nackten Stein der Schlossmauern und nahm Kontakt mit den Schutz- und Bannzaubern des Schlosses auf. Mittlerweile kam sie wesentlich besser mit ihnen zurecht. Zumindest wurden ihre Anweisungen ohne merklichen Widerstand akzeptiert – notgedrungen, da Albus so oft abwesend war. Minerva verlangsamte ihren Schritt und vergewisserte sich noch einmal auf der Karte, dass Pettigrew sich nicht rührte, bevor sie Schutzwälle und magische Sperren rund um das Gebiet zu legen begann. Pettigrew hatte sein Versteck geschickt gewählt. Es gab zahlreiche mögliche Fluchtwege, die berücksichtigt werden mussten, und die Aufgabe erforderte ihre ganze Konzentration. Die Barrieren, die sie provisorisch errichtete, würden einen entschlossenen Zauberer nicht aufhalten können, höchstens verlangsamen. Aber noch massivere Sperren oder gar eine Einschließung mit massiven Mauern hätten zu viel Zeit benötigt. Stunden, Tage. Es musste auch so reichen. Sie beabsichtigte ohnehin nicht, Pettigrew entkommen zu lassen.
Sie dirigierte gerade eine zweite Linie von träge wabernden Abwehrzaubern zwischen die Vorratsgewölbe und den Eingang zum Gemeinschaftsraum der Hufflepuffs, als plötzlich und mit ohrenbetäubendem Gebrüll aus einem der Seitengänge Peeves hervorschoss. Ihr blieb beinahe das Herz stehen. Er verstummte sofort, als er sein Opfer erkannte, und ergriff jammernd die Flucht. Sie biss die Zähne zusammen, um sich nicht zu einem lauten Fluch hinreißen zu lassen, und machte nach einem kurzen Schnauben weiter, als wäre nichts geschehen. Peeves würde sie sich später vorknöpfen. Und wie sie sich ihn vorknöpfen würde!
Sie war so intensiv damit beschäftigt, den Schutz- und Bannzaubern des Schlosses ihren Willen aufzuzwingen und die erwünschten Barrieren an den richtigen Stellen zu imaginieren, dass sie es ihrem Unterbewusstsein überlies, ihre Schritte zu lenken. Beinahe überrascht stellte sie plötzlich fest, dass sie bereits im Erdgeschoss angelangt war. Sie verschnaufte eine Minute, bevor sie schnurstracks zum Kellereingang weitermarschierte. Der Punkt mit dem Namen Peter Pettigrew hatte sich noch immer nicht bewegt. Womöglich schlief er? Oder es war doch ein Trick, ein Ablenkungsmanöver – vielleicht sogar eine Falle? Es würde sich in Kürze erweisen.
Nur jede zweite Fackel brannte um diese Zeit in den Kellergewölben. Sie verzichtete darauf, den Rest zu entzünden. Sie war oft genug durch die Verliese und Keller von Hogwarts patrouilliert. Sie orientierte sich anhand ihrer Erinnerungen und beschwor lediglich ein schwaches Lumos, um weiterhin die Karte im Auge behalten zu können. Als sie die Küche erreichte, hielt sie einen Moment inne. Falls es sich um Pettigrew handelte und falls dieser tatsächlich schlief, wäre es unklug gewesen, ihn vorzeitig auf aufzuwecken. Und wenn es doch eine Falle war, dann war es doppelt angebracht, sich mit aller gebotenen Vorsicht zu nähern.
Sie sprach flüsternd einen Ablenkungszauber auf sich selbst, der sie so gut wie unsichtbar machen würde. Als sie sich wieder in Bewegung setzte, wurde der Steinboden unter ihren Füßen zu weichem Moos. Ebenso lautlos wie in ihrer Katzengestalt schlich sie weiter zu den Vorratsgewölben. Ein Anflug von Jagdfieber wollte von ihr Besitz ergreifen, doch sie unterdrückte das Gefühl. Trotzdem ging ihr Atem rascher, und sie spürte die wachsende Anspannung, als sie sich dem Zielgebiet näherte.
Bei ihrem nächsten Blick auf die Karte stellte sie fest, dass nun ein zweiter Punkt an deren Rand aufgetaucht war. Minerva McGonagall. Sie war nicht überrascht, aber dennoch ein wenig verärgert. Angesichts der Tatsache, dass sie nie ihre Zustimmung zur Verwendung ihres wahren Namens gegeben hatte, musste ziemlich mächtige Magie bei der Herstellung der Karte benutzt worden sein. Schwarze Magie. Oder zumindest moralisch fragwürdige Magie von sehr dunklem Grau. Sie fragte sich, wie Remus in den Besitz dieses Artefakts gekommen war. Doch auch diese Frage musste warten.
Die magischen Barrieren, die sie errichtet hatte, ließen sie anstandslos passieren. Noch immer verharrte der Punkt Peter Pettigrew bewegungslos in der Ecke des Vorratsraums. Es war fast zu leicht. Misstrauisch berührte sie die Kellerwand und kontrollierte abermals die Umgebung, aber die Schutz- und Bannzauber des Schlosses meldeten keinerlei Anzeichen verdächtiger Aktivitäten in der Umgebung. Oder irgendeiner Aktivität. Es schien, als wären sie allein.
Vor der Tür der Kammer kam sie schließlich zum Stehen. Die Tür. Mit gerunzelter Stirn betrachtet sie das dicke Holz. Selbst wenn sie nicht mit einem Alarmzauber gesichert war – unwahrscheinlich –, bestand trotzdem die Möglichkeit, dass quietschende Angeln sie verraten würden. Sie überlegte nur kurz und entschied sich dann für die naheliegende Lösung. Ihr wortloser Spruch traf die Tür und unterzog sie samt Schloss und Angeln einer Totalverwandlung. Mit erhobenem Zauberstab und auf alles gefasst, schlug sie den Teppich zur Seite, der nun im Türrahmen hing, und warf einen Blick in den Vorratsraum.
Nichts rührte sich. In der Ecke, in der Peter Pettigrew sich befinden sollte, stapelten sich große Fässer. Sie wollte kein Risiko eingehen und sandte einen flächigen Schlafzauber in die Richtung seines Verstecks. Sie überprüfte ihre Position anhand der Karte und ließ eine Lähmspruch folgen, diesmal auf ein engeres Gebiet begrenzt. Auch wenn die Flächenzauber sie viel Kraft kosteten, wiederholte sie die Prozedur noch zweimal, ehe sie sich näherte.
Die Fässer stapelten sich in zwei Reihen bis zur Decke. Im schwachen Licht ihres Lumos arbeitete sie sich mit einfachen Schwebezaubern vor. Ein Fass nach dem anderen stieg auf, schwebte zur Seite und landete sanft wieder auf frisch bemoostem Boden. Es war nicht völlig geräuschlos, aber noch immer bemühte sie sich, so leise wie möglich zu sein. An die zehn Fässer hatte sie bereits bewegt, als sie auf eine Ansammlung schwarzer Kügelchen stieß, alle säuberlich zwischen einem Fass und der Wand abgelegt. Rattenkot. Wenigstens machte diese Entdeckung es ziemlich unwahrscheinlich, dass es sich um einen Trick oder eine Falle handelte. Niemand sammelte Rattenkot, um ein Täuschungsmanöver mit einem derartigen Detail auszustaffieren; auch ein geisteskranker Sirius Black wäre wohl nicht auf diese Idee gekommen.
Verbissen arbeitete sie sich weiter vor. Fünf weitere Fässer musste sie aus dem Weg schaffen, ehe sie die hinterste Ecke erreicht hatte. Schließlich schwebte auch das letzte Fass zur Seite, und sie sah – Lumpen. Einen kleinen Haufen aus Lumpen, Fetzen und Stoffresten. Sie wollte nicht das geringste Risiko eingehen und legte ihre ganze Kraft in das »Stupor!«, mit dem sie das Rattennest einhüllte. Nichts rührte sich. Auch die Karte zeigte noch immer keine Veränderung. Behutsam, aber mit hämmerndem Herzen stocherte sie mit ihrem Zauberstab in dem Nest und schob die Lumpen zur Seite, bis der Inhalt freilag. Eine Ratte. Dünn und knochig, mit einem ungesund gelb und schäbig wirkenden Fell, erstarrt und steif in Schlafhaltung eingerollt.
Mit einem schnellen Diagnosezauber überzeugte sie sich, dass die Ratte auch wirklich gelähmt war und sich nicht nur verstellte, bevor sie ihr Lumos verstärkte, Remus' Karte zusammenfaltete und wegsteckte – und das dürre Fellbündel mit spitzen Fingern aufhob. Sie betrachtet das Tier, das steif auf ihrer Handfläche ruhte. Und sie sah den fehlenden Zeh. Irrsinn, war das Einzige, was sie denken konnte. Vollkommener Irrsinn.
Sie atmete durch, wartete einen Moment, bis sich ihr Adrenalinspiegel etwas gelegt hatte. Was war jetzt zu tun? Sie überlegte fieberhaft. Die Auroren informieren und sie den Schlamassel aufklären lassen? Auf Albus warten und die Ratte so lange unter Verschluss halten? Eines war sicher: Sie würde nie wieder zulassen, dass Albus auf eine seiner Expeditionen ging, ohne ihr eine Möglichkeit zur schnellen Kontaktaufnahme dazulassen. Solche Vorkommnisse fielen eindeutig in seinen Verantwortungsbereich. Sie hatte genug damit zu tun, die Schule am Laufen zu halten und konnte gut auf solche Ablenkungen verzichten.
Minerva zerbrach sich den Kopf, aber sie hatte einfach nicht genug Informationen. Und die Informationen, die sie hatte, waren von zweifelhafter Zuverlässigkeit. Keine gute Basis, um eine Entscheidung zu treffen. Was ihr fehlte, war ein kleines bisschen Wahrheit. Sie fällte einen Entschluss. Es gefiel ihr nicht, aber sie sah keine andere Möglichkeit. In dieser Situation konnte sie weder Pettigrew noch Black trauen, und womöglich stand das Leben von Schülern auf dem Spiel.
Sie wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, aber wenn Remus ihre Anweisungen befolgt hatte, dann sollten er, Filius und Pomona inzwischen in Albus' Büro sitzen und auf sie warten. Sie berührte die Wand des Schlosses und nahm abermals Kontakt mit den Bannzaubern auf. Sie spürte die Anwesenheit von drei Personen in Albus' Büro, konzentrierte sich und ließ ihre Stimme von der Magie des Schlosses zu ihnen projizieren.
»Minerva«, identifizierte sie sich. »Die Lage ist unter Kontrolle. Wartet auf mich. Bleibt, wo ihr seid – auch du, Remus! Alarmiert die Auroren noch nicht! Ich werde in fünfzehn bis zwanzig Minuten bei euch sein.«
Da sie ohnehin bereits mit den Schutz- und Bannzaubern verbunden war, hob sie auch gleich die provisorischen Barrieren um die Vorratskeller wieder auf. Es würde eine Weile dauern, aber die Schutzzauber würde sich von selbst wieder an ihre ursprünglichen Verankerungen bewegen. Spätestens morgen früh sollte das Gebiet wieder frei zugänglich sein.
Dann machte sie sich auf den Weg. Sie hätte Pettigrew zwar auch selbst in seine menschliche Gestalt zurückverwandeln können, aber sie konnte sich vorstellen, dass es Severus eine Freude sein würde, ihr dabei zu helfen. Außerdem – auch wenn sie es sich nicht gern eingestand – hatten sie die Flächenzauber und die Arbeit mit den Schutzbannen doch ein wenig erschöpft. Und wenn sie schon dabei war, konnte sie Severus auch gleich um einen kleinen Muntermacher bitten. Es war unwahrscheinlich, dass sie diese Nacht noch einmal ihr Bett sehen würde.
Mit energischen Schritten verließ sie die Küchengewölbe und betrat die Verliese der Slytherins. Vor dem Eingang zu Severus' Privaträumen zögerte sie ein letztes Mal. Was sie plante, war nicht ganz legal. Genau genommen war es sogar höchst illegal. Doch sie hatte keine Wahl. Sie brauchte verlässliche Informationen. Severus würde Stillschweigen bewahren, und bei vorsichtiger Dosierung würde nicht einmal Pettigrew selbst etwas merken. Nicht, ehe es zu spät war. Veritaserum war ein tückisches und im Nachhinein schwer nachweisbares Gift – in jeder Hinsicht.
Sie klopfte an die Tür und sah eine lange Minute später in das verschlafen mürrische Gesicht des Zaubertrankmeisters von Hogwarts. Der Laut, mit dem Severus seinen nächtlichen Besuch willkommen hieß, erinnerte Minerva auf unheimliche Weise an das Knurren eines Werwolfs. Sie lächelte beinahe. Es war wohl eine von diesen Nächten.
Die Schulter an den Stamm der hohen Fichte gelehnt, kauerte Sirius im Dunkel seines Verstecks. Die von ihrer weißen Last niedergedrückten Zweige bildeten über ihm und um ihn herum ein schweres, nahezu blickdichtes Schneezelt.
Er zitterte, schob es aber auf die Kälte, auch wenn ihm sein Verstand sagte, dass er viel zu aufgeregt war, um wirklich zu frieren. Er hatte im Augenblick nicht die Nerven, um rational zu sein. Er hasste das untätige Kauern, die klirrende Kälte, die unnatürliche Stille des verschneiten Waldes, das Warten.
Wie um ihn daran zu erinnern, dass er nicht allein war, raschelte es plötzlich über ihm in der Krone des Baumes, und in seinem Zelt setzte ein kurzes Schneegestöber ein, als Mirzam landete. Sie kreischte einmal beruhigend und gönnte sich eine kleine Pause, bevor sie sich wieder in die Lüfte schwang. Noch ein wenig mehr Schnee rieselte auf seinem langen Weg durch das Dach der Zweige bis zu ihm herunter, aber er war dankbar für jede Ablenkung.
Sein Blick huschte zum Saum seines Mantels, aber da war noch immer nichts. Es war beruhigend und beunruhigend zugleich. Er konnte sich nicht vorstellen, dass überhaupt niemand kam. Ob nun Remus allein oder in Begleitung von Auroren – irgendjemand würde kommen. Remus konnte seine Botschaft unmöglich einfach ignoriert haben.
Was auch immer geschah, nach der heutigen Nacht würde er klarer sehen. Und er war auf alles vorbereitet. Der Schnee war ein Glücksfall gewesen. Sirius hatte den gestrigen Tag damit verbracht, in weitem Umkreis um die Lichtung Runen in die frische Schneedecke zu ritzen und an die Runenreihen seines Mantelsaums zu binden. Nichts würde ihn heute Nacht überraschen können. Es sei denn, die Auroren schickten Remus vor, um ihn in Sicherheit zu wiegen, und apparierten dann überfallartig auf die Lichtung. Aber er rechnete damit, einen eventuellen Verrat vorher in Remus' Augen erkennen zu können. Remus hatte sich nie besonders gut verstellen können.
Er hielt den Atem an, als plötzlich drei Runen auf dem Mantelsaum schwach zu schimmern begannen. »Dunkle Kreatur«, »unweit«, »Halbmensch«. Er war im Verbotenen Wald, und es mochte sich um alles Mögliche handeln, aber trotzdem beschleunigte sich sein Atem. Wenig später erklang der Warnruf einer Schleiereule. Sirius zählte. Eins, zwei, drei – und vier. Es war Remus.
Er versuchte, sich zu beruhigen. Er konnte das Zittern seiner Hände nicht länger auf die Kälte schieben. In wenigen Minuten würde sich erweisen, ob sein alter Freund ihn verraten hatte. Und selbst wenn nicht, würde er Remus erst noch von seiner Unschuld und Peters Schuld überzeugen müssen. Es würde nicht einfach werden.
Er richtete sich auf und beobachtete durch eine Lücke im Schneezelt der Fichtenzweige die Lichtung. Er rechnete damit, dass es noch einige Minuten dauern würde, bis Remus zwischen den Bäumen hervortrat. Umso überraschender war das helle Licht eines Lumos, das plötzlich auf die freie Schneedecke fiel und ihn blendete. Er zwinkerte nervös und sah schließlich, wie Remus mitten in der Lichtung landete. Auf einem Besen. Er hatte nicht damit gerechnet, dass Remus einen Besen benutzen würde. Remus war nie ein begeisterter Flieger gewesen. Aber natürlich war es vernünftiger, als stundenlang durch den Schnee zu stapfen. Er hätte daran denken müssen.
Remus stand einfach da, mitten auf der Lichtung, den Besen in der Hand. Sein Lumos und dessen vom Schnee reflektierter Schein hüllten ihn in eine Gloriole aus Licht. Er war ihm zugewandt, aber die Entfernung war zu groß, um Einzelheiten erkennen zu können. Trotzdem hatte Sirius das Gefühl, als würde ihm Remus einen Moment lang direkt in die Augen sehen. Doch dann wandte er sich ab und ließ seinen suchenden Blick über das Rund der Lichtung wandern.
Ein leises, kaum hörbares »Sirius!« erklang. Sirius versuchte, die Stimme zu erkennen. Er wollte sie erkennen, doch er war sich nicht absolut sicher. Es war einfach zu lange her, dass er sie gehört hatte – und die Dementoren hatte ihr Übriges getan, um seine glücklicheren Erinnerungen im Nebel des Vergessens verschwimmen zu lassen.
»Ich bin hier!«, erschallte es diesmal lauter über die Lichtung. »Sirius! Bist du da?«
Es war nicht die Stimme selbst, sondern die Art, wie sie seinen Namen aussprach, die ihn schließlich davon überzeugte, dass es wirklich Remus war. Sirius packte seinen Zauberstab fester und versuchte, das Zittern seiner Hände unter Kontrolle zu bekommen.
»Es ist alles in Ordnung! Du kannst herauskommen! Ich bin allein!«
Es kostete ihn all seinen Mut, den Zauberstab zu heben. Er warf noch einen letzten Blick auf die Runen seines Mantels, aber es gab keine Anzeichen, dass Remus log. Anscheinend war er allein gekommen. Sirius schloss die Augen und apparierte.
»Sirius!«
Das grelle Licht und der Schnee blendeten ihn. Als Remus ihn bemerkte, stand er einen Augenblick lang wie erstarrt da, ließ dann seinen Besen fallen und rannte auf ihn zu.
Sirius hätte nicht schnell genug reagieren können, selbst wenn er nicht wie gelähmt gewesen wäre. Remus war bei ihm, ehe er auch nur ein Wort herausbringen konnte. Kräftige Arme legten sich um ihn und hielten ihn so fest, dass es beinahe wehtat. Raue Bartstoppeln kratzten an seiner Wange und eine Stimme, dicht an seinem Ohr, flüsterte seinen Namen.
Er wusste nicht, wann er seinen Zauberstab hatte fallen lassen. Es tat so gut, ein menschliches Wesen berühren zu können, dass er keinen Gedanken daran verschwendete. Er hörte Lachen und wieder und wieder seinen Namen. Er klammerte sich an Remus, vergrub seinen Kopf an dessen Schulter und stieß dabei Laute aus, von denen er selbst nicht wusste, ob sie Lachen oder Weinen waren. Er hatte nicht gewusst, wie sehr er es ihn aufwühlen würde, eine menschliche Stimme seinen Namen sagen zu hören, einen anderen Menschen zu berühren und selbst berührt zu werden.
»Sirius!« Remus sah ihn an, ohne die Umarmung zu lösen. »Es tut so gut, dich wiederzusehen!«
»Remus …« Seine Stimme erstickte, und er konnte nicht weitersprechen.
»Oh, Sirius! Du siehst schrecklich aus!«, lachte Remus, während ihm die Tränen über die Wangen liefen. Er schob ihn eine halbe Armeslänge von sich und sah ihn seltsam glücklich an. »Was hast du mit deinen Haaren gemacht?«
Eine Hand strich über die unregelmäßigen Stoppeln seines kurzgeschorenen Kopfes. Es war fast ein Streicheln und machte Sirius eine Gänsehaut.
»Es war … praktischer so.« Seine eigene Stimme klang rau und fremd in seinen Ohren.
Remus grinste wie ein kleines Kind und ließ erneut die Finger über die Stoppelpracht wandern. »Sirius Black mit Glatze. Dass ich das noch erleben darf!«
Sirius musste lachen. Sie hatten ihn immer wegen seiner Haare aufgezogen. Und vielleicht war er tatsächlich ein bisschen eitel gewesen. Damals, als alles noch anders gewesen war.
»Du musst gerade reden!« Er strich eine Locke aus Remus' Stirn. »Seh' ich da Grau an deinen Schläfen?«
»Kein Wunder!« Remus strahlte ihn an. »Alles deine Schuld! Wie soll man keine grauen Haare bekommen, wenn du … wenn du … solchen Unsinn veranstaltest! Jedes einzelne meiner grauen Haare ist ganz allein deine Schuld, Sirius Black! Und für jedes einzelne werde ich grausame Vergeltung üben! Fürchte meine Rache!«
Es war zu viel. Sirius konnte keine Scherze mehr machen und wollte auch keine hören. Er schloss Remus wieder in seine Arme und hielt ihn fest. Er starrte über den gleißenden Lichtkreis, in dem sie standen, hinaus in den nächtlichen Wald. Er schmeckte das Salz seiner Tränen auf den Lippen und fragte sich, wann er zu weinen begonnen hatte. Er genoss die Wärme und Bewegung eines menschlichen Wesens in seinen Armen. Er fühlte das Heben und Senken von Remus Brustkorb, und langsam verebbte auch sein eigenes Schluchzen und beruhigte sich zu einem beinahe normalen Atmen.
»Peter ist gefasst«, flüsterte Remus nach einer halben Ewigkeit in sein Ohr.
Sirius versteifte sich unwillkürlich und löste ihre Umarmung. »Was?«
»Wir haben ihn, Sirius. Er sitzt seit drei Tagen in Azkaban und wartet auf seinen Prozess.«
Sirius fühlte, wie seine Beine unter ihm nachzugeben drohten. Er setzte sich in den Schnee. Die Kälte kümmerte ihn nicht mehr. Sie hatten die Ratte gefangen. Gefangen. Das bedeutete, dass Peter lebte und weiterleben würde, wenn er nicht zum Tode verurteilt wurde. Seine Rache war ihm zwischen den Fingern zerronnen. Die Enttäuschung schmeckte wie bittere Galle. Selbst Azkaban war nicht genug. Peter hätte sterben sollen. Durch die Hände des einzigen Menschen, der das ganze Ausmaß seines Verrats erfassen konnte.
»Wie?«, fragte er. Er bemerkte kaum, wie sich Remus neben ihm in den Schnee setzte und ihm eine Hand auf den Arm legte.
»Als deine Nachricht kam … ich konnte es nicht glauben.« Remus sprach seltsam ruhig. »Ich hätte es wahrscheinlich nicht geglaubt. Aber ich hab auf der Karte nachgesehen, und da war er. Peter.«
Sirius versuchte, Remus zu folgen, aber er war noch immer wie benebelt. »Karte …?«
»Unsere Karte, Sirius. Unsere alte Karte.«
»Aber –«
»Minerva hat ihn gestellt. Und Peter hat alles gestanden.«
»Gestanden«, wiederholte Sirius dumpf. Er wusste nicht, was er fühlen sollte. Im Augenblick fühlte er gar nichts. Vielleicht eine vage Enttäuschung, aber nicht einmal dessen war er sich sicher.
»Es tut mir leid«, durchbrach Remus schließlich ihr Schweigen.
Sirius starrte ihn verwundert an. »Was? Dass Peter lebt? Ich hätte ihn zwar lieber tot gesehen, aber vielleicht ist Azkaban sogar die grausamere Strafe. Und die Hauptsache ist doch, dass –«
Aber Remus schüttelte nur den Kopf. »Nein, nicht das. Ich … es tut mir leid, dass ich damals nicht auf mein Gefühl vertraut habe. Ich hätte niemals glauben dürfen, dass du es warst, der James und Lily verraten hast. In Wirklichkeit konnte ich es nie glauben. Ich habe mir immer wieder selbst eingeredet, dass ich einfach nicht objektiv wäre, aber ich hatte immer ein schlechtes Gefühl bei dieser Geschichte. Aber es war einfach die einzige Erklärung, die wir hatten. Wir alle wussten – glaubten zu wissen –, dass du der Geheimniswahrer warst. Warum …« Remus presste die Lippen aufeinander und wandte den Blick ab. »Warum habt ihr mich nicht eingeweiht?«
Es tat weh, sich zu erinnern. Warum hatten sie Remus nicht vertraut? Warum hatte er Remus nicht vertraut? Wie konnte er so dumm, so verrückt gewesen sein, Remus für einen Spion Voldemorts zu halten? Wie konnte er so blind, so dumm gewesen sein, Peter zu vertrauen? »Ich …«, begann er, verstummte jedoch wieder. Was hatte es für einen Sinn? Aber Remus hatte die Wahrheit verdient, auch wenn sie schmerzen würde.
»Es war eine Dummheit, Remus. Aber du musst verstehen … wir wussten, dass es einen Spion gab. Alles deutete darauf hin …«
»Also hattet ihr mich in Verdacht …« Remus klang nicht überrascht. Eher so, als wäre ein langgehegter Verdacht bestätigt worden. »Warum?«
»Es gab keine echten Hinweise«, murmelte Sirius unbehaglich. »Nichts, was als echter Grund durchgehen würde. Wir wussten nur, dass jemand aus dem engsten Kreis ein Verräter war. Wir kamen zu dem Schluss … es konnte sich nur um mich oder dich handeln. Glaubten wir wenigstens. Und ich wusste, dass ich es nicht war. Und du … du hattest deine Kontakte zu den Werwölfen. Ich wollte es auch nicht glauben, aber wer blieb übrig? Peter … niemand hat auch nur einen Gedanken an Peter verschwendet.«
»Wir sind schon zwei selten dämliche Gestalten, oder?«, seufzte Remus. Sein Lächeln wirkte gezwungen, und dann machte er eine Bewegung, als wolle er einen unangenehmen Gedanken wegscheuchen. »Egal. Vorbei. Schnee von gestern.«
»Es tut mir leid, Remus.« Sirius griff nach seiner Hand und hielt sie fest. »Ich bin so froh, dich wiederzuhaben.«
Remus sagte kein Wort, aber das musste er auch nicht. Sirius sah ihm an, dass es ihm genauso ging. Sie saßen sich lange Zeit nur schweigend gegenüber.
Als die Stille so lange gedauert hatte, dass sie peinlich zu werden begann, räusperte sich Remus. »Leider … leider ist es noch nicht vorbei, Sirius. Du wirst immer noch gesucht. Der Ausbruch, deine Flucht, das Feuerwerk vor dem Schloss und die toten Dementoren … Bis Peter verurteilt ist, bist du immer noch ein flüchtiger Verbrecher. Wegen der Dementoren … Ich weiß nicht, ob sie dir deswegen große Schwierigkeiten machen werden. Das Ministerium betrachtet sie als Regierungseigentum. Es wird sich wahrscheinlich irgendwie aus der Welt schaffen lassen, aber …«
Remus runzelte die Stirn und verstummte. Anscheinend war ihm endlich aufgefallen, dass Sirius dem Strom seines Geplappers mit breitem Grinsen zugehört hatte.
»Was?«, fragte er beinahe trotzig.
»Nichts«, erwiderte Sirius und grinste noch breiter. »Gar nichts. Was war das mit dem Ministerium?«
»Manchmal bist du wirklich unmöglich, Black!« Remus verschränkte die Arme und musterte ihn ernsthaft. »Man wird dir mindestens den Einsatz Schwarzer Magie vorwerfen.«
Sirius lachte. Er konnte nicht anders. Es war zu komisch. Er ließ sich rückwärts in den Schnee sinken und lachte den Sternenhimmel an. Schwarze Magie.
»Ob sie es beweisen können, ist wieder eine andere Frage«, fuhr Remus fort, »aber versuchen werden sie's. Schon um gegen deinen Entschädigungsanspruch aufrechnen zu können. Zwölf Jahre Azkaban, unschuldig, noch dazu ohne ordentlichen Prozess verurteilt … Eine angemessene Entschädigung könnte dem Ministerium das Jahresbudget einer ganzen Abteilung kosten, wenn das Wizengamot dir etwas zusprechen sollte.«
Wütend fuhr Sirius wieder hoch. »Kein Geld der Welt …!«, fuhr er Remus an, aber dann wurde ihm die Absurdität der Situation bewusst, und er brach erneut in Gelächter aus. Entschädigung. Für zwölf Jahre seines Lebens. Es konnte nur ein Witz sein.
»Sirius, hör mir zu!«, bat ihn Remus vernünftig, und um ihm einen Gefallen zu tun, bemühte sich Sirius, wenigstens ein kleines bisschen ernster zu werden und sein Lachen zu unterdrücken. »Im Moment ist das einzig Gute, dass die Auroren dich nicht aktiv suchen. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass sie einiges dafür geben würden, dich nicht zu finden. Trotzdem kannst du dich nicht frei bewegen, solange du nicht offiziell –«
»Scheiß drauf!«, lachte Sirius, als er einfach nicht mehr länger ein ernstes Gesicht machen konnte. »Scheiß auf das Ministerium, die Auroren und alles, was damit zu tun hat.«
Er stand auf und streckte Remus die Hand hin, um ihm aufzuhelfen. Dessen Roben waren inzwischen wahrscheinlich schon durchgeweicht. »Komm! Hilf mir meinen Zauberstab suchen. Dann verschwinden wir von hier.«
»Du würdest deinen Kopf verlieren, wenn er nicht angewachsen wär'«, kommentierte Remus trocken – und zog Sirius' Zauberstab aus der Tasche. »Wohin willst du verschwinden?«
»Lass dich überraschen!«, antwortete Sirius und zwinkerte ihm zu. Er nahm seinen Zauberstab entgegen und sagte nur »Danke«. Er hätte noch viel mehr sagen wollen, aber vermutlich verstand ihn Remus auch so.
Sirius sah sich um, konnte Mirzam jedoch nirgends entdecken. Er steckte zwei Finger in den Mund und stieß einen Pfiff aus. Er musste nur einen Moment warten, dann kam sie aus dem Wald geflogen und landete auf seiner Faust.
»Alles in Ordnung, mein kleines Biest! Flieg und jag, solang du willst. Ich erwarte dich daheim.«
Sie musterte ihn und Remus, kreischte auf und schwang sich wieder in die Lüfte.
Er hob seinen Zauberstab und bot Remus gleichzeitig seinen Arm an. »Darf ich Ihnen die Ehre erweisen, Mr. Moony?«
Remus verdrehte die Augen, aber sein Lächeln war eher melancholisch als spöttisch. »Wenn es unbedingt sein muss, Mr. Padfoot. Ich hoffe doch, dass sich Ihre Fähigkeiten in der Kunst des Apparierens inzwischen deutlich verbessert haben. Ich möchte Sie an einen kleinen und unbedeutenden, aber in jeder Hinsicht peinlichen Vorfall in unserem siebten Schuljahr erinnern. Es wäre nett, wenn sich das nicht wiederholen würde und Sie dafür sorgen könnten, dass wir heil und ausnahmsweise mit sämtlichen –«
Sirius grinste nur und disapparierte mit Remus, ehe dieser zu Ende gesprochen hatte. Nur ein einsamer Besen und die Spuren im Schnee blieben auf der Waldlichtung zurück.
