16. Our Finest Gifts We Bring
(The Little Drummer Boy – Joan Baez)
Terry hatte die Hände tief in den Manteltaschen vergraben und stapfte zitternd von einem Fuß auf den anderen. Seine Wärmezauber schienen kaum etwas zu bewirken. Kein Wunder. Er stand inmitten eines verdammten Schneesturms! Und wofür?
»… werde dich schrecklich vermissen. Wir hatten so viel Spaß miteinander. Alle werden dich vermissen.«
Luna war durchgeknallt. Einfach nur noch durchgeknallt. Eine Beerdigung! Was sonst noch? Dabei wäre eine Freudenfeier viel passender gewesen. Gott sei Dank war dieses sockenfressende, schuhkauende und wadenbeißende Monster endlich über den Jordan gegangen! Es hatte lange genug gedauert! Lunas Monsterbuch war eines der letzten gewesen, das seinen Geist aufgegeben hatte.
»Du warst ein gutes Buch. Ich werde dich niemals vergessen.«
Ein unterdrücktes Schluchzen kam von der anderen Seite des »Grabes«. Terry sah zu Anthony, um sich zu vergewissern, dass er nicht der Einzige in der versammelten »Trauergemeinde« war, der noch alle Tassen im Schrank hatte. Anthony hob nur die Augenbrauen und grinste ihn an. Terry konnte es nicht lustig finden.
Das ohrenbetäubende Schnäuzen von Hagrid übertönte Terrys Aufstöhnen, als Luna die erste Zeile von Greensleeves anstimmte. Simon hatte recht gehabt: Es war eine Farce! Wobei Simon wahrscheinlich nur deshalb so ausgeflippt war, weil er es »den Gipfel der Perversität« fand, ein Buch zu vergraben. Terry konnte sich nicht wirklich erklären, wie Luna es geschafft hatte, Anthony mitzuschleifen. Oder Hagrid dazu zu bringen, ein Grab für sie auszuheben. Er selbst hatte keine Wahl gehabt. Luna schreckte auch vor Erpressung nicht zurück, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte. Und er hatte keine Lust, jeden Monat ganz allein die Tortur einer misslungenen Animagus-Transformation durchzustehen.
Als Luna ihm einen mahnenden Blick zuwarf, öffnete er widerwillig den Mund und stimmte ein. Begleitet von Hagrids Schluchzern und einem verdächtigen Glucksen Anthonys sang er mit Luna Greensleeves. Früher hätte er die hohen Töne vielleicht sogar getroffen. Aber so konzentrierte er sich lieber auf die Atemwolken, die seinen Mund verließen, als auf das eigene verzweifelte Anquieken gegen den Stimmbruch. Sein einziger Trost war, dass sie trotz Lunas Bemühungen nur so eine kleine Trauergemeinde waren. Zum Glück. Es reichte, dass er sich vor Anthony und dem unheimlichen Wildhüter zum Affen machte.
Mit dem Abwerfen eines halbgefrorenen Erdklumpens in das Erdloch entledigte er sich seiner letzten Pflicht und machte sich dann so schnell wie möglich davon. Er hatte Wichtigeres zu tun, als Luna die Hand zu halten, während Hagrid das »Grab« zuschaufelte.
Er kämpfte sich durch den kniehohen Schnee, bis er den Weg erreichte. Im Laufschritt stapfte er weiter, kam aber wegen der Schneeverwehungen, die den Pfad fast völlig unter sich begraben hatten, nicht viel schneller voran als vorher. Der eisige Wind wirbelte den staubfeinen Pulverschnee auf und blies ihm einen stetigen, schneidenden Strom winziger Eiskristalle ins Gesicht. Er fror erbärmlich, aber was tat man nicht alles? Wenigstens würde er morgen im Zug nach London sitzen und das ungemütliche schottische Wetter hinter sich lassen.
Auf dem Weg nach Hogsmeade begegnete er nur drei anderen Schülern, die wie er gegen Schnee und Wind ankämpften. Die schmiedeeisernen Schlosstore waren unbewacht. Die Auroren und Wachtrolle waren vor einer Woche abgezogen worden. Die herrschende Meinung innerhalb der Gerüchteküche behauptete zwar, dass sich herausgestellt hätte, dass Sirius Black unschuldig wäre, aber niemand wusste Genaueres. Eine Minderheit meinte dagegen, beim Abzug der Wachmannschaft handele sich um eine politische Intrige innerhalb des Zaubereiministeriums mit dem Ziel, Harry Potter schutzlos seinem Mörder auszuliefern und auf diese Weise loszuwerden. Eine dritte Fraktion favorisierte die Theorie, Black wäre gefasst worden und säße bereits wieder in Azkaban. Terry enthielt sich vorläufig eines Urteils, wenn er auch die dritte Möglichkeit vorgezogen hätte.
Auch Hogsmeade selbst wirkte verlassen. Nur ein paar vereinzelte Schülergrüppchen trotzten dem Schneesturm. Die meisten hatten ihre Weihnachtseinkäufe wahrscheinlich schon erledigt – gestern, als das Wetter noch etwas besser gewesen war. Er war selbst schuld, dass er heute allein unterwegs war und sich die Nase abfror. Er hätte Anthony gleich um die paar Galleonen anhauen sollen, statt lange nach einem besseren und möglichst auch billigeren Geschenk zu suchen. Aber er lieh sich nicht gerne Geld, auch wenn Anthony für gewöhnlich nur mit den Schultern zuckte, »Wie viel?« fragte und meist schon vergessen hatte, dass er überhaupt jemandem Geld geliehen hatte, wenn er es später zurückbekam.
Er hielt sich nahe an den Häuserwänden, wo der Wind etwas erträglicher war und der Schnee nicht ganz so hoch lag. Als er eine einsame Gestalt vor dem Hintergrund eines bunt beleuchteten Schaufensters erspähte, war er sich im ersten Moment nicht sicher. Der Schüler hatte die Kapuze weit ins Gesicht gezogen und die Hände tief in den Taschen versenkt. Terry blieb stehen, schniefte und wischte sich die Nase am Ärmel ab – und begann dann zu grinsen.
»Hey, Luna!«, schrie er gegen den Wind an. »Ich hab' ihn gefunden!«
Der Schüler fuhr herum, und tatsächlich: Es war Finnigan. Er sah sich panisch um und machte dabei ein so dummes Gesicht, dass Terry nicht länger ernst bleiben konnte. Er musste lachen, und als Finnigan endlich den Witz begriff und wütend heranstapfte, musste er noch mehr lachen.
»Danke!«, schnauzte Finnigan ihn an. »Ha, ha! Du bist so ein Sackgesicht, Boot!«
»Kein – kein Problem, Finnigan«, brachte Terry mühsam hervor, während er sich immer noch vor Lachen schüttelte. »Gern geschehen. Vorzeitiges Weihnachtsgeschenk … ganz allein für dich.«
»Sehr witzig, Boot«, meinte Finnigan ohne jeden Anflug von Humor und schnitt eine Grimasse. »Kommt sie auch?«
Noch immer glucksend schüttelte Terry den Kopf. »Keine Angst. Luna ist in Trauer. Und sie muss noch packen.«
Finnigan entspannte sich sichtlich. »Gott sei Dank«, murmelte er erleichtert. »Blöde Kuh!«
Normalerweise hätte Terry sie wohl verteidigt, aber im Moment war er noch zu sauer auf sie. »Durchgeknalltes Mondkalb«, verbesserte er nur, was ihm einen verwunderten Blick von Finnigan eintrug.
»Luna hat dich gestern vermisst«, fuhr Terry wie nebenbei fort. »Sie hat jeden Winkel von Hogsmeade nach dir abgesucht. Wir haben ihr zwar schon vorher gesagt, dass du dich bestimmt nicht aus dem Gryffindorturm heraustraust, wenn sie auf dem Kriegspfad ist, aber die zukünftige Mrs. Finnigan wollte uns nicht so recht glauben.«
»Sackgesicht!«, knurrte Finnigan ihn erneut an, aber es klang kraftlos, und die Verzweiflung stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben. »Warum kann sie mich nicht einfach in Ruhe lassen?«
Obwohl die Frage offensichtlich rhetorisch gemeint war, beantwortete Terry sie freundlich und zuvorkommend. »Luna ist deine Freundin. Ihr geht miteinander.«
»Sie ist nicht meine Freundin!«, zischte Finnigan ihn mit zusammengebissenen Zähnen an. »Und wir gehen nicht miteinander!«
»Okay, okay.« Terry bemühte verzweifelt, noch einen Moment lang ernst zu bleiben. »Sagst du's ihr, oder soll ich vielleicht …?«
Finnigan stieß einen Laut aus, der sich nach einer Mischung aus mörderischer Wut und verzweifeltem Aufstöhnen anhörte.
Terry klopfte ihm beruhigend auf die Schulter. »Aber, aber. Wer wird den gleich?«
Als Finnigan ihm in die Rippen boxte und ihn zum dritten Mal ein Sackgesicht nannte, wurde Terry erneut von einem Heiterkeitsanfall überwältigt. Er musste sich an der Hauswand abstützen, so musste er lachen. Es war vielleicht gemein, aber einfach zu gut. Für diesen Spaß war er fast bereit, Luna das verrückte Buchbegräbnis zu verzeihen.
Finnigan starrte ihn mit verschränkten Armen böse an. »Freut mich, dass wenigstens einer von uns was zu lachen hat«, meinte er missmutig.
»Mich auch, Finnigan«, folgte Terry der offensichtlichen Einladung. »Mich auch.«
Finnigan trat ihn vors Schienbein, aber es war wohl nicht sonderlich ernst gemeint, denn es war nur ein angedeuteter Tritt.
»Also, wo ist der Rest von euch Klugscheißern?«, fragte Finnigan, als Terry wieder zu Atem gekommen war. »Alle im Schloss geblieben?«
»Wo sonst?« Terry zuckte mit den Achseln. »Da wär' ich auch, aber ich muss noch ein Geschenk besorgen.« Und genau das sollte er auch langsam in Angriff nehmen. »Apropos. Ich muss weiter. Und keine Angst, Luna kommt heute bestimmt nicht mehr nach Hogsmeade.«
Er nickte Finnigan zu und ließ ihn stehen. Er hatte es zwar nicht wirklich eilig, aber er musste noch für die Weihnachtsferien packen, und außerdem wollte er so schnell wie möglich wieder aus dem Schneesturm heraus und zurück ins einigermaßen warme Schloss.
Als er das Pfeifen- und Tabakgeschäft erreichte, warf er einen Blick ins Schaufenster. Erleichtert sah er, dass die Meerschaumpfeife noch da war. Ein filigran gearbeiteter, weißer Klauenfuß hielt von unten ein aufgeschnittenes Ei, das als Pfeifenkopf diente. Er war sich nicht sicher, ob es die Krallen eines Drachens oder irgendeines Greifvogels waren, aber das spielte eigentlich auch keine große Rolle. Die Pfeife sah einfach cool aus, ohne auffällig magisch zu wirken. Es wäre ziemlich ärgerlich gewesen, wenn sie inzwischen verkauft worden wäre. Er brauchte dieses Jahr unbedingt ein anständiges Geschenk für seinen Opa. Er war sich zwar nicht sicher, ob sein Opa eine Pfeife auch benutzen würde, aber wenigstens war sie teuer genug, dass kein Zweifel daran bestehen konnte, dass es sich um ein anständiges Geschenk handelte. Und vielleicht ergab sich in den Weihnachtsferien sogar eine Gelegenheit, sie selbst einmal auszuprobieren. Eine Überlegung, die bei seiner Kaufentscheidung eine nicht völlig zu vernachlässigende Rolle gespielt hatte.
Er betrat den Laden und wurde von einer jungen Verkäuferin begrüßt. Er war der einzige Kunde und wurde sofort bedient.
»Die da?«, vergewisserte die Verkäuferin sich, nachdem sie die Pfeife aus der Auslage gefischt hatte.
Terry nickte. »Genau.«
»Ein schönes Stück«, behauptete sie, aber vermutlich konnte sie nichts anderes sagen – bei dem Preis. »Echter Meerschaum, handgeschnitzt. Soll ich sie als Geschenk verpacken?«
»Das wäre nett«, antwortete Terry. Geschenke verpacken war nicht seine Stärke, und so konnte er sich die Mühe sparen.
Er kaufte noch eine Dose Pfeifentabak, was sich jedoch als komplizierter erwies, als er erwartet hatte. Anscheinend gab es Dutzende verschiedener Marken und jede davon in einem halben Dutzend Geschmacksrichtungen. Nach einigem Hin und Her entschied er sich für eine nicht allzu teure Sorte mit Schokoladen- und Kirscharoma, die nach Aussage der Verkäuferin recht beliebt war. Schließlich zahlte er acht Galleonen und zwei Sickel für alles und bekam ein Päckchen Pfeifenreiniger umsonst dazu. Angesichts des gepfefferten Preises fühlte er sich nicht zu großer Dankbarkeit verpflichtet, aber er erwiderte trotzdem höflich »Ebenfalls«, als ihm die Verkäuferin zum Abschied ein frohes Weihnachtsfest wünschte.
Als sich die Ladentür hinter ihm schloss und er bereits weitergehen wollte, hörte er jemanden rufen. »Hey, Boot! Warte!«
Er drehte sich um und stand erneut Finnigan gegenüber.
»Einkäufe erledigt?«, fragte dieser, während er weiterhin in seine Hände hauchte.
Terry warf einen bezeichnenden Blick auf die Päckchen, die er vor sich trug. »Wonach sieht's aus?«
Finnigan stellte seine Aufwärmversuche per Atemtechnik ein und vergrub seine Hände wieder in seinen Manteltaschen. »Kommst du mit auf 'n Butterbier? Hab' keine Lust, allein in den Drei Besen rumzuhängen.«
Terry hätte prinzipiell nichts gegen ein Butterbier einzuwenden gehabt, aber eigentlich wollte er nur noch aus diesem Schneegestöber heraus und zurück ins Schloss. »Weiß nicht«, zögerte er.
»Komm schon, Boot. Ich langweil' mich zu Tode. Lad' dich auch ein.«
»Finnigan!« Sardonisches Grinsen erfüllte sein Inneres, während er scheinbar verschämt die Augen niederschlug. »Ich hatte ja keine Ahnung. Ich bin natürlich geschmeichelt, aber was wird Luna dazu sagen! Ich weiß nicht, ob ich ihr das antun kann.«
Finnigan verdrehte die Augen. »Ach, halt's Maul, Boot!«, sagte er, nahm ihm einfach die Tabaksdose ab, die Terry sich unter den Arm geklemmt hatte, und ging voraus. Terry hatte keine andere Wahl, als ihm zu folgen. Ein seltsam wohliges Kitzeln breitete sich in seiner Magengrube aus. Er ging mit Lunas Freund ein Butterbier trinken! Terry freute sich diebisch auf ihren Gesichtsausdruck, wenn er ihr davon erzählen würde. Obwohl es natürlich ziemlich gefährlich war, Luna zu reizen. Womöglich würde sie sogar eifersüchtig werden?
Für einen Moment vergaß er die beißende Kälte und den feinen Schneestaub, der ihm ohne Unterlass ins Gesicht blies. Luna und Seamus. Es war ein komischer Gedanke, aber er würde in jedem Fall seinen Spaß haben. Außerdem sprang ein Butterbier für ihn heraus, egal was sich sonst noch ergeben mochte. Und ein Butterbier, für das ein anderer bezahlte, war immer noch das beste Butterbier, oder?
Es war ziemlich ruhig in ihrem Abteil, aber das Schweigen dauerte bereits ganze Weile an, und Anthony musste langsam wirklich. Er zog seinen Zauberstab und sprach ein Tempus. Er wollte genau wissen, wie lange die Wirkung unter realistischen Bedingungen anhielt. Seine bisherigen Selbstversuche hatten kein eindeutiges Ergebnis geliefert. Er rechnete damit, dass ein beidseitig präpariertes Blatt zwischen fünf und zehn Minuten abdecken konnte, aber ob das auch mit mehreren Gesprächsteilnehmern funktionierte, war noch die Frage.
Er beendete seinen Tempuszauber und berührte beim Wegstecken seines Stabs unauffällig das Pergament, das zwischen den aufgeschlagenen Seiten seines Buches lag – und klappte das Buch zu. Als er aufstand, stieß er absichtlich gegen Lunas Fuß, um sie aufzuwecken.
»Muss mal«, verkündete er laut und deutlich. Niemand reagierte. Simon sah nicht einmal von seiner Lektüre auf, Terry starrte weiter aus dem Fenster, und Luna schloss nach kurzem Blinzeln die Augen wieder. Nicht sehr vielversprechend. Hoffentlich blieb »Muss mal« nicht das Einzige, was aufgezeichnet wurde.
Er verließ das Abteil und ging den Waggon hoch zur Zugtoilette. Vielleicht hätte er die anderen doch einweihen sollen. Aber das hätte das Experiment ruiniert. Die Frage war ja, ob sein Trank auch dann Stimmen aufzeichnen konnte, wenn Leute ganz normal miteinander sprachen und sich unbeobachtet glaubten.
Die Toilette war frei. Er schlug seine Roben hoch, klemmte sie sich unter die Arme und fummelte die Knöpfe seiner Hose auf. In dieser Hinsicht waren Muggel zu beneiden. So sehr er Roben sonst auch schätzte, sie waren definitiv unpraktisch, wenn man aufs Klo musste. Der Zug wackelte ein bisschen, aber er hielt seinen Strahl genau auf die Mitte der Kloschüssel gerichtet und brachte die Sache ohne größere Schwankungen hinter sich. Und wo er schon alles bei der Hand hatte … Es waren höchstens ein oder zwei Minuten vergangen, seit er das Abteil verlassen hatte, und er wollte den anderen ohnehin mindestens fünf Minuten geben. Zeit genug also.
Er schloss die Augen und dachte an Milli. Irgendein Sommerball. Sie tanzten, aber nicht lange, und schlugen sich in die Büsche. Und dann hatte Milli kein Kleid mehr an. Sie küssten sich, und er streichelte ihr Brüste, und dann öffnete sie ihre Oberschenkel, und er legte sich auf sie und leckte über eine Brustwarze und steckte seinen Schwanz in sie hinein und fühlte ihre Wärme um ihn und bewegte sich auf und ab, auf und ab, auf und ab … bis er kam.
Er hatte länger gebraucht als gewöhnlich, und er spürte ein leichtes Ziehen in den Hoden, als er fertig war. Vielleicht hatte er es die letzten Tage etwas übertrieben. Immerhin war es schon das zweite Mal heute, und allein gestern hatte er sich viermal – Morag, Mandy, Milli, Susan – einen runtergeholt. Aber außer Lunas dämlicher Beerdigung und dem Packen für die Ferien war nichts mehr zu tun gewesen. Und bevor man sich zu Tode langweilte …
Das unangenehme Ziehen ignorierend, ordnete Anthony seine Roben, wusch sich die Hände und spritzte sich etwas Wasser ins Gesicht. Seine Wangen waren ein bisschen gerötet, aber nach einem Tempus stellte er fest, dass er noch reichlich Zeit hatte. Es waren erst knapp vier Minuten vergangen. Er wartete ungeduldig, aber die Sekunden schlichen quälend langsam dahin. Er hoffte nur, dass die anderen auch miteinander redeten, während er untätig auf dem Klo herumsaß. Er wusste, dass der Trank prinzipiell funktionierte. Aber würden seine phono-mnemonischen Eigenschaften auch dann wirken, wenn der Aktivator nicht in der Nähe war und mehrere Personen miteinander sprachen, die sich nicht auf die Aufnahme konzentrierten?
Schließlich ließ ihm seine Neugier keine Ruhe mehr. Er machte sich auf den Rückweg. Bevor er wieder das Abteil betrat, sprach er noch einmal ein Tempus. Insgesamt achteinhalb Minuten. Drinnen hatte sich nichts verändert. Luna döste vor sich, Terry starrte aus dem Fenster, und Simon las. Anthony sah einen totalen Fehlschlag auf sich zukommen. Er setzte sich und schlug ohne allzu große Hoffnung sein Buch auf. Und tatsächlich: Das Blatt war vollkommen leer, wenn man von seinem Muss mal absah. Er drehte das Pergament um und sah ganze zwei Zeilen. Leider nicht in einer anderen, sondern ebenfalls in seiner eigenen Handschrift, womit er jedoch fast gerechnet hatte.
Wo ist eigentlich Anthony?
Klo?
Vermutlich sollte er froh sein, dass sie überhaupt etwas gesagt hatten, aber dennoch!
»Trantüten!«, sagte er laut und deutlich. »Ihr seid ein elender Haufen Trantüten!«
Es dauerte eine Sekunde, dann erschien der erste blasse Abdruck seiner Worte auf dem Blatt – schon relativ weit unten. Selbstverständlich wieder in seiner eigenen Handschrift.
»Warum?«, fragte Terry, der sich endlich von der vorbeiziehenden Landschaft abwandte. Luna bewegte sich nicht einmal, und Simon blätterte eine Seite in seinem Buch um.
»›Wo ist eigentlich Anthony?‹ – ›Klo?‹ Mehr fällt euch nicht ein? Fast zehn Minuten, und das ist alles, was ihr an Unterhaltung zustande bringt?«
Endlich zeigten die anderen eine Reaktion. Simon sah von seinem Buch auf und beugte sich zu ihm herüber, um das Pergament zu betrachten. Terry fragte verwundert: »Du hast uns belauscht? Wozu?«, und Luna schlug die Augen auf und gähnte herzhaft.
Simon nahm ihm das Pergament ab. »Wie funktioniert das?«, fragte er, nachdem er es einen Moment schweigend betrachtet hatte.
Bereitwillig und nicht ohne Stolz antwortete Anthony: »Genial, oder? Das Pergament ist mit Memor Vocis präpariert. Na ja, es ist eigentlich nur Denkariumsessenz mit ein paar Extrazutaten. War trotzdem nicht einfach.«
Er zog es vor, nicht zu erwähnen, dass er die Denkariumsessenz fertig gekauft hatte. Bestimmt hätte er sie mit etwas Mühe auch selbst brauen können, aber ganz sicher war er sich dessen nicht, und die Zeitersparnis war es in jedem Fall wert, auch wenn die Preise für Denkariumsessenz astronomisch waren. Das eigentlich Brauen war mit fertiger Essenz sogar etwas schwieriger, weil der Grundtrank erst wieder magisch reaktiviert werden musste, bevor man neue Ingredienzien hinzufügen konnte. Und das Ergebnis war ein wenig instabil. Man musste sich beeilen, um ein ganzes Pergament Zeile für Zeile mit der phono-mnemonischen Lösung einzupinseln, da die Tinktur dazu neigte, nach kurzer Zeit zu kippen und zu einem nutzlosen und widerlich stinkenden Gebräu zu verkommen. Bei seinem allerersten Versuch hatte er die entsprechenden Warnungen im Rezept missachtet und den ersten Schwung Memor Vocis wegwerfen müssen.
»Funktioniert im Prinzip wie eine Diktierfeder«, fuhr Anthony mit seiner Erklärung fort, während Simon das Pergament an Terry weiterreichte. »Sogar die Wirkmechanismen sind teilweise ähnlich, aber man spart sich die Feder.«
»Aber was soll das Ganze?«, wollte Terry wieder wissen. »Warum nimmst du nicht einfach eine Diktierfeder?«
»Weil das ein bisschen auffällig wäre?«, wies ihn Anthony auf das Offensichtliche hin. »Eine schreibende Feder lässt sich schlecht verstecken, oder?«
»Es hat aufgehört«, warf Luna ein, zu der das Pergament inzwischen gewandert war.
Anthony sprach hastig ein Tempus und nickte zufrieden. Knapp elfeinhalb Minuten. Innerhalb dessen, was er erwartet hatte.
»Trotzdem wäre es ganz nett«, murrte Terry und warf ihm einen düster-misstrauischen Blick zu, »wenn du uns erklären könntest, warum du uns belauscht hast.«
»Es war nur ein Experiment!«, verteidigte sich Anthony. »Ich wollte nur sichergehen, dass es auch unter realistischen Bedingungen funktioniert.«
»Und wen willst du belauschen«, kam es plötzlich von Simon, »wenn nicht uns?«
Anthony presste die Lippen zusammen. Selbstverständlich hatte er damit gerechnet, dass jemand diese Frage eventuell stellen würde. Leider hatte er nur noch nicht entschieden, was er darauf antworten würde. Drei Augenpaare waren erwartungsvoll auf ihn gerichtet, und er wusste nicht, was er tun sollte. Sollte er die anderen einweihen? Es war nicht so, dass er ihnen misstraute, aber würden sie ihr Wissen auch für sich behalten? Andererseits teilten sie bereits ein Geheimnis, das ihnen mehr als genug Ärger einbringen konnte, wenn es jemals herauskam. Der Stein der Weisen war keine Kleinigkeit, und bisher hatten alle den Mund gehalten. Was an ein Wunder grenzte, wenn man es genau betrachtete.
»Hmm«, machte Luna nachdenklich. »So schlimm?«
Merlin! Wenn er ihnen noch ein paar Minuten Zeit ließ, würden sie vielleicht von selbst darauf kommen. Wie lange würde es wohl dauern, bis sie sich fragten, warum er sein Experiment so kurz vor den Weihnachtsferien noch unternommen hatte und wen er wohl während der Ferien belauschen wollte? Sie waren ja nicht ohne Grund Ravenclaws. Wenn ihre Neugier erst einmal geweckt war, würden sie nicht so schnell wieder lockerlassen. Andererseits … er war ebenfalls ein Ravenclaw! Unerwartet kroch ein seltsamer Schauer über seinen Rücken. Es traf ihn wie ein plötzlicher Geistesblitz. Selbstverständlich! Es war so einfach! Er war kein Slytherin, der Wissen und Geheimnisse hortete, nur um sie zum eigenen Vorteil einsetzen zu können. Kein Hufflepuff, dem Loyalität manchmal sogar über die Wahrheit ging. Kein Gryffindor, der nur das für wissenswert, richtig und wahr hielt, was in seinen beschränkten Verstand passte. Er war ein Ravenclaw. Er hatte vergessen, dass geteiltes Wissen eben nicht halbes Wissen war. Die Wahrheit um der Wahrheit willen. Wissen, um zu wissen. Und wem sollte er sein Wissen anvertrauen, wenn nicht drei anderen Ravenclaws, die noch dazu seine besten Freunde waren? Und vielleicht hatten sie sogar Ideen, auf die er selbst noch nicht gekommen war. Nichts davon war eine wirklich neue Erkenntnis für ihn, aber es war das erste Mal, dass er es in klare Gedanken fassen konnte. Wenn man es so sah, erschien alles mit einem Mal ganz einfach und simpel. Die Lösung für sein Problem war ebenso offenkundig wie trivial: Er musste ihnen die Wahrheit sagen.
»Professor Lupin ist ein Werwolf.« Es war nur der Beginn seiner Beichte, aber Anthony war erleichtert, dass er es endlich hinter sich bringen konnte.
»Was?« Terry starrte ihn entsetzt an.
Luna neigte nur den Kopf zur Seite, und Simon musterte ihn gewohnt ausdruckslos. Anthony lehnte sich in seinen Sitz zurück und begann, systematisch und von Anfang an Bericht zu erstatten. Sie hatten noch genug Zeit, bis der Zug in London ankommen würde. Es fiel ihm nicht leicht, einige der Dinge zu verraten, die er bisher verschwiegen hatte. Vor allem die Familiengeheimnisse, die er eigentlich geschworen hatte, für sich zu behalten. Aber letzten Endes war er ein Ravenclaw, oder? Wissen und Wahrheit waren wichtig – wichtiger jedenfalls als dumme Schwüre, Loyalität oder der eigene Vorteil. Er berichtete und erklärte – unterbrochen von zahlreichen Fragen und Einwürfen – über drei Stunden lang und behielt nichts für sich. Jedenfalls nichts Relevantes.
Nach dem warmen Eggnog fühlte sich George noch voller. Darüber hinaus war er jetzt auch noch so müde, dass er kaum die Augen offen halten konnte. Er blinzelte ins Halbdunkel des Wohnzimmers, das nur vom Kaminfeuer, den bunten Lichtern im Christbaum und einer großen Kerze auf dem Tisch erhellt wurde. Aus dem Radio dudelten Weihnachtslieder, was zwar nervig war, aber immer noch besser, als wenn ihre Mum sie zum Singen gezwungen hätte. Träge streckte er seine Beine unter dem Wohnzimmertisch aus und faltete die Hände über dem Bauch. Er hatte seinen Gürtel bereits ein Loch weiter als gewöhnlich gemacht, und wenn die Ferien so weitergingen, würde das nicht reichen. Er war so satt und faul, dass ihn nicht einmal die Plätzchenschale reizen konnte. Er hätte sich aufsetzen und vorbeugen müssen, um daranzukommen. Zu viel Aufwand.
Dem Rest schien es ähnlich zu ergehen. Ihr Dad lag mehr in seinem Sessel, als dass er saß, Ron und Ginny lümmelten auf dem anderen Sofa und selbst Percy war dösend in seinem Sessel versunken. Ihre Mum hatte ihn aus seinem Zimmer gezerrt, in das er sich seit Beginn der Ferien verkrochen hatte. Angeblich, um für seine NEWTs zu lernen. Typisch Streber. Doch solche lahmen Ausreden ließ ihre Mum natürlich nicht gelten – nicht am Weihnachtsabend. Noch dazu, wo sie zum ersten Mal seit Jahren wieder ihre gesamte Brut im Fuchsbau hatte – sah man von Charlie und Bill einmal ab, die wie üblich durch Abwesenheit glänzten.
»Arthur!« Ihre Mum stand in der Wohnzimmertür, trug den Weihnachtskorb vor sich und warf ihrem Gatten einen anklagenden Blick zu.
»Molly-Schatz?«, fragte ihr Dad vorsichtig, sich offenbar keinerlei Schuld bewusst.
»Der Kamin, Arthur!«
»Oh«, sagte ihr Dad kleinlaut. Und noch einmal »Oh«, bevor er sich mühsam aus seinem Sessel stemmte. »Ich geh' schon.«
Ihre Mum strahlte bereits wieder und kam auf Fred und ihn zu, statt sich auf den freigewordenen Platz zu setzen.
»Mum!« protestierten Fred und er gleichzeitig, aber sie schenkte ihnen keine Beachtung, sondern zwängte sich ungeniert zwischen seinen Bruder und ihn.
»Macht ein bisschen Platz für eure arme, alte Mutter!«, sagte sie fröhlich und schob den Korb unter den Tisch, bevor sie sich zwischen sie aufs Sofa quetschte. »Isst niemand Plätzchen?«
George nahm sich schicksalsergeben ein mit bunten Zuckerkügelchen bedecktes Etwas aus der Schale, die ihm unter die Nase gehalten wurde. Er war zwar bis obenhin voll, aber es war weniger Aufwand, einfach nachzugeben, als zu diskutieren.
»Ron! Ginny! Plätzchen?«
Ron stöhnte, nahm sich aber trotzdem eine ganze Handvoll, unersättlicher Vielfraß, der er war, während Ginny seinem und Freds gutem Beispiel folgte und sich mit einem Plätzchen zufriedengab. Oder vielleicht schmollte sie auch noch immer, weil sie Weihnachten ohne ihren Harry verbringen musste. Ginny war in letzter Zeit zu undurchschaubar geworden, um irgendetwas mit Sicherheit auszuschließen. Fred und er waren richtig stolz auf sie.
»Percy?«
»Nein danke«, winkte ihr Lieblingsstreber ab. »Ich bin satt.«
»Percy!«, insistierte ihre Mum. »Probier wenigstens eins! Ich hab' mir –«
»Schon gut, schon gut«, lenkte das Mustermuttersöhnchen mürrisch ein und griff zur Plätzchenschale. »Zufrieden?«
Ihre Mum strahlte ihn glücklich an. George knabberte nur vorsichtig an seinem Plätzchen, damit es ihn möglichst lange beschäftigte. Zu seinem Entsetzen fing ihre Erzeugerin an, die Melodie aus dem Radio mitzusummen. Zum Glück erschien ihr Dad wieder, bevor sie auf dumme Gedanken kam und von ihnen verlangte, dass sie zusammen ein Weihnachtsliedchen trällerten. Das schwere Julscheit in den Armen haltend, stampfte ihr Dad zum Kamin. Funken stoben auf, als die knorrige Eichenwurzel im Feuer landete. Ihr Dad schob, zog und stocherte mit dem Schürhaken, bis er mit der Platzierung zufrieden war.
Zufrieden klatschte ihr Mum in die Hände. »Sehr schön. Dann können wir ja anfangen!«
Sie zog den Weihnachtskorb zu sich und klappte den Deckel hoch. Sie wühlte kurz, zog dann den ersten Strumpf heraus und hielt in zusammen mit einem Wunschzweig in die Höhe. »Ginny!«
Ginny war immer die Erste. Ihre Mum ging immer streng nach Alter vor, nur bei ihm und Fred wechselte sie manchmal ab. George hatte schon lange den Verdacht, dass sie in Wirklichkeit selbst nicht ganz genau wusste, wer von ihnen der Ältere war. Selbst wenn sie es irgendwann einmal gewusst hatte: Ein Baby sah ohnehin wie das andere aus, und wenn man dann noch bedachte, dass sie sich sogar für Zwillinge ungewöhnlich ähnlich sahen … bestimmt war er oft genug in Freds Wiege gelandet und Fred in seiner. Selbst als sie schon ein paar Jahre alt gewesen waren, hatten sie ihrer Mum oft noch vorgespielt, der jeweils andere zu sein. Es war ihm Laufe der Jahre zwar schwerer geworden, sie zu täuschen, aber selbst heute noch konnte es passieren, dass sie ihn und Fred verwechselte. Besonders, wenn sie abgelenkt war. So gesehen war es eigentlich Zufall, dass er George war, überlegte er und musste grinsen.
»Ron!«
Ginny hatte ihren Strumpf am Kamin aufgehängt, und ihr Wunschzweig prasselte im Feuer. Während sich Ron auf den Weg machte, dachte George über seinen eigenen Wunsch nach. Nicht dass er daran glaubte. Er hatte sich mit acht oder neun einmal einen neuen, eigenen Besen gewünscht. Das Ergebnis war ernüchternd gewesen. Trotzdem sollte er sich wohl irgendetwas einfallen lassen. Schaden konnte es nichts. Die Frage war nur, was sollte er sich wünschen?
Und dann war auch schon Fred an der Reihe, und ihm war noch immer nichts Vernünftiges eingefallen. Materielle Wünsche gingen offensichtlich nicht in Erfüllung, und ansonsten fehlte ihm nichts. Sogar die Sache mit Simon lief so weit ganz gut. Vielleicht würde er Simon sogar noch vermissen, bevor die Ferien zu Ende waren, auch wenn er ganz froh war, dass aus dem Besuch nichts werden würde. Eigentlich hatte Fred geplant, Angelina im neuen Jahr zu besuchen, und er wäre mitgegangen, damit ihre Mum nicht misstrauisch wurde, hätte sich dann aber abgeseilt. Doch dann hatten sich Angelinas Eltern plötzlich entschieden, Weihnachten in der Karibik zu verbringen – zu seiner Erleichterung, wenn er ehrlich war. Und es war nicht nur die Vorstellung, Simons Mum unter die Augen zu treten, obwohl das allein schon Grund genug gewesen wäre. Allein der Gedanke daran verursachte ein flaues Gefühl in seinem Magen – selbst jetzt, wo sein Bauch mehr als reichlich gefüllt war.
Er schreckte auf, als eine Hand an seinem Knie rüttelte.
»George!« Seine Mum hielt ihm seinen Weihnachtsstrumpf und einen Wunschzweig hin. »Aufwachen! Du bist an der Reihe.«
Er ging zum Kamin, ohne eine Idee für einen Wunsch zu haben. Er hängte erst seinen Strumpf auf, um etwas Zeit zu gewinnen. Danach, immer noch ratlos, starrte er auf das Zweigbündel in seiner Hand. Das übliche Tannenreis vom Weihnachtsbaum, darauf ein Stechpalmenzweig mit ein paar roten Beeren, das Ganze mit Efeu umwunden. Er wusste inzwischen genug über Zaubertränke und Kräuterkunde, um die einfache Symbolik zu durchschauen. Efeu für Liebe und Gesundheit, die Stechpalme zum Schutz vor Bösem, auch gegen die Missgunst des Efeus, die Beeren der Stechpalme als Glücksbringer und der Tannenzweig für ein langes Leben.
Er ließ das Bündel in den Kamin fallen. Ein O in Zaubertränke. Augenblicklich fingen die Tannennadeln Feuer, platzten funkensprühend und hüllten den Zweig nach wenigen Sekunden in Flammen. Es war vielleicht ein banaler Wunsch, aber wenigstens nicht allzu unrealistisch. Außerdem brauchten Fred und er wirklich ein O in ihren OWLs, wenn sie in Snapes NEWT-Kurs wollten. Schaden konnte es nicht, dachte er mit einem innerlichen Achselzucken.
»Percy!«, hörte er hinter sich und machte sich schleunigst wieder auf den Weg zum Sofa. Seine Sorge, dass jemandem aufgefallen wäre, wie lange er gebraucht hatte, legte sich gleich wieder, als Percy – trotz seiner angeblichen Intelligenz – eine halbe Ewigkeit wie ein Idiot vor dem Kamin herumstand und nichts tat, bevor auch er endlich seinen Wunschzweig ins Feuer warf. Damit waren sie fast durch. Ihr Dad war der Nächste und brachte die Sache schnell hinter sich. Als Letzte stand ihre Mum auf. Sie nahm nicht nur ihren eigenen Zweig, sondern legte auch für Charlie und Bill je ein Bündel auf das Julscheit. Auch ihre dunkle Silhouette verharrte eine ganze Weile vor dem flackernden Hintergrund des Kaminfeuers. Doch schließlich drehte sie sich wieder um und klatschte in die Hände.
»Und nun … ab ins Bett mit euch! Solange ihr nicht eingeschlafen seid, kommt der Weihnachtsmann nicht!«
Das Augenrollen war allgemein. George konnte beim besten Willen nicht verstehen, warum ihre Mum auf dieser Farce bestand. Nicht einmal Ginny glaubte mehr an den Weihnachtsmann.
»Mum!«, begehrte Ron in selbstmörderischer Verkennung der möglichen Gefahren auf, statt sich wie der Rest von ihnen auf stummen Protest zu beschränken. »Niemand von uns glaubt mehr an –«
»Ronald Weasley!« Mit streng gerunzelter Stirn und strengem Blick brachte ihre Mum Ron zum Schweigen. »Wenn es keinen Weihnachtsmann gäbe, wer soll dir heute Nacht dann Geschenke in den Strumpf stecken?«
Sie ließ die unausgesprochene Drohung einen Moment im Raum stehen, und ihr Jüngster war offenbar schlau genug, darauf nichts zu sagen.
»Oh, Arthur«, fiel ihrer Mum plötzlich ein, »der Sherry! Da hätten wir doch fast den Sherry vergessen!«
Ihr Dad musste ein Gläschen Sherry einschenken – für den »Weihnachtsmann« selbstverständlich – und neben die Plätzchen stellen. Da sie offiziell ja bereits entlassen worden waren, brachen Fred und er auf, statt auf eine zweite Aufforderung zu warten. Sie waren die Ersten, aber die anderen folgten ihnen auf dem Fuße.
Nach dem Halbdunkel im Wohnzimmer war das Licht im Flur blendend hell. George stapfte hinter Fred die Treppe hoch und bedauerte bereits, dass er sich beim Abendessen so vollgestopft hatte. Wahrscheinlich hatte nicht einmal rülpsen einen Sinn. Er bezweifelt, dass sich noch Luft in seinem Magen befand. Nach all dem Essen, das er in sich hineingestopft hatte, war da bestimmt nicht genug Platz für Luft geblieben.
In ihrem Zimmer angekommen, ließ er sich der Länge nach aufs Bett fallen und rührte sich nicht mehr. Vermutlich hätte er sich zuerst ausziehen sollen, aber er war wie gelähmt.
»Dreck«, ächzte Fred und schlug unter hörbarem Protest von Matratze und Lattenrost auf seinem eigenen Bett auf.
»Weihnachten«, stimmte George ihm aus tiefstem Herzen zu.
Zu geschafft und träge, um sich aufzurichten, streifte er im Liegen die Schuhe von den Füßen. Das musste für den Anfang reichen. Reglos lag er da und überlegte, wie er Fred überreden – oder überlisten – konnte, wieder aufzustehen und das Licht auszumachen. Aber Fred überlegte bestimmt das Gleiche, also würde es nicht leicht werden. Und man konnte auch bei Licht schlafen … notfalls.
Ein lautstarkes Klopfen am Fenster riss ihn aus seinem dumpfen Dahindämmern. Stöhnend richtete er sich auf und drehte sich um.
»Was zum …?«, kam es von dem Bett gegenüber, wo sich auch Fred aufgerafft hatte und nun zum Fenster starrte.
Erneut klopfte der Schnabel einer großen Eule ungeduldig an die Scheibe. Im spiegelnden Glas konnte George nicht viel anderes als sein eigenes Gesicht – und natürlich Freds – und das hellerleuchtete Zimmer hinter sich erkennen. Draußen war es stockdunkel. Hastig begann er, mit Freds Hilfe, die Phiolen- und Fläschchensammlung von ihrem Fensterbrett zu räumen. Wer schickte um diese Zeit noch eine Eule? Am Weihnachtsabend noch dazu? Andererseits war es wahrscheinlich noch nicht allzu spät. Die Sonne war schon untergegangen gewesen, als sie sich alle zum Abendessen gesetzt hatten. Da war es erst kurz nach fünf gewesen.
Fred öffnete das Fenster und ließ die Eule – und einen Schwall eiskalter Winterluft – herein. Es war kein Uhu, wie George zuerst geglaubt hatte, sondern nur eine besonders große Paketeule. Und er erkannte das Paket auf den ersten Blick. Die Eule ließ es direkt in seine Hände fallen, und als sie begriff, dass sie weder ein Trinkgeld noch etwas Essbares zu erwarten hatte, schwang sie sich wieder aus dem Fenster.
»Eine Weihnachtsbombe?«, spekulierte Fred wild, während er das Fenster wieder verriegelt. George hatte das Gefühl, dass sein Bruder vielleicht sogar recht hatte. In gewissem Sinn. Wenigstens fühlte sich die Pappröhre zu schwer für ein … Porträt an. Oder ein anderes Bild, über das er nicht so genau nachdenken wollte. Am Absender bestand jedenfalls kein Zweifel. Erstens erkannte George die Röhre, und zweitens waren die großen Buchstaben, mit denen »George Weasley« auf die Rundung gemalt war, eindeutig in Simons Handschrift. Noch krakeliger als normalerweise, aber es war wohl auch schwierig, auf einem Zylinder zu schreiben.
»Na los!« Fred grinste schadenfroh. »Wie schlimm kann's schon werden?«
Genau das war die Frage, die George beunruhigte. Am besten brachte er es hinter sich, ehe seine Phantasie mit ihm durchgehen konnte. Er drehte den Deckel ab und sah hinein. Rotes … Leder? Er biss die Zähne zusammen.
»Also?«, wollte Fred wissen, und er klang dabei verdächtig scheinheilig. »Was schickt dir dein Freund?«
George wollte es nur noch hinter sich haben. Er drehte die Röhre um und schlug auf das andere Ende. Was nach und nach herausrutschte und auf sein Bett fiel, ließ ihn im ersten Moment erleichtert aufatmen. Handschuhe. Ein Paar Treiberhandschuhe aus rotem Leder. Die Knöchel mit goldglänzenden, glatten Aufsätzen verstärkt, die fast aussahen wie …
George klopfte noch einmal auf die Röhre, und noch drei Handschuhe rutschten heraus, aber sonst nichts. Selbst als er darin herumfingerte, fand sich kein Brief, keine Nachricht, keine Erklärung. Er starrte ungläubig auf die seltsame Sammlung auf seinem Bett. Fünf Handschuhe? Ein einzelner brauner, abgewetzt und aufgerissen, zwei Paar neue, rot und dunkelblau. Er nahm einen der blauen. Das zweite Paar hatte ebenfalls goldene … Verstärkungen. Seine letzten Zweifel schwanden, als er das dünne, weiche Leder fühlte. Drachenleder – kein billiges Imitat und auch nicht das minderwertige dicke und steife Zeug, das den Namen Drachenleder kaum verdiente und für normale Schutzhandschuhe verwendet wurde. Feinstes, dünnes Drachenleder mit aufgenähten Drachenschuppen als Knöchelschutz. Was hatte sich Simon nur dabei gedacht? George fluchte still in sich hinein, aber er konnte der Versuchung nicht widerstehen und probierte den Handschuh an. Das Leder war warm, weich und schmiegte sich zwischen seine Finger wie eine zweite Haut. Er ballte die Faust und nahm eine Nase von dem scharfen Geruch des neuen Leders. Und währenddessen stellte er sich vor, wie er Simon einen Kinnhaken versetzte – oder mindestens einen kleinen Schlag in die Magengrube.
»Scheiße«, murmelte Fred, der plötzlich neben ihm stand. »Ich hätt' nicht gedacht, dass er wirklich … Ist echtes Drachenleder, oder?«
Georges Blick wanderte wie von selbst zu dem alten, abgetragenen Handschuh, der einsam zwischen den anderen lag. Er schnappte ihn sich und hielt in Fred wütend unter die Nase.
»Deiner, oder?«
Er schubste Fred so heftig, dass dieser unfreiwillig wieder auf seinem Bett landete. Bevor sein Bruder noch eine Unschuldsmiene aufsetzen konnte, warf ihm George den Handschuh hinterher und traf ihn mitten ins Gesicht. »Verräter! Erst Angelina, und jetzt das!«
»Hey!«, beschwerte sich Fred. »Das hat wehgetan!«
»Nicht mehr, als du verdient hast!«, schnauzte George zurück, und er meinte es auch so.
»Spinnst du?« Fred sah ihn verständnislos an. »Ich hab' deinem dämlichen Freund nur meinen Handschuh geliehen und ihm gesagt, dass Drachenleder das Beste ist, was man für Geld kaufen kann. Als er mich danach gefragt hat! War nicht meine Idee!«
Vielleicht stimmte das sogar. George erinnerte sich dunkel, dass er sich bei ihrem Spiel gegen Slytherin die Knöchel blutig geschrammt hatte, als seine rechte Hand ungeschickt die Bahn eines herankommenden Klatschers gekreuzt hatte. Simon hatte irgendetwas gesagt, aber George war ziemlich abgelenkt gewesen, denn seine Linke und der Rest von ihm hatten sich zu diesem Zeitpunkt gerade intensiv mit etwas anderem beschäftigt. Einem bestimmten Körperteil Simons, um genau zu sein. Und Simon hatte sich nicht beklagt, oder?
George stellte sein Grinsen schnell wieder ab und warf Fred einen erbitterten Blick zu. »Trotzdem hättest du –«
»Was?«, fuhr in Fred wütend an. »Du gehst mir doch dauernd auf die Nerven, dass ich ›netter‹ zu der Nervensäge sein soll! Dreck! Was willst du eigentlich? Wenn ich gewusst hätte, dass der Schleicher dir … Hey, für Drachenlederhandschuhe hätt' sogar ich ihm an Ort und Stelle einen ge…« Er unterbrach sich noch rechtzeitig und verzog das Gesicht. »… oder vielleicht doch nicht. Aber ich hätt' mir einen blasen lassen!«
George knirschte mit den Zähnen. »Ich werd's ausrichten, mein billig zu habendes Bruderflittchen!«
Fred öffnete den Mund, schloss ihn aber wieder, ohne etwas zu sagen. »Billig würd' ich das nicht gerade nennen«, murmelte er dann nur. Und traf damit ins Schwarze. Was bildete sich Simon ein! Nur weil sie miteinander gingen, hatte er noch lange nicht das Recht, ihm solche Geschenke zu machen! Das war einfach zu viel. Unanständig viel. George war stinkwütend. Es war nicht nur unanständig, es war unfair! Damit konnte er niemals konkurrieren. Mordreds Blut! Er selbst hatte Simon nur eine billige Vergrößerung eines Urlaubsfotos geschenkt! Und zum Dank haute ihm dieser Sack Drachenlederhandschuhe um die Ohren! Arschloch! Dafür würde Simon bezahlen!
Verärgert starrte er auf die drei verbliebenen Handschuhe auf seiner Bettdecke. Zwei Paar. Warum auch nicht? Es war offensichtlich, was sich Simon dabei gedacht hatte. Zwei Fliegen mit einer Klappe. Ein Weihnachtsgeschenk für ihn und gleichzeitig eine perfekte Gelegenheit, sich bei Fred einzuschleimen. Verdammte Ravenclaw-Heuchelei! Sogar die meisten Slytherins wären wahrscheinlich ehrlich genug gewesen, seinen Bruder direkt mit einem Geschenk einzuseifen. Schon allein, damit der Empfänger auch ganz genau wusste, wem er zu Dank verpflichtet war. Aber so hatte Simon zwei Paar Handschuhe gekauft, zusammen in ein Paket gesteckt und an George Weasley allein adressiert. Ohne eine Karte oder irgendetwas! Es war wohl zu viel verlangt, einen kleinen Zettel mitzuschicken: Ach, übrigens, das rote Paar ist für deinen Bruder, du weißt schon, der Kerl, der mich nicht leiden kann. Nicht dass er es verdient hätte, aber wenn ich ihm nicht die gleichen schenke, ziehst du deine bestimmt nicht an, oder, du Dickkopf? Frohe Weihnachten!
Aber das wäre natürlich zu viel verlangt gewesen. Fred konnte nicht wegen eines offensichtlichen Bestechungsversuchs beleidigt sein, wenn er augenscheinlich gar nichts bekommen hatte. George würde ja derjenige sein, von dem er die Handschuhe bekam. Kein Druck für Fred. Womöglich war er sogar dumm genug, trotzdem dankbar zu sein, selbst wenn er durchschaute, was für ein gemeiner, kalkulierender Bastard Simon war. Schließlich war es nichts Schlechtes, ein gemeiner, kalkulierender Bastard zu sein, würde Fred höchstens denken. Bewundernswert, solange man es nicht übertrieb. Aber wenn Fred ohne echte Verpflichtung aus der Sache herauskam – und danach sah es nun einmal aus –, dann hatte er selbst dafür den doppelten Druck! Es war unfair!
George hob den rechten blauen Handschuh auf und musterte ihn unschlüssig. Viel ändern ließ sich sowieso nicht mehr, oder? Er zog ihn an und bewegte die Finger. Es ging spielend leicht, obwohl das Leder noch nicht eingetragen war. Hinter sich hörte er Fred rumoren, aber er drehte sich nicht um. Sollte sein Bruder ruhig noch ein bisschen schmoren. Selbst wenn er in diesem Fall wirklich unschuldig war, da war immer noch die Sache mit Angelina. Er hasste es, dass sie Bescheid wusste. Es hatte zwar auch Vorteile, dass er jetzt mit jemand anderem als Fred darüber reden konnte, aber nicht ausgerechnet Angelina. Wenn Fred damals, nachdem sie sich von Lee getrennt hatte, nicht schneller gewesen wäre, würde heute er vielleicht mit ihr gehen. Gut, angesichts der Gesamtentwicklung war das nicht das wahrscheinlichste aller denkbaren Szenarien – aber konnte man es wissen? Vielleicht hätte er sein Interesse an Mädchen nicht verloren, wenn er mit Angelina zusammengekommen wäre? Er wusste, dass es Blödsinn war. Dennoch fand er es seltsam, sich ausgerechnet mit Angelina über Jungs zu unterhalten. Allerdings machte es gelegentlich auch Spaß – vor allem, wenn Fred dabei war. Zu zweit war es viel einfacher, ihn aufzuziehen, in Verlegenheit zu bringen und ganz allgemein zu foltern.
Aus dem Augenwinkel sah er, dass Fred inzwischen im Schlafanzug auf seinem Bett herumlümmelte und kläglich daran scheiterte, ruhig dazusitzen und gelangweilt zu wirken. George ließ sich Zeit. In aller Seelenruhe zog er sich aus, warf seine Handschuhe aufs Bett, seine Klamotten über die Stuhllehne und schlüpfte in seinen Schlafanzug. Bevor er sich hinlegte, hob er die Handschuhe wieder auf, hielt sie eine Weile scheinbar unentschlossen in den Händen – und steckte dann beide Paar unter sein Kopfkissen.
Die Versuchung, zu Fred hinüberzuschielen, war groß, aber er widerstand ihr. Er wusste nicht, ob er ernst hätte bleiben können, und es reichte ihm völlig, sich Freds dummen Gesichtsausdruck vorzustellen. Als wäre nichts Besonderes legte er sich hin, drehte Fred den Rücken zu und grinste die Wand an. Fred würde inzwischen kochen! Selbstverständlich wusste sein Bruderherz, dass er das zweite Paar irgendwann in naher Zukunft in die Finger bekommen würde, aber er wollte sie jetzt.
»Willst du nicht das Licht ausmachen?«, fragte George unschuldig. »Denk dran was Mum gesagt hat: Wenn du nicht schläfst, bringt dir der Weihnachtsmann keine Geschenke.«
Ein erstickter Laut kam aus dem anderen Bett und eine wahre Flut von Obszönitäten folgte. Ihre Mum wäre nicht begeistert gewesen, wenn sie gewusst hätte, was Fred ihr am Weihnachtsabend indirekt alles unterstellte. »Bastard« – eheliche Untreue; »Hurensohn« – eine professionelle Laufbahn im horizontalen Gewerbe; und »Hundesohn« – nur denkbar, falls ihre Mum Sodomie betrieben haben sollte. George verzichtet auf den Hinweis, dass sie Zwillinge waren und jede Unterstellung hinsichtlich seiner Herkunft sofort auf Fred selbst zurückfiel. »Elfenficker« war schlicht gelogen, »Schwanzlutschern« ebenso – wenigstens für den Moment noch, auch wenn er sich mit dem Gedanken allmählich anzufreunden begann – und »Wichser« war eine Selbstverständlichkeit, keine echte Beleidigung. »Gesicht wie ein Hundehaufen – reintreten und danach angewidert die Schuhe putzen« und »Verpickelte Trollfresse« fielen in die Kategorie »Wirf mal einen Blick in den Spiegel, werter Zwilling!« und waren keiner Entgegnung wert.
Insgesamt war Freds Schimpfkanonade reichlich einfallslos. Er war wohl wirklich ziemlich angepisst. Am kreativsten waren noch »Einhornhorngefickter«, eine höchst schmerzhafte und widerliche Vorstellung, und »Snapes Lustknabe und Arschablecker« – genauso widerlich, aber George musste trotzdem lachen, obwohl der Witz nicht ganz neu war. Aber die Vorstellung, wie sich der alte Griesgram Snape jemanden von seinen geliebten Zaubertrankschülern als Lustknaben hielt, war immer wieder zu absurd, als dass man ernst bleiben konnte. Er musste automatisch an ihre letzte Zaubertrankstunde vor den Ferien denken. Snape war so was von in Hochform gewesen. Bin ich denn nur von unfähigen Dilettanten und lebensmüden Schwachköpfen umgeben? Wenn Sie das jetzt in diese … diese Brühe da werfen, Towler, dann werden wir alle in der darauffolgenden Explosion eines schrecklichen Todes sterben! Wollen Sie das? Ich habe Sie etwas gefragt, Towler! Planen Sie, Ihr miserables, nutzloses Leben feige zu beenden und Ihre Mitschüler und mich mit Ihrem stümperhaften, erweiterten Suizidversuch gleich mit ins Jenseits zu reißen? Oder ist das nur die normale Idiotie und Hirnverbranntheit, die wir von Ihnen inzwischen gewohnt sind? Nachsitzen, Towler!
Und dann würde Kenneth in einem der Folterkeller der Slytherins enden, wo Snape ihn nackt in Ketten legen und auspeitschen würde. Danach würde Snape ihm einen Vielsafttrank mit einem Haar von McGonagall einflößen, bevor es dann zur Sache ging und der richtig perverse Teil des Abends begann. George musste so lachen, dass er den Rest von Freds Beleidigungen nicht mehr mitbekam.
Als er sich beruhigte, tat sein Zwerchfell weh. Er hätte sich den Bauch nicht so vollschlagen sollen. Er seufzte und verfluchte seine eigene Gutmütigkeit, während er unter sein Kopfkissen griff und die zwei roten Handschuhe hervorzog. Er drehte sich um und warf sie über die Kluft zwischen ihren Betten zu Fred hinüber.
Fred fing sie im Flug, hatte sie schon halb angezogen und wagte trotzdem noch, sich zu beschweren: »Das wurde auch Zeit! Hat lang genug gedauert! Du Arsch!«
George schüttelte sprachlos über so viel schnöden Undank den Kopf, während sein wertes Bruderherz sich die Hände vors Gesicht hielt und tief einatmete.
»Geil!«, lautete sein Kommentar. Er machte ein paarmal abwechselnd eine Faust und streckte die Hände wieder, bevor er vorsichtig mit dem Finger gegen die Drachenschuppen klopfte. »Ich glaub', ich nehm' alles zurück, was ich je über deinen Schleicher gesagt hab' und behaupte ab sofort das Gegenteil! Guter Fang, Forge! Halt ihn dir warm! Mindestens bis zu unserem Geburtstag! Richtige Profischläger, das wär's doch! Soll ich mal unauffällig 'ne Andeutung fallenlassen? Käm' wahrscheinlich blöd, wenn du was sagst, oder?«
George setzte sich in seinem Bett auf. »Wehe«, sagte er leise zu Fred hinüber. »Das ist mein Ernst, Fred! Wenn du es wagst, auch nur ein einziges Wort –«
»Hey!« Fred sah ihn erstaunt an. »Das war ein Witz! Was ist los mit dir? Du glaubst doch nicht, ich –«
»Fred! Überleg mal! Hast du überhaupt 'ne Idee, was Drachenlederhandschuhe kosten?«
»Schon«, meinte Fred achtlos. »So ungefähr. Nicht auf den Sickel. Semi-professionelle Ausrüstung ist ja nicht gerade unsere Preisklasse.«
Es dauerte einen Moment, bis Fred begriff, was er selbst gerade gesagt hatte. George sah zu, wie es seinem Bruder zu dämmern begann.
»Genau, Fred«, bestätigte er ihm. »Richtig erkannt. Das ist nicht ganz unsere Preisklasse. Jedenfalls nicht meine!«
Fred schwieg, aber in seinem Gesicht arbeitete es. Er sah auf seine behandschuhten Hände, dann wieder zu George und schien endlich nachzudenken. Das Schweigen dauerte eine ganze Weile, doch dann raffte sich Fred doch auf, etwas zu sagen, auch wenn es ihm offensichtlich schwerfiel.
»Willst du … ich mein', sollen wir sie zurückgeben? Ist sowieso nutzloser Firlefanz. Unsere tun's schon noch 'ne Weile, und kein Mensch braucht Drachenleder.«
Ein breites Grinsen stahl sich auf Georges ungläubiges Gesicht. »Hast du nicht mehr alle Zacken in der Krone? Zurückgeben? Nie im Leben!«
»Mordred!«, stieß Fred erleichtert aus. »Ich hab' mir schon Sorgen gemacht. Hätte ja sein können, dass du, äh …«
»… den Verstand verloren hast?«, beendete George den Satz für ihn. »Noch nicht.« Er sah Fred geradeheraus in die Augen und sagte: »Kein Grund, sich irgendwelche Sorgen zu machen. Ich hab' noch alle beisammen.«
»Sicher?«
»Ja«, sagte George und war fast gerührt – oder wäre es gewesen, wenn es Fred irgendetwas angegangen hätte, was zwischen Simon und ihm ablief.
»Gut«, meinte Fred grimmig. »Wenn ich schon jemanden umbring' und in Azkaban lande, sollte es jemanden treffen, der's auch wert ist.«
»Wie rührend.« George verdrehte die Augen. »Du Vollidiot – würde ein gewisser Jemand jetzt bestimmt sagen.«
»Ekelhafter Schleimscheißer, würde jemand darauf erwidern, der viel besser aussieht und intelligenter und schlagfertiger ist als ein anderer gewisser Jemand.«
George ließ sich mit einem belustigten Schnaufen wieder in sein Kissen sinken. »Mach das Licht aus, du intelligenter und schlagfertiger Vollpfosten!«
Gequält aufstöhnend, aber ohne zu protestieren, erhob sich Fred und machte das Licht aus. Ohne sich die Handschuhe wieder auszuziehen. George hörte ihn in sein Bett zurücktappen und sich wieder hinlegen. Er erwog kurz, Fred daran zu erinnern, von wem die Handschuhe waren, und auf die möglichen und ziemlich peinlichen Rückschlüsse hinzuweisen, die man daraus ziehen könnte, wenn er sie die ganze Nacht anbehielt und mit ihnen schlief. Schließlich entschied er jedoch, damit bis morgen früh zu warten. Oder noch besser: Er würde es Angelina erzählen, während Fred dabei war. Er musste zwar bis zum Ende der Ferien damit warten, aber es würde sich lohnen.
»Warum hast du die Blauen behalten?«, kam es aus dem Bett auf der anderen Seite. »Nicht dass ich mich beschweren will oder so«, fügte Fred hastig hinzu, »die Blauen sind auch ganz nett, aber …«
»Gute Nacht, Fred!«, antwortete George nur. Sein Bruder war im Augenblick offensichtlich nicht zu logischem Denken fähig. Wenn er kurz darüber nachdachte, würde er von selbst darauf kommen.
Georges Hand wanderte unter sein Kopfkissen und berührte das weiche Leder. Er war noch immer wütend auf Simon, aber es fühlte sich einfach zu gut an. Wie mochte es wohl erst anfühlen, wenn man sich … Verdammt! Fred lag nur zwei Meter entfernt, und wahrscheinlich würde sein Bruder noch lange nicht einschlafen. Und er konnte schlecht jetzt noch einmal aufstehen und aufs Klo gehen – mit den Handschuhen. Fred würde genau wissen, was abging. Dreck!
Er verdrängte den Gedanken so gut wie möglich, was angesichts des Stands der Dinge nicht einfach war, und konzentrierte sich darauf, auf Simon wütend zu sein. Oh, ja, Simon würde dafür bezahlen! Und wie! Doch auch das Schmieden von Racheplänen erwies sich nicht als besonders hilfreich, da er ziemlich abgelenkt war und in andere, spezielle Bestrafungsphantasien abschweifte – warum nur hatte er jemals über Snapes Folterkeller nachgedacht? –, aber schließlich nickte er doch ein. Ein nicht unbedeutender Teil seiner Frustration und Anspannung löste sich im Schlaf in Wohlgefallen auf.
Simons Hand zuckte zum scheppernden Wecker und schlug so lange auf ihn ein, bis er still war. Warum hatte noch niemand in der Zaubererwelt einen Radiowecker erfunden? Schließlich hatten sie Radio! Oder wenigstens etwas Ähnliches wie Radio. Man würde zwar noch immer geweckt, was schlimm genug war, aber wenigstens nicht ganz so jäh und unmenschlich aus dem Schlaf gerissen. Und warum hatte er überhaupt seinen Wecker gestellt?
Weihnachtsmorgen, fiel ihm ein, und er seufzte resigniert. Das übliche Spiel. Er setzte sich langsam auf und gähnte. Es lohnte sich dieses Jahr zwar nicht sonderlich, aber trotzdem rollte er sich aus dem Bett und zog die Vorhänge auf. Draußen war das Einsetzen der Morgendämmerung gerade so zu erahnen. Viel konnte man ohnehin nicht sehen, das sich ein Vorhang aus wucherndem Efeu über sein Fenster gelegt hatte. Seine Mum beschwerte sich, dass es neuerdings all ihren Attacken mit Gartenschere und Heckenschneider hartnäckig widerstand und machte »Magie und diese ganzen Schutzzauber« dafür verantwortlich. Er bezweifelte zwar, dass die Schutz- und Privatsphärenzauber etwas damit zu tun hatten, aber es war ihm auch gleichgültig. Ihn persönlich störte der Efeuvorhang nicht.
Er machte Licht im Zimmer, zog sich Socken an – und gähnte noch einmal ausgiebig. Dann kniete er sich erst einmal vor seine Truhe und holte sein George-Poster heraus. Das große Foto war nicht gerahmt, doch es steckte inzwischen hinter einem UV-Schutzglas. Seine Recherchen hatten ergeben, dass magische Bilder im Allgemeinen nicht ausbleichten, doch er wollte kein Risiko eingehen.
Sein eigenes Geschenk sollte inzwischen hoffentlich bei George angekommen sein. Weil es nur das Glas verschmiert hätte und erbärmlich kitschig gewesen wäre, ein Bild zu küssen, tippte er nur vorsichtig mit dem Fingernagel ans Glas und wünschte dem Jungen auf der Sonnenliege: »Frohe Weihnachten, George!« Und als George ihm den Finger zeigte, erwiderte er nur: »Du mich auch.«
Er legte das Bild zurück und schloss die Truhe wieder sorgfältig. Es war der einzige Platz im Haus, der vor seiner Mum sicher war. Er hatte zwar überlegt, eine Schublade seines Schreibtischs mit Muggelabwehrzaubern zu versehen, aber erstens war es ziemlich komplexe Magie und zweitens würde ihr so etwas lediglich bestätigen, das er tatsächlich etwas zu verbergen hatte. Und er hatte leichte Zweifel, ob ein einfacher Muggelabwehrzauber sie aufhalten konnte, wenn sie erst einmal Witterung aufgenommen hatte. Ihre Sturheit erreichte manchmal magisches scheinendes Niveau.
Als er sein Zimmer verließ, bemerkte er, dass die Tür zum Schlafzimmer seiner Mum weit offen stand. Da sie offensichtlich einmal wieder die Erste war, brauchte er sich nicht weiter zu beeilen. Er ging die Treppe hinunter, warf zuerst einen Blick in die Küche, die jedoch leer war, und betrat dann das Wohnzimmer. Tatsächlich saß seine Mum im Morgenrock in einem Sessel und hatte bereits ihren Anteil ausgepackt, wenn man nach den um sie herum verstreuten Fetzen und zerknüllten Ballen von Geschenkpapier ging. Sie sah von ihrem Buch auf, als er hereinkam – dem Format nach war es wohl der Bildband über Drachen, den er ihr gekauft hatte. Er war ganz nett aufgemacht und außerdem heruntergesetzt gewesen. Die meisten Bücher für seine Mum kamen dieses Jahr direkt vom Wühltisch von Flourish & Blotts. Sein Budget war nun einmal begrenzt.
»Guten Morgen, Schlafmütze. Frohe Weihnachten!«
»Morgen.« Er ging zum Wohnzimmertisch, auf dem eine deprimierend geringe Zahl von Päckchen auf ihn wartete. Nicht dass er bedauerte, für Georges Geschenk so viel ausgegeben zu haben, aber seine Mum hatte sich als unerwartet harte Verhandlungspartnerin erwiesen. Sie hatte aus ihrer Missbilligung kein Hehl gemacht, auch wenn sie zugegeben hatte, dass die Handschuhe ihr Geld eventuell wert waren, da exotisches Leder selten billig sei. Sie war einfach prinzipiell dagegen gewesen, dass er so viel für ein Geschenk ausgab, obwohl es sie nun wirklich nichts anging, was er mit seinem Geld machte. Wenigstens hatte er eine rückwirkende Erhöhung seines Taschengelds seit November herausschlagen können. Zusammen mit der Hälfte seines Weihnachtsbudgets und einem Vorschuss für die nächsten zwei Monate – großzügigerweise hatte seine Mum auf Zinsen verzichtet – hatte es gerade so gereicht.
Er ließ den Blick über das halbe Dutzend Päckchen schweifen. Bei den meisten wusste er, was sich darin befand, nur zwei erkannte er nicht. Ein normales und ein besonders großes, viel zu groß jedenfalls für ein einzelnes Buch. Sein Mum hatte nichts gesagt, und die Affäre mit dem Englischlehrer hatte wohl ihren natürlichen Verlauf genommen, wenn er ihre Andeutungen richtig interpretiert hatte, aber rein theoretisch war es nicht ausgeschlossen, dass diese zwei Päckchen nicht für ihn bestimmt waren.
»Was ist mit denen da?«, fragte er zur Sicherheit nach.
»Hm?«, machte seine Mum abwesend. »Ach das. Ist für dich.«
Eröffnete zuerst das kleinere Geschenk. Es war ein Buch, aber eines, das nicht auf seiner Liste gestanden hatte. Der Teufel hat sie geküsst – die Geschichte der Mary Lamb.
»Fand ich ganz interessant«, kommentierte seine Mum. »Und als Weihnachtsgeschenk liest du's vielleicht sogar, hab' ich mir gedacht.«
»Eventuell«, stimmte er unverbindlich zu und machte sich daran, das größere Paket auszupacken. Unter dem Geschenkpapier kam ein schlichter brauner Karton zum Vorschein. Er öffnete ihn, starrte eine Sekunde lang ungläubig auf den Inhalt und schloss ihn wieder. Er war sich sicher, dass seine Mum gespannt auf seine Reaktion wartete und beschloss, ihr nicht die Genugtuung zu liefern. Er war erwachsen, und er würde seiner Mum am Weihnachtsmorgen keine Szene machen. Genau. Das war die Devise. Erwachsen!
Als wäre nichts, wandte er sich den restlichen Geschenken zu. Mit aller Kraft konzentrierte er sich darauf, nicht rot zu werden und mit kontrollierter Wut Geschenkpapier zu zerfetzen. Welche Reaktion würde sie wohl am meisten ärgern?
»Könnte sich als nützlich erweisen«, sagte er in neutralem Tonfall, während er buntes Geschenkpapier zu Fetzen schredderte.
»Mein Gedanke«, stimmte ihm seine Mum zu. Ebenso neutral, fast gelangweilt. Dabei schüttete sie sich innerlich bestimmt aus vor Lachen. Er musste sich zwingen, die Kiefer entspannt zu lassen, um nicht die Zähne zusammenzubeißen.
»… aber ist das nicht ein bisschen pervers?«, fragte er wie nebenbei. »Kondome und Gleitcreme von der eigenen Mutter? Zu Weihnachten?«
»Findest du?« Seine Mum, scheinbar völlig in ihre Lektüre vertieft, blätterte eine Seite um und fragte mit verlogen geistesabwesender Unschuld: »Hast du schon gesehen, was unter den Kondomen liegt?«
Er erstarrte. Und erwog Matrizid. Kein Gericht konnte derart gravierende mildernde Umstände ignorieren. Wenn es überhaupt so etwas wie Gerechtigkeit auf der Welt gab, würde er mit einer Bewährungsstrafe davonkommen.
Als seine Mum seine Miene sah, lachte sie ihn nicht mehr nur im Stillen aus. »Keine Sorge, Schätzchen«, zog sie ihn auf. »Vertrau einer lebenserfahrenen alleinstehenden Frau meines Alters. Wir wissen, was gut ist.«
»MUM!«
»Ts, ts, ts«, schnalzte sie missbilligend mit der Zunge. »Reg dich nicht künstlich auf, Sohnemännchen. Nur ein paar harmlose … Spielzeuge für große Jungs. Eine Grundausrüstung, die ich auch jeder anderen Tochter von mir mit auf den Lebensweg gegeben hätte. Nun, bis auf das Gleitmittel vielleicht. Wusstest du überhaupt, dass Latex so lipophil ist, dass es sich bei Kontakt mit fett- oder ölhaltigen Substanzen anlösen und durchlässig werden kann?«
Während sich seine Mum fröhlich über die interessanten chemischen Eigenschaften verschiedener Polymere ausließ, schloss Simon gequält die Augen und verfluchte den Erfinder von Weihnachten. Und Müttern.
Sirius bemerkte die Kälte nicht einmal. Er stand vor seiner Höhle und wartete, dass sein Besuch endlich erschien. Und er war so nervös, dass ihm schlecht war. Im Grunde genommen lächerlich, wenn man bedachte, was er alles seit seiner Flucht aus Azkaban getan hatte, ohne die Nerven zu verlieren. Aber Dementoren, seine Flucht und die ständige Gefahr, gefasst zu werden, waren eine Sache – seinem Patensohn zum ersten Mal in menschlicher Gestalt zu begegnen eine andere.
Er strich zum hundertsten Mal über seine neuen Roben und nestelte an Kragen und Schultern herum. Es war einfach keine formalen Gewänder mehr gewohnt. Zwölf Jahre in denselben Fetzen in Azkaban, bis er im Grimmauldplatz einen Ersatz gefunden hatte, und danach hatte er monatelang wieder nur die immer gleiche Robe und den Reisemantel der Blacks getragen. Aber Remus hatte gemeint, dass er Harry so heruntergekommen keinesfalls gegenübertreten konnte. Wahrscheinlich hatte er nach dieser langen Zeit des Waldlebens tatsächlich ziemlich verwildert ausgesehen. Remus hatte sich auch wortreich über den Geruch in seinem Versteck beschwert. Während der letzten zwei Wochen hatte Sirius mit seiner Hilfe die Höhle etwas wohnlicher gestaltet. Nun hatte er ein richtiges Bett, einen Tisch und Stühle aus dem Schloss, und statt eines Lagerfeuers hatten sie einen Kamin mit vernünftigem Abzug in die Höhlenwand gezaubert. Und seit Albus' Besuch versorgten ihn die Hauselfen von Hogwarts mit Nahrung – was nicht unwillkommen war, da seine Vorräte seit dem Wintereinbruch beständig geschrumpft waren.
Als Albus ihn besucht hatte, war er nicht so nervös gewesen. Es war zwar nicht angenehm gewesen, aber doch sehr viel leichter. Er war immer noch überrascht, wie wenig ihn das Wiedersehen mit Albus berührt hatte. Eigentlich hatte er ihn hassen wollen, doch es war ihm nicht gelungen. Der alte Zauberer hatte Tränen in den Augen gehabt, als er ihn um Verzeihung gebeten hatte. Natürlich entschuldigte das nichts. Albus hätte damals auf einem Prozess bestehen können. Wer hätte dem Wunsch eines Albus Dumbledore nach einer ordentlichen Verurteilung des offensichtlich schuldigen Mörders und Verräters Sirius Black widersprochen? Es wäre Albus' Pflicht gewesen, auf einem Prozess zu bestehen. Das Einzige, was es ihm leichter machte, Albus zu verzeihen, war die unleugbare Tatsache, dass er selbst zumindest eine kleine Mitschuld an der eigenen Misere hatte. Nach seiner Verhaftung hatte er sich ganz seinen Selbstvorwürfen und dem Selbstmitleid hingegeben, hatte sich in Schuld, Elend und Verzweiflung gesuhlt, statt lautstark auf seiner Unschuld zu bestehen und eine Vernehmung unter Veritaserum zu verlangen. Nicht dass dafür Zeit gewesen wäre. Man hatte ihn sofort nach Azkaban gebracht, und niemand war wirklich zurechnungsfähig, wenn Dementoren an seinem Verstand fraßen.
Albus hatte versprochen, alles daranzusetzen, ihn so schnell wie möglich auch offiziell zu exonerieren. Mit seinen Verbindungen und seinem politischen Einfluss gelang ihm das vielleicht sogar. Aber da die Auroren ihn nicht mehr aktiv suchten, war das zweitrangig. Sirius hatte sogar erwogen, in den Familiensitz am Grimmauldplatz zurückzukehren und dem Ministerium von dort aus eine lange Nase zu drehen. Die Schutzzauber waren nahezu unüberwindbar, und er wäre praktisch unangreifbar gewesen – aber auch ein Gefangener, solange die Mehrheit der Zaubererschaft in noch für einen gesuchten Verbrecher hielt. Er zog die beschränkte Freiheit seiner kleinen Höhle und des Verbotenen Waldes vor.
»Ähm. Sirius? Wir wären dann hier.«
Er fuhr mit einem Fluch herum. Er war so mit sich selbst beschäftigt gewesen, dass er nicht bemerkt hatte, wie Remus und Harry hinter ihm appariert waren. Er starrte auf den kleinen, schmächtigen Jungen, der sich desorientiert noch immer mit einer Hand an Remus' Roben festhielt und etwas mitgenommen aussah. Sirius schluckte nervös. Der Junge war James wie aus dem Gesicht geschnitten. Als wäre James Potter in seinem Sohn wiedergeboren. Natürlich hatte er ihn bereits einmal kurz gesehen, aber das war in Hundegestalt gewesen. Es war etwas anderes, einen Menschen mit menschlichen Augen zu wahrzunehmen, wenn alle Farben stimmten und die man jeden Gesichtszug scharf und klar erkennen konnte. Seine Kehle war wie zugeschnürt. Er fuhr sich mit der Hand durch die Haare, nur um festzustellen, dass da nichts als ein kümmerlicher Stoppelrasen war, der weder geordnet werden musste noch seinen Fingern halt bot.
Remus durchbrach das Schweigen. »Darf ich vorstellen? Harry Potter, das ist dein nichtsnutziger Patenonkel Sirius Black. Sirius – Harry.«
Sirius fand Remus' belustigtes Zwinkern höchst unangebracht. Er räusperte sich, da er seiner Stimme nicht ganz traute, und sagte: »Hallo, Harry! Wie geht es dir?«
»Wie geht es dir?«, formte Remus stumm mit den Lippen und schüttelte offensichtlich amüsiert den Kopf.
Sirius warf ihm einen bitterbösen Blick zu und streckte Harry seine Hand hin. »Ich bin Sirius. Und was auch immer der da über mich erzählt hat, glaub' ihm kein Wort!«
Harry ergriff seine Hand ohne merkliches Zögern. »H-hallo, Mr. Black.«
Sirius verzog das Gesicht. »Sirius. Nenn mich Sirius! Nichts da mit ›Mr. Black‹.«
»Äh, okay … Sirius?«
Er strahlte den Jungen an und nickte aufmunternd. »Genau. Kein Grund für Förmlichkeiten!«
Er merkte, dass er immer noch Harrys Hand hielt – oder quetschte – und ließ sie schnell wieder los. Der Junge war viel ruhiger und gefasster als er, zumindest äußerlich, auch wenn sein Lächeln etwas unsicher wirkte. Aber das war wohl zu erwarten, wenn man plötzlich seinem unbekannten Patenonkel gegenüberstand, der die letzten zwölf Jahre in Azkaban verbrachte hatte und bis vor kurzem noch der meistgesuchte Verbrecher der ganzen Zaubererschaft gewesen war.
»Es ist ein bisschen windig hier draußen, oder?«, meldete sich Remus vorsichtig zu Wort. »Sollten wir nicht hineingehen?«
Sirius deutet hastig auf den Höhleneingang, der inzwischen verbreitert und dank einiger Verwandlungszauber mit einer massiven Holztür verschlossen war – verschlossen hätte sein sollen. Verdammt noch mal!
»Gute Idee, Remus! Ja … gehen wir rein! Im Sitzen redet sich's leichter! Willkommen in meiner bescheidenen Behausung!«
Remus schüttelte nur den Kopf, und Sirius gab ihm einen verdienten Stoß in die Rippen.
»Abgefahren«, lautete Harrys erster Kommentar, als er die Höhle betreten und sich umgesehen hatte.
Remus lachte auf. »Du hättest es vor ein paar Wochen mal sehen sollen, Harry. Ein stinkendes Dreckslo– Au!«
Sirius wandte sich wieder seinem Patensohn zu. »Es ist nichts Besonderes«, meinte er bescheiden, und Mirzam flatterte auf ihrem Block und kreischte zustimmend. »Ach, sei still!«, wies Sirius sie zurecht. »Du hast am allerwenigsten Grund, dich zu beschweren!«
»Es ist nicht gerade ein Palast, aber für mich reicht's«, fuhr er fort. »Der Kamin ist natürlich nicht ans Netz angeschlossen, und für Wasser muss ich immer noch zum Bach gehen oder Schnee schmelzen, aber ansonsten ist alles da, was man so zum Leben braucht.«
Der Junge nickte, als wäre das nicht weiter erwähnenswert. Was es bei genauerer Betrachtung wohl auch nicht war. Was redete er da eigentlich für einen Unsinn daher? Remus' Grinsen konnte man inzwischen schon als dreckig bezeichnen. Bei solchen Freunden braucht man wahrlich keine Feinde!
»Setzen wir uns doch«, schlug er vor, bevor Remus eine weitere Bemerkung machen konnte. »Oder soll ich nachschüren? Ist dir vielleicht kalt, Harry? Das Feuer hat die ganze Zeit gebrannt, aber … ich hab' einfach vergessen, die Tür zuzumachen, als ich …«
Sein Patensohn starrte ihn an, als wäre er ein plappernder Idiot. Was wohl nicht allzu weit von der Wahrheit entfernt war.
»Bei Fuß, Sirius!«, mischte sich Remus, dieser Möchtegernkomiker, ein. »Platz! Du verwirrst den armen Jungen nur.«
»Du verstehst jetzt vielleicht besser«, wandte sich sein angeblich ältester Noch-Freund dann an Harry, »warum wir alle so schnell bereit waren, daran zu glauben, dass dein Onkel Sirius endgültig den Verstand verloren hatte. Siehst du? Er war schon immer leicht ver– Aua! Sirius! Das hat wehgetan!«
Sirius lächelte Harry, der sie mit ungläubigem Blick beobachtete, beruhigend zu. »Bevor ich's vergesse – ich hab' da was für dich.«
Er ging zum Kamin, nahm das lange Paket vom Sims und hielt es Harry erwartungsvoll hin. »Frohe Weihnachten!«
»Für … für mich?«, fragte der Junge mit großen Augen.
»Für wen sonst? Es ist nur eine erste Anzahlung. Immerhin bin ich zwölf Jahre an Geburtstags- und Weihnachtsgeschenken im Rückstand.«
Sein Patensohn zögerte, aber nur kurz. Er nahm ihm das große Paket ab, hielt es einen Moment in den Händen, als wisse er nicht, was er damit anfangen sollte, setzte sich dann einfach auf den Kaminvorleger und begann, das Geschenk langsam und methodisch auszupacken.
Als der Besen entblättert vor ihm lag, starrte er mit offenem Mund.
»Ich hoffe, er gefällt dir«, sagte Sirius vorsichtig. »Ich bin ja nicht mehr auf dem Laufenden, aber ich hab' mir sagen lassen, ein Firebolt wäre das Beste, was im Moment auf dem Markt ist.«
»Danke«, sagte sein Patensohn beinahe andächtig. Er streichelte entrückt über den Besenstiel und die glatten Birkenzweige des Schweifs. »Vielen Dank, Mr. Black!«
»Sirius, Harry! Nenn mich Sirius!«
Der Junge sah auf und schenkte ihm ein verzücktes Lächeln. »Danke, Sirius!«
Zum Glück hatte er nicht auf Remus gehört, dachte Sirius zufrieden. Remus hatte gemeint, ein Profibesen sei nichts für ein Kind, das noch zur Schule ging. Aber es war seine Sache, wofür er das Vermögen der Blacks ausgab, und niemand konnte ihm da dreinreden – nicht einmal das Ministerium, was diese Bürokraten wahrscheinlich mehr als alles andere ärgerte. Aber die Verträge zwischen den Blacks und den Kobolden datierten noch aus einer Zeit, als Britannien römische Provinz gewesen war und niemand einen Gedanken an ein Zaubereiministerium verschwendet hatte. Und sie waren heute so gültig wie damals. Wenn das Oberhaupt der Blacks seinem Patensohn einen Profibesen schenken wollte, der mehr kostete, als der Zaubereiminister im Jahr verdiente – einschließlich der zweifellos reichlich fließenden Schmiergelder –, gab es niemanden, der ihn daran hätte hindern können.
»Wie wär's, wenn ihr euch endlich mal setzt?«, meldete sich Remus, der inzwischen am Tisch Platz genommen hatte. »Der Besen fliegt dir nicht davon, Harry! Komm her, damit wir reden können!«
Nur widerwillig ließ der Junge den Besen los, und auch Sirius folgte ihm mit geringer Begeisterung zum Tisch, um sich zu setzen. Das Reden würde der schwierigere Teil des Nachmittags werden. Als wäre es bis jetzt leicht gewesen!
Er nahm gegenüber Harry Platz und überlegte, wie er das Gespräch beginnen sollte. »Äh, hast du Durst? Hunger? Ich hätte Butterbier da. Und massenhaft Reste vom Weihnachtsessen.«
Der Junge schüttelte stumm den Kopf, und Sirius seufzte. »Also schön, Harry. Du weißt, dass ich dein Patenonkel bin? Natürlich weißt du das. Tut mir leid, ich bin heute wirklich nicht auf der Höhe.«
»Was du nicht sagst, Sirius!«, lachte Remus ihn aus. »Nicht auf der Höhe. So kann man es auch nennen.«
»Sei still, Remus! Das ist auch ohne deine ›Hilfe‹ schwer genug!«, zischte Sirius ihn an und wandte sich wieder seinem Patensohn zu. »Also, Harry. Du hast bestimmt eine Menge Fragen. Oder … wahrscheinlich hat dir Remus das meiste schon erklärt? Nicht dass du ihm auch nur ein Wort glauben solltest, aber …«
»Sind Sie wirklich mein Patenonkel, Mr. Bl–?«
»Nenn mich Sirius!« Höflichkeit, gut und schön, aber »Mr. Black« hörte sich einfach falsch an! »Selbstverständlich bin ich dein Patenonkel. Ganz offiziell, mit allem Drum und Dran. Ich war zwar nicht der einzige Bewerber um die Stelle, aber deine Eltern haben sich dann doch in weiser Voraussicht entschlossen, dem verantwortungsbewusstesten, vernünftigsten, wohlangesehensten und nicht zuletzt bestaussehendsten ihrer Freunde diese Aufgabe zu übertragen – mir!«
Sirius ignorierte Remus' Prusten. Es war völlig fehl am Platz, da alles, was er gesagt hatte, die reine Wahrheit war – wenn man die besonderen Umstände von damals in Erwägung zog.
Er lächelte Harry aufmunternd an. »Beachte den da gar nicht! In der Schule ist er vielleicht dein Lehrer, aber hier ist er nur ein verblödeter Taugenichts, den ich jederzeit mit einem Tritt in den Hintern an die frische Luft befördern kann – und werde, wenn er sich nicht bald zusammennimmt.«
»Heißt das …« Der Junge biss sich auf die Unterlippe. »Ich meine, werde ich dann in Zukunft bei Ih…, äh, bei dir leben?«
»Keine Sorge«, beruhigte Sirius ihn. »Ich werde dich nicht aus deiner Pflegefamilie herausreißen. Aber ich würde mich freuen, wenn du mich gelegentlich besuchen kommst. Ich habe nicht vor, irgendwelche Ansprüche zu stellen, nur weil ich zufällig dein Patenonkel …«
Sirius verstummte verwirrt. Harry sah seltsamerweise enttäuscht, fast schon niedergeschlagen aus. Beinahe so, als hätte er sich eine andere Antwort erhofft. Leichthin fuhr Sirius fort: »Andererseits haben mich deine Eltern für den Fall der Fälle zu deinem Vormund bestimmt, und falls du willst, könnte man es selbstverständlich einrichten. Dass du bei mir lebst, meine ich. Kein großes Problem, wenn ich erst einmal das Ministerium vom Hals hab'. Danach könnte ich ohne weiteres einen Legaten berufen, der den ganzen Papierkram erledigt, und ein paar Wochen später hätte ich die Vormundschaft für dich. Reine Formsache, sobald ich rehabilitiert bin.«
»Wirklich?« Ein Hoffnungsschimmer leuchtete auf dem Gesicht seines Patensohns auf. »Das wäre toll!« Ein beunruhigend vorsichtiger Hoffnungsschimmer, als könne er es nicht recht glauben. »Könnte ich dann schon diesen Sommer bei dir einziehen? Die Ferien hier verbringen? Ich weiß, es wäre ein bisschen eng, aber ich nehm' nicht viel Platz weg, und ich verspreche, dass du mich überhaupt nicht bemerken wirst. Ich kann auch …«
»Hier?« Sirius starrte den Jungen ungläubig an, und auch Remus schüttelte den Kopf. »Du willst hier mit mir leben? In diesem Loch?«
Harry nickte ängstlich. »Ja. Ja, bitte?«
Kälte breitete sich in seiner Magengrube aus. Harrys Bitten klang allzu vertraut in seinen Ohren. Er selbst war zwar älter gewesen als der dreizehnjährige Junge, der jetzt vor ihm saß und ihn mit flehentlichem Blick anbettelte, aber er kannte das Gefühl. Er hatte nicht dieselben Worte benutzt, aber sein Tonfall war nicht weniger hoffnungsvoll und verzweifelt zugleich gewesen. James' Vater hatte zuerst traurig das ergraute Haupt geschüttelt, und Sirius hatte eine schreckliche Sekunde lang alle Hoffnung fahrenlassen – und dann hatte der alte Potter doch zugestimmt. Und Sirius hatte ihn in diesem Moment geliebt. Bei der Beerdigung Henry Potters hatte er geweint; etwas, was ihm bei den Funeralien seines eigenen Vaters nicht im Traum eingefallen wäre – wenn er ihnen denn beigewohnt hätte. Aber Harry bat nicht den Vater seines besten Freundes um zeitweiliges Obdach – einen Mann, den er seit Kindertagen kannte. Harry appellierte an einen Fremden, nur dem Namen nach sein Patenonkel, der die letzten zwölf Jahre im Gefängnis verbracht hatte und von dem er bis vor kurzem noch hatte annehmen müssen, dass er ein Massenmörder und außerdem für den Tod seiner Eltern verantwortlich war. Remus hatte angedeutet, dass der Junge anscheinend nicht besonders glücklich bei seinen Verwandten war, aber dass er einen völlig Fremden blindlings den eigenen Pflegeeltern vorzog, war … beängstigend. Und sein Patensohn wartete noch immer mit angehaltenem Atem und weit aufgerissenen Augen auf eine Antwort.
»Das ist nicht nötig«, sagte Sirius nachdenklich. »Ich meine, dass wir die Ferien in einer Höhle herumsitzen. Falls das Ministerium bis dahin immer noch Schwierigkeiten macht, können wir uns aus England absetzen und die paar Wochen auf dem Kontinent verbringen.«
Remus sah ihn von der Seite an, als hätte er den Verstand verloren. Sirius beachtete ihn nicht, sondern konzentrierte sich nur auf Harry.
»Wirklich? Versprochen?«, fragte der Junge hoffnungsvoll. »Ich kann bei dir bleiben?«
Sirius musste sich zwingen, nicht die Zähne zusammenzubeißen. Stattdessen rang er sich ein Lächeln ab und hielt seinem Patensohn die Hand hin, wie ihm selbst damals der alte Potter die Hand gereicht hatte. Eine seltsame Umkehr der Geschichte. »Versprochen. Meine Hand drauf.«
Harry starrte kurz ungläubig, schlug dann aber schnell ein, als befürchte er, die Hand könne wieder verschwinden, wenn er sie nicht schnell genug zu fassen bekam.
»Versprochen«, wiederholte Sirius noch einmal und wurde von einem freudestrahlenden Lächeln belohnt, als könne Harry sein Glück gar nicht fassen. Vielleicht war es sogar breiter als jenes, das der Anblick des neuen Besens auf sein Gesicht gezaubert hatte.
Auch das war kein sehr beruhigender Gedanke. Allerdings war jetzt wohl nicht der richtige Zeitpunkt, um tiefer nachzubohren. Schließlich kannte der Junge ihn kaum. Aber wenn ihm seine Muggelverwandten auch nur ein Haar gekrümmt hatten, würden Lilys dämliche Schwester und Albus noch von ihm hören. Ob klar formulierte Worte oder deutlich ausgesprochene, sorgfältig überlegte Flüche, würde man sehen müssen.
