17. Align Yourself With No Proposition
(Not Ralitsa Vassileva – Ian Anderson)


Die Goldstücke glänzten und glitzerten wie in jedem Jahr täuschend echt in ihrem Topf. Luna nahm sich eine Handvoll und steckte sie in die Tasche ihrer Robe. Sie hatte seit zwei Jahren keine echte Galleone mehr gezogen. Aber vielleicht hatte sie ja dieses Mal Glück und nicht nur Leprechaungold erwischt. Sie wartete ungeduldig, bis ihr Dad sich ebenfalls bedient hatte, und marschierte dann voran in den Ballsaal.

Es war die übliche Silvestergesellschaft. Wohl an die hundertfünfzig Verwandte und Gäste der O'Donnells hatten sich wieder versammelt, um das neue Jahr willkommen zu heißen. Die Türen zur Meeresterrasse waren noch geschlossen, und draußen zuckten die Blitze eines ungemütlichen Wintersturms über den Himmel. Wahrscheinlich würde es schon vor dem Erscheinen der Augureys regnen. Für Schnee war es dieses Jahr zu warm.

Schließlich fiel ihr suchender Blick auf Ronan. Er saß allein an einem Seitentischchen in einer Ecke des Ballsaals, nahe am Orchester. Er hob zwei Gläser, und sie winkte zurück. Am liebsten wäre sie sofort losgegangen und hätte sich zu ihm gesetzt, aber das wäre sehr unhöflich gewesen. Stattdessen folgte sie ihrem Dad, um erst einmal ihren Großeltern die Aufwartung zu machen, wie es sich gehörte. Den Austausch von Förmlichkeiten überließ sie ihm. Sie knickste nur an der richtigen Stelle und sagte »Sehr gut, Großmutter«, als sie gefragt wurde, wie es ihr gehe. Zum Glück warteten hinter ihnen schon die nächsten Neuankömmlinge darauf, an die Reihe zu kommen, und sie brachten die Sache schnell hinter sich.

»Tante Aoife!«, warnte sie ihren Dad, aber da war es bereits zu spät. Ihre Tante fiel schnatternd über sie her, drückte erst ihrem Dad und dann auch ihr ein Küsschen auf die Wange. Und ohne sich lange mit weiteren Begrüßungsfloskeln aufzuhalten, verfiel sie sogleich in ihre übliche Predigt über die »verrückten Engländer« und wann ihr Dad endlich zur Vernunft, also nach Irland käme, wo es hier doch allemal besser sei als auf der Insel dieser irren, eingebildeten und moralisch verkommenen Angelsachsen. Ihr breiter Akzent machte es immer ein bisschen schwer, sie zu verstehen, und dass sie offenbar bereits einige Gläschen intus hatte, half nicht. Ihr Dad versuchte, vorsichtig einzuwenden, dass er in England einem Beruf nachging und eine Zeitung herauszugeben habe und, so schön es in Irland auch sei, ein Umzug zurzeit und wohl auch in absehbarer Zukunft nicht infrage komme, aber Tante Aoife wischte seine Einwände mit einer einzigen Handbewegung weg. Während sich Luna unauffällig absetzte, klärte sie ihn darüber auf, dass er in seinem »Schundblättchen« doch ohnehin nur Märchen und absurde Gerüchte verbreite und das könne er – wenn es denn unbedingt sein müsse – genauso gut von hier aus tun. Dann war Luna glücklich außer Hörweite. Sie warf ihrem Dad zum Abschied einen mitleidigen Blick zu und machte sich quer über die Tanzfläche auf den Weg in Ronans Ecke.

Ihr Cousin wievielten Grades auch immer erhob sich, als sie herankam, und reichte ihr ein Glas. Er sah erwachsener aus als letztes Jahr, was vielleicht auch an seiner Robe lag. Es war eine weiße Festtagsrobe mit gelben Strichmustern an den Säumen, die wahrscheinlich Runen darstellten. Leider waren sie in Alte Runen noch nicht bei Ogham, sonst hätte sie vielleicht ein paar Zeichen entziffern können. Wie jedes Jahr waren seine Haare wieder ein Stück gewachsen.

»Zu lang«, sagte sie deutlich, damit er von ihren Lippen lesen konnte. »Und unpraktisch. Du sitzt ja darauf!«

Ronan grinste, und nach einem kurzen Wink mit seinem Zauberstab schwebte ein Neidisch? vor ihrer Nase.

Luna neigte den Kopf zur Seite und lächelte überlegen zurück. Sie zog ihren Zauberstab aus dem Ärmel, sprach einen kurzen Illusionszauber und steckte den Stab hinters Ohr. Würdevoll hüllte sie sich in die nun scheinbar bis zum Boden reichende Schleppe ihrer strohblonden Haarpracht und ließ sich so graziös auf dem Stuhl nieder, als würde sie auf einem Thron Platz nehmen.

Zwinkernd ließ Ronan das Silber in seinen Augen aufblitzen und schrieb »Viel zu leicht zu durchschauen« in die Luft. Beim Hinsetzen strich er kurz mit der Hand über ihr falsches Haar, und ihre Illusion brach zusammen, als hätte er einen Gegenzauber gesprochen.

»Spielverderber!«, formte sie mit dem Mund, ohne es auszusprechen. Sie saßen so nahe am Orchester, dass sie hätte schreien müssen, wenn er nicht sowieso taub gewesen wäre, also konnte sie sich das laute Reden ebenso gut gleich sparen.

Er zuckte nur mit den Schultern und nippte an seinem Glas. Luna nahm ebenfalls einen Schluck. Die honigfarbene Flüssigkeit kitzelte auf ihrer Zunge und schmeckte seltsam fruchtig, herb und süß. Sie hob die Brauen und sah zu Ronan.

Löwenzahnsekt, las sie. Sie nahm noch einen Schluck, konnte aber nichts Löwenzahniges daran finden. Andererseits hatte sie zugegebenermaßen auch keine Ahnung, wie Löwenzahn schmecken sollte. Hmm, vielleicht gab es eine Berti-Botts-Bohne mit Löwenzahngeschmack, überlegte sie. Wenn, dann hatte sie noch nie eine erwischt.

»Hast du …?«, fragte sie Ronan, aber er sah gerade nicht zu ihr her, sondern zog etwas aus seiner Robe und drückte es ihr in die Hand. Es war ein Stapel geschrumpfter Pergamente, nicht größer als ihre Handfläche, aber dick wie ein dünnes Taschenbuch. Die Schrift war zu klein, um sie lesen zu können. Sie hatte nicht mit so viel gerechnet. Aber sie war in ihrem Brief auch nicht sehr genau gewesen, sondern hatte ihre Anfrage sehr allgemein gehalten. Ronan schien seine Aufgabe ziemlich ernst genommen zu haben und hatte anscheinend fleißig alles zusammengetragen, was irgendwie wichtig sein könnte. Zum Entschrumpfen ins Sonnenlicht halten!, leuchtet in Zauberstabschrift vor ihr auf. Sind schon übersetzt. Sie nickte und steckte den Pergamentstapel eilig ein.

»Danke«, sagte sie. »Das ist mehr, als ich erwartet habe. Woher …?«

Ciúnas, las sie, während Ronan geheimnisvoll lächelte und auf sich selbst deutete. Sie blickte ihn verständnislos an. Wie eure Unaussprechbaren? Unnennbaren? So ähnlich?, schrieb er weiter.

»Du arbeitest für euer Ministerium?«, fragte Luna überrascht. »Seit wann?«

Seanad draíochta Éireann, korrigierte Ronan sie und verneigte sich mit gespielter Bescheidenheit. Seit einem Jahr.

Sie nickte nachdenklich. Ronan war immerhin fünf Jahre älter als sie, also schon seit einem Jahr volljährig. Und wenn die irischen Unnennbaren ähnlich geheimnisvoll waren wie die britischen, dann konnte man nur im allerweitesten Sinn davon sprechen, dass er für das irische Ministerium arbeitete. Zumindest war ihr Dad davon überzeugt, dass ihre eigenen Unnennbaren dazu neigten, Anweisungen aus dem Zaubereiministerium oder Wizengamot höchstens als unverbindliche Vorschläge zur Kenntnis zu nehmen. Und auch das nur, wenn sie gerade Lust hatten.

»Könntest du deswegen Ärger bekommen?«, formten ihre Lippen, und sie legte bezeichnend ihre Hand auf die Tasche, in der sie die Pergamente hatte verschwinden lassen.

Er schüttelte den Kopf. Keine Sorge. Niemand wird es erfahren.

Sie wollte schon fragen, wie er sich dessen sicher sein konnte, aber dann sah sie das Silber in seinen Augen aufscheinen – und ihr schlechtes Gewissen versetzte ihr einen leichten Stich. Sie war ihre Visionen los, aber Ronan litt natürlich immer noch unter dem Fluch seiner Sicht. Vielleicht war es langsam an der Zeit, dass sie ein paar Andeutungen fallenließ.

»Ronan? Wie siehst du mich eigentlich?«

Er wiegte den Kopf, schien den Sinn ihrer Frage aber verstanden zu haben. Schließlich hielt er sich eine Hand vor die Augen und blinzelte ihr zwischen den leicht geöffneten Fingern zu. So. Mal besser, mal schlechter.

»Und du weißt, dass ich …?«

Kurz hielt er sich beide Augen zu, lächelte dann und nickte.

»Vielleicht …« Sie zögerte. Es war nicht einmal sicher, dass es bei Ronan überhaupt wirken würde, und selbst wenn – sie hatte ziemlich lange gebraucht, bis sie ihre »Gabe« endgültig losgeworden war, obwohl sie über ein Jahr lang fast jeden Tag mit Simon zusammen gewesen war. Bei Ronan würde das viel schwieriger werden. Er konnte nicht einfach nach Hogwarts kommen. Aber andererseits sah er sowieso fast wie ein Mädchen aus. Hmm … Sie kicherte, als sie sich Simons Gesicht vorstellte.

»Hast du schon einmal daran gedacht, dir die Haare zu färben?«, fragte sie ihren Cousin mit den noch blonden Haaren. »Rot würde dir bestimmt stehen!«

Verwirrt schüttelte er den Kopf. Offensichtlich hatte er mit dieser Wendung des Gesprächs nicht gerechnet. Sie beugte sich vor und hielt ihre Hände als Sichtschutz seitlich vor den Mund. Sie glaubte zwar nicht, das viele der Anwesenden von den Lippen lesen konnten, aber zumindest Ronans Eltern beherrschten es vermutlich – ein bisschen wenigstens.

»Ich kenne jemanden, den man nicht sehen kann«, formten ihre Lippen deutlich und lautlos. »Wenn du mich in den Sommerferien besuchen würdest, könnte ich ihn dir vorstellen. Du würdest ihm bestimmt gefallen, aber er steht mehr auf Rothaarige, wenn ich mich nicht irre!«

Wenn möglich machte Ronan einen noch verwirrteren Eindruck. Er schüttelte verstört den Kopf und schrieb ein Was? zwischen sie – und setzte gleich darauf noch ein Ausrufezeichen dahinter. Sie unterdrückte den Drang zu kichern und versuchte es noch einmal.

»Ich kenne jemanden, den man nicht sehen kann. Sehen. Du verstehst schon?« Als er zaghaft nickte, fuhr sie fort: »Wenn du mich besuchen würdest, könnte ich ihn dir vorstellen. Ich weiß nicht genau, aber vielleicht würde es helfen.« Sie überlegte, wie sie es am besten beschreiben sollte. »Wenn man in seiner Nähe ist, ist es wie ein blinder Fleck, der sich ausbreitet, bis man selbst blind wird.« Sie schloss für einen Moment die Augen, damit er verstand, was sie meinte.

Als sie ihn wieder ansah, war sein Mund zu einem stummen »Oh!« geöffnet. Anscheinend hatte er sie verstanden. Er runzelte die Stirn. Das ist mit dir passiert?

Sie nickte.

Danke, nein! Und er schüttelte heftig den Kopf.

Er hatte nicht einmal nachgedacht, bevor er abgelehnt hatte. »Warum nicht?«, wollte sie wissen.

Ich bin ich, schrieb er in die Luft und lächelte dabei weise, als hätte er etwas besonders Tiefsinniges von sich gegeben und als wäre damit alles gesagt. Sie warf ihm einen sehr skeptischen Blick zu und bemerkte, wie er innehielt. Sie kannte das. Er schien einen Moment in sich hineinzuhorchen, ob seine Gabe ihm erlaubte, ihr etwas zu verraten. Der Fluch konnte sehr lästig werden, wenn man versuchte, über Visionen zu sprechen. Sie war wirklich froh, ihn los zu sein.

Schließlich schien er seine Antwort bekommen zu haben, beugte sich zu ihr herüber und legte ihr seine Hand über die Augen. Sie zuckte im ersten Moment unwillkürlich zurück, beruhigte sich dann jedoch, nur um gleich darauf absichtlich zurückzuweichen und Ronans Hand energisch wegzustoßen, als sie das fremde Gesicht sah. Sie hatte genug Visionen in ihrem Leben gehabt und konnte auf weitere verzichten, egal wie harmlos sie scheinbar waren.

Ronan sah sie verwirrt an, schrieb dann aber ein Entschuldigung? in die Luft. Er hatte es bestimmt nicht böse gemeint, und vielleicht hatte sie im ersten Schreck ein bisschen überreagiert, aber sie wollte kein Risiko eingehen.

»Ich war bloß überrascht«, log sie. »Kein Problem.« Das Gesicht in der Vision hatte keinesfalls bedrohlich gewirkt. Nur ein rundes, ziemlich unauffälliges Frauengesicht, umrahmt von schulterlangem, hellbraunem Haar. »Wer war das?«

Mit verträumtem Lächeln lehnte sich Ronan zurück. Meine Frau, schrieb er in winzigen Buchstaben zwischen sie – und setzte dann ein »zukünftige« mitten darüber. Luna war nicht beeindruckt. Sie hatte die Frau nur eine Sekunde lang gesehen, doch sie war auf keinen Fall sonderlich hübsch oder auch nur interessant gewesen.

»Wann?«, fragte sie, und Ronan horchte wieder in sich hinein, antwortete diesmal jedoch nur mit einem Schulterzucken. Entweder wusste er es selbst nicht, oder er konnte es ihr nicht sagen. Das Gesicht war nicht mehr ganz jung gewesen, aber auch nicht sehr alt. Erwachsen vielleicht? Ja, »erwachsen« beschrieb es wohl am besten. Womöglich würde Ronan sie erst in ein paar Jahren kennenlernen? Nun, eigentlich ging es sie nichts an.

»Hmm, jedenfalls sieht sie nett aus«, log Luna halbherzig. »Ihr werdet bestimmt glücklich, oder?«

Giorraíonn beirt bóthar. Er grinste noch breiter und ließ dann plötzlich in einer komisch-traurigen Grimasse die Mundwinkel hängen. Du bist ja vergeben!, kritzelte er vor ihr in die Luft, während er sich eine imaginäre Träne aus dem Auge wischte. Ich hätte auf dich gewartet! Aber du hast dich für unseren Neffen entschieden! Schlechte Wahl! Im Vergleich zu mir.

»Neffe?« Luna richtete sich kerzengerade auf. »Seamus ist mein … unser Neffe?«

Ronan lachte sie aus, während er gleichzeitig scheinbar mühelos weiterschrieb: Sohn von Cousine Mia.

Sie schüttelte den Kopf. Sie hatte noch nie von einer »Cousine Mia« gehört. Sie fand es nicht sehr lustig, aber trotzdem hatte die Vorstellung, dass Seamus ihr Neffe war, etwas Komisches. Wenn Ronan sie nicht auf den Arm nahm, was sie ihm jederzeit zutraute.

»Cousine Mia?«, fragte sie misstrauisch nach.

Nicht hier, las sie. Wird nicht mehr eingeladen. Schwarzes Schaf. Hat einen Muggel geheiratet. Ziemlicher Skandal damals.

Seamus' Dad war ein Muggel? Warum hatte er ihr das nie verraten? Ob er sich dafür schämte? Vielleicht hatte er Angst, dass sie ihn damit aufziehen würde. Andererseits war Seamus sowieso immer sehr schweigsam. Er war einfach viel zu schüchtern und zurückhaltend – was sie eigentlich süß fand, was aber auch ärgerlich werden konnte. Ronan gluckste noch immer. Sie neigte den Kopf zur Seite und schenkte ihm ein gefährliches Lächeln. Er lachte nur noch mehr. Es klang, als hätte er einen heftigen Anfall von Keuchhusten.

Sie verschränkte wütend die Arme. »Hör auf!«, befahl sie ihm. »Woher weißt du überhaupt …?«, begann sie – aber natürlich würde er davon wissen. Wenn sie mit Seamus verwandt war, dann war Ronan es schließlich auch. Und selbst wenn er sie nicht genau sehen konnte, galt dasselbe ja nicht für Seamus, und Visionen betrafen öfter die eigenen Verwandten als völlig Fremde, das wusste sie aus eigener, leidvoller Erfahrung.

Sie stieß ihn mit dem Fuß an. »Ist er wirklich mein Neffe?«

Ja. 4. Grades.

Kommentarlos verdrehte Luna die Augen, aber insgeheim war sie doch ein wenig erleichtert. Neffe vierten Grades war so weit weg, dass es schon gar nicht mehr wahr war. Sie wäre sich ziemlich komisch vorgekommen, wenn sie von sich als Seamus' Tante hätte denken müssen.

Kein Ehehindernis also!, tauchte plötzlich vor ihr auf. Aber Ronan grinste dabei so gemein, dass es bestimmt nur ein Witz und keine Vorhersage war. Wenn es eine gewesen wäre, hätte er es ihr sowieso nicht sagen können. Vermutlich.

»Gut!«, behauptete sie. Ronan durchschaute sie offensichtlich, denn er hob nur anzüglich die Augenbrauen und schrieb: Darf ich Trauzeuge sein?

»Wenn du Zeit hast?«, gab sie sich großzügig. »Wintersonnenwende in vier Jahren? Oder zu Beltane, wenn du da nicht kannst.«

Stehe zur Verfügung, schrieb er ihr und machte dabei eine so todernste Miene, dass sie beinahe befürchtete, er hätte doch eine Zukunftsvision gehabt. Doch dann brach er wieder in keuchend stummes Gelächter aus. Vielleicht hatte sie einen Moment lang wirklich ein wenig dämlich ausgesehen, aber trotzdem nahm sie es ihm übel.

Sie lächelte so süß und unschuldig, wie sie nur konnte, und fragte: »Tanzen wir?«

Ronan war ein ausgezeichneter Tänzer, obwohl er taub war. Vielleicht spürte er die Schwingungen der Musik, oder er beobachte die anderen Paare, um im Takt zu bleiben, oder er benutzte seine Visionen; wie auch immer er es anstellte, jedenfalls trat er einem nie auf die Zehen. Aber das würde sie nicht daran hindern, auf seine zu treten.

Er bot ihr den linken Arm an und führte sie auf die Tanzfläche. Es machte Spaß, mit Ronan zu tanzen, und er war so geschickt, dass sie es während ihres ersten Tanzes nur viermal schaffte, ihm wirklich kräftig auf die Zehen zu treten. Sie machten ein Spiel daraus, aber da seine Sicht ihm einen unfairen Vorteil verschaffte, ging sie nach der ersten Runde nicht als Sieger von der Tanzfläche. Doch die Nacht war ja noch jung.


Anthony saß im Schneidersitz auf dem Kaminvorleger und ließ den Blick über die kärgliche Ausbeute der Weihnachtsferien schweifen. Er hatte gewartet, bis seine Eltern ausgegangen waren und er die Gelegenheit hatte, die Protokolle in aller Ruhe zu sortieren. Die Entdeckungsgefahr wäre auch sonst nicht sehr groß gewesen, da weder sein Vater noch seine Mutter die Angewohnheit hatten, unangemeldet sein Zimmer zu betreten – aber sicher war sicher.

Die allermeisten Blätter waren leer. Jedes Mal, wenn wieder ein zusammengeknülltes Pergament im Feuer landete, leuchteten die Flammen grünlich auf, als hätte er eine Handvoll Flohpulver hineingeworfen. Wahrscheinlich die getrockneten Reste der Memor-Vocis-Lösung, die vor dem Verglühen mit irgendetwas reagierten. Die vielen leeren Seiten waren eine Schande. Eine unglaubliche Verschwendung von Arbeitsaufwand, Zeit und Zutaten, aber nicht zu ändern. Ausschuss war bei diesem Geschäft unvermeidlich.

Am Schluss blieben ganze acht Pergamente übrig, und davon nur zwei ansatzweise dicht beschriebene; die anderen hatten nur ein paar verstreute Sätze oder nichtssagende Gesprächsfetzen aufgezeichnet. Nicht sehr beeindruckend. Das Ergebnis wäre mit Sicherheit besser ausgefallen, wenn er eine Möglichkeit gefunden hätte, die Pergamente aus der Ferne zu aktivieren. So jedoch hatte er jedes Mal, sobald seine Eltern und sein Großvater Anstalten machten, sich zu einer Besprechung zurückziehen zu wollen, auf Verdacht durch das halbe Anwesen rennen, auf seiner Runde die versteckten Pergamente in der Bibliothek, im Arbeitszimmer seines Vaters und im Rauchsalon aktivieren und wieder rechtzeitig verschwinden müssen. Zweimal hatte er sich zeitlich verschätzt und nur leere Blätter geerntet, einmal hatte seine Eltern nur Geschäftliches besprochen – neue Importrestriktionen für Nundu-Produkte aus Ostafrika –, was vollkommen nutzlos, aber perfekt aufgezeichnet worden war; und einmal, drei Tage nach Weihnachten, hatten sie ihn beinahe erwischt. Er war gerade völlig atemlos aus der Bibliothek gestürzt, als sie um die Ecke gebogen waren und ihn gesehen hatten. Er hatte die vorbereitete Ausrede benutzt, ein Buch vorgezeigt und behauptet, er würde es für die Schule brauchen. Trotzdem hatte er sich einige argwöhnische Blicke von seinen Eltern eingefangen, und sie hatten sich dann in den Rauchsalon statt in die Bibliothek zurückgezogen. Was nicht ungelegen gekommen war, denn dem Rauchsalon hatte er bereits vorher einen Besuch abgestattet.

Aus dieser Konferenz stammte der Großteil der jetzt noch vor ihm liegenden Aufzeichnungen. Er sammelte die verbliebenen Blätter auf und setzte sich an seinen Schreibtisch. »Keine Beweise zurücklassen!« war die Devise. Er tauchte seine Feder ins Tintenfass und begann, den Inhalt der Protokolle stichpunktartig auf einem neuen Pergament zusammenzufassen. Nur die privaten Gesprächsfetzen ließ er aus und verwendete so viele Abkürzungen und kryptische Symbole wie möglich. Es war nicht nur platzsparender, sondern machte den Inhalt auch schwerer entzifferbar. Hoffentlich konnte er seine Notizen am Schluss selbst noch lesen.

Auch wenn es für die Zusammenfassung des Inhalts keine große Rolle spielte, bedauerte er, dass sich nur selten sagen ließ, wer gerade sprach. Seine Eltern und sein Großvater redeten sich kaum jemals mit Namen an, und an der Wortwahl allein ließ sich nur in Ausnahmefällen festmachen, wer welche Bemerkung gemacht hatte. Selbstverständlich hatte er meistens einen Verdacht, was die Identität des Sprechers anging, aber wirklich sicher war er selten. Jedenfalls konnte er davon ausgehen, dass sein Großvater derjenige gewesen war, der gefragt hatte, ob es angesichts von Anthonys offensichtlicher Neugier nicht an der Zeit sei, ihn an den Besprechungen teilnehmen zu lassen, und dass es seine Eltern gewesen waren, die sich dagegen ausgesprochen hatten. Das Argument war routiniert abgehandelt worden, als wäre dieses Thema nicht zum ersten Mal besprochen worden. Es ärgerte Anthony, aber gleichzeitig hätte er seinen Großvater für sein Plädoyer umarmen können. Wenigstens einer in der Familie, auf den er sich verlassen konnte und der ihn nicht für ein dummes Kind hielt.

Der wesentliche Inhalt aller acht Blätter fand letzten Endes auf einem einzigen, beidseitig beschriebenen Pergament Platz. Er las alles noch einmal durch und vergewisserte sich, dass er seine eigenen Notizen verstand und noch lesen konnte, bevor er auch die letzten Seiten zusammenknüllte und ins Feuer warf, wo sie verbrannten. Er starrte in die Flammen, bis sich das grüne Leuchten gelegt hatte und sie wieder in beruhigendem Gelb und Orange flackerten. Vor seinem Fenster lag der friedlich-verschneite Park vor dem Anwesen. Er ließ seinen Blick über das Gelände schweifen, ohne der Schönheit der Landschaft große Beachtung zu schenken. Einerseits war er ein wenig enttäuscht, andererseits aber auch nicht unglücklich – vielleicht sogar ein wenig erleichtert –, dass seine Abhöraktion nichts Schlimmeres, vor allem nichts wirklich Inkriminierendes bezüglich seiner Eltern zutage gefördert hatte. Jedenfalls hatten sich keine seine unangenehmeren Befürchtungen bestätigt. Blieb nur zu hoffen, dass das kein reiner Zufall gewesen war.

Trotzdem wäre es am vernünftigsten gewesen, wenn er seine Notizen auswendig gelernt und auch diesen letzten Beweis verbrannt hätte. Aber es wäre auch ziemlich paranoid gewesen, und er wollte sichergehen, dass er nichts vergaß. Er beschloss dennoch, das Pergament zu vernichten, sobald er es den anderen gezeigt hatte. Die Informationen waren zwar nicht allzu brisant, aber es gab doch einige Bemerkung, die nicht ganz harmlos waren. Dass sich noch niemand eindeutig als neuer Führer der Gegenseite herauskristallisiert hatte, der das Machtvakuum auffüllen konnte, das der Tod Lucius Malfoys hinterlassen hatte, dass sich jedoch die Notts, die Yaxleys und die Averys bereits in Position gebracht hätten. Oder dass Black nicht nur ein potenzieller Verbündeter, sondern auch ein ebenso großes Risiko war, weil die Blacks immer labil und unzuverlässig gewesen seien. Seltsamerweise war es – wenn er die verschiedenen Aussagen richtig zugeordnet hatte – seine Mutter gewesen, die am hartnäckigsten gegen eine Aufnahme Blacks argumentiert hatte. Es waren ein paar Bemerkungen gefallen, die darauf schließen ließen, dass seine Eltern Black schon in ihrer Schulzeit gekannt und ihn schon damals für ziemlich unberechenbar gehalten hatten. Sein Vater – höchstwahrscheinlich – hatte sich überraschend abfällig über ihn geäußert, jedoch gemeint, dass es unhöflich und unangebracht wäre, die Bitte der Urquharts abschlägig zu bescheiden. Sein Großvater war der Einzige gewesen, der uneingeschränkt dafür gewesen war und es für eine gute Idee hielt, dass die Urquharts mit Black Verhandlungen aufnehmen wollten.

Anthony hatte nicht gewusst, dass seine Eltern zur gleichen Zeit wie Sirius Black in Hogwarts gewesen waren. Zumindest hatte er sich keine großen Gedanken darüber gemacht. Obwohl es eigentlich eine Selbstverständlichkeit war und es ihn nicht hätte überraschen dürfen, dass seine Eltern auch einmal gewöhnliche Elfjährige und in Hogwarts gewesen waren. Seine Mutter und sein Vater als Kinder in Schulroben, die Hausaufgaben machen mussten und vielleicht sogar manchmal zum Nachsitzen verdonnert worden waren, ganz wie gewöhnliche Menschen. Die Vorstellung war gewöhnungsbedürftig.

Nachdenklich faltete er das Pergament mit seinen Notizen zusammen. Er ging zu seiner Schultruhe, versteckte es in seinem Geschichtsbuch und verschloss die Truhe wieder sorgfältig. Noch drei Tage, bis die Schule wieder anfing und er es den anderen zeigen konnte. Er hatte noch immer leise Zweifel, ob er ihnen wirklich alles verraten sollte oder nicht doch lieber eine vorsichtig zensierte Version präsentieren sollte, aber er tat sein Bestes, dieser Versuchung zu widerstehen. Auch halbe Wahrheiten waren ganze Lügen, und er hatte sich für die Wahrheit entschieden. Es war der einfachste und der richtige Weg, oder?

Er warf sich auf sein Bett, starrte in den Stoffhimmel des blauen Baldachins und dachte über Politik, seine Eltern und das Leben allgemein nach, bis ein Hauself erschien, der ihn zum Abendessen rief.


Simon konnte Anthonys Notizen nur mit Mühe entziffern. Allerdings hatte er auch nur mit halbem Ohr zugehört, als Anthony alles erklärt hatte. Er hatte die ganze Zeit gehofft, dass George vorbeikommen und kurz den Kopf in ihr Abteil stecken würde, um wenigstens Hallo zu sagen. Die Weasleys waren erst kurz vor der Abfahrt des Hogwarts-Express am Bahnsteig aufgetaucht und in der letzten Minute in den Zug gestiegen. Ganz hinten, im letzten Waggon. Aber inzwischen hatte George mehr als genug Zeit gehabt, ihr Abteil zu finden, und war trotzdem nicht gekommen. Am liebsten wäre Simon selbst losgegangen und hätte ihn gesucht. Immerhin hatten sie sich drei Wochen lang nicht gesehen.

»Also, versteh ich das richtig?«, unterbrach er Anthony schließlich, mehr um sich abzulenken als aus echtem Interesse. »Diese Qs –«

»Die Urquharts«, fiel ihm Anthony ins Wort, »Q steht für Urquhart.«

»Also die Urquharts haben deine Eltern um ihr Nihil obstat …« Er sah, dass Terry zu einer Frage ansetzte, und verbesserte schnell: »… um die Erlaubnis gebeten, mit Sirius Black Verhandlungen aufzunehmen? Bündnisverhandlungen?« Und als Anthony bestätigend nickte, fragte er: »Warum? Und wieso Bündnis?«

»Weil die Blacks eines der ältesten und einflussreichsten großen Häuser in ganz England sind?«, erklärte Anthony, als würde sich das von selbst verstehen. »Die Urquharts können nicht einfach einer so bedeutenden Familie ein Angebot machen, ohne zumindest die wichtigsten anderen Familien im Bündnis um Erlaubnis zu fragen. Eine substanzielle Erweiterung betrifft schließlich alle. Und die Blacks sind substanziell.«

Es klang nicht unlogisch, aber Simon behielt seinen skeptischen Ausdruck bei.

»Ist doch ganz klar!«, stöhnte Anthony auf. »Die Blacks sind eines der wichtigsten der großen Häuser. Die Urquharts sind alte Freunde der Blacks. Traditionelle Verbündete, und die Urquharts legen extrem viel wert auf Tradition. Dumbledore und seine Sympathisanten versuchen, Black zu rehabilitieren, haben aber nicht genug politischen Einfluss im Wizengamot, um es allein zu schaffen. Zusammen mit unserer Seite, also den Urquharts, Aldertons, Camerons, Hamiltons, Goldsteins und so weiter, aber schon. Der Rest ist Verhandlungssache.«

»Die Residenten«, mischte sich Luna, die bisher kaum etwas gesagt hatte, unvermittelt ein.

Anthony drehte sich zu ihr um und schien sie mit Blicken durchbohren zu wollen. »Wie bitte?«

Luna legte unbeeindruckt den Kopf schief. »Die Todesser, der Phönixorden und die Residenten«, zählte sie auf. »So nennt man die drei wichtigsten Fraktionen. Den inneren Zirkel, besser gesagt. Wahrscheinlich nennen sie euch ›Residenten‹, weil ihr alle in irgendwelchen langweiligen alten Schlössern und Herrenhäusern herumresidiert«, fügte sie nachdenklich hinzu.

»Schwachsinn!« Anthony schüttelte ungläubig den Kopf. »Wo hast du das wieder her? Aus dem Quibbler? Saugt sich dein Vater wieder mal irgendwelche hirnrissigen Verschwörungstheorien aus den Fingern?«

Luna lächelte verträumt. »Viel besser. Die Information kommt direkt vom irischen Zaubereiministerium. Und übrigens: Mein Dad saugt sich nichts aus den Fingern. Er formuliert nur kreativ.«

Anthony starrte sie nur ungläubig an. Simon wartete erst einmal ab. Luna erzählte oft genug Unsinn, aber das hatte sich nicht nach ihren üblichen, verrückt anmutenden Phantastereien angehört.

»Ich weiß sogar noch mehr«, behauptete sie selbstzufrieden. »Ich hab' eine Liste mit den wichtigsten Familien, die dazugehören. Wer auf welcher Seite steht und so. Und ich hab' ein paar Sachen über Du-weißt-schon-wer herausgefunden …«

»Und woher stammen diese ›Informationen‹?«, erkundigte sich Simon interessiert, da es Anthony anscheinend die Sprache verschlagen hatte.

»Leider ist es mir aus Gründen des Quellenschutzes nicht möglich, die Identität meines Schrägstrich meiner Informanten preiszugeben. Ich versichere jedoch, dass alle Fakten zutreffend sind und aus erwiesenermaßen verlässlichen Quellen stammen«, versicherte Luna mit gewichtiger Miene.

Das klang nicht nur unglaubwürdig, sondern auch zu auswendiggelernt, um ernst genommen zu werden. »Welche Fakten?«, fragte Simon, während Terry ihm Anthonys Notizen abnahm.

»Hmm«, machte Luna und sah zur Abteildecke, als würde dort oben ein Spickzettel kleben, von dem sie ablesen konnte. »Zum Beispiel weiß ich, dass Du-weißt-schon-wer mit vollem Namen Tom Marvolo Riddle heißt. Sein anderer Name ist ein Anagramm davon.«

»Lächerlich!«, lautete Anthonys Kommentar. »Das hast du dir ausgedacht!«

Auch Simon hatte seine Zweifel. »Marvolo? Was soll das für ein Name sein?«

»Ich an seiner Stelle würde meine Eltern verklagen«, meinte Terry abwesend, ohne von der Lektüre von Anthonys Notizen aufzusehen. Und Simon stimmte ihm insgeheim zu. Wer hieß schon Marvolo? Außerdem war es kindisch. Welcher erwachsene und halbwegs intelligente Mensch kam auf die Idee, ein Anagramm seines richtigen Namens als Pseudonym benutzen? Er versuchte, die Buchstaben von »Tom Marvolo Riddle« in »Lord Voldemort« unterzubringen, während Luna weiterplapperte.

»Außerdem ist er in einem Muggel-Waisenhaus aufgewachsen«, behauptete sie weiter. »Es ist nicht ganz sicher, aber das Ministerium – das irische – geht davon aus, dass er höchstens ein Halbblut ist oder aus einer unbekannten Squiblinie stammt … oder vielleicht sogar nur muggelstämmig ist.«

Simon schüttelte zweifelnd den Kopf, was Luna anscheinend als Widerspruch auffasste, obwohl es eigentlich nur seinen Schwierigkeiten bei der Zusammenstellung des Anagramms geschuldet war. Die Buchstaben gingen einfach nicht auf.

»Ist aber so«, bekräftigte Luna, während er aufstand, sich zur Gepäckablage streckte und seine Schultruhe nach einem Stift und Papier durchwühlte. »Man hat keine Hinweise auf irgendwelche reinblütigen Riddles gefunden. Das hat ihn auch noch die letzten potenziellen Anhänger in Irland gekostet. Ich mein', schlimm genug, dass er ein verdammter Engländer war – verflucht sollen sie sein und allesamt in der Hölle schmoren – nicht dass jemand das laut sagen würde, aber es gibt genug, die immer noch so denken. Also ein dreckiger Engländer und dann auch noch ein Schlammblut? Nicht einmal die reaktionärsten irischen Familien hätten sich mit so jemandem abgegeben. Darum hat er auch so gut wie keine Verbündeten in Irland.«

Simon hatte inzwischen etwas zum Schreiben gefunden und kritzelte nun die beiden Namen untereinander. Er strich die Buchstaben durch, bis er die drei überzähligen ausgemacht hatte. »Kein gutes Anagramm«, stellte er naserümpfend fest. »Eigentlich gar keins, wenn man es genau nimmt.«

Anthony sah sich das Gekritzel an und grinste ihn dann. »Du hättest eben letztes Jahr seinen Geist fragen sollen, was er sich dabei gedacht hat.«

»Wer ist W?«, wollte Terry, der inzwischen die Notizen studiert hatte, plötzlich wissen.

»Professor Lupin«, erklärte Anthony. »Da anscheinend niemand so genau weiß, wo Black sich aufhält, wollen die Urquharts erst mal versuchen, über ihn mit Black Kontakt aufzunehmen. Er steht Black wohl ziemlich nahe, wenn ich es richtig verstanden habe.«

»Und W steht für …?«

»Dreimal darfst du raten.«

Terry machte ein recht unglückliches Gesicht, verzichtete aber auf seine drei Versuche.

Anthony zuckte mit den Schultern. »Jemand hat ›Werwolf‹ gesagt und damit ganz eindeutig Professor Lupin gemeint. Den Rest kannst du dir selbst ausrechnen, oder?«

Terry gab ihm das Pergament zurück und starrte verdrossen aus dem Fenster. »Das hat noch gefehlt«, murrte er. »Quirrel, Lockhart, und jetzt ein Werwolf. Wenn das so weitergeht, bekommen wir nächstes Jahr Sirius Black. Und im Jahr drauf dann einen Vampir! Oder einen Zombie!«

»Optimist«, erwiderte Anthony trocken. »Außerdem heißt es Inferus, und Lupin ist gar nicht so übel, wenn man ihn mit Quirrel und Lockhart vergleicht. Solang er seinen Wolfsbanntrank nimmt, warum nicht?«

Terry schien nicht überzeugt und brütete mit düsterer Miene weiter vor sich hin.

»Wollt ihr nicht wissen, was ich sonst noch herausgefunden hab'?«, meldete sich Luna wieder zu Wort, und ohne auf eine Antwort zu warten, fuhr sie mit gesenkter Stimme fort: »Es gibt da eine Prophezeiung …«

Simon hätte beinahe laut aufgelacht. »Meinst du so was wie ›Wenn du die Perser angreifst, wirst du ein großes Reich zerstören‹?«, fragte er verächtlich.

Ungerührt fuhr Luna fort: »Niemand weiß, worum es in der Prophezeiung geht, nur, dass sie Du-weißt-schon-wer und Harry Potter betrifft.«

Simon sah zu Anthony hinüber, und mit einem kurzen Blick verständigten sie sich darauf, diesen Unsinn von wegen »Prophezeiung« geflissentlich zu ignorieren.

Leider war Terry nicht Teil ihrer stummen Verständigung gewesen und meldete seine Zweifel an. »Wenn niemand weiß, worum es in der Prophezeiung geht, woher weißt du dann, dass sie was mit Du-weißt-schon-wer und Potter zu tun hat?«

Es war ein vollkommen berechtigter Einwurf, und auch wenn Simon schon aus Prinzip nichts von Prophezeiungen und ähnlichen Hirngespinsten hielt, war er auf Lunas Antwort gespannt. Aber sie zuckte nur mit den Achseln.

»Weiß ich nicht«, gab sie zu. »Es war nur eine kurze Randnotiz in der Akte über Du-weißt-schon-wer. Da stand bloß, dass eine Kopie der Prophezeiung in der britischen Mysteriumsabteilung gibt und dass der genaue Inhalt nicht bekannt ist. Keine Ahnung, woher die Iren wissen, dass sie Harry und Du-weißt-schon-wer betrifft.«

»Ungemein hilfreich«, bemerkte Anthony sarkastisch. »Als wäre eine Prophezeiung an sich nicht schon nutzlos genug.«

»Eine Aktennotiz?«, fragte Simon nach. »Du hast eine Akte über Du-weißt-schon-wer?«

Luna rollte eine Locke ihres Haares um ihren Zeigfinger und grinste ihn dabei triumphierend an. »Das hab' ich doch gesagt. Die offiziellen Geheimakten des irischen Zaubereiministeriums. Über Du-weißt-schon-wer, die politische Lage bei uns, was die großen Familien so treiben, wer mit wem und so weiter.«

Fast gegen seinen Willen war Simon neugierig. Und sie hatten noch eine lange Zugfahrt vor sich. »Hast du sie dabei?«, fragte er, und als Luna nickte, forderte er sie auf: »Zeig her!«

Sie ließ umständlich ihre Truhe aus der Gepäckablage herabschweben, kramte eine Weile darin herum und zog schließlich ein Bündel Pergamente heraus. Auf der ersten Seite prangte in großen Buchstaben »Seanad Draíochta Éireann« und ein lilafarbener Stempel mit dem Wort »Rúnda«. Es sah tatsächlich irgendwie offiziell aus.

Anthony, der sich in seinem Sitz vorgebeugt hatte und nun über Simons Schulter hinweg den Aktendeckel musterte, stieß einen leisen Pfiff aus. »Wie kommst du an Regierungsakten der Iren? Vertrauliche noch dazu?«, fragte er Luna. Es hörte sich fast beleidigt an.

Luna lächelte nur und wiederholte wortgetreu ihr Sätzlein über Informantenschutz und dass sie ihre Quelle nicht offenlegen könne. Simon schenkte ihr keine Beachtung mehr, sondern begann in einer ersten groben Sichtung, durch die Dokumente zu blättern. Zum Glück schien nur das Vorsatzblatt auf Gälisch zu sein. Er teilte den Stapel in drei ungefähr gleich große Teile und reichte Anthony und Terry je einen Packen. Wenigstens hatte er jetzt etwas zu tun, während er wartete, auch wenn er bezweifelte, dass das Aktenstudium sehr unterhaltsam werden würde. Aber er hatte die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben, dass George doch noch auftauchen würde, und bis dahin hatte er ohnehin nichts Besseres vor.


George wanderte rastlos von einem Ende des Labors zum anderen. Vor dem Kessel, in dem der neueste Prototyp ihres verbesserten Tierverwandlungstranks köchelte, hielt er inne. Doch die platzenden Blasen und Schlieren an der Oberfläche brachten auch keine Erleuchtung. Freds Idee war im Grunde nicht schlecht. Kanarienvögel hatten ein gewisses komisches Potenzial – jedenfalls waren sie komischer als Katzen, Hunde oder Ratten –, und außerdem hielt sich Patricia zwei knallgelbe Exemplare, was den Nachschub an Federn erheblich vereinfachte. Sie mussten aber unbedingt eine Möglichkeit finden, den Brauprozess weiter zu verkürzen, wenn ihre Erfindung irgendeine Chance auf kommerziellen Erfolg haben sollte.

Er blätterte kurz in ihrem Braujournal, konnte sich aber nicht richtig darauf konzentrieren und gab es schnell wieder auf. Er ging zurück zum Tisch und warf einen Blick in die Karte. Es hatte sich immer noch nichts getan, stellte er ein wenig unbehaglich fest. Simon war immer noch im Gemeinschaftsraum der Ravenclaws und machte keine Anstalten aufzubrechen. Langsam wurde es Zeit, dass er sich auf die Socken machte, wenn er nicht zu spät kommen wollte. Wenn er überhaupt kommt, flüsterte eine kleine verräterische Stimme in seinem Kopf.

Mit einiger Anstrengung brachte er die Stimme zum Schweigen. Simon würde kommen, das stand so gut wie fest. Wahrscheinlich ließ er sich absichtlich Zeit, um ihn nervös zu machen. Als wäre das nötig gewesen. George war auch so schon nervös genug.

Er lehnte sich an den Tisch und starrte zur Tür. Er hatte sich alles ganz anders vorgestellt. Gut, zugegeben, sein erster Plan war Blödsinn gewesen. Verständlicherweise. Er war stinksauer gewesen und hatte sich gedemütigt gefühlt. Niemand konnte erwarten, dass er unter solchen Umständen klar denken und planen konnte. Trotzdem war es ihm selbst peinlich, was er sich da in der ersten Wut ausgedacht hatte. Er hatte vorgehabt, Simon eine Woche lang zu ignorieren und dann zu einem Treffen in den Rein-Raus-Raum zu bestellen. Simon wäre erwartungsvoll durch die Tür hereingestürmt, er selbst hätte hinter der Tür auf ihn gewartet – vielleicht hätte er sogar die Handschuhe angehabt – und ihn überfallen. Und wenn dann Simon vor ihm gestanden hätte – mit heruntergelassenen Hosen –, dann hätte er ihm die herausgestreckte Zunge gezeigt. Als Provokation buchstäblich und als Lektion im übertragenen Sinn. Vielleicht hätte er sogar ein einziges Mal geleckt, bevor er Simon mit heruntergelassenen Hosen einfach stehen lassen hätte. Wiederum buchstäblich und im übertragenen Sinn. Sicher war er nicht, ob er sich getraut hätte, Simons Schwanz zu lecken. Das hätte er seiner Stimmung und der momentanen Eingebung überlassen.

So weit waren seine »Pläne« gediehen gewesen, als er erkannt hatte, dass es nicht funktionieren würde. Die ganze Vorstellung taugte höchstens als Wichsphantasie. Als solche war sie zwar nicht schlecht und hatte bereits mehrmals ihren Zweck erfüllt, aber in der Realität ließ sich so etwas eben nicht durchführen. Außerdem hätte der reale Simon bestimmt nicht so einsichtig, reumütig und verdientermaßen beschämt reagiert wie der Phantasie-Simon seiner Einbildung. Spätestens bei der Vorstellung, wie sich Simon bereitwillig bei ihm entschuldigte, war George klargeworden, dass er eindeutig an Hirnerweichung litt.

Aus diesen und anderen Gründen hatte er sich schon ganz zu Anfang entschieden, nur einen kleinen Teil seines Plans auszuführen. Er hatte damit gerechnet, dass es reichen würde, Simon drei Tage lang zu ignorieren, um sein Missfallen unmissverständlich zum Ausdruck zu bringen. Er hatte nicht damit gerechnet, dass Simon ihn schon am zweiten Tag zurückignorieren würde. Was ziemlich dämlich gewesen war, wenn man es genau betrachtete. Aber wie hätte er auch ahnen sollen, dass Simon so etwas durchziehen würde? Schließlich hatte er das nicht einmal während der zwei Jahre geschafft, in denen sie alles andere als befreundet gewesen waren.

Er warf einen Blick auf seine Uhr und dann wieder auf die Karte – und Simon war verschwunden. George suchte hastig die Karte ab und fand ihn schließlich auf halbem Weg zwischen dem Eingang zum Ravenclawturm und dem Rein-Raus-Raum. Er war erleichtert, aber gleichzeitig zog sich das flaue Gefühl in seinem Magen zu einem einzigen krampfhaften Knoten zusammen. Er atmete tief durch und wischte sich die leicht verschwitzten Hände an seiner Schulrobe ab. Es gab überhaupt keinen Grund, so aufgeregt zu sein, redete er sich gut zu. Schließlich war er ganz eindeutig im Recht. Er hatte nichts falsch gemacht! Simon war derjenige, der nervös sein sollte!

Leider half es nicht viel. Er beobachtete unbehaglich den Punkt, der sich unaufhaltsam dem Korridor von Barnabas dem Bekloppten näherte. Die nähere Umgebung schien verlassen, doch plötzlich sah er Mrs. Norris am Kartenrand auftauchen. Er stieß einen leisen Fluch aus, aber dann fiel ihm ein, dass es noch nicht Sperrstunde war. Es gab eigentlich keinen Grund, Mrs. Norris zu meiden.

Allerdings gab es noch weniger Grund, ihre Gesellschaft zu suchen! George wollte es zuerst nicht glauben, aber die Punkte auf der Karte sprachen eine deutliche Sprache. Simon hatte Mrs. Norris bemerkt und ging einfach an dem Korridor von Barnabas vorbei! Sein Punkt war höchstens zwanzig Meter vom Eingang zum Rein-Raus-Raum entfernt, als er bei Mrs. Norris anhielt. Simon hielt sich damit auf, Mrs. Norris zu streicheln, während er hier auf ihn wartete! Dabei wusste er bestimmt, dass er beobachtet wurde, und tat das alles nur, um ihm noch mehr auf die Nerven zu gehen! Wütend zählte George die Sekunden. Simons Punkt blieb über eine halbe Minute bei Mrs. Norris stehen. Das war so offensichtlich Absicht!

George beschloss, sich nicht provozieren zu lassen. Es fiel ihm zwar nicht leicht, aber er würde sich von solchen Spielchen nicht aus der Fassung bringen lassen. Bewusst entspannte er seine geballten Fäuste wieder und wartete, bis sich der Punkt wieder in Bewegung setzte und zurückkam. Diesmal bog er in den richtigen Korridor ein. George wartete auf den richtigen Zeitpunkt und riss dann die Tür auf.

»Komm rein!«, zischte er Simon an und zog ihn am Arm ins Labor. Als Simon an ihm vorbeigestolpert war, schlug er sofort wieder die Tür hinter ihm zu. Er schloss für einen Moment die Augen, legte sich noch einmal zurecht, was er alles sagen wollte, und drehte sich dann um.

Simon stand mit hängenden Armen da, hatte eine nichtssagende Miene aufgesetzt und versuchte anscheinend, einen völlig gelassenen Eindruck zu machen. George nahm es ihm keine Sekunde lang ab. Aber bevor er auch nur den Mund öffnen konnte, fragte Simon in gelangweiltem Ton: »Was gibt's?«

Trotz seiner rechtschaffenen Empörung fühlte sich George ein bisschen belustigt. Simon war nicht halb so undurchschaubar, wie er selbst offenbar glaubte. Irgendwie hatte er das vermisst. Seltsamerweise war seine Aufregung plötzlich wie weggeblasen. Und er hatte eine Idee.

George machte ein todernstes Gesicht, ging zwei Schritte auf ihn zu und blieb direkt vor ihm stehen. Mit weit aufgerissenen, traurigen Augen sah er zu Simon auf und wandte dann den Blick ab. Er zwinkerte und starrte angestrengt zu Boden. Mangels ausreichender Vorbereitung würde er sich wohl keine Träne abdrücken können, aber er schluckte mehrmals heftig, was hoffentlich den gleichen Effekt haben würde. Er spürte, wie Simon erstarrte, als er mit einem Aufschluchzen die Arme um ihn schlang und den Kopf an seiner Schulter vergrub. Als seine Umarmung vorsichtig erwidert wurde, begann er zu glucksen. Er hätte sich wirklich nicht so viele Gedanken machen sollen. Die Sache war ein Kinderspiel. Wer, wenn nicht er, wusste, wie man mit Simon am besten fertigwurde?

»A-alles in Ordnung, George?«

Es klang so besorgt, dass George sein Gesicht noch fester an Simons Robe pressen musste, um nicht lauthals loszulachen.

»Ist in den Weihnachtsferien was passiert? Haben deine Eltern das mit uns rausgefunden?«, fragte Simon kläglich und klopfte dabei zunehmend hilflos auf Georges Rücken herum, während er ihn gleichzeitig unbeholfen an sich drückte. »Schon gut, kein Grund zum Heulen. Komm schon, George. Sag was!«

Es war einfach zu komisch. Mit zuckenden Schultern versuchte er, in den Stoff der Schulrobe an Simons Schulter zu beißen, aber es war umsonst. Er konnte das Lachen nicht länger zurückhalten. Als Simon begriff, was vor sich ging, stieß er ihn mit einem Ruck von sich.

Für seine Verhältnisse sah Simon richtig wütend aus. Seine Augen funkelten fast zornig. »Du – du Idiot! Bist du übergeschnappt? Was soll das?«

George wünschte sich wirklich, er wäre einen Kopf größer gewesen. Es war unfair, dass er immer zu Simon aufsehen musste. Andererseits hatte jeder Nachteil auch seine Vorteile. George lächelte unschuldig zu ihm hoch. »Nur ein kleiner Denkzettel.«

»Denkzettel wofür?«, wollte Simon aufgebracht wissen – wovon sich George jedoch nicht täuschen ließ.

»Du bist doch sonst so schlau«, erwiderte er nur und sah Simon herausfordernd an. »Denk mal scharf nach! Vielleicht fällt dir ja was ein.«

»Ich habe nicht die geringste Ahnung, wovon du sprichst!«, behauptete Simon verlogen – und ohne mit der Wimper zu zucken.

Die Darbietung ließ nichts zu wünschen übrig, das musste George neidlos anerkennen. Simons Miene war eine Spur zu ausdruckslos, aber das ließ sich bei ihm schwer sagen. Jeder andere hätte es ihm wahrscheinlich abgenommen. Aber George Weasley war nicht jeder.

»Weihnachten«, erinnerte er Simon – nur um die Sache abzukürzen, nicht weil er auf dessen gespielte Unschuld auch nur eine Sekunde hereingefallen wäre. »Handschuhe. Drachenleder. Zwei Paar. Klingelt da was?«

Simon wurde nicht einmal rot. Er zuckte nur mit den Schultern und meinte leichthin: »Ach so. Was ist damit? Die falsche Größe?«

Es war beinahe perfekt. Nur ein winziges Zögern hatte verraten, dass Simon genau wusste, worum es ging. Unter anderen Umständen hätte George die Darbietung durchaus überzeugend gefunden.

»So was macht man nicht«, sagte er einfach. »Freunde tun so was einfach nicht.« Simon wollte offensichtlich etwas einwenden, aber George ließ ihn nicht zu Wort kommen. »Wir sind arm, okay? Arm wie in ›keine einzige verlauste Galleone für Weihnachtsgeschenke übrig‹. Wenn das zu hoch für dich ist, kann ich's dir auch aufmalen! Soll ich?«

Befriedigt stellte George fest, dass Simon sich auf die Unterlippe biss. Allerdings schien er noch nicht bereit, so schnell aufzugeben.

»Und wenn schon«, behauptete er fast trotzig. »Geschenke sind doch kein Tauschgeschäft! Und wenn's ein Geschäft wäre: Dein Geburtstagsgeschenk hatte mindestens einen vergleichbaren Wert für mich.« Simon räusperte sich und diesmal wurde er sogar ein klein wenig rot. »Zumindest subjektiv. Rein materielle Erwägungen sind doch nebensächlich. Der Gedanke zählt! Der ideelle Wert!«

»Einen Scheißdreck zählt der Gedanke!«, verkündete George freudestrahlend. »Und den ideellen Wert kannst du dir sonst wohin hin stecken. Ich will wissen, was der Gedanke gekostet hat. In Galleonen. Denen aus echtem Gold.«

Es dauerte eine Weile, bis George ihn niedergestarrt hatte, aber schließlich murmelte Simon: »Zwölf.«

George musste nicht einmal etwas sagen, nur die Brauen heben.

»Das Paar«, gab Simon zu und hielt diesmal trotzig seinem Blick stand. Eine ganze Weile. Schließlich verdrehte er jedoch entnervt die Augen und sah weg. »Also schön! Pro gottgegeißeltem Handschuh! Zufrieden? Achtundvierzig Galleonen alles in allem! Na und? Ist nur Geld!«

Am liebsten hätte George ebenfalls mit den Augen gerollt. NurGeld! So konnte nur jemand daherschwafeln, der wirklich keinen Schimmer vom Leben hatte. Achtundvierzig Galleonen waren eine Menge. Jedenfalls für ihn. Aber es bewegte sich in dem Rahmen, den er sich vorgestellte hatte, also sagte Simon diesmal vielleicht die Wahrheit, auch wenn er womöglich den ein oder anderen Sickel unterschlagen hatte. Immerhin waren es normale Drachenlederhandschuhe gewesen und keine Maßanfertigungen. Knapp fünfzig Galleonen für zwei Paar hörte sich einigermaßen realistisch an.

»Außerdem war das ohnehin eine einmalige Sache!«, verteidigte sich Simon. »Glaub bloß nicht, dass du so was öfter zu erwarten hast!«

»Ich erwarte gar nichts«, sagte George und stupste ihn mit dem Zeigefinger in den Bauch, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. »Überhaupt – rein – gar – nichts! Nichts zu Weihnachten, nichts zum Geburtstag, einen riesengroßen gigantischen Haufen Nichts zu jeder sich bietenden Gelegenheit! Mindestens für die nächsten fünf Jahre oder bis ich dir sage, dass wir quitt sind!«

»Das gilt dann aber nicht für die Verlobungsringe, oder?«

»Was?« George erstarrte. Verlobungsringe? Er war so baff, dass er im ersten Augenblick nicht sicher war, wer von ihnen beiden nun übergeschnappt war.

»Na ja, wenn du schon anfängst, für die nächsten fünf Jahre zu planen, dann dachte ich, könnte ich das Thema gleich einmal ansprechen«, sagte Simon ziemlich leise und vorsichtig – und mit erschreckend ernster Miene. »Wir können die Verlobung auch überspringen und gleich heiraten. Ich wär' eher für was Kleines, nicht so Formelles. Nur im engsten Freundes- und Familienkreis. Übernächstes Jahr? Im Herbst, wenn's nach mir geht. Die Zeremonie ist mir egal. Wenn du spirituelle Neigungen oder Vorlieben hast – ich halt zwar nichts von dem ganzen Religionsquatsch, aber ich bin in der Beziehung flexibel. Nur … falls es 'ne satanistische Messe werden soll: Blutopfer, Tiergedärme und rituelles Ziegenficken sind nicht so mein Ding. Tut mir leid, aber das müsstest du dann allein übernehmen.«

George schaffte es endlich, kurz die Augen zu schließen und zu blinzeln. Einen winzigen Moment lang hatte er tatsächlich geglaubt, Simon würde das ernst meinen. Aber niemand konnte so etwas ernst meinen. Niemand! Und selbst als Witz würde nur ein Irrer so etwas von sich geben.

»Specularis Speculoclaris!«, flüsterte Simon und wedelte mit dem Zauberstab, den er gezogen haben musste, während George nicht hingesehen hatte. Die Luft zwischen ihm und Simon zitterte und waberte – und war dann ein Spiegel. Wie eine glasklare Fata Morgana sah er sich selbst vor sich schweben.

Über den nichtvorhandenen Rahmen der Spiegelung hinweg grinste ihn Simon an. »Ich wette, wenn du genau diesen Ausdruck beibehalten könntest, hättest du die besten Chancen auf den ersten Preis für das dümmste Gesicht von ganz Hogwarts.«

George hatte sich sofort wieder unter Kontrolle. Die Bemerkung war nicht einmal einer Entgegnung wert. »Interessanter Spruch«, gab er jedoch widerwillig zu. »Wo hast du den her?«

»Nachgeschlagen. Nur für den Fall, dass sich mal wieder ein Basilisk oder etwas Ähnliches im Schloss herumtreiben sollte. Man kann nicht vorsichtig genug sein. Finite!«

»Nettes Ablenkungsmanöver«, meinte George, absichtlich doppeldeutig. »Aber es bleibt dabei. Ich verbiete dir, dass du mir jemals wieder –«

»George?«, unterbrach ihn Simon und lächelte dabei auf eine Weise, die George ganz und gar nicht gefiel. »Hältst du dich für meine Mum, George? Weil, wenn du dich für meine Mum hältst, dann hab ich zwei schlechte Nachrichten für dich. Erstens steh' ich nicht auf Frauen und noch weniger auf meine eigene Mutter, und zweitens hat nicht mal meine Mum das Recht, mir Vorschriften zu machen. Höchstens Vorschläge. Und ob ich die befolge, ist dann immer noch meine Sache.«

George fragte sich verzweifelt, was eigentlich schiefgelaufen war. Irgendwann im Verlauf ihres Treffens war etwas passiert, was ihm entgangen sein musste. Simon hatte es irgendwie geschafft, ihn in die Defensive zu drängen und dafür zu sorgen, dass er den Faden verlor. Aber das änderte nichts daran, dass er im Recht war. Simon wusste das genau, und George hatte langsam genug.

»Siehst du die Uhr?«, fragte er und hielt Simon sein Handgelenk mit der goldenen Armbanduhr unter die Nase. »Hat meinem Onkel Gideon gehört. Gideon Prewett, falls dir das was sagt. Fred hat die gleiche. Fabian und Gideon Prewett waren Zwillingsbrüder.«

Simon starrte ihn verständnislos an. George öffnete in aller Ruhe den Verschluss und nahm die Uhr ab, während er weitererzählte.

»Sie waren Brüder von unserer Mum. Sind im letzten Krieg gestorben. Fünf Todesser waren nötig, um die beiden umzubringen. Kein schöner Anblick. Es ist nicht viel von ihnen übrig geblieben, das man hätte beerdigen können. Und unsere Mum hat dann selbst Zwillinge bekommen und uns Fred und George genannt. Fabian und Gideon, Fred und George. So weit klar?«

Er wartete, bis Simon genickt hatte, und fuhr dann fort: »Die Armbanduhren haben sie zu ihrer Einschulung geschenkt bekommen. Und Mum hat sie an Fred und mich weitergegeben, als wir an der Reihe waren. Sie hat gesagt, sie wird uns enterben und danach persönlich in die tiefsten Tiefen der siebten Hölle befördern und uns dort bis in alle Ewigkeit bei lebendigem Leib verrotten lassen, wenn wir sie jemals verlieren. Den genauen Wortlaut weiß ich nicht mehr, aber so was in der Richtung. Das mit dem Enterben hat sie wohl als Witz gemeint, aber der Rest war ihr heiliger Ernst. Jedenfalls hat es sich so angehört.«

Und dann streckte er die Linke aus und hielt Simon die Uhr hin. »Hier. Schenk ich dir. Dann sind wir quitt. Oder was meinst du?«

Hah! Und so viel auch zum Thema »Dümmstes Gesicht von ganz Hogwarts«! Es juckte George in den Fingern, jetzt den Gefallen zu erwidern und einen Spiegel heraufzubeschwören. Der dämliche Ausdruck, mit dem Simon ihn anstarrte, wäre es wert gewesen. Aber er hatte den Spruch gerade eben zum ersten Mal im Leben gehört und war sich nicht sicher, ob er ihn ohne Übung im ersten Anlauf hinbekommen würde. Dennoch recht zufrieden mit dem Erfolg seiner Darbietung, wollte er die Hand bereits wieder zurückziehen, als Simon aufzuwachen schien und so blitzschnell nach der Uhr griff, als wäre er ein Sucher und das goldene Ding keine Armbanduhr sondern der Schnatz.

»Danke!«, sagte er und hielt sie sich kurz ans Ohr, als würde er sichergehen wollen, dass sie auch ging. George verfolgte sprachlos, wie Simon sich ungerührt die Uhr ums Handgelenk legte und den Verschluss zuschnappen ließ.

»Ziemlich schwer. Echtes Gold, hm?«

Noch immer fassungslos ließ George es einfach geschehen, als Simon ihn umarmte und sich ihre Lippen kurz berührten.

»Danke, George. Nicht ganz mein Stil, aber ich weiß die Geste durchaus zu schätzen. Und es ist schließlich der Gedanke, der zählt.«

»Du Arsch«, erwiderte George, aber selbst in seinen Ohren klang es nur nach hilflosem Protest ohne echte Überzeugungskraft.

Simon küsste ihn noch einmal und grinste ihn dann an. »Hast du wirklich geglaubt, ich würde so ein Geschenk ablehnen? Nur weil die Uhr einen sentimentalen Wert für dich hat? Hätte ich etwa ›Aber George! Das kann ich doch nicht annehmen!‹ oder was ähnlich Idiotisches von mir geben sollen? George, George, George. Bei aller Liebe … Was hast du dir dabei nur gedacht?«

»Aber …« Genau damit hatte er gerechnet. Jeder normale Mensch mit einem Hauch von Anstand und Gewissen im Leib hätte … George verzog schmerzhaft das Gesicht. In dem Punkt hatte Simon völlig recht: Was hatte er sich nur dabei gedacht?

»Aber ich bin ja kein Unmensch!«, behauptete Simon fröhlich, was George nur ein ungläubiges Aufstöhnen entlockte. »Lass uns verhandeln!«

George war so wütend, dass er seinen Zauberstab aus dem Ärmel rutschen ließ und ihn in einer einzigen fließenden Bewegung an Simons Hals brachte. »Ich könnte dich einfach lähmen und mir die Uhr wieder zurückholen«, drohte er.

Simon schlang die Arme um ihn und umarmte ihn so fest, dass ihm fast die Luft wegblieb. »Könntest du theoretisch«, meinte Simon unbesorgt – und küsste ihn schon wieder. George hatte große Lust, ihm auf die Zunge zu beißen, statt mitzumachen, aber irgendwie hatte er die ganze Küsserei zu sehr vermisst. Drei Wochen waren wirklich verdammt lang her.

»Vorschlag«, meinte Simon, als sie fertig waren. »Wegen der Handschuhe und der Uhr sind wir quitt. Hast du selbst gesagt.«

George wollte protestieren, aber Simon machte »Shhh!« und sagte: »Hör mir erst mal zu. Ich schlage eine Obergrenze für künftige Geschenke vor. Wie viel hätte ich ausgeben dürfen, ohne dein Ehrgefühl zu verletzen?«

»Nicht mehr als eine Galleone!«, erwiderte George nach kurzem Überlegen. »Höchstens! Ein paar Sickel hätten's auch getan. Am besten nichts!«

»Nichts ist keine Option«, lehnte Simon strikt ab. »Und eine Galleone ist indiskutabel.«

»Indiskutabel?«

»Viel zu wenig. Unter fünf ist nichts zu machen!«

George runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf. Was tat er hier eigentlich? »Zwei. Mein letztes Wort. Das ist mein Ernst, Simon. Es reicht mir langsam!«

»Drei, und ich leg die Uhr drauf. Ich geb' sie dir zurück, aber nur als unbefristete Leihgabe. Sie gehört zwar weiterhin mir, aber du darfst sie behalten, solange du willst. Mein letztes Wort.«

Es war zum Aus-der-Haut-Fahren und lächerlich. Es war so lächerlich, dass es zum Aus-der-Haut-Fahren war. Er hatte nicht vor, so viel Geld für Geschenke auszugeben. Nicht für Simon oder sonst wen. Und er hasste die Vorstellung, mit jedem Geburtstag oder Weihnachten immer mehr in Simons Schuld zu stehen. Geschenke waren nun einmal ein Tauschgeschäft. Keiner gab das offen zu, aber jeder wusste, dass es genau so ablief.

Mit einem Seufzen wischte George eine Haarsträhne aus Simons Stirn, aber sie war zu kurz, um hinter dem Ohr zu bleiben, und zu lang, als dass ihm sie nicht wieder vors Auge gefallen wäre. »Lässt du dir die Haare wachsen?«

Er erntete ein Schulterzucken. »Anthony meint, ein anständiger Zauberer trägt sein Haar mindestens nackenlang. Je länger, desto besser.«

Goldstein natürlich. Versnobter Schnösel. George sagte nicht dazu, aber er konnte sich Simon mit langen Haaren nicht so recht vorstellen. Obwohl … vielleicht würde es nicht einmal allzu komisch aussehen.

»Was ist jetzt?«, fragte Simon. »Einverstanden mit meinem Vorschlag?«

Es lohnte sich nicht, länger herumzustreiten. Es war wahrscheinlich einfacher, künftig etwas von seinem Anteil an ihren Ersparnissen abzuzweigen und in Simon zu investieren. Keine vier Galleonen natürlich. Ein oder zwei vielleicht, wenn die Kassenlage es zuließ. Insgesamt hätten Fred und er dann immer noch ein gutes Geschäft gemacht. Immerhin hatten sie jetzt neue Handschuhe, und irgendwann hätten sie sowieso welche kaufen müssen. Und selbst billige Treiberhandschuhe kosteten ein paar Galleonen.

Schließlich nickte George resignierend. »Warum tu ich mir das an?« Eine Hand wanderte kitzelnd seinen Nacken hinauf.

Grinsend meinte Simon: »Ich würde ja hoffen, weil du unsterblich in mich verliebt bist – aber wahrscheinlich ist es nur der Sex. Aber wenn man's genau nimmt, ist da vermutlich kein echter Unterschied. Oxytocin, Endorphine und der ganze Hormonquatsch.«

»Vollidiot!«

»Die reine Wahrheit.«

»Trotzdem Vollidiot!«

»Apropos Sex –«, begann Simon.

»Aha!«, machte George. »Wusst ich's doch! Hormone, meine Fresse! Das war wohl die schwächste Anmache, die ich jemals gehört hab'. Apropos Sex!«

»Dann eben nicht«, meinte Simon. »Nach über drei Wochen kommt's darauf auch nicht mehr an.«

In Georges Augen kam es sehr wohl darauf an, aber sie hatten noch mehr als genug Zeit bis zum Zapfenstreich. Und er hatte Simon vorher noch eine Mitteilung zu machen, die diesem wohl nicht gefallen würde. Was der einzige Grund war, sich darauf zu freuen.

»Apropos ›apropos‹: Angelina will dich kennenlernen«, informierte er ihn knapp.

»Welche Angelina?«

Manchmal war er sich nicht sicher, ob Simon nur so tat oder wirklich nicht wusste, was um ihn herum vorging. »Angelina Johnson! Groß, schwarz, Jägerin! Freds Freundin! Mordred! Sie sitzt jeden Tag an unserem Tisch! Bei Fred und mir! Angelina eben!«

»Ja, schon gut. Ich weiß, wen du meinst. Aber was will sie von mir?«

»Die Frage wird sie sich auch stellen, wenn sie dich erst mal kennengelernt hat«, murmelte George, und er meinte es in diesem Augenblick vollkommen ernst. »Aber sie hat nun mal drauf bestanden, meinen Freund persönlich treffen. Wenn sie schon für uns lügen soll.«

»Sie weiß Bescheid?«, fragte Simon überrascht. »Über ›uns‹?«

»Sie weiß von mir«, berichtigte ihn George. »Dass du derjenige welcher bist, weiß sie nicht. Noch nicht. Darum will sie dich ja kennenlernen. Hörst du mir eigentlich zu, wenn ich was sage?«

»Meistens«, gab Simon gleichgültig zurück. »Aber du redest oft so wirres Zeug, dass es schwer ist, deiner Logik – oder was bei dir so als Logik durchgeht – zu folgen. Also, weswegen soll sie lügen?«

George verdrehte die Augen. »Vielleicht erinnerst du dich, dass ein gewisser, nicht näher bezeichneter Jemand – ich will hier keinen Namen nennen – den als Habenichtse bekannten Weasley-Zwillingen ein absolut unangemessen teures Weihnachtsgeschenk gemacht hat? Könnte es sein, dass das auffällt? Dass jemand aus der Mannschaft vielleicht sogar auf die Idee kommt, dumme Fragen zu stellen? ›Hey, sind die neu? Ist das echtes Drachenleder? Aus welchem Geschäft habt ihr die denn geklaut?‹ zum Beispiel? Und da Angelina sowieso in der Mannschaft ist, wird sie ein paar Andeutungen machen, dass die Handschuhe von ihr sind, und die anderen werden es glauben.«

Hoffentlich. Eine plausible Lüge war schon allein deshalb nötig, weil Harry in der Mannschaft war. Harry klebte dauernd an Ron, und Ron wusste genau, was sie zu Weihnachten bekommen hatten. Aber George verzichtete darauf, das auch noch zu erklären. Simon wirkte auch so schon leicht überfordert. Jedenfalls starrte er schon wieder mit leerem Blick über Georges Schulter.

»Also wäre das Geschenk kein Problem gewesen, wenn es von Freds Freundin gekommen wäre?«, fragte er gedehnt. »Versteh ich das richtig?«

»Nein!«, stöhnte George. »Musst du einem wirklich jedes einzelne Wort im Mund herumdrehen?«

»Aber Fred hat kein Problem damit, dass andere Leute glauben, seine Freundin würde ihm solche Geschenke machen? Angeblich absolut unangemessen teure Geschenke, wenn ich mich dich mal zitieren darf?«

»Fred hätte kein Problem damit, wenn …« George verstummte. Es war wohl keine besonders gute Taktik, wenn er aufzählte, womit alles Fred kein Problem gehabt hätte. Zum einen würde es nur seine Argumentation untergraben, zum anderen womöglich Simon auf sehr dumme Gedanken bringen.

»Apropos Sex …«, wich er stattdessen aus.

»Du glaubst aber nicht wirklich, dass ich die Frage einfach vergesse?«

»Nein«, gab George ehrlich zu, leckte sich über die Lippen und küsste Simon dann. »Ich spiel' nur auf Zeit. Vielleicht fällt mir ja danach 'ne gute Antwort ein.«