18. Keiner Geht Allein
(Was Wollen Wir Trinken – Des Geyers Schwarzer Haufen)
»Und wird er mich auch wieder zurückbringen?«, fragte Sirius. Der Portschlüssel machte seinem Namen alle Ehre. Es war ein alter, klobiger, schwerer Schlüssel, dessen ehemals silberner Glanz nur an wenigen Stellen unter der schwarzen Patina hervorschimmerte. Er lag auf einem weißen Tuch und war vermutlich bereits aktiviert, da die Unterhändlerin der Urquharts es anscheinend nicht für sicher hielt, ihn zu berühren. Oder es war doch eine Falle.
»Nein, Mr. Black«, antwortete die Hexe ruhig. »Es handelt sich um einen unregistrierten Einweg-Portschlüssel. Ein ebenfalls unregistriertes Gegenstück für Ihren Rücktransport wird an Ihrem Ziel für Sie bereitgehalten.« Sie erlaubte sich ein kleines Lächeln. »Wie wir es vereinbart hatten.«
Womöglich hatten sie das tatsächlich. Sie hatten so vieles vereinbart, das meiste davon bedeutungslos. Selina Urquhart, zumindest hatte sie sich so vorgestellt, war während der Vorverhandlungen stets vollkommen ruhig, sachlich und distanziert geblieben. Er hatte die meiste Zeit Remus das Reden überlassen und sich aufs Beobachten beschränkt. Die Verhandlungen waren seltsam gewesen. Die ganze Zeit über hatte sein Verstand ihm zu äußerster Vorsicht geraten, während sein Instinkt ihn gleichzeitig dazu gedrängt hatte, dieser Hexe zu glauben. Jede seiner Erinnerungen sagte ihm, dass die Urquharts vertrauenswürdig waren. Remus war zwar vom Gegenteil überzeugt, aber er hatte auch nicht die Erfahrung seiner Schatten. Die Urquharts waren gefährlich, wenn man sie sich zum Feind machte, doch Intrigen und Verrat lagen ihnen nicht. Ein Schwert in der Brust war genauso tödlich wie ein Dolch im Rücken, und die Urquharts bevorzugten die direkte Methode. Vergiften konnte man auch das Schwert. In dieser und anderer Hinsicht waren sie den Blacks sehr ähnlich.
Und falls er sich irrte – die Hexe hatte Remus bereitwillig ihren Stab ausgehändigt. Natürlich war das Prozedere höchst altmodisch, und ihr Wert als Geisel hing stark davon ab, ob sie hinsichtlich ihrer Identität die Wahrheit gesagt hatte. Wenn sie nicht diejenige war, die zu sein sie vorgab, war sie keinerlei Garant für seine sichere Rückkehr. Es hätte Möglichkeiten gegeben, eine Täuschung auszuschließen – von Veritaserum über magische Eide bis hin zu Blutzaubern –, aber so ein Misstrauensbeweis wäre einer Beleidigung der Urquharts gleichgekommen und hätte wahrscheinlich das vorzeitige Ende der Verhandlungen bedeutet. Die Urquharts waren altmodisch. Ihm hatte als Zeichen ihrer Ernsthaftigkeit gereicht, dass sie die Mittagsstunde als Termin des eigentlichen Treffens vorgeschlagen hatte, auch wenn Remus die besondere Symbolik nicht verstanden hatte. Aber wie hätte er das auch können. Er war kein Black.
Die Januarsonne stand jetzt beinahe im Zenit und hüllte die schneebedeckte Lichtung in grell strahlendes Weiß. Ungerührt von seinem Zögern hielt ihm die Hexe den Portschlüssel hin. Wie eine Opfergabe ruhte der Portschlüssel auf einem weißen Tuch in ihrem Handteller. Es war es eisig kalt, doch ihre Hand zitterte nicht. Sie wirkte wie eine Statue, die nötigenfalls auch bis in alle Ewigkeit in dieser Pose verharren würde, ganz gleich, ob er die Einladung annahm oder nicht.
Sirius nickte Remus zu. »Wie abgemacht.«
Er griff nach dem Schlüssel. Er hörte noch Remus' Lähmzauber, bevor der Zug des Portschlüssels ihn wegreißen konnte. Er sah keine Überraschung in den Augen der Unterhändlerin, aber vielleicht hatte sie wirklich damit gerechnet. Sie hatte schließlich gewusst, dass sie von diesem Moment an nicht mehr unter Parlamentärsschutz stand, sondern zur Geisel geworden war. Und es war einfach sicherer, vor allem für Remus, wenn sie handlungsunfähig war. Vertrauen war das eine, Leichtsinn und Dummheit etwas anderes.
Der Sturmwind im Porttunnel zerrte an seinen Roben und bunte Farbspiralen tanzten um ihn herum. Er spürte den Ruck der Ankunft und hörte das Klirren, mit dem der Schlüssel zu Boden fiel, doch seine Sicht war noch immer verschwommen und von Farbschlieren durchzogen. Es dauerte einen Augenblick, bis er erkannte, dass es sich nicht um das bunte Nachglühen des Porttunnels handelte, sondern er sich unter einer Kuppel aus Schutzzaubern befand, die sich wie eine gigantische Seifenblase um ihn herum erstreckte. Und er stand mitten im Zentrum eines Pentagramms. Seine Hand, die bereits nach dem Zauberstab hatte greifen wollen, entspannte sich wieder. Ein Reisepentagramm. Seit Generationen wurden sie nicht mehr verwendet. Das Flohnetzwerk hatte sie verdrängt.
Nur verschwommen ließ sich erkennen, was sich hinter den bunten Schlieren der Schutzwand tat. Ein dunkler Umriss mit einem hellen Fleck vor grauem Hintergrund, vielleicht eine sitzende menschliche Gestalt in schwarzen Roben. Sirius bückte sich und hob den nun nutzlosen Schlüssel auf. Zwei hüfthohe, graue Steinsäulen, die breite flache Marmorschalen trugen, standen rechts und links der Pentagrammspitze vor ihm. Er straffte sich, strich sich kurz über die Ärmel und die Roben und ging dann zur rechten Säule. Im Vorübergehen sah er zur linken Schale hinüber. Darin lag eine einzelne Blüte mit vier einfachen Blütenblättern, offensichtlich aus Kupfer getrieben. Traditionell war der Portschlüssel, der einen Gast zurückbefördern sollte, bei dessen Ankunft bereits aktiviert. Doch ebenso wie die Schutzblase um das Reisepentagramm, die dem Gast eigentlich nur die Gelegenheit gab, sich unbeobachtet zu sammeln und vom Transport zu erholen, war es nichts weiter als eine höfliche, aber letztendlich leere Geste.
Sirius legte den schwarzsilbernen Schlüssel in die weiße Marmorschale, und die schillernde Blase um ihn herum fiel in sich zusammen. Er sah, dass er in einer runden Steinkammer angekommen war. Kein Ausgang, es sei denn, dieser befände sich hinter ihm. Er drehte sich nicht um, sondern hielt den Blick nach vorn gerichtet. Zwei Meter vor ihm saß tatsächlich ein Mann, doch seine Robe war nicht schwarz, sondern in schlichten, dunklen Brauntönen gehalten. Er erhob sich gerade von einer Bank – einem länglichen Quader aus grob behauenem Stein – und setzte einen schmucklosen, geraden Holzstab auf den Boden, der vorher quer über seinen Knien gelegen war und ihn nun um Kopfeslänge überragte. Ein schmaler, bronzener Stirnreif saß auf langen, braunen Haaren. Tief gekerbte Linien zogen sich von beiden Seiten einer breiten Nase zu den Mundwinkeln, aber das Gesicht wies ansonsten nur wenige Falten auf. Das Kinn war ausgeprägt, aber machte wie der Rest einen eher weichen als kantigen Eindruck.
Sirius war ein wenig überrascht. Er hatte sich Myles Urquhart, immerhin der Urquhart von Urquhart, wesentlich älter vorgestellt. Dieser Zauberer konnte höchstens doppelt so alt wie er sein: sechzig oder siebzig, keinesfalls älter. Ein Mann in den besten Jahren, breitschultrig, noch nicht gebeugt, kein Grau in den Haaren; jemand, der mitten im Leben stand, kein ehrwürdiger, weißhäuptiger Patriarch eines großen Hauses. Auch der Stab war wohl nicht dem Alter geschuldet, jedenfalls stützte sich der Mann nicht erkennbar darauf, während er zwei Schritte auf Sirius zukam. Zum Zaubern waren derart lange Stecken äußert unpraktisch. Kaum noch jemand machte sich die Mühe, die dafür nötige Technik zu erlernen. Mit solch unhandlichen Stäben konnte man nicht umbekümmert herumwedeln und einen Spruch nach dem anderen loslassen.
Obwohl Sirius mit vielem gerechnet hatte, war er befremdet. Selbst die traditionsbewusstesten Urquharts hatten seit Jahrhunderten normale Zauberstäbe benutzt. Anscheinend war Myles Urquhart ein Exzentriker. Oder ein Romantiker. Er war sich nicht sicher, was gefährlicher war.
»Willkommen auf Schloss Urquhart, verehrter Gast!«, sagte der Mann. »Ich bin Myles Urquhart.« Er hatte eine raue, fast kratzig klingende, keineswegs aber tiefe Stimme, irgendwo zwischen Bariton und Tenor.
Sirius zeigte seine offenen Handflächen, neigte den Kopf und erwiderte: »Ich danke für die Gastfreundschaft der Urquharts. Sirius Black, zu Diensten.«
Der Mann lächelte plötzlich, sein Stab wechselte die Hand, und er streckte Sirius die Rechte entgegen. »Lange her, Black.«
Eine Kaskade von Déjà-vus durchflutete Sirius, wie er es seit seiner ersten Vereinigung mit den Schatten der Blacks nicht mehr erlebt hatte. Es war wirklich lange her. Wie in Trance ging er auf Urquhart zu. Statt ihm die Hand zu geben, griffen ihre Daumen wie von selbst ineinander und ihre Fäuste schlossen sich zum alten Soldatengruß.
»Urquhart«, sagte er, und mit ihm sprachen Dutzende von Schattenstimmen den Namen aus. Wie ein beinahe hörbares, vielfaches Echo hallten sie durch seinen Kopf. Seine Schatten waren lebendig wie seit Monaten nicht mehr. Als wären sie wieder zu eigenständige Wesen geworden, krochen sie durch seinen Körper und kribbelten unter seiner Haut.
Die Augen seines Gastgebers blickten ähnlich glasig, wie es vermutlich seine eigenen taten. Unaufhörlich flüsterten ihm seine Schatten neues Wissen und alte Erinnerungen zu. Bilder, Töne, Gesprächsfetzen und Gerüche. Stampfen, Schreie, Flüche, sogar Waffenklirren – und Staub, Dreck und Blut. Zauber, die seit Merlins Zeiten niemand mehr gehört hatte, in lautem, kehligem Hass herausgeschrien oder leise und grausam geflüstert. Und über allem die Hände der Blacks und Urquharts, immer wieder die Fäuste zum Handschlag geschlossen. Die Flut der Eindrücke ließ Sirius schwindeln. Er fragte sich, auf welche Weise die Urquharts die Kontinuität ihres Erbes sicherten. Seine Schatten wussten es nicht, bestanden jedoch darauf, dass sie eine andere Methode als die Blacks verwendeten, nicht unter dem Schutz des Sternenmantels standen und keinen Mutterstein besaßen. Wenn seine Schatten ihm so vieles bisher verschwiegen hatten, was mochten sie dann noch für Geheimnisse vor ihm verbergen? Er löste den Griff und trat einen Schritt zurück. Auch Urquharts Augen wurden wieder klarer, während sie sich aus dem Sog der vorbeiziehenden Jahrhunderte lösten und in die Gegenwart zurückfanden.
Obwohl sich Sirius seines Gegenübers sicher genug war, wusste er, dass es an ihm war, den Urquhart auf die Probe zu stellen. In seinen Erinnerungen erschienen ungefragt eine ganze Reihe traditioneller Tests, aber Sirius wollte seinen eigenen Standpunkt deutlich machen.
»Na, Urquhart«, meinte er schließlich und grinste seinen Gastgeber an, »klettert ihr immer noch auf euren Bäumen herum?«
Urquhart zog eine Braue hoch. Sirius hätte nicht sagen können, ob der Mann belustigt, verärgert oder irritiert war. Aber seine Antwort kam schnell genug.
»Nur von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang«, beantwortete er die Herausforderung mit einer Gegenprobe.
Die Black-Schatten legten Sirius die einzig angemessene Antwort in den Mund, und er sprach sie aus: »Die Sonne geht niemals unter. Wie kann sie da aufgehen?«
Diesmal lachte Urquhart. »Ihr Blacks werdet auch nicht mehr schlauer, oder?«
»Zumindest bekommen wir von unseren Weibern keine Hörner aufgesetzt, Urquhart«, konterte Sirius gutgelaunt.
»Seit wann haben die Blacks Zeit für Weiber? Oder verwechselst du das mit Kühen?«
»Ich befürchte, da verwechselst du jetzt etwas, Urquhart.« Und dann musste auch Sirius lachen. Er mochte diese Inkarnation des Urquhart, und es tat gut, so offen reden zu können. Er war sich zwar nicht sicher, wie viel seiner Sympathie echt war und wie viel auf das zufriedene Summen der anderen Blacks in seinem Verstand zurückzuführen war, aber das kümmerte ihn im Moment nicht.
Eine Hand packte seine Schulter, und Urquhart wurde wieder ernst. »Es tut gut, dich zu sehen, Black. Wir haben uns zu lange nicht gesehen.«
»Wir haben uns noch nie gesehen«, wandte Sirius ein. Auch wenn sein Gastgeber ihm auf Anhieb sympathisch war und trotz der gemeinsamen Geschichte ihrer Häuser und der momentanen Euphorie, in die ihn sein von den Black-Schatten beherrschtes Unterbewusstsein versetzt hatte, war er nicht bereit, alle Vorsicht in den Wind zu schlagen. Noch war die Frage, wie Urquhart ihm helfen wollte, nicht geklärt – und noch hatte er keinen Preis für seine Hilfe genannt.
»Auch wahr«, stimmte Urquhart zu, doch dann wanderte sein Blick über Sirius' Schulter und sein Lächeln gefror. »Allzeit bereit, Black? Das Hasenpanier zu ergreifen?«
Er hatte den Katzenring bemerkt. Und natürlich wusste er, was es damit auf sich hatte. Ein paar seiner Vorfahren hatten ihn schon in Aktion gesehen. Auch wenn der Ohrring nur eine vernünftige Lebensversicherung war, nahm Urquhart es ihm vielleicht übel.
»Ich bin der letzte Black«, gab Sirius zu bedenken. »Was hast du erwartet?«
Urquhart entspannte sich merklich. »Natürlich«, sagte er und nickte verständnisvoll. »Überleben.«
Er drehte sich um und stieß mit dem Ende seines Stabs gegen die Bank, auf der er gesessen hatte. Lautlos glitten weitere Steinquader aus dem Boden, schwebten empor und formten die breiten Stufen einer Treppe, die bis zur Wand der Kammer reichte und sich von dort dann in einer Spirale nach oben zog, um schließlich hoch über ihnen in der Decke zu verschwinden.
»Komm!«, sagte Urquhart und machte eine einladende Geste. »Wir haben viel zu besprechen.«
Er ging voraus, und Sirius folgte ihm. Die Stufen waren zu breit, und er musste sich auf jeden Schritt konzentrieren. Urquhart schien daran gewöhnt, denn er nahm achtlos Stufe um Stufe, wandte dabei den Kopf und fragte: »Wie lange wird dein Mann auf deine Rückkehr warten?«
»Bis Sonnenuntergang«, erwiderte Sirius knapp. »Wie vereinbart.«
»Das ist mehr als genug Zeit«, meinte Urquhart. »Jedenfalls für das, was es zu besprechen gilt. Alles andere kann warten.«
Sirius macht nur ein unverbindlich zustimmendes Geräusch und hielt den Blick auf die Stufen gerichtet. Inzwischen waren sie so hoch, dass ein Sturz von der geländerlosen Treppe höchst unangenehme Folgen haben würde. Falls es keine Sicherheitszauber gab, die den Fall bremsen würden und er das Pech haben sollte, den Sturz zu überleben.
»Allerdings hoffe ich, dass dies nicht dein letzter Besuch auf Schloss Urquhart sein wird«, plauderte Urquhart weiter, anscheinend unbeeindruckt von der lebensgefährlichen Klettertour, auf der sie sich befanden. »Es ist wirklich zu lange her. Orion Black war kein Freund von … aber wem erzähle ich das?«
Verbissen setzte Sirius einen Fuß vor den anderen. Er zog es vor, so wenig und selten wie möglich an seinen Vater zu denken. Die Vorstellung, dass ein Teil von Orion Black nun als Schatten in ihm weiterlebte, war unerträglich genug – auch wenn es einer gewissen Ironie nicht entbehrte.
Zum Glück schwieg Urquhart das letzte Stück ihres Aufstiegs. Zwei Gestalten versperrten den Zugang zur nächsten Ebene. Steinerne Statuen, gesichtslos und abgesehen von Armen, Beinen und Kopf so unförmig, dass sie kaum menschenähnlich waren, standen mit gekreuzten Speeren Wache. Auf ein Wort Urquharts traten sie zur Seite und gaben den Weg frei.
Sirius folgte ihm in einen sechseckigen Raum, nur wenig größer als die Kammer, in der er angekommen war. In jeder der sechs Wände war eine breite kreuzförmige Aussparung eingelassen, eher Scharten als Fenster, durch die man grauen Himmel sah, jedoch keinen Boden. Das meiste Licht kam von einem großen Globus, der unter den massiven Stützbalken der Decke hing und wie eine kleine Sonne den Raum taghell erleuchtete. Bis auf einen schmalen Rand an dem Wänden bedeckte ein Mosaik den gesamten Fußboden. Es zeigte einen gewaltigen, aber ziemlich seltsamen Baum, an dem gelbrote, vierblättrige Blüten neben schwarzglänzenden tollkirschartigen Früchten hingen, während gleichzeitig braungoldene Blätter zu Boden fielen und einzelne Äste vollkommen kahl aus der Baumkrone hervorragten.
In jeder der sechs Ecken stand eine weitere Wächterstatue, alle mit einem Speer bewaffnet. Die Einrichtung war spärlich. Ein niederer Schrank und ein Sekretär an der gegenüberliegenden Wand, ein Stehpult vor einem Bücherregal. Der Stamm des Mosaikbaumes führte wie ein breiter, braun gesprenkelter Kiesweg in die Mitte des Raumes. Dort, wo er in die Krone überging, standen zwei geflochtene Sessel mit hohen, runden Rückenlehnen, dazwischen ein kleines Holztischchen mit einer Zinnkaraffe und zwei Bechern.
Keiner seiner Schatten hatte diesen Raum jemals gesehen, auch wenn die Einrichtung vage Erinnerungen weckte. »Ein neuer Turm?«, fragte Sirius, während er Urquharts einladender Geste in Richtung der beiden Korbstühle folgte.
»1903«, antwortete Urquhart und lehnte seinen Stab gegen eine der Statuen. »Auch schon wieder fast hundert Jahre alt. Wir benutzen ihn selten. Die meisten Besucher kommen heutzutage durch den Kamin.« Er deute vage zu Boden. »Und das Mosaik … ist nicht jedermanns Geschmack.«
Tatsächlich fiel Sirius erst jetzt auf, dass sich die bunten Steinchen bewegten. Kaum merklich, als schwömmen sie träge durch eine zähe Masse, änderten sie ihre Position, tauchten auf und wieder ab. Beinahe zu langsam, als das man es mit bloßem Auge hätte sehen können, wiegten sich die Blätter der Baumkrone wie im Wind, sprossen Knospen aus kahlen Zweigen, öffneten und schlossen sich Blütenkelche und taumelte Laub zu Boden. Er spürte keine Bewegung unter seinen Füßen, der Boden fühlte sich völlig glatt und stabil an, aber dennoch beunruhigte ihn das stetige Krabbeln all dieser farbigen Mosaiksplitter.
Sein Gastgeber hatte inzwischen selbst Platz genommen die beiden Becher aus der Karaffe gefüllt. Sirius konnte die Flüssigkeit nicht sehen, aber der leicht saure Geruch verriet den Inhalt.
»Merum sempiternum!«, toaste ihm Urquhart zu.
»Vita in morte«, erwiderte Sirius mit dem Wahlspruch der Urquharts und stürzte das Essigwasser in einem Zug hinunter. »Der Witz kam schon alt zur Welt, Urquhart«, fügte er etwas mürrisch hinzu, als er den Becher wieder abstellte, »und er ist in den letzten tausend Jahren kein bisschen komischer geworden.«
»Welcher Witz?«, fragte Urquhart mit scheinheiligem Grinsen. Sirius ersparte sich die Antwort, und auch Urquhart wurde wieder ernst.
»Du hast recht, Black. Lass uns zum Geschäft kommen. Für Plauderei ist später noch Zeit.«
Sirius lehnte sich in seinen Sessel zurück. »Ich höre.«
Ohne die Miene zu verziehen, nahm Urquhart einen weiteren Schluck aus seinem Becher und schenkte Sirius nach, bevor er begann: »Ich sitze hier als Vertreter einer Gruppe interessierter Parteien, nicht nur als Oberhaupt des Hauses Urquhart. In ihrem und meinem Namen mache ich dem Hause Black dieses Angebot. Wir kontrollieren ein Drittel des Wizengamot aus eigener Kraft und können darüber hinaus genug zusätzliche Stimmen oder Enthaltungen mobilisieren, um eine einfache Mehrheitsentscheidung herbeizuführen. Kurz gesagt: Wir bieten dir die vollständige Rehabilitierung an – einschließlich der Restitution des ständigen Sitzes der Blacks im Wizengamot.«
Das entsprach in etwa dem, womit Sirius gerechnet hatte, aber Urquhart hatte die Hauptfrage noch immer nicht angesprochen. »Und was erwarten du und diese ›interessierten Parteien‹ als Gegenleistung von mir?«
Der Korbstuhl knarzte, als Urquhart sich vorbeugte und sagte: »Schließ dich uns an! Tritt unserem Bündnis bei.«
So verlockend das Angebot auch war, die Blacks waren niemals besonders geneigt gewesen, die Interessen der Familie irgendwelchen Bündnissen unterzuordnen, und er hatte nicht vor, mit dieser Tradition zu brechen, wenn es sich vermeiden ließ. Andererseits neigten auch die Urquharts im Allgemeinen nicht dazu, sich als eines von vielen blökenden Schafen in der Herde zu verstecken.
»Wer, warum, mit welchem Ziel und zu welchen Bedingungen?«, fragte Sirius kühl.
»Über das Wer können wir reden, sobald du zugestimmt hast. Bis dahin reicht es, wenn du weißt, dass es eine Interessengemeinschaft großer und kleiner Familien ist. Ein relativ, äh, bunt gemischter Haufen. Aber die Namen der wichtigsten Spieler sind kein großes Geheimnis. Die meisten Gerüchte, die du diesbezüglich gehört hast, sind wohl zutreffend, auch wenn wir einige falsche in Umlauf gebracht haben.«
»Mein gesellschaftliches Leben ließ in den letzten Jahren stark zu wünschen übrig«, sagte Sirius leicht verbittert. »Ich bin nicht mehr ganz auf dem neuesten Stand, was den letzten Klatsch und Tratsch angeht.«
»Das ist bedauerlich«, meinte Urquhart trocken. »Die Zielsetzung«, fuhr er fort, ohne weiter auf die Identität seiner Verbündeten einzugehen, »ist simpel: kein neuer Krieg, solange die Wunden des letzten nicht verheilt sind. Keine weitere Schwächung unserer Familien, keine sinnlosen Opfer mehr, keine direkte oder indirekte Unterstützung – für keine der beiden Seiten. Alles Denkbare tun, um eine Wiederkunft des Dunklen Lords zu verhindern und – sollte sich das als unmöglich erweisen – dieses wahnsinnige Schlammblut erneut und endgültig zu eliminieren.«
»Die Wiederkunft des Dunklen Lords?«, fragte Sirius und bemühte sich, ein gewisses Maß an Schock und Unglauben durchklingen zu lassen. Es fiel ihm nicht schwer. Harry und Dumbledore hatten ihm zwar von den Vorkommnissen in Harrys erstem Schuljahr erzählt, aber er hatte nicht gewusst, dass die Geschichte sich so weit verbreitet hatte – und ernst genommen wurde. »Der Dunkle Lord ist tot! Und wieso Schlammblut? Wovon redest du, Urquhart?«
Mit undurchschaubarer Miene musterte Urquhart ihn. »Es gibt Möglichkeiten, den Tod des Körpers zu überleben. Wer wüsste das besser als wir, Black? Und die Frage seiner Abstammung ist in diesem Fall zweitrangig.«
»Aber der Dunkle Lord – wie soll er überlebt haben?«
»Da wir unter uns sind … Ich bin natürlich nicht völlig sicher, aber unsere Informationen lassen es sehr wahrscheinlich erscheinen, dass er einen Horcrux erschaffen hat.«
Diesmal musste Sirius seine Überraschung nicht vortäuschen. Ein Horcrux. Dumbledore hatte nichts dergleichen erwähnt. Es gab Blacks, die sich daran versucht hatten, die nicht damit zufrieden gewesen waren, als bloße Schatten ihrer selbst in ihren Nachkommen weiterzuleben. Sie waren früher oder später unweigerlich dem Wahnsinn verfallen und hatten unter großen Mühen eliminiert werden müssen. Ebenso wie die deformierten Monstrositäten, als die sich ihre Schatten nach ihrem endgültigen Ableben erwiesen hatten. Sirius tauchte für einen Moment völlig in seine Erinnerungen unter und versuchte, all sein verborgenes Wissen über Horcruxe aufzuspüren. Er griff nach dem Becher und nahm einen Schluck. Seltsamerweise war es gerade der saure Geschmack auf der Zunge, der ihn wieder in die Gegenwart riss.
»Weiß Dumbledore davon?«
»Schwer zu sagen«, meinte Urquhart zurückhaltend. »Wenn er nicht völlig in Senilität gefallen ist, muss er wohl zu demselben Schluss gekommen sein. Die Tatsache, dass der Dunkle Lord noch existiert, ist kaum zu leugnen, und die Wege, den Tod zu überlisten, sind begrenzt.« Er wiegte den Kopf und murmelte dann: »Es steht jedenfalls zu hoffen, dass Dumbledore davon weiß. Es ist nicht ausgeschlossen, dass er einen Horcrux in Besitz hat. Es wäre nützlich und würde unsere Aufgabe erleichtern, wenn er ihn vernichten würde.«
»Aber warum …?«, begann Sirius, brach jedoch ab. In gewisser Weise konnte er sich die Antwort denken.
»Pardon?«
»Warum nicht mit Dumbledore zusammenarbeiten?«, fragte er dennoch. »Eure Ziele scheinen mir –«
»Nein!«, unterbrach in Urquhart. »Das wurde erwogen und abgelehnt. Das Misstrauen war und ist zu groß. Wir hätten zu viele potenzielle Verbündete verloren, und nicht nur unter den Traditionalisten, den Reaktionären und den Blutpuristen. Zu viel angestautes Ressentiment, selbst unter den neutralen Familien. Und ich kann es verstehen. Auch meine Familie hatte Verluste auf beiden Seiten zu beklagen. Darüber hinaus …« Urquhart legte die Stirn in Falten und leerte seinen Becher, ehe er weitersprach. »Die Tage von Grindelwald sind vorbei. Dumbledore hat seinen Zenit vor langer Zeit überschritten. Ob er wirklich senil ist, spielt dabei keine große Rolle. Bereits vor dreizehn Jahren war er nicht in der Lage, den Dunklen Lord aufzuhalten. Ein Kleinkind musste es tun. Heute hat er weniger Verbündete als damals, und er wird nicht jünger. Wer weiß, ob er die Wiederkehr des Dunklen Lords überhaupt noch erlebt?«
Sirius war nicht überzeugt. Dumbledore war trotz seines Alters immer noch einer der mächtigsten Zauberer Britanniens, und es stand außer Frage, dass der Dunkle Lord ihn fürchtete. Im letzten Krieg hatte oft genug das bloße Erscheinen von Albus Dumbledore auf dem Schlachtfeld gereicht, um die Todesser und sogar den Dunklen Lord höchstselbst in die Flucht zu schlagen. Auch Urquhart musste das wissen.
Eine der tollkirschartigen Früchte hatte sich vom Baum gelöst und fiel den Stamm entlang den Wurzeln entgegen. Sirius' Blick folgte ihrem zeitlupenartigen Fall durch den zähen Wirbel der Mosaiksteine. Andererseits hatte Urquhart auch nicht unrecht. Dumbledore hatte sich im Laufe seines Lebens zahlreiche Feinde gemacht. Und es war auch eine Tatsache, dass er inzwischen weit über hundert sein musste. Seine Magie mochte ihn noch Jahre oder sogar Jahrzehnte am Leben erhalten, aber nur, wenn er sich nicht verausgabte und mit seinen Kräften haushaltete. Und wie lange konnte das gutgehen, wenn der Dunkle Lord wieder aktiv werden sollte?
Als Sirius wieder aufsah, hatte sich Urquhart in seinen Korbstuhl zurückgelehnt, die Fingerspitzen seiner Hände aneinandergelegt und beobachtete ihn schweigend. »Und die Vertragsbedingungen? Welche Pflichten hätte ich? Für wie lange?«
Urquhart blieb völlig unbewegt. »Keine Sonderpflichten. Keine Einschränkung deiner Autonomie. Achtung der anderen Verbündeten unter Wahrung der Bündnistradition, Unterstützung und Verteidigung bedrohter Bündnispartner nach eigenem Ermessen. Verfolgung der Bündnisziele mit allen Mitteln. Eine Absprache mit den anderen Verbündeten ist erwünscht, aber nicht zwingend, wenn es unpraktikabel erscheint. Geheimhaltung ist erwünscht, aber nicht zwingend, wenn es unpraktikabel erscheint. Falls du den Inhalt unseres Gespräch an Dumbledore weitergeben willst, steht dem nichts im Wege – solange es deinem Urteil nach den Zielen des Bündnisses dient. Verrat ist unerwünscht – es sei denn …
»… er dient den Zielen des Bündnisses?«, vollendete Sirius den Satz, ohne sich die Mühe zu machen, den ironischen Unterton seiner Stimme zu verbergen.
»Richtig«, meinte Urquhart ungerührt. »Du hast das Prinzip erkannt. Es gibt aber dennoch Pflichten. Deine Stimme im Wizengamot für gemeinsame Aktionen, nach ausführlicher Diskussion, Absprache und Mehrheitsentscheid. Dein Eid, nicht nur den Buchstaben des Vertrages, sondern seinem Geist zu folgen. Kein Unbrechbarer Schwur, aber ein Bluteid. Du kannst das Bündnis jederzeit einseitig aufkündigen, musst jedoch die anderen Verbündeten rechtzeitig informieren und darfst auch dann nichts tun, was den Zielen des Bündnisses widersprechen würde. Auch darauf wirst du einen Eid leisten müssen. Der Bündnisvertrag endet, sobald sein Ziel erreicht ist.«
»Das ist absurd«, sagte Sirius. »Das ist kein Bündnis, das ist …«, und dann fehlten ihm die Worte.
»Black! Dieses Bündnis ist nicht politisch! Nicht in seinem Kern! Es dient zuvörderst einem einzigen Zweck: Überleben!«
Sirius konnte nur den Kopf schütteln. Ein Bündnis, das man jederzeit wieder verlassen konnte. Ein Bluteid, nichts weiter als ein besseres Ehrenwort. Es war eine offene Einladung zum Verrat. Das Ganze war ein Witz! Er konnte einfach nicht glauben, dass Urquhart irgendetwas davon ernst nahm.
Urquhart schien seine Skepsis zu spüren. »Ein Bündnis der Vernunft und der Notwendigkeit. Ein Bündnis aus Eigennutz. Überleben, Black!« Er sagte es ruhig, aber eindringlich.
»Wessen überleben?«, sagte Sirius, um überhaupt etwas zu sagen.
»Unseres natürlich. Unser aller Überleben. Wir sind geschwächt, Black! Die großen Häuser, unsere Familien sind dezimiert worden! Dezimiert und dezimiert und dann noch einmal dezimiert, Black!« Krachend fuhr Urquharts Faust auf das Tischchen nieder, und Sirius zuckte unwillkürlich zusammen. »Muss ich dir erklären, was es heißt, einer Dezimation unterzogen zu werden? Ausgerechnet dir? Es ist unerträglich! Die Urquharts können sich keine weiteren Opfer leisten. Ich habe vier Enkel, zwei davon halbblütig! Und was ist mit dem edlen Hause Black? Wie nahe seid ihr dem Abgrund gekommen? Wie viele Blacks sind gestorben oder verrotten in Azkaban? Dein Vater war ein törichter Narr! Sei klüger! Wo wäre das Schwarze Haus, wenn dieser Becher Gift enthalten hätte?« Mit einer heftigen Handbewegung fegte er die Zinnkaraffe und die beiden Becher vom Tisch, und sie landeten klirrend auf dem harten Mosaikboden und rollten davon. Unter dem bronzenen Stirnreif funkelten seine Augen erstmals in unverhohlenem Zorn. »Wach auf, Black! Eure Linie ist beinahe ausgerottet! Was hilft dir dein lächerlicher Ohrring noch, wenn sich schleichendes Gift durch deine Adern frisst?«
Für eine schrecklich lange Sekunde fragte sich Sirius, ob Urquhart ihn womöglich tatsächlich vergiftet hatte. Und dann traf ihn der wahre Schrecken: Urquhart hatte recht. Regulus und seine Eltern waren tot. Bellatrix war wahnsinnig und mitsamt ihrem Wahnsinn und ihrem Ehemann in Azkaban lebendig begraben. Andromeda war verstoßen worden und hatte der Familie den Rücken gekehrt. Außer ihm gab es nur noch Narcissa, und Narcissa war nun die Malfoy-Witwe und ihr einziger Sohn der Malfoy-Erbe. Selbst wenn sie sich standesgemäß wiederverheiraten und noch weitere Kinder gebären sollte, an sich schon fraglich, war es nicht sicher, dass sie oder ihre neuer Ehemann eines dieser Kinder zum Black-Erben machen würden. Vorausgesetzt, Narcissa war tief genug in die Geheimnisse der Blacks eingeweiht, um eines ihrer Kinder durch die Initiation zu führen, was Sirius bezweifelte. Es blieb dabei: Hier und jetzt war er der Letzte aus der langen Linie der Blacks, der letzte seines Hauses.
Er räusperte sich, aber ehe er noch etwas sagen konnte, hob Urquhart die Hand. »Ich entschuldige mich für meinen Ausbruch. Aber unangenehme Wahrheiten sind dazu da, gelegentlich ausgesprochen zu werden. Sie geraten sonst zu leicht in Vergessenheit.«
Die erhobene Hand ausgestreckt, schlossen sich Urquharts Finger langsam zur Faust, und plötzlich hielt er wieder seinen Stab in der Hand. »Lass uns unsere Unterhaltung in meinem Arbeitszimmer fortsetzen. Die Hauselfen können uns einen kleinen Imbiss servieren, und vielleicht wird sich sogar etwas Anständiges zu trinken finden lassen.«
Ein Feuerwhiskey wäre Sirius jetzt alles andere als unwillkommen gewesen, und das sagte er auch.
Urquhart lachte und erhob sich. »Sollst du haben, Black. Ogdens besten.«
Auch Sirius stand auf und sah Urquhart fragend an. Dieser legte ihm die Hand auf die Schulter und meinte: »Du gestattest? Nur Urquharts apparieren hier. Zu Fuß wären wir eine Viertelstunde unterwegs.«
Mit einem knappen Nicken signalisierte Sirius sein Einverständnis. Urquharts Stab beschrieb einen weiten Bogen und wurde dann energisch auf den Boden gestoßen. Das Apparieren schien länger zu dauern als gewöhnlich, und der Knall, mit dem der Stab auf den Boden geschlagen hatte, hallte noch in Sirius' Ohren nach, als er sich im Arbeitszimmer Urquharts wiederfand. Aber der Feuerwhiskey war exzellent, und das zweite Glas noch besser als das erste. Gut genug, um das Essigwasser vergessen zu machen und Urquharts Vorschlag ernsthaft und in aller Ruhe zu erwägen.
Fred hatte es kommen sehen, war jedoch von der Plötzlichkeit überrascht. In einem Moment hatte Angelina noch gelächelt und George und Simon zum Abschied fröhlich zugewunken, doch kaum hatte sich die Tür des Eberkopfs hinter den beiden geschlossen, waren diese zwei gefährlichen Falten zwischen ihren Augenbrauen erschienen – und von Lächeln keine Spur mehr.
Dann fiel ihr finster anklagender Blick auf ihn. Es war unfair! Er hatte wirklich sein bestes Benehmen gezeigt! Nun gut, er hatte Simon mit »Hi, Schleicher!« begrüßt und den ein oder anderen Witz gemacht, als die Unterhaltung ins Stocken gekommen war – und das war mehr als einmal passiert –, aber alles harmlos, alles Spaß. Nichts zu Gemeines, nichts unter der Gürtellinie. Bei Tiamats Titten! Er hatte sich zurückgehalten, verdammt noch mal! Und dieses dämliche Doppel-Date war ohnehin nicht seine Idee gewesen!
»Was für ein Kotzbrocken!«
Freds Unterkiefer klappte nach unten. »Äh, was?« Er wagte kaum, zu hoffen.
»Ist er immer so …?« Angelina schienen die Worte zu fehlen.
»Reserviert?«, schlug Fred vorsichtig vor. Er wollte sich nicht zu weit vorwagen. Immerhin: Es konnte eine Falle sein. Solange er nicht vollkommen sicher war, schien Vorsicht angeraten.
Die Falten zwischen Angelinas Augenbrauen wurden noch tiefer, wenn das überhaupt möglich war. »Reserviert?«, wägte sie ab. »Meinetwegen. Ist er immer so ein reservierter Kotzbrocken?«
Fred konnte und wollte nichts gegen das glückliche Grinsen unternehmen, das sich auf seinem Gesicht ausbreitete. »Engelchen? Hab' ich dir heute eigentlich schon gesagt, wie sehr ich dich liebe?«
»Ja«, antwortete sie knapp, ohne dass sich ihr Stirnrunzeln gelegt hätte. »Das ist nicht der Punkt!«
Er strahlte sie nur an. Am liebsten hätte er ihr an Ort und Stelle einen Antrag gemacht, aber er aus zwei guten Gründen verzichtete darauf. Zum einen lud Aberforths Spelunke nicht zum Hinknien ein – unter der Bodenstreu verbargen sich manchmal Pfützen, und es war nicht gesagt, dass sie nur aus geschmolzenem Schneematsch bestanden –, zum anderen hatte er sich nach seinem letzten Antrag einen längeren Vortrag eingefangen. Über Verantwortung, Pflichten, die Fähigkeit, eine Familie zu ernähren, seinen Mangel an Ernsthaftigkeit und nicht zuletzt über seine OWLs, bei denen er sich besser ranhalten solle, wenn er jemals genug verdienen wolle, um eine Familie zu gründen. Das alles sei keine Sache, die man auf die leichte Schulter nehmen könne oder über die man Witze mache. Seitdem hütete er sich wohlweislich, Angelina noch einmal einen Antrag zu machen, obwohl schon sein erster nur halb als Witz gemeint gewesen war. Es war ja auch noch genug Zeit. Er würde Angelina schon rechtzeitig informieren, wenn es so weit war.
»Fred! Hörst du mir überhaupt zu?«
Er hatte keine Ahnung, was sie gesagt hatte, aber zum Glück kam Aberforth zu seiner Rettung.
Umständlich sammelte der alte Wirt die drei Krüge auf dem Tisch ein – Angelina hatte bei ihm mitgetrunken – und brummte dann mürrisch: »Wollt ihr noch was bestellen oder war's das?«
»Bring uns noch 'nen Humpen, Aberforth!«, sagte Fred gutgelaunt. Er hatte Lust zum Feiern. Angelina war wirklich ein Engel. Die beste und klügste Freundin, die man sich nur wünschen konnte! Sie hatte den Schleicher sofort durchschaut. Er würde die Erinnerung an den heutigen Tag wie einen Schatz hüten. Als sie den Schleicher einen Kotzbrocken genannt hatte, hätte er sie küssen können. Und warum eigentlich nicht?
Angelina reagierte überrascht, aber nicht ablehnend, als er sich zu ihr hinüberbeugte und sie leidenschaftlich küsste. Erst der Knall, mit dem der Bierkrug auf der Tischplatte landete, riss sie wieder auseinander.
»Euer Bier!«, knurrte Aberforth und verzog sich unter unverständlichem Gemurmel wieder hinter seine Theke.
Fred hätte nichts dagegen gehabt, gleich da weiterzumachen, wo sie unterbrochen worden waren, aber Angelina spielte nicht mit.
»Lass das, Fred!«, wehrte sie seinen erneuten Annäherungsversuch ab. »Die Lage ist ernst! Und was um Merlins willen ist ›Rugby‹?«
Angelina hätte sein Grinsen vielleicht falsch verstanden, deshalb nahm Fred schnell einen Schluck aus dem Bierkrug, um es zu verbergen. Quidditch. Das war es also, was Angelina auf die richtige Spur gebracht hatte. Als sie den Schleicher ganz harmlos gefragt hatte, was denn sein Lieblingsteam sei, war sie bestimmt bereit gewesen, jede Antwort zu akzeptieren. Sein Engelchen war in der Beziehung ziemlich tolerant, und wahrscheinlich hätte sie Simon, um George einen Gefallen zu tun, sogar verziehen, wenn er sich als Fan der Tutshill Tornados herausgestellt hätte. Angelina hasste die Tutshill Tornados mit Inbrunst und konnte ausfallend werden, wenn das Gespräch auf »die arroganten Wichser« kam, die sich »mit mehr Glück als Talent an der Ligaspitze breitgemacht« hatten. Aber dass Georges Freund Quidditch in Bausch und Bogen als wirren, dummen, unlogischen und insgesamt traurigen Abklatsch einer Mannschaftssportart bezeichnet hatte – gegen die Rugby übrigens wie Schach auf dem Rasen anmute –, damit hatte sie wohl nicht gerechnet. Er hätte gleich bemerken müssen, dass diese Antwort Angelina ganz schön angepisst hatte, aber das war einer dieser Momente gewesen, in denen sich einmal wieder peinliches Schweigen über die Unterhaltung gesenkt hatte, und er war zu beschäftigt gewesen, das Gespräch mit einem Witz über Muggelfußball wieder in Gang zu bringen. Schwerer Fehler, Schleicher, dachte Fred und hatte dabei fast so etwas wie Mitleid. Ganz schwerer Fehler!
»Rugby ist ein Muggelsport, Engelchen«, ließ er Angelina an seinem Wissen teilhaben. »Wie Quidditch ohne Besen.« Er versuchte alles an Information zusammenzukratzen, was ihm aus den Erzählungen ihres Dads noch in Erinnerung geblieben war. »Nur ein einziger Quaffel, keine Klatscher, kein Schnatz – und über ein Dutzend Jäger pro Mannschaft auf dem Spielfeld. Alles natürlich auf dem Boden. Und nur je ein ziemlich großes Tor. Ich glaub', es gibt nicht mal 'nen richtigen Hüter.«
Ihre Lippen wurden zu einem schmalen Strich. Ohne Kommentar entwand sie ihm den Bierkrug und nahm einen langen, kräftigen Zug.
»Ich versteh's nicht«, meinte sie schließlich. »Was findet George nur an dem Kerl?«
Da Fred sich exakt diese Frage selbst schon oft genug gestellt hatte, konnte er als Antwort nur mit den Achseln zucken.
Angelina schien auch keine Erklärung erwartet zu haben. »Er sieht nicht mal gut aus! Nicht dass George jetzt unbedingt 'nen Schönheitswettbewerb gewinnen würde, wahrscheinlich käme er nicht mal in die Endausscheidung –«
»Hey!«, protestierte Fred. »Du redest von meinem Zwilling!«
»– aber wenigstens hat George Humor«, fuhr Angelina unbeeindruckt fort, »Charakter, Charisma, ein Rückgrat! Aber dieser Simon ist nur ein arrogantes Arschloch mit dem Charm und der Persönlichkeit eines …«
Wieder schienen ihr die Worte zu fehlen, und Fred sprang ihr sofort hilfreich zur Seite. »Trollpickel? Grottenolm? Warzenmolch? Pferdearsch? Von stinkenden alten Socken? Unterhosen, die man einen Monat lang nicht –«
»Fred!« Nun war eindeutig er das Ziel ihres düsteren Blicks. Aber schließlich seufzte sie und meinte: »Ja. So was in der Richtung.« Und dann musterte sie ihn scharf. »Wenn du George verraten solltest, dass ich das gesagt habe, sind wir geschiedene Leute, Fred Weasley!
Fred verdrehte nur die Augen.
»Das ist mein Ernst, Fred!«
»Schon gut, schon gut.« Er hatte ohnehin nicht vorgehabt, George von diesem Gespräch zu erzählen. »Kein Wort kommt über meine Lippen. Versprochen.«
»Hat er gute Noten?«, fragte Angelina unvermittelt.
Er blinzelte verwirrt. Er versuchte vergeblich, den Zusammenhang zu sehen. Was ging jetzt schon wieder in Angelinas Köpfchen vor?
»Keine Ahnung«, antwortete er ehrlich. »Bestimmt. Er ist ein Ravenclaw-Streber! Gibt's bei denen überhaupt schlechte Noten? Warum willst du das wissen?«
Sie sah ihn nachdenklich an. »Irgendwas muss George ja an ihm gefallen. Vielleicht ist er ein helles Köpfchen, und man merkt's nur nicht gleich. Aber selbst dann … irgendwie hab' ich das Gefühl, dass dieser Simon nicht gut für ihn ist. Unser George ist einfach nicht der intellektuelle Typ. Oder …« Angelina verstummte versonnen.
»Oder was?«
»Oder er hat andere Vorzüge. Körperliche Vorzüge. George hat … nichts verlauten lassen? Keine Andeutungen gemacht?«
»Angelina!« Fassungslos starrte er seine Freundin an.
Sie zuckte nur mit den Schultern. »Jetzt stell dich nicht so an! Irgendwas muss es ja sein. Ansonsten bleibt nur ein Liebestrank oder etwas in der Art als Erklärung. Ist dir nichts Ungewöhnliches an George aufgefallen? Hat er sich irgendwie seltsam benommen, als das angefangen hat?«
Fred schüttelte den Kopf, während er noch immer angestrengt versuchte, den spekulativen Ausdruck in Angelinas Augen zu vergessen, mit dem sie von »körperlichen Vorzügen« gesprochen hatte. »Nein«, sagte er schließlich, als er sich wieder einigermaßen gefangen hatte. »War mein erster Gedanke, aber ich hab' keine Symptome bemerkt. Und ich hab' ihn genau beobachtet, darauf kannst du dich verlassen.«
»Es ist ein Rätsel. Sie passen einfach nicht zueinander. Und George könnte doch jederzeit etwas Besseres finden.«
»Könnte er?«, fragte Fred zweifelnd. »Wen? Die Auswahl ist ja wohl nicht groß. Gleich null, und null ist nicht viel. Natürlich wäre Lee oder so jemand besser für George, aber ich glaub' nicht, dass Lee … äh, Interesse hat. Oder?«
»Nicht Lee, du Dummerchen«, lachte ihn Angelina aus. »Lee hechelt seit Monaten Patricia hinterher. Aber George und sein Freund sind doch nicht die einzigen Schwulen in Hogwarts.«
Gerade noch rechtzeitig konnte Fred ein »Nicht?« unterdrücken. Selbstverständlich musste es noch andere geben. Er hatte nur noch nie allzu genau darüber nachgedacht, die entsprechenden Gerüchte hatten ihn auch noch nie interessiert, und wahrscheinlich waren die Hälfte davon sowieso falsch. Wenn er sich allerdings die Kandidaten vorstellte, die ihm auf Anhieb in den Sinn kamen, war er sich nicht einmal sicher, ob einer von ihnen wirklich eine nennenswerte Verbesserung zu Simon darstellte.
Plötzlich strahlte Angelina ihn an. »Du bist ein Genie, Freddy-Schatz! Das ist es! Die einzige Erklärung! Wenn du schon denkst, Georgie hätte keine Alternativen, glaubt er das wahrscheinlich auch!«
»Angelina?«, versuchte Fred vorsichtig einzuwenden. »Bist du sicher, dass George sich nicht ein paar mehr Gedanken darüber gemacht hat als ich? Versteh mich nicht falsch, Engelchen, aber immerhin hat er einen ziemlich triftigen Grund, über so was nachzudenken.«
»Und übermorgen ist Valentinstag«, murmelte sie. »Sehr kurzfristig, aber …«
Fred bezweifelte, dass sie ihm wirklich zugehört hatte. Sie nahm noch einen Schluck aus dem Krug und stellte ihn dann vor ihn hin. »Trink aus!«, forderte sie ihn auf. »Wir haben keine Zeit zu verlieren.«
Er stellte keine Fragen. Stattdessen griff er schicksalsergeben nach dem Humpen, aber bevor er noch einen Schluck nehmen konnte, war Angelina schon aufgesprungen und auf dem halben Weg zur Tür.
»Lass dir Zeit!«, rief sie ihm zu. »Ich muss erst mal Alicia finden, und du bist uns sowieso bloß im Weg. Wir sehen uns später!«
Dann fiel die Tür hinter ihr zu, und sie war weg. Er ignorierte das meckernde Gelächter von der Theke her und umarmte den halbvollen Humpen. Er wollte gar nicht wissen, was Angelina vorhatte. Vielleicht war es ja etwas ganz Harmloses? Konnte er es ausschließen?
Armer George. Sollte er ihn warnen? Aber das würde nur Ärger mit Angelina geben und wahrscheinlich doch nichts ändern. Er seufzte in seinen Bierkrug. Eine letzte Hoffnung gab es noch. Der Streich, den sie für übermorgen geplant hatten, konnte möglicherweise das Schlimmste verhindern und würde vielleicht auch Angelinas Eifer ein wenig abkühlen. Eher unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen.
Er würde sich jedenfalls nicht einmischen und so ahnungslos wie möglich bleiben, wenn es die Entwicklung und Angelina zuließen. Er war sich nicht sicher, mit wem er mehr Mitleid haben sollte: mit sich selbst oder George. Aber wahrscheinlich und mit etwas Glück würden sie es wohl beide überleben. Irgendwie.
Als das Fläschchen leer war, lenkte George den alten Schulbesen wieder zu Boden, wo Fred bereits mit dem nächsten wartete. Er beendete den Luftblasenzauber und fragte: »Alles klar?«
Fred nickte und reichte ihm die Phiole. »Keine Menschenseele. Nicht mal Mrs. Norris hat sich blickenlassen. Das ist die Letzte.«
»Gut«, sagte George, nahm die Phiole und schwang sich wieder auf den Besen. Bisher lief alles wie am Schnürchen. Auf halbem Weg zur Decke der Großen Halle richtete er den Zauberstab auf die eigene Stirn. »Sphaerium Spiro!«, flüsterte er, und die Luftblase legte sich um seinen Kopf. Es verbesserte die Sicht nicht gerade und machte seine Aufgabe nicht einfacher, war aber immer noch einem Aufenthalt im Krankenflügel vorzuziehen. Und ein solcher wäre wohl unvermeidlich gewesen, wenn er die Dämpfe eingeatmet hätte. Poppy wäre nicht begeistert gewesen, wenn er mitten in der Nacht halb ertrunken und mit Wasser in den Lungen an ihre Tür geklopft hätte.
Er folgte Freds Lumos, das ihn diesmal über den Lehrertisch dirigierte. George selbst hatte inzwischen die Übersicht verloren, wo er schon überall gewesen war, aber Fred hatte den Plan. Er ließ den Besen langsam steigen und streckte schließlich eine Hand über den Kopf. Als er die Decke spürte, stoppte er den Besen und sah nach oben. Der Himmel war sternenklar, aber vom Mond war nichts zu sehen. Doch es war ohnehin kurz nach Neumond, und das bisschen zusätzliche Licht hätte auch nicht viel gebracht.
George entstöpselte die Phiole und tippte seinen Zauberstab dagegen. »Vaporosa!«
Wie konzentrierter Nebel strömte weißer Dunst aus der Öffnung und formte eine kleine Wolke, die sich langsam unter dem Sternenhimmel der Decke ausbreitete. Klamme Kälte kroch unter seine Roben und machte ihm eine Gänsehaut. Zum Glück dauerte es nur wenige Minuten, dann war auch die letzte Phiole leer. Jetzt musste nur noch der Katalysator wie vorgesehen funktionieren, dann würde die Sache ein voller Erfolg werden. Sie hatten gestern vier ganz spezielle und selbstverständlich anonyme Valentinsgrüße im Postamt von Hogsmeade aufgegeben, einen für jeden Haustisch. Wenn alles klappte, würden morgen früh – technisch gesehen heute, in ein paar Stunden – die Posteulen dafür sorgen, dass die Augurey-Tränen aktiv wurden und die Reaktion einleiteten. Falls das schiefging, konnten sie immer noch einen Zauberspruch zur Decke schicken. Aber das war nur eine Notlösung. Wenn man sie erwischte, konnten sie mit mindestens einem Monat Nachsitzen rechnen, und der Punktverlust würde Gryffindor wohl jede Chance auf den Hauspokal nehmen – bestenfalls. Also durften sie sich eben nicht erwischen lassen.
Er stöpselte die Phiole wieder zu und flog zu Fred zurück.
»Perfekt«, meinte sein Bruder und verstaute auch das letzte leere Fläschchen wieder in seinen Taschen. »Jetzt nichts wie weg!«
Nach einem Kontrollblick auf die Karte verließen sie eilig die Große Halle. Auf dem Weg nach oben versteckten sie den alten Schulbesen zwischen dem Putzzeug in einer von Filchs Abstellkammern. Sie erreichten das Porträt der Dicken Dame ohne Zwischenfälle, und George wollte sie schon wecken und ihr das Passwort sagen, als Fred anzischte.
»Halt! Warte!«
»Was?«, fragte George leise.
»Dreck!«, flüsterte Fred. »Percy!«
George warf einen Blick auf die Karte, die Fred ihm hinhielt, und sah Percy – im Gemeinschaftsraum des Gryffindorturms, nur wenige Meter von ihnen entfernt. George hätte ihn erwürgen können. Selbst für nächtliche Patrouillen war es viel zu spät, und auch ein Oberstreber wie Percy musste doch irgendwann einmal schlafen!
»Und jetzt?«, fragte er Fred ratlos. »Ist er schon länger da? Hat er sich bewegt?« Vielleicht war er ja beim Lernen eingeschlafen und sie konnte sich an ihm vorbei in ihren Schlafsaal schleichen.
»Weiß nicht«, meinte Fred. »Ich hab' auf die Umgebung aufgepasst, nicht auf unseren Turm!«
Also konnte Percy schon länger im Gemeinschaftsraum sitzen, vielleicht oder vielleicht auch nicht eingeschlafen. Oder er war gerade erst aufgestanden, um schon vor Sonnenaufgang mit dem Lernen anzufangen, was man bei Percy ebenfalls nicht ausschließen konnte. Es war ein Risiko, so oder so. Warum hatten sie sich nicht Harrys Umhang ausgeliehen, bevor sie aufgebrochen waren? Ein Tarnumhang wäre jetzt höchst willkommen gewesen.
»Wir könnten im Rein-Raus-Raum schlafen«, schlug Fred vor. »Sind nur noch ein paar Stunden bis zum Frühstück.«
»Im Labor?« George war nicht begeistert. »Wo? Auf dem Fußboden? Nicht mal richtige Stühle, nur die Hocker!«
»Nicht im Labor«, murmelte Fred. »Du weißt doch noch, als ich letzte Woche mal nach K-5 sehen wollte …«
»Ja?«, sagte George. K-5 war ein vielversprechender Prototyp gewesen, aber leider hatte der Kanarientrank den beschleunigten Brauprozess nicht gut vertragen und sich als Fehlschlag erwiesen. Inzwischen blubberte K-6 in ihrem Labor vor sich hin.
»Na ja, ich war ein bisschen abgelenkt«, gab Fred zögernd zu. »Statt unserem Labor hab' ich ein … anderes Zimmer gefunden. Jedenfalls kann der Raum auch Betten machen.«
Empörung machte sich in George breit. Nicht nur, dass Fred ihr Trankexperiment gefährdet hatte – aber wann genau hatte sein Bruder geplant, ihn über diese Entdeckung zu informieren? Er funkelte Fred schweigend an.
»Hey, war ein Versehen! Und mit dem Trank war auch alles in Ordnung. Hat ihm jedenfalls nicht geschadet!«
»Was für ein Zimmer, Fred?«
Sein Bruder wich seinem Blick nicht aus. »Spielt doch keine Rolle! Jedenfalls können wir …«
Das leise Schnarchen aus dem Porträt der Dicken Dame verstummte plötzlich, und das war die einzige Warnung. Fred schaffte es nur noch, die Karte hinter dem Rücken zu verstecken, bevor das Gemälde zur Seite schwang und sie Percy gegenüberstanden.
Ihr Bruder schüttelte den Kopf und musterte sie hochnäsig über seine dicke Hornbrille hinweg. »Fred, George. Ihr wisst, wie spät es ist?«, fragte er von oben herab.
Geistesgegenwärtig machte George einen Schritt nach vorn und stellte sich vor Fred hin, um diesem Gelegenheit zu geben, die Karte zu verstecken. Er sah umständlich auf seine Armbanduhr. »Kurz nach vier, Perce«, tat er überrascht. »Solltest du um diese Zeit nicht längst im Bett sein, alter Knabe?«
»Wirklich sehr lustig, George«, antwortete Percy humorlos. »Rein mit euch!«
Er gab den Weg frei, und George folgte ihm dichtauf, um Fred noch etwas Zeit zu verschaffen. Als sie den Gemeinschaftsraum betraten und er sich schnell zu Fred umsah, war die Karte nicht mehr zu sehen. George erlaubte sich ein kurzes Aufatmen. Jetzt mussten sie nur noch irgendwie mit Percy fertigwerden.
Ihr Bruder schien tatsächlich gerade erst aufgestanden zu sein – um zu lernen! Auf einem Tisch lagen mehrere aufgeschlagene Bücher ausgebreitet, die noch nicht dagewesen waren, als sie aufgebrochen waren. Mit wichtiger Miene nahm Percy Platz, blätterte angelegentlich in einem der Bücher und kritzelte eine kurze Notiz auf ein Pergament.
»Was?«, fragte Fred, nachdem sie dieses Schauspiel eine Minute lang verfolgt hatten. »Bist du krank oder so? Keine Generve? Keine Predigt? Keine Punkte?«
»Würde es etwas helfen?« Percy hatte nicht einmal aufgesehen. Er zog ein anderes Buch unter dem Durcheinander hervor und blätterte nun darin, ohne ihnen Beachtung zu schenken. Als wäre sie nur lästige Störenfriede, die seiner weiteren Aufmerksamkeit nicht wert waren und für die es sich erst recht nicht lohnte, seine ach so wichtigen Studien zu unterbrechen.
George tauschte einen Blick mit Fred, aber auch dieser hatte offensichtlich keine Erklärung für Percys seltsames Verhalten. Es passte so gar nicht zu dem selbstgefälligen Oberstreber, sich so eine Gelegenheit entgehen zu lassen. Auch gut, dachte George. Fred und er zuckten gleichzeitig die Achseln und wandten sich zum Gehen. Ein paar Stunden Schlaf hatten sie noch, und wenn Percy sie morgen verpetzen sollte, würden sie ihn nicht daran hindern können. Er würde sowieso nicht mit sich reden lassen, also konnten sie sich jedes weitere Wort genauso gut gleich schenken.
Sie waren bereits auf dem Weg zum Treppenaufgang, als Percy doch noch einmal die Stimme erhob. »Ihr solltet vorsichtiger sein, wenn ihr nicht erwischt werden wollt. Ich habe euch gesehen.«
»Was du nicht sagst«, meinte George, ohne sich auch nur umzudrehen.
»In Hogsmeade. Hinter Dervish & Banges. Am Wochenende. Eindeutig einer von euch beiden – und noch jemand.«
Dreck! George fühlte sich, als hätte ihm jemand den Boden unter den Füßen weggezogen. Ihm war plötzlich so schlecht, dass er sich am liebsten an Ort und Stelle übergeben hätte. Ausgerechnet Percy! Dreck, Dreck, Dreck, Dreck, Dreck. Er drehte sich langsam um. Percy war noch immer über seine Bücher gebeugt und kritzelte wie nebenbei etwas auf sein Pergament. Eine Sekunde lang erwog George allen Ernstes, sich an einem Gedächtniszauber zu versuchen. Aber auch wenn Percy nicht hersah, er war Siebtklässler und – so schwer es George fiel, es einzugestehen – ein verflucht guter Zauber. Wenn es nicht auf Anhieb klappte, würde er keine zweite Chance bekommen. Und die Wahrscheinlichkeit, dass es auf Anhieb klappte, war nicht groß. Er spürte, wie etwas seinen Rücken berührte. Freds Hand legte sich vorsichtig zwischen seine Schulterblätter. George begann wieder, zu atmen.
»Die Gasse war leer«, sagte er tonlos, obwohl er wusste, dass es ein Fehler war, auch nur so viel zuzugeben. Aber er war sich sicher. Sie waren vorsichtig gewesen. Außer Simon und ihm war niemand dort gewesen, und sie hätten es gehört, wenn jemand sich genähert hätte. Percy konnte sie gar nicht gesehen haben. »Da war niemand.«
Percy sah nur kurz auf. »Tarnzauber«, sagte er und wandte sich wieder seinen Büchern zu. »Ich wollte nur einen kurzen Spaziergang machen. Es war reiner Zufall, dass ich dort vorbeiging.«
George glaubte ihm kein Wort. Niemand hätte sie zufällig sehen können, dazu waren sie zu vorsichtig gewesen. Niemand machte einen Spaziergang in eine verwinkelte Sackgasse hinter Dervish & Banges. Und ein Tarnzauber allein machte noch lange nicht geräuschlos. Percy hatte ihnen nachspioniert! Wahrscheinlich hatte er Fred und ihn beim Schmuggeln erwischen wollen. Es war ein offenes Geheimnis, dass sie »Bestellungen« für Hogsmeade aufnahmen. Für Percy wäre es wohl so etwas wie die Krönung seiner Schleimer- und Petzerkarriere gewesen, wenn er sie und ihr Geschäft hätte auffliegen lassen können.
»Was willst du?«, mischte sich Fred jetzt ein.
»Nichts«, antwortete Percy, was Fred ein ungläubiges Schnauben entlockte. George hatte für so etwas nicht genug Luft übrig, aber er war völlig einer Meinung mit Fred. Ihm war immer noch ein wenig übel, aber sein Herzschlag hatte sich inzwischen etwas beruhigt. Es war schließlich nicht das erste Mal, dass sie unerwartet erwischt worden waren, und die langjährige Übung half.
»Red schon!«, blaffte er Percy an. »Was müssen wir tun, damit du den Mund hältst?«
»Nichts«, murmelte dieser, scheinbar völlig in seine Notizen vertieft – als würde ihm das irgendjemand abnehmen. »Aber wenn du –« Er brach ab, sah plötzlich doch auf und warf ihm einen Blick zu, den George nicht recht deuten konnte. Definitiv seltsam.
Und dann runzelte Percy die Stirn, senkte wieder den Blick auf seine Notizen und meinte: »Vergiss es.«
Nur mit Mühe schaffte es George, ihn nicht anzuschreien. »Was, Percy?«
»Vergiss es.« Er zuckte scheinbar gleichgültig mit den Achseln. »Aber wenn ihr schon ein Geheimnis daraus machen wollt, würde ich an eurer Stelle in Zukunft vorsichtiger sein und die richtigen Privatsphärenzauber verwenden. ›Über die vergessene Kunst der Diskretion‹ von Tacitus Silas gilt als Standardwerk. Schwierig zu lesen, jedoch außergewöhnlich lehrreich. Verbotene Abteilung, aber das hat euch ja noch nie gestört, oder?«
George biss die Zähen zusammen, aber er wusste nicht, was er noch sagen sollte. Oder konnte. Er sah sich hilfesuchend zu Fred um, aber dieser schien genauso ratlos wie er selbst.
»Sonst noch etwas?«, meinte Percy, während er sich mit entnervender Ruhe am Zeigefinger leckte und wieder in einem Buch zu blättern begann. »Ihr solltet um diese Zeit in euren Betten liegen. Ich würde vorschlagen, dass ihr euch in euren Schlafsaal begebt und mich in Ruhe weiterarbeiten lasst. Gute Nacht. Oder guten Morgen, ganz wie ihr wollt.«
Von sich aus hätte sich George wahrscheinlich nicht von der Stelle rühren können, aber Fred packte ihn am Arm und zog ihn mit. Er stolperte die Treppe hoch und landete schließlich irgendwie auf seinem Bett. Fred zog die Vorhänge hinter ihnen zu und verstärkte in weißer Voraussicht die Silencio-Zauber. George hatte keine Lust zu flüstern, und ihre Standardzauber waren nur für normale Lautstärke ausgelegt.
»Dieses arrogante Arschloch!«, brach es aus ihm heraus, kaum dass Freds letzter Spruch verstummt war. »Der elende Flachwichser! Dreckiger Schleimscheißer! Dreimal verfickter Hurensohn!« Seine Hände zitterten, aber er wusste selbst nicht, ob vor Wut oder Aufregung. Aus vollem Hals schrie er ein paar Flüche und Morddrohungen hinterher, fühlte sich danach aber kaum besser. Am liebsten hätte er irgendetwas explodieren lassen, aber er beschränkte sich darauf, mit beiden Fäusten auf sein Kopfkissen einzuschlagen und sich dabei vorzustellen, es wäre Percy. Und nicht einmal das half.
Irgendwann räusperte sich Fred. »Kriegen wir uns langsam mal wieder ein? Oder soll ich Poppy Bescheid geben, dass sie ein gemütliches Einzelzimmer mit Vollpension und Wandpolsterung im St. Mungos für dich reservieren soll?«
George ließ sich erschöpft aufs Bett sinken. »Hört sich nicht schlecht an«, sagte er düster. »St. Mungos, mein' ich. Da wird der Schleimsack nämlich für den kümmerlichen Rest seines extrem kurzen Lebens landen, wenn er nicht sein dreckiges Maul hält.«
»Sind wir jetzt nicht ein klitzekleines bisschen melodramatisch?«, fragte Fred. »Okay, du bist schwul, und ihr neigt ja alle zum Überdramatisieren, allgemein bekannte Tatsache, aber was soll schlimmstenfalls schon passieren?«
George wusste Freds Bemühungen durchaus zu schätzen, aber ihm war nicht nach Witzeleien.
»Wem soll er schon was verraten?«, meinte Fred mit einem aufmunternden Grinsen, das seine Wirkung auf George völlig verfehlte. »Seinen unzähligen imaginären Freunden? Sogar die können ihn nicht leiden! Den Lehrern? Als ob die sich dafür interessieren würden, mit wem ein Schüler rummacht! Mum und Dad? Die müssten ihm erst mal glauben, und wenn er nicht mal weiß, wer von uns es war … Noch besser: Wenn er petzt, behaupten wir einfach, dass alles geplant war. Ein Streich, mit dem wir den alten Streber mal so richtig verarschen wollten. Vielsafttrank! Ich und Angelina! Dreck! Wenn mir das vorhin eingefallen wäre, hätte er die Geschichte vielleicht sogar selbst geschluckt!«
»Hmm …« George musste zugeben, dass Freds Idee nicht total schwachsinnig war. Sie hatten Percy schon ganz andere Streiche gespielt. Es klang zumindest nicht vollkommen unglaubwürdig, dass sie auch so etwas in Szene gesetzt hatten, um ihren Bruder als Volltrottel dastehen zu lassen. Wenn sie es richtig anstellten, würde Percy im Nachhinein vielleicht sogar selbst Zweifel bekommen – auch jetzt noch. Was sich hinter Dervish & Banges abgespielt hatte, war harmlos genug gewesen. Ein bisschen Herumknutschen, nichts Aufregendes. Es war womöglich Wunschdenken, aber George fühlte sich schon wesentlich ruhiger.
»Warten wir ab, was heute sonst noch alles passiert«, meinte Fred seltsam vage. »Nach 'ner Mütze voll Schlaf sieht die Welt vielleicht schon ganz anders aus. Wenn alle Stricke reißen, kann man den Hanf immer noch rauchen. Was du heute kannst besorgen, das verschiebe ruhig auf morgen. Kräht die Henne auf dem Mist, der Hahn wohl grade auf ihr ist. Frisch gefreit ist bald bereut. Morgenstund' stinkt aus dem Mund. Wer anderen in der Nase bohrt, findet Popel wohl auch dort. Wichsen am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen.«
»Fred!« Gegen seinen Willen musste George grinsen. »Es wird langsam kindisch. Dumme Sprüche helfen mir jetzt auch nicht weiter!«
»Dumm ist's, jemand zu bestehlen – man verdient mehr Geld mit Hehlen! Wer einen Drachen zähmen will, der landet oft auf dessen Grill! Dort wird er dann ganz sanft gegart, außen knusprig, innen zart. Wo rohe Kräfte sinnlos walten, da lass dich nieder – böse Menschen singen lustige Lieder! Wer sich nach der Seife bückt, wird schnell mal in den Arsch ge–«
»Fred!«
»–fickt!«, beendete Fred unbeeindruckt den Satz. »Merk dir das, George! Könnte noch mal wichtig werden. Und bist du nicht willig, dann krieg ich's auch woanders, nur nicht so billig.«
»Gute Nacht, Fred!« Lachend versuchte George, ihn mit einem gezielten Tritt aus seinem Bett zu befördern, aber er wich geschickt aus.
»›Gute Nacht, Fred!‹, sagt er! Und das mir!«, beschwerte sich Fred mit beleidigter Stimme. »George, George! Ich bin enttäuscht von dir! Nachts ist es kälter als draußen, und ich bin schneller als du, das weißt du doch! Und wer abends noch ins Wirtshaus geht, bald mit dem Weib auf Kriegsfuß steht! Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Es ist ein Blinder auf 'nem Rind. Wer reitet so spät durch Wind und Nacht? Mann auf Pferd! Wer hätte das gedacht!«
George war bei seinen weiteren Versuchen, Fred vom Bett zu schubsen, durch das eigene Lachen stark behindert. Und Fred war schnell, wich den Attacken scheinbar mühelos aus und deklamierte munter weiter.
»Wer reitet so spät durch Wind und Sturm? In diesem Apfel ist ein halber Wurm! Wer reitet so spät durch den Heidegrund? Es ist der Schäfer auf seinem Schäferhund! Wer reitet so spät durch unser Haus? Scheiße! Es ist schon wieder dieser gottverfluchte Blinde mit seiner Kuh! Rette sich, wer kann! Muh! Muh! Muuuh!«
Beim letzten Muh rollte sich Fred freiwillig vom Bett, grinste ihn vom Boden aus an und verschwand nach einem »Nacht, George!« hinter den Vorhängen.
Hilflos vor Lachen ließ sich George auf sein Kopfkissen fallen und schnappte nach Luft. Der Blinde auf seiner Kuh! Natürlich war es albern und kindisch, trotzdem fing er wieder zu lachen an. Seine gute Laune legte sich schlagartig, als ihm wieder einfiel, warum Fred diese Show abgezogen hatte. Er fühlte sich zwar erheblich besser, also hatte es wohl gewirkt, aber wirklich geändert hatte sich nichts. Die nächsten Stunden würde er bestimmt kein Auge mehr zumachen.
Tatsächlich lag er schließlich bis kurz vor Sonnenaufgang wach in seinem Bett und dachte nach. Als der Schlafsaal um ihn herum munter zu werden begann, stand auch er auf und torkelte ziemlich übernächtigt mit den anderen nach unten, der Großen Halle, dem Frühstück und dem Valentinstag entgegen.
Anthony schaufelte sein Frühstück so schnell in sich hinein, wie es sich mit einem absoluten Mindestmaß an Anstand und Dekorum gerade noch vereinbaren ließ. Simon hatte nur eine sehr vage Andeutung gemacht und wusste wohl selbst nicht genau, was passieren würde, aber die Tatsache, dass er an einem Montagmorgen als einer der Ersten zum Frühstück geeilt war, hatte Anthony dann doch überzeugt. Irgendetwas würde passieren, und da es als erwiesen gelten konnte, dass die Weasleys ihre Finger im Spiel hatten, würde es wohl mindestens eine mittlere Katastrophe werden. Er konnte sich zwar kaum vorstellen, wie es schlimmer kommen sollte als die Lockhart-Katastrophe letztes Jahr, aber er bezweifelte nicht, dass die Zwillingsbrut aus der Hölle nichts unversucht lassen würden, auch das noch in den Schatten zu stellen. Hoffentlich konnte er sein Geschenk vorher an den Mann bringen. Er warf erneut einen Blick zum Eingang. Wo blieb Milli nur?
Dann stieß er Luna unter dem Tisch an. »Dein Opfer ist da«, machte er sie auf Finnigans Erscheinen in der Großen Halle aufmerksam. »Hätte nicht gedacht, dass er sich heute heruntertraut.«
»Ein wahrer Gryffindor«, meinte Terry grinsend.
Luna hielt sich gerade lange genug auf, um sie beide mit einem vernichtenden Blick zu bedenken, und war dann auch schon unterwegs.
Anthony nahm sich noch einen Muffin und lehnte sich zurück, um das Schauspiel zu genießen. »Eines muss man Luna lassen«, kommentierte er das Geschehen, »sie kann ganz schön hartnäckig sein.«
Inzwischen hatte sie Finnigan gestellt und überreicht diesem gerade mit einem bizarren Knicks ihre Valentinskarte. Finnigan wurde nicht rot, eher vielleicht sogar noch bleicher, aber dadurch wurde das Aufblühen der hektischen Flecken in seinem Gesicht umso sichtbarer.
Terry hatte sich umgedreht und verfolgte die Szene ebenfalls. »Warum gibt sie nicht einfach auf?«, fragte er kopfschüttelnd. »Will sie's schriftlich haben?«
»Vielleicht reicht ihr auch das?«, meinte Anthony trocken. Finnigan war soeben mit Feuereifer dabei, Lunas Karte vor ihren Augen systematisch zu Konfetti zu verarbeiten. Sie waren zu weit weg, um viel zu verstehen, aber Finnigan wurde auch zusehends lauter, und einzelne Wörter konnte man bis an ihren Tisch hören. »In Ruhe lassen«, »verfolgen« und »blöde Kuh«, gefolgt von »dumme Gans« sprachen eine deutliche Sprache, was den Inhalt der Konversation betraf. »Stalkerin« war aber dann doch ein bisschen hart, und Finnigan hätte ihr das Konfetti nicht an den Kopf werfen sollen – Gryffindor hin oder her, auch Gryffindors sollten mehr Verstand und vor allem Selbsterhaltungstrieb haben –, aber irgendetwas davon schien zu Luna durchzudringen.
»Aua«, meinte Terry, und Anthony konnte sich dieser präzisen Analyse nur anschließen. Seltsamerweise zog Finnigan jedoch unbehelligt, körperlich unverletzt und hocherhobenen Hauptes von dannen. Luna sah ihm nicht einmal hinterher, als er an ihr vorbeiging. Und nicht ein einziger Fluch traf seinen Rücken. Sie stand wie erstarrt – und drehte sich dann um und kam an ihren Tisch zurück.
Terry beugte sich hastig wieder über seinen Teller, aber Anthony hielt wider besseres Wissen die Stellung – und den Eingang im Blick.
Luna setzte sich wieder auf ihren Platz und starrte ins Leere. Niemand gab einen Ton von sich. Anthony schob sich den letzten Rest des Muffins in den Mund und harrte der Dinge, die da kommen mochten.
»Habt ihr das gesehen?«, fragte sie auf einmal in das Schweigen hinein.
Da noch immer niemand Anstalten machte, sich zu äußern, opferte sich Anthony und sagte: »Ja.«
»Gesehen – und kommen sehen«, murmelte Terry, aber so leise, dass Luna so tun konnte, als hätte sie nichts gehört, wenn sie wollte. Simons ganze Reaktion bestand aus einem knappen Nicken.
Luna neigte den Kopf zur Seite, und mit einem verwundert unschuldigen Ausdruck – von dem Anthony sich jedoch nicht hinters Licht führen ließ – fragte sie: »Warum hat er nicht von Anfang an gesagt, dass er nicht mein Freund sein will?«
Vermutlich lag ein entschiedenes »Hat er doch!« nicht nur auf seiner Zunge, aber niemand von ihnen war lebensmüde oder dumm genug, es laut auszusprechen. Erneut senkte sich Schweigen über ihren Tisch.
»Was?«, sagte Luna, aber in ihrer Stimme schwang ein ungewohnter Hauch von Wut mit. Und eine Warnung, wenn nicht sogar eine implizite Drohung. Finnigans Haut war wohl etwas, in dem man in absehbarer Zukunft besser nicht stecken sollte.
Zu Anthonys Erleichterung wählte Milli diesen Moment, um mit einigen andern Slytherins im Eingangsportal der Großen Halle zu erscheinen. Er nutzte den willkommenen Vorwand und stand auf. Aber völlig konnte er der Versuchung nicht widerstehen.
»Freundschaftlicher Hinweis«, raunte er Luna hinter vorgehaltener Hand, aber laut und vernehmlich über den Tisch hinweg zu. »Azkaban soll zwar sehr idyllisch gelegen und auch zu dieser Jahreszeit einen Besuch wert sein, aber das Niveau der Gäste und die Unterbringungsmöglichkeiten lassen angeblich stark zu wünschen übrig. Von der Küche und dem Servicepersonal gar nicht zu reden. Und nach dem heutigen Auftritt wärst du sofort die Hauptverdächtige, sollte Finnigan etwas zustoßen – selbst wenn es ein Unfall war und man die Leiche niemals findet. Ich würde daher von Unverzeihlichen abraten und mich auf das übliche und gemeinhin akzeptierte Fluchrepertoire beschränken. Aber ich will dir selbstverständlich keine Vorschriften machen, ist nur ein gutgemeinter Rat.«
Er zwinkerte ihr zu und ergriff dann schleunigst die Flucht. Er rechnete nicht wirklich damit, dass sie ihm einen Fluch nachschickte. Immerhin hatte sie sogar bei Finnigan darauf verzichtet. Trotzdem schritt er, ohne zu rennen, zügig aus. Ein wenig Sicherheitsabstand konnte nie schaden.
Er hatte es nicht weit. Milli war ihm bereits ein gutes Stück des Weges entgegengekommen – oder vielmehr auf dem Weg zu ihrem Platz, aber er bevorzugte die erste Alternative, und es lief ja auch auf das Gleiche hinaus.
»Hallo, Milli«, hielt er sie auf. Und fügte schnell ein »–cent« hinzu, als er ihren Blick sah. Die anderen Mädchen blieben natürlich ebenfalls stehen. Er hatte ein bisschen Herzklopfen, als er das Päckchen aus der Tasche zog, obwohl er genau wusste, dass ihr die Ohrringe gefallen würden. Schließlich hatte Milli sie gewissermaßen selbst ausgesucht, als sie sich gestern in Hogsmeade wie vereinbart »zufällig« getroffen hatten. Sie waren durch verschiedene Geschäfte gezogen, und in einem kleinen Schmuck- und Juwelierladen war Milli ein wenig länger als nötig vor einem Paar silberner Ohrringe stehen geblieben und hatte sie bewundert – und er hatte dieses subtile Zeichen bestimmt richtig gedeutet. Dazu kam, dass sie, als sie das Geschäft wieder verlassen hatten, ihm in unmissverständlichen Worten zu verstehen gegeben, dass sie erwartete, dass er später allein zurückkam und die Ohrringe für sie kaufte, anstatt sein Geld für irgendwelchen Mist auszugeben. Dass hatte seine letzten Zweifel beseitigt. Man musste Milli einfach lieben!
»Millicent«, begann er noch einmal und hielt ihr das kleine, blaue Päckchen mit silberner Schleife hin. »Würdest du mir die Ehre erweisen, diese kleine Aufmerksamkeit zum Valentinstag anzunehmen? Es ist nur billiger Tand, deiner kaum würdig, oh liebliche Millicent, doch es würde mich zum glücklichsten Menschen auf Erden machen, wenn das schönste Mädchen von Hogwarts dieses unbedeutende Zeichen meiner –«
»Lass das Geschleime, Anthony«, drohte Milli, »oder ich mache dich so glücklich, dass du zu Boden gehst und so schnell nicht wieder aufstehst!«
Er ignorierte das Kichern und belustigte Schnauben des umstehenden Mädchenkordons und grinste Milli an.
»Also schön!« Sie seufzte übertrieben, nahm das Päckchen und klatschte ihm stattdessen ein anderes auf den Handteller. »Und jetzt zieh Leine. Ich will frühstücken.«
Es war nur ein kleines Lächeln, das ihre Lippen umspielte, als er sich elegant verbeugte, aber es war eindeutig da!
»Danke! Bis später dann!«, rief er ihr hinterher, und sie drehte sich tatsächlich noch einmal kurz um und zwinkerte ihm zu! Am liebsten wäre er an seinen Platz zurück getanzt, aber das kam natürlich nicht infrage. Andererseits war gegen einen federnden Schritt selbstverständlich nicht viel einzuwenden.
Luna schmollte noch immer, als er sich in bester Laune wieder hinsetzte. Simon starrte ziemlich düster ins Leere, und Terry schüttelte mit einem anzüglichen Grinsen im Gesicht den Kopf, aber das tat Anthony als Neid ab. Milli mochte zwar nicht wirklich das hübscheste Mädchen von Hogwarts sein, aber wenigstens hatte er ein Mädchen am Valentinstag. Und nicht das schlechteste. Terry konnte höchstens auf ein Mitleidskärtchen hoffen, und selbst dafür standen die Chancen nicht gut. Lisa wandte ihre Aufmerksamkeit seit kurzem lieber Michael zu, und außer ihr hatte noch niemand besonderes Interesse an Terry gezeigt.
»Er sieht gar nicht gut aus, oder?«, murmelte Simon plötzlich.
Da Terry mit am Tisch saß und auch Finnigan wohl kaum gemeint sein konnte, fragte Anthony gar nicht erst, sondern richtete seinen Blick ganz automatisch auf die Zwillingsbrut. Auch Terry sah kurz über die Schulter und meinte dann vollkommen ernst: »Ich seh' keinen Unterschied. Keiner von denen hat schon mal besser ausgesehen, von ›gut‹ ganz zu schweigen.«
Anthony konnte sich dem in jeder Hinsicht anschließen. Auch er sah keinen Unterschied zwischen den beiden, und sie waren heute Morgen genauso wie immer: zwei rothaarige Giftzwerge, deren äußere Erscheinung sich höchstens durch Vielsafttrank kurzzeitig hätte verbessern lassen. Für eine dauerhafte Lösung ihres Hässlichkeitsproblems hätte es eines permanenten Gesichtstauschs oder einer Behandlung im St. Mungos bedurft. Für Ersteres würde sich wohl kaum ein freiwilliger Tauschpartner finden lassen, und Letzteres würde die finanziellen Möglichkeiten der Weasleys wohl übersteigen. Hinzu kam, dass sich das Problem in doppelter Ausführung stellte, was es unwahrscheinlich machte, dass sich ein großzügiger Philanthrop zu einer anonymen Spende hinreißen ließ, auch wenn es eindeutig dem Allgemeinwohl gedient hätte.
Er erwog kurz, Simon einen entsprechenden Vorschlag zu machen – zum Wohle der gesamten Zaubererschaft und zur allgemeinen Hebung der ästhetischen Standards der Menschheit –, aber Simon hätte dieses großzügige Angebot im Moment bestimmt nicht zu würdigen gewusst. Morgen war auch noch ein Tag.
Stattdessen machte er sich daran, Millis Geschenk auszupacken. Das war erheblich interessanter, als über Weasleys nachzudenken oder Simon aufzuziehen. Er hatte Milli keine subtilen Zeichen hinsichtlich möglicher Geschenke gegeben – im Wesentlichen, weil er keines erwartet hatte – und war umso gespannter, was sie ausgesucht hatte. Der länglichen Form nach zu urteilen, schien eine neue Feder oder etwas in der Art am wahrscheinlichsten.
Unter dem Geschenkpapier kam eine rotbraune Schachtel zum Vorschein. Er öffnete sie und sah eine schwarzglänzende Klinge mit silbernem Heft. Vorsichtig nahm er das Messer heraus.
»Was ist das denn?«, fragte Terry neugierig.
»Ein Obsidiandolch«, erwiderte Anthony, während er mit dem Daumennagel die Klinge prüfte. Sie war rasiermesserscharf. »Braucht man fürs Zerkleinern von bestimmten Zutaten für ein paar seltene Zaubertränke.«
In Wirklichkeit brauchte man zwar keinen, aber traditionell benutzte man eben einen. Manchen aggressiven Ingredienzien rückte man am besten mit Goldklingen, die jedoch leider schnell stumpf wurden, oder eben Obsidianglas zu Leibe. Und wenn man sich ein paar Blutstropfen abzuzapfen hatte, galt es als ziemlich stillos, sich mit etwas anderem als Obsidian zu ritzen. Obwohl es für den Trank an sich keinen Unterschied machte. Aber Anthony hatte keine Lust, das alles lang und breit zu erklären. Der Dolch glänzte in sattem Schwarz, und in das silberne Heft waren Runen eingraviert – und ein verschlungenes »MB«. Es war ein nettes Geschenk, obwohl er natürlich bereits ein kleines Obsidianmesser hatte.
Als ihn eine Eule empört ankreischte, steckte er das Messer schnell wieder weg und nahm seine Zeitung entgegen. Überall über den Haustischen flatterten nun Posteulen und lieferten Briefe, Zeitungen und die meist beißend pastellfarbenen Umschläge derjenigen ab, die sich nicht trauten, ihre Valentinskarte persönlich abzugeben.
Anthony überflog die Schlagzeilen des Daily Prophet – eine Granianer-Herde war aus einem Gestüt auf den Hebriden ausgebrochen, eine französische Regierungsdelegation beim Zaubereiminister, die üblichen Spekulationen über Sirius Black, die inzwischen jedoch ziemlich weit nach unten gerutscht waren – und wollte gerade die erste Seite aufschlagen, als das Chaos ausbrach. Aus verschiedenen Richtungen erklang plötzlich ein markerschütterndes Sirenengeheul. Wie jedermann hielt sich auch Anthony die Ohren zu, aber das war nahezu wirkungslos. Sekundenlang brachten die hohen Töne sogar Besteck und Geschirr auf den Tischen zum Klirren, und sein gesamter Kopf schien ebenfalls zu vibrieren und mitzuschwingen. Und dann war es still. So schnell, wie das Heulen eingesetzt hatte, war es auch wieder vorbei.
»Was zum Teufel war das?«, fragte Terry, die Hände noch immer über den Ohren. »Eine Banshee?«
»Schwachsinn!«, sagte Anthony. »Dann wären wir jetzt tot!«
»Augureys«, meinte Luna. »Ziemlich laut, aber eindeutig der Gesang eines Augureys.«
Noch ehe Anthony seine Zweifel an dieser Aussage in Worte fassen konnte, traf ein dicker, nasskalter Tropfen seinen Handrücken. Er machte denselben Fehler wie viele andere und sah ungläubig nach oben. Der Wasserschwall, der ihm entgegenstürzte, raubte ihm den Atem. Er schnappte nach Luft. Es war, als hätte jemand mehrere Kübel Eiswasser über ihm ausgeleert oder als hätte ihn ein halbes Dutzend Aguamenti gleichzeitig getroffen. Von einer Sekunde zur anderen war er klatschnass, seine Schulrobe klebte an ihm und er spürte, wie unangenehm kaltes Wasser sogar bis zu seinen Unterhosen drang.
Panik brach aus. Spitze Schreie und lautes Kreischen kamen von allen Seiten. Einige versuchten, sich unter die Tische zu retten, andere stürzten schon auf den Ausgang zu. Am Lehrertisch blitzte ein buntes Feuerwerk von Zaubersprüchen auf, aber was auch immer die Lehrer da taten, ein Erfolg ließ sich nicht feststellen. Nach dem ersten Schwall klang der eisige Wasserfall von der Decke zu einem ebenso kalten Regenschauer ab. Der Unterschied fiel kaum ins Gewicht, so dicht prasselte der Regen auf sie herunter.
Anthony sah sich nach Milli um, konnte sie jedoch in dem Durcheinander nirgends ausfindig machen. Seine Zähne begannen zu klappern, während weiterhin dicke, kalte Tropfen von der Decke fielen. Er sprach einen Schirmzauber, aber der Regen klatschte ihm weiterhin unbeeindruckt auf die Stirn.
»N-nichts wie r-raus hier!«, brachte Terry unter heftigem Zittern und Zähneklappern hervor. Er hatte sich Simons Zeitung geschnappt und hielt sie über den Kopf. Eine sinnlose Verzweiflungstat. Die Druckerschwärze war völlig verlaufen, und das schmutzig-graue Papier lösten sich in seinen Händen bereits auf.
Niemand widersprach, und sie erhoben sich und wateten gemeinsam zum Ausgang. Das Wasser stand inzwischen gut knöcheltief und lief Anthony von oben in die Schuhe. Im Stillen wünschte er den verdammten Zwillingen – und wer sonst sollte dahinterstecken? – Pest und Cholera auf den Hals. Wahrscheinlich hielten sie sich und ihren kindischen Streich auch noch für besonders einfallsreich und komisch. Eine kalte Dusche für jedermann, um allzu leidenschaftliche Valentinsgefühle abzukühlen. Aber es gab einen Unterschied zwischen kalt und eisig, verflucht noch mal! Er fror erbärmlich. Wenn er sich den Tod holte, würde er nicht allein sterben, sondern mindestens zwei Weasleys mitnehmen, das schwor er sich und ihnen.
Natürlich war der Ausgang verstopft. Während es von oben weiterschüttete, drängten sich alle vor dem Portal der Großen Halle. Trotz Stoßen und Schubsen kamen sie nur schrittweise voran. Er sah sich noch einmal um, aber keine Spur von Milli. Milli! Hatte er ihr Geschenk liegenlassen? In Panik durchsuchte er seine Taschen, fand die Schachtel zu seiner Erleichterung aber sofort.
»Wärmezauber!«, sagte Simon von hinten, und Anthony zögerte nicht. Es half tatsächlich – ein bisschen. Statt in eiskalten, klatschnassen Roben fand er sich in lauwarmen, jedoch immer noch klatschnassen Roben wieder. Nur in seine Schuhe schwappte ein unaufhörlicher Nachschub von noch mehr Eiswasser. Sein Zittern und das stetige Aufeinanderschlagen seiner Zähne ließen etwas nach. Er versuchte sich erneut an einem Schirmzauber und danach an einem Trocknungszauber, aber dieser unnatürliche Regen widerstand all seinen Anstrengungen, ihn aufzuhalten oder auf magischem Weg wieder loszuwerden.
Als sie es schließlich irgendwie aus der Großen Halle geschafft hatten, wurde es nicht ruhiger. In der Vorhalle ging es fast genauso chaotisch und laut zu. Schülertrauben drängten sich vor dem Treppenaufgang, auch der Boden hier stand inzwischen unter Wasser, und Filch stand mitten darin und schrie Zeter und Mordio.
»Hoch?«, schrie Luna über den Lärm hinweg.
»Hoch und umziehen!«, brüllte Anthony zurück. Er wollte nur noch aus den nassen Schulroben heraus.
Erneut schubsten und drängelten sie sich durch die Schülermassen und erreichten schließlich die rettenden Stufen der Treppe. Ein Großteil der Ravenclaws und Gryffindors hatte anscheinend den gleichen Einfall gehabt und stauten sich nun von Treppenabsatz zu Treppenabsatz. Auch Slytherins und Hufflepuffs standen dichtgedrängt am Geländer – und vor allem im Weg – und beobachten aus sicherer Perspektive das Geschehen unter ihnen. Aber man konnte ihnen wohl kaum einen Vorwurf machen. Vermutlich schwappte das Wasser bereits von der Vorhalle in die Kellergewölbe. Ganz anders lagen die Dinge natürlich bei den Weasley-Zwillingen, die vom ersten Treppenabsatz aus ebenfalls klatschnass, aber hochzufrieden auf ihr Werk hinabgrinsten. Anthony war kurz in Versuchung, sie an Ort und Stelle mit Flüchen einzudecken. Aber er war zu durchnässt, und seine Ärmel klebten hinderlich an seinen Armen, was komplexe Zauberstabgesten erheblich erschwert hätte. Selbst Simon verdrehte leicht die Augen und schüttelte nur schweigend den Kopf, als sie an der Wieselbrut vorbeigingen.
Erst im dritten Stock löste sich der Schülerstau ein wenig auf, und sie kamen etwas besser voran. Noch immer erwies sich die Nässe als immun gegenüber jedem Trocknungszauber, den Anthony ausprobierte, und schließlich machte er es Luna nach und wrang sich das Wasser mit den Händen aus den Haaren.
»Alle Schüler begeben sich sofort geordnet in ihre Schlafsäle und ziehen sich um«, erklang plötzlich Professor McGonagalls laute Stimme aus den Wänden. »Der Unterrichtsbeginn verschiebt sich um eine halbe Stunde nach hinten, nachfolgender Unterricht findet stundenplangemäß statt.«
Anscheinend hatten die Lehrer die Lage endlich unter Kontrolle bekommen. Es war auch Zeit geworden. Leider hatte sie die erste Stunde ohnehin frei, also würden sie nicht einmal in dieser Hinsicht von der unfreiwilligen Dusche profitieren. Anthony hoffte nur, dass Milli nach dieser morgendlichen Abkühlung nicht allzu verschnupft war. Andererseits war sie nicht der Typ, der sich leicht beeindrucken ließ. Insofern standen seine Chancen wohl besser als die der meisten, dass sein Valentinstag nicht schon jetzt völlig ruiniert war.
Mit diesem hoffnungsvollen Gedanken stapfte er weiter, während sich noch immer bei jedem Schritt Wasser aus seinen Schuhen quetschte. Trockene Roben, Schuhe und ein Handtuch hatten jetzt oberste Priorität. Ansonsten musste man einfach abwarten, was der Tag noch bringen würde. Nachdem schon der Beginn derartig ins Wasser gefallen war, konnte es eigentlich nur besser werden, oder?
Hoi! Sorry, Kapitel ist schon seit Dienstag fertig, aber ich konnte erst am späten Freitagabend mit dem Korrekturlesen anfangen. Mittwoch kam meine Großmutter unerwartet wieder aus dem Krankenhaus, und es war alles Mögliche zu organisieren, dann kam dies und das noch dazwischen. Ihr wisst ja wie's ist: Um Ausreden bin ich nie verlegen. ;P
Kapitel: Der Titelsong ist 'ne Coverversion. Vielleicht kennt ja jemand das Original »Sieben Tage lang« von den »bots«. Ist fast textgleich (bis auf die Zeile, die ich für den Titel benutzt hab'), und auch ansonsten ist nicht viel um. Erwähn's nur, weil die Version von »Des Geyers Schwarzer Haufen« eher schwer bis gar nicht im Internet zu finden sein dürfte. Wer sich die den Song anhören will, ist mit der Originalversion auch gut bedient.
Mein Eulchen! Werteste Strix!
Ach, liebstes Eulchen, willst du meine Hybris befeuern? Dass Klein Anthony solche Emotionen auslösen kann, hätte ich nicht gedacht! Ich wusste ja, dass ich ein Literat von der Gewitztheit und moralischen Integrität Mark Twains, der Massentauglichkeit und Spannungsgeladenheit eines Michael Crichton und der Schaffenskraft und Formulierungskunst sämtlicher drei Brontë-Schwestern zusammen bin, aber das meine Charaktere einen Leser zu solchen Gefühlsausbrüchen veranlassen könnten, hätte ich nicht für möglich gehalten. Anthony nervt also, so, so.
Nö, ernsthaft, ich geb's ja zu, die Szenen mit Anthony sind oft ziemlich langweilige Lückenfüller. Und ich beschreib ihn auch nicht besonders interessant. Und auch wenn du nichts mit dem Auftauchen Lunas aus ihrer Versenkung im letzten Kapitel zu tun hattest (zumindest das Setting der erste Szene eines neuen Kapitels steht für gewöhnlich schon fest, wenn ich mit den vorherigen fertig bin), so ist es doch (fast) ganz allein deiner Beschwerde über Anthony geschuldet, dass er diesmal schon wieder eine Szene hat. Den Valentinstagsstreich hätte ich aus jeder Perspektive schreiben können (ich hab auch alle kurz in Erwägung gezogen), aber dann dachte ich an dich und hab zu Klein Anthony gesagt: »Komm her, du Racker! Wir haben eine Mission! Wir müssen Strixens Geist zermürben und sie in den Wahnsinn treiben!« Und er kam brav angedackelt, hat mich aus treuherzigen Augen angesehen und gemeint: »Ärpflglbm. Muss das sein? Schon wieder? Kannst du nicht mal zur Abwechslung jemand anderm auf den Senkel gehen?« Dann hat er noch dunkle Drohungen ausgestoßen (von wegen Kinderarbeit und so), und ich musste ihm versprechen, dass er irgendwann vor Ende des fünften Buches wenigstens ein Mädchen wenigstens einmal küssen darf (er hat nicht auf Milli bestanden). Ja, die Witzigkeit hält sich in Grenzen, wie schon Heinrich-Paul Kerkerling so treffend sang!
Argh, wo waren wir. Anthony, genau. Eisbärenfell? Eisbärenfell! Eisbärenfell? Häh? Das war in etwa meine Reaktion, als ich das Wort »Eisbärenfell« las. Ich bin erst nach nochmaliger Lektüre der Anthony-Szene drauf gekommen, wie du auf Eisbärenfell gekommen bist. Kaminvorleger. Argh! Das ist der hirnzersetzende Einfluss von schlechten Hollywoodfilmen, mein Eulchen! Wenn du jemals ein Haus betrittst, in dem ein Eisbärenfell als Kaminvorleger verwendet wird, dann lauf, so schnell du kannst, und dreh dich nicht um!
Mit der Hollywood-Version des Kaminvorlegers gibt es drei Probleme. Erstens ist das Fell wenn nicht weiß, dann wenigstens sehr hell. Freude jeder Hausfrau und jedes Hausmanns. Lange Haare. Weiß. Vor dem Kamin. Wo immer wieder mal ein Stück halbverbrannte Holzkohle zu landen kommt und Ruß ein Dauergast ist. Danke. Zweitens haben lange Zotteln die unangenehme Eigenschaft, kleinen Rindenstückchen und anderem Dreck ein perfektes Zuhause zu bieten. Raue Holzrinde kann sich in flauschig lange Teppich- oder Fellfasern wie eine Klette hängen. Kommt noch ein Tröpfchen Harz dazu, hat man eine Kombination von Klette und Kaugummi, die man am besten gleich herausschneidet, sobald sie sich erst einmal festgetreten hat. Drittens ist Eisbärenfell ein Fell! Haare! Aus dem Kamin fällt immer wieder mal was noch Glühendes. Und Haare, die mit Glut in Verbindung kommen, stinken gottserbärmlich.
Das alles kann man sich ersparen, wenn man einen richtigen Kaminvorleger und nicht die Hollywood-Variante benutzt. Ein Kaminvorleger hat ja den Zweck, den darunterliegenden Boden (Dielen/Teppich/Auslegware/Laminat) vor herunterfallender Glut und dem unvermeidlichen Dreck zu schützen, der mit dem Schüren mit Holz eben einhergeht. Man nimmt einen dichten, dicken, keinesfalls flauschig-haarigen Teppich, möglichst schwerentflammbar, gerne etwas dunkler und vielleicht auch noch dunkel gemustert, damit man die absolut unvermeidlichen Brandflecken nicht so leicht erkennt. Es gibt nicht viele Dinge, die so prosaisch und praktisch wie ein anständiger Kaminvorleger sind.
Die kitschig-romantischen Kuss- und Sexszenen auf Fell vor offenem Kamin, die jeder kennt, haben aber nicht nur diesen kleinen Fehler. Meistens sitzen oder liegen die Beteiligten auch so nah am Feuer, dass die Flammen ihrer Leidenschaft im Vergleich zur Glut und Wärmeabstrahlung eines ordentlich beheizten Kamins geradezu kühl anmuten müssen. So dicht am Kamin kann es schnell sehr ungemütlich werden, und die Hitze der Flammen kann auf nackter Haut noch unangenehmer als auf bekleideter sein. Ich weiß, ich weiß, ich hack drauf rum, aber das musste einfach mal gesagt werden. Echtes Fell am Boden ist immer unpraktisch. Höchstens als reine Dekoration in einem selten betretenen Eck oder an der Wand kann man darüber reden, aber selbst dann ist es meistens nur unpassend und geschmacklos – wenn man nicht gerade ein Zimmer im Kolonialstil einrichten will.
Übrigens hab ich mein Lebtag noch keine volle Seite aus irgendeinem der Werke Thomas Manns gelesen. Ich musste das »Wälsungenblut« nachgoogeln, hatte noch nie von dem Roman gehört (oder vergessen, dass ich schon mal davon gehört hatte). Was die Wikipedia darüber schreibt, hat mich in meinem Vorurteil nur bestätigt: Der Mann war ein Arschloch vor dem Herrn. Keines seiner Bücher interessiert mich inhaltlich, und wenn mich etwas inhaltlich nicht interessiert, kann man es mir in der Sprache Shakespeares um die Ohren hauen, man wird mich dennoch nur müde gähnen sehen.
Reich-Ranicki war natürlich auch so ein Thomas-Mann-Fanboy, aber ansonsten war er meistens unterhaltsam. Ich hab mir das literarische Quartett immer angesehen, als es noch lief, aber es musste schon ein sehr kalter Tag in der Hölle sein, wenn ich irgendeines der besprochenen Bücher mal in die Hand genommen hab. Ich lese fast ausschließlich Trivialliteratur, weil die meiste »echte« Literatur inhaltlich unerträglich trivial und erschreckend einfallslos ist. Trivialliteratur ist in Bezug auf ihren Inhalt nur selten trivial und greift in ihren Handlungsklischees nur halb so oft wie ernsthafte Literatur auf Topoi zurück, über die schon die alten Griechen nur noch müde lächeln konnten (siehe Thomas Mann). Alle klauen sie wie die Raben bei Homer, Shakespeare und den anderen alten Griechen und schämen sich kein bisschen, das »kreative« Künstlerpack!
Barthes ist aber im Gegensatz zu Mann wohl eine echte Bildungslücke meinerseits. Wenn ich mal ganz viel Zeit übrig habe, werfe ich vielleicht mal nen Blick auf das, was er so geschrieben hat. Klingt nicht dumm, was er angeblich so von sich gegeben hat.
Und schon sind wir mitten in meiner Autobiographie! Ach Eulchen, prinzipiell teil ich ja deine Abneigung gegen Autobiographisches. Ich persönlich lese weder Biographien noch Autobiographien. Nie. Was könnte langweiliger und uninteressanter sein als das reale Leben realer Personen? Gääähn! Aber ich versichere dir, meine Kritzeleien sind in etwa so autobiographisch wie die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. Sowohl was Felix Krull als auch Thomas Mann betrifft, ohne dass ich mich in irgendeiner Weise mit einem der beiden Herren vergleichen will. Würde mir auch schwerfallen, da ich wie gesagt noch nie auch nur eine einziges Werk von Thomas Mann gelesen hab.
Und leider ist meine Pubertät auch nicht wirklich geeignet, um im Rahmen einer Harry-Potter-Fanfiction aufgearbeitet zu werden. Bei weitem nicht düster, emo und angsty genug. Die Hälfte der Zeit war ich sowieso zu besoffen oder bekifft, als dass ich viel mitgekriegt hätte. In Bezug auf meine Pubertät autobiographisch relevant sind eigentlich nur die Titelsongs, und selbst die nur zum Teil. Der heutige gehört übrigens zu den relevanten! ;P
Äh, und was mein Liebesleben betrifft, danke der Nachfrage, aber mach dir mal keine allzu großen Sorgen. Mal besser, mal schlechter. Man schlägt sich so durch. Ganz so peinlich und unrealistisch wie in der George/Simon-Szene ging und geht es bei mir dann doch nicht zu. (Obwohl ich natürlich darauf bestehen muss, dass ich ein sehr schwieriger Charakter bin, mit dem nicht leicht auszukommen ist – was mir auch oft genug von zweiter und dritter Seite betätigt worden ist.)
Zur moralischen Flexibilität Ronans und dem ethischen Umgang mit privilegiertem Wissen:
Ich seh nichts ansatzweise moralisch Fragwürdiges an Ronans Handlung. Er ist vielmehr einer ethischen Pflicht und Schuldigkeit gegenüber einer Verwandten/Freundin nachgekommen. Ich glaube, nur strikte Deontologen können erfolgreich und innerhalb ihres Denkgebäudes logisch konsistent anders argumentieren, aber darüber müsste ich erst eine Weile nachdenken, bevor ich das als Faktum verkaufen möchte.
Jedenfalls würde die Verbreitung deontologischer Dogmen dem pädagogischen Impetus meines kleinen Machwerks widersprechen (auch wenn ich reinen Utilitarismus genauso ablehne; ich bin im Grunde meines Herzens ein gemäßigter Eudämonist mit hedonistisch-rationalem und stark indifferentialistischem Einschlag [der in solipsistischer Hybris die meisten anderen Ethiksysteme in letzter Konsequenz für unfundiert, unbegründbar und intrinsisch paradox hält – kurz: blubberdiblubb Blabla, juhu juchheissassa!]).
Dass Ronan gleich Kopien der »Akten« an ein dreizehnjähriges Mädchen übergegeben hat, war aber ein dummer und höchst unrealistischer Einfall meinerseits. Ich wollte damit nur rein erzähltechnisch das unbeholfene »Gespräch« zwischen den beiden vereinfachen und abkürzen. Lass mich kurz noch mal was Autobiographisches draufsetzen. Ein ehemaliger Mitschüler von mir ist jetzt SysAd und inzwischen für die gesamte EDV der Stadtverwaltung zuständig (Einwohnerzahl dürfte etwa das sechsfache der Zaubererbevölkerung von Irland sein). Wenn ich mich dafür interessieren würde, was bei uns unter der Hand so alles vor sich geht (was ich nicht tue), könnte ich bei nem gemütlichen Bierchen Geschichten in Erfahrung bringen (rein theoretisch natürlich), von denen nicht mal unser Bürgermeister weiß (der übrigens in meiner Nachbarschaft wohnt und über den ich durch bloßen Nachbarschaftstratsch mehr in Erfahrung bringen kann, als ich jemals wissen will).
Kleine Gemeinschaften operieren so. Wenn ich mich einem alteingesessenen Einwohner unserer kleinen Stadt mit meinem Namen vorstelle, wissen die nicht, wer ich bin. Wenn ich ihnen Mädchennamen meiner Mutter nenne oder ihnen sage, zu welcher Sippschaft ich gehöre, weiß jeder, der aus einer ortsansässigen Familie kommt und ein gewisses Alter erreicht hat, wer ich bin und wie er mich einzuordnen hat (samt den angeblichen oder realen Charaktereigenschaften des Klans; wir gelten nicht zu Unrecht als extreme Sturköpfe, nur um ein Beispiel zu nennen). Schön schrecklich. Natürlich stimmt das für die Zugezogenen oder die ganz Jungen schon jetzt nicht mehr, aber ich bin gar nicht sicher, ob das gut oder schlecht ist. Wenn jeder jeden kennt, hat das auch Vorteile.
Jetzt muss ich erst dein Review noch mal lesen, hab vergessen, wo ich war und was ich schreiben wollte.
Hinsichtlich der »Residenten« möchte ich Widerspruch anmelden. Das war genauso verkrampft, konstruiert, hingebogen, unrealistisch, unbeholfen und schlicht peinlich wie der ganze Rest des Kapitels. Aus meiner Sicht. Ich brauchte irgendeinen Begriff (oder hab mir eingebildet, ich bräuchte einen), und mir ist nichts Besseres eingefallen. Das ganze letzte Kapitel könnte man in Bausch und Bogen streichen, ohne das etwas fehlen würde. Im Gegenteil: Die durchschnittliche »Qualität« meines Geschreibsels würde dadurch ansteigen! Trauring, aber wahr.
Deine Bemerkung über Georges Legitimationsstrategie hab ich ehrlich gesagt nicht verstanden. Wie kann man Verliebtheit als eine Legitimationsstrategie für die eigene Homosexualität missbrauchen? Ich hab mir den Satz über George jetzt fünfmal durchgelesen, und es ergibt immer noch keinen Sinn (und ausgerechnet der Nebensatz mit der Legitimationsstrategie haut auch grammatikalisch nicht ganz hin, sieht nach einem Formulierungsartefakt aus).
Ich interpretier mal, und korrigier du mich, falls ich das falsch verstanden hab: Du meinst, dass George (oder ich als sein Kritzler?) seine Verliebtheit in Simon als Strategie missbraucht, um vor sich selbst die eigene Homosexualität zu rechtfertigen? Wenn du das so gemeint hast, dann sag ich dazu nur: häh?
Erstens wäre das kein Missbrauch von Verliebtheit (wenigstens nicht in meinen Augen). Zweitens: Vorausgesetzt, George bräuchte eine Legitimationsstrategie für seine Homosexualität, wie sollte ihm Verliebtheit dabei helfen? Die wäre ja Teil des Problems, wie soll sie gleichzeitig Teil einer sein? So nach dem Harry-Potter-Motto: »Ich bin nicht schwul! Ich bin dracosexuell! Eigentlich steh ich nicht auf Männer, aber du bist die einzige große Ausnahme, bei der ich nicht widerstehen kann, also bin ich eben doch ein kleines bisschen schwul, aber nur für dich!« (Ich könnte jedes Mal nen Mord begehen, wenn ich so nen Quatsch lesen muss.) Und George redet sich in ähnlicher Weise ein, er wäre simonsexuell, damit er sich irgendwie nicht dem vollen Ausmaß seiner »allumfassenden« Homosexualität stellen muss? Ist das gemeint?
Ich hab ehrlich gesagt schon Probleme damit, George große Verliebtheit zu unterstellen. Ich seh auch kein inneres Legitimationsproblem, dass er zu lösen hätte, nur ein äußeres. Oder hast du genau das gemeint? Dass er seine Verliebtheit nur anderen (und vielleicht sich selbst) vortäuscht, damit er einen Vorwand hat, seine Homosexualität auch aktiv auszuleben? Das scheint mir noch die sinnvollste Interpretation, aber auch hier kann ich weder einen Missbrauch von Verliebtheit noch eine Legitimationsstrategie erkennen (zumindest keine, die den Namen verdient hätte). Verliebtheit in diesem allgemeinen Sinn ist doch immer nur eine biologische Strategie des Organismus, um Sex vorzubereiten? Oder bin ich jetzt total durchgedreht?
Egal, dass das Fandom ein geschlossener Kreis ist, mag so sein. Wenn ja, bin ich nicht drin. Als Nicht-Harry-Potter-Fan bin ich wohl ohnehin schon ein ziemlicher Exot im »Fandom«, und als Mann fühlt man sich im erlauchten Zirkel der Slasherinnen sowieso höchst fehl am Platz.
Was den Fanon angeht: Ich hab ganz sicher auch schon mal Albus-Storys gelesen, in denen er in Slytherin gelandet ist, und ich mein sogar mich dunkel zu entsinnen, mal den Anfang einer Story gelesen zu haben, in der er ein Ravenclaw wurde (ich bin mir nicht wirklich sicher, vielleicht bild ich mir das auch nur ein). Aber du hast recht. Wenn er nicht in Gryffindor landet (und das tut er doch auch hin und wieder), hat Otto-Normal-Slasherin ihn meistens nach Hufflepuff gesteckt. Ich in der schwarzen Orchidee ja auch, allerdings auch nur, weil ich ihn Neville aufs Auge drücken wollte.
Von einer Stellungnahme JKRs weiß ich nichts. Ich denke, das hat sich einfach so ergeben. Diejenigen, die Klein Albus nicht nach Gryffindor stecken wollten (was ja tatsächlich reichlich einfallslos ist: noch ein Potter in Gryffindor), hatten eigentlich nur Ravenclaw und Hufflepuff zur Auswahl. Slytherin ist für Harry Potters Sohn doch ein bisschen extrem, und außerdem muss schließlich meistens schon Scorpius dorthin. (Es macht dramaturgisch keinen Sinn, Albus ins selbe Haus zu stecken, egal ob Scorpius als Rivale oder "love interest" fungieren muss; Albus sollte in nem anderen Haus landen, damit ein bisschen Hausrivalität mitspielen kann). Da also nur Hufflepuff und Ravenclaw als Optionen bleiben und nach Ravenclaw nur die Streber, Langweiler und Bücherwürmer gehen, mit denen sich keine spannende Story basteln lässt, schmeißen die meisten Fanfiction-Autorinnen ihn eben nach Hufflepuff. Ausschlussverfahren. Mehr steckt m. E. nicht dahinter. Dass man sich mit Hufflepuffs noch dazu relativ einfach identifizieren kann, ist vielleicht ein willkommener Bonus.
Das mit der Ironie hab ich zwar verstanden, aber ich wurde als Kind dagegen geimpft und bin seither immun. Nein, war ein Witz.
Mit dem ganzen Rest und vor allem mit den Korrekturdurchgängen hast du wie immer recht. Mehr Sorgfalt würde nie schaden. Aber es ist so unendlich öde, den Mist, den man in mühevoller Kleinarbeit zusammengestöpselt hat, dann auch noch mal zu lesen! Ich hab auch bei der Zweitlektüre nur ein paar Formulierungsartefakte gefunden, durchaus im Rahmen meiner normalen Fehlerquote, ich bin aber auch extrem eigentextblind. In jeder Hinsicht gilt wie immer: Du darfst meine Fehler ruhig deutlich benennen, wenn dir was Krasses auffällt! (»Erwähren wird übrigens »erwehren« geschrieben, um mal mit gutem Beispiel voranzugehen. Aber du kannst ja nichts dafür, dass du von der Rechtschreibreformreform gezeichnet bist.) ;P
Shit! Vier Seiten Gelaber! Ich muss jetzt wirklich langsam zum Ende kommen. Danke für dein Review! Ich war ehrlich überwältigt! Und ich habe jede einzelne Zeile davon genossen! Und ich musste dreimal nachgoogeln! Und ich bin einfach geplättet, von so viel unverdienter Aufmerksamkeit! Wärst du ein Mann, wäre ich jetzt verliebt! Und ich würde meine Verliebtheit als Legitimation missbrauchen, dir ein noch schmutzigeres Gedicht mit noch mehr Schwänzen und Hoden zu widmen!
Aber leider, leider … wie die Dinge nun einmal liegen, werde ich mich auf platonische Gefühle beschränken müssen. Liebstes Eulchen, werte Strix! In aufrichtiger, nichtsexueller Liebe: Du hast mein dunkles Fanfictionkritzlerherz mit Licht und Freude erfüllt! Mögen die stummen Götzen Georgiens ihre schützende Hand über dich halten! Mögen sie dich segnen für die Zeit, Mühe und Arbeit, die du in deinen Kommentar zu meinen unwürdigen Schmierereien gesteckt hast! (Und angesichts des letzten Kapitels schwingt bei »unwürdigen Schmierereien« nicht einmal der Hauch bescheidener Untertreibung mit.)
Wenn ich einer von dieser Sorte Kritzler wäre, würde ich dich aus Dankbarkeit und als Liebesbeweis irgendwo in der Story verbraten. Als Hauself Strix, oder ich würde Simon doch noch ne Eule kaufen und sie Strix nennen lassen. Tät ihm eigentlich ähnlich sehen. Aber mach dir keine Sorgen, zu der Sorte gehör ich nicht. :P
So bleibt mir nur, vor dir auf die Knie zu gehen (in Gedanken, auf den Knien in die Tastatur hämmern ist so ungemütlich) und dich meiner unendlichen Dankbarkeit und Hingabe zu versichern! Mach's gut, mein Eulchen! Hab dich lieb!
Yours truly,
Jeanome
PS: Die Urquharts kamen zum ersten Mal vor, als Dumbledore in ner Minerva-Szene irgendwo im zweiten Buch (frag mich nicht, wo) nen Beschwerde-/Drohbrief der »residenten« Elternschaft bekam. Es muss nach dem Ende irgendwelcher Ferien gewesen sein, denn Minerva hat aus dem Fenster gesehen und die Schüler zurückerwartet (oder irgendwie so). Da wurde auch ein Schüler namens Urquhart erwähnt, wenn mich mein Gedächtnis nicht ganz im Stich lässt. Der Name an sich ist canon. Urquhart hieß der Kapitän der Quidditchmannschaft der Slytherins im Halbblutprinzen.
