„Sie sind in der letzten Zeit erheblich oft zu spät zu meinem Unterricht gekommen!" , tadelte Minerva und blickte den Schüler vor ihr an, der kaum die Augen offen halten konnte.

„Ich weiß", murmelte er, doch er schaute ihr nicht ins Gesicht.

„Sehen Sie mich mal an, Mr. Snape!", forderte Minerva ihren Schüler auf, der mit trüben Augen aufschaute. „Gibt es etwas, was Sie mir sagen wollen?", fragte die Professorin verständnisvoll, doch der junge Slytherin verneinte. „Sie haben sich seit dem letztem Schuljahr verändert. Und das nicht gerade ins Positive. Ist bei Ihnen zuhause alles ok?", fragte Minerva vorsichtig.

Es war kein Geheimnis, dass die Familie Snape nicht gerade für ihr harmonisches Familienleben bekannt war, und so manche munkelten, dass man die Familie nur ertragen konnte, wenn man mit dem Temperament eines Hornschwanzweibchens gesegnet wurde. Kein Wunder, dass der Junge in so viele Schwierigkeiten kam.

„Ich wüsste nicht, was meine Familie mit meinem zu Spätkommen in Ihrem Unterricht zu tun hätte, Professor.", erkundigte sich Severus reserviert.

„Ich möchte Sie nochmals darüber informieren, dass Ihre Note stark gefährdet ist, und ich kann Ihnen nur raten, sich die letzten Monaten erneut den gesamten Lehrstoff anzuschauen und ihn gründlich zu lernen. Mr. Malfoy wird Ihnen da sicher helfen.", riet sie ihm, und etwas Mitleid machte sich in ihr breit.

„Ich brauch keine Hilfe, ich schaff das auch allein!", behauptete der Slytherin, und Minerva seufzte.

„Natürlich, aber mehr als Ihnen dies zu raten kann ich nicht. Es ist Ihre Entscheidung, was Sie mit Ihrem Abschluss machen wollen."

„Darüber sollten Sie sich keine Sorgen machen. Das tun schon andere für Sie.", bemerkte Severus trocken und erhob sich. „War das alles Professor?"


Dicke Rauchschwaden hingen in dem Raum, in dem der Inhalt von fünfzehn Kessel blubberten, und an der Tafel konnte man nur noch schemenhaft die Anleitung und das Rezept erkennen.

„Hey, kannst du lesen, was da steht?", fragte Lucius und wedelte mit seinem Heft erfolglos die Rauchschwaden aus seinem Sichtfeld. Wortlos schob Severus ihm sein Heft zu, wo er auf der 1. Seite das Rezept abgeschrieben hatte.

„Oh Mann, du liebst dieses Fach, oder?", stöhnte dieser nun und versuchte durch den Nebel die kleine gestochen scharfe Schrift zu lesen.

„Warum hast du das `Eisenkraut´ durchgestrichen und durch `Fingerhut´ ersetzt?", fragte Lucius kritisch und sein Tischnachbar schaute kurz von seiner Arbeit hoch.

„Ist besser so!", erklärte er knapp und beugte sich wieder über seine Arbeit. Der Malfoy Erbe stutzte.

„Würde der Herr mir auch erklären, wieso?", fragte er etwas erbost und Severus drehte sich ebenfalls genervt um.

„Weil die Molekularstruktur des Fingerhut anders aufgebaut ist und dadurch der Trank besser empfänglicher für den Körper ist. Dadurch wird das Aroma länger und stärker gespeichert.", erklärte er, als wäre es das einfachste der Welt. Noch bevor Lucius etwas entgegnen konnte, kam ein großer Schatten durch den Nebel gewatet und Professor Slughorn schaute mit seinen kleinen wässrigen Augen in den Kessel.

„Ausgezeichnet Mr. Malfoy, sehr gute Arbeit geleistet! Wie ich sehe, haben Sie das Eisenkraut durch Fingerhut ersetzt. Wunderbar, darauf hätten auch nur Sie kommen können, und natürlich Mr. Potter, der ja leider nicht anwesend sein kann. Welche eine Tragödie und das auch noch wegen meinem Haus. Aber das gibt trotzdem 20 Punkte für Ihren Einfallsreichtum, Mr. Malfoy! Wenn das so weiter geht, können Sie im Abschlusszeugnis mit einer sehr guten Note rechnen!", freundschaftlich drückte der Professor seine fetten Augen zu und ein breites, froschähnliches Lächeln zauberte sich auf das dicke Gesicht. Dann verschwand er wieder in den Nebelschwaden und hinterließ einen süßlichen Geruch, der Severus sehr an kandierte Ananas erinnerte.

„Na, da hast du ja mal wieder deinen Einfallsreichtum bewiesen!", zischte Severus zornig, doch Lucius zuckte mit den Schultern.

„Wenn er das glauben will, bitte. Ich schneid mir bestimmt selbst nicht ins Fleisch. Jetzt wo ich endlich zu seinen Lieblingen gehöre. Da hat Vater wieder einmal seine Kontakte spielen lassen. Ich glaub, mein Vater hat seinem Schwager ein Gefallen getan und dadurch kennen die sich. Sein Schwager ist, glaub ich im Ministerium in der Abteilung für verbotene Artefakte. Kein Wunder, dass mein Vater sich bei ihm gut stellt. Solche Leute braucht man immer. Und immerhin, du hast doch dein Abschluss so gut wie in der Tasche. Zum Leben reicht es alle mal. Mein Vater erwartet ein makelloses Zeugnis"

„Natürlich, unbedingt. Und das auf meine Kosten, ja?", fauchte Severus verärgert.

„Mach mich nicht dafür verantwortlich, dass du nicht zu seinen Lieblingen gehörst.", wehrte der junge Malfoy alle Schuld von sich und wand sich wieder dem Unterricht zu.

Als Severus endlich Unterrichtsschluss hatte, fiel er totmüde ins Bett. Hätte er nicht so einen großen Hunger, wäre er sofort eingeschlafen. Doch ein Klopfen an der Fensterscheibe ließ ihn blitzartig hochfahren. Freudig öffnete er das Fenster, und sein Uhu rauschte dankbar in sein Zimmer und zog noch ein paar Runden, bis er sich zufrieden auf den Arm seines Besitzers niederließ.

„Wie ich sehe, hast du eine Antwort mitgebracht!", lächelnd streichelte der vom Schicksal gehasste Slytherin seinem Uhu über das Gefieder. Dieser raschelte ungeduldig mit den Flügeln und erst, als er einige Eulenkekse im Schnabel hatte, gab er den Brief frei.

Hastig und voller Vorfreude entfaltete Severus ihn, und die gewohnt, schnörkelige Schrift löste eine Welle der Zufriedenheit und Wärme in ihm aus.

Lieber Severus

Ich bin untröstlich, dass ich so lange keine Zeit gefunden habe, dir zu schreiben. Ich hatte sehr viel Stress, wir haben viele Prüfungen geschrieben, ich hoffe du warst nicht enttäuscht. Ich habe angefangen den Fluch zu prüfen, und er scheint wirklich zu funktionieren. Ich hoffe deine Noten sind auf dem Höchststand, und ich bin mir sicher, dass du super Noten bekommen wirst. Und wenn jetzt noch nicht, hast du immerhin noch ein paar Monate um das wieder aufzuholen. Was hältst du davon, wenn ich dich am Gleis 9 ¾ abhole? Dann können wir zu mir, über Weihnachten bin ich alleine. Ich vermisse dich jetzt schon, und zähle sehnsüchtig die Tage bis zu den Ferien.

In Liebe Amalia

„Ja ich auch!", sagte Severus eher zu sich selbst, und ein Lächeln stahl sich auf sein Gesicht. Der Tag war doch nicht so schlimm gewesen, wie er anfangs befürchtet hatte. Und mit einem guten Gefühl schlenderte er langsam zum Abendessen, wo zu seinem Leidwesen ihm wieder das Potterquartett begegnete. Leider schien Madam Pomfrey etwas von ihrem Handwerk zu verstehen, und hatte die drei wieder vollständig zusammengeflickt. Doch diesmal wagten sie es nicht, sich aufzuspielen und funkelten dem Slytherintisch nur böse Blicke zu.


Die Tage vergingen langsamer als Severus gehofft hatte, doch als der 1. Schnee fiel, und sich die Hogwartslandschaft in ein riesiges Schneepanorama verwandelte, kam auch er in Weihnachtsstimmung.

„Bleibst du über die Ferien hier?", fragte Rudolphus interessiert, während er versuchte, seine ganzen Klamotten richtig zu falten, sodass sie auch in den Koffer passten.

„Nein, ich wurde über die Ferien eingeladen.", sagte Severus und konnte ein kleines Lächeln nicht verkneifen.

„Na so was aber auch! Das wird deiner Mutter aber das Herz brechen!", theatralisch warf Rudolphus seinen Kopf in den Nacken und presste seine Hand auf seine linke Brust.

„Ja, vielleicht, wenn meine Mutter noch ein Herz hätte, würde ich es ihr wahrscheinlich damit brechen.", bemerkte Severus trocken und warf Rudolphus ein Päckchen auf sein Kopfkissen.

„Danke. Aber ich finde, so schlimm ist deine Mutter gar nicht. Ich finde sie total nett."

„Du musst es ja auch nicht jeden Tag mit ihr aushalten. Du bist ihr Liebling und nicht ihr Sohn. Dann würdest du nicht mehr so von ihr schwärmen.", Severus schüttelte schmunzelnd den Kopf. Nein, seine Familie war nicht so, wie es immer alle behaupteten. Streitsüchtig und Temperamentvoll, vielleicht ein bisschen. Seine Familie war eher ein Haufen von Leuten, die allem und jedem erst einmal kritisch entgegenstanden. Seine Familie war die geborene Opposition.

„Ich habe Bellatrix eingeladen über die Ferien zu mir zu kommen, wir wollten noch ein paar Rituale ausprobieren und außerdem muss sie von zu Hause raus. Die bringen sich da noch gegenseitig um.", erzählte Rudolphus belustigt und schaffte es endlich seinen Koffer zu schließen.

„Ja, kann ich mir vorstellen, wenn meine Mutter herausfinden würde, dass eine aus meiner Familie einen Muggel heiraten würde, die würde morden.", lachte Severus und auch er wurde langsam fertig mit packen.


Amüsiert betrachtete er die tanzenden Schneeflocken, die am fahrenden Zug entlang sausten, und die Fahrt war durch Rudolphus und Bellatrix Geschichten gar nicht so langwierig, wie Severus vermutet hatte. Lucius saß am Rand und las den Tagespropheten. Sein angespanntes Gesicht zeigte, dass er sich nicht sonderlich freute, zu seinen Eltern nach Hause zu fahren. Er wäre viel lieber bei Narcissa geblieben, die ihr Weihnachten alleine im Schloss feierte.

Auf dem Bahnhof war viel los, viele Eltern holten ihre Kinder von Zug ab, so auch die Familie Malfoy, die kaum zu übersehen war. Ophelia Malfoy, eingehüllt in einem dicken Eisbärpelz drückte ihrem Sohn einen dicken Schmatzer auf die Wange, unterdessen Lucius versuchte, den Lippenstift wieder von seiner Wange zu kriegen. Reserviert begrüßte er seinen Vater mit einem Handschlag und sofort waren die Beiden in einem politischem Gespräch vertieft. Rudolphus und Bellatrix waren schon gegangen und hatten sich mit einem „Frohe Weihnachten!" verabschiedet. So stand Severus in seinem Mantel eingehüllt am Bahnsteig und ging einer seiner Lieblingsbeschäftigungen nach, Leute zu analysieren. So musste er über eine Mitschülerin aus Slytherin den Kopfschütteln, die gierig schmatzend ihren Freund in empfang nahm, obwohl sie vor einer Woche noch mit Anthony Dolohow rumgemacht hatte.

Doch er wurde schnell aus seinen Gedanken gerissen, als er einer wohlbekannte Person aus den Augenwinkeln sah. Ihre gebräunte Haut stach sofort heraus, der passende Goldschmuck und die blonden Haare standen in einem großen Kontrast zu der Umgebung, in der sie sich befand. „Severus!", begrüßte Amalia ihren Freund herzlich und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. „Amalia, eine Wohltat dich zu sehen! Und so braun bist du geworden!", gemeinsam schlenderten sie zum Ausgang.