2. Das schwarze Schaf der Familie

„So schön Liebesgeschichten auch sind, immer bringen sie Probleme mit sich, und zwar eine Menge Probleme. Wenn hingegen eine Liebesgeschichte perfekt ist, gibt es nur ein Problem, ein einziges: dass sie nämlich erlogen ist."

Albert Sánchez Pinol – Pandora im Kongo

„Narzissa Black!", rief Professor McGonagall und der jungen, blonden Hexe wurde übel. Mit zitternden Knien stieg sie die Treppen hinauf und setzte sich auf den Stuhl neben der alten Hexe.

Diese setzte ihr den sprechenden Hut auf, der augenblicklich über ihre Augen glitt. Auf einmal vernahm sie eine leise, piepsige Stimme in ihrem Kopf. „Noch eine Black. Ihr vermehrt euch ja wie Ratten, was? Aber in welche Richtung schlägst du? Ja, du hast Eigenschaften einer Slytherin, eine kühle Logik, ohne Zweifel. Aber was sehe ich da? Auch Mut schlummert in dir… Da wäre Gryffindor das passende Haus für dich, nicht wahr?"

Bellatrix scharrte unruhig mit dem rechten Fuß auf dem Boden. „Was braucht der Hut so lange?" Andromeda zuckte mit den Achseln. „Vielleicht ist er sich bei ihr nicht sicher." Doch Bellatrix funkelte sie nur wütend an. „Cissy kommt nach Slytherin. Hundertpro."

„Bitte nicht nach Gryffindor.", flüsterte Narzissa und sie hörte den sprechenden Hut kichern. „Nicht nach Gryffindor, hm? Nun, sowas höre ich weiß Gott nicht oft. Nun gut, dann sei es eben… SLYTHERIN!" Der gesamte Tisch der Slytherin stand auf und klatschte Beifall, rein aus Respekt vor ihrem Nachnamen.

Narzissa wurde es leicht ums Herz, als sie fröhlich den Hut abnahm und in Richtung ihrer Schwestern lief. Während Bellatrix ihr herzlich gratulierte, schaute Andromeda missmutig drein.

Wäre sie nur in ein anderes Haus gekommen. Dann wäre sie nicht die Einzige Außenseiterin der Familie und hätte endlich jemanden gehabt, der sie nachvollziehen konnte.

Kurz schaute sie auf zu Professor Dumbledore, der Narzissa einen traurigen Blick zuwarf. Wieso? Was ahnte der Direktor? Andromeda biss sich auf die Unterlippe und spürte auf einmal spürte sie einen Blick, der ihr in den Rücken stach. Unauffällig drehte sie sich um und erblickte am Tisch der Ravenclaws einen blonden, gut aussehenden Jungen, der sie anlächelte.

Andromeda bemerkte jedoch auch instinktiv den stechenden Blick ihrer älteren Schwester und drehte sich wieder um, ohne auf das Lächeln des Jungen zu reagieren.

Es war Ted Tonks, der versucht hatte, mit ihr Kontakt aufzunehmen. Er war muggelgeboren und damit, laut Druella und Cygnus, minderwertig. Es war ihnen egal, was Andromeda für ihn empfand oder was für exzellente Magie er ausführen konnte.

Andromeda wollte sich nicht ausmalen, was geschehen würde, wenn Druella dahinterkam, dass sie sich in den gut aussehenden Ravenclaw verliebt hatte. Oder dass sie ein Paar waren.

Nachdem auch die anderen Erstklässler in die Häuser verteilt wurden, hielt Dumbledore seine alljährlich wiederholende Rede und ließ das Festessen beginnen.

Als Bellatrix in ein Gespräch vertieft war, ergriff Andromeda die Gelegenheit und blickte nochmal über ihre Schulter. Doch Ted war nirgendwo zu sehen. Ihr lief ein kalter Schauer über den Rücken. Klar, er wusste, was abging und wartete sicher draußen irgendwo auf sie.

Leise und unauffällig erhob sich Andromeda und hielt sich den Bauch, als ob ihr übel geworden wäre. Noch immer nahm Bellatrix keine Notiz von ihr. In leicht gebeugter Haltung machte sich Andromeda auf den Weg zum Eingang der großen Halle. Sie durfte es nicht wagen, sich noch einmal umzudrehen. Denn genau das würde sie verdächtig machen. Als sie endlich die großen Türen passiert hatte, atmete sie tief durch. Geschafft.

Doch wo konnte Ted sein? Sie lächelte sachte. Klar. An der 7. Fackel links vom Eingang des Schlosses. Es war auch letztes Jahr ihr Treffpunkt gewesen. Vor Euphorie gepackt, lief Andromeda zu Ted, ohne zu merken, dass ihr ein Schatten leise folgte.

Er wartete bereits auf sie und als sie sich erblickten, funkelten Tränen in ihren Augen. „Andi!", sagte er leise, aber erfreut. Sie lief nun noch schneller und umarmte ihn heftig. „Ich hab dich so vermisst.", flüsterte sie. Sie spürte seine Wärme auf ihrer Haut, seine Hände auf ihrem Rücken, die Schläge seines Herzens, als wären es ihre eigenen.

„Ich habe dich auch vermisst, Liebling." Er ließ nach ein paar Minuten von ihr ab und nahm ihr tränennasses Gesicht in beide Hände. „Unglaublich. Du bist noch schöner geworden. Und ich habe geglaubt, das wäre nicht möglich gewesen." Dann küssten und umarmten sie sich wieder.

„Es tut mir so leid, dass ich dir nicht schreiben konnte.", flüsterte sie in sein Ohr. Er nahm die Entschuldigung ohne Erwiderung hin. Er kannte sie und ihre Familie. Sie musste nichts erklären. Sie liebten sich, nur das war wichtig.

Sie verbrachten eine Stunde beisammen, dann hörten sie leises Fußgetrappel von der großen Halle. „Oh verdammt, ich muss gehen. Sonst wird Bellatrix noch misstrauisch." Er sah sie traurig an. „Wenn wir zusammen sind, vergeht die Zeit viel zu schnell." Sie stimmte ihm stumm zu, gab ihm noch ein Kuss auf die Wange und lief dann in die Kerker, zu den Räumen von Slytherin.

Glücklich ließ sich Andromeda auf ihr Bett fallen und lächelte selig. Er liebte sie noch immer und hatte sich nicht verändert. Sie hatte so viel Glück mit ihm. Ihr Schlafraum war noch leer, die anderen Mädchen waren sicher noch in der großen Halle. Nur die Erstklässler waren weit entfernt hörbar.

Andromeda drehte sich zur Seite, sodass sie aus dem Fenster blicken konnte, als plötzlich die Tür hinter ihr aufgeschlagen wurde. Reflexartig drehte sich die junge Hexe um und stand auf, es war Bellatrix, die wutentbrannt auf sie zugelaufen kam.

„Du kleine Hure!", schnaubte sie und gab Andromeda eine heftige Ohrfeige mit dem Handrücken, sodass diese wieder rücklings auf ihr Bett fiel. Vor Wut und Traurigkeit zitternd, hielt sich Andromeda die glühende Wange. Jetzt war alles vorbei.

Bellatrix beugte sich über sie, riss ihre Arme auseinander und hielt sie über ihrem Gesicht fest, sodass sie ihr Gesicht sehen konnte. Ihre große Schwester war stark, doch alleine aus Angst, versuchte sich Andromeda nicht zu befreien.

„Wie kannst du unsere Ehre nur so in den Dreck ziehen, du dreckige, kleine Schlampe?", zischte Bellatrix. Andromeda kniff den Mund zusammen, Tränen liefen links und rechts ihre Wangen hinunter.

„Ich wollte nicht…" Bellatrix' Augen blitzten. „Sag nicht, dass du es nicht wolltest. Hat Mutter dir nicht eindringlich klar gemacht, dass du dich nicht mit so einem Pack einlassen sollst? Ich sollte ihr schreiben. Dich nach Hause schicken lassen!"

Andromeda wimmerte. „Bitte nicht. Bella, bitte tu das nicht! Du weißt, was mir Hogwarts bedeutet. Du weißt es! Bitte tu es nicht!"

Die Ältere ließ von ihr ab und ging einige Schritte zurück, Andromeda wagte es, sich auf den Ellbogen abzustützen.

„Gut. Ich werde Mutter nichts sagen. Aber nur deshalb, weil ich für dich verantwortlich bin. Aber ich warne dich, Andromeda. Wenn du nochmal was mit diesem Schlammblut anfängst, und sei es auch nur, dass du ihn anschaust, dann wirst du es büßen."

Bellatrix musste nicht sagen, was sie mit ihr und Ted anstellen würde, wenn sie sie noch einmal zusammen erwischte. Die Drohung alleine war genug. Es würde schmerzhaft werden. Sehr schmerzhaft.

Auf einmal ging die Tür hinter Bellatrix auf und zwei Mädchen, die den Raum mit Narzissa teilten, stürzten lachend hinein. Als sie jedoch die Black – Schwestern zusammen sahen, Andromeda mit roter Wange weinend und Bellatrix mit dunkel funkelnden Augen, verfielen sie in Schweigen und verließen fluchtartig den Raum. Alle hatten Achtung und Respekt und vor allem Angst vor Bellatrix Black.

Ihre ältere Schwester schenkte Andromeda noch einen verachteten Blick und verließ dann wortlos den Raum.

Der Slytherin-Gemeinschaftsraum war erfüllt von Leben und Lachen, doch als Bellatrix den Raum betrat, erstarben die Gespräche und alle blickten sie an. Es schien wohl jeder zu wissen, was gerade geschehen war. Sie hatte mit Absicht nicht leise auf ihre Schwester eingesprochen, sodass sie diese nicht nur bloßgestellt, sondern sich auch gleich wieder Respekt verschafft hatte.

Als sie sich in Richtung Kamin bewegte, sprangen zwei Drittklässlerinnen aus den Sesseln, die davor standen und Bellatrix ließ sich auf einem sinken. Für ihr Alter hatte sie eine exzellente Körperhaltung, gerade und geschmeidig, wie eine Katze.

Kurz darauf ließ sich Lucius Malfoy neben sie nieder, er ging in die Klasse über ihr und war einer ihrer besten Freunde. Erst als er ein Gespräch mit ihr anfing, trauten sich die anderen Slytherin-Schüler wieder, den Mund zu öffnen.

„Also ist es wahr, was hier getuschelt wurde.", sagte er in seiner arroganten Art, er hatte den Satz mit Absicht nicht als Frage formuliert.

Bellatrix seufzte, schüttelte den Kopf und starrte ins Feuer. „Es ist ungeheuerlich. Sie will den Ruf unserer Familie ruinieren. Es ist so beschämend."

Lucius nickte langsam. „Das kann ich nur zu gut nachvollziehen." Er beugte sich ein wenig zu ihr herüber und sah sie an, während sie ihn immer noch keines Blickes würdigte. „Hör zu, du musst das unterbinden. Sie ist nicht nur ein schlechtes Vorbild für deine Schwester, sondern sie bringt damit deine gesamte Familie in Gefahr. Stell dir nur mal vor, was das für dich heißen würde. Die Leute hier würden dich mit ganz anderen Augen sehen. Noch bewundern sie dich und sind gleichzeitig voller Ehrfurcht. Wenn deine Schwester das mit ihr und dem Schlammblut publik macht, dann…"

Bellatrix hob die Hand und gebar ihm zu schweigen. „Schluss jetzt. Ich will nicht mehr davon reden. Was ich da oben getan habe, war notwendig. Ich habe die Verantwortung für sie und Narzissa bekommen. Ich muss sie erziehen."

Lucius wandte sich wieder nickend von ihr ab und starrte nun auch ins Feuer. Einige Minuten lang sagten beide nichts. Dann ergriff Bellatrix wieder das Wort.

„Hast du schon was von Potter, Lupin oder Pettigrew mitbekommen?"

Lucius lächelte schwach, seine grauen Augen blitzten hämisch. „Oh ja. Potter ist jetzt mit einem Schlammblut zusammen, ist das nicht wunderbar?" Bellatrix grinste breit. „Ach was? Und wer ist es?" Lucius verzog den Mund. „Lily Evans." Ihm schien der Name genauso angenehm zu sein wie Durchfall.

Bellatrix schüttelte herablassend den Kopf. „Dass ich das noch erleben darf. Potters Niveau ist nicht besonders hoch, aber das ist einfach…" – „Und dein Cousin heckt irgendetwas aus." Eigentlich konnte es Bellatrix überhaupt nicht leiden, unterbrochen zu werden. Doch das Thema ließ sie aufhorchen. „Sirius?" Lucius nickte und zog eine Augenbraue nach oben.

„Severus hat es mitbekommen. Scheinbar haben er und Lupin ein großes Ding vor."

Severus war ein gemeinsamer Freund der beiden, er war ein Siebtklässler und konnte die Gryffindors genauso wenig leiden, wie Lucius und Bellatrix.

„Apropos Severus… Er war heute merklich schweigsam. Er hat ständig zu Potter gestarrt. Als ob er allein mit seinen Augen den Todesfluch ausstoßen könnte. Würde nur zu gerne wissen, was das Halbblut angestellt hat."

„Liegt wohl einfach daran, dass Potter jetzt eine kleine Freundin hat und ihn kein Mädchen auch nur ansieht.", grinste Lucius.

Sie blieben noch den ganzen Abend zusammen sitzen, es tat Bellatrix gut, wieder in Hogwarts zu sein. Zuhause gab es für sie nie solche banalen Gespräche. Es wurde geschwiegen und nur dann geredet, wenn es wirklich etwas zu sagen gab.

Sie verabschiedete sich früh von Lucius und ging dann zu Bett.

Doch noch konnte sie nicht einschlafen. Was hat sich Andromeda damit eigentlich gedacht? Sie brachte damit nicht nur sich selbst in Schwierigkeiten sondern auch sie, Bellatrix. Es war immer schon schwierig gewesen, den Ansprüchen ihrer Eltern zu genügen. Sie selbst hatte es mit Ach und Krach geschafft und hatte sich zum Liebling entwickelt. Auch wenn sie nächtelang büffeln musste. Auch wenn sie sich mit Leuten umgeben musste, die sie nicht mochte und Menschen ignorieren musste, die eigentlich ganz nett waren.

Das alles war ihr nicht genug. Sie musste weg, ausbrechen. Allein aus dem Grund konnte sie ihre törichte Schwester verstehen. Auch sie hat Träume, auch sie möchte gegen ihre Eltern rebellieren. Doch wie? Wann würde endlich etwas geschehen, das ihre Lage ändern würde? Oder jemand, der sie hier rausholen würde?

Doch niemand wusste von diesen heimlichen Wünschen, von den Sehnsüchten, die sie von innen auffraßen, Tag für Tag. Denn sie wahrte ihr Bild der unnahbaren, eiskalten und stolzen Black. Bevor sie jemand für schwach hielt, würde sie lieber all ihr Begehren hinten an stellen.

Niemand würde sie brechen können. Niemals.