Der abgetrennte Zopf

Kapitel 2 „Kein Sklave"

Altair führte sein Pferd in einen Stall und nahm mich dann noch ein Stück weit mit in den oberen Teil des Dorfes, kurz vor der Festung selbst.

Dort führte er mich in ein kleines Haus in der Nähe des Abhangs. Unterhalb dieses Abhangs lag der Fluss.

Das Gebäude bestand nur aus einen Raum, sah alt und heruntergekommen aus und im Innern herrschte ein staubiges Zwielicht und ein fürchterliches Durcheinander.

Kleidung und Waffen lagen herum, Schriftrollen und Pergamente lagen auf dem Boden verstreut, es roch modrig und feucht und mir stockte fast der Atem.

„Ich muss dich für einen Weile allein lassen. Ich möchte, dass du hier aufräumst!"

Er drehte mich zu sich herum, sah mir fest in die Augen und hob die linke Hand.

Mir fiel auf das ihm der Ringfinger dort fehlte und binnen weniger Sekunden glaubte ich auch zu wissen, warum!

Eine spitze, lange Messerklinge schnellte aus seiner Armschiene hervor und präsentierte sich mir in all seiner grausamen Herrlichkeit.

Ich zuckte zusammen und konnte nur mit Mühe einen Schrei unterdrücken.

„Lass dir bloß nicht einfallen, verschwinden zu können," raunte Altair mir zu und ich schüttelte so schnell und heftig meinen Kopf, dass ich fast das Gefühl hatte, er würde mir vom Hals hüpfen.

Nein! Garantiert nicht! Die Feigen waren es, die zu diesen Zeiten lange lebten. Und Gott... ich war so feige!

Ich atmete erst auf, als Altair durch die Tür verschwunden war.

Es dauerte eine Zeitlang, bis es mir gelang meine Gedanken zu ordnen und einfach kopflos an die Arbeit ging.

Ich räumte die Schmutzwäsche auf einen Haufen, rollte die Pergamente zusammen und schob das Stroh am Boden zurück zu seinen Schlafplatz, der lediglich nur aus dem alten Stroh und einer kratzigen Decke bestand.

Es dauerte nicht lange und man konnte zumindest erkennen, dass dieser Ort keine Müllhalde war.

Altair kam bald zurück, sah sich prüfend im Raum um und nickte dann.

Er trug einen Beutel bei sich und meine Nase verriet mir, dass dort drin sich etwas zu Essen befand.

Mein hungriger Magen meldete sich zu Wort und ich errötete heftig auf Grund des unwillkommenen Geräusches.

Altair ignorierte das.
„Nimm die Schmutzwäsche und komm!"

Er führte mich den Abhang hinunter zum Fluss. Dort durfte ich dann seine stinkende Schmutzwäsche waschen.

Ich habe das schon oft für meine Geschwister tun müssen. Es war nicht ganz so neu.

Es war lediglich mühsam.

Der grobe Stoff seiner Roben rieb mir an den Händen, ich war hungrig und sehr müde.

„Die ist aber noch nicht sauber!"

Noch bevor ich mich umdrehen konnte, schlug mir ein nasses Bündel Kleidung in den Nacken.

„Sieh zu, dass du die Blutflecken heraus bekommst!"

Altair ließ mich bis nach Anbruch der Nacht seine Wäsche schrubben.

Meine Hände waren wund und verkrampft. Ich war kaum fähig die Wäsche zurück zu tragen, geschweige denn sie aufzuhängen. Meine Arme waren taub und mein Rücken und Schultern schmerzten.

Ich fühlte mich elend und war mir nicht mehr sonderlich sicher, ob mir mein Leben diese Schinderei noch wert war.

Altair warf mir später eine dünne, kleine Decke zu.

„Hier, sieh zu dass du genügende Schlaf bekommst!"

Mit den Worten verließ er erneut das Haus.

Mit einem sehnsüchtigen Blick suchte ich nach dem Beutel mit Essbaren, doch ich fand ihn nicht.

Altair kehrte zurück und schnaubte wütend als er mich noch mitten im Raum stehen sah.

„Worauf wartest du?", herrschte er mich an und ich schluckte hart.

Sollte ich es wirklich wagen danach zu fragen?

Doch ich hatte so fürchterlichen Hunger...

„Herr," hauchte ich leise.

„Bitte, ich habe Hunger!"

Altairs Miene veränderte sich und ein kleines Lächeln stahl sich auf seine schmalen Lippen.

Er reichte in eine Tasche an seinem Gürtel und holte einen Apfel hervor.

„Meinst du etwa so was?"

Seine Stimme klang süffisant und amüsiert.
„Schade," meinte er und biss in den Apfel.

„Aber ich glaube, den musst du dir erst verdienen!"

Ich wäre am liebsten sofort in Tränen ausgebrochen, doch ich war wie versteinert.

Seine Kaltherzigkeit traf mich wirklich tief.
Womit hatte ich das verdient?

Ich schlich mich zu der Ecke, die Altair mir zum schlafen zugewiesen hatte und legte mich hin.

Es dauerte nicht lange, als mich die Müdigkeit übermannte und ich mich leise in den Schlaf geweint hatte.

Ich erwachte als Altairs Stiefel mich in meinen leeren Magen traf.

„Komm mit," raunte er und verließ das Haus.

Ich folgte ihm. Die Sonne war gerade erst aufgegangen.

Er zeigte mir den Brunnen und ließ mich Wasser schöpfen. Dies musste ich zu den Ställen bringen und seinem Pferd hinstellen.

„Das wirst du von nun an jeden Morgen nachdem du mir Waschwasser gebracht hast, tun. Anschließend fütterst du es und mistest den Stall aus nachdem du es auf die Koppel gebracht hast.

Jeden Abend wirst du es herein holen, die Hufen reinigen und erneut füttern und tränken. Anschließend wirst du meine Wäsche waschen. Erst dann darfst du selbst im Fluss baden und dich schlafen legen!"

Ich nickte nur. Vor Hunger brachte ich kein Wort heraus.

Wenigstens verdurstete ich nicht. Ich verrichtete die Arbeit die Altair mir aufgetragen hatte. Über den Nachmittag ging er fort. Währenddessen reinigte ich das Haus, tauschte das Alte Stroh seines Schlafplatzes aus und als er zurück kam drückte er mir sofort seine verschwitzte, stinkende Wäsche in die Arme.

Es war nach Sonnenuntergang, als ich zurückkehrte. Ich fand Altair schlafend vor und auf meinem Schlafplatz lag ein Apfel und ein Stück Fladen.

Ich verstand.

Meine erste verdiente Mahlzeit.

Mir gelang es einfach nicht, morgens vor Altair wach zu sein. Ich wurde jeden Morgen von seiner Stiefelspitze begrüßt. Dann hetzte ich zum Brunnen, holte für Altair Wasser und verschwand dann für eine ganze Zeit im Stall.

Das Pferd war ein verdammtes Biest. Es hatte mich bereits zweimal über den Haufen gerannt, bis ich lernte ihm rechtzeitig aus dem Weg zu springen. Einmal trat es sogar nach mir, doch es traf nicht.

Ich war mir sicher, dass Altair jeden Morgen extra früher aufstand um mich nach Lust und Laune durch die Gegend treten zu können.

Bevor er Mittags das Haus verließ verursachte er ein heilloses Durcheinander, so dass ich gezwungen war, stundenlang hinter ihm her zu räumen.

Nach wenigen Tagen kam er mit einem ganzen Sack weißer Roben zurück.

Ich schrubbte diese die ganze Nacht hindurch und als ich zurück kehrte, dämmerte es und er war bereits wach, verlangte sein Waschwasser und verpasste mir noch einen Tritt weil das Waschen zu lange gedauert hatte.

Zu essen bekam ich auch erst wieder am Abend.

Der grimmige Gedanke, Altair mit der Mistgabel ab zu stechen, kam mir in den Sinn und er war höchst willkommen.

Aber das war ja wohl lächerlich.

Eines Abends saß ich noch am Flussufer nachdem ich gebadet hatte.

Meine kurzen, zottigen Haare waren an diesem Tag so verstaubt, dass ich sie lange waschen musste. Doch selbst danach waren sie längst nicht mehr so glänzend rotbraun wie früher.

Die Farbe war dunkler geworden und stumpf.

Ich fragte mich wie es meiner Familie in Jerusalem wohl erging.

Ob eine meiner Schwestern wohl gut verheiratet war? Oder ob die Pest sie alle dahin gerafft hatte?

Eigentlich konnte es mir alles egal sein. Sie hatten mich davon geprügelt wie einen verbrauchten Köter. Aber natürlich. Wer wollte schon ein Weib wie mich? Ich war gerade wie ein Stecken, genauso dürr und die Männer sprachen davon, dass mein Blick unheimlich war. Und nun, mit den kurzen Haaren, sah ich aus wie ein schmächtiger Jüngling.

Ich seufzte frustriert und schüttelte den Kopf. Es war Zeitverschwendung darüber noch nachzudenken. Ich würde so oder so niemals heiraten. Jetzt wo ich Altairs Sklavin war, erst recht nicht mehr.

Vielleicht war mir das Glück hold und Altair schlug mich bald tot, wenn ihn mal wieder der Geduldsfaden riss.

Tot, statt dieses erbärmliche Leben führen zu müssen. Das Gefühl zu haben, gefangen zu sein, gehasst zu werden, egal von wem.

Meine Mutter war nie zufrieden mit mir, ich war höchstens geduldet, aber nie geliebt.
Für meinen Vater war ich die größte Enttäuschung.

Nun ja, jetzt war er mich zumindest los.

Meine Gedanken schweiften so fern, dass ich Altair nicht bemerkte als er zu mir trat.

Er war taktvoll genug sich lediglich zu räuspern, anstatt mir wieder einen Tritt ins Kreuz zu verpassen.

Ich hatte nicht bemerkt, dass ich weinte. Es war mir peinlich, dass ausgerechnet er mich in einen solchen Moment sah.

Hastig wandte ich meinen Blick ab, sprang auf und krallte mir den Wäschekorb. Es war längst dunkel geworden und wahrscheinlich dachte sich Altair, dass ich seine verdammte Wäsche in den Fluss gekippt hatte und getürmt war.

„Entschuldigung," nuschelte ich nur und blieb mit gesenkten Kopf vor ihm stehen.

Altair sagte nichts. Er drehte sich schweigend um und lief den steilen Pfad zum Dorf hinauf. Ich folgte ihm langsam in einigem Abstand.

Der Rest des Abends verlief ebenso.

Ich saß auf meinem Lager, blickte zum Fenster hinaus und hing meinen schwermütigen Gedanken nach.

Meine Gefühle schienen mich zum Platzen zu bringen. Doch mit wem sollte ich darüber sprechen? Altair? Niemals!

Die Dorfbewohner mieden mich, sahen mich weder an, noch grüßten sie mich. Ich war hier allein.

Selbst das Pferd hasste mich.

„Wenn du weiter so einen Krach machst, werf ich dich vor die Tür," murmelte Altair und ich sah zu ihn herüber.

Ich musste wohl ein paar mal laut geseufzt und ihn dabei geweckt haben. Mir kam es zu erst in den Sinn mich dafür zu entschuldigen, doch ich stand lediglich wortlos auf und verließ das Haus.

Ich ging nicht weit, lediglich ein paar Schritte um das Haus herum, wo die Wäsche hing.

Die Nacht war still und ein kühler Wind kündigte das baldige Ende des Hochsommers an.

Dann plötzlich spürte ich, wie Altairs Hand sich um meinen Oberarm schloss. Ich hatte ihn nicht gehört, aber ich war mir recht sicher gewesen, dass er mir folgen würde.

„Herr, Ihr wolltet schlafen. Lasst mich hier, sonst werdet Ihr heute Nacht kein Auge zu machen," flüsterte ich nur ohne ihn anzusehen.

„Rede keinen Unsinn, komm herein," fuhr er mich an und schüttelte mich einmal kräftig.

Als ich nicht reagierte, stieß er mich unsanft gegen die Hauswand und schlug mit der flachen Hand neben meinen Kopf auf den rauen Stein.
„Was hast du, Elessa? Bekommst du nicht genügend zu essen? Am Schlaf kann es ja nicht liegen, sonst wärst du längst im Reich der Träume!"

Ich sah zu dem großen Mann auf, der mich unter seiner Kapuze lauernd beobachtete. Hatte er gerade nach meinem Problem gefragt?

Wütend stieß ich ihn von mir weg. Er behandelte mich wie Dreck, trat und schlug mich, verhöhnte mich, hielt mich wie eine Gefangene und gab mir nur zu essen wenn er in der großmütigen Stimmung dazu war und nun fragte er mich, was für ein Problem ich hatte?

„Du glaubst, ich behandele dich ungerecht und schlecht?", fragte er und ich sah überrascht zu ihn auf. Kann der jetzt auch noch Gedanken lesen?

„Glaube mir, hier bei mir geht es dir gut. Sehr gut sogar!"

Ich schüttelte den Kopf. Das konnte er jemanden erzählen der sabbernd und lallend durch die Straßen Jerusalems ging, aber nicht mir.

Als ich erneut nicht antwortete packte er mich an mein Handgelenk und zerrte mich mit.

„Komm!", zischte er und zog mich hinter sich her wie einen alten Esel.

Er führte mich in den Stall, packte am Eingang mit einer Hand seinen Sattel und gab mir einen heftigen Stoß. Ich prallte gegen die Stalltür. Sein Pferd stieg in der Box und wieherte.

Mühselig rappelte ich mich hoch und sprang bei Seite als Altair die Tür öffnete und das Pferd herausholte und sattelte.

Er tat das in Windeseile und stieg auf das Tier auf. Dann beugte er sich herunter, packte mich am Stoff meiner Kleidung und zerrte mich zu sich hoch.

Ich saß mehr auf seinem Schoss als im Sattel, doch es blieb keine Zeit um mich umzusetzen.

Altair trieb das Pferd an und galoppierte durch das bewachte Stadttor.

Verzweifelt klammerte ich mich in seine Robe. Er hielt mich zwar fest an sich gedrückt, aber die Angst von dem Pferd zu fallen war mehr als nur präsent.

„Herr, bitte, ich falle!", schrie ich und krallte mich noch tiefer in seine Robe.

Ich fiel nicht, doch ich war vor Angst kaum mehr fähig auf eigenen Beinen zu stehen, als er mich absteigen ließ. Altair sprang vom Pferd und ließ es einfach stehen.

Er packte mich erneute am Oberarm und zerrte mich mit sich.

Ich wehrte mich anfangs nicht. Doch als ich sah, dass er auf eine Klippe zu ging, bekam ich Panik. Wollte er mich in die Tiefe stürzen? Hatte er mich satt?

„Herr, bitte! Es... tut mir Leid... bitte werft mich nicht..."

„Red keinen Unsinn, ich werfe dich über keine Klippe!", zischte er leise.
„Sei still und sieh hin!"

Unter uns befand sich eine Art Steinbruch. Menschen arbeiteten immer noch darin, obgleich das fahle Mondlicht nur karg die Wege erhellte.

Doch ich hörte bald das einstimmige Wehklagen, und ein stetiges, knallendes Geräusch und bald darauf auch Schreie.

„Das sind Sklaven, Elessa. Die bekommen wenn überhaupt einmal in der Woche etwas zu essen. Und dann ist es Wasser mit ein wenig Hafer... aber kein Obst und erst recht kein Fladen!", flüsterte Altair mir ins Ohr. Dann legte er seine Hand auf meine Schulter und drehte mich ein Stück nach rechts. Ich sah vier Männer, die an einer Frau zerrten. Es war weit weg, doch das Mondlicht erhellte die Szenerie so sehr, dass ich fast alles sehen konnte. Die Schreie drangen nur leise an meine Ohren und verstummten ganz, als die Vier es schafften sie in einen Holzverschlag zu drängen.
„Was glaubst du, was dort jetzt passiert?", fragte er leise.

„Wie alt bist du, Elessa?"

Ich schluckte hart. Mein Mund war plötzlich komplett ausgetrocknet und ich hatte das Gefühl, als hätte ich Sand auf der Zunge.

„Ich bin Fünfzehn," flüsterte ich hilflos. Ich wollte nicht mehr, dass er zu mir sprach. Ich wollte nicht hören, was er mir noch zu sagen hatte. Ich glaubte genau zu wissen, was jetzt kam.

„Diese Frau dort, ist jünger als du," sagte er und ich schüttelte automatisch den Kopf.
„Nein," murmelte ich hilflos und spürte wie mir brennende Tränen in die Augen stieg.
„Doch, und sie wird das nächste Tageslicht nicht sehen!"
„Nein!", schrie ich erneut und stieß ihn weg.

Ich rannte den Weg zurück, rannte und rannte noch weiter. Ignorierte den blöden, scheuenden Gaul, ignorierte den spitzen Stein, in den ich trat und ignorierte auch den fürchterlichen Schmerz dadurch.

Erst als ich eine ganze Weile lang gerannt bin, wurde ich langsamer, sank bald auf die Knie und blieb dann schluchzend und weinend im Sand liegen.

Wenn ein Feind mich hörte, so sollte er endlich kommen und meinem Leben ein Ende setzen. Ich wollte das alles nicht mehr.
Wollte nicht geschunden werden, wollte nicht wissen, dass es Menschen gab, denen es noch schlechter ging als mir. Ich wollte nichts mehr als nur sterben.

Ich würde hier einfach liegen bleiben, und die Mittagssonne würde mir noch den Rest geben. Egal was passierte!

Ein fester Griff zwang mich dazu, mich im Sand herum zu drehen.

Paradoxerweise fiel mein Blick gen Himmel und ich war mir sicher, dass ich noch nie so einen kräftigen Vollmond gesehen hatte.

Doch das war nun egal, denn Altair hatte mich eingeholt und gefunden. Aber ich hatte auch nichts getan um mich zu verstecken.

Ich rechnete damit, dass er mich auf die Beine zerren würde, doch stattdessen setzte er sich zu mir und bettete meinen Kopf auf sein Bein. Seine Hand strich mir das zerzauste Haar aus dem Gesicht.

„Es tut mir Leid, dass ich dir das nicht ersparen konnte. Aber du musstest das sehen, um daraus zu lernen," sagte er und seine Stimme klang leise und fast sanft, allerdings war der harte und kalte Unterton nicht verschwunden.

In dem Moment wo er das sagte, kehrten die Bilder des Gesehenen zurück und ich konnte nicht anders als erneut in Tränen auszubrechen.

Altair sagte nichts. Er ließ mich weinen. Saß bei mir, hatte seine Hand auf meine Wange gelegt und ließ mich einfach weinen.

Es dauerte lange bis ich mich beruhigt hatte und erst in den frühen Morgenstunden vor Sonnenaufgang setzte ich mich auf und rieb mir das geschwollene Gesicht.

Ich schniefte und stand auf.

Dies war wohl auch ein Zeichen für Altair zum aufstehen.

Er ging zu dem Pferd herüber und nahm es am Zügel. Dann lief er langsam los.

Ich trottete müde hinter ihm her. Mir schwirrte von allem der Kopf und ich war bitterlich enttäuscht, dass kein wildes Tier gekommen war, um mich zu zerfleischen.

Irgendwann kamen wir zu einer Weggabelung und Altair saß auf.

Er blickte von oben auf mich herab.

„Ich gebe dir einen Schlafplatz, Essen, die Möglichkeit dich zu waschen und sobald es geht, werde ich dir Kleidung und Schuhe besorgen. Dafür musst du nur meine Habe in Ordnung halten, wenn ich unterwegs bin. Du hast jetzt die Möglichkeit zu wählen, Elessa. Dieser Weg dort führt zurück nach Jerusalem, der andere nach Akkon. Beide Wege führen dich in Gefahr und vielleicht in den sicheren Tod. Kommst du mit mir, oder gehst du deinen eigenen Weg?"

Ich sah die beiden Wege entlang. Akkon kannte ich nicht, Jerusalem mochte ich nicht... Altair mochte ich auch nicht.

Doch was hielt das Schicksal für mich bereit, wenn ich allein los ziehen würde, ohne Hab und Gut, ohne Familie?

Ich sah zu Altair auf.

„Herr, ich... würde gern mit Euch gehen. Doch nur eine Bitte will ich an Euch entrichten!" sagte ich nach einiger Zeit und der Mann in der Kleidung eines Gelehrten und den Waffen eines Mörders sah mich auffordernd an.

„Bitte prügelt mich nicht mehr," flüsterte ich und versuchte ihn so fest wie möglich anzusehen. Doch bald wendete ich beschämt meinen Blick ab.
„In Ordnung."

Ich sah zu Altair auf und sah wie er nickte und mir die Hand entgegenstreckte.

„Komm jetzt. Ich will noch ein wenig schlafen," meinte er und ich ergriff seine Hand und ließ mich zu ihm hinaufziehen.

Diesmal nahm ich hinter ihm Platz und er ließ das Pferd in einem leichten Trab verfallen um etwas schneller nach Masyaf zurückzukehren. Kurz bevor wir durch die Tore ritten, blieb er jedoch noch einmal stehen. Er drehte sich zu mich herum und sah mich an.

„Du bist nicht meine Sklavin," meinte er. „Mein Name ist Altair."

Aber... wenn ich nicht seine Sklavin war, was war ich sonst?

Ende Kapitel 2