Der abgetrennte Zopf
Kapitel 4:
„Altairs unheilvolles Geständnis"
Altairs POV:
„Also ist Cem eine Frau?"
Altair nickte schwach. Sein Kopf hämmerte und er war eigentlich viel zu müde um ein Gespräch dieser Art zu führen.
„Ich hätte es nie bemerkt," meinte Malik verdrossen.
„Ja, ihr fehlt noch einiges bis zur
Frau," meinte Altair und Malik schnaubte belustig.
„Frauen in
ihrem Alter sind in der Regel längst verheiratet und haben schon das
zweite Kind! Wieso ist sie nicht verheiratet?"
„Keiner wollte sie, weil sie so männlich wirkt, und als sie zweite Hochzeit platzte jagte man sie davon."
„Oh," meinte Malik.
„Aber wieso hast du sie dann mitgebracht?", fragte er und er grinste als Altair einen Moment zu lange zögerte.
„Ich verstehe schon, du bist verliebt! Aber ausgerechnet in sie?"
Altair setzte sich auf und blickte Malik wütend ins Gesicht.
„Es ist nicht nur das. Es ist nicht so ein kopfloses Schwärmen wie so oft bei dir!", meinte er unwirsch und Malik bleckte wütend die Zähne, erwiderte aber nichts.
„Liebt sie dich denn auch?", fragte er stattdessen und Altair zuckte mit den Schultern.
„Sie weiß nichts davon," meinte er und seine Stimme nahm einen leiseren Ton an.
„Ich wette du hast sie wie einen Köter behandelt! In Gefühlssachen bist du untauglich!"
„Anfangs ja," gab Altair nach kurzem zögern zu. Er senkte seinen Blick und ein Schatten der Reue huschte darüber.
„Aber von Tag zu Tag sehne ich mich immer mehr nach ihrer Nähe. Wir schlafen zusammen im selben Raum, doch ich kann sie nicht berühren. Und wenn ich sie berühre, dann lese ich in ihren Augen, dass sie mich nicht versteht!"
Altairs Stimme wurde leiser und schien abzuschweifen.
„Du bist echt der Einzige den ich kenne, der das mit den Frauen so kompliziert macht. Ich habe bereits meine zweite und bin genauso alt wie du!", meinte Malik und lächelte leicht spöttisch.
„Ich möchte sie nicht einfach nehmen, wenn sie mich nicht liebt! Ich will von ihr nicht gefürchtet oder gar gehasst werden!", meinte Altair nur matt und legte sich zurück.
„Ich glaube ich verstehe dich. Aber es kann keine Liebe wachsen, wenn du ihre Nähe nicht zulässt und vor ihr fliehst. Und vor allem, wenn du nicht mir ihr redest. Ich wette du bekommst am Tag wenn überhaupt zwei volle Sätze über die Lippen," meinte Malik und Altair schnaufte.
„Oder eher keinen," gab er zu und
Malik nickte verdrossen.
„Tja, das bist halt du!"
„Du verstehst nicht, was ihre
Berührungen in mir auslösen, Malik!"
Altair blickte
erschrocken auf, als Malik gellend lachte.
„Oh doch, ich glaube
das weiß ich sehr gut!"
Elessas POV:
Ich saß auf dem Koppelzaun als Malik nach recht langer Zeit zu mir trat.
Malik hatte eine recht dunkle Hautfarbe. Sie stand stark im Kontrast zu seiner weißen Kleidung.
Er war ein Stück kleiner als Altair, wirkte aber ebenso erhaben und ich schätzte ihn als offener und vernünftiger ein.
Er wirkte auf mich nicht, als würde er von seiner Wut kontrolliert werden.
„Ihr steckt in Schwierigkeiten, Cem, oder Elessa? Wie soll ich dich nennen?", sagte er und ich seufzte.
Er reichte mir einen kleinen Beutel. „Hier, der Aufguss für sein Fieber und vergiss heute Abend nicht seine Wunde zu reinigen. Ich schau dann noch mal vorbei."
„Ja aber... das will er doch nicht," murmelte ich hilflos und sah zu Malik auf. Dieser zuckte belustigt mit den Schultern. „Na und? Es geht nicht immer darum, was Altair will," sagte er und lachte.
Malik musterte mich einen Moment lang. Trotz seiner Guten Worte war mir schwer ums Herz.
„Altair hat mir von dir erzählt. Auch wenn er ein Ekelpaket sein kann..."
„Er ist ein Tyrann... meistens!!!"
Malik lachte über meinen Einwurf. „Ja, das trifft ihn gut. Aber das ist er auch nur, weil er nicht in der Lage ist mit seinen widersprüchlichen Gefühlen umzugehen, oder sie gar jemanden zu offenbaren."
„Dieser Mann hat wenig Gefühle," murmelte ich und Malik gluckste vergnügt.
„Aber die, die er hat, lodern dafür um so stärker. Und jetzt geh und kümmre dich um ihn. Sei nicht zu nett."
Ich kehrte in das Haus zurück. Altair schlief tief und fest und ich beschloss einfach darauf zu warten, dass er wach wurde.
Ja, ich spürte ebenfalls, dass ich in Schwierigkeiten steckte, und vor allem fiel mir kein Ausweg ein.
Maliks POV:
Malik unterdessen erreichte die Festung. Er hatte es fast erwartet. Der ehrwürdige Alte stand bereits hinter den Toren und erwartete ihn.
Das war ein sicheres Zeichen, dass er bereits von Cem, oder Elessa, wusste. Altair hatte sie die ganzen Wochen wo sie nun schon bei ihm war, nicht erwähnt, obgleich er das hätte tun müssen. Aber dann hätte er sie vielleicht bereits heiraten müssen, und dass ist es ja, was Altair nicht wollte. Zumindest noch nicht.
Der Alte sah harmlos aus, doch Malik kannte Al Mualim und wusste, dass dies nicht der Fall war.
Al Mualim hatte Macht, und er zeigte diese offen. Seine Augen waren dunkel, hart und kühl. Er war nicht umsonst das Oberhaupt der Assassinen.
Malik war kaum überrascht als der Alte ihn zu einen Spaziergang einlud.
„Erzähl mir von ihr," forderte er schließlich und Malik versuchte ein Seufzen zu unterdrücken.
„Altair hat sie aus Jerusalem mitgebracht. Er liebt sie, will es ihr aber nicht sagen und macht die Sache unheimlich kompliziert. Altair eben," sagte Malik und der Alte lächelte.
„Sie kann nicht lesen oder schreiben, wirkt dünn und schmächtig, hat aber recht viel Kraft. Die Dorfbewohner sehen in ihr einen Jüngling, was wegen ihrer kurzen Haare auch recht nahe kommt."
„Man hält sie für einen Jüngling?",
fragte der Alte und Malik nickte.
„Ja, als sie bemerkte, dass
sie als Junge arbeiten verrichten konnte, die sie als Frau nicht
bekommen hätte, beschloss sie, die Leute in diesen Irrglauben zu
lassen. Ihre Absichten waren gut, denn sie wollte für Altair und
sich nur Nahrung bekommen, weil Altair sein letztes Geld ausgegeben
hatte, um ihr Kleidung zu besorgen," meinte Malik und der Alte
nickte wieder.
Er schwieg einen Moment lang ehe er noch einmal das Wort an Malik richtete.
„Bring sie morgen zu mir, Malik. Ich möchte diejenige sehen, die ein ganzes Dorf zum Narren hält," sagte er und wandte sich schließlich ab.
Elessas POV:
Zu meinen Lebzeiten war es nicht unüblich, dass man sich Leute von der Straße holte, um sie als Sklaven zu halten.
Ein Mann, besonders wenn er mächtig war, konnte sich ebenfalls einfach eine Frau nehmen, die er begehrte.
Ich saß an diesem Abend bei Altair.
Gegen den Kräutersud hatte er sich gewehrt und erst nach langen zureden würgte er diesen herunter.
„Das nächste Mal kochst du davon weniger!", murmelte er mürrisch und drehte sich auf die Seite.
„Ich soll doch noch nach der
Wundauflage sehen," nuschelte ich und ich spürte wie mir die Röte
ins Gesicht stieg.
Altair ignorierte mich.
„Malik wird sauer sein," meinte ich wieder und setzte mich neben ihn.
Entnervt grollend drehte Altair sich wieder auf den Rücken.
„Bereust du gerade, dass du mich auf der Straße aufgesammelt hast?", fragte ich, um ihn von seinen Schmerzen ein wenig abzulenken. Doch Altair abzulenken war genauso unmöglich wie Fliegen zu können.
„Ich dachte ich habe dich entführt?", fragte er und lächelte etwas dünn.
„Sagtest du nicht, ich solle dich nicht als Entführer sehen?"
Altair zischte und biss die Zähne zusammen, als ich die Wundauflage von seiner von Sekret verkrusteten Haut löste.
„Tur mir Leid," flüsterte ich sanft und schluckte. Ich dachte daran, dass er mir jeden Moment eine Ohrfeige verpassen konnte.
Doch er krallte sich lediglich in die Laken als ich die Wunde vorsichtig reinigte.
„Solange ich hier liege, bin ich dir wohl ausgeliefert," meinte er leise und ein leichter, amüsierter Unterton schwang in seiner Stimme mit.
„Auf Gedeih und Verderb!", meinte ich und drückte die neue Wundauflage auf.
Altairs Hand ergriff blitzschnell
meine, um sie am Drücken zu hindern.
„Mach das nicht!",
raunzte er mich an und ich hob die Hand um zu signalisieren, dass ich
nun schon fertig war.
„Du hast meine Frage schon wieder nicht beantwortet," seufzte ich nur und räumte das meiste Geschirr weg.
„Noch nicht," antwortete Altair nach einer längeren Pause.
Ich setzte mich an sein Kopfende gegen
die Wand und nickte.
„Sicher, du hättest mich ja schon längst
die Klippe hinabstoßen können. Wunder mich ja selbst noch, dass ich
lebe!"
Altair schnaufte etwas.
„Du glaubst wohl, dass ich dich über alles hasse?", fragte er verdrossen und ich konnte nicht anders, aber ich amüsierte mich etwas über seinen wütenden Blick.
„Du tust zumindest oft so. Bis vor kurzen dachte ich, du schlägst mich bei der nächsten Gelegenheit tot!"
Altair wandte seinen Blick sofort von mir ab. Ein Schatten huschte über sein Gesicht.
„Das würde ich nie," flüsterte er und schloss die Augen.
Ich runzelte wegen seinen Worten verwirrt die Stirn. Bis vor wenigen Tagen hatte er mir für jeden Fehler einen gekonnten Tritt versetzt. Ich hatte jetzt noch blaue Flecken.
Gerade noch wollte etwas sagen, doch Altair war schneller.
„Elessa..." er schnaufte, als ob er all seine Kraft für diese Worte brauchte.
„Ich... ich möchte nicht, dass du Angst vor mir hast, verstanden?"
Diese Worten verwirrten mich total.
Das war ja nun etwas ganz neues.
Als ich nicht schnell genug antwortete schnaufte Altair entnervt und sah zu mir auf.
„Du glotzt wie eine dumme Ziege!", schrie er und wandte sich sofort wieder ab.
„Oh, entschuldige bitte."
Mehr fiel mir im Augenblick nicht ein. Eben hatte ich noch gedacht, er wäre ganz nett. Doch wenn ihn was zu lange dauerte, fiel ihm nichts besseres ein als zu schreien. Der Mann schien ständig unter einer gewissen Art von Anspannung zu leiden. Er hatte keine Geduld!
„Du bist ein komischer Mensch, Altair," sagte ich nur und wandte meinen Blick der Decke zu.
Altair schien mehr von mir erwartet zu haben, als diese kurzen Sätze.
Er wirkte enttäuscht.
Ich verstand zu dem Zeitpunkt gar nicht was er von mir wollte. Aber zumindest konnte er mir nicht davonlaufen, wenn ich einen unbequeme Frage stellte. Er überhörte diese allerdings recht gerne.
Nun herrschte dicke Luft. Altair hatte von mir eine andere Antwort erwartet und war nun sauer weil er die nicht bekam. Zumindest wusste er spätestens jetzt, wie es sich anfühlte, wenn man im Ungewissen gelassen wurde.
Doch nun wurde es langsam mit ihm beängstigend. Er sprach plötzlich davon, dass ich ihm vertrauen könne und er mir nie etwas antun wollte.
Ich antwortete nichts, legte meine Hand nur auf seine Stirn. Ja, definitiv. Er fieberte.
Dann stand ich auf, nahm den Becher wo der Kräutersud drin war und roch daran.
Ich konnte nicht ausweichen. Altairs
Schale mit Haferbrei traf mich direkt an der Stirn.
„Das
geschieht dir Recht du dumme Kuh!", schrie er wütend.
„Oh!", stöhnte ich und drückte meine Hand auf die dicke Beule, die seine Schale hinterlassen hatte.
„Was hab ich denn gemacht?"
Die nächste Schüssel flog heran, mir blieb nichts als die Flucht durch die Tür ins Freie, wo ich mit Malik zusammenstieß.
„Igitt!", machte dieser und strich sich angewidert den Haferbrei von der Kleidung.
„Was ist denn hier los?", fragte er
verdutzt.
„Was hast du ihm für Medizin gegeben?", fragte ich
und versuchte mir den Brei aus den Haaren zu wischen.
„Der
spinnt!"
Während ich zum Fluss eilte um mir die Haare zu waschen, trat Malik ins Haus.
„Altair? Was hast du gemacht?"
Der Verletzte biss die Zähne zusammen und knurrte vor sich hin wie ein Hund, der sein Essen verteidigte.
Es dauerte eine kleine Weile bis Malik ihm den Inhalt unseres Gespräches entlockte. Dieser brach darauf in schallendes Gelächter aus.
„Das ist nicht dein Ernst, oder?"
Doch ein Blick in das Gesicht des Assassinen ließ ihn verstummen. Es war ihm ernst.
Als ich zurückkehrte, sammelte ich recht schnell alles ein, was Altair zum werfen verwenden konnte.
Der war immer noch beleidigt und würdigte mich keines Blickes.
Malik amüsierte sich sichtlich, doch er richtete eine Mahnung an mich, dass mein Verhalten sehr taktlos war, Altair versuchte sich schließlich nur auf seine Art zu entschuldigen...
„Ach," meinte ich und lächelte. „ Darum ging es die ganze Zeit?"
Altair blickte mich entrüstet an. Er schaute sich bereits nach dem nächsten Wurfgeschoss um. Doch sehr zu meinem Missfallen fiel sein Blick auf sein Schwert.
„Ich schlafe heute in im Stall!"
Ich wollte aufstehen, doch Malik packte mich am Handgelenk und zog mich zurück.
„Bleib schon, Altair macht nur Spaß!"
„Klar, deswegen musste ich mir auch gerade die Haare waschen," murmelte ich, setzte mich und legte das Kinn in die flache Hand.
„Die Beule steht dir gut!", giftete Altair mir zu und ich nickte.
„Als hätte ich nicht genug Flecken von dir!"
Altair erstarrte augenblicklich. Seine lauernden Augen verloren sofort an Glanz und er senkte den Blick.
„Treffer," dachte ich in diesem Moment und spürte wie warme Zufriedenheit sich in meinem Bauch ausbreitete.
Malik spürte wie sich die Situation zuspitzte und stand auf.
„Ich bin dann mal wieder weg. Bringt euch nicht gegenseitig um heute Nacht! Vergiss die Medizin morgen nicht!"
Ich nickte und schloss die Tür hinter ihm.
Anschließend löschte ich die Kleine Öllampe, fast in der Hoffnung im Dunkeln würde Altair mich nicht treffen wenn er was zu werfen bekam oder ich bekam es nicht mit, wenn er mir die Kehle aufschnitt.
Es herrschte eine Zeit lang Stille, doch Altair durchbrach sie irgendwann.
„Elessa?", fragte er und ich sah im
Dunkeln zu ihm herüber.
„Hm?"
„Es tut mir Leid."
Seine Stimme klang fest, doch ich glaubte, dass ihm diese Worte sehr schwer fielen.
Altair war sehr stolz, und ein stolzer Mann entschuldigte sich nicht einfach. Besonders nicht bei einer Frau.
Ich hörte den Stoff seiner Decke rascheln als er sich mühsam umdrehte.
„Nun sag schon was!"
War es eine Forderung, oder war es gar ein Flehen?
Es war so schwer in Altairs Stimme zu lesen. Er schaffte es immer wieder, sämtliche Emotionen aus ihr herauszunehmen. Die Einzige Emotion die ich regelmäßig in seiner Stimme las, war Wut.
„Es ist gut so, wie es ist, Altair," sagte ich und was ich da sagte, war ein Gedanke gewesen, der mir vor weniger Zeit kam, als ich über mein jetziges Leben nachdachte, und es als akzeptabel befand.
Altair ließ nicht durchblicken ob er mit der Antwort zufrieden war.
Doch im Dunkeln tastete er nach meiner
Hand und fand sie schließlich. Seine Hand fühlte sich groß, rau
und warm an. Hände, die viel gearbeitet haben müssen...
Ich
schüttelte im Gedanken den Kopf. Ich verstand das alles nun nicht.
Es musste am Fieber liegen...
Als ich am Morgen erwachte, hielt Altair immer noch meine Hand fest. Er selbst war aber bereits wach und beobachtete mich.
„Wie geht es dir?"
Ein ungeschicktes Ablenkungsmanöver um mich seiner Hand zu entziehen.
Ich errötete heftig und blickte beschämt weg.
„Es geht mir besser," meinte Altair und legte sich auf den Rücken.
„Dann ist dieses übel schmeckende Zeug wohl zu etwas gut," meinte ich und machte mich daran, den nächsten Aufguss vorzubereiten.
Altair war nicht sonderlich dankbar dafür.
Als ich sichergestellt hatte, dass er auch seine Medizin nahm, ging ich los um mich um das Pferd zu kümmern.
Ich hatte es gerade auf die Koppel gebracht als Malik zu mir trat.
„Guten Morgen Elessa. Wie geht es Altair heute?"
„Er sagt, es gehe ihm besser!" meinte ich und lehnte mich an den Koppelzaun.
Maliks Zögern fiel mir auf. Er druckste herum und war sich nicht sicher, wie er mir die Nachricht überbringen sollte. Bereits in diesem Moment ahnte ich Unheilvolles.
Er sah mir fest in die Augen, als er sagte: „Elessa, ich muss dich zu Al Mualim bringen. Es wäre besser wenn du mitkommst!"
Ich wusste von Memeth, dass Al Mualim das Oberhaupt des Dorfes und Ordens war.
Mir war klar, dass es hierbei um meine schamlose Lüge ging.
Doch welche Konsequenz es nun nach sich ziehen sollte, war mir nicht bewusst.
Der Alte stand zunächst mit dem Rücken zu mir. In der Hand hielt er eine Taube, der er sanft den kleinen Kopf streichelte. Er war nicht sonderlich groß und wirkte älter, als er scheinbar war.
„Du bist also Cem? Oder Elessa?", fragte er.
Ich schluckte. Die Lügerei war vorbei! Hier jetzt zu lügen, wäre mein sofortiger Tod.
Meine Hände begannen zu schwitzen und die wohl bekannte Angst schnürte mir fast den Hals zu.
„Elessa, mein Name ist Elessa!", murmelte ich schwach und ich sah den Alten nicken, ehe er sich umdrehte. Sein Gesicht wirkte gütig und sanft, woran wahrscheinlich der Bart schuld war.
Er betrachtete mich von oben bis unten.
„Was ist mit deinem Haar passiert?", fragte er und ich schluckte hart.
„Altair musste es mir abschneiden...
als er mich rettete," meinte ich leise und Mualim musterte mich
streng.
„Findest du es nicht ein wenig respektlos deinen
Wohltäter so in Verruf zu bringen?"
Ich sah geschockt über seine Worte
auf.
„Das wollte ich nicht. Ich wollte ihm nur nicht zu Last
fallen!"
„Du hast das ganze Dorf zum Narren gehalten! Ich kann nicht zu lassen, dass dies ungeahndet bleibt. Sonst würde hier alles in Anarchie verfallen!"
Diese Worte nahmen mir die Luft zum atmen. Sie würden mich wegen der Lüge totschlagen?
„Herr, bitte!", Malik, der hinter mir gestanden hatte trat hervor. „Altair war nicht in der Lage etwas zu Essen zu besorgen, weil er das Geld für Kleidung ausgeben musste. Sie log aus der Not heraus!"
Der Alte sah mir in die Augen.
„Ist
das wahr?", fragte er und ich nickte.
„Dein Motiv war sicherlich von edler Gesinnung, aber dennoch kann ich dich nicht ungestraft davonkommen lassen. Die Ordnung ist in Gefahr. Wenn ich dich einfach so gehen lassen würde, gäbe es plötzlich mehr von deiner Sorte, die sich ihr Leben durch „kleine" Lügen leichter machen würden," sagte er und ich sah in den Augen des Alten keine Regung von Gefühlen. Ich spürte, dass dieser Mann sein Gesetz vertrat und egal welche Umstände es gab, es ausführte.
Ich erstarrte, als er das Urteil vor mir verkündete. In den Augen des Oberhauptes hatte ich eine Grausamkeit gesehen, wie sie kaum jemand, den ich bisher getroffen hatte, besessen hatte. Ich hatte keinen Zweifel, dass er mich mit diesem Urteil töten wollte, auch wenn er verlauten ließ, dass dies Urteil milder war, als es jeder Frau zustand.
Als ich in den Hof trat, musste ich unwillkürlich an Altair denken, der leicht lächelte.
Er hatte immer einen grimmigen, ernsten Gesichtsausdruck. Sein Lächeln schien bestenfalls spöttisch aber nie von ehrlicher Freude ausgelöst zu sein.
Im Hof befanden sich bereits eine ganze Ansammlung von Dorfbewohnern.
Ich sah wie Memeth mich entdeckte und ungläubig erstarrte. Er stieß einen Mann neben sich an, und ich bemerkte, dass es sich um den alten Hirten handelte, und deutete auf mich.
Sie wussten beide nicht, was los war, doch Al Mualim hob die Hand, gebot Schweigen und verkündete meine Tat, und meine Strafe.
„Ich ließ euch zusammenkommen damit ihr Zeuge der Ahndung eines Lügners werdet!", sprach er mit lauter und deutlicher Stimme.
Er deutete auf mich.
„Diese Frau hat sich des Lügens strafbar gemacht als sie euch in den Glauben ließ, ein Jüngling zu sein!"
Ein groteskes Gemurmel erhob sich aus der Menge.
Die Meisten kannten mich, und mochten mich weil ich ihnen oftmals so freimütig zur Hand gegangen war.
„Al Mualim! Sie hat uns immer geholfen, hat gute Manieren gezeigt und nie etwas verlangt! Seht sie euch an! Sie ist ein Kind das längst ihre Eltern verloren hat. Woher sollte sie so etwas wissen sollen. Wer hätte sie rechtzeitig ermahnen können?"
Ich hatte nicht erwartet, dass der Alte Hirte, der mich als Erster zum Jüngling gemacht hatte, nun für mich sprach.
„Auch wenn sie fleißig ist und ehrbare Motive hat, macht das die Lüge nicht ungeschehen!", sprach Al Mualim und ich spürte jetzt schon, so sehr sich die anderen vielleicht einsetzen würden, ich kam um die Bestrafung nicht herum.
Das Schicksal schien sich wieder gegen mich gewendet zu haben.
„Sie kann doch nichts dafür, dass man sie für einen Jüngling hält. Altair hat ihr die Haare aus Notwehr abschneiden müssen," rief Malik nun,der unter seines Gleichen stand. Doch auch dafür hatte Al Mualim eine Antwort parat.
„Dann hätte er sie verschleiern müssen! Und sie hätte euch nicht im Irrtum lassen dürfen."
„Mir war es egal ob sie Mädchen oder Jüngling ist! Das Gute sprach aus ihren Worten und Taten. Da spielt die Erscheinung keine Rolle!"
Memeths Stimme erklang wütend und streng unter dem Gemurmel und die Menschen stimmten ihm zu. Alle, bis auf Al Mualim, der das Gesetz in Masyaf war.
„Laut Gesetz muss eine lügende Frau hingerichtet werden," sprach Al Mualim. „Aber da sie die Frechheit besaß, sich als Mann auszugeben, habe ich beschlossen, sie auch wie einen zu bestrafen. Nach dem Gesetz erhält Elessa nun fünfzig Peitschenhiebe auf den blanken Rücken. Wenn Gott es will, wird sie dies überleben."
Einige Frauen schrien erstickt auf und ich spürte wie mich der letzte Mut verließ. Dies war ein sicheres Todesurteil. Ich sah Männer bereits bei weniger sterben...
Mir brach der kalte Schweiß auf der Stirn aus. Hilfe suchend blickte ich zu Memeth und den Hirten und sah, wie Memeth seine Tochter anstieß, die eilig den Schauplatz verließ.
„fünfzig?", rief der Hirte aus.
„Das hält kein Mann aus. Du bringst sie um!", schrie er und mehrere stimmten ihn zu.
Ich begriff, was hier geschah.
Das alles stürzte auf mich ein und ich spürte die nagende Angst in tosende Panik umschlagen.
Mein Blut hämmerte in meinen Schläfen, mein Mund war trocken und ich wusste, diesesmal würde ich dem Tode nicht entrinnen können.
Al Mualim hatte mich zum sterben verurteilt.
„Ich bin das Gesetz in Masyaf!", verkündetet Al Mualim. „Beginnt!".
Die Ängst lähmte mich, schien mich an Ort und Stelle zu bannen.
Mein Wächter musste mich hinter sich herziehen. Er führte mich zu einem schweren Eisenring, der in der Mauer eingelassen war.
An die band er mit einem rauen Strick meine Hände fest.
Ich sah zu ihm auf und sah nur einen mitleidigen Blick, mit dem er mich musterte.
„Es tut mir Leid," wisperte er so leise, dass es wirklich nur ich verstand.
Er schob meine Tunika bis zu den Schultern hinauf und legte sie darüber, dass sie nicht verrutschen konnte. Dann trat er zurück und ich sah noch wie er an seinen Gürtel griff und einen langen, dünnen Lederriemen hervor zog.
Ich glaubte darauf vorbereitet zu sein, doch das was nun kam... darauf hätte sich niemals auch nur jemand vorbereiten können.
Al Mualim zählte an und der Schmerz durchraste meinen Körper als ob er mich schier zerreißen wollte.
Als der Lederriemen das erste Mal auf meinen Rücken knallte, war ich so überrascht, dass ich den Schrei buchstäblich hinunterschluckte.
„Zwei!" Schon explodierte der nächste rasende Schmerz und ich spürte wie meine Haut sich spannte.
Die Schläge kamen stetig. Der Vierte Schlag ließ bereits die erste Stelle meiner Haut aufplatzen und ich spürte wie sie Stück für Stück riss, so wie dünner Stoff zerreißen würde.
Die Zähne aufeinanderbeißend klammerte ich mich so stark an den Ring, dass meine Hände mir weh taten.
Doch dieser Schmerz schaffte es nicht, mich vom anderen Schmerz abzulenken.
Al Mualims Knecht war weitaus effektiver...
Warmes Blut quoll bereits in dicken Rinnsalen über meinen Rücken und ich hielt den zehnten Schlag nicht mehr aus und schrie zum ersten Mal erstickt auf.
So musste sich das Fegefeuer der Hölle anfühlen.
Ich bekam nicht mit, dass sich um mich herum ein Tumult entwickelte.
Malik erzählte mir später, dass sich einzelne Dorfbewohner auf Grund unterschiedlicher Meinungen prügelten und mit Steinen nach den Assassinen und Wachen warfen.
Doch ich konzentrierte mich nur auf meine Marter. Die Schläge die Al Mualim unbarmherzig anzählte.
Für mich verging eine Ewigkeit und ich spürte wie die Welt um mich herum drückend wurde, mein heißer, schmerzender Rücken wurde taub und ich fühlte mich plötzlich, als wäre ich in Wasser getaucht.
Ich nahm meinen Atem wahr, langsam und stetig. Langsamer werdend. War das der Tod? Kam er nun? Hörte ich auf zu atmen und würde bald meinem Schöpfer gegenüber stehen? Würde er mich auch für die Lüge strafen?
Al Mualim zählte 25, als ich spürte wie die Welt um mich herum gänzlich verstummte und sich Bewusstlosigkeit wie ein dickes Tuch um mich legte.
Meine Beine knickten ein und Finsternis umhüllte mich.
Altairs POV:
„Nein!", Altair schrie auf als er Elessa blutüberströmt an dem Ring hängen sah.
Mesha, Memeths älteste Tochter hatte ihn geholt. Er hatte sie abgehängt und war durch die Tore gerannt ohne auf andere oder sich selbst zu achten.
Noch bevor Elessa der 28. Schlag traf, fing er ihn mit seinem eigenen Rücken ab. Er umklammerte sie von hinten und empfing nun die Schläge an ihrer Stelle.
Seine Arme umfingen Elessas Oberkörper und in Windeseile war seine Kleidung von ihrem Blut durchtränkt.
Die Wache wollte abbrechen, doch Mualim
schüttelte seinen Kopf und zählte weiter.
Altair lehnte gegen
ihren Rücken und hatte sein Gesicht an Elessas Hals gepresst.
In ihrer tiefen Bewusstlosigkeit hörte sie ihn nicht, als er leise flüsterte: „Ich liebe dich, Elessa..."
Ende Kapitel 4
