Der abgetrennte Zopf

Kapitel 5 „Der Kuss des Assassinen"

Altair kniete immer noch schützend hinter Elessa. Blut tropfte langsam und dennoch in stetig gefährlichen, dicken Rinnsalen zu Boden.

Sie versickerten im Staub und hinterließen rote Spuren einer Tragödie.

Al Mualim trat neben Altair.

„Altair," sagte der Alte und der angesprochene sah zu seinem Meister auf.

„Was wirst du mit dieser Frau tun?"

Altair atmete heftig aus und schluckte all seinen Ärger hinab. Er durfte es mit seiner Unbeherrschtheit nicht noch schlimmer machen.
„Ich werde sie heiraten!"stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

„So sei es dann," sagte Al Mualim und hob erneut die Hand. Der Tumult verstummte gänzlich und alle sahen zu ihm herüber.
„Ich spreche hiermit das Leben von Elessa, Straßenkind aus Jerusalem, meinen treuen Gefolgsmann Altair Ibn La-Ahad zu. Möge er diese Frau leiten und die Verantwortung für ihre folgenden Taten übernehmen! Nun geht zurück an eure Arbeiten!"

Altair sah auf, als Malik ihm die Hand auf die Schulter legte.

„Altair...,"flüsterte dieser leise.

Mit seinem Messer zerschnitt er die Fesseln und es war Altair, der verhinderte, dass der schlaffe Körper gänzlich zu Boden sank.

Mühsam stand der Assassine auf und presste das bewusstlose Mädchen an seine breite Brust.

Die Kapuze seiner nun mit Blut verschmierten Robe, machte es für die Zeugen unmöglich, sein Gesicht zu sehen.

In dem Meister-Assassinen tobte ein Sturm und er glaubte von seinen nun scheinbar verkeilten Gefühlen überwältigt zu werden.

Noch nie glaubte Altair dem Impuls einfach schreiend und umsichschlagend loszustürmen so nahe zu sein.

Doch er widerstand der Verlockung seinen Gefühlen nach zu geben und schritt stolz, kraftvoll und erhaben durch die sich vor ihm teilende Menschenmenge.

Elessa selbst schien nur noch ein blutiges Bündel Kleidung zu sein und Altair umgriff sie immer fester in der Angst, sie könne ihm entgleiten. Er sah gebannt auf ihr totenblasses Gesicht.

Sie so zu sehen versicherte ihm, dass er in einer Sache nun total versagt hatte.

Und zwar Elessa zu schützen. Vor sich selbst... und auch vor dieser fürchterlichen Strafe.

Nur zu gern hätte er sie vor allen Schlägen bewahrt, und obgleich er gut die Hälfte abfangen konnte, war er sich ziemlich sicher, dass Elessa allein nur durch diese Anzahl von Schlägen dem Tode näher war, als jemals in ihrem Leben.

Er ignorierte die Blicke der Dorfbewohner, ignorierte seine eigenen Gefühle und brachte Elessa zurück in sein Haus, wo er sie so vorsichtig wie möglich auf das Lager platzierte.

„Das ist schlimm!", hauchte der dunkelhäutige Araber, als er hilflos versuchte, dass viele Blut vom Rücken zu wischen.

„Zieh ihr das Hemd aus!", wies er Altair an, der nur starrend an ihrem Kopf saß und über ihre Haare strich.

Malik musste ihn an der Schulter berühren um ihn auf sich aufmerksam zu machen.

Dieser zog nun sein Messer und schnitt die Tunika vorsichtig von Elessas zerrissenen Körper.

Die Striemen erinnerten Malik an ein engmaschiges Fischernetz. Sie zierten den ganzen Rücken und zogen sich teilweise über die Körperseiten sowie Bauch und Brust.

Malik drückte Altair eine tiefe Holzschale in die Hand.

„Wir brauchen Wasser, Altair! Komm schon, ich brauch dich hier jetzt!"

Altair ging los um Wasser zu holen, während Malik versuchte die Blutungen zu stillen.

Es kam ihn wie eine Ewigkeit vor bis Altair zurückkehrte und er die Wunden waschen konnte.

Elessas Atem war flach und langsam. Ihr Körper glühte und Malik wusste, dass dieses Fieber Unheil und Heilung zugleich war.

Er verbrachte fast die ganze Nacht damit, Elessas Fieber zu senken, Wundauflagen zu wechseln und die Blutungen so gut es ging zu verringern.

Altair da gegen war kaum eine große Hilfe.

Er war völlig abwesend und war kaum in der Lage irgendwas sinnvolles zu tun.

Malik verstand, was in seinem Freund vor ging und doch konnte er ihn jetzt nicht schonen.

Doch der Kampf dauerte an. Das stetige Atmen war das einzige Lebenszeichen, was Elessa verlauten ließ.
Das Gesicht blieb reglos und obgleich Malik die Wunden oft säuberte, kam kein Ton des Schmerzes über ihre Lippen.

Altair und Malik wechselten sich alle zwei bis drei Stunden mit dem Schlafen ab.

Immer und immer wieder strich Altair sanft über Elessas Gesicht, Haare und berührte ihre blassen Lippen. Nur schwach widerstand der Assassinen den Drang sie einfach küssen zu wollen.

Die Gefühle der Hilfslosigkeit und Verzweiflung zerrissen ihn, ließen ihn nicht zu Ruhe kommen.

„Was, wenn sie stirbt?", fragte er irgendwann.

Er sah Malik dabei nicht an, sondern starrte an irgendeinen unsichtbaren Punkt an der Wand.

Seine Stimme war nur ein leises Wispern, fast als hätte er nicht den Mut, diese unheilvollen Worte lauter auszusprechen.

„Daran darfst du nicht mal denken, Altair! Du musst kämpfen, genau wie Elessa es tut."

Maliks sanfte Worte erreichten Altair nur langsam, doch er hob den Kopf an, sah in seine Richtung und nickte langsam.

„Du hast Recht, Bruder!"

Als Malik sich nun endlich um Altairs Verletzungen kümmerte, war dessen blutige Robe bereits getrocknet und der Stoff riss die Wunden erneut auf.

Doch Altair zuckte nicht mal, gab keinen Ton von sich.
Malik wusste, als Assassine war man zeitweise sogar schlimmeres gewohnt. Er bestrich die Wunden mit der selben Kräutermischung, die er auch für Elessas Rücken verwendet hatte. Der stinkende Sud brannte wie Feuer, doch Elessa gab immer noch keinen Ton von sich, während Altair bald gepresst aufstöhnte.

„Ich werde sie von hier wegbringen, Malik," sagte Altair später leise. Seine Hand ruhte besorgt auf Elessas Stirn und strich ihr immer wieder die fettigen, verschwitzten Haarsträhnen zurück.

„Wohin?", fragte dieser und sah zu wie Altair gedankenverloren über ihr Gesicht strich.

„Zum alten Außenposten, auf der anderen Seite des Flusses. Das ist nicht weit," sagte er leise und Malik schnaufte.
„Ich kann dich verstehen, Altair, doch warte noch ein wenig. Ich fürchte sie übersteht den Transport nicht. Warte bis die Wunden aufhören zu bluten!"

Altair nickte sanft, doch in seinen Augen glühte eine Entschlossenheit die Malik in dieser Form noch nicht kannte.

Elessa konnte noch lange nicht transportiert werden. Erst als ihr Fieber nicht mehr so hoch war, und die Wunden von einem dünnen Belag aus Wundsekret überzogen waren, wagte Altair den Transport.

Malik half ihm dabei und transportierte mit einem Esel Altairs weniges Hab und Gut.

Altair hatte ein Lager vorbereitet. Er legte sie sanft darauf ab, sorgfältig darauf bedacht Elessa nicht erneut zu verletzen.

Während Malik ihr eine neue Wundauflage machte, entzündete Altair den alten, steinernen Ofen um Wasser zu kochen.

Das Lager war nun größer und mit einer einfachen Holzumrandung gebaut. Dies verhinderte, dass das Innenleben verteilt wurde.

Malik verließ nun Altair für die Nächte

Altair kühlte Elessas Stirn und schlief selbst nur wenige Stunden. Er saß am Kopfende des Lagers und strich ohne Unterlass beruhigend durch Elessas Haar.

Dies tat er nun schon so viele Tage und er hatte sich sehr daran gewöhnt, ihre weiche Haut unter seinen Fingern zu spüren.

Immer wieder befeuchtete er ihre Lippen und hoffte, dass sie Flüssigkeit aufnehmen würde. Zeitweise hatte er sogar den Eindruck, dass sie an dem feuchten Lappen saugte.

Altair sprach sanft und leise zu ihr.

Bald fasste er auch den Mut ihr sanfte Küsse auf die Stirn zu hauchen und nach nun langen Tagen des Bangens erwachte Elessa.

Elessas POV:

Ich schwebte durch einen dunklen Raum, als ich Altairs Stimme hörte. Ich glaubte schwach seine Berührung zu spüren, doch war ich nicht in der Lage meine Augen zu öffnen und ihn anzusehen.

Die Bewusstlosigkeit lag über mich wie ein schweres, erdrückendes Tuch und ließ nicht zu, dass ich zu dieser Zeit aus ihr aufwachte.

Dies geschah erst zwei Tage später.

Malik reinigte gerade Altairs Wunden als ich die Augen öffnete.

Sie saßen vor mir und ich hatte einen kompletten Überblick auf Altairs Rücken, dessen Haut viel heller und blasser wirkte, als die von Malik. Die dicken Roben hatten immer verhindert, von ihm mehr zu sehen, als nur die Hände und einen kleinen Teil seines Gesichts.

Als ich die Striemen sah, fiel mir wieder meine eigene Strafe ein und ich hörte das Knallen der Peitsche und verspürte den heftigen Schmerz, der mich nun in dieser Welt willkommen hieß.

Ich stöhnte gequält auf und biss die Zähne aufeinander.
Malik und Altair drehten sich beide gleichzeitig zu mir.
„Elessa!"

Malik wandte sich sofort von Altairs Rücken ab.

„Beweg dich bloß nicht, sonst reißen deine Wunden auf!", sagte er und drückte mich sanft auf die Schlafstätte zurück.

Ich seufzte und sah mich um.

„Wo bin ich?", fragte ich leise und Malik lächelte.

„Nicht mehr in Masyaf. Altair brachte dich fort!"

Ich sah zu Altair, der nur sein Hemd überzog und wortlos durch die Tür nach draußen ging. Malik sah ihm hinter her und runzelte die Stirn.

„Wir dachten eine Zeit lang, dass du es nicht schaffst. Es sah wirklich schlecht in den ersten Tagen aus. Doch dann ging das Fieber zurück und wir brachten dich hier her."

Ich war kaum wach, da flößte er mir dieselbe abscheuliche Brühe ein, die ich vor wenigen Tagen noch für Altair immer aufgegossen hatte.

Mir war nun klar, warum dieser sich so angestellt hatte.

„Ist er wütend?" fragte ich nach einer Weile und Malik hielt in dem was er tat inne.

„Nein," sagte er sanft. „Ich glaube er ist unsicher. Du bist jetzt seine Frau. Er hat sich wirklich gut um dich gekümmert. War Tag und Nacht bei dir. Er kann mit seinen eigenen Gefühlen einfach nicht gut umgehen. Er brauch Zeit."

Ja, auch ich brauchte Zeit. Ich blieb nicht lange wach und auch in den nächsten Tagen schlief ich viel.

Oftmals wacht ich zwischendurch auf, doch nie für lange. Allerdings lange genug, damit Malik mir dieses Gesöff zu trinken geben konnte, dass Altair schon so verabscheut hatte.

Altair hatte ich seit dem ersten Tag, als ich aufwachte, nicht mehr gesehen.

Als ich Malik nach ihm fragte, meinte er lediglich, Altair sei da.

Ich dachte, dass er vielleicht doch sauer war.

Malik hatte mir berichtet, was in der Festung passierte nachdem ich bewusstlos geworden war. Altair hatte meine restlichen Schläge abgefangen.

Ich fühlte mich ihm gegenüber so schuldig. Das Alles tat mir so Leid. Ich erinnerte mich an Al Mualims Worte, dass ich Altair mit meiner Tat in Verruf gebracht hatte.

Heiße Tränen stiegen mir dabei in die Augen. Altair...

Mir ging es von Tag zu Tag besser, und eines frühen Abends hielt ich es nicht mehr aus.

Langsam setzte ich mich in dem großen Lager auf.

Ich spürte wie mir schwindelig wurde, doch der Schmerz in meinem Rücken blieb erträglich.

Sehr bald hatte ich mich an das konstante Brennen und Pochen gewöhnt. In letzter Zeit juckte er oft und Malik meinte, dass es daran lag, dass das Gewebe nun gut heilte.

Er rieb meinen Rücken jeden Tag mit einer sehr fetten Salbe ein um das Gewebe geschmeidig zu machen und vor dem Reißen zu bewahren.

Langsam stand ich auf.

Dabei atmete ich tief ein, um den Schwindel zu vertreiben und zog mir anschließend eine Tunika über.

Es war nicht meine, Malik hatte mir eine andere besorgt, weil er meine wohl zerschneiden musste.

Ich sah mich nun in diesem Haus um. Es bestand aus zwei Räumen. Die Räume waren nicht sonderlich groß, aber wesentlich mehr, als Altairs anderes Haus zu bieten hatte.

Der vordere Raum bestand aus einer kleinen Kochstelle und einer Ecke in der Kissen und Deckeln lagen während der zweite Raum lediglich ein Lager aus Stroh mit hölzerner Umrandung beinhaltete. Der Raum war vom ersten mit einem schweren Vorhang abgetrennt.

Altairs Kleidung lag achtlos herum. Saubere mit schmutziger gemischt. Sein Schwert und der Gürtel mit den Wurfmessern lagen davor.

Das Gehen fiel mir schwer und ich war kaum das kurze Stück bis zur Haustür gelaufen, als ich mich gegen den Rahmen lehnen musste um auszuruhen.

Ich schloss die Augen und atmete erneut tief ein bis der Schwindel sich langsam legte.

Altairs Pferd stand an einem Zaun festgebunden und kaute auf etwas Heu herum. Sattel und Zaumzeug lagen neben der Haustür.

Hinter dem Haus ragten einige schroffe Felsen auf. Sie umschlossen uns und ich wunderte mich auf welchen Weg Altair mich hierher gebracht hatte.

Hinter dem Haus waren die Felsen, und vor dem Haus, vielleicht hundert Schritte entfernt, war der breite Fluss.

So wie ich das auf den ersten Blick erkannte, waren wir von einen natürlichen Schutzwall umgeben.

Ich sparte es mir dass Pferd zu begrüßen. Ich war kaum in der Lage, einen Biss oder Tritt abzuwehren und ging deshalb langsam zum Fluss runter.

Zwischendurch setzte ich mich einfach in den Sand und machte eine Pause.

Diese Pausen gestalteten sich als recht lange doch irgendwann erreichte ich das Wasser.

Ich kniete nieder und tauchte meine Hände in das Wasser, ehe ich mein Gesicht damit benetzte.

Anschließend setzte ich mich einfach an das Ufer und tauchte meine Füße hinein.

Ich versuchte mich mit den Gedanken zu versöhnen, dass ich jetzt Altairs Frau war. Al Mualim hatte mich ihm zugesprochen, mit allen Rechten und Pflichten. Nun ja, ich als Frau hatte wenig Rechte, mir fielen eigentlich nur Pflichten ein.

Vor meiner geplatzten Hochzeit hatte man mich auf die Ehe vorbereiten wollen.

Eine Frau hatte dem Mann zu gehorchen, ihn mit dem höchsten Respekt zu behandeln und seine Entscheidungen nie in Frage zu stellen.
Eine Frau sollte dem Mann immer zu Verfügung stehen. Zu jeder Tage und Nachtzeit. Was auch immer das bedeutete.

Eine Frau sollte immer das Wohl des Mannes und der Familie dem eigenen vorziehen.

Doch... ich war eine schlechte Frau. Anstatt einfach nur meine Aufgaben zu erledigen, maßte ich mir an, in die Rolle eines Mannes schlüpfen zu können.

Ich habe Schande über meinen Mann gebracht, bevor ich auch nur seine Frau war. Wie sollte das weiter gehen?

Von meiner Seite her hatte ich aufgegeben. Ich glaubte in den Tiefen der Bewusstlosigkeit Altair gehört zu haben. Doch nun... war ich mir nicht mehr so sicher.

Wie so oft hörte ich ihn nicht, als er zu mir trat.

Erst als er mir die Hand auf die Schulter legte, sah ich zu ihm auf.

Er trug seine übliche Robe, verbarg wie immer sein Gesicht unter der Kapuze. Es hatte sich nichts verändert, oder?

„Es ist nicht gut, dass du herumläufst," sagte er und wieder schaffte er es, die Emotionen in seiner Stimme gänzlich auszuschalten.
„Es... tut mir Leid," sagte ich nur und wollte aufstehen, doch nun ruhten beide Hände auf meinen Schultern und hielten mich sanft an Ort und Stelle.

Er verharrte einen Augenblick ehe er sich neben mich setzte und seinen Blick ebenfalls über den Fluss schweifen ließ.

„Das Haus ist größer," meinte er irgendwann leise und ich nickte. Das war mir aufgefallen.

„Ich soll dich von Memeth grüßen. Er und seine Töchter vermissen dich. Er hat mir Haferkekse mitgegeben, aber Malik hat gestern den letzten gegessen."

Ich wandte meinen Blick vom Fluss ab und sah Altair von der Seite an. Natürlich konnte ich unter der Kapuze kaum etwas von ihm erkennen, dennoch wandte ich meinen Blick nicht ab, als ich fragte: „Ich bin eine schlechte Frau, nicht wahr?"

Es dauerte lange und ich wollte mich bereits abwenden als er antwortete: „Nein, dass bist du nicht. Du bist unbedacht, aber nicht schlecht."

Ich verstand nicht was er meinte, aber statt danach zu fragen, wandte ich meinen Blick wieder dem ruhigen Fluss zu.

„Ich habe keine Ahnung, was ich jetzt machen soll. Wie es weitergehen soll," gestand ich nach einer Weile und Altair schnaubte belustigt.

„Ich würde sagen, einfach leben, schließlich stand es darum eine Zeit lang richtig schlecht."

Ich nickte verdrossen.

„Du warst die ganze Zeit bei mir, nicht wahr?" fragte ich und nun war es eine sehr lange Pause, bei der ich schon dachte, dass Altair mir die Frage wieder nicht beantworten würde.

Doch dann sagte er leise: „Ja, die ganze Zeit."

Ich nickte, schluckte trocken und spürte wie mir die Röte ins Gesicht schoss.

„Ich habe dich zu mir sprechen gehört. Deswegen bin ich hier. Ich wollte aufgeben," flüsterte ich undhörte wie Altair tief einatmete. Er sprang auf und ging plötzlich weg.

„Mist," murmelte ich.

Mir war sofort bewusst, dass ich etwas falsches gesagt hatte.

„Es tut mir Leid!", rief ich ihm nach und drehte mich zu ihm um. Da passierte es. Die dünne Gewebeschicht auf meiner Wunde riss und warmes Blut tränkte meine Tunika.

Ich schrie erstickt auf und presste sofort meine Hand auf den Mund, um nicht noch lauter schreien zu müssen.

Da war er wieder. Der Schmerz. „Hallo Elessa... du lebst noch. Deswegen spürst du mich..."

Altair war mit einem Sprung sofort bei mir.

„Was ist?," fragte er und dieses mal hörte ich ein Gefühl in seiner Stimme.
„Sorge," flüsterte ich und Altair sah mich verwirrt an.
Ich schüttelte mich im Gedanken.
„Nichts, es ist... nichts," sagte ich und stand auf.

Ich stand zu schnell auf. Daraufhin lag ich eher noch wieder im Sand als es mir lieb war.

Altair ergriff sanft meine Taille und zog mich wieder auf die Füße.

„Komm, du musst dich hinlegen Elessa. Du hättest nicht aufstehen dürfen," sagte er, und da war sie weg, die Sorge in seiner Stimme.

„Ich nehme dich auf meinen Rücken," meinte er und wollte mich gerade hoch heben, als ich einen Schritt zurück trat.

„Nein!", sagte ich und hob abwehrend meine beiden Hände. „Dein Rücken ist verletzt!"

Altair musterte mich kalt und wütend. Es war mir ein Rätsel wie dieser Mann es schaffte seine Gefühle einfach abzustellen, als seien sie nie da.
Außer die Wut. Die schien wirklich immer da zu sein.

„Ich kann... laufen, Altair. Es dauert nur etwas länger."

Altair blickte mich immer noch wütend an, doch ich versuchte einen Schritt auf ihn zu zu gehen.
„Komm, begleite mich doch das Stück, dann komme ich sicherlich an. Hab ein wenig Geduld mit mir, bitte."

Ich flüsterte nur und erwartete eigentlich nicht mal, das Altair den Wunsch respektierte. Aber er trat neben mich und hakte sich unter meinen Arm ein.
„Sag wenn du eine Pause brauchst," murmelte er immer noch mürrisch und ging dann mit mir langsam in Richtung des alten Hauses.

Altair achtete darauf, dass weder er noch ich zu schnell gingen. Mit ihm an meiner Seite machte ich zwar keine Pause, aber lehnte an ihm, wobei mir dies schon eine recht große Hilfe war.
Er war um so vieles größer als ich und sein Arm war um einiges breiter als meine. Unter dem groben Stoff seiner hellgrauen Tunika erahnte ich nur die muskulösen Arme.

Als wir gemeinsam das Haus betraten, saß Malik bereits auf den Kissen der Sitzecke und aß einen Fladen.

„Ich dachte schon, ihr kommt nie," nuschelte er mit vollem Mund.
Er blickte mich mahnend an.

„Du dürftest eigentlich nicht auf den Beinen sein."

„Ja, dass sagte ich ihr auch," stimmte Altair ihm zu und zog mich in das andere Zimmer. „Leg dich hin", meinte er nur zu mir und ließ mich das letzte Stück alleine gehen. Er selbst blieb im anderen Raum.

Kaum hatte ich mich wieder hingelegt, trat Malik zu mir.

„Lass mal sehen."

Er begutachtete kritisch die neue Wunde.

„Morgen beschränke dich bitte auf langsame Bewegungen und das Haus. Oder noch besser, verbleib im Bett."

„Ich fühle mich so schwach," murmelte ich und Malik nickte.

„Du liegst seit fast zwei Wochen flach. Was erwartest du?"

Er beugte sich zu mir herunter. „Du solltest Altair nicht überfordern. Geh das langsam an."

Er lächelte mir verschwörerisch zu und verabschiedete sich für diesen Tag.

Altair kam ein wenig später zu mir und brachte mir Wasser und ein wenig Brot.

Ich aß und trank ein wenig.

„Du solltest mehr essen," meinte er und schnallte seine Rüstung ab.
„Mehr geht nicht," murmelte ich müde und legte meinen Kopf zur Seite. Ich spürte, dass der Körper müde war und nach Schlaf verlangte.

Ich hörte ihn rascheln und als ich aufblickte, sah ich wie Altair sich seiner Robe entledigte und lediglich in Hose und Unterhemd zu mir trat.

Ich sah weg, als er sich neben mir niederlegte. Das dämmrige Zwielicht des Sonnenunterganges tauchte das Zimmer in ein rötliches Licht. Das Lager selbst war in Schatten getaucht.

Ich spürte Altairs Gegenwart und die Wärme die von seinem Körper ausging.

Er lag neben mir und ließ seinen Blick über mich wandern.
„Altair?", fragte ich leise.

„Hm?"

„Was sind Assassinen genau?"

Altair missfiel meine Frage. Ich hörte wie er wütend schnaufte und war mir eigentlich sicher, dass er gleich wieder aufstehen und weg gehen würde, doch das tat er nicht.

„Assassinen töten... Menschen," meinte er schließlich und ich sah ihn nun an.

Er lag auf der Seite mit zu mir gedrehten Körper und hatte seinen Kopf auf seinen Arm gestützt.

„Warum?", fragte ich und er blinzelte langsam.

„Um unsere Grundordnung wieder herzustellen, und Frieden in das Heilige Land zu bringen," murmelte er leise.

„Und deswegen tötet ihr Menschen?"

„Es sind Menschen, die die Ordnung gefährden, Kriege und Kämpfe unterstützen oder hervorbringen und Menschen als Sklaven verkaufen oder für mindere Vergehen töten. Du bist solchen Menschen in Jerusalem beinahe zum Opfer gefallen, erinnerst du dich?"

Ich nickte verdrossen. Das stimmte.

„Und du hast sie alle getötet. Damals dachte ich, du seist ein Gelehrter."

Altair blickte mich nur aus seinen tiefen, dunklen Augen an und schwieg. Ich lächelte sanft.

„Du hast mir nun schon zweimal das Leben gerettet. Ich bin dankbar dafür, bei dir sein zu können," flüsterte ich und berührte sanft mit meinen Fingern seinen Arm.

Er zuckte und ich zog meine Hand sofort zurück.

„Nein," flüsterte er leise und ergriff meine Hand. Er zog sie an seine Lippen und legte diese sanft auf meine Finger.

Ich sah ihm fasziniert dabei zu. Es verwirrte und bezauberte mich zugleich und ein sanftes Lächeln stahl sich auf meine Lippen, als er mich erneut anblickte.

Seine dunklen Haare waren etwas länger als Maliks und ein leichter Bartwuchs zierte seine männlichen, schmalen Lippen. Seine wachsamen Augen waren nicht die eines Arabers. Ein fremdartiges Grau, oder wie sollte ich es besser beschreiben?

Mein Blick blieb an seinen Augen hängen und ich ertappte mich dabei, wie ich sie neugierig begutachtete.

Altair lächelte sanft.

Er berührte mit seinem Zeigefinger meine Lippen und strich sanft darüber. Er blickte mir in die Augen und schüttelte leicht den Kopf. „Ich sehe, dass du mich nicht verstehst," murmelte er. „Aber ich denke, dagegen kann ich etwas tun."

Ich runzelte die Stirn doch er ließ kein längeres Grübeln oder gar eine Frage zu.

Er zog mich vorsichtig näher zu sich heran.

„Leg dich auf die Seite," hauchte er und ich hörte die Forderung in seiner tiefen, männlichen Stimme.

Ich tat was er wollte und Altair lag nun parallel zu mir.

Er hob mit seinem langen und schlanken Zeigefinger mein Kinn an. Er war mir nun ganz nahe. So nahe, dass ich seinen sanften Atem auf meinem Gesicht spürte.
„Ich werde dich jetzt küssen, Elessa," sagte er leise.

Mir stockte der Atem. Er wollte was?

Röte schoss mir ins Gesicht und mir wurde heiß und kalt zugleich.

Altair war mir so nahe wie nie zuvor und nun überwand er die letzte, kleine Distanz.

Ich wollte etwas sagen, setzte zum sprechen an, doch sein leichtes Kopfschütteln ließ mich verstummen und ich hielt unabsichtlich die Luft an.

Während sein Gesicht näher kam, zog ich meinen Kopf zurück, solange bis ich irgendwann nicht weiter zurückkonnte und Altair legte sanft seine Lippen auf meine.

Seine Lippen waren fest und rau und sein leichter Bart kitzelte auf meiner Haut.

Ich schmeckte Kümmel und das Gewürzöl, welches Memeth für seine Fladen nutzte und Altairs Hand fuhr um meinen Hinterkopf herum und zog mich näher zu sich.

Er ließ nicht von mir ab, sondern fuhr langsam mit seiner Zunge über meine Unterlippe. Immer wieder schlossen sich seine Lippen um meine und erst als ich dachte ich müsste ersticken, ließ er von mir ab.

„Du kannst dabei ruhig atmen," flüsterte er belustigt als ich scharf einatmete.

Atmen? Wie sollte ich atmen? Er raubte mir nun mit seiner bloßen Gegenwart den Atem. Dieser Assassine sorgte nun dafür, dass ich bald unter einer nie dagewesenen Atemnot litt.

„Wehre dich nicht, Elessa. Lass mich gewähren. Ich tue nichts, was du nicht möchtest," murmelte der Mann und lehnte sich wieder zu mir.

Sein Kuss wurde fordernder. Altairs Zunge wanderte bereits beim zweiten Mal zwischen meine Lippen.

Vor Schreck öffnete ich den Mund und Altair überwand die letzte Distanz und ließ seine feuchte, warme Zunge in meine Mundhöhle gleiten.

Ich hatte mich aufgerichtet und fiel nun zurück. Das Gefühl, was er in mir auslöste ließ mich schwach werden. Mein Herz schlug so heftig gegen meine Brust, dass ich mir sicher war, dass Altair es spüren konnte.

Er hatte beide Arme um meine Taille gelegt und presste mich gegen seine breite, männliche Brust.

Altair unterbrach den Kuss, um mich atmen zu lassen und lächelte immer noch darüber, dass ich die Luft anhielt.

„Gleich läufst du blau an und wirst wieder bewusstlos," flüsterte er sanft und küsste mein Kinn und meine Wangen.

Er küsste mich erneut und wurde nun leidenschaftlicher. Der Assassine stieß meine Zunge immer wieder an und versuchte mich zur gleichen Leidenschaft zu bewegen.

Nur sehr zögernd reagierte ich und tastete nun ebenfalls nach ihm.

Seine Zunge rieb sich an meiner und er drängte sich nun fester gegen mich.

Altair stöhnte erstickt auf und ich zuckte zurück, weil ich dachte, ich hätte ihn verletzt. Doch er hielt mich fest, zog mich nahe zu sich heran und küsste mich wieder.

Wir küssten uns lange und er fuhr mit seinen Händen meiner schmalen Silhouette entlang.
Seine Griffe wurden immer fester und fordernder und ich spürte, dass die Situation seiner Kontrolle entglitt.

Er begann seine Hände unter meine Tunika wandern zu lassen. Es war für mich ein Schock seine warmen, rauen Hände auf meiner nackten Haut zu spüren. Ich löste mich von ihm und drückte meine Hände gegen seine Brust.

„Warte!", presste ich erschrocken hervor und er stockte und ließ mich abrupt los. Ich wollte ihm noch hinterher rufen, doch da war Altair auch schon auf den Beinen, sprang aus dem Raum und ließ mich allein zurück.

„Und dann ist er davon gerannt?"

Malik saß hinter mir und trug die unebene Granulierung des neuen Gewebes ab.

Ich zischte und biss die Zähne aufeinander.

„Ja," murmelte ich als der Schmerz abebbte.

Malik schnaubte belustigt.

„Und seitdem ist er samt seinem Pferd weg?"

„Das tut er immer, sobald irgendwas kompliziert oder unangenehm wird," meinte ich tonlos. „Er steigt auf das Pferd und reitet weg. Verbleibt meistens den ganzen Tag woanders."

Ich zuckte erneut zusammen, als Malik die scharfe Messerklinge durch das neue Gewebe trieb.

Altair war seit gestern Abend fort. Er hatte das Haus fluchtartig verlassen. Ich hörte das Pferd wiehern und davon galoppieren. Als ich nach draußen kam war Altair samt dem Pferd weg. Er hatte es nicht einmal aufgezäumt.

„Mach dir keine Sorgen, Altair reitet gut. Er reitet schon immer gut. Aber das er nur in Hose und Hemd los geritten ist, sieht ihm unähnlich. Es ist gefährlich dort draußen. Man spricht von Kreuzrittern, die sich an der Küste sammeln. Al Mualim spricht von einem bevorstehenden Krieg in den nächsten Jahren," sagte Malik.

„Will er den Krieg anfangen?," fragte ich und Malik lachte auf.

„Hoffe das er das nicht tut, meine Kinder sind noch zu klein um mit den Umständen eines Krieges zurecht zu kommen!"

Mit Malik sprach ich oft. Er war meine einzige Bezugsperson außer Altair. Und Altair war einfach nur in jeder Hinsicht schwierig. Wenn er nicht die Antwort bekam, die er wollte, wurde er wütend. Wenn man fragen stellte, die er nicht mochte, ignorierte er sie einfach.
„Warum ist er so? Woher kommt diese Ungeduld? Diese Wut? Entweder ist Altair kalt wie ein Eisblock oder warm wie kochendes Wasser. Seine Gefühle sind immer extrem aber nie ausgeglichen. Und ich sehe oft, dass er mit seinen Gefühlen überfordert ist und wenn das passiert, läuft er davon!"

Malik schnaufte. „Gut beobachtet, Elessa, heb mal bitte deine Arme!"

Er wickelte einen recht festen Verband um meinen Oberkörper. Dieser sollte die Wundauflage an Ort und Stelle halten, während ich mich nun frei bewegen konnte. Malik hatte gemerkt, dass ich mich nicht mehr an die strenge Bettruhe hielt und passte seine medizinische Behandlung einfach meinem Zustand an.

„Ich mache mir Sorgen," meinte ich nach einer kleinen Pause, zog mir meine Tunika wieder über und sah dann Malik an.

„Altair ist schwierig. Aber nicht schwach. Und eigentlich nie unbesonnen. Er wird wieder kommen, wenn er soweit ist."

„Was für ein Problem hat er mit mir?"

„Mit dir?", Malik lachte. „Gar keins soweit. Er steht sich selbst im Weg. Nimm dir das nicht zu sehr zu Herzen. Was er an Geduld zu wenig hat, brauchst du dafür doppelt zu viel."

„Klingt nach viel Arbeit," meinte ich und Malik schmunzelte über meine Ironie.

Wir beide horchten auf, als ein Pferd draußen wieherte.

„Altair," flüsterte ich und wollte aufstehen, doch Malik hob die Hand und blickte mich eindringlich an.

„Warte," sagte er und stand selbst auf.

Er ging nach draußen und im nächsten Moment hörte ich einen dumpfen Aufprall.

Ich sprang schneller auf die Füße, als es gut für mich war. Mein Rücken quittierte das mit dem reißenden Schmerz, der mich nun schon seit langen Tagen begleitete.

Ich trat aus dem Haus in das warme Sonnenlicht. Malik kniete neben Altair, der am Boden unter seinem Pferd lag.
„Wasser!", rief mir Malik zu und ich griff mir sofort den Schlauch, der neben der Tür im häuslichen Schatten lag.

Ich warf ihn zu Malik, der ihm Altair an den Mund führte. Dieser trank in hastigen Zügen. Das Pferd war bereits von selbst zum Fluss gelaufen um dort zu saufen. Was hatten die beiden gemacht?

Ich ergriff ein Seil um das Tier damit zu führen und ging langsam zum Fluss herunter. Mit einem komischen Gefühl in der Magengrube vermied ich es Altair beim Vorbeigehen anzusehen. Ich fühlte, dass es nun falsch war, ihm zu viel Aufmerksamkeit zu schenken.

Es war nicht schwer, den Strick an dem Halfter des Pferdes zu befestigen und es zurück zum Haus zu führen.

Seine Beine zitterten und ich spürte ganz deutlich, dass dieses Tier einen sehr weiten Weg gegangen war.

Ich hatte nur wenig Sympathie für dieses Tier übrig, aber ich wollte nicht, dass es litt oder zu Schaden kam.

Das Pferd führte ich an eine schattige Stelle am Haus, wo es sofort eine Ruheposition einnahm und den Kopf müde senkte.

Ich klopfte ihm sanft den Hals.

„Gutes Tier, danke," murmelte ich und ging dann wieder um das Haus herum.

Malik hatte Altair in das Haus gezogen und auf die Kissen im Vorzimmer gelegt.

„Was machst du nur?", hörte ich ihn sagen.

Ich blieb stehen. Neben meiner Lüge war es nun kaum schlimmer zu lauschen.

Sollten sie mir doch demnächst den Rest meiner Haut noch abziehen.

„Malik", murmelte Altair. „Ich schaffe das nicht!"
„Was redest du denn da?"

„Elessa... ich kann das nicht mehr. Ich kann nicht mehr länger...!"

„Altair, du hast sie gerettet, von der Straße geholt, nach Masyaf gebracht und sie nicht dem Tode überlassen, als Al Mualim sie verurteilt hatte. Woran glaubst du zu scheitern? Sag es ihr endlich!"

„Ich... Nein!"

„Doch. Sag es ihr, damit du Ruhe hast! Du quälst dich umsonst. Du liebst sie doch, also sag es ihr endlich!"

„Sie versteht es nicht!"

„Doch, dass tut sie. Der Einzige der es nicht versteht, bist du selbst! Sei kein Narr und leg endlich deine alten Ängste ab!"

Er hatte mich gerettet, misshandelt, berührt, geküsst, mir tief in die Augen gesehen.

Altair sagte mir, dass ich ihm vertrauen könnte, und das ich keine Angst vor ihm zu haben brauchte. Er würde mir nie etwas tun.

Der Mann hatte Al Mualim gesagt, dass er mich zur Frau haben wollte, obgleich ich mit meiner dummen Lüge Schande über ihn gebracht hatte.

Ich spürte immer, dass es Altair schwer fiel, mit mir zu reden. Es war ihm nie schwer gefallen, mich zu schlagen, mich anzuschreien und scheinbar zu hassen, aber er schaffte es nicht, mich seine Liebe spüren zu lassen. Seine Lust und Begierde hatte ich letzte Nacht zu spüren bekommen, aber seine Liebe... er war noch nicht offen für mich.

Ich saß mit dem Rücken zur Hauswand. Neben mir kaute das Pferd mittlerweile an etwas Heu, das ich ihm hingelegt hatte.

Noch nie hatte ich nach seinem Namen gefragt und beschloss es bald zu tun.
Altair mochte sein Pferd. Das spürte ich immer, wenn ich die beiden zusammen sah.

Das Tier reagierte sofort auf ihn. Wenn es nur seine Schritte vernahm, oder gar, wenn es Altair an mir roch.

Wenn er pfiff ließ es selbst den besten Hafer liegen und ging zu ihm.

Aber mich attackierte es bei jeder Gelegenheit.

„Ah, hier bist du."

Malik trat zu mir und lehnte sich ebenfalls an die Hauswand.

„Keine Ahnung was er getrieben hat. Aber die Sonne hat ihm zugesetzt," meinte er und ich nickte verdrossen.

„Ich sehe dich morgen um die selbe Zeit, und übertreibe es nicht," sagte er und zwinkerte mir zu, ehe er zu seinem Pferd ging und auf saß.

Ich blieb noch eine Weile an der Hausmauer sitzen ehe ich glaubte, genug Kraft für die nächste Begegnung zu haben.

Vorsichtig betrat ich das Haus. Altair war nicht im ersten Raum. Er lag im zweiten Raum auf dem Lager und schlief.

Er lag auf der Seite und atmete ruhig und stetig.

Langsam ging ich in die Knie und streckte meine Hand aus. Ich hatte diesen Fehler schon einmal gemacht, doch dieses Mal öffnete er vorher die Augen und sah mich an.

Er sprang mich nicht an. Riss mich nicht zu Boden. Bedrohte mich nicht mit seinem Messer.

Seine Augen sahen nur in meine, und diesmal war ich mehr als nur gewillt, dem Blick des Adlers standzuhalten.

Ich war eine Maus in einem Weizenfeld, und er war der Adler der über mich kreiste. War ich Beute? Spielzeug? Oder die Quelle die er zum Leben brauchte?

Meine Finger berührten sanft seine schönen Lippen und fuhren über seine Wange. Seine Bartstoppel kitzelten meine Fingerkuppen und ich fuhr ihm über die glatte, charakteristisch geformte Nase.

„Altair," flüsterte ich leise. Ich beugte mich zu ihm hinab und küsste sanft seine leicht verschwitzte Stirn. Ich zögerte einen Moment, wägte meine Worte behutsam ab. Ich wollte ihn nicht schon wieder flüchten sehen...

Er sah fragend zu mir auf.
„Altair, danke für alles!"

Ich lehnte mich zu seinem Ohr und flüsterte noch: „Ich liebe dich!"

In dieser Position zu verharren war mühsam, dennoch tat ich es, wenn auch mein Rücken darüber nicht sonderlich begeistert war.

Dann fühlte ich wie Altairs Arm um meine Schulter wanderte und mich zu ihm zog.

Er legte sich auf den Rücken und zog mich über sich, vergrub seine Hände in meinem Haar und küsste mich sanft auf meine Lippen, ehe er mich an sich drückte.

„Ich bin so ein Narr," flüsterte er und ich schüttelte den Kopf.

„Egal. Wenn du so wärst, wie all die anderen, wäre ich Krähenfutter," meinte ich und legte meinen Kopf an seine Schulter.

Wir blieben lange so. Er strich mir behutsam über das Gesicht und Haar, küsste mich zwischendurch immer wieder sanft aber längst nicht mit der Leidenschaft wie am Abend zuvor. Altair war zurückhaltender, aber dafür auch um so liebevoller.

Die Tage vergingen und der erste Regen kam.

Die schwüle Hitze war erdrückend und lähmend zu gleich.

Altair bewegte sich auch nicht mehr als er musste. Erst in den frühen Abendstunden wurde er aktiver.

Als ich das Pferd fütterte, sah ich ihn im Fluss baden. Er stand etwa hüfthoch im Wasser und reinigte sich Gesicht und Oberkörper.

Im Licht der Abendsonne konnte ich seine Striemen auf seinem Rücken gut erkennen. Sie waren bereits fast verheilt und einige hatten sich bereits in blasse, dünne Narben verwandelt.

„Mein Rücken sieht noch anders aus," murmelte ich betreten und verfütterte eine handvoll Hafer an das Pferd.

„Hm, ich wollte fragen, nicht wahr?", richtete ich die Frage an den Braunen und dieses schnaubte, als ob es mir zustimmen würde.

„Geh lieber nicht zu nahe heran."

Es überraschte mich nicht, das Malik zu mir trat. Er tauchte jeden Tag um diese Zeit bei uns auf.

„Dieses Biest hat mich mal ohne Grund und Vorwarnung über den Haufen gerannt. Und wenn es ganz schlecht drauf ist, beißt es auch."

„Ja, treten tut es auch," meinte ich und wandte mich lächelnd zu ihm um.

„Altairs Wunden sind gut verheilt,"meinte ich als Malik sich wieder um meine eigenen Wunden kümmerte. Wir saßen im kühlen Haus und er strich mir eine Dicke Salbe auf den Rücken.
„Deinem Rücken geht es auch wesentlich besser. Deine Wunden heilen langsam, aber dafür richtig. Ich nehme an, mit den Narben wirst du kaum Probleme bekommen!"

„Ich kann es kaum erwarten bis ich mich wieder richtig bewegen kann. Morgens ausstrecken... verboten, auf den Rücken liegen.... strengstens untersagt. Bücken... geht auch nicht!"

Malik lachte und klopfte mir auf die Schulter.

Ich zog meine Tunika wieder über und lächelte ihm zu.

Er sah verschwörerisch zur Tür. „Und? Wie geht es voran?"

„Langsam, aber recht gut. Er gibt sich Mühe."

Malik nickte zufrieden.

„Was tuschelt ihr?", Altair trat in das Haus und wir beide sagten sofort wie aus einer Kehle: „Nichts!"

Er trug nur seine Hose. Sein breiter, männlicher Oberkörper war frei und einige Wassertropfen perlten darauf.

Malik griff an seinen Gürtel und reichte Altair ein Pergament.

„Das ist von Al Mualim. Ich soll es dir überbringen," meinte er. Meine Stimmung kippte sofort, als ich diesen Namen hörte.

Mein Rücken juckte verdächtig und ich konnte es nicht unterdrücken scharf ein zu atmen.

Altair lies das Pergament und nickte nachdem er es eingerollt hatte.
„Sag ihm, dass ich morgen aufbreche. Er soll es bereits als erledigt betrachten!"

Malik lächelte über Altairs nun sichtbare Arroganz.

„Denk daran, dass es gut wäre, dass du an einem Stück zurück kommst. Ich brauch noch ein paar Spielgefährten für meine Kinder. Söhne wären nicht schlecht, Altair. Gott beschenkt mich leider nur mit Töchtern und du warst noch nicht sonderlich aktiv, wie ich sehe!"

Maliks Worte trafen den richtigen Punkt. Altair wurde sofort still und seine Wangen färbten sich in ein gesundes Rot.

Schmunzelnd ließ Malik uns stehen. „Bis morgen, Elessa!"

Ich winkte ihm hinter her, was mir einen warnenden Blick von Altair einbrachte.

„Was gibt es hinter meinem Rücken zu reden?", fragte er.

Oh-oh. Ich kannte diesen Blick. Er sagte ganz deutlich: „Rede, oder ich bring dich dazu!"

„Ähm, zum Beispiel warum deine Wundheilung schneller voranschreitet als meine!"

Altair lächelte und die Arroganz war trotz Maliks Worte noch nicht von seinem Gesicht gewichen.

„Erstens bin ich ein Mann, zweitens hatte ich schon schlimmeres, drittens bin ich nicht so ein Hungerhaken und viertens..."

„... und viertens bist du wirklich das Tollste was hier weit und breit zu sehen ist," meinte ich nur dumpf und er verstummte und musterte mich verblüfft.

Ich hob beide Hände.
„Tut mir... Leid. Das war sehr respektlos. Kann ich das wieder gut machen?", fragte ich und Altair schnaubte.

„Ich würde dich jetzt gerne Ohrfeigen, du dämliches Weibstück," knurrte er und ich ging einen Schritt zurück.

Doch er packte zu und umgriff meine beiden Oberarme. Er zog mich so nahe an sich heran, dass mein Oberkörper seinen berührte.

„Doch ich möchte dich viel lieber küssen," hauchte er in mein Ohr und ich spürte wie sich meine Haare auf den Armen aufstellten.

Ein Schauer lief durch meinen Körper und Röte schoss mir genauso schnell ins Gesicht wie es bei Altair gewesen war.

Ich lachte erleichtert auf. Ok, kein Schlag für mich, dafür ein Kuss.


Was wollte man mehr?

Ende Kapitel 5