Der abgetrennte Zopf
Kapitel 7 „Die Lüge, mein Lebensretter!"
Ich erwachte nur sehr langsam, als mehrere fremde Stimmen an mein Ohr drangen.
Es war noch dunkel und Altair befand sich nicht neben mir.
Die leichteste Bewegung verursachte einen dumpfen Schmerz in meinem Unterleib und ich erinnerte mich mit aufsteigenden Scham an den Akt der letzten Nacht.
Ich stöhnte gedämpft auf und krümmte mich, um in eine einigermaßen bequeme Position zu gelangen.
Die Stimmen verstummten und nur wenig später kehrte Altair durch den schweren Vorhang zu mir zurück. Ich hatte seine Schritte nicht vernommen.
Der Assassine schien einfach aufgetaucht zu sein, wie so oft.
Nicht selten kam es mir vor, als ob er einfach aus dem Nichts neben mir auftauchen würde.
Wortlos legte er sich neben mich und schlüpfte zu mir unter die schwere Decke.
Sein Körper war bereits recht kühl. Er musste schon einige Zeit draußen gewesen sein.
Altair zog mich an seine Brust und legte seine Arme fest um mich, als wollte er mich meiner eigenen Körperwärme berauben.
Er legte seinen Mund an meinen Nacken und atmete sanft und langsam ein und aus.
„Ich muss wieder fort," flüsterte er leise und ich drehte mich sofort halb zu ihm um.
Den aufsteigenden Schmerz ignorierte ich, und ich schluckte ebenfalls eine Antwort herunter.
Er war Assassine... ich wusste was er tat, warum er es tat und dass er es tun musste.
Das Einzige was mir blieb, war lediglich die Hoffnung, dass all das irgendwann enden würde.
Doch wie schnell dieser Fall eintreten konnte, war mir zu dem Zeitpunkt wie so vieles nicht bewusst.
„Wie lange?"
Meine Stimme war nur ein Flüstern.
Ich war nicht fähig mich zu bewegen, denn die schmerzhafte Trauer, dass Altair mich nun wieder verlassen musste, lähmte mich und ich war zu sehr damit beschäftigt nicht in Tränen auszubrechen.
„Ich weiß es nicht," murmelte Altair mürrisch. Er hob den schweren Sattel auf Liakun, der recht unwillig schnaubte.
Ich wandte ihm den Rücken zu und seufzte.
Er war nur wenige Tage bei mir gewesen und nachdem wir nun gestern miteinander geschlafen hatten, hätte ich heute gern mit ihm darüber geredet und einfach mit ihm Zeit verbracht.
Doch dazu ließ uns Al Mualim wohl keine Zeit.
Trauer ergriff mich, wie kaum zuvor und ich fühlte mich unverstanden und am Boden zerstört. Kaum konnte ich die Tränen zurückhalten.
„Elessa," murmelte Altair leise und ich drehte mich zu ihm herum.
Er nahm mich in den Arm und ich vergrub
nun mein Gesicht tief an seiner Schulter. Das war der Punkt an den
ich nun in Tränen ausbrach und Altair gab mir einen Moment Zeit um
zu weinen, bevor er mich losließ und mir einen Kuss auf die Stirn
gab.
„Ich komme so schnell zurück,wie ich kann," sagte er und
küsste mich erneut auf die Lippen.
Ich schüttelte sanft den Kopf und wischte mir mit den Handrücken über das Gesicht.
„Nimm dir die Zeit, die du brauchst
und sei einfach vorsichtig," meinte ich nur dumpf und er lächelte
sanft.
„Danke," erwiderte er und stieg auf sein Pferd.
Ich sah zu, wie er davonritt und ging dann langsam zurück ins Haus.
Vielleicht sollte ich die Zeit schlafen überbrücken?
Was sollte ich schon machen? Allein hier mit meinen Gedanken! Das war eine Strafe!
Bereits am Abend spürte ich, dass etwas nicht stimmte.
Ein merkwürdiges Unwohlsein ergriff mich, doch es kam nicht aus der Sorge um Altair.
Altair hatte sein Kurzschwert zurückgelassen. Doch er kam nicht, um es noch zu holen.
Malik kam ebenfalls nicht, obgleich er immer nach mir sah, wenn Altair unterwegs war. Wusste er denn nicht, dass Altair fort war?
Das Unwohlsein ging nicht, Malik kam auch am nächsten Tag nicht, genauso wenig wie am darauf folgenden Tag.
Ich hatte gehörte, dass im Königreich Kämpfe ausgebrochen waren. Ob Masyaf überfallen wurde? Die Zeiten waren unruhig und ich spürte, dass etwas in der Luft lag.
Doch wahrscheinlich wäre ich ewig in diesem einsamen Haus am Fluss geblieben, wenn mir nicht das Schicksal wieder auf die Sprünge geholfen hätte.
Ich erwachte in der Nacht als sich eine kräftige Hand um meine Kehle schloss und mir den Hals zudrückte.
„Du Hure, halt still!", zischte eine Stimme und ich begriff sofort, dass es nicht Altair war, obgleich ich die weiße Kleidung als die eines Assassinen erkannte.
Ein Schrei blieb mir sprichwörtlich im Hals stecken und ich strampelte und schlug um mich. Die Luft wurde mir aus den Lungen gepresst und meine Augen begannen zu brennen. Ein metallischer Geschmack breitete sich auf meiner Zunge aus und ich spürte die nur zu gut bekannte Ohnmacht nach mir greifen.
Meine Finger tastete über den Boden und fanden es! Meine letzte, kleine Hoffnung! Altairs Kurzschwert. Ich riss es an mich es und schwang es nach oben. Obgleich es noch in seiner Lederscheide ruhte, verfehlte es seine Wirkung nicht. Mein Angreifer erhielt einen heftigen Schlag in sein verhülltes Gesicht und ließ von mir ab.
Ich zögerte keine Sekunde.
Hustend und Blut spukend kam ich auf die Beine und strauchelte aus dem Haus heraus.
Ich musste fort, sonst würde er mich töten!
Was war passiert? Was war mit Altair? Warum versuchte man mich zu töten?
Meine Gedanken rasten und ich war nicht in der Lage anzuhalten.
Noch im Rennen schnallte ich mir das Schwert um und wagte es nicht, zurück zu sehen!
Das fahle Mondlicht erhellte die schlammigen Pfade vor mir und bald sank ich bis über die Knöchel in den Boden.
Das Gehen wurde schwieriger, ich glitt aus und landete mit dem ganzen Körper im Schlamm. Nun, wenn ich jetzt von dem Assassinen eingeholt werden würde hatte ich eventuell Glück und er würde mich im ganzen Dreck übersehen oder nicht erkennen.
Meine Flucht ging weiter. Die Nacht war still, nur der Wind war zu hören. Der Wind, mein keuchender Atem und die Schritte im Schlamm.
Doch dann trug der Wind das Wiehern eines Pferdes zu mir.
Die Angst trieb mich erneut an, schneller zu rennen und wieder glitt ich im Schlamm aus.
Ich sah mich um nach einem geeigneten
Versteck. Nichts!
Keine Bäume, nur Schlamm und Stroh.
Stroh?
Der Haufen war groß und in Masyaf hatte ich mal beobachtet, wie Kinder sich darin versteckten.
Ich hechtete zu ihm und vergrub mich so tief in dem Haufen wie es nur möglich war.
Mein Herz hämmerte gegen meine Brust und ich spürte wie die Gefahr näher kam.
Es dauerte nicht lange und es erklangen die klatschende Schritte eines Pferdes.
Im Grauen Zwielicht sah ich den Reiter kommen.
Ich hielt den Atem an, versuchte mein
Herz zu betäuben, doch am liebsten hätte ich vor Panik
aufgeschrien, als ich eine vermummte Gestalt in weißen Roben
entdeckte.
Sein Blick haftete auf dem Boden als er langsam vorüber
ritt.
Er suchte nach meinen Spuren.
Ich dankte Gott für den Regen, den schlammigen Boden...
Das Tier wieherte. Es war bis über die
Fessel im Schlamm versunken.
Der Assassine sah sich prüfend in
der Umgebung um. Sein Blick schweifte über den Strohhaufen in dem
ich mich verbarg, aber er ritt weiter.
Das Pferd trabte an und entfernte sich schnell.
Im selben Moment krachte es laut. Ein Sturm zog auf und der Regen ließ nicht lange auf sich warten.
Ich konnte diesen Weg nicht weitergehen. Er würde mich entdecken. Aber es gab einfach keinen anderen Weg.
Um mich herum waren Steilhänge, ich würde nicht klettern können ohne mich unnötig aufhalten zu lassen und ich wusste, das Assassinen schneller und besser klettern konnten als ich.
Ich schüttelte den Kopf.
Das konnte nicht wahr sein. Das alles war doch mehr als nur verrückt.
Als ich aus dem Strohhaufen kroch
wurde ich von hinten zu Boden gerissen.
Ich rollte mich ab, fuhr
mit der Hand zum Rücken und zog das geschwungene Kurzschwert.
„Du kannst damit doch gar nicht umgehen," sagte der in weiß gekleidete Mann und seine Stimme strahlte eine ungeheure Ruhe aus.
„Egal!" brüllte ich ihm mit dem Mut der Verzweiflung entgegen und stemmte meine Beine in dem Boden. Ich war mehr als nur wild entschlossen diesem Assassinen zu entgehen, auch wenn es hieß, dass ich ihm dafür verletzen oder gar töten müsste.
Der Assassine lächelte nur und zog nicht einmal sein Schwert. Er nahm mich überhaupt nicht ernst. Das ließ meine Wut noch mehr anschwellen.
Er trat langsam näher und ich verspürte den starken Drang nach hinten zurückzuweichen. Doch stattdessen hob ich nur meinen Waffenarm und deutete mit der Spitze auf ihn.
„Nimm mir das nicht übel Elessa, es ist zu unser aller Besten!"
„Unterschätze mich nicht!", zischte ich und versuchte möglichst bedrohlich zu wirken.
„Bist du dir sicher?", fragte mein Gegenüber und lachte. Ich runzelte wütend die Stirn. Was war das für eine Frage?
„Ich hatte gehofft, dass du es mir nicht zu schwer machst!"
Bedauern lag in seiner Stimme, die noch immer ruhig war.
„Sag mir, Elessa, was erwartest du von deinem Leben?"
„Ich habe meine Erwartungen angepasst," knurrte ich nur und bereitete mich so weit es mir möglich war auf diesen Kampf vor.
Der Assassine hob seine linke Hand.
„Es
tut mir Leid," flüsterte er leise und lächelte.
An der Stelle, wo sein linker Ringfinger hätte sein sollen, erschien mit einem metallischen Zischen das versteckte Mordwerkzeug.
Ich biss die Zähne aufeinander und hielt mich bereit von ihm angesprungen zu werden.
Wo war Altair? Normalerweise erschien er immer in genau diesen Momenten um mich vor der drohenden Gefahr zu retten.
Der Assassine ballte seine Hand zur Faust und ging einen Schritt auf mich zu. Ich wusste nun, dass der Tod unausweichlich war, doch hatte ich meine Entscheidung getroffen.
Hier zu sterben war unmöglich! Ich musste erfahren, was mit Altair geschehen war! Warum griff man mich an?
„Wo ist Altair?", fragte ich, und der Assassine lachte leise.
„Er ist tot, Elessa. Und du wirst ihm jetzt folgen!"
Tot?
Er sprang auf mich zu und stieß mit der bewaffneten Faust nach mir.
Ich zog meinen Oberkörper gerade noch rechtzeitig zurück und entging den Angriff nur knapp. Der Angreifer war schnell, schlug wieder zu, doch konnte ich jedes Mal ausweichen. Der Schlamm lahmte seine Bewegungen etwas, oder er hatte nicht wirklich die Absicht mich zu töten.
Doch dann geschah es. Ich ging zum Gegenangriff und er sah aus als würde er meinen Angriff abwarten.
„Assassine!"
Ein andere, männliche Stimme
durchbrach begleitet von einem Donnerschlag unser Kampfgetümmel.
Der
Weiße verharrte erschrocken in seiner Bewegung, doch ich zog das
Schwert durch... und traf.
Blut spritzte zu Boden und der Feind taumelte zur Seite.
Er hob den Kopf und sah mich an.
Ein langer und recht tiefer Schnitt ging ihn vom linken Auge quer über die Lippen zum Kinn.
Ich hörte wie hinter mir Schwerter
gezogen wurden und plötzlich standen sie neben mir.
Männer in
roten Waffenröcken!
„Lass den Jungen in Ruhe du gottloser Heide!"
Der Assassine sah zu mir, doch ich konnte seine Augen nicht erkennen. Es wäre mir jetzt wichtig gewesen, seine Augen sehen zu können, um eventuell nach der Wahrheit oder der Lüge darin suchen zu können. Doch er floh, und als ich mich langsam umdrehte, sah ich auch wieso.
Hinter mir standen gut und gern fünf Dutzend Soldaten.
Ein Teil von ihnen rannte hinter dem Mann her, der mit wehenden Roben floh durch den Regen floh, doch der andere Teil stand um mich herum.
Einer trat hervor. Ein Mann mit schulterlangen blonden Haaren, blauen Augen und einem gütigen Lächeln auf dem Gesicht.
„Alles in Ordnung bei dir, Kleiner?", fragte er und ich nickte und steckte das Schwert weg.
„Was wollte dieser Assassine von dir?"
In diesem Moment war ich die Ruhe selbst. Der Angreifer floh, ein Gewitter brach über uns herein und ich selbst stand in der Mitte von schwer bewaffneten Männern.
„Ich habe ihn gesehen, dass reichte ihm," sagte ich nur matt und tonlos und der Mann nickte.
„Verstehe. Aber wieso reist du auch allein? Es ist gefährlich, jetzt wo Krieg ist," meinte er und legte mir die Hand auf die Schulter.
„Ich bin bewaffnet," sagte ich und versuchte so mutig zuklingen wie es nur irgendwie möglich war.
Der Mann nickte lächelnd.
„Komm,
setz' dich zu uns ans Feuer, iss und trink etwas und erzähl mir, was
du allein hier draußen machst."
Ich hatte keine Chance abzulehnen. Er legte mir den Arm um die Schultern und schob mich mit sich.
Deren Feuer entpuppte sich als Lager. Dort waren noch mehr Soldaten, die die zu mir gestoßen waren, schienen nur ein Wachtrupp gewesen zu sein.
„Wie ist dein Name?"
Ich sah zu dem Ritter auf. „Cem," antwortete ich und er streckte mir die Hand hin. „Mein Name ist Wilhelm von Karzheim, Fürst zu Karzheim und Kelsen!"
Ich gab ihn meine Hand und er schüttelte sie kräftig.
Sie gaben mir Essen, bestehend aus einer dünnen Hafersuppe und einem Stück Pökelfleisch. Dies schlang ich in ein bis zwei Bissen schnell hinab.
„Wohin wolltest du?"
„Nach
Akkon, Herr," sagte ich leise und Wilhelm lachte auf. Ich versuchte
so gefestigt zu klingen, wie es mir nun kaum noch möglich war.
Natürlich war alles nur erfunden und gelogen, doch hier war es mir nicht mehr möglich, überhaupt noch ein ehrliches Wort zu sprechen, ohne das man mich über den Feuer grillen würde.
„Na wenn das kein Zufall ist, wir wollen auch nach Akkon zur Heerschau von König Richard. Ich wette so ein Bursche wie du wollte bestimmt dahin, um einen Ritter zu suchen, der einen Knappen benötigt, nicht wahr?"
Ich wusste nicht, wovon er redete, aber ich nickte und nahm noch einen Schluck Wasser.
Wilhelm schmunzelte.
„Junge, dass ist heute dein Glückstag. Nicht nur, dass du diesem Assassinen entrinnen konntest, nein, du kommst mit uns nach Akkon, als mein Knappe!"
Ich verschluckte mich augenblicklich endlos schockiert an der dünnen Suppe!
Den Rest der Nacht verbrachte ich inmitten einer Schar von ungefähr hundert schwer bewaffneten Männern ehe ich unter ihnen in den frühen Morgenstunden losmarschierte. Doch die Nacht ließ mich nicht zur Ruhe kommen. Altair? Tot? Das war eine Lüge gewesene... nicht wahr?
Ich wagte es nicht zu weinen, irgendwie auch nur aufzufallen. Ich schluckte meine Gefühle herunter und kämpfte die Erinnerungen an Altair nieder. Doch immer wieder ertappte ich mich in der Hoffnung, dass ein Reiter in weißen Gewand auftauchen und mich retten würde.
Retten, aus dieser nun aussichtslosen Situation. Gefangen... in meiner eigenen Lüge!
Auf dem Weg nach Akkon erfuhr ich, dass Wilhelm und seine Männer nun schon seit vier Jahren unterwegs ins gelobte Land waren.
Es waren Ritter, zum größten Teil mittellos da sie die zweit geborenen Söhne von Fürsten waren. Sie erhofften sich, hier unten Land und Reichtum zu finden, sowie dass ihre Sünden vergeben werden würden, sobald sie die Heilige Stadt befreien würden.
Wilhelm gab mir neue Kleidung.
Jeweils schwarzes Hemd und Hose, einen roten Waffenrock mit dem Wappen von Kelsen, einem schwarzen Wolf auf gelben Hintergrund und einen Ledergürtel mit Schwerthalter. Allerdings kein Schwert.
Ich trug Altairs Schwert noch auf den Rücken. Die Tunika und Hose hatte ich einfach zurückgelassen und war nun gemeinsam mit fast hundert Mannen aus dem Abendland unterwegs.
Die Angst etwas falsches zu sagen ließ mich stumm einfach mitlaufen. Immer wieder ertappte ich mich mit der trügerischen Hoffnung, Altair würde auftauchen und mich retten.
Ich erinnerte mich nervös an die Peitschenhiebe, und gab mir die größte Mühe, mir gar nicht auszumalen was geschehen würde, wenn hundert Mann aus dem barbarischen Abendland erfahren würde, dass in ihrer Mitte sich eine Frau befand.
Da war sie wieder, die Lüge... mein Lebensretter.
Wir waren nun seit drei Tagen unterwegs, liefen stramm und bei jedem Wetter.
Die Männer beachteten mich kaum, der ein oder andere zwinkerte mir freundlich zu. Ich, dem neuen Knappen von Wilhelm von Karzheim.
Das Erste was ich auf dieser Reise lernte war, dass es meine Aufgabe war, Wilhelms Ausrüstung in Ordnung zu halten. Waffen, Pferd, Leder, Rüstung.
Ich tat dies emsig und Wilhelm war recht zufrieden. Mit dem Pferd bekam ich keine Probleme. Es war von ruhigem Gemüt, wesentlich größer als Liakun und dankbar, wenn man sich darum kümmerte.
Wilhelm händigte mir irgendwann ein
Übungsschwert aus.
„Knappen werden irgendwann Ritter, auch wenn
dein Stand es vielleicht schwer machen würde. Ritter müssen kämpfen
können. Also los!"
Und so begann der Kampf.
Es war
mühsam und ich trug lange Zeit nach den Übungen Blasen und
Schwielen davon. Die Schwerter waren schwer und oft hatte ich das
Gefühl, ich könne sie gar nicht anheben.
Doch ich lernte schnell, allein schon aus der Angst heraus, dass die Assassinen mir auf den Fersen sein könnten oder ich von den Feinden der Christen nieder gemetzelt werden könnte.
Und es dauerte nicht lange, bis ich mir das Gewicht der Schwerter zu Nutze machte und es zuschwingen lernte.
Ich trat immer wieder gegen verschiedene Gegner an, jeder mit einem anderen Stil, mit anderen Kniffen, schnell und geschickt, langsam und stark und teilweise auch schnell und stark.
Das Ausweichen war wegen meinem geringen Gewicht und Körpergröße schnell eine meiner Stärken geworden und bald lernte ich die ersten tödlichen Hiebe und Stiche hinzuzufügen.
Oftmals war ich am Abend, wenn ich mich inmitten der Recken zur Ruhe legte, so müde, dass ich sofort einschlief.
Ich fühlte mich recht sicher unter ihnen und fürchtete bald kaum einen Angriff der Assassinen. Doch eins raubte mir weiterhin regelmäßig den Schlaf.
Die Sorge um Altair, meinem Mann. Ich glaubte immer noch nicht an seinen tot!
„Cem, du bist kein Christ, nicht wahr?" fragte Wilhelm eines Mittags und ich sah zu ihm auf.
Ich war schweigend neben dem berittenen Kriegsherren hergelaufen und wunderte mich nun, dass er mich auf meine Konfession ansprach.
„Bist du Moslem?"
„Nein Herr, weder noch, ihr würdet mich einen Heiden nennen!"
Wilhelm sah mich an. Seine blauen Augen ruhten mit beruhigender Sanftheit auf mir.
„Dann... werden wir dich beim nächsten Fluss taufen, und dir einen neuen Namen geben," sagte er und ich nickte leicht. Es waren einige Wochen bereits vergangen und ich bemerkte, dass ich Wilhelm sehr mochte. Er war immer gütig und nett zu mir, lehrte mich geduldig im Kampf, sowie im Lesen und Schreiben, was mir allerdings nicht wirklich gut gelang.
Ja, einen neuen Namen, das klang unheimlich gut.
Doch der nächste Fluss ließ auf sich warten, der Feind allerdings nicht.
Wir kamen zu einem Grenzgang, der von Muslimen überwacht wurde.
Wilhelm verlangte Einlass, doch die Muselmänner wollte uns nicht durchlassen. Ihre Zahl war geradezu lächerlich
Es war Wahnsinn sich uns entgegenstellen zu wollen.
Die Männer dürsteten nach Kampf, das spürte ich. Und ich spürte noch etwas.
Ich wollte ebenso meine Kenntnisse erproben.
All die aufgestaute Wut, all der unterdrückte Wahnsinn, es wollte raus!
Ich zog Altairs Kurzschwert als Wilhelm die Hand hob.
Die Krieger begannen mit ihren Waffen einstimmig auf die Schilde zu Klopfen.
Ich sah wie den Gegner mulmig wurde,
doch ihr Schicksal war besiegelt.
Ein Horn erklang und mit lautem
Kampfschrei und Energie eines reißenden Flusses fegten wir über die
Feinde hinweg, zerstreuten sie und töteten einen nach dem anderen.
Ich fand mich in dem Getümmel nicht zurecht. Keinen einzigen Feind entdeckte ich. Und innerhalb von wenigen Minuten war alles vorbei.
Alles vorbei...
„Jetzt sei doch nicht so, Cem," meinte Wilhelm als wir weiter zogen. Er lachte leise.
„Ich bin sicher, du hast bald genug noch die Gelegenheit dich im Kampf zu erproben. Vergiss nicht, der große Krieg steht uns noch bevor!"
Ich hatte das Gefühl mit den Männern nicht mithalten zu können und daher wild entschlossen, einer der Besten in Wilhelms Lager zu werden. Bald sah ich selbst den Fortschritt im Schwertkampf, konnte gut parieren und blocken, aber noch viel besser war ich im Gegenngriff.
Ich war sehr schnell und versuchte immer schneller zu werden. Assassinen waren wahnsinnig schnell und ich konnte nur eine Chance haben, wenn ich mal mindestens so schnell wurde, wie sie.
„Da ist ein Fluss!"
Auf die gerufenen Worte hin hob ich meinen Kopf und sah den seichten Strom ein Stück weiter östlich der Straße.
Viele jubelten begeistert auf. Hier konnten sie sich waschen und erfrischen, die Vorräte auffüllen und mir eine neue Identität geben.
„Hier, nimm dieses Kettenhemd, Cem. Es soll deines sein, sein Vorbesitzer benötigt es nun nicht mehr!"
Wilhelm händigte mir ein schweres, eisernes Hemd aus. Ich zog es mir unter den Waffenrock. Das Gewicht war nun zunächst ungewohnt und unangenehm.
Wilhelm ließ die Männer um uns herum versammeln und ließ mich im seichten Wasser vor ihm knien.
„Krieger aus deutschem Reiche! Ich habe euch hier versammelt um euch Zeuge von der Taufe des Heiden Cem werden zu lassen. Er ist unser neuer Waffenbruder und wird uns in unseren Kampf um das gelobte Land mit Schwert und Schild beiseite zu stehen."
Er übergoss meinen Kopf mit dem kühlen Flusswasser und sprach feierlich: „Ich taufe dich in Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes und gebe dir den Namen Adrian!"
Die Männer um uns herum jubelten auf und schlugen auf ihre Schilde. Ein tosendes Klopfen erklang am Fluss und bald wurde Fleisch gebraten und die letzten Weinvorräte hervorgeholt.
Auch ich erhielt einen Becher mit dem strengen Getränk. An liebsten hätte ich es weggeschüttet, aber ich saß neben meinem Lehnsherren und hatte nicht das Bedürfnis nun negativ aufzufallen.
Die Männer stießen auf mich an und ließen es sich bei ausreichender Speise und Trank recht gut gehen. Sie wurden ausgelassen und all die Anspannung der vergangenen Tage schien einfach von ihnen ab zufallen.
Das lag sicherlich auch an dem Wein, allerdings hatte dieser am nächsten Morgen einige unangenehme Nebenwirkungen.
Die Abendländer nannten es einen „Kater", allerdings verstand ich nicht, was mein nun übler Zustand mit einem Vierbeiner zu tun hatte.
Die Mauern Akkons erstreckten sich abwehrend vor uns.
Ein Kampf schien in dieser Ebene vor
nicht allzu langer Zeit getobt zu haben. Tote lagen noch immer herum,
Speere und Pfeile steckten in der feuchten Erde und die Luft roch
nach Blut und Verwesung.
Ich musste würgen und konnte nur schwer
gegen die aufkeimende Übelkeit ankämpfen.
„Alles in Ordnung, Adrian?"
Ich sah auf und bemerkte Markus, ein
Waffenbruder der oft mit mir übte.
„Stinkt gewaltig, nicht
wahr?" meinte er und ich nickte.
„Widerlich!"
„Ja, dass ist es. Hier, nimm! Du wirst es wahrscheinlich bald brauchen!"
Der dunkelhaarige streckte mir ein Schwert entgegen. Ein Einhänder, gut gepflegt und scharf geschliffen.
Ich nahm es entgegen und steckte es in den Schwerthalter. „Danke," murmelte ich betreten und spürte nun, wie die Angst nach mir griff.
Vielleicht lag die Gefahr durch die Assassinen hintermir, doch was stand mir bevor?
„He du! Zeig mir dein Gesicht!"
Bald hatte ich den Ruf, ein fanatischer Assassinen-Jäger zu sein.
Jeden in weiß gewandeten stülpte ich die Kapuze zurück und sah ihnen ins Gesicht.
Doch ich fand keinen Assassinen. Fand Altair nicht.
Meine Waffenbrüder fanden das lustig. Sie erlaubten sich auf meine Untersuchungen hin einige derbe Späße mit den Leuten in Akkon. Mir war das egal. Ich war jedes Mal sehr enttäuscht, wenn ich keine Spur von Altair oder anderen Assassinen fand.
Ich war in recht kurzer Zeit ein guter Soldat geworden. Vertrat in Akkon meinen Lehnsherren und verweilte mit unseren Truppen lange an diesen Ort.
Ich fügte mich in mein neues Leben und bald kam es dazu, dass ich mein altes vergaß.
Meine neuen Pflichten und Rechten machten mich betrunken. Ich suchte immer noch fieberhaft nach Assassinen, aber bald nicht mehr, um Altair zu finden.
Ich war mir bald sicher, dass der andere Assassine nicht gelogen hatte, und Altair tot sei. Er hätte mich sonst längst gefunden.
Mein Bestreben war es, mich an den Assassinen zu rächen. Sie hatten mir die letzte Hoffnung auf ein normales Leben genommen, mich in meine Lüge verbannt und mir meine einzige Liebe genommen. Nun sollten sie den Konsequenzen ins Gesicht schauen.
Ende Kapitel 7
