Der abgetrennte Zopf

Kapitel 8 „Mörder, Meuchelmörder oder Assassinen-Mörder?"

Die Zeit in Akkon war nicht leicht.

Dennoch waren es meine schönsten und besten Jahre.

Akkon selbst war in mehrere Lager aufgeteilt.

Franzosen, Engländer und eben wir Deutsch-Ritter.

Fürst Karzheim wollte eigentlich gleich mit König Richard weiterziehen, doch dieser hieß uns an, in Akkon zu verweilen, Sibrands Truppen gegen die Angriffe der Sarazenen zu stärken und in der Stadt für Ruhe zu sorgen.

Ich schätze, das war auch der Zeitpunkt, wo Elessa wirklich aufhörte zu existieren und der Soldat Adrian an ihre Stelle trat.

POV

Adrian.

Ein Jüngling von mutmaßlichen 18 war mittlerweile recht groß geworden und von schlanker Natur.

Er war Fürst Karzheims Knappe und genoss das Vertrauen seines Herrn so sehr, dass er bald mit kleinen Wachtruppen durch Akkon geschickt wurde, um die unruhige Bevölkerung zu „besänftigen".

„Adrian! Schau dir diesen feigen Dieb an! Beklaut Andere vor unseren Augen... ist das nicht unglaublich dreist?"

Der dunkelhaarige Jüngling trat neben seinen Waffenbruder.

„In der Tat, das ist es, Karl!"

Karl lachte und schlug Adrian hart auf die Schulter. Er selbst war größer und breiter als Adrian, aber auch wesentlich grobschlächtiger und auffälliger. Seine Stimme war ein tiefes Grollen und seine grauen Augen zeigten oft, wie sicher er sich seiner Sache war. Ein selbstsicherer, großer Soldat mit filzigen, halblangen braunen Haaren und ungepflegtem Bartwuchs.

„Was machen wir mit ihm?" fragte er und Adrian lächelte sanft.

„Na, was wir eben immer mit Dieben machen!" meinte er und die kleine Gruppe lachte.

Adrian war an diesem Tag mit vier anderen Soldaten von Fürst Karzheim in Akkon unterwegs.

Eigentlich hatten sie vorgehabt, in der Taverne am südlichen Tor gemeinsam zu essen.

Doch ein Diebstahl auf dem Weg dorthin erweckte ihre Aufmerksamkeit, was ein fataler Fehler für den Dieb war.

Der Mann war mittleren Alters, eigentlich groß und kräftig und vor allem bewaffnet.

Auch wenn der Mann seine Waffe nicht gezogen hatte, deklarierte Adrian es später gegenüber seinem Herrn als Angriff und gab somit an, dass seine Truppe aus Notwehr gehandelt hatte.

„Packt ihn!" brüllte Karl und zog sein Schwert.

Die anderen drei Soldaten, alle noch recht jungen Alters, stürzten sich auf den Dieb und hielten ihn an Ort und Stelle.
„Nein Herr! Bitte habt Gnade!" rief dieser nun und Adrian hörte die Angst aus seiner Stimme heraus.

„Das hättet Ihr euch vorher überlegen sollen, Schurke! Wer stiehlt, wird bestraft!"

Wer stiehlt, wird bestraft.
Wer ein loses Mundwerk hat, wird bestraft.
Wer auffällt... wird ebenfalls bestraft. Das war Akkon.

Das war Akkon jeden Tag. Und jeden Tag vertraten Fürst Karzheims Vasallen, darunter auch der Jüngling Adrian, dieses Gesetz in dieser Stadt.

Es war schon fast eine Angewohnheit, die sich in ihnen breitmachte. Ähnlich einem gefährlichen Wahn.

Sie befolgten Befehle, ohne darüber nachzudenken, und benahmen sich wie die Herrscher der Welt.

Bei Adrian war das nicht immer so. Er hatte noch lange Skrupel einen Dieb oder eine Bettlerin anzugehen oder einen Geisteskranken auch nur beiseite zu stoßen.

Doch das änderte sich schlagartig und bald war Adrian wie alle Abendländer.
Grausam, skrupellos und nur auf sein Ziel fokussiert.

Er vergaß schnell, dass er ein konvertierter Heide war. Allerdings lag dies daran, dass Adrian unter seinen Waffenbrüdern anerkannt und akzeptiert wurde. Dies äußerte sich vor allem darin, dass man den Wein mit ihm oft teilte und man ihm bereitwillig folgte.

Man behandelte ihn als einen Freund. Einen Bruder...

Der Dieb lag wimmernd in seinem eigenen Blut. Er würde wohl kaum den Tag überleben. Karl hatte ihm beide Hände abgeschlagen und noch anschließend auf ihn eingeschlagen.

Adrian lehnte an einer Mauer, hatte dabei unbewegt zugesehen und aß einen Apfel.

Erst als die anderen von dem fast toten Mann abließen, erhob er sich ebenfalls und ging die Straße hinab.

„Auf zur Taverne, Jungs. Ich habe Durst!" rief er und warf den Rest seines Apfels achtlos in die Gosse.

Die Muslimen nannten sie alle Franken.

Obgleich oftmals die unterschiedlichen Lager sich gar nicht verstanden. Die Franzosen hatte immer ein Problem mit den Engländern. Sie prügelten sich ohne Unterlass. Die Engländer hatten wiederum oft ein Problem mit den Deutschen und die Deutschen hatten ein Problem mit beiden.

Es verging kein Tag ohne Prügelei, wobei Adrian oft noch der Besonnenere war und diesen Schlägereien aus dem Weg ging.

„Was denkst du von der Hübschen hier, Adrian? Die ist für dich!"

Ein junges Mädchen, kaum älter als er, wurde zu ihm geworfen.

Es landete schreiend in seinem Schoß.

Frank, ein Waffenbruder der in dieser dunklen Taverne neben Adrian saß und bereits den zweiten Krug Wein trank, lachte und griff dem Mädchen in das schöne, blonde Haar.

Doch Adrian ergriff dessen Hand und drückte sie kraftvoll weg.
„Das... ist meine!" sagte er nur und Frank lächelte.
„Ich weiß ja, dass du nicht gerne die Weiber teilst! Drum lass mir ein wenig Geld für den nächsten Wein da und mach dich mit ihr ins Zimmer, Bruder!"

Adrian lächelte freudlos und warf ein paar Münzen auf den Tisch.
„Die nächste Runde geht auf mich!" brüllte er und die Männer in der Taverne johlten noch lauter und klopften auf die Tische.

Adrian packte das vor Angst wimmernde Mädchen und zerrte sie hinter sich her.
Die Holztreppe knarrte unter seinem Gewicht bedrohlich, doch sie hielt was sie nicht versprach und Adrian zog die schreiende Frau in ein Zimmer und schloss die Tür.

Mit einem heftigen Stoß warf er sie auf das Stroh.

Das Mädchen schrie erneut auf und kauerte sich auf dem Lager wimmernd zusammen.
Erst als eine lange Weile nichts geschah, wagte sie es, den Kopf zu heben und sich umzusehen.

Der dunkelhaarige Soldat im roten Waffenrock saß auf einem Stuhl der neben der Tür stand und aß einen weiteren Apfel.

„Wir werden eine Weile hier bleiben. Schlaft, wenn Ihr wollt. Ich werde euch nichts tun!" meinte dieser nur kühl und aß weiter.

Er würde bleiben. Die ganze Nacht, wenn es sein musste. Er hatte einmal den Fehler gemacht, dass er nicht lange genug geblieben war. Danach musste das arme Mädchen die Beine für fast alle seine Waffenbrüder breitmachen. Er hörte heute noch ihre Schreie, obgleich dies nun schon so oft passierte.

Es passierte einfach! Akkon war voll mit Dirnen. Ein Soldat nahm sich einfach eine und ging in eine Ecke. Es dauerte nie lange. Aber es waren ja nicht nur Dirnen, mit denen sie es trieben. Ein Waffenbruder erzählte einst, wie Engländer einfach in ein Haus marschierten und dort jedes weibliche Wesen, was sich darin befand, einfach vergewaltigten.

Adrian sah das oft. Fast jeden Tag.

„Sag mal, was machst du so lange mit den Weibern, Adrian?" fragte Frank und kratzte sich durch den verschmutzten Bart.

„Ich... lass mir Zeit. Ich kann lange", meinte Adrian nur mürrisch und ignorierte den Mann mit den grauen Haaren, der ihm schmunzelnd hinterher sah.
„Na, als ich in deinem Alter war lag ich auch noch gerne bei den Weibern und genoss ihre zarte Haut, ihren weichen Körper. Aber nun will ich sie einfach nur noch nehmen und wieder verschwinden. Wenn ich an meine Alte zu Hause denke... uh!"

Frank schüttelte sich wie ein nasser Hund und die anderen lachten. Sie waren betrunken und bei guter Laune. Alle hatten bei einer Frau gelegen und Adrian war sich sicher, dass es diesen Weibern nicht so gut ergangen war, wie dem jungen Mädchen, was bei ihm liegen sollte.

Sie kamen singend im Lager im Osten der Stadt an.

Unterwegs zog Adrian einigen Mönchen noch die Kapuze zurück und brachte seine Waffenbrüder erneut zu lachen."
„Ihr verdammten Mönche! Warum kleidete ihr euch wie die Assassinen?" brüllte Adrian aufgebracht und verscheuchte die in weiß Gekleideten mit wütenden Flüchen und Tritten.

„Mal ehrlich, Adrian! Warum bist du so versessen darauf, Assassinen zu finden? Die töten doch nur Edelmänner. Zu uns Pack steigen die nicht hinab!"
„Dann werde ich ihnen einen Grund geben, zu MIR hinabzusteigen!" fauchte der Jüngling und trat durch das Tor in den Hof der Lagerstätte.

So verging ein weiterer Tag in Akkon und es folgten viele, die einfach das Gleiche Muster hatten.

Doch eines Mittags wurden Glocken geläutet.

Alarmglocken! Ein Angriff?!

Es waren die Glocken des Hospitals.

Adrian stand mit seinem Trupp in der Nähe als er mehrere Soldaten der Hospitaliter ausschwärmen sah.

„Assassinen!"

Assassinen...

Adrian rannte los, ohne auf seine Brüder zu warten. Das Wort klang anziehend und er hatte den Drang, dass er die Engel des Todes unbedingt sehen musste.

Mit weiten Schritten war er beim nächsten Gebäude und sprang an der Mauer hoch.

Assassinen bevorzugten - soweit wusste er – die Dächer und Adrian war – soweit hoffte er – gleich auf der richtigen Spur.

Er wurde nicht enttäuscht. Der weiße Teufel befand sich bereits zwei Dächer weiter und sprang geschickt von einem zum nächsten.

Adrian setzte ihm sofort nach.
Er folgte dem Assassinen genauso schnell und geschickt und hatte ihn bald auf einem schmalen Vorsprung eingeholt.
„HALT!" brüllte er und der Assassine wandte sich zu ihm um.
Adrian konnte das Gesicht nicht sehen.

Es war von der typischen Kapuze verhüllt.

Lediglich den Mund sah er, der sich zu einem kleinen, überlegenen Lächeln formte.

„Um mich zu fangen, kleiner Soldat, musst du fliegen lernen!" murmelte der Assassine leise. Seine Stimme klang rau, tief und bedrohlich, wie das Knurren eines gefährlichen Tieres.

Adrian zog ohne zu zögern sein Schwert und rannte auf den Assassinen zu.

Doch dieser sprang.

Er sprang scheinbar einfach ins Blaue hinein, denn es befand sich kein anderes Dach auf der gegenüberliegenden Seite, nur eine Straße... sechs Meter unter ihnen.

„Nein!" Adrian streckte die Hand nach dem Assassinen aus um ihn zu halten. Dies geschah mehr aus Reflex und er konnte sich später den Impuls nicht mehr erklären.

Doch er starrte gebannt dem Assassinen nach, der mit ausgebreiteten Armen in die Tiefe sprang, als könne er wirklich fliegen.

Im Sprung drehte er sich und landete mit dem Rücken voran... in einem Heuhaufen?

„Das ist doch nicht wahr!" murmelte der Soldat und schrie frustriert auf.

Der Assassine war ihm... durch einen Sprung ins Heu... aus mindestens sechs Metern Höhe entkommen. Kein anderer würde das schaffen!

Elessas POV

Später stellte sich heraus, dass ein Mediziner der Hospitaliter getötet wurde.

Ich konnte mir beim besten Willen nicht erklären, warum man einen Arzt, einen Menschen, der anderen Menschen half, tötete.

Für mich war das gleichzusetzen mit dem Totschlag eines harmlosen, alten Krüppels aus bloßer Langeweile.

Ich regte an, die Wachen auf den Dächern Akkons verstärken zu lassen, und ermahnte auch, dass in jedem Heuhaufen ein Assassine sein Versteck haben könnte.

Doch meine Waffenbrüder verspotteten mich und nahmen diese drohende Gefahr kaum ernst.

Ich schluckte meine Wut herunter. Unbeherrschtheit würde meine Tarnung gefährden, aber ich selbst wurde vorsichtiger und beobachtete sämtliche Schatten und nach meiner Meinung verdächtige Leute.

Ich schwor mir selbst jeden Assassinen, der dumm und unvorsichtig genug war uns über den Weg zu laufen, mit meinem Schwert eigenhändig zu töten.

Die französischen Truppen wurden lästig.

Immer und immer wieder kam es zu Streit untereinander. Ob es nun um Wein, Bier oder Weiber ging. Sie fanden immer einen Grund, um einen Streit vom Zaun zu brechen. Akkon war zurzeit ein riesiger, brodelnder Kessel aus Gewalt.

Und bald kam noch zu allem Übel eine Kürzung der Rationen hinzu. Montferrat hortete scheinbar sämtliche Nahrungsmittel. Die Tavernen verlangten nun saftige Preise für die Grundnahrungsmittel. Raub und Überfälle durch die hungernden Soldaten und Einwohner waren bald auf der Tagesordnung.

Täglich wurden Diebe vor der Masse zur Abschreckung hingerichtet. Aber auf einen Toten folgten scheinbar zwei Lebende!

Es vergingen Wochen und ich hatte mit meiner Truppe mehr als nur genug zu tun und auch wir litten unter der Nahrungsknappheit, die scheinbar durch Montferrat verursacht wurde.

Als wäre es der Wunsch aller Menschen in Akkon gewesen, kam schließlich der Tag, der wohl kommen musste.

Ich war mit meinen vier Waffenbrüdern auf Streife, als es erneut geschah.

Glocken erklangen und sie hallten in der Stadt wie Donner des Unheils.

Wir wussten nicht, was geschehen war, und rannten suchend und ziellos durch die Gassen der grauen Stadt.

Manfred rannte vor mir und versperrte mir mit seinem breiten Kreuz die Sicht nach vorn.

Doch Manfreds Schatten sollte sich lichten.

Ich bremste überrascht im vollen Lauf, als ein weißer Schemen einfach auf den Schultern meines Vordermannes landete und von dort aus mit einen riesigen Satz nach oben sprang, sich an einem Querbalken festhielt und über das Dach verschwand.

Manfred landete erschrocken auf dem Boden und gerade, als ich zum Alarm ansetzte, donnerten meine drei anderen Brüder ungebremst in mich hinein.

Ich stürzte nach vorn auf Manfred, während Alexander, Frank und Karl auf mir landeten.

Mir wurde die Luft aus den Lungen gepresst und Manfred stöhnte unter mir auf.
„Mist!"

Mein Gesicht färbte sich so rot, wie es mein Waffenrock war, als die Männer von Montferrat die Straße entlang gerannt kamen und uns so vorfanden.

Dies war sicherlich der peinlichste Moment in meiner gesamten Laufbahn als Soldat.

Später in der Taverne nahe am Südtor lachten sie alle ungeniert darüber, während ich mir vor Wut eigentlich die Haare raufen hätte können.

Ich saß auf der Holzbank und hatte meine dünne Suppe nicht angerührt. Sie war die erste Mahlzeit seit Tagen, doch nun verspürte ich kaum Hunger, nur Wut. Ich krallte mich wütend an meinen Holzkrug mit Wein.

„Sei doch net so, Adrian!" lallte Manfred und nahm noch einen kräftigen Schluck vom Wein.

Manfred war recht gut genährt, hatte lange, schwarze Locken und achtete immer auf einen gepflegten Bart. Wenn man ihn ansah, glaubte man, er käme aus gutem Hause. Wenn man ihn erlebte, wusste man jedoch bald, dass dies nicht der Fall war.

„Das nächste Mal, packste den Kerl einfach am Mantel und zerrst ihn vom Dach!"

Die Männer grölten und lachten, doch ich ließ mich dieses Mal nicht von ihnen mitreißen.

Garnier... Montferrat? Zwischen beiden gab es kaum einen Zusammenhang. Und Montferrat? Welche Rolle spielte er hier in Akkon und wieso sollten Assassinen auf ihn aufmerksam werden?
Der Lehnsherr hatte UNS die Nahrung gekürzt. Wir waren die Feinde der Assassinen und Muslimen. Waren sie denn nicht froh, wenn wir uns gegenseitig zerfleischten?

„Apropos weiße Roben! Hier sitzt ein Pfaffe Adrian! Willst du ihm nicht unter die Kapuze sehen?" rief Alexander und deutete mit der Hand zur anderen Tischseite.

Alexander selbst war nur wenig größer als ich, genauso schlank und sein rotblondes, kurzes Haar verriet ihn als einen typischen Deutschen. Er hatte eine kalkweiße Haut mit roten Flecken darauf, die man Sommersprossen nannte.

In der Tat. Dort saß tatsächlich ein Priester, vermummt in seinen weißen Roben und löffelte langsam und stetig die dünne Suppe.

Der Mann merkte, dass wir ihn bemerkt hatten, und hob nun langsam den Kopf und sah in meine Richtung.

Frank, der unmittelbar neben dem Priester saß, lachte grölend und stieß dem Mann in die Seite.

„Verzeiht, Vater! Aber Adrian glaubt, dass hinter jeder weißen Kutte ein Assassine stecken könnte! Wahrscheinlich träumt er inzwischen von ihnen!"

Die anderen am Tisch lachten laut auf und Frank berührte die Kapuze des Mannes.

„Zeigt Adrian doch euer engelsgleiches Gesicht, damit er heute Nacht besser schläft!"

Mir genügten die Spottreden. Ich stand auf und verließ Tisch und anschließend Taverne und verschwand durch die dunklen Gassen Akkons.

Dadurch sah ich nicht, dass der Priester Franks Hand mühelos mit seiner eigenen umgriff und sie kraftvoll beiseite drückte.

„Nun, ich schätze Adrian möchte heute Nacht nicht gut schlafen, mein Sohn," murmelte der Mann nur und aß weiter.

Meine unbändige Wut beschleunigte meine Schritte.

Montferrats Männer lachten über uns, die Assassinen wahrscheinlich auch und wir lachten ebenfalls über uns.

Kein Wunder, dass wir den verfluchten Kreuzzug nicht gewannen.

Die Wut ließ mich einfach laufen und anstatt den Weg in unser Lager einzuschlagen, landete ich irgendwann an dem dunklen Hafen der Stadt.

Frustriert setzte ich mich auf eine Holzkiste und starrte vor mich her. Innerhalb von ungefähr vier Wochen waren nun zwei Männer getötet worden und der Assassine hatte nichts Besseres zu tun, als uns an der Nase herumzuführen und spektakulär zu flüchten.

„Na, was für einen Bengel haben wir denn hier?"

Ehe ich reagieren konnte traf mich ein heftiger Schlag an meiner Schläfe und ich knallte seitwärts zu Boden.

Benommen blieb ich an der Stelle liegen. Mein Kopf dröhnte und die Welt drehte sich um mich herum.

Zwei kräftige Männer traten aus dem Schatten heraus und einer packte mich am Kragen meines Waffenrocks und hob mich mühelos so hoch, sodass meine Beine in der Luft baumelten. Der zweite Mann nahm mein Schwert an sich.

Verflucht! Ausgerechnet jetzt begegnete ich Räubern.

„Was machen wir mit ihm?"

Ich hatte bisher nicht gewusst, dass Zähne in solch schlechten Zustand in der Dunkelheit so gefährlich blitzen konnten. Ich spürte, dass ich mehr als nur in Schwierigkeiten steckte.

„Hm, wie wäre es, wenn wir ihm eine Runde in seiner schweren Rüstung schwimmen lassen, Bruder!"

„Gute Idee!" hauchte dieser und ich roch den stinkenden Atem meines Angreifers.

„Lasst mich los! Ihr elendes Pack!" brüllte ich so laut ich konnte, alles in der Hoffnung, dass man mich vielleicht hören würde.

Doch diese Raufbolde saßen wahrscheinlich noch in der Taverne und verprügelten den armen Priester.

Doch genau dieser war es, der mir nun in dieser gefährlichen Situation zur Rettung kam!

Er erschien einfach aus dem Nichts heraus.

Er stand da, hatte beide Hände zum Gebet gefaltet und seinen Kopf auf die Brust gesetzt.

„He, Pfaffe! Verschwinde wenn du nicht auch gleich ein Bad nehmen willst, wie dieser Knabe es jetzt tun wird!" sagte der Kerl, der mein Schwert an sich genommen hatte, und machte zwei Schritte auf den in Weiß gekleideten Mann zu.

Der Mann, der mich am Rock hielt, drehte sich halb, um zu sehen, was sein Bruder tat.

Das war der Moment, als seine und zugleich meine Stunde schlug.

Ich griff mit meiner Rechten blitzschnell um meinen Oberkörper herum und zog das Kurzschwert, welches ich auf meinem Rücken aufbewahrte.

Ich schwang es und zog es meinem Angreifer quer über den Hals.

Dieser ging sofort gurgelnd und Blut spukend zu Boden.

Ich landete auf meinen Füßen, sprang aber sogleich nach vorn und stellte mich mit rasendem Herzen zwischen den anderen Räuber und den Priester.
„Bruder! Oh Gott, was hast du kleines Monster getan!" schrie der andere und ging mit wutverzerrter Grimasse auf mich los.

Ich blockte seine ungelenken Angriffe ohne große Mühe und erkannte, dass dieser Mann im Schwertkampf wohl kaum geübt war.

Als ich ihn schreiend ins Leere laufen ließ, nahm ich die Chance sofort wahr und rammte ihm die schmale, gebogene Klinge in den Nacken.

Blut bespritzte meine Hände und ich verlor das Schwert aus meinen plötzlich taub werdenden Fingern.

Ein Schwindel überkam mich und ich taumelte und stürzte rückwärts über den anderen Toten zu Boden.

Tot, sie waren beide tot. Und ich war es gewesen, der ihnen das Leben genommen hatte.

Sie... waren meine ersten, eigenen Opfer gewesen und mit Schrecken realisierte ich, dass es mir nicht schwer gefallen war, zu töten.

Ich saß zitternd und keuchend auf dem schmutzigen Boden und ohne Vorwarnung musste ich mich zur Seite drehen und mich übergeben.

Heißen Tränen stiegen mir in die Augen und ich spürte krampfend den zweiten Brechreiz in meiner Magengrube aufsteigen.

Nachdem ich mich erneut erbrochen hatte, blieb ich eine Weile in dieser Position sitzen. Es fiel mir schwer, die Kontrolle über mich zurückzuerlangen. Ich zitterte am ganzen Körper.

Meine Gedanken rasten und ich wusste weder ein noch aus.

Doch eine sanfte Berührung an meiner Schulter schaffte das, was ich allein nicht hätte bewältigen können.

Der Teufelskreis meiner Verwirrung endete abrupt und ich sah zu dem Priester auf, der nun neben mir kniete.

„Ist alles in Ordnung, junger Herr?"

Seine Stimme war leise und tief. Sie klang ernsthaft besorgt.

Ich blickte in das verhüllte Gesicht und sah wegen der Dunkelheit kaum etwas davon.

In diesem Moment schämte ich mich meines Ausbruchs der Schwäche und senkte den Kopf.

„Verzeiht, Vater!" murmelte ich betreten, wischte mir mit dem Arm über das Gesicht und stand auf.

Ich musste einen weiteren Würgereiz unterdrücken, als ich mein Kurzschwert aus dem Körper des Feindes zog.

„Ihr habt noch nicht getötet, nicht wahr?"

Ich schüttelte stumm den Kopf und wischte den blutigen Stahl an der Kleidung des Gegners ab, wie ich es schon bei einen meiner Waffenbrüder gesehen hatte. Aber dem war es danach scheinbar wesentlich leichter gefallen mit dem Gedanken zurechtzukommen, dass er nun getötet hatte.

Mir schwirrte davon der Kopf und ich ekelte mich vor mir selbst.

Ich steckte das kurze Stück Stahl weg und sammelte mein eigentliches Schwert auf.

„Seid Ihr mir gefolgt, Vater?" fragte ich nun den Priester und musterte den großen, recht breiten Mann. Dieser zögerte kurz, ehe er mir antwortete.

„Als Vertreter Gottes bin ich für Euer Seelenheil zuständig, Herr. Ich wollte fragen, ob Ihr vielleicht euer Heil der Beichte suchen wollt!"

Ich schnaubte belustigt, da ich genau wusste, dass die meisten Priester alles andere als enthaltsam waren, was die weltlichen Gelüste anging. Und da sollte ich beichten? Das war wohl glatter Hohn.

„Danke Vater, dass ist nicht nötig! Soll ich Euch in Eure Abtei begleiten?" bot ich ihm nun an und der Priester hob seinen Kopf ein Stück an.

Doch die nächtliche Dunkelheit verhinderte es, dass ich mehr als nur weiße Kleidung schemenhaft erkannte.

„Es wäre mir eine Ehre, Herr, von einem mutigen Recken, wie Ihr es seid, begleitet zu werden. Mein Weg führt mich jedoch zum Nordtor", meinte der Priester und ich lachte freudlos.

„Mutiger Recke?" fragte ich und schmunzelte immer noch. Wäre dieser Priester hier nicht aufgetaucht würde ich jetzt auf dem Grund des Hafenbeckens liegen und wäre längst tot.

Doch ich verdrängte diesen Gedanken schnell, drehte mich um und ging los.

„Zum Nordtor geht es in diese Richtung!" knurrte ich nur und bahnte mir einen Weg durch die dunklen Gassen.

Der Priester folgte mir langsam und nachdem ich einige Male auf ihn warten musste, passte ich mich seinem Tempo an.

Er lief leicht gebeugt und schien scheinbar ständig in ein Gebet vertieft zu sein.

Mir fiel erneut auf, dass er recht groß und stämmig wirkte. Scheinbar hatten die Priester doch mehr Nahrung, als sie vorgaben.

Wir gingen die meiste Zeit schweigend nebeneinander her. Der Priester war es, der dieses Schweigen schließlich brach.

„Sagt Herr, Ihr seid noch recht jung. Wie kommt es, dass Ihr euch im Dienste der Kreuzritter befindet?" fragte er und ich sah den Vermummten von der Seite an.

„Jeder braucht seinen Platz in der Welt. Und ich fand meinen Platz nun mal hier", meinte ich und der Priester lachte leise und sanft.

„Und Ihr glaubt, dass der Krieg Euer einziger Platz ist, an dem ihr verweilen könnt?"

„Früher gab es noch einen anderen Ort aber man nahm ihn mir, und seitdem bin ich nur noch Soldat", meinte ich und der Priester schwieg den Rest des Weges.

„So, das Nordtor, Vater. Habt eine gute Reise, möge Gott Euch auf diesem Weg begleiten!" meinte ich und blieb ein Stück vor dem eigentlichen Tor stehen.

„Ich danke Euch, edler Herr. Möge Gott Eure Klinge gerecht führen."
Der Priester verneigte sich vor mir.

„Pax vobiscum, mein Sohn."

Ich verharrte noch einen Augenblick und sah zu, wie die weiße Gestalt ungehindert durch das bewachte Tor verschwand und Akkon verließ.

Dass ich einen Wolf aus dem Käfig gelassen hatte, war mir zu dem Zeitpunkt noch nicht bewusst.

Ich selbst kehrte zurück in das deutsche Lager.

Doch ich fand in dieser Nacht nun keine Ruhe mehr. Ich reinigte mich vom Blut der beiden Räuber und reinigte meine Waffen.

Lange saß ich am Feuer und sah mir die schmale, scharfe Klinge des Kurzschwertes an. Ich benutzte es nicht gerne. Zu viele schmerzhafte Erinnerungen verfolgten mich, wenn ich die Klinge ergriff oder auch nur ansah.

Und dennoch hatte sie mich nun schon das zweite Mal gerettet. Vielleicht war sie ja so eine Art Talisman? Es war schwer für mich, die Erinnerungen abzuschütteln, die das Schwert enthielt.

Sobald sie wieder auftauchten, taten sie genauso weh, wie vor zwei Jahren... als ich mich Fürst Karzheims Truppen anschloss.

Ich hatte gewartet, gehofft, mich gesehnt. Doch ich blieb allein zurück. Meine Hoffnung schwand und bald gab ich es auf, zu warten, und glaubte den Worten des Assassinen, der mich damals aus unserem Hause vertrieb und mich der Willkür der Abendländer überlassen hatte. Ich überlebte und fand Heil im Vergessen.

„Adrian?"

Ich hob überrascht den Kopf.

Markus saß mir gegenüber. Der braunhaarige, junge Mann saß mit mir am Feuer. Er ruhte sich gerade nach seiner Wache aus.

„Wie kommt es, dass du allein zurückgekommen bist?"

Ich erzählte ihm die Geschichte des heutigen Tages. Erst die verpatzte Verfolgung, dann die Sache mit der Taverne und anschließend mein Abenteuer im Hafen.
„Also hast du heute zum ersten Mal getötet?" fragte er und ich nickte sanft und wog das leichte Kurzschwert in meiner Hand.

Eigentlich wollte ich mich jetzt nicht unterhalten. Der ganze Tag steckte mir noch in den Knochen und nun spielte ich mit dieser Klinge und wollte mich meinen alten Erinnerungen ergeben. Doch Markus schien andere Pläne zu haben. Er sprach weiter.

„Wie fühlst du dich?" fragte er und ich hörte auf, mit dem kleinen Schwert zu hantieren.

„Wie soll ich mich fühlen?" fragte ich zurück und sah zu ihm auf. Er lächelte sanft.

„Als ich das erste Mal tötete, konnte ich tagelang nicht sprechen und ich glaubte den Verstand zu verlieren." Ich nickte.

„Ich versuche jetzt nicht darüber nachzudenken. Vorhin ging es mir schlecht. Ich zitterte und musste ständig kotzen. Aber jetzt ist es, als wäre ich von einem dicken Leinentuch umhüllt und nichts kommt rein oder raus", murmelte ich und Markus nickte.

„Wenn man tötet... verändert man sich, Adrian. Du solltest versuchen, etwas Ruhe zu finden, und nicht mit diesem Ding da herumhantieren. Sonst müssen wir dich noch bei den Hospitalitern abgeben!" meinte Markus und ich nickte und legte mich in der Nähe des Feuers nieder.

Doch schlafen konnte ich nicht.

Ruhe kehrte in Akkon ein.

Dies lag zum einen an dem Ende der Hungersnot, und des Weiteren an dem beherzten Durchgreifen von Sibrands Truppen.

Sibrand. Klein, nervös, fast verrückt.

Fürst Wilhelm mochte ihn nicht und hielt es für eine Farce, dass ausgerechnet er, Fürst Wilhelm von Karzheim einem Mann wie Sibrand unterstellt war.

Seit meinem Kampf waren nun mehrere Wochen vergangen. Mir ging es wieder recht gut und ich hatte das Gefühl, dass ich effektiver als je zuvor an meine Aufgaben heranging.

Denn durch diesen Kampf hatte ich nun das verloren, was mich immer noch blockiert hatte.
Die Skrupel vor dem letzten Stich oder Schlag.

Ich zögerte nicht mehr, einen tödlichen Streich durchzuführen. Dies fiel bald Fürst Karzheim auf und ich wurde nun in seine Truppe beordert.

Ich war nun oft mit dem Fürsten unterwegs und schätzte ihn sehr.
Ich war ihm dankbar und sah ein Stück weit eine Vaterfigur in ihm.

Als er von meinem ersten Totschlag erfuhr, sprach er lange mit mir darüber.

Er lobte mich und ermahnte mich zugleich nicht zu vergessen, was es bedeutete ein Leben zu nehmen.

Dennoch tat das Gespräch gut und verjagte viele meiner versteckten Ängste und Zweifel.
Zweifel und Angst. Beides nagende und zerstörende Gefühle.

Besonders wenn man sie verbarg und allein mit ihnen zurechtkommen musste.

So wie es bei mir der Fall war.

Die Schiffe, die im Hafen lagen, wurden bald beladen, die Dächer und Stadtmauern auf das Schärfste bewacht.

Sibrand wurde paranoid und verlor schier den Verstand, wenn man hinter seinem Rücken redete oder ihn nur ansah.

Ich schätzte den Mann nicht sonderlich. Er schrie herum, unterstellte seinen Männern, die ihn mittlerweile fürchteten, Unhaltbares und wurde noch wütender, wenn ihn der kalte Blick von Fürst Wilhelm selbst traf.

Doch ich spürte, dass Sibrands Tun bald Bewegung in Akkon bedeuten würde, und ich würde darauf vorbereitet sein, wenn sich mein Verdacht bestätigen würde und sich herausstellte, dass es nicht das unzufriedene Volk war, das sich nun bewegte.

Meine Angelegenheit heute war Sibrand selbst. Wir standen auf der Stadtmauer und er schrie und tobte bis er einen roten Kopf bekam. Für ihn lief nichts nach seinen Vorstellungen.

Wilhelm, mein Lehnsherr, versuchte, ihn zu beruhigen, doch Sibrand steigerte sich immer mehr in seine Wut hinein.

Am Ende stritten beide. Wilhelm und Sibrand.

An diesem Tag war die Luft stickig und schwül. Der Hafen stank und auf dieser Mauer ging nicht mal eine Andeutung von einem lauen Lüftchen.

Während diese beiden Hitzköpfe stritten, ließ ich meinen Blick gelangweilt durch die Gegend schweifen.

Ich drückte mich an die schattige Mauer und hoffte etwas Kühlung zu erhaschen, denn ich schwitzte bereits so sehr, dass ich mittlerweile das Gefühl hatte, dass ich der Grund war, warum die gesamte Gegend so stank.

Doch dann erregte etwas meine Aufmerksamkeit.

Ein gebeugter Schatten, unbeweglich lauernd, wie ein Greifvogel der gleich auf seine Beute herabstürzen würde.

Herabstürzen...

„Duckt euch !" brüllte ich, sprang hervor, wobei ich zeitgleich mein Schwert zog und mit einem weiten Schwung über Sibrands und Wilhelms Köpfe hinwegschlug.

Metall krachte auf Metall. Ich landete zwischen den beiden Rittern und stieß sie seitlich zu Boden.

Der Angreifer landete geschmeidig einige Meter vor mir auf den Füßen. Ein Mann in weißen Roben, sein Gesicht verhüllt und mit gezogener, unverkennbarer Klinge.

Ein Werkzeug, was ich wohl nie vergessen würde. Ein Anblick, der mich in meine tiefsten Träume verfolgte.

Vor mir stand er nun. Die Beine leicht gespreizt und sein gesamter Körper bereit zum Angriff. Er war sich seiner Überlegenheit trotz dieses Fehlschlages sehr sicher. Er musste mich im Schatten der Mauer übersehen haben.

„Assassine!" brüllte Sibrand, sprang auf und ergriff voll Panik die Flucht.

Doch ich blieb, genau wie Fürst Wilhelm, der nun auf die Beine kam und sein Schwert zog.

„Elender Heide!" grollte der große Deutsche und wollte mutig angreifen, doch ich hielt ihn mit ausgestrecktem Arm zurück.
„Wartet, Herr! Bedenkt, dass dies kein einfacher Soldat ist! Lasst mir den Vortritt!" flüsterte ich mit bebender Stimme und Wilhelm nickte grimmig und trat einen Schritt hinter mich, was sicherlich merkwürdig aussah, da der Mann wesentlich größer war als ich.

Mein Atem war flach und meine Hand krampfte um den Griff meines Schwertes. Ich atmete tief ein und stemmte meine Beine in den Boden.

Mir blieb keine weitere Zeit. Der Assassine griff an und ein Kampf entbrannte auf Akkons Mauern!

Immer und immer wieder stieß er zu und versuchte tödliche Hiebe anzubringen. Er drehte sich schnell aus meinen Angriffen heraus, sprang an die Mauer und war in der Lage gleichzeitige Angriffe von mir und Fürst Wilhelm zu parieren.

Der Kampf wurde schneller, doch mein Herzschlag war ruhig, mein Atem kontrolliert.

Mein Blick war fest auf den Feind gerichtet und ich sah seine Angriffe voraus, parierte ebenfalls und ließ ihm nur wenig Freiraum, um seinen Angriffen die nötige Kraft zu verleihen.

Er merkte bald, dass er gegen uns beide kaum eine Chance hatte. So suchte er schließlich sein Heil in der Flucht. Mit einem geschmeidigen Sprung landete er auf dem Rand der Mauer und sprang in die Tiefe.

Mein Körper entwickelte ein Eigenleben und ich nahm nur beiläufig wahr, wie ich ebenfalls auf den Sims der Mauer sprang und ihm folgte. Die Welt um mich herum wurde totenstill, das Kreischen der Möwen verstummte und nur der Wind rauschte und pfiff in meinen Ohren, als ob er mich in seiner Welt willkommen heißen wollte.

Ich befand mich im freien Fall, genau wie der Assassine unter mir.

Wie ich es bereits vor einigen Wochen bei der Tötung von Garnier von Nablus gesehen hatte, drehte er sich im Flug und wollte mit dem Rücken in einem mit Stroh beladenen Karren landen.

Sein Mund hatte sich zu einen überheblichen Lächeln verzogen.

Doch dieses verschwand als er sah, dass ich ihm mit nach unten gerichtetem Schwert folgte.

Ich war ihm ohne zu zögern hinterher gesprungen und landete mit der Schwertspitze voran auf ihm.
Der Karren krachte unter unserem Gewicht zusammen und wo ich eben noch den erfrischenden Wind auf der Haut gespürt hatte, stach mich nun Stroh.

Ich war einige Augenblicke orientierungslos, doch das legte sich, als ich merkte, dass ich auf dem Assassinen lag, der meinen Sturz gebremst hatte. Mein Schwert hatte seine Brust durchdrungen und war in das Holz des Karrens gefahren. Später musste mir Fürst Wilhelm helfen um es heraus zu ziehen.

Der Mann lebte noch. Er atmete flach, spuckte Blut und hustete gequält.

Ich schätzte, dass ich ihm mit meiner Landung alle Knochen im Oberkörper gebrochen hatte.

Mit zitternder Hand streifte ich dem Sterbenden die Kapuze zurück und sah in ein mir bekanntes Gesicht.

Eine lange Narbe zierte es und düster erinnerte ich mich an den Ursprung dieser Verletzung. Ich selbst hatte sie ihm vor zwei Jahren beigebracht, als ich vor ihm fliehen musste.

Der Assassine war überrascht und in seinen Augen sah ich pures Entsetzen und Angst.

Er gab noch einen gurgelnden Ton von sich als schließlich seine Stunde schlug und sein Körper erschlaffte.

Er war tot. Ich hatte den Spieß erfolgreich gewendet.

Ich war von nun an kein Opfer mehr.

Mein Blick glitt zur Seite und ich bemerkte einige Meter weiter einen zweiten Assassinen, der das Ende seines Kameraden mit ansehen musste.

Er verschwand schnell wie der Wind in den verwinkelten Straßen Akkons und war bereits außer Sichtweite als Wilhelm und Sibrand mit einigen Männern zu mir eilten.

Sie halfen mir aus dem Karren heraus und bargen die Leiche des Assassinen.

Adrian, der Assassinen-Mörder.

Diese Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer in Akkon und traf bald auf das richtige Gehör.

„Robert de Sable. Kennst du ihn, Adrian?"

Ende Kapitel 8