Der abgetrennte Zopf
Kapitel 10 „Die Schulter des Feindes."
Wir waren gut vier Tage mit dem ganzen Heer unterwegs.
Die Franzosen und die Deutschen mochten sich nicht sonderlich, doch sie verhielten sich alle ruhig, da sie ein gemeinsames Ziel hatten... das Schlachtfeld zu Arsur.
Es herrschte eine bedrückende Stille und man konnte nur wenig tun, um die Männer aufzuheitern.
Doch eins half immer.
Den Wein großzügig zu rationieren, hielt die letzte gute Laune am Leben.
Robert de Sable hatte es geschafft, dass die Kreuzfahrer vor den Toren Jerusalems ausruhen durften. Es herrschte ein empfindlicher Waffenstillstand und Robert de Sable wollte diesen vertiefen, indem er dort an einer Beerdigung eines Muslimen teilnehmen wollte.
Fürst Karzheim war damit nicht sonderlich zufrieden. Er hatte Verzögerungen und wäre am liebsten gleich weitergeritten. Nur zähneknirschend gab er dem Vorhaben von de Sable nach und so lagerten wir vor der Stadt und ruhten uns für die weitere Reise aus.
Mein Name ist Elessa. Ich wurde vor ungefähr 17 Jahren in einem kleinen Haus in Jerusalem geboren.
Meine Mutter war Jüdin, mein Vater Muslime.
Als ich drei Jahre alt war, starb Mutter, woraufhin Vater sich eine zweite Frau nahm. Sie schenkte ihm zwei weitere Töchter.
Dann betrog sie ihn mit dem Nachbarn, woraufhin er beide totschlug.
Bis
dahin war ich eigentlich nur unglücklich gewesen, doch das wahre
Elend kam mit seiner dritten Frau.
Sie hasste mich, nannte mich
einen Bastard und spukte mich bei jeder Gelegenheit an. Sie verlieh
ihrer Verachtung mir gegenüber immer wieder neue Facetten.
Meinen Vater kümmerte das nicht. Ich war ihm egal.
Weil ich die Älteste war, suchte er nach einem Bräutigam für mich. Möglichst wohlhabend. Doch keiner in Jerusalem wollte mich, weil ich so unweiblich wirkte und sie meinen Blick fürchteten.
Daraufhin wollte er mich nach Damaskus verheiraten. Ich war schließlich schon fünfzehn. Viel zu alt um nicht verheiratet zu sein.
Doch auch dies scheiterte. Noch am selben Abend prügelte mich mein eigener Vater zur Tür hinaus und jagte mich schreiend durch die Straßen Jerusalems.
Ich war nur entkommen , weil ich mich hinter einem großen Tonkrug verstecken konnte. Tagelang irrte ich sodann ohne Nahrung durch die Straßen.
Verbarg mich in dunklen Gassen aus Angst vor Wachmännern und Unholden.
Doch es kam, wie es kommen musste. Ich wurde des Stehlens bezichtigt und die Wache war gerade dabei mich zu töten, als ich gerettet wurde.
Meine
ganze bisherige Geschichte begann damit, dass der Assassine Altair
mir meinen Zopf abschnitt, um mich aus den Händen der grausamen
Wachmänner zu befreien. Seitdem gehe ich kurzhaarig durch mein
Leben.
Altair nahm mich mit nach Masyaf. Ich hatte geglaubt, dass
er mich entführte und zu Beginn behandelte er mich wie Dreck.
Doch das änderte sich bald und zwischen uns wurden sehr empfindliche Bande geknüpft. Kaum ein Mensch war jemals diesem Assassinen näher gekommen, als ich es tat. Ohne es zu wissen, ließ mich Altair langsam aber sicher einen Platz in seinem Herzen einnehmen.
Selbst, als ich mit einer dummen Lüge Schande über meinen Gönner und Retter brachte, riskierte er alles, um mein wertloses Leben zu retten.
Ungeachtet dessen sollte sich das Schicksal erneut gegen mich stellen und wir wurden unerwartet getrennt. Hilflos musste ich mit ansehen, wie unsere ohnehin schon zerbrechliche Verbindung einfach so zerfiel!
Der Schmerz über den Verlust ließ sich nicht in Worte fassen. Es war als hätte ich... es fühlte sich an, als stünde ich neben mir. Ich vermied es, an Altair zu denken, da ich glaubte dieser Schmerz würde mich schier zerreissen.
In dem Glauben, Altair sei tot, reiste ich fortan mit den Soldaten des Abendlandes nach Akkon und wurde dort zu Adrian, dem Soldaten. Es war die Hoffnungslosigkeit, die es in dieser Zeit schaffte, mich aus den Wirren meines Lebens zu reißen. Wie bitter war es, zu erkennen, dass diese erneute Farce so erfolgreich war.
Ich spielte mich so sehr in mein neues Leben ein, dass ich begann, mein altes, und somit Elessa selbst, zu verachten. Denn das Dasein des Soldaten gab mir einen neuen Sinn, der mich den Alten ablehnen ließ, obgleich ich lange darauf hoffte Altair doch wieder zu begegnen. Doch ich versuchte mit aller Macht, das Geschehene zu vergessen, um diese Leere und den Schmerz nicht mehr spüren zu müssen.
Ich litt nicht oder nur wenig unter den Taten als Soldat. Ich litt unter der Tatsache, dass ich das verloren hatte, was mir in meinen Leben wichtig geworden war.
Ein Mensch, der mich liebte, egal wie ich war. Der scheinbar einzige Mensch, der mich jemals liebte.
Man hatte ihn mir genommen und ich wusste nicht warum und wie.
Ich wusste nichts und immer wieder dachte ich an den letzten Augenblick, den ich mit ihm verbringen durfte.
Trauer ergriff mich, wie kaum zuvor und ich fühlte mich unverstanden und am Boden zerstört. Kaum konnte ich die Tränen zurückhalten.
„Elessa", murmelte Altair leise und ich drehte mich zu ihm herum.
Er
nahm mich in den Arm und ich vergrub nun mein Gesicht tief an seiner
Schulter. Das war der Punkt, an den ich nun in Tränen ausbrach und
Altair gab mir einen Moment Zeit, um zu weinen, bevor er mich losließ
und mir einen Kuss auf die Stirn gab.
„Ich komme so schnell
zurück, wie ich kann", sagte er und küsste mich erneut auf die
Lippen.
Ich schüttelte sanft den Kopf und wischte mir mit den Handrücken über das Gesicht.
„Nimm
dir die Zeit, die du brauchst und sei einfach vorsichtig", meinte
ich nur dumpf und er lächelte sanft.
„Danke", erwiderte er
und stieg auf sein Pferd.
Ich
sah zu, wie er davon ritt und ging dann langsam zurück ins Haus.
Vielleicht sollte ich die Zeit schlafend überbrücken?
Was sollte ich schon machen? Allein mit meinen Gedanken, das war eine Strafe!
All das erfüllte mich mit schier unbändiger Wut. Mit Hass.
Mir war viel in meinem kurzen Leben widerfahren, doch ich war nie fähig gewesen, zu hassen. Ich kannte das Gefühl lange nicht. Nur Furcht, Verzweiflung und Trauer.
Doch nun war da auch der Hass, der all meine anderen Gefühle... scheinbar auffraß. Wenn man wütend war, konnte man schreien. Wenn man traurig war, konnte man weinen.
Wenn man hasste... ich schwieg und handelte einfach. Die Konsequenzen für die anderen waren mir einfach egal. Ich hasste und wurde von diesem Gefühl mehr als nur kontrolliert.
Hass und Seelenschmerz waren zwei traurige Komponenten, die sich sehr gut aneinander schmiegten. Und übrig blieb nur... die Leere in meiner Brust. Die Stelle, an der mein Herz sein müsste. Doch Altair... hatte es mitgenommen und ich hatte es ihm so bereitwillig gegeben. Nun war da nichts mehr.
Schwerfällig schnaubte ich über meine Erkenntnis.
Ich
glaubte mich in einem langen Traum zu wissen, den ich irgendwie nicht
mehr verlassen konnte.
Alles schien mir unwirklich und verwirrend.
Karzheim sprach sanft und leise mit mir. Er sprach immer so, wie ich mir einen liebevollen Vater vorstellte. Ich fühlte mich wirklich wohl in seiner Nähe... fast geborgen! Geborgenheit. Ein Gefühl, was mir bisher immer gefehlt hatte.
Selbst bei Altair fand ich dieses Gefühl nur ansatzweise. Erst, als ich unter so vielen Soldaten nächtigte, hatte ich mich das erste Mal sicher und geborgen gefühlt. Die erste Erfahrung mit diesem wichtigen Gefühl, prägte mich natürlich.
„Du hast dich jetzt schon sehr verändert in den zwei Jahren, in denen wir zusammen gedient haben bist du bist längst nicht mehr der Mensch, den ich damals im Matsch aufgesammelt hatte. Du brachtest kaum ein Wort hervor, oftmals hatte ich das Gefühl, dass du gerade erst laufen gelernt hast. Du wirktest immer so verängstigt und scheu. Aber der Umgang mit uns hat dich geschult. Durch uns und dein Schwert hast du Selbstvertrauen erlangt. Du bist mit deinen Aufgaben gewachsen, schneller als manch ein anderer es an deiner Stelle vermocht hätte. Aber du hast auch Dinge gelernt, die du nie hättest sehen sollen, obwohl ich fast glaube, dass es gut ist, wenn du der Wahrheit gegenüberstehst und nicht an ein erzähltes Trugbild der Männer glaubst."
Ich nickte leicht und senkte den Kopf.
„Adrian, was ist los? Willst du deinen Wein nicht? Dann gib ihn mir!"
Manfred nahm mir den Becher aus der Hand, nachdem ich ihn nun zu lange angeschaut hatte.
„Ja,
trink nur, Bruder", meinte ich und zog meine Knie an meine
Brust.
„Was ist mit dir?", fragte Frank, der auf einem Stück
Brot kaute.
Manfred, Frank, Karl, Alexander... sie waren es, die mich nun seit zwei Jahren immer begleiteten. Die mit mir den Schwertkampf probten, den Wein teilten sowie das Lager. Wir lagen immer nahe beieinander.
Anfangs hatte ich mich geschämt und war darauf bedacht, überhaupt nicht in die Nähe der anderen Soldaten zu kommen. Aber die kalten Nächte belehrten mich eines Besseren und bald lagen wir nahe beieinander, teilten die wenigen Decken und unsere Körperwärme, ohne über den Anderen etwas Schlechtes zu denken.
Sie waren es, die mich lehrten, ein Mann zu sein. Ein Mann und ein Soldat. Ohne die vier hätte ich Akkon nicht lange überlebt. In der Gruppe waren wir immer stark. Egal, ob das nun im Kampf war oder in der Taverne.
Dies war die Geborgenheit, die ich vermisst hatte.
Und dann war da noch Markus, ein engerer Freund. Er war der erste, der sich meiner angenommen hatte, mir gezeigt hatte, wie man die Pferde sattelte und reitet. Und mit ihm hatte ich meine ersten Kampfübungen.
Wir
konnten gut miteinander reden.
Markus war sehr offenherzig. Er
hatte zu Hause Frau und Kinder und sehnte sich sehr nach ihnen.
Er
war dem Kreuzzug gefolgt, weil er als zweitgeborener Sohn eines
Fürsten dazu verpflichtet war.
Ich behaupte nicht, dass ich die Männer verstand. Denn das tat ich einfach nicht. Aber ich wusste nun, wie Männer waren, und dass man sie in diesen rauen Zeiten wohl nicht ändern könnte.
Saufgelage und Freudenhausbesuche waren wirklich keine Übel.
Das Übel kam, wenn sie nicht soffen oder lange keine Frau hatten. Aber ein Außenstehender hatte dafür kein Verständnis. Aber dafür ich. Egal wie sie sich benahmen, ich verstand, woher es kam. Männer redeten nie viel, aber wenn sie sprachen, ging es wirklich um ihre Gedanken und Gefühle.
Jeder hier hatte seine Heimat verlassen, weil er es musste. Kaum einer von dieser kleinen Truppe hatte es aus gänzlich freien Stücken getan und alle hatten ihre Lieben zu Hause, die auf die Rückkehr ihrer Männer warteten und um sie bangten.
Sie zogen trotzdem in den Krieg mit der Hoffnung, dass Sarazenen, Hunger, Hitze und der Wahnsinn sie nicht dahinraffen würden und eines Tages in die Heimat zurückkehren zu konnten.
Anders sah es bei den Templern aus. Sie waren völlig verrückt nach diesem Kreuzzug.
Lobpreisten ihn und meinten er sei gerechtfertigt. Sie taten es scheinbar... gerne...
Ich fand in Krieg führen zu müssen... für andere... war ein Armutszeugnis. Aber keiner würde sich der Kirche widersetzen. Die meisten bevorzugten den Kreuzzug gegenüber dem Scheiterhaufen oder der Armut die wohl im Abendland herrschte .
Sie
alle fürchteten das Fegefeuer und wenn ich mich an die Gottesdienste
erinnerte, hatte ich immer das Gefühl, dass dort nur von der Hölle
und dem Hass geredet wurde. Gab es in dieser Religion eigentlich noch
etwas anderes als Hölle und Hass? Als Krieg? Gab es in dieser
Religion keine Liebe? Wollte ihr Gott, dass Kriege geführt wurden,
Menschen litten und starben?
Wenn dieser Gott dies verlangte, dann
war er in meinen Augen ein schlechter Gott. Aber er war das Einzige,
woran diese Männer noch glauben konnten. Und das würde ich ihnen
mit der Offenbarung meiner Gedanken nehmen. Deswegen schwieg ich und
überließ die Männer ihren Glauben, Sehnsüchten und Hoffnungen,
egal wie sehr diese doch verloren waren.
Karl
stieß mich an.
„He, du schläfst mit offenen Augen, Adrian. Was
ist los? Du kannst gar nicht so müde sein. Bist doch geritten!"
Ich
nickte.
„Doch Karl, ich bin sehr müde", sagte ich nur matt
und griff nach einem Stück Brot.
„Wie ist der Sattel, Adrian?",
fragte Alexander und ich sah den rotblonden Mann an.
„Recht gut. Vielen Dank dafür, Alexander", meinte ich und er nickte.
Es waren alle meine Brüder, egal was geschah.
„Warum besuchst du die Stadt nicht, Adrian?"
Ich drehte mich um und sah den blonden Ritter an.
„Warum sollte ich?", fragte ich und runzelte die Stirn. Der Mann lächelte sanft.
„Hattest du nicht mal verlauten lassen, dass du hier geboren wurdest? Vielleicht solltest du Abschied nehmen. In Gegensatz zu vielen meiner Männer hättest du nun die Gelegenheit."
Ich
nickte.
„Das ist wohl wahr, Herr."
Ich gürtete mein Schwert um und ging dann auf die Tore Jerusalems zu.
Die Wachen blickten mich grimmig an, doch sie wagten es nicht, mich anzusprechen.
Ich betrat die Stadt und dennoch hatte ich nicht das Gefühl in mein Zuhause zurückzukehren.
Ich
wanderte eine ganze Zeit lang ziellos durch die Straßen ehe ich zu
meinem Elternhaus kam. Es stand leer. Entweder waren sie geflohen
oder bei den letzten Auseinandersetzungen ums Leben gekommen.
Ich
betrat das Gebäude und ging langsam von Zimmer zu Zimmer.
Zertrümmerte Möbel lagen im Vorraum, die Gardinen waren heruntergerissen und einige zertrümmerte Tonkrüge lagen umher.
Aber nichts deutete auf einen Kampf hin.
Vielleicht hatte es mein Vater doch geschafft, eine meiner Schwestern gewinnbringend zu
verheiraten, und sie waren alle in Sicherheit...
Ich würde es nie erfahren und wollte auch nicht nach einer Antwort suchen.
Zu tief saß die Erinnerung wie er mich davon geprügelt hatte, wie ein wertloses Stück Dreck.
Keiner würde mich jemals mehr so behandeln, das schwor ich mir.
Ich verließ das Haus und ließ gleichzeitig die Erinnerungen an meine Kindheit zurück.
Weiter ging ich durch die engen Straßen von Jerusalem.
Überall waren Menschen und die Stadt war zu dieser Zeit lebendig und pulsierend.
Obgleich ich wusste, dass der Basar einige Straßen weit entfernt war, hörte ich die Rufe der Händler laut und deutlich.
Doch... etwas anderes erregte meine Aufmerksamkeit.
Mein Blick fiel in eine Seitenstraße. Sie war recht zwielichtig, doch ich sah genug, um diese Situation einschätzen zu können.
Es war überall dasselbe.
Wachleute hatten Macht, und viele von ihnen nutzten diese auf grausamste Art und Weise aus. Ich war keine Ausnahme mehr, das gab ich zu, aber ich würde niemals einen harmlosen Krüppel behelligen.
„Elender Lump, ich werde dich lehren, uns zu widersprechen!"
Drei Wachmänner hatten einen Mann mit unvergleichlich arabischem Aussehen in die Enge getrieben. Der Mann trug eine dunkelblaue Robe, an der der linke Ärmel eingenäht wurde, da es wohl keinen Arm mehr gab, der den Ärmel hätte füllen können.
Schweiß stand dem Mann auf der Stirn und er drückte sich vor Furcht gegen die Hauswand hinter ihm.
Die Wachen hatten ihn eingekesselt und der kleinere von ihnen hatte bereits sein Schwert gezogen.
Maliks POV:
„Meine Herren, ich schätze ihr wollt vor Eurem Gott nicht in Ungnade fallen, indem Ihr einen wehrlosen Krüppel tötet!"
Diese Stimme...
Maliks Blick fiel an den Wachen vorbei, nachdem diese von ihm nun kurzzeitig abließen und sich nun alle gleichzeitig umgedrehten, und sah einen kurzhaarigen, jungen Mann, vielleicht zwanzig und ungefähr in seiner Größe, in Kettenhemd und rotem Waffenrock.
Er trug ein Schwert bei sich und machte den Eindruck, dass er bereits ein erfahrener Soldat war.
Der
Kürzere der drei Wachen sah sich um.
Die Seitengasse war recht
dunkel und verlassen. Ein spöttisches Lächeln erschien auf dessen
Gesicht.
„Ihr seid alleine, edler Herr?"
„Gott ist bei mir", antwortete dieser. Seine Körperhaltung war entspannt und wirkte dennoch überlegen und stark.
Dieser Jüngling wusste, dass er hier nicht verlieren würde.
„Dann geh zu deinem GOTT!"
Der Kurze sprang mit gezogenem Schwert vor, allerdings nur, um von dem Schwert des Wappenträgers aufgehalten zu werden.
Dunkles Blut spritzte in einem Schwall zu Boden, besprenkelte die Hauswand und der Jüngling hatte sich kaum mehr vom Fleck bewegt, war lediglich einen Schritt zur Seite gegangen, dem Schwert des anderen ausgewichen und hatte ihn mit seinem eigenen aufgespießt. Dies alles ging unendlich schnell. Malik klappte erschrocken das Kinn herunter.
„Wollt ihr auch?", er hob das Schwert auf Augenhöhe, wie es die Franken oft taten, und ging einen Schritt auf die beiden anderen Wachen zu.
Diese
schüttelten den Kopf und rannten zu beiden Seiten
davon.
„Feiglinge", murmelte Maliks Retter verächtlich und
steckte das Schwert weg.
Er
lächelte Malik zu, der ihn verwirrt anstarrte. Der junge Mann im
roten Waffenrock trat näher heran und streckte ihm die Hand
entgegen.
„Lasst mich Euch helfen, Herr", sagte er und klang
dabei sehr höflich und zuvorkommend.
„Danke", murmelte Malik und ergriff die angebotene Hand. Es überraschte ihn, mit was für einem kräftigen Ruck der Junge ihn auf die Beine zog.
„Sagt, seid Ihr verletzt? Kann ich Euch noch irgendwie helfen?", fragte er und Malik schüttelte automatisch den Kopf.
„Vielen Dank. Vielleicht könntet Ihr mir Euren Namen nennen, edler Recke, damit ich mich an meinen Retter erinnern kann."
Der Jüngling lächelte sanft und offenherzig.
Malik bekam das Gefühl, dass er das Gesicht kannte.
„Adrian, mein Name ist Adrian, Herr."
„Ich danke Euch, Adrian. Bitte sagt mir, kenne ich Euch?"
Malik bemerkte, wie sich Adrians Blick veränderte. Er war immer noch freundlich, aber die offene Haltung ihm gegenüber verschwand.
„Nein,
Herr, ich bin heute das erste Mal in Jerusalem. Ich wüsste nicht, wo
ich Euch vorher schon mal hätte treffen sollen", sagte er und
Malik nickte.
„Ja. Verzeiht, aber Euer Gesicht erinnert mich
an... jemanden, aber da war wohl der Wunsch Vater des Gedanken."
Adrian
nickte geduldig.
„Schon in Ordnung. Ich wünsche Euch einen
angenehmen Tag. Gebt auf Euch acht", meinte er, wandte sich ab und
verließ die Seitenstraße.
Adrians Lächeln war verschwunden. Seine Miene war tief und unergründlich.
„Das ist doch nicht wahr...", flüsterte Malik und sah dem Jüngling erstaunt nach.
Als er in das Büro zurückgekehrte, erwartete ihn bereits ein altbekannter Assassine.
Elessas POV:
Es
war Malik gewesen, daran zweifelte ich nicht.
Ich hoffte mehr als
alles andere, dass er mich wirklich nicht erkannt hatte.
Aber...
was war mit seinem Arm geschehen? Und was tat er in Jerusalem?
Er
trug zumindest nicht die Kleidung eines Assassinen, soviel stand
fest. Ich schätzte, dass er ohne seinen linken Arm wohl nicht von
Nutzen war
und nicht mehr in
Al Mualims Dienst stand.
Ich betete, dass er mir nicht mehr unter die Augen kam. Assassinen waren einfach meine Feinde, ob ich es wollte oder nicht. Und wenn Malik dazugehörte, war auch er mein Feind.
Ich wäre ihm am liebsten um den Hals gefallen, denn Malik war einer meiner einzigen Freunde gewesen.
Doch De Sable war in der Stadt, ich hatte den Ruf eines Assassinen-Mörders... es wäre zu gefährlich. Für mich und für Malik.
Es war vorbei. Ich gehörte nun zu den Kreuzrittern und war Christ. Zwar nicht sonderlich gläubig, aber immerhin getauft.
Traurig und resigniert schüttelte ich den Kopf und ging weiter.
Ich wanderte über den Basar und kaufte mir ein paar Feigen, die ich genüsslich während meines Spaziergangs aß.
Ich
trat um eine Kirche herum und setzte mich in ihren ausladenden
Schatten auf eine Bank und leckte mir die Finger sauber.
Das Essen
der Franken, so wurden die Abendländler im Allgemeinen von den
Muslimen genannt, war recht deftig. Pökelfleisch, Trockenfrüchte,
Rüben, Hafer, Brot aus Sauerteig, Wasser, Wein und ein Getränk
namens Bier, das allerdings nur sehr rar war und importiert werden
musste.
Ich hatte mich sehr an diese Kost gewöhnt, aber die süßen Leckerbissen verwöhnten meinen Gaumen nun mehr als jede Speise aus dem Abendland es je könnte.
Ich saß noch lange auf dieser Bank und ließ mir das Süße auf der Zunge zergehen ehe ich beschloss, langsam Jerusalem zu verlassen.
Ich ließ mir Zeit. Aus irgendeinem Grund hatte ich es nicht eilig. Ich fühlte mich weder besonders wohl, noch sehr schlecht.
Langsam lief ich in die Richtung des Tors.
Jerusalem.
Jerusalem...
Ich spürte, wie langsam und stetig sich Wut in mein Herz schlich.
Hier
hatte alles begonnen.
Mein ganzes Abenteuer.
Mein ganzes
Elend...
Ich wurde hier geboren, verachtet und gehasst.
Wurde geschlagen, fast getötet und entführt.
Doch nun war ich es, der verachtete.
Nun war ich ich es, der hasste. Nun war ich... der Stärkere. Dessen war ich mir bewusst.
Egal was geschehen würde, egal ob als Mann oder Frau, ich würde aus meiner Überlegenheit nun keinen Hehl mehr machen.
Mein
Blick schweifte umher. Der ein oder andere Stand erweckte
Erinnerungen.
Das ein oder andere Gesicht kannte ich.
Doch mich kannte hier scheinbar niemand mehr.
Und so trat ich aus dem Schatten eines Gebäudes heraus und... verharrte sofort in der Bewegung.
Nun. Da stand er. Groß, bedrohlich, weiß... die Hände zu einem scheinbaren Gebet zusammengefaltet, die Kapuze tief in sein Gesicht gezogen... der Assassine aus Akkon.
Mittlerweile
würde ich ihn überall wieder erkennen. Und er hatte sich nicht mal
die Mühe gemacht, sich eine Robe eines Gelehrten überzuziehen. Er
stand vor mir in seiner Assassinen- Robe, die von einer blutroten
Schärpe zusammengehalten wurde. Ein dicker Ledergürtel war um seine
Hüfte gebunden und ich bemerkte sofort die große Anzahl an Waffen,
die er bei sich trug.
Wurfmesser, Schwert und … mein
Kurzschwert!
Ich
atmete tief ein.
„Ihr habt etwas, was mir gehört, elender
Dieb!", knurrte ich ihn an und der Assassine hob den Kopf und
lächelte.
POV
Der Assassine spürte den Blick des Soldaten auf sich und lächelte.
Endlich
war er auf ihn aufmerksam geworden. Er folgte dem Jüngling schon
seit er seinen Ordensbruder vor den Wachmännern bewahrt hatte, doch
der Soldat war in seinen eigenen Gedanken viel zu tief versunken
gewesen, als dass er auf die lauernde Gefahr hätte aufmerksam werden
können.
Und in diesem Moment war der Assassine dafür dankbar,
dass er und nicht ein anderer seiner Brüder den Auftrag erhalten
hatte, Adrian, den Assassinen-Mörder zu töten.
Der Assassine widerstand dem starken Drang etwas auf Adrians Worte zu erwidern und setzte sich in Bewegung.
Langsam ging er los und schob sich vorsichtig zwischen den Menschen hindurch.
Er spürte, dass Adrian ihm folgte.
Spürte wie der mittlerweile gut geschulte, wilde und kalte Blick sich an ihn heftete und ihn scheinbar durchbohren wollte.
Der vermummte Mann konnte sich vorstellen, wie die rechte Hand des vermeintlichen Jünglings den Griff seines Schwertes umfasste. Wie die schmale und auch zierliche Hand vor Anspannung zitterte.
Adrian, ein junger Soldat, zweifellos von arabischer Abstammung.
Von mittlerer Größe, recht schlank, kantige Gesichtszüge.
Das Gesicht ist oft schmutzig.
So hatte der Rafik von Jerusalem Adrian beschrieben. Eine Nachricht aus Akkon hatte ihn ereilt, dass sich Fürst Karzheim, Adrian und auch Robert De Sable Jerusalem näherten.
Diese
Nachricht enthielt eine genaue Beschreibung von Adrian. Doch etwas
Bestimmtes fehlte.
Etwas, was auch seinen Brüdern entgangen war.
Denn außer Adrian selbst, wusste nur noch er von diesem gefährlichen
Geheimnis, dass der Jüngling so sehr zu schützen versuchte.
Der Assassine wusste, dass das schmutzige Gesicht nichts anderes als eine recht effektive Tarnung war.
Eine Tarnung, damit keiner sehen konnte, wie untypisch haarlos sein Gesicht doch war.
Haarlos wie das einer Frau.
Doch
alles andere an ihm war unverkennbar männlich.
Der breite Gang,
dass zerzauste, kurze und mittlerweile von der Sonne ausgebleichte
Haar.
Der fixierende, grimmige Blick, der wohl lange und ausdauernd an einer spiegelnden Wasseroberfläche geübt wurde.
Die Art wie er sprach, ob verbal oder mit Mimik und Gestik.
Seine ganze Körperhaltung zeigte einen Mann.
Nicht nur einen Mann, sondern einen Soldaten aus dem Abendland.
Der Assassine bog von der belebten Straße in eine enge, zwielichtige Seitengasse ab.
Er lief immer noch langsam und auch sein Verfolger war nicht schneller geworden.
Adrian hielt Abstand.
Gut und gerne acht Schritte.
Mittlerweile hatte sich die Körperhaltung des Jünglings geändert.
Er hatte das Schwert bereits ein Stück weit aus der Lederscheide gezogen und seinen Oberkörper nach vorne gebeugt, wie ein Raubtier, das seinen Angriff vorbereitete.
Er
war bereit zum Angriff und war sich dessen bewusst, dass der
Assassine ihn in die Irre oder in einen Hinterhalt locken
wollte.
Doch er folgte ihm trotzdem und war mehr als nur bereit,
für dieses Kurzschwert Blut zu vergießen.
Der Assassine betrat einen kleinen Hinterhof und blieb in dessen Mitte stehen.
Adrian verharrte im Eingang und zog die Luft so scharf ein, dass der Feind es deutlich hörte.
Dennoch wandte er sich nicht um, um zu sehen was der Soldat als nächsten tun würde.
Adrian trat nicht mehr näher, doch er war der erste, der das Wort erhob.
„Gebt es mir zurück!", knurrte er den Mann an, der sich nun zu ihm umwandte.
Er lächelte immer noch. Alles verlief bisher genau nach seinem Plan.
„Was möchtest du, kleiner Soldat?", fragte er und sein Lächeln wurde unwillkürlich breiter als Adrian sein Schwert nun mit einem metallischen Zischen zog.
Dieser
biss wütend die Kiefer aufeinander.
Wieder diese respektlose
Ansprache. Dieser widerliche, anmaßende Ton des Assassinen ärgerte
ihn am meisten. Doch er, ein Soldat des Abendlandes, würde sich
nicht auf die gleiche Stufe stellen wie dieses... was auch immer!
„Stellt Euch nicht dumm, dreckiger Dieb!", Adrians Stimme gewann an Schärfe. Doch sie war immer noch kontrolliert und verriet weder Angst noch ein anderes Gefühl.
Ja, in der Tat. Lange und intensiv geübt.
Adrian war mittlerweile dazu fähig, den Leuten mit seinem bloßen Blick Angst zu machen. Und der Assassine war sich sicher, dass Adrian sich seit dem Zwischenfall am Hafen zu mehr als nur einem gefährlichen Gegner entwickelt hatte.
„Ich bin kein Dieb, Adrian", sagte der Assassine. Sein Blick ruhte auf dem Soldaten und er war sehr darum bemüht, seine Aussprache so neutral wie möglich zu halten, um keine ungewollte Reaktion hervorzurufen.
„Ihr seid ein Dieb und ein Heuchler obendrein!"
Nun trat der junge Soldat den ersten Schritt nach vorn.
Er hatte den Griff seines Schwertes mit beiden Händen umfasst und hielt es auf den Assassinen gerichtet vor sich.
„Gebt es mir freiwillig, Assassine, und es wird nicht zum Kampf kommen!"
Die Stimme des Jungen wurde leiser und der Assassine wusste instinktiv, dass diese Drohung alles andere als leer war.
Nun wurde die Situation für ihn interessant.
„Ich
fürchte dich nicht, kleiner Soldat!", meinte er und auch seine
Stimme wurde leiser.
Ebenfalls ruhig, kontrolliert und
unverkennbar bedrohlich.
„Stellt Euch vor", höhnte Adrian und seine Stimme war nur noch ein Wispern, „ich Euch auch nicht!"
Der Assassine lachte leise. Er hatte dem Soldaten erneut den Rücken zugedreht, der nun auf Schwertlänge zu ihm herangetreten war.
Dies war ein sicheres Gebaren von Spott und Respektlosigkeit.
Wut
kochte in Adrian hoch.
„Was ist so komisch, Heide?", grollte
er frustriert und der Assassine verstummte.
„Hm... nichts!", murmelte der Mann und zog nun langsam das Kurzschwert und hielt es nach oben, damit es Adrian sehen konnte.
„Und doch... alles. Hier fang!"
Es überraschte Adrian, als der Assassine ihm das Kurzschwert zuwarf.
Doch er reagierte richtig, indem er zur Seite sprang.
Der Assassine stand nun an der Stelle wo Adrian selbst eben noch gestanden hatte.
Der Jüngling blinzelte schockiert. Er hatte die Bewegung nicht gesehen und der Mann stand dort, als hätte er schon die ganze Zeit dort gestanden, und fing das Kurzschwert auf, bevor es zu Boden fallen konnte.
„Es scheint dir wohl doch nicht so wichtig zu sein, wie ich eben noch angenommen hatte", sagte er lächelnd mit einem süffisanten Tonfall und steckte das Kurzschwert in seine Halterung zurück.
Adrian biss wütend die Zähne aufeinander.
„Ihr habt keine Ahnung!", grollte er und der Assassine lachte auf.
„Wahrscheinlich nicht. Sei doch so nett und kläre mich auf, warum dir das Stück Stahl so wichtig ist!"
„Das geht Euch überhaupt nichts an!", brüllte Adrian nun und spürte förmlich, wie ihm die Selbstkontrolle entglitt, als sei sie ein zappelnder, glitschiger Aal.
„Oh, dass enttäuscht mich ein wenig, kleiner Soldat. Ich hatte gehofft wir könnten uns ein wenig unterhalten", meinte der in weiß gekleidete Mann und beobachtete immer noch lächelnd, wie der Griff des Soldaten um sein Schwert fester wurde.
„Hört auf, mich zu verspotten, ehrlose Kreatur! Zieht Euer Schwert!"
Das Lächeln des Assassinen verschwand nun.
Langsam schüttelte er den Kopf.
„Ich
möchte nicht gegen dich kämpfen, Adrian. Ich möchte nur reden!",
sagte er, doch es war zu spät.
Die Situation kippte und entglitt
nun auch seiner Kontrolle.
„Euer Pech!", brüllte der Jüngling und wagte nun als erster den bewaffneten Angriff.
Kraftvoll sprang er nach vorn, ließ seine Klinge die Luft zerschneiden und setzte sofort nach, als der Assassine auswich.
Es war knapp, das wusste dieser.
Doch er schaffte es gerade noch rechtzeitig, sein Schwert zu ziehen und den wuchtigen, seitwärtigen Hieb abzufangen.
Er war beeindruckt über die Kraft, die dieser schmächtige Jüngling aufbrachte.
Und nun war er sich auch sicher, dass der Tod seines Ordenbruders in Akkon alles andere als purer Zufall gewesen war.
Karzheims
Ausbildung trug Früchte.
Vor ihm stand ein Assassinen-Mörder und
dieser zweifelhafte Titel war mehr als nur verdient.
Endlich
ein Gegner, der ihm hätte das Wasser reichen können. Ein Gegner,
der sogar fähiger war, als er selbst.
Denn Adrian wusste nicht,
wer vor ihm stand, während der Assassine genau wusste, wer Adrian
wirklich war. Und das verschaffte dem Soldaten einen Vorteil. Er sah
nur den Feind vor sich, doch der Assassine sah mehr, wusste mehr und
war nicht in der Lage, den Jüngling dazu zu bewegen, nur mit ihm zu
reden.
Adrian wollte Blut. Er war so in seinen Kampf vertieft, dass er nicht ablassen würde, egal wie lange der Mann auch auf ihn einzureden versuchte.
Ihre Klingen trafen immer wieder krachend aufeinander. Funken flogen davon und beide jagten sich gegenseitig quer durch den Hof.
Sie stießen Vasen um, zerschlugen Tische und Bänke, sprangen an Mauern hoch, schlugen und traten zwischen den Schwertgefechten nacheinander.
Geschickt und schnell drehten sie sich aus ihren Angriffen heraus, sprangen immer wieder aufeinander zu, täuschten an, schlugen zu und stoben wieder auseinander, wie Späne im Wind.
Der Kampf dauerte an, doch keiner der Beiden wurde müde.
Die Auseinandersetzung wurde nicht mehr in der Distanz ausgetragen. Die beiden Kontrahenten, wobei der Assassinen noch einen Kopf größer war als der Soldat, kamen sich in ihren Gefechten so nahe, dass ihre Körper sich berührten, sie sich gegenseitig anrempelten und wegschoben.
Der Assassine wusste, dass es so nicht weitergehen konnte. Bevor hier ein Sieger feststehen würde, würden sie sich eher beide umbringen. Er musste diesem Kampf ein Ende setzen und er wusste bereits wie.
Er ließ sich von dem Soldaten sein Schwert aus der Hand schlagen und er sah, wie es in den Augen den Jüngling triumphierende blitzte, als er zum nächsten Schlag ansetzte.
Dieser Schlag sollte der Letzte sein.
Präzise, stark und tödlich ausgeführt.
Doch dazu kam es nicht.
Gerade als Adrian zuschlug, ließ der Assassine sich pfeilschnell rückwärts zu Boden fallen und erhob seine linke Hand in Richtung Adrians Schwerthand, die auf ihn zuraste.
Adrian konnte seine Bewegung nicht mehr stoppen und musste hilflos mit ansehen, wie die verborgene Klinge hervorschnappte und diese tückische Waffe sein rechtes Handgelenk unterhalb des Daumens durchbohrte und aus dem Handrücken wieder austrat.
Der Schrei des Soldaten hallte laut von den dunklen Mauern, die diesen Hof umgaben, und der Assassine konnte gerade noch rechtzeitig mit der anderen Hand das Heft des Schwertgriffs umfassen, ehe die immer noch gefährliche Klinge auf ihn herabgefallen wäre.
Das war knapp. Viel zu knapp.
Vögel flogen von einem Dach auf. Der Schrei hatte sie anscheinend verschreckt.
Adrians Beine hatten fast sofort nachgegeben und er war auf die Knie gesunken. Er saß auf dem Schoß des Assassinen und starrte entsetzt auf seine aufgespießte Hand, wo mittlerweile Blut in einem dunklen und dicken Rinnsal seinen Unterarm entlanglief und im Ärmel seines Kettenhemdes verschwand.
Der Assassinen vernahm sein ersticktes Stöhnen und beobachtete wie der Soldat schwer schluckte und im Gesicht so bleich wurde, wie seine Kleidung weiß war.
Schmerz zeichnete das Gesicht des Jünglings. Schmerz, Angst und Fassungslosigkeit.
Der Assassinen beobachte, wie die Gewissheit auf dem jungen Gesicht des Soldaten erschien und dieser nun verstand, dass er den Kampf verloren hatte.
Die
Haltung war unbequem für beide.
Sie verharrten dennoch so. Der
Soldat vor Schmerz, der Assassine wegen des Soldaten. Diese Situation
war genauso unkontrolliert, wie der Kampf es gewesen war, allerdings
längst nicht mehr so gefährlich.
Der Assassine bewegte sich leicht, um sich möglichst bequemer hinzusetzen, doch Adrian schrie gequält auf und er verharrte erneut.
„Was tut Ihr?", stöhnte der Jüngling gequält. „Bringt es zu Ende!"
„Ich habe dir doch gesagt, dass ich dich nicht bekämpfen will. Nun hast du ein Problem, ich kann das Messer nicht mehr einziehen. Es steckt fest!", sagte der Assassine und umfasste nun Adrians Hand um seine eigene Haltung zu stabilisieren.
Dieser schrie leise auf und zuckte unwillkürlich mit dem verletzten Arm, was ihm noch mehr Schmerz bereitete.
„Ich..."
Mit
Schrecken stellte der Assassine fest, dass sein Gegner nun im Begriff
war, bewusstlos zu werden.
„Bleib wach, Adrian. Wir müssen hier
weg, man hat uns bestimmt schon an die Soldaten verpfiffen!"
Die
andere Hand des Assassinen schlug leicht gegen die Wange von dem
Jüngling und Adrians Blick wurde augenblicklich wieder
wacher.
„Winkel deinen Arm an, mach schon!"
Unter Schmerzen folgte der Soldat den Anweisungen und stöhnte immer wieder gequält auf.
Der Assassine schob seinen freien Arm unter Adrians Gesäß, der erschrocken zusammenzuckte.
„Was soll das?", protestierte dieser und der Assassine musste unwillkürlich lächeln. Aber dies war definitiv der falsche Zeitpunkt für solche Gedanken.
„Was glaubst du? Ich werde dich tragen müssen. Wir brauchen Hilfe, ich kriege das Messer nie allein dort heraus ohne dir die Hand zu zerfetzen! Klammer deine Beine um meine Hüfte. Mach schon! Brauchst du für alles eine Extraeinladung?!"
Zitternd kam der Soldat auch diesem Befehl nach und es war der Assassine, der ihn noch weiter in seinen Schoß zog, Adrians linken Arm um seine Schulter legte und mit ihm scheinbar mühelos aufstand.
Er
trug den Jüngling wie ein kleines Kind vor sich her.
Jeder
Schritt bereitete diesem Höllenqualen und ihm war diese
entwürdigende Haltung in diesem Moment mehr als nur egal.
Die linke Hand hielt immer noch Adrians Rechte umfasst und mittlerweile waren sie beide von dem dunklen Blut benetzt worden.
„Es... es schmerzt!", keuchte der Jüngling und krampfte sich heftig zusammen. Er krallte sich in die Robe des Mannes, der ihn trug, und legte zwischendurch seinen Kopf erschöpft auf dessen Schulter ab.
„Wo bringt Ihr mich hin?", stöhnte er, doch der Assassinen antwortete nicht, sondern konzentrierte sich auf seinen Weg.
Er trug Adrian eine Leiter herauf und nahm dann den Weg über die Dächer.
„Ich halte es nicht aus!", würgte der Jüngling zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Schweiß war ihm ausgebrochen und er atmete vor Schmerz nur stoßweise.
„Wir sind gleich da", murmelte der Assassine und fuhr plötzlich sanft mit seiner freien Hand, mit der er lediglich Adrian stabilisierte, da dieser sich wie ein Ertrinkender von selbst an ihn klammerte, sanft über den Rücken.
Was war das? Versuchte dieser Gauner ihn zu trösten? Adrian wusste, dass er in einer fürchterlichen Lage steckte und wohl kaum eine Aussicht hatte, aus ihr noch lebendig herauszukommen.
Warum machte der Assassine sich die Mühe, ihn am Leben zu halten?
Was erhoffte er sich davon?
Plötzlich blieb der Mann stehen und Adrian sah zu ihm auf.
Er
sah wie sich die Lippen des Mannes beim Sprechen bewegten.
„Ich
muss springen, Adrian", sagte er und umgriff Adrians verletzte Hand
noch etwas fester und drückte sie sich vorsichtig gegen die Brust.
„Oh Gott", stöhnte der Soldat gequält und lehnte seinen Kopf erneut an die Schulter des Feindes.
Der
Assassine warnte nicht erneut, sondern sprang einfach.
Das
zusätzliche Gewicht riss ihn bei der Landung von den Beinen und er
konnte nur eins tun, um den Sturz für sie beide so angenehm wie
möglich zu machen.
Sich zur Seite drehen.
Adrian schrie vor Schmerz laut auf und zog die Luft schnappend ein.
Ihn wunderte es, dass der Jüngling nicht schon längst bewusstlos geworden war.
„Was ist das für ein Lärm?"
Der Assassine hob den Kopf und sah wie der Verbindungsmann von Jerusalem durch die Tür dieses Dachgartens kam und schockiert und verwirrt in seinem Schritt verharrte, als er die beiden Kontrahenten ineinander verkeilt am Boden liegen sah.
POV
Ende Kapitel 10
