Der abgetrennte Zopf

Kapitel 16 „Einen Satz heiße Ohren!"

Malik wusste, dass das Gremium gegenüber Al Mualim sehr loyal war und dass trotz nachdem was geschehen war, sie diesen Machtwechsel nicht ohne weiteres tolerieren würden.

Er glaubte, dass die Alten nun einen eigenen Favoriten hatten und diesen an der Stelle von Al Mualim sehen wollten.

Die Korruption würde nicht enden und der Edensplitter würde weiterhin zu dubiosen Zwecken missbraucht werden.
Er, ein Rafik und Vertreter des Kredos, durfte dies nicht zulassen und schnelles Handeln war nun mehr denn je gefragt.

Elessa war bereits fort und Altair war waffenlos und eingesperrt.

Er selbst war lediglich mit einer kleinen Delegation seiner Männer aus Jerusalem hier angereist. Er konnte ja nicht ahnen, wie sehr Masyaf in Bewegung geraten würde.

Wäre Elessa mit Fürst Karzheim nicht hierher gekommen... wären sie alle tot.

So viele Familien wären den Templern zum Opfer gefallen und hätten sich nicht einmal wehren oder fliehen können.

Karzheims Eingreifen in die Sache kam keinen Augenblick zu spät.

Doch nun waren es nicht die Templer, die Masyaf bedrohten.
Nun lauerte der Feind im Innern und diesen galt es zu besiegen.

Malik hatte seine Familie nach Einbruch der Nacht aus Masyaf heraus in Richtung Jerusalem geschickt.

Hier waren sie nicht sicher.

Er hatte ebenfalls einige Novizen, die noch zu jung für die folgenden Auseinandersetzungen waren, mit ihnen gehen lassen.

Masyaf war vom Angriff noch erheblich geschwächt, und was auch immer Al Mualim getan hatte, man spürte die Auswirkungen noch.

Gefolgt von vier seiner besten Männer schlich Malik durch die düsteren Gänge der Burg.

Die Wachen waren zerstreut und uneins, selbst die Alten vom Gremium konnten die Unsicherheit der Assassinen nicht vertreiben, und nun geschah es, dass sich niemand Malik in den Weg stellte, als er Altairs Tür mit einem Dietrich öffnen ließ.

Man wusste nicht, was geschehen war, warum und weshalb der Meister-Assassine eingesperrt worden war.

Die allgemeine Verwirrung war noch zu groß und solange Masyaf keinen Führer hatte, würde keiner irgendetwas tun.

Die Rafiksaus den anderen Städten würden nicht in den nächsten zwei Tagen zusammenkommen, eine Wahl zu einem Oberhaupt würde bis dahin also nicht stattfinden.

Malik wusste, dies war der beste Zeitpunkt, um das alte Gremium loszuwerden, sonst würde sich in Masyaf nichts ändern, und die Bevölkerung inklusive seiner Familie wäre bald einer neuen Gefahr durch einen korrupten Führer ausgesetzt.

Der Edensplitter musste ebenfalls verschwinden. Es war nun zu gefährlich, ihn hier zu lassen.

Er trat zu Altair und löste seine Fesseln.
„Entschuldige, dass es so lange gedauert hat, Altair. Ich musste erst einiges organisieren", sprach der Araber und Altair grollte wütend.

„Wo ist Elessa?", fragte dieser ohne Umschweife und Malik konnte sich ein leichtes Lächeln nicht verkneifen.

„Sie ist heute Morgen mit Fürst Wilhelm aufgebrochen. Ich schätze, dort ist sie sicher, also mach dir nicht zu viel Sorgen. Sie kommt dort besser zurecht, hier wäre sie nur in Gefahr", meinte Malik und Altair schnaufte erleichtert.
„Gott sei Dank, ich dachte schon, sie hätten ihr etwas angetan!", rief Altair aus und in seiner Stimme klang Erleichterung.

Malik teilte Altair seinen Plan, um das Gremium aus dem Weg zu räumen, mit, während der Assassine seine Waffen wieder anlegte.

Er nickte bedächtig.

„Wie willst du es anstellen?", fragte er den Jüngeren und Malik lächelte erneut.

Altair war es immer gewesen, der seine Pläne zerstreut hatte, sie durch eigene ersetzte und stets eigenmächtig handelte.

Doch der Assassine hatte sich verändert. Er hatte hinzugelernt.

„Das Gremium hat noch nicht Viele für sich gewinnen können. Wenn wir jetzt zuschlagen, erleiden wir so gut wie keine Verluste. Sie haben sich in ihre Zimmer zurückgezogen, ich würde vorschlagen, du gehst los und kümmerst dich um die beiden im Westflügel, und ich und Raoul im Ostflügel. Wir treffen uns danach im Hof und rufen die Assassinen zusammen", sagte Malik und Altair nickte.

„So soll es geschehen, Rafik", sagte er und seine Stimme wurde leise und die Bedrohung darin groß. Er wollte an Malik vorbeigehen, doch der Araber hielt ihn auf.

Er hielt ihm zwei weiße Federn entgegen.

„Leg sie zur Ruhe, Altair. Auf das bald wieder der vertraute Frieden herrscht," sprach Malik und Altair nahm die Federn an.
„Der alte Frieden war trügerisch, Malik," sprach er leise und ging nun weiter, „mögen nun bessere Zeiten bevorstehen!"

Malik beobachtete lächelnd, wie der Assassine von der Dunkelheit der Gänge umarmt wurde.
Die Veränderung begann jetzt!

Langsam tastete sich Altair durch die dunklen Gänge.

Er hatte den Westflügel bereits erreicht. Malik hatte Recht. Kaum jemand befand sich zurzeit auf Wache. Alles verlief unstrukturiert und keiner wusste, was er tun sollte.

Selbst wenn die Gremiumsmitglieder bewacht wären, würden es nicht genügend sein, um seinen grollenden Zorn aufzuhalten.

Maliks Nachricht, dass Elessa nun erneut auf dem Weg nach Akkon war, brachte seine Verzweiflung zum Stillstand, und entfachte nun seine unbändige Wut.

Ein Groll, der nun nicht mehr gelenkt oder gebändigt werden konnte, denn Elessa war fort.

Die Tür war verschlossen und Altair beschloss auf eine der einfachsten Tricks zurückzugreifen.

Er klopfte an.

Sofort hörte er Schritte auf sich zukommen.

Die Schritte waren recht schnell, doch Altair wusste, dass es sich dabei nicht um das Gremiummitglied handelte, denn dieser hatte einen verkrüppelten Fuß und war nicht fähig in dieser Geschwindigkeit zu laufen.

Der arme Teufel, der ihm nun die Tür öffnen würde, war einfach zur falschen Zeit am falschen Ort.

„Wer ist da?", fragte nun eine Stimme hinter der Tür und das Schloss klackte bereits.
Die Tür wurde geöffnet und Altair sprang dagegen und stieß den Diener des alten Mannes in den Raum zurück.
Die Tür knallte zurück ins Schloss und Altairs rechte Hand presste sich hart auf den Mund des Mannes, während der versteckte Dolch seiner linken mit einen Ruck in den weichen, ungeschützten Bauch fuhr.

Der Diener verdrehte die Augen und sank stöhnend zu Boden.

„Wartet!", rief der Alte, der nun von seinen Stuhl aufgesprungen war und sich gegen die Mauer presste.
„Bitte! Ich hab damit nichts zu tun! Es ist Nasrils Idee gewesen!", schrie er und Altairs Hand schnellte hervor und umgriff den Hals des Alten.

Der Alte grunzte erstickt und Altair lächelte süffisant.
„Ihr feigen Bastarde! Ihr schmiedet Ränke und stürzt euch nun gegenseitig ins Verderben. Schlaf, Ali!"

Die verborgene Klinge bohrte sich durch die Brust des Mannes direkt in sein Herz.

Altair spürte die zuckende Bewegung des Organs an seinem Unterarm und zog nun die Klinge zurück.

Der Mann erbrach einen Schwall Blut und glitt tot an der Wand hinab. Altair zog seine erste Feder hervor und tauchte sie in das Blut des Ältesten.

Der Assassine betrachtete noch einen Moment das verzerrte Gesicht des Mannes, ehe er nun auf den Fenstersims trat und nach rechts sah.

Das Fenster am Ende des Korridors war beleuchtet. Dort befand sich sein nächstes Opfer.

Altair kannte Nasril.

Der Alte war ein ehemaliger Assassine. Nicht viele überlebten derart lange, dass sie nun dieses Amt bekleiden konnten.

Ali war von außerhalb gekommen, doch Nasril war ebenso ein Assassine wie er. Auch er war einst ein Meister seines Fachs und Altair würde es nicht wundern, wenn Nasril nicht längst wusste, dass er frei und auf Beutezug war.

Altair atmete die kalte Nachtluft ein.

Er ließ seinen Blick zum Horizont streifen. Die Sterne hingen in dieser Nacht tief am Himmel und erweckten in ihm die fatale Sehnsucht, sofort aufzubrechen und Elessa zu folgen. Schon wieder waren sie getrennt worden, und Elessa erschien ihn nun distanzierter als je zuvor.

Sie zweifelte so sehr an sich selbst und insbesondere an ihm, dass es viel Zeit gekostet hatte, sie zum Ritt nach Masyaf zu bewegen. Sie war bereit gewesen, ihm zu folgen und bei ihm zu bleiben.
Doch wie sah es nun aus?
Ihre Worte verwandelten sich in die fatale Wahrheit.

Altair", flüsterte sie und löste sich erneut von seiner Umarmung.
„Ich liebe dich so sehr, dass ich dich einfach loslassen muss! Ich könnte es mir nie verzeihen, wenn du durch mich zu Schaden kämst. Und ich könnte es nicht ertragen, so eine Farce noch einmal durchmachen zu müssen. Bitte geh nun. Geh und vergiss," flüsterte Elessa mit Tränen erstickter Stimme und lief nun von ihm weg ohne darauf zu warten, ob er noch irgendetwas sagen würde.

Ihre Befürchtungen traten ein.
Kaum waren sie vereint gewesen, wurden sie erneut getrennt. Erneut unter so fürchterlichen Umständen. Wie schwer musste nun dieser zweite, schwere Schicksalsschlag auf ihr lasten?

Und er war nicht da, um ihre schreienden Zweifel verstummen zu lassen.
Doch egal was nun passierte. Er gab unter keinen Umständen auf. Altair hatte schon ganz andere Situationen überstanden! Von diesem kleinen Rückschlag würde er sich nicht entmutigen lassen.

Und im Moment war Elessa bei Karzheim sicher, oder etwa nicht?

Altair schwang sich aus dem Fenster auf den Holzbalken, welcher davor angebracht war.

Vorsichtig und lautlos balancierte er darauf entlang und sprang dann an der Mauer zu seiner Rechten hinauf.

Langsam und vorsichtig hangelte er sich von Vorsprung zu Vorsprung und zog sich bald am Fenstersims von Nasril hoch.

Ein kratzendes Geräusch ließ ihn nach vorne schnellen. Er hechtete durch das Fenster und rollte sich ab.

In diesem Moment ging die Tür des Zimmers auf und zwei Wachen rannten in den Raum.

Der erste wurde je von Altairs Schwert angehalten und sank tödlich getroffen zu Boden.

Altair sprang herum, blockte Nasrils kräftige Angriffe und hebelte den Alten aus, ehe er die Angriffe des zweiten Wachmanns blockte und umlenkte.

Seine Klinge durchbohrte den Brustkorb dieses Mannes und auch sein Blut traf den Boden.

Nasril war wieder auf die Beine gekommen und griff Altair mit einem heulenden Schrei an.

Der Assassine fing Nasril ab, umgriff dessen Handgelenk und brach dieses wie einen trockenen, alten Zweig.

Nasrils Kampfschrei verwandelte sich augenblicklich in ein Wehklagen.

Er sank zu Boden und starrte entsetzt auf sein rechtes Handgelenk.

Noch immer hielt er sein Schwert in der Hand, und war nun auch nicht mehr fähig, es loszulassen.

Altair hob seine linke Hand und ließ nun seinen versteckten Dolch hervorspringen.

„Nasril! Mein Zorn ist rasend. Was kann ihn besänftigen?", fragte Altair nun. Seine Stimme wurde immer leiser, war rau und klang wie das Knurren eines Wolfs, der sich mit geiferndem Maul über seine Beute beugte.

Nasril schluckte trocken, stöhnte erneut und sah zu dem Assassinen auf.

„Altair... es ist zum Wohle der Bruderschaft! Habt Ihr denn kein Einsehen? Euer Tun stürzt uns alle in Anarchie und Zerstreuung!", rief er und seine Stimme klang nun flehend, fast wie das eines weinenden Kindes.

Altair lächelte sanft.

„Nichts ist wahr, alles ist erlaubt! Ich werde nicht zulassen, dass die Bruderschaft mir das nimmt, was mein Leben bedeutet! Ich würde für Elessa gegen sämtliche Kreuzritter kämpfen, alle Sarazenen vernichten und sogar die Bruderschaft bis auf ihre Grundfesten erschüttern! Hier wird der erste Teil der Veränderung stattfinden, Nasril! Ihr seid nun nicht mehr von Nöten!", sprach er und stieß die Klinge in die Kehle des Feindes.

Auch sein Blut durchtränkte die nun letzte Feder, ehe Altair nun aufbrach, um zu Malik zu stoßen.

Es war Malik gewesen, der die Männer beruhigte, sie wieder an ihre Arbeit schickte.
Er organisierte das Geschehen der nächsten Tage innerhalb von Minuten. Malik war als Rafik die nächste, höhere Instanz. Er sagte ihnen, dass der innere Widerstand und die damit verbundene Gefahr zerschlagen und gebannt wurden. Der Araber bat um etwas Geduld und Vertrauen in die anderen Rafiks und versprach, dass bald alles wieder ohne in seinen gewohnten Gang weitergehen würde, dass sich nichts zum Schlechteren entwickeln würde und keiner vorerst einen Angriff von außerhalb fürchten musste.

„Karzheim hat die Templer fast vernichtend geschlagen. Ihre Niederlage ist nun so herb, dass sie sich kaum mehr organisieren würden, und selbst wenn, wird genügend Zeit vergehen und wir würden darauf vorbereitet sein. Aber um uns vorbereiten zu können, müssen wir nun zusammenarbeiten, Reparaturen erledigen und unsere Verteidigung auf Vordermann bringen. Auf dass die Assassinen erneut erstarken und ihre Feinde in Angst und Schrecken versetzen!"

Maliks Worte erreichte die Männer und Bewohner Masyafs.

Ohne Widerstand schloss man sich ihm an und überließ nun dem Rafik aus Jerusalem die Führung, bis ein neues Oberhaupt gewählt werden würde.

„Wo gehst du hin?", fragte Malik später als Altair Liakun sattelte.
„Was glaubst du? Ich reite natürlich Elessa hinterher!", erwiderte der Meister-Assassine verbissen und zog den Sattelgurt fest.

Malik schnaufte und trat um Altair herum.
Er ergriff Liakuns Zügel.
„Eigentlich brauche ich dich hier, Altair. Aber ich fürchte ich kann dich nun nicht aufhalten", sagte er und Altair nickte.
„Das siehst du richtig. Nichts hält mich auf," zischte er und belud den Braunen mit seinem Gepäck.

„Dennoch muss ich dich um einen Gefallen bitten! Den Edensplitter, Altair. Nimm ihn mit und verberge ihn so gut es geht!", sagte Malik und Altair hielt nun in seinem Tun inne. Er drehte sich zu dem Rafik um und nickte nach einiger Zeit.

„In Ordnung."

Malik beobachtete mit wachsender Sorge, wie Altair aus dem Dorf galoppierte.

Als die Schlacht geschlagen war, hatte er zunächst gehofft, dass alles nun vorbei sein würde, doch er spürte, dass wahre Desaster stand ihm nun bevor und er hoffte inständig, dass Elessa dies überstehen würde.

Ihre Verletzungen... prophezeiten weiteres Unheil.

Elessas POV:

„Es tut dir also Leid? Ist ein Wort, welches aus deinem Mund kommt, überhaupt noch wahr?"

Karzheim hatte sich so schnell und entsetzt von mir entfernt, als hätte ich den Aussatz.

Zunächst war da nur blanke Verwirrung in seinem Gesicht, doch diese wurde schnell von Zorn und wilden Interpretationen vertrieben.

Ich versuchte, ihn immer wieder zu beruhigen, doch ich kannte Wilhelm und wenn dieser in Rage geriet, konnte man ihn nicht so leicht wieder zur Vernunft bewegen.

Er schrie, wurde knallrot im Gesicht und in seinen Augen sah ich trotz der Raserei nur eines: Enttäuschung.

Dieser Anblick allein brach mir fast das Herz.

Es waren seine Vorwürfe, die von allen am gerechtfertigsten waren.

„Wie verschwindend gering muss dein Vertrauen zu mir sein, dass du mir dies so lange nun schon vorenthältst!", sagte er und seine Stimme wurde leise.

Er drehte sich um und wollte den Raum verlassen, doch ich war mit einem für mich übermenschlichen Kraftaufwand aus dem Bett gesprungen und hatte seine Körpermitte von hinten mit meinen Armen umfangen.

Reißender Schmerz explodierte erneut in meinem Oberkörper und ich hustete erstickt auf.

Ich schmeckte Blut, sehr viel Blut, auf meiner Zunge und meine Beine gaben unter mir nach.

Meine Knie knickten ein und ich wäre zu Boden gestürzt, hätte der deutsche Ritter sich nicht umgedreht und mich aufgefangen.

Unter seine Enttäuschung mischte sich nun wieder die väterliche Besorgnis, die er mir gegenüber schon so oft empfunden hatte.

„Gott, was hast du nur getan?", flüsterte er entsetzt und lehnte seine Stirn hilflos gegen meine Wange.

„Fürst Wilhelm, bitte... bitte lasst mich alles erklären," murmelte ich und atmete schwer ein.

„Ich hab vielleicht nicht mehr viel Zeit, lasst mich nicht so aus der Welt scheiden!"

Ich sah, wie er haderte, wie er um Fassung rang und wie all das plötzlich zu viel für ihn wurde.

Doch binnen Sekunden straffte sich die stolze Erscheinung des Ritters wieder und er nickte.

Karzheim zog mich auf die Beine und brachte mich wieder zum Bett.

Mein Blick fiel auf Alicia, die noch immer in der Tür stand, das ganze Spektakel mit ansehen musste und so bleich war, dass ich glaubte, sie würde in Ohnmacht fallen.

„Komm her, Alicia," murmelte ihr Karzheim zu, nachdem er meiner Blickrichtung gefolgt war.
Die Französin erwachte aus ihrer Starre und schloss die Tür hinter sich, ehe sie nun zu dem Fürsten trat und sich von diesem umarmen ließ.

Eigentlich war ich viel zu müde, zu schwach und zu verzweifelt, um überhaupt nur in eine gerade Richtung denken zu können.
Doch nun hing mein Leben davon ab, was ich sagen würde.

Ich fühlte mich elend auf Grund meines schlechten, körperlichen Zustands und vor allem durch die Entdeckung meiner Identität.

Ich hatte gespürt, dass all dies nun unweigerlich zu Ende ging. Als Karzheim mich aus dieser Nische herausgezogen hatte, wusste ich, dass es vorbei war.

Dass er mich nicht zurück ins Lager zu den anderen Männern geschafft hatte... war bis jetzt pures Glück, doch dies schien in Anbetracht meiner Lage nun zweifelhaft zu sein.

Ich schnaufte und griff mir verwirrt an den Kopf.
Ein Anfang! Ich musste einen Anfang finden.

„Verdammt!", murmelte ich erstickt und nun konnte ich es nicht verhindern, dass verräterische Tränen über meine Wangen rollten.

„Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll! Es ist viel zu viel passiert! Viel zu viel!"

Ich verlor mich im schreienden Chaos meiner Gedanken.

Panik ergriff mich und die Ungewissheit schürte diese wie einen Flächenbrand.

„Beruhige dich," murmelte der Ritter und schüttelte nun selbst den Kopf, „versuche es einfach zu erklären! Für so eine Aktion... für so eine Riesenaktion, musst du einen Grund haben!"

Er ging um das Bett herum und setzte sich zu mir an die Bettkante.

Alicia kam nun auch näher und als ich Karzheims Hand an meiner Schulter spürte, getraute ich mich endlich aufzusehen und in die blauen Augen des Franken zu blicken.

„Wie lautet dein Name?", fragte der Ritter und seine Stimme war ruhig und verfehlte ihre Wirkung nicht.

Sie dämpfte sofort meine Panik und ich wischte mir mit dem Arm über das Gesicht und nickte.

Dies war der Anfang!

„Elessa, mein Name ist Elessa," flüsterte ich und Karzheim nickte.
„Dies ist dein richtiger Name, nicht wahr? Nicht Cem oder sonst wie?", fragte er und ich nickte.

Woher ich die Kraft dazu nahm, kann ich bis heute nicht nachvollziehen.

Ich sprach stundenlang und erzählte Fürst Karzheim und Alicia schonungslos all das, was mir in meinem kurzen Leben widerfahren war.

Mein Leben in Jerusalem, das Treffen mit Altair und Al Mualim, die Flucht aus Masyaf und warum ich Altair nun doch wieder zurücklassen musste.

Ich erzählte auch, dass ich unter seinen Männern das erste Mal so etwas wie Geborgenheit gefühlt hatte und sogar in einer heiklen Rolle, wie der des Soldaten Adrian, glücklich gewesen bin.

Ich erwähnte, wie stolz ich war, dass ich doch als Soldat so erfolgreich gewesen war, obgleich ich natürlich nicht die körperlichen Voraussetzungen eines Mannes mitbrachte, und dass ich Karzheim ohne zu Zögern überall hin gefolgt wäre, ganz gleich was passierte.

Irgendwann spielte ich nicht nur mehr die Rolle von Adrian, sondern wurde Adrian.

Und ich hatte nicht vor, diese Rolle wieder einzutauschen... aber dann kam Altair …

„Ich habe mich immer gewundert, ob er vielleicht dein Bruder oder so etwas ähnliches wäre", meinte Karzheim nach einer ganzen Weile.

Er hatte sich auf einen Stuhl gesetzt, während Alicia bei mir am Bett geblienen war.

„Man hat gesehen, dass ihr euch nahesteht. Die Art wie ihr euch angesehen habt, war befremdlich und dennoch bemerkte man diese tiefe Art von Vertrautheit. Als ob ihr euch schon sehr lange kennt," meinte er und ich lächelte dünn.

„Als man mir sagte, Altair sei tot, fühlte ich mich, als ob man mir mein Herz aus der Brust gerissen hätte," sprach ich weiter und schluckte schwer.

„Ich hatte erst nicht an seinen Tod geglaubt und darauf gewartet, dass er kommen und mir helfen würde. Aber er kam nicht und ich war mir bald sicher, dass dieser andere Assassine mich nicht belogen hatte. Zunächst wollte ich mich von Euch in Akkon trennen und weiterhin eigene Wege gehen... aber das fiel mir von Tag zu Tag immer schwerer, weil ich bald doch feste Freundschaften zu den anderen geknüpft hatte. Es hätte mir zu sehr wehgetan, zu gehen und wieder allein zu sein. Und wo hätte hingehen können? Nirgends... Ich wollte nicht mehr von Euch fort," murmelte ich und seufzte leise.

„Und so hast du dich Tag für Tag immer mehr in dieser Lüge verstrickt und irgendwann hattest du schließlich keine Kontrolle mehr darüber und warst nur noch Adrian," meinte Karzheim und ich nickte.

„Ich dachte bald nicht mehr an mein altes Leben, weinte diesem überhaupt nicht nach. Ich fühlte mich frei und mächtig und dennoch wohl behütet, durch Euch. Durch euch alle!

Mein altes Leben... ich war so schwach! Hilflos musste ich immer mit ansehen, wie man mich verstieß, misshandelte und mir dann bald das nahm, was mir alles im Leben bedeutet hatte. Ich war bei Altair trotz dieser harten Strafe so glücklich! Ich hatte einen Weg zu diesem Menschen gefunden, wie es kein anderer jemals getan hatte... und nun musste ich ihn erneut loslassen, um ihn in Sicherheit zu wissen. Ich glaube mittlerweile, dass Gott selbst dagegen ist, dass ich mit ihm glücklich werde. Meine Gefühle im Inneren... es gibt für sie keine Worte mehr! Ich kann nicht beschreiben, was ich fühle und möchte am liebsten einfach nur noch aufgeben. Alles ist so hoffnungslos. Alles scheint falsch zu sein und doch will mich weder Tod noch Leben. Egal wo ich hingehen würde, es gibt keinen Platz für mich!"

Verbittert und zu Tode betrübt krallte ich mich in die weichen Pelzdecken und kämpfte nun verzweifelt gegen die Tränen an.

Erst eine sanfte Berührung an meinen Fingern ließ mich wieder aufsehen.

Alicia hatte ihre Hand auf meine gelegt und strich nun langsam über meine Finger.

„Welch Tragödie. Kein Mensch verdient so etwas. Wie schlimm muss es sein, wenn der Seelenpartner nicht zu seinem Gegenstück kann," flüsterte sie leise ohne mich anzusehen.

„Ohnehin ist nun alles aus. Ich schaffe das nicht mehr... selbst wenn Ihr nicht herausgefunden hättet, dass ich eine Frau bin. Ich habe keine Kraft mehr, um all das noch zu ertragen. Es schmerzt so fürchterlich und ich zerreiße mich innerlich. Jede Entscheidung führt zu Konsequenzen, die ich zu tragen nicht mehr fähig bin. Ich finde keine Ruhe mehr, hadere mit mir selbst und was hätte alles passieren können, wenn ich mich zu manchen Zeiten anders entschieden hätte... Diese Lüge zwingt mich nun in die Knie und ich bezahle nun dafür, dass ich mich in ihr verloren habe," murmelte ich, hustete und verzog dabei gequält das Gesicht.

Es herrschte für einige Zeit ein bedrücktes Schweigen.

Fürst Karzheim war es schließlich, der es brach.
Er hatte auf dem Stuhl gesessen und mich angestarrt, aufmerksam gemustert und ich glaubte, dabei war er sich in seinen Gedanken all die Zeit mit mir noch einmal durchgegangen.

„Du gibst jetzt einfach auf?", fragte er und stand auf.
Seine Stimme hatte eine normale Tonlage und klang recht neutral.

Er ging zum Fenster und sah hinaus.

„Nach all dem, was du nun durchgemacht hast, hast du nun beschlossen, dich einfach hinzulegen und zu sterben?", fragte er erneut und drehte sich nun wieder zu uns um.

Ich blinzelte verwirrt und verstand nicht, worauf der Ritter hinaus wollte, doch Karzheim redete sich gerade erst warm.

„Als ich dich das erste Mal sah, dachte ich, was für ein schwacher, dünner Kerl du doch bist. Du bist eine Heulsuse gewesen! Denkst du, ich hab nicht gesehen, wenn du geflennt hast? Auf dem Weg nach Akkon hattest du ständig Tränen in den Augen. Ich dachte erst, es wäre der Schreck über den Assassinen, doch nun verstehe ich, dass all dies viel tiefer wurzelte!

Ich habe gesehen, wie du dich mit diesen fünf Taugenichtsen Karl, Manfred, Alexander, Frank und Markus angefreundet hast! Ich dachte, sie versauen dich und doch sah ich mit Wohlwollen, wie sie dich formten, zurechtschnitzten und aus dir einen der besten Soldaten machten, die jemals unter mir gedient haben. Du warst ständig mit ihnen unterwegs, aber du bliebst immer noch du selbst... wer auch immer das sein mag! Du nahmst deine Aufgaben ernst, hast diese immer erfüllt und deine Pflicht als Soldat schien allem anderen vorauszugehen. Doch dann kamen diese Assassinen wieder zurück in dein Leben und seit dem Kampf auf Akkons Mauern bist du nicht mehr der gewesen, den ich zu kennen glaubte. Aber da war das ganze noch nicht mal so schlimm gewesen. Du hast sie verfolgt und inbrünstig gehasst. Robert de Sable war einer deiner größten Gönner. Er wollte dir seine Schwester zur Frau geben! Wollte dich als Hauptmann an seiner Seite sehen!", sagte er und ging im Zimmer auf und ab.

Ich errötete heftig und sah zu Alicia, die nun schelmisch über meine Gesichtsfarbe grinste.

„Natürlich lass ich mir meine Soldaten nicht so einfach abwerben. Ich war nicht begeistert über seine Idee," meinte Karzheim weiter und Alicia lachte.
„Oh Wilhelm. Du warst auf Adrian eifersüchtig!", sagte sie und ich errötete noch mehr.
„Ja... Nein! Das spielt doch jetzt überhaupt keine Rolle mehr!", erwiderte der Fürst schnell und trat erneut zum Fenster.

„Doch die tiefste Veränderung kam, als du aus Jerusalem zurückgekehrt bist", sagte er und seine Stimme wurde wieder leiser.
„Plötzlich... glaubte ich, dich nicht mehr zu erkennen. Deine Gedanken waren ständig fort und du hörtest mir oftmals gar nicht zu. Ich sprach mit dir, doch du antwortetest nicht. Ich dachte zunächst, dass Arsur seinen Schrecken auf dich ausgeübt hatte, aber nun weiß ich, dass du in Jerusalem deinen totgeglaubten Mann zurücklassen musstest. Du hast ihn zurückgelassen aus lauter Angst vor deinem alten Leben. Etwas anderes war es nicht, nicht wahr? Nur Angst davor, all die vermeintlichen Fehler wieder erneut zu machen! Schwach zu sein, du selbst zu sein!"

Karzheims Worte wirkten auf mich, als ob man mich mit kaltem Wasser übergossen hätte.

Ich starrte ihn mit offenem Mund an und war nicht fähig, auch nur ein Wort hervorzubringen.

„Du wärst lieber nach Arsur geritten und hättest dich wie ein Stück Vieh schlachten lassen, als dich deiner Vergangenheit zu stellen. Ich sage dir mal was: So läuft das hier nicht! Man kann sich nicht einfach hinlegen und sterben, wenn dir der ganze Kram nicht mehr passt. Dann hätte ich mich ja schon vor Jahren hinlegen müssen... und ich steh immer noch und geh auf Kreuzzüge! Du bist ein Feigling, Adrian! Ich an deiner Stelle hätte ganz Masyaf ausgerottet, wenn auch nur einer von ihnen den Menschen bedroht hätte, den ich so inbrünstig liebe! Und sag mir nicht, dass du ihn nicht liebst! Deine Liebe zu Altair ist höher als der höchste Berg, tiefer noch als das Meer, für dich ist er lebenswichtig! Und was machst du? Lässt ihn dort zurück! Schäme dich!"

Ich war in diesem Moment nicht mal ansatzweise dazu fähig etwas zu erwidern.

Langsam und steif vor lauter Entsetzen setzte ich mich auf.
Er hatte... Recht! Er hatte verdammt noch mal Recht.

„Oh Gott," stöhnte ich und legte meine Hand auf meine Stirn und senkte den Kopf.
Meine Nerven lagen blank, mir wurde übel und schwindelig, doch Karzheim interessierte das nicht.

„Ich sag dir noch was: Menschen wie du, werden uralt. Also glaub bloß nicht, dass du mir hier jetzt an so lächerlichen Lappalien wie gebrochenen Rippen krepieren kannst! Sieh zu, dass du wieder auf die Beine kommst, denn auf dich wartet viel Arbeit. Ich kann niemanden gebrauchen, der die Vergangenheit als Schwerlast mit sich herum trägt!", grollte er und stampfte nun aus den Raum und warf die Tür knallend ins Schloss.

Alicia schaute ihm verdutzt hinterher.
„Herr je... was war denn das?", fragte sie und ich lehnte mich erschöpft in den Polstern zurück und grinste.

„Ein Satz heißer Ohren, Lady Alicia", murmelte ich erleichtert und lachte nun leise.

Durch das Lachen spürte ich erneut ein heftiges Krachen in meinem Brustkorb.
Erstickt hustend setzte ich mich auf und hielt mir gerade noch rechtzeitig die Hand vor dem Mund, bevor mein Blut die wertvollen Pelzdecken besudeln würde.

Alicia sprang mit einem lauten Schrei auf und wich sofort von mir zurück.

Die Welt verschwamm vor meinen Augen und Alicia und die Umgebung verschwanden augenblicklich im grellen, weißen Licht einer ungewohnt tiefen Bewusstlosigkeit.

POV:

„Dieser verdammte Bengel!", brüllte Karzheim und stürmte in den Hof des deutschen Lagers.

Manfred, Karl und Alexander, welche alle drei an einem Tisch saßen, verschütteten vor lauter Schreck ihr Bier und zuckten heftig zusammen.

Karzheims Blick fiel auf die Drei und seine Wut schwoll um das Dreifache an.

„Warum sitzt ihr hier? Gibt es keine Arbeit? Geht mir aus den AUGEN!", schrie er ihnen entgegen und die Drei erhoben sich augenblicklich und stoben davon wie Holzspäne im Wind.

Markus hörte Karzheim durch sämtliche Gänge brüllen.

„Gott, Adrian...", murmelte er entsetzt und zog den Kopf ein, „was hast du nur angestellt?!"

„Markus! Beweg deinen Hintern hier her! wird's bald?", schrie der Fürst, doch Markus packte sein Zeug und floh in die andere Richtung.

Keine zehn Pferde würden ihn jetzt dazu bewegen zu Karzheim zu gehen.

Doch selbst der Weg durch die hinteren Gänge bewahrten den Soldaten nicht davor, auf Fürst Karzheim zu treffen.
„Wo willst du hin, verdammt! Ich brauch dich jetzt! Oder willst du, dass Adrian stirbt?", fragte der Fürst und Markus zuckte schuldbewusst zusammen.
„Nein Herr, natürlich nicht," nuschelte er und folgte dem Fürsten nun bereitwillig.

Karzheim warnte Markus vor, dass es sich bei Adrian um eine Frau handelte.

Markus selbst lächelte spöttisch und glaubte, dass es sich um einen Scherz handelte.

Er hatte ja geahnt, dass sein „Bruder" etwas angestellt hatte. Aber dass es sich dabei um so etwas handelte, wäre ihm nie in den Sinn gekommen.

Schon am Haupteingang war ihnen Alicia entgegengekommen.

Sie war bleich und hatte Tränen in den Augen.

Die Französin war kaum fähig einen zusammenhängenden Satz zu bilden und somit nahmen er und Karzheim das Schlimmste an und eilten nun in das Gebäude, um sich den Grund für Alicias Panik anzusehen.

Markus entgleisten alle Gesichtszüge, als er nun wirklich eine Frau in diesem Bett vorfand.

Doch ihm blieb nun überhaupt keine Zeit, um über diese Tatsache nachzudenken.

Das Gesicht dieser Frau war mit Blut verschmiert und feine Fäden zeigten, dass es sich bei der roten Flüssigkeit nicht um Blut allein, sondern wohl auch um Speichel und Lungensekret handelte.

Das Blut war hell und somit glaubte sich der Franke gleich in der Hoffnung, dass die Verletzung der Lunge noch nicht so stark war, dass zu viel Blut in sie eindringen würde.

„Oh je, sieht kompliziert aus", murmelte nun der Dunkelhaarige und lehnte sich über den bewusstlosen Körper der jungen Frau hinweg.

Er berührte den dunkelblau verfärbten, geschwollenen Rippenbogen und hörte nur ein gequältes, röchelndes Ächzen von ihr.

Sie hatte sich auf die linke Körperseite gedreht und eingerollt. Ihre Haut fühlte sich heiß an und Markus nahm an, dass das Fieber nun wieder erstarken würde.

„Ich brauch Wasser und Tücher, wir müssen die Schwellung und das Fieber bekämpfen," sagte der Soldat nach kurzer Zeit und Alicia ging los, um diese Sachen in Auftrag zu geben.

„Fürst Karzheim, helft mir. Der Oberkörper muss erhöht liegen! Sie erstickt sonst!"

Der Ritter trat ohne zu zögern heran und hob vorsichtig Elessas Oberkörper an.

Markus schob einige Kissen unter ihren Rücken, und als ihm dies noch nicht genügte, faltete er eine Decke und legte diese dazu.

„Wie sieht es aus?", fragte der Blonde Ritter besorgt und Markus seufzte.
„Es sieht schon seit Tagen schlecht aus, Herr. Ich fürchte fast, dass nur Gott allein ihr noch helfen kann. Wir können nicht mehr viel tun außer abwarten. Seht nur, sie ist schon gar nicht mehr bei Bewusstsein," meinte er und schüttelte mit einem mitleidigen Blick den Kopf.

„Aber wie kommt es, dass sie... dass sie als Mann unter uns lebte?", fragte Markus nach kurzer Zeit und Karzheim gab dem Jüngeren die scheinbar wichtigsten Inhalte aus ihrem Leben wieder.

„Klingt nach einer üblen Farce," meinte dieser darauf und legte ein feuchtes Tuch auf die heiße, geschwollene Stelle ihres Rippenbogens.

„Kümmere dich bitte um sie, Markus. Und kein Wort zu den anderen, dass wäre unklug", meinte Karzheim und Markus nickte.

„Natürlich, Herr. Aber wie soll es dann weitergehen?"

„Das... weiß ich noch nicht, aber ich habe mir gedacht, dass es vielleicht klug wäre, nach ihrem Mann zu suchen. Altair. Erinnerst du dich an ihn?"

Markus nickte grimmig.
„Dieser Mann ist unheimlich," murmelte der Soldat und Karzheim nickte.

„Ja, er kam mir auch nicht sonderlich sympathisch vor. Aber ich weiß mir keinen anderen Rat. Ich kann sie unmöglich noch als Soldat halten. Mit den Verletzungen ist sie monatelang außer Gefecht. Ich kann sie als Frau nicht zu den Hospitalitern bringen oder zu uns ins Lager und somit sind unsere Möglichkeiten mehr als nur begrenzt," meinte der Fürst und Markus runzelte die Stirn.

„Die Hospitaliter haben auch nicht wirklich viele hilfreiche Tinkturen," meinte er, „aber dieser Assassine in Masyaf, dem ein Arm fehlte, der hatte wirklich Ahnung von dem, was er tat.
Er hat einige von unseren Verletzten behandelt, unter anderem auch mich. Von dem Schnitt ist nun fast nichts mehr zu sehen."

Karzheim nickte.
„Er hieß Malik. Er hat sich schon früher um ihre Verletzungen gekümmert," meinte der Mann und trat um das Bett herum.
Er ergriff ihr Hemd am Rücken und zog es nach oben.

„Gott," murmelte Markus entsetzt als er das blasse, große Geflecht von Narben entdeckte.

Er streckte seine Hand aus und berührte die Narben. Zunächst dachte er, dass sich das Gewebe wulstig und hart anfühlen würde, aber es war weich und elastisch und sehr gut verheilt.

„Sie hat es nicht verdient, zu sterben, Markus. Vorhin habe ich einige Augenblicke mit dem Gedanken gespielt, aber nachdem sie mir erzählte warum und weshalb, habe ich die ganze Idee verworfen. Außerdem hätte Alicia dies mir nie verziehen," meinte der Fürst und ließ das Hemd wieder los.

„Also wollt Ihr sie zu den Assassinen bringen?", fragte Markus und der Fürst nickte.
„Ich glaube, dass ist die einzige Chance, die sie noch hat. Für diese Flucht könnte ich sie ohrfeigen. Sie war total unüberlegt, dass passt überhaupt nicht zu dem Soldaten, den ich kennen gelernt habe. Aber ich schätze, dass ist noch die Frau in ihr. Sie fürchtet sich so sehr davor, das was sie liebt erneut zu verlieren, dass sie lieber darauf verzichtet, anstelle zu kämpfen. Die Weiber hier unten haben einfach keinen Schneid."

„Ich fürchte, dass ein Transport für sie im Moment gar nicht in Frage kommt. Vielleicht wäre es besser, diesen Malik hierher zu holen?", fragte Markus und Karzheim zuckte mit den Schultern.

„Akkon ist voller Soldaten. Ein Assassine könnte sich hier gar nicht frei bewegen. Ich habe schon genug Ärger am Hals, weil wir die Templer vertrimmt haben. Wenn man uns hier jetzt noch in Gesellschaft von Assassinen entdeckt, hängen wir alle, weil man uns Hochverrat vorwirft. Das mit den Templern kann ich immer noch auf eine Meinungsverschiedenheit schieben. Robert und ichhatten einige Diskrepanzen, aber Assassinen sind Feinde beider Lager."

„Ich verstehe Eure Befürchtungen. Aber vielleicht könnten wir dennoch... Malik hierher holen. Masyaf ist zwei Tage von hier entfernt... macht insgesamt vier! Vielleicht haben wir nicht mal mehr soviel Zeit. Wir können mit unseren Entscheidungen nicht mehr lange warten!"

Karzheim nickte.
„Du hast Recht. Wir haben keine Zeit mehr. Ich nehme mir deine vier Freunde und reite noch heute los," meinte er und ging nun in Richtung Tür.
„Sieh zu, dass sie am Leben bleibt," waren seine letzten Worte, ehe er aus dem Raum verschwand.

Markus Blick glitt über die junge Frau, die einst vorgab, sein Bruder zu sein.

„Was für eine Farce," murmelte er erneut und schüttelte den Kopf.

Kapitel 16