Der abgetrennte Zopf
Kapitel 17: „Eskalierende Gefühle!"
„Gott, ich konnte nicht mal bei einer Frau liegen! Ich habe noch keinen Schluck Wein getrunken! Herr! Warum müssen wir schon wieder aufbrechen? Warum nach Masyaf? Warum nur wir?", klagte Alexander als er mit seinem Pferd zu Karzheim aufschloss.
„Red keinen Unsinn, Alexander. Vorhin hast du gegessen und getrunken! Du hast noch nicht mal dein Gepäck ausgepackt! Ich habe dir gesagt, dass ich aus Masyaf Hilfe benötige und ich werde einen Teufel tun, und allein dorthin reiten. Sei froh, dass ich dich nicht allein geschickt habe, elender Jammerlappen!", herrschte Karzheim ihn an und der Rothaarige zog mürrisch den Kopf ein und ließ sich wieder zurückfallen.
„Fürst Karzheim? geht es dabei um Adrian?", fragte Franz, der ebenfalls hinter dem Fürsten ritt. Karzheim drehte sich zu ihn um und nickte.
„Ja, und wir haben wirklich keine
Zeit. Vielleicht schaffen wir es auch gar nicht," meinte der Fürst
und Franz nickte.
„Was erhofft Ihr in Masyaf zu finden?",
fragte Manfred nun und Karzheim seufzte.
„Menschlichkeit," erwiderte der Fürst und allesamt runzelten verwirrt die Stirn.
Die kleine Delegation ritt bis der letzte Funke des Tageslicht verschwunden war, ehe sie am Wegrand eine Pause einlegten.
Karzheim wusste, dass seine Männer noch erschöpft von der Reise waren.
Alexander hatte Recht.
Sie hatten sich kaum ausruhen können und somit ließ der Fürst die Männer für einige Stunden schlafen, ehe er Karl weckte und sich selbst ein wenig ausruhte.
Doch seine Gedanken wollten nicht stillstehen.
Immer wieder fragte er sich, warum er dies tat? Eigentlich müsste er einem Lügner den Kopf abschneiden, oder zumindest die Zunge rausreißen lassen.
Es könnte ihm egal sein, was mit ihr ist.
Warum war es ihm nicht egal?
Die Gefühle, die er für Adrian empfunden hatte, waren rein väterlicher Natur gewesen.
Er hatte den Jungen sehr gerne gehabt und die Zeit mit ihm genossen.
Adrian wirkte auf ihn immer recht offenherzig, etwas neugierig und sehr ehrlich mit sich selbst und seinen Gefühlen. Das er... sie... sich nun so in eine Lüge verstrickt hatte, kam ihn verwirrend vor und stellte den Eindruck den er bisher hatte, schwer in Frage.
Doch jetzt sah alles anders aus, nicht wahr?
Adrian war eine Frau und eine Frau hatte in der Armee einfach nichts zu suchen!
Das sie trotzdem nun so lange bei ihm geblieben ist, verstand Karzheim überhaupt nicht.
Sie hätte sich jederzeit von ihm trennen können, selbst auf den Weg nach Arsur hätte sie in Jerusalem bleiben können. Dort wäre sie wahrscheinlich allemal sicherer gewesen, als bei ihm.
Aber sie war ihm gefolgt, wie ein junger Hund.
Jetzt im Nachhinein tauchten noch viel mehr Fragen auf und die Tatsache, dass es vielleicht schon zu spät sein würde, um sie stellen zu können, bestürzte den Fürsten mehr, als er zugeben wollte.
Altairs POV:
Altair trieb Liakun gnadenlos an.
Das
Heer von Karzheim hatte einen Vorsprung von über einen Tag. Die
Sonne ging bereits auf und Altair wusste, dass er sie nicht einholen
konnte. Spätestens jetzt, wo er erst den Edensplitter verbergen
musste, würde er nicht zum Heer aufschließen können.
Er hoffte nur inständig, dass Malik recht hatte und Elessa bei dem Fürsten wirklich in Sicherheit war.
Sie war verwundet worden und hatte sich kaum von der Schlacht ausruhen können.
Was hatte dieser alte Teufel ihr
gesagt, um sie derart in Angst und Schrecken zu versetzen?
Sie
muss wohl völlig überstürzt und kopflos aufgebrochen sein.
Die Sonne des vorherigen Tages war laut Maliks Aussage kaum aufgegangen, als sie bereits an der Spitze des Heeres aufgebrochen war.
Altairs Route beschrieb einen großen Bogen um Akkon und er ritt in die Wildnis hinein, wo er Elessa gefunden hatte, als sie von Yel gestürzt war.
Ein schwerer Sturz mit Folgen wo er nicht ansatzweise ahnte, wie verhängnisvoll diese wirklich waren.
Er fand die Trümmer der kleinen Behausung ohne lange suchen zu müssen und vergrub den Edensplitter in dessen Innern unter Geröll und Moos.
Dann tränkte er Liakun am nahen Gewässer und reiste daraufhin sofort weiter.
Er verlor ganze zwei Tage durch seinen Umweg.
Die Vegetation veränderte sich nur langsam und immer wieder wurde er durch auftauchende Horden von Soldaten dazu gezwungen, sich für längere Zeit zu verbergen.
Altair konnte sich nur stückweise dem Bollwerk der Franken nähern und spürte die Gefahr nur zu deutlich im Nacken sitzen.
Beinahe wäre es nun auch geschehen, dass er erkannt worden wäre.
Der französische Soldat der Hospitaliter war ihm so gefährlich nahe gekommen, dass er somit keine andere Wahl hatte, als ihn zu töten und hinter einen Karren zu vertecken.
Nachdenklich betrachtete er den Mann. Er trug einen dunklen Waffenrock mit dem weißen Tatzenkreuz, einen Gugel aus kräftigen, grauen Filzstoff und mehrere braune Gürtel.
Vielleicht waren sie der Schlüssel zu Akkons Toren.
Elessa konnte sich in den Kleidern der
Soldaten sehr frei dort bewegen, obgleich ihre Gesichtszüge und
Hautfarbe sie als eine Araberin auszeichneten.
Doch auch
Italinienische und Spanische Soldaten hatten einen dunkleren Hauttyp,
also war es nicht unmöglich, dass Altair die selbe Freiheit unter
den Franken genießen könnte, wie Elessa.
Die Kleidung war verschwitzt und roch fürchterlich nach den französischen Soldaten.
Altair verstaute seine Kleidung in seinem Gepäck und gürtete sein eigenes Schwert anstelle das des Franzosen.
Das Kurzschwert steckte er ebenfalls ins Gepäck und begab sich nun durch die Rüstung deutlich schwerer, nach Akkon.
Seine Rechnung ging auf.
Die Stadtwachen hoben die Hand, grüßten ihn auf lateinisch und er konnte ungehindert das Tor passieren.
Er befand sich in Akkon und sah sich um.
Liakun hatte er erneut vor der Stadt in Obhut eines Mietstall gelassen und bewegte sich nun frei und zielsicher in den westlichen Bezirk der Stadt, zum Lager der Deutschritter.
Altair verbarg sein Gesicht unter der Kapuze des Gugels und beobachtete andere Soldaten aus sicherer Entfernung.
Nirgendwo fand er eine Spur von
Karzheims Truppen.
Keine roten Waffenröcke oder bekannten
Gesichter.
Er wusste auch nicht genau, in welchen der Höfe Karzheims Lager sich befand und war sich bald nicht mehr sicher, ob die Truppe überhaupt schon angekommen sei.
Er wollte bereits nachgeben, als er nun
endlich zwei von Karzheims Männern bei einem Schmied stehen sah.
Sie
ließen ihre Klingen anschärfen und warteten darauf, dass der
Lehrling des Meisters endlich seine Arbeit beenden würde.
Erleichtert atmete Altair aus.
Sie
waren immerhin in Akkon angekommen.
Er zögerte nicht lange, sondern ging
auf die Beiden zu und hob seine rechte Hand.
„Pax vobiscum,
Brüder," grüßte er sie mit ruhiger Stimme und die beiden
nickten.
„Pax tecum, Hospitaliter. Womit können wir dir helfen?", fragte einer und Altair musste über die Naivität in seiner Stimme lächeln.
„Ich wollte erfragen, ob Adrian vielleicht zu sprechen sei," sprach Altair ungerührt weiter und sah wie nun beide die Stirn runzelten.
„Nein, zur Zeit ist er das nicht. Auch sein Aufenthaltsort ist uns nicht bekannt. Der Fürst hat ihn weggebracht und seitdem haben wir ihn nicht mehr zu Gesicht bekommen. Das ist nun zwei Tage her und Fürst Karzheim selbst ist noch am selben Tag aufgebrochen um irgendjemanden zu holen," sprach der Soldat und Altair spürte, wie ihm plötzliche Angst den Hals zuschnürte.
Weggebracht? Was zur Hölle war hier passiert?
„Dennoch, habt Dank. Friede sei mit
euch," meinte der Assassine möglichst gelassen und ging nun
weiter.
Altair tauchte in der Menge unter und bewegte sich langsam
und suchend durch Akkon.
Wilde Spekulationen rasten durch seinen Kopf.
Karzheim selbst hatte die Stadt verlassen? Für einen Fürsten unüblich.
Lag es an ihren Verletzungen? War
Elessa womöglich schon gar nicht mehr in Akkon?
Er musste
unbedingt mehr herausfinden.
Er spekulierte, dass sie vielleicht im Lazarett der Hospitaliter sein könnte. Aber dies war gar ein fürchterlicher Ort.
Altair wagte es dennoch, sich dort umzusehen, doch Elessa blieb spurlos verschwunden. Dafür entdeckte er jedoch ein anderes bekanntes Gesicht.
„Markus," murmelte er als er den
dunkelhaarigen Franken entdeckte.
Dessen roter Waffenrock stach
direkt unter den anderen Hospitalitern heraus und er unterhielt sich
gerade mit einem Hospitaliter über Arznei, die fiebersenkend wirkten
und Blutergüsse heilten.
Fieber? Blutergüsse?
Altair
spürte, dass er hier nun endlich auf eine Fährte gestoßen war.
Elessa hatte unzählige Blutergüsse und Prellungen von dem Sturz und den Kämpfen davongetragen.
Er hatte sie alle beim Baden gesehen.
Altair folgte Markus in einigem Abstand bis in das Südviertel der Stadt.
Die Abenddämmerung setzte ein und Altair spürte wie ihn die Umarmung des Zwielichts empfing und nun schützend verbarg.
Elessa musste sich in der Nähe befinden.
Altair runzelte verwirrt die Stirn. Was machte Markus denn bei Alicia?
Soweit er Elessa verstanden hatte, hatte diese doch eine Liaison mit dem Fürsten selbst.
Markus brachte Medikamente zu Alicia... Elessa musste sich in diesem Haus befinden. Anders war es kaum vorstellbar.
Das Haus war bewacht.
Zwei französische Wachen befanden sich am Haupteingang und eine am Eingang im Garten, aber das Dach war unbewacht.
Soweit sich Altair erinnerte, verfügte das Haus über eine Terrasse. Von dort aus konnte er problemlos hineingelangen.
Doch noch war es nicht dunkel genug. Er beschloss, sich vorerst zurückzuziehen, und die Kleidung zu wechseln. Sein ganzer Körper juckte von dem kratzenden Stoff.
Markus POV:
Karzheim war seit zwei Tagen nun schon unterwegs.
Der Soldat fragte sich, ob der Fürst wohl schon in Masyaf angekommen sei.
Das dieser nur mit einer recht kleinen Delegation dort hingeritten war, beunruhigte ihn.
Er schätzte die Menschen in Masyaf als sehr misstrauisch ein, und war sich nicht sicher, was diese unter Ehre und Gastfreundschaft verstanden.
Die Arznei, welche er bei den Hospitalitern erhalten hatte, war nicht sonderlich gut.
Er kämpfte seit zwei Tagen gegen das hohe Fieber, was diese Frau quälte, an und noch war kaum Linderung zu verzeichnen.
Sie litt unter heftigen, unwillkürlichen Zittern, massiven Schweißausbrüchen und immer wiederkehrender Bewusstlosigkeit.
Zudem hustete sie in regelmäßigen Abständen blutiges Sekret ab. Zunächst war das Blut hell gewesen und recht zahlreich, es wurde allerdings zeitweise weniger und dunkler.
Zu den Phasen, wenn sie erwachte, war sie desorientiert, ängstlich und rief immer wieder nach Altair.
In dieser Zeit versuchte er ihr so viel Flüssigkeit wie nur möglich einzuflösen und Alicia war ihm dabei eine große Hilfe.
Die Wadenwickel waren ihre Idee gewesen und senkten wirklich die Körpertemperatur etwas.
Er hatte von einem Hospitaliter eine kleine, verkorkte Phiole erhalten. Den Inhalt sollte er ihr einflößen.
Sanft schob er ihr den Arm unter die Schultern und hob sie an.
Dabei öffnete sie die Augen und sah ihn an.
„Markus," flüsterte sie schwach und der Soldat lächelte.
„He, endlich wach? Hier, trink, dass brauchst du jetzt!"
Vorsichtig setzte er ihr die Phiole an die Lippen und kippte ihr die Flüssigkeit in den Mund.
Das Schlucken fiel ihr schwer, ihr Mund
war trocken, doch obgleich die Flüssigkeit fürchterlich roch trank
sie alles davon.
Selbst als Markus ihr noch einen Becher mit
Wasser hinhielt, trank sie diesen aus.
Das war zumindest ein gutes Zeichen.
Vorsichtig legte der Franke die junge Frau wieder zurück auf das Bett und strich ihr das verschwitzte Haar aus der Stirn.
„Wie heißt du eigentlich wirklich?", fragte er leise und legte ihr einen feuchten Lappen auf die Stirn.
Müde schloss diese erneut die Augen und murmelte leise: „Elessa," ehe sie wieder einschlief.
„Elessa also, hm," murmelte Markus und stand auf und trat an das Fenster. Alicia hatte ihm etwas zum essen gebracht aber ihm war nicht danach. Ihm bangte vor der Nacht und war selbst nun recht müde. Auch die frische Nachtluft half da nur wenig.
Dennoch würde er nicht den Posten verlassen. Karzheim verließ sich auf ihn und Elessa brauchte ihn ebenfalls.
Er hatte Adrian immer sehr gemocht. Der Junge wirkte auf ihn recht schüchtern und besonnen und es hatte lange gedauert, ehe dieser mehr als nur ein Wort zu ihm und den anderen sprach.
Er hatte ihn im Schwertkampf ausgebildet und war bis jetzt recht stolz auf seinen „Schüler" gewesen.
Das es sich bei Adrian um eine Frau handelte war sicherlich eine Überraschung, und dennoch ließ ihn diese Neuigkeit irgendwie kalt und er nahm es ihm, oder auch ihr, nicht wirklich übel.
Markus hoffte, dass er zumindest noch einmal die Chance haben würde, aus ihrem eigenen Mund zu erfahren, was denn nun alles passiert war.
Das was ihm Karzheim erzählt hatte, schien lückenhaft zu sein und es wäre nicht das erste mal, dass der Fürst einer Geschichte einen komplett neuen Ablauf bescherte, nur weil er die Reihenfolge nicht einhielt.
Ein leichtes Lächeln schlich sich nun auf seine Züge.
„Markus?"
Ihre Stimme war nur ein leises Flüstern und all das, was aus ihr einst ein Mann machte, war daraus geflohen.
Die Stimme klang nicht mehr tief, bedrohlich... wie lange hatte er... sie es geübt?
Hat mit den Pferden gesprochen, ihnen dabei in die Augen gesehen. Er sah es vor sich als sei es erst wenige Stunden her:
„Ach... und du wagst es nun, mit mir in diesem Ton zu sprechen, elende Kreatur! Nein... so noch nicht, mh Moment!"
Markus beobachtete wie sich das Gesicht des Jüngling nachdenklich verzog und er auf seiner Unterlippe kaute, ehe sich seine ganze Gestalt wieder straffte und er sich vor Elsa, der Schimmelstute von Fürst Karzheim, aufbaute.
„Ach, und IHR wagt es nun, Eure Stimme in MEINER Gegenwart derart zu erheben? STIRB, ehrlose Kreatur!"
„Arme Elsa, aber das klang nun
schon besser," meinte Markus und grinste unverhohlen.
Adrian
wirbelte erschrocken herum und errötete heftig.
„Ma...
Markus... ich... ich...!", begann er zu stammeln, doch der Franke
hob die Hand.
„Schon in Ordnung, ich sehe du nimmst Karzheims
Ratschläge ernst. Zumindest kannst du schon mal Elsa in die Augen
sehen, ohne vor Angst zu schlottern!"
Adrian rieb sich verlegen über den
Nacken.
„Ja, ich dachte, die Pferde langen wenigstens nicht
gleich zu, wenn ich versuchen würde, so mit ihnen zu sprechen,"
meinte der Jüngling und Markus nickte.
„Sieh zu, dass du möglichst allen furchtlos in die Augen blickst. Es gib Menschen die das schamlos ausnutzen, wenn sie merken, dass du Angst hast. Auch in den Straßen! Du bist nie allein, merk dir das!", sagte der Ältere und Adrian nickte.
Er hob den Kopf und meinte: „Es gibt Menschen, die drehen durch, wenn man sie zu lange ansieht. Die rasten aus. Was dann?", fragte er und Markus lächelte.
Ohne Vorwarnung schlug er Adrian mit
der Faust auf das Kinn. Der Jüngling fiel nach hinten in das Stroh
und Elsa schnaubte genervt.
„He... wofür war denn das?", rief
der Jüngling und Markus drehte sich herum und ging aus dem Stall.
„Damit du weißt, was du mit solchen Menschen in Zukunft zu machen hast," meinte der Dunkelhaarige nur und war verschwunden.
–
„Ich muss das üben!", meinte Adrian und seine Stimme klang ruhig und tief. Er sprach mit Absicht langsam und fixierte Alexander, der sich davon sichtlich genervt fühlte.
„Aber nicht an mir! In Akkon gibt
es genug andere, die du... anstarren kannst! Lass den Scheiß!",
beschwerte sich dieser und wollte gerade wieder seinen Hirsebrei
löffeln als er erneut wütend auf den Tisch schlug.
„Ich sagte,
du sollst das lassen!", brüllte der Rothaarige und Manfred und
Karl lachten bereits leise.
„Es klappt! Ich mach dich fertig! Mit meiner bloßen Anwesenheit!" , meinte Adrian und kniff grimmig die Augen zusammen.
„Du... du verfluchter Bengel! Hier! Nimm das!", schrie Alexander und warf Adrian die Schüssel mit dem Hirsebrei entgegen.
Der Jüngling war schneller und konnte gerade noch so in Deckung gehen, doch Alexanders Geschoss traf Fürst Karzheim der anschließend beide dazu verdonnerte den Stall mit über hundert Pferden allein auszumisten.
–
„Ich sagte: NIMM DEINE PFOTEN VON IHM!"
Markus hatte ja keine Ahnung, dass
Adrian derart fest zuschlagen konnte.
Vielleicht lag es auch
daran, dass er als einziger der Gruppe an diesem Abend noch nüchtern
war.
Er kam gerade vom Wachdienst hinzu, als bereits ein handfester Streit zwischen Alexander und einem Engländer ausbrach.
Sie stritten sich und fielen sich bald gegenseitig an die Kehle.
Dabei war der Engländer wesentlich kräftiger und schwerer gebaut. Er drückte Alexander auf den Tisch und presste ihm die Kehle zu.
Markus wollte gerade mit Manfred und Karl dazwischen gehen als sich Adrian daneben stellte.
„Was willst du? Bübchen?", höhnte der Engländer, doch Adrian verzog keine Miene und blieb von den Schmachreden unberührt.
„Lass ihn los!", forderte dieser mit leiser, bedrohlicher Stimme.
„Bring mich dazu!", grollte der Engländer und Markus hatte kaum gesehen wie der Jüngling die Faust zurückzog und dem Engländer diese mit einem lauten, dumpfen Geräusch auf die Nase schlug.
Der Engländer landete mit einem grellen Aufschrei am Boden und Adrian zog Alexander schnell auf die Füße.
Die Taverne war voller Engländer gewesen und es war in diesem Moment einfach taktisch klug, Adrians Beispiel zu folgen und das Weite zu suchen.
–
Markus trat von dem Fenster zurück und wandte sich an Elessa.
Sie blickte ihn aus müden, fiebrigen Augen an und der Franke trat neben sie um sie besser hören zu können.
„Du solltest
nicht reden," meinte er und sie schüttelte leicht den Kopf.
„Nein,
wahrscheinlich nicht. Aber in der Hinsicht konnte ich ja nie hören,"
meinte sie und Markus lächelte sanft.
Er ergriff ihre warme Hand und drückte diese sacht.
„Stimmt. Ab einen gewissen Punkt konntest du nie deine kleine Klappe halten," meinte er und lachte leise.
Sie schluckte
schwer und schloss kurz die Augen, ehe sie weiter sprach.
„Ich
musste gerade an die Übungsstunden denken, wo Karl mich solange mit
den Kopf nach unten hielt bis ich Nasenbluten bekam. Erinnerst du
dich?", fragte sie und Markus nickte grinsend.
„Wie könnte
ich das vergessen? Wegen den Kettenhemd bist du gar nicht erst
hochgekommen! Danach hast du dir geschworen mehr zu essen, damit man
dich nicht mehr so einfach an den Beinen aufhängen können würde,"
meinte er und Elessa lächelte sanft.
„Oder wo du mir
mit dem Stock versehentlich auf die Finger geschlagen hast. Sie waren
tagelang blau," meinte sie und Markus nickte.
„Sie sahen aus
wie Blutwürste, aber du hast nicht mal gejammert," sagte er und
sie schüttelte den Kopf.
„Jammern bringt doch nichts," meinte sie und Markus nickte.
„Das stimmt wohl."
„Warum hilfst du
mir?", fragte sie nach einiger Zeit und Markus lächelte
sanft.
„Warum? Weiß nicht genau. Ich bin für dich
verantwortlich, schließlich bin ich dein Mentor. Karzheim
hat mir damals schon aufgetragen dir alles mögliche beizubringen und
mich um dich zu kümmern," meinte er und zuckte gleichmütig mit
den Schultern.
„Von niemand besseren hätte ich lernen können," murmelte sie und Markus lächelte.
„Dennoch konnte ich dir nicht helfen. In vielerlei Hinsicht warst du wohl doch immer auf dich allein gestellt."
Elessa nickte leicht und seufzte.
„Wo
ist Fürst Wilhelm?", fragte sie nach einiger Zeit und Markus
schnaufte.
„Auf den Weg nach Masyaf. Er will Malik holen,"
meinte er und Elessa zuckte heftig über diese Antwort
zusammen."
„Gott, nicht doch!", murmelte sie erstickt und
wollte sich aufsetzten, doch Markus drückte sie zurück.
„Das ist gefährlich," meinte
sie und der Franke nickte.
„Das weiß der Fürst. Mach dir
darüber keine Sorgen. Er kommt zurecht."
Elessa sank entkräftet in die Polster zurück.
„Ich... für sie bin ich ein Verräter
der schlimmsten Kategorie, Markus. Die Assassinen... ich konnte nicht
dort bleiben! Altair ist in Gefahr," meinte sie und Markus lächelte
sanft.
„Aber nicht für alle. Malik ist dein Freund, nicht wahr?
Und Altair liebt dich über alles. Warum bist du so blind? Ist es die
Angst die dich so sehr blendet?", fragte er und sie seufzte erneut.
„Wir hätten Masyaf zermalmen können, Elessa. Das weißt du, und dass wussten die. Wie sie es haben wagen können, auch nur annähernd solch Worte an dich zu richten ist mir schleierhaft. Altair muss deine größte Schwäche sein. Du konntest an diesem Morgen nicht mal klar denken!"
Elessas POV:
Er hatte Recht.
Ich verstand nicht, warum Karzheim dies tat. Was versprach er sich davon? Aber ich hatte genauso wenig auch nicht verstehen können, warum er seine Truppen plötzlich nach Masyaf marschieren ließ.
Markus kümmerte sich um meine Verletzungen wie es einst Malik getan hatte.
Karzheim, Alicia und nun auch Markus wussten von meinem Geheimnis und ich war mir sicher, dass es nicht bei diesen Drei bleiben würde.
Mein Leben begann nun sich zu verändern, und ich war nicht in der Lage, die Veränderung noch zu beeinflussen, oder gar steuern zu können.
Aber dies hatte bereits an dem Tag begonnen, als ich Altair auf dem Dach begegnete, ohne zu wissen, dass er es war.
In diesem Moment griff er wieder in
mein Schicksal ein.
Hätte ich ihn in Jerusalem nicht getroffen...
hätte ich ihn in Akkon nicht getroffen... es wäre alles ganz normal
weiter gegangen.
Ich wäre der Soldat geblieben und nicht nach Masyaf zurückgekommen und hätte nicht noch einmal die Kontrolle über die ganze Sache verloren. Die ganze Sache? Was für eine Sache? Ich sprach hier von meinem Leben! Meinem einzigen Hab und Gut!
Ich wäre Adrian geblieben, doch nun war ich wieder Elessa und ich schlüpfte nun in ihre Rolle zurück, ohne darauf vorbereitet zu sein.
Ich war nicht bereit jetzt wieder
schwach zu sein... alles loszulassen.
Das ich aus Masyaf
davongerannt war, war eindeutig eine Reaktion gewesen, die nur
Elessa, dieser gottverdammte Schwächling, zeigen würde.
Kopflose Verzweiflung! Eine blinde Flucht nach vorn.
Wie auch in Jerusalem! Wie auch vor Altair! Wie auch vor Hamid! Wie auch vor Masyaf selbst!
Was wäre damals aus mir geworden, wenn ich nicht vor meinen Vater davon gerannt wäre?
Es wäre alles anders, nicht wahr? Altair... hätte mich nicht retten müssen... weil ich... ich …
Wäre ich immer Adrian gewesen... wäre ich stärker gewesen!!!
„Du verdammtes, nichtsnutziges Weib!"
Ich sah die Hand meines Vaters kommen und tat dennoch nichts, um seinen Schlag abzuhalten.
„Du verdammtes, nichtsnutziges Weib!"
Ich sah seine Hand kommen und tat nichts...
„Du
verdammtes, nichtsnutziges Weib!"
Ich sah seine Hand kommen... und hob meinen Arm.
Unsere Blicke trafen sich. Er hatte keine Macht mehr!
„Du Hure! Ich werde dich lehren in meiner Gegenwart zu stehlen!"
Ich war in Windeseile umstellt und Schläge und Tritte trafen mich und rissen mich zu Boden.
Woher kam der erste Schlag? Es ging alles so schnell...
„Du Hure! Ich werde dich lehren in meiner Gegenwart zu stehlen!"
Schläge und Tritte trafen mich von allen Seiten, doch ging ich nicht zu Boden... der erste Schlag...
„Du Hure! Ich werde dich lehren mit meiner Gegenwart zu stehlen!"
Der erste Schlag...
Ich wirbelte herum und fing die Faust des Soldaten ab. Auch unsere Blicke trafen sich und er verlor die Macht in diesem Augenblick.
Ich lag am
Boden.
Eine Hand schloss sich fest um meinen Arm und zerrte mich
auf die Füße.
Ich konnte mich nicht gegen diese Kraft wehren und
wurde gnadenlos durch die Straßen gezerrt.
Ich lag am Boden, eine Hand schloss sich erneut fest um meinen Arm und zog mich auf die Füße.
Doch ich blieb stehen, ließ mich nicht durch die Straßen zerren.
Ich lag am
Boden und streckte meine Hand aus.
Sie schloss sich fest um ein
kräftiges, breites Handgelenk.
Ich hob meinen Kopf und unsere Blicke trafen sich... er lächelte.
Markus POV:
Markus saß an dem Bett und blickte beunruhigt auf Elessa herab.
Sie hatte nicht mehr gehustet, das Fieber blieb konstant, doch sie war seit zwei Tagen nicht mehr aufgewacht.
Nach ihrer kurzen Unterhaltung vor zwei Tagen, war sie in diese tiefe Bewusstlosigkeit gefallen und er glaubte, dass noch vor dem Morgengrauen des vierten Tages, welcher nun in wenigen Stunden anbrechen sollte, sie diese Welt verlassen und vor ihren Schöpfer treten würde.
Ihre Haut war blass. Sie war kaltschweißig und die Atmung war flach, erschwert und unregelmäßig.
Wenn man nicht genau hinsah, glaubte man bereits, sie sei tot.
„Waren dies deine letzten Worte, Elessa? Dann waren es nicht die Richtigen! Öffne doch endlich deine Augen!", murmelte Markus. Er atmete zitternd ein und schloss dabei seine eigenen müden und schweren Augen.
Der Franke hatte nur wenige Stunden geschlafen, doch dieser Schlaf war voller schwerer Träume und die Unruhe ließ ihn bald wieder aufstehen und in dieses Zimmer zurückkehren.
Er hatte mehrfach gebetet und Alicia hatte sich am frühen Abend bereits vor dem Altar im Garten begeben, doch mehr war hier nicht mehr möglich.
Karzheim war seit nun drei Tagen fort. Der Vierte stand nun bevor und die Zeit schien gnadenlos wie eine Frist abzulaufen.
Dieser Kampf wurde von Stunde zu Stunde hoffnungsloser und Markus spürte, dass der Tod wohl bereits im Raum stand.
Er gab Karzheim Recht.
Sie verdiente
es nicht, zu sterben. Nicht nach all dem, was sie erlebt
hatte.
Alicia hatte noch einmal mit ihm darüber gesprochen und
erzählte, was der Fürst wohl scheinbar vergessen hatte.
Die Strafe in Masyaf für die Lüge und warum der Assassine sie damals scheinbar angegriffen hatte.
Sie hatte ihm auch erzählt, wie wichtig Altair für Elessa war und Markus war sich sicher, dass man Elessa in Masyaf nur so einschüchtern konnte, weil man ihn und nicht sie selbst bedrohte.
Der Franke kannte Elessa gut. Trotz, dass sie eine andere Person spielte, waren es dennoch ihre eigenen Gedanken und Gefühle gewesen, die sie handeln ließen.
Markus empfand den Soldaten bald als mutig und auch draufgängerisch. Er hatte sich ihnen schnell angepasst und dennoch hatte sie ein reines Herz und hätte es mit jedem aufgenommen, der ihre Brüder bedrohte.
Der Soldat hatte bereits einen bestimmten Verdacht, warum sie in Masyaf so außer Kontrolle geraten war.
Er hatte gesehen, wie sie aus der Festung gestürmt war und gegen Karzheim gestoßen war.
Zuvor hatte er jedoch gemerkt, dass sein scheinbarer Bruder, die ganze Nacht abwesend war.
Sie war allein gewesen und eine feste Regel in Karzheims Reihen verbot es, sich allein vom Lager zu entfernen.
Aus gutem Grund.
Wie viele Männer waren bereits tot aufgefunden worden, nur weil sie sich allein von einer Taverne auf den Weg gemacht hatten?
Auch sie hatte sich an einen Abend mit ihren Brüdern gestritten und hatte sie zurückgelassen.
Am Hafen hätte sie dafür fast mit dem Leben bezahlt.
Damals hatte sie Glück gehabt, doch dieses schien sie nun zu verlassen.
Markus seufzte und blickte aus dem
Fenster.
Die Nacht war düster und mondlos und die Stille begann
nun bedrohlich auf ihn zu wirken.
Karzheims POV:
„Endlich!", keuchte der Ritter und sah nun die Feuer Akkons in der nächtlichen Distanz aufleuchten.
Vielleicht eine Stunde, vielleicht weniger, und sie würden durch die Tore der Stadt reiten.
Karzheim drehte sich um.
Malik ritt auf einem Pferd hinter ihm. Er hatte eine recht große Ledertasche umhängen und Karzheim wusste, dass der Araber dort in größter Eile Arznei eingepackt hatte.
Es hatte dem Fürsten etliche Nerven gekostet und fast sogar das Leben, als er im ausdauernden Galopp einfach durch die Tore der Vorstadt ritt und bis zum Vorplatz der Festung preschte.
Dort wurden sie dann umstellt und von den Mauern spannten die Assassinen die Bögen, bereit sie zu töten, würden sie auch nur eine falsche Bewegung machen.
Alexander hatte so laut gezittert, dass der Fürst das Klappern der Zähne mit bloßem Ohr hat hören können.
Er hatte gesagt, dass er in friedlicher Absicht komme und dass er Malik sprechen wollte.
Dieser wurde umgehend geholt und zögerte dennoch, mitzukommen.
Er sprach davon, dass gerade eine Versammlung der Oberhäupter stattfand und er nicht fortgehen konnte, ohne die nötigen Vorbereitungen dafür zu treffen.
Karzheim war von seiner Schimmelstute abgestiegen und hatte sich dem Assassinen soweit genähert, dass ich ihre Nasen beinahe berührten.
„Hört zu, Malik," hatte der Fürst
gesagt. Seine Stimme war ruhig und emtotionslos.
Dies zeichnete
ihn als exzellenten Feldherren und Diplomaten aus und Malik schien
gespürt zu haben, dass dieser Mann mit dem Gedanken spielte, Masyaf
niederzubrennen, sollte sein Unternehmen an ihm nun scheitern.
„Ich habe nichts davon gehabt, Euch hier zu helfen. Eure Artefakte interessieren mich nicht, eure Lämmer und hässlichen Weiber schon gar nicht. Doch einer meiner Soldaten ist von Euren Männern schwer verletzt worden und liegt nun im sterben. Ich rate Euch, diesen Schaden wiedergutzumachen, sonst weiß ich nicht, wie ich in naher Zukunft zu Euch stehen werde," grollte der Fürst und Malik schluckte.
Der Deutschritter war einzig und allein mit vier weiteren Reitern hier aufgetaucht.
Diese blickte ihn ebenfalls grimmig und entschlossen an und Malik ahnte, dass Karzheim jedes Wort mehr als nur ernst meinte.
Ein Angriff der Franken würde Masyaf
in seiner jetzigen Konstitution nicht aushalten und er musste es
vermeiden, die Aufmerksamkeit dieser Übermacht auf Masyaf zu
lenken.
Nur weil es zur Zeit keine Bedrohung durch die Templer
gab, hieß es nicht, dass er sich jetzt mit dem kompletten Lager der
Deutschritter herumschlagen wollte.
Und dieses Lager bestand aus weit mehr Einheiten als nur die von den roten Waffenröcken.
Malik blickte zu einigen Wachmännern, die eine gewissen Art von Bewunderung über den rauen Mut des Deutschen ausstrahlten.
Es half nichts, er musste mit.
„In Ordnung, Ritter. Doch Ihr müsst schwören, für meine Sicherheit in Akkon zu sorgen. Sollte mir etwas passieren, so fordere ich, dass Ihr Euer Leben als Tribut zollt," sprach Malik und klang dabei fester und mutiger, als er sich eigentlich fühlte.
Der Blick des Ritters ruhte geringschätzig auf ihn und Malik spürte, dass der Franke der Meinung war, dass auf sein Leben mindestens Tausend Assassinen kommen sollten.
Zu seiner Überraschung nickte Karzheim nach recht kurzer Bedenkzeit und legte seine Rechte Hand auf seine Brust.
„Ich gebe Euch mein Ehrenwort. Ich werde Euch unversehrt aus Akkon zurückbringen lassen, sobald ich Eure Hilfe nicht mehr benötige," sagte er und der Pakt war damit besiegelt.
Malik hatte dafür gesorgt, dass die Ritter mit einer Wegzehrung versehen wurden und bald darauf Masyaf mit ihm in ihrer Mitte verließ.
Der Araber fühlte sich unter den
Franken nicht sonderlich wohl und Malik spürte, wie ihre Blicke
misstrauisch und grimmig auf ihn ruhten.
Sie ließen sich nicht
von seiner Erscheinung täuschen und trauten dem Krüppel wohl mehr
zu, als manch ein anderer es tun würde.
Kein Wunder. Sie hatten die Assassinen erlebt. Hatten in der Schlacht gesehen, wie sie kämpften und alle Vier nahmen Adrians mahnende Worte nun mehr denn je ernst.
Karzheim suchte bei einer der kurzen Pause das Gespräch mit dem Assassinen.
„Ich nehme an, Ihr ahnt bereits, dass
es um Adrian geht?", fragte er Malik und dieser nickte.
„Natürlich.
Ihr wärt sonst kaum zu mir zurückgekommen, nicht wahr?", fragte
dieser zurück und der Fürst verschränkte die Arme vor der
Brust.
„Ich habe es entdeckt, Malik. Im ersten Moment wollte ich
sie dafür erschlagen, und im nächsten Moment wollte ich Masyaf bis
auf die Grundfesten niederreißen. Fragt mich nicht, warum ich dies
hier nun tue, aber betet, dass es nicht umsonst ist!", murmelte der
Mann und seine Stimme klang wie eine blanke Drohung, die auf jeden
Fall in Erfüllung gehen würde.
„Wie ist sie verletzt worden?", fragte Malik und hoffte dadurch, den Fürsten ablenken zu können.
„Sie sagte, sie wäre von drei Männern angegriffen worden, kurz bevor ich sie fand. Sie hat wohl einen ziemlich kräftigen Schlag abbekommen. Es sieht übel aus," meinte der Franke und Malik seufzte.
„Gremium," murmelte er und Karzheim
zog verwirrt die Augenbrauen zusammen.
„Wir hatten vor den
Wahlen Schwierigkeiten mit dem Ältestenrat. Er wurde... ersetzt,
nachdem sie Altair einfach einsperren ließen," erklärte Malik und
der Ritter lächelte.
„Ersetzen, ja? Wo ist Altair?", fragte der Ritter und Malik grinste schief.
„Er müsste längst in Akkon angekommen sein," meinte dieser und das Lächeln des Ritters verschwand augenblicklich.
Seitdem waren die Pausen noch kürzer geworden.
POV:
Der Assassine wartete auf die Umarmung der nächtlichen Schatten.
Das Wetter wurde zusehends schlechter und das entfernte Grollen von Donner mischte sich unter das Geräusch der Wellen, die den ganzen Tag unermüdlich gegen die Kaimauer schlugen.
Ein Sturm zog auf und brachte die
Dunkelheit nun schneller mit sich, als er gerechnet hatte.
Zumindest
das Wetter schien auf seiner Seite zu sein.
Ein heftiger Platzregen setzte bald darauf ein und man konnte dabei zusehen, wie die Straßen sich nun leerten und alle sich vor der unwillkommenen Feuchtigkeit flohen.
Altair nutzte die erste Gelegenheit und schlich in den Garten der Villa.
Von dort aus sah er mehrere Fenster, die beleuchtet waren und beschloss dieser Seite mit seiner Suche zu beginnen.
Geschickt sprang er an der Mauer hoch und hielt sich an dem ersten Fenstersims fest.
Es war ein langer Raum wo gerade eine Tafel gedeckt wurde.
Auch die nächsten zwei Fenster zu seiner Rechten gehörten zu diesem Raum und er lächelte darüber, dass er sich diese nun sparen konnte.
Er glitt an der Mauer hinab und schlich nun zu der schmaleren Seite des Hauses. Auch dort gab es drei Fenster, doch keins schien beleuchtet zu sein.
Doch als er sich etwas zurück lehnte, sah er ein leichtes Flackern, wie das Licht einer kleinen Öllampe.
Instinktiv wusste Altair nun, dass er hier an der richtigen Adresse war.
Die Verzögerung hatte ihn einen
weiteren Tag gekostet, doch er wollte nicht riskieren, entdeckt zu
werden.
Die Hospitaliter und Deutschritter wussten allesamt wie
ein Assassine auftrat. Elessa wäre dadurch nur noch mehr in Gefahr
geraten.
Lautlos und schnell kletterte Altair auch hier die Mauer hoch und warf nun vorsichtig einen Blick in den Raum.
Sein Blick fiel sofort auf Elessa.
Sie lag auf einem Bett wie zur ewigen Ruhe aufgebahrt und vor ihr, auf einem Stuhl, saß Markus, dessen Blick auf ihr ruhte.
Altair verlor augenblicklich seine Selbstbeherrschung.
Mit einem heulenden Schrei sprang er durch das Fenster und ergriff den erschrockenen Markus am Waffenrock.
Mit einem dumpfen Aufprall rammte er den Soldaten an die gegenüberliegende Wand und Markus begann keuchend zu husten.
„Was habt Ihr mit ihr gemacht?", schrie Altair völlig außer sich und drückte seine Fäuste noch kräftiger auf die Brust des Mannes.
Der Dunkelhaarige Franke versuchte sich gegen den Griff des Assassinen zu wehren, doch dieser ließ ihm nicht mal den Hauch einer Gelegenheit dazu.
Altairs rechte Hand schloss sich nun kraftvoll um dessen Nacken und der versteckte Dolch kam an seiner linken Hand so schnell zum Vorschein, dass der Franke über dieses plötzliche Erscheinen aufschrie.
Der Assassine hob bereits seine Hand und wollte nun dem Tod Tür und Tor zum Diesseits öffnen, als er eine leise und verängstigte Stimme hinter sich vernahm.
„Bitte! Tötet ihn nicht."
Alicia trat durch die nun geöffnete Tür. Sie musste sich im Vorraum aufgehalten und den Lärm gehört haben.
Sie trug ein langes Kleid von schlichter, weißer Farbe. Nur ein Stoffgürtel in der Farbe einer satten grünen Wiese zeigte, dass sie als Adlige es sich erlauben konnte, farbige Kleidung zu tragen.
Alicia wollte näher treten, doch Altairs Hand senkte sich erneut bedrohlich zu Markus.
„Er hat sich um Elessa gekümmert... die ganze Zeit. Ihm ist es zu verdanken, dass sie überhaupt noch lebt. Bitte tut ihm nichts!", bat sie und Altairs Blick wurde nun unschlüssig.
Er hatte Markus fest in seinem Griff. Der Assassine übte gekonnt und gezielt Druck auf gewisse Nervenbahnen aus. Der Franke würde sich nicht von selbst bewegen können, solange er ihn nicht losließ.
Alicia trat nun erneut näher und legte Altair die Hand auf den Arm.
Ihre kleinen, zarten Finger wirkten winzig auf seinem muskulösen Unterarm, doch sie verfehlten ihre Wirkungen nicht.
„Sie brauch Euch jetzt, Altair! Ihr helft ihr nicht, indem Ihr ein Blutbad anrichtet und ihren bisherigen Retter tötet. Das hat Markus nicht verdient," meinte sie leise und Altair nickte nun und das Messer verschwand wieder.
Der Assassine ließ Markus los, der augenblicklich zu Boden ging.
Der Mann hatte angefangen zu schwitzen und Altair war sich nicht sicher, ob es vor Angst, oder eine Nebenwirkung seines erbarmungslosen Griffs war.
Ohne eine Spur von Angst oder erhöhter Vorsicht entfernte sich Altair von den Beiden und trat zu Elessa.
Sanft berührte er ihr Gesicht.
Sie war warm und schwitzte. Ihr Gesicht war blass und ihre Lippen wirkten auf ihn, als hätte sie diese mit Kalk eingerieben.
„Gott," schnaufte Altair und lehnte seine Stirn langsam an ihre Schulter.
Seine Gedanken rasten.
Er kam zu spät! Sie starb!
Er zog
sich die Kapuze vom Kopf und lehnte sein Ohr an ihre Brust.
Ihr Herzschlag war stetig und doch wirkte er auf ihn viel zu leise.
„Elessa, hörst du mich?", fragte Altair und rüttelte sanft an ihrer Schulter.
Doch sie reagierte nicht und Altair gab es bald auf, an ihr zu rütteln.
„Verlass mich nicht! Verlass mich nicht!", rief der Assassine verzweifelt und seine Hände krallten sich in ihr Hemd.
Er drückte sein Gesicht in den Stoff und musste nun zu seinem eigenen Entsetzen feststellen, dass er weinte.
Altair hatte niemals in seinem ganzen Leben geweint.
Nicht einmal konnte er sich daran erinnern.
Sicherlich war er zeitweise schwermütig gewesen, doch niemals brachte ihn irgendetwas zum weinen.
Es tat weh! Der Schmerz in seinen Innern schien ihn in Stücke zu reißen und er spürte den fürchterlichen Drang zu schreien, doch Elessas Stille hielt ihn augenblicklich davon ab.
Er konnte mit diesem Gefühl nichts anfangen, konnte damit nicht umgehen und Elessa konnte ihm nicht helfen.
Altair war allein. So einsam wie niemals im Leben zuvor.
Markus war in der Zwischenzeit aufgestanden und schaute mit Alicia hilflos zu wie Altair vergeblich versuchte, Elessa aufzuwecken.
Traurige Gewissheit überkam ihn, dass dies wohl nicht mehr möglich war. Seine Berechnung ging auf, die Morgenstunden waren angebrochen und Elessa tat wohl nun ihre letzten Atemzüge.
Auch Alicia begann nun erneut zu
weinen.
Sie hielt sich eine zitternde Hand vor dem Mund und beugte
sich tränenschwer.
Markus stand dazwischen.
Er schwieg und sah immer wieder zwischen Elessa und Altair hin und her.
Der Assassine brach völlig über Elessa zusammen.
Seine Hände umklammerten krampfhaft ihre Schultern und Markus hörte entsetzt den eben noch großen und bedrohlichen Mann weinen.
Die Geräusche, die der Mann machte waren befremdlich und erinnerten ihn an ein leidendes Tier.
Ende
Kapitel 17
