Der abgetrennte Zopf

Kapitel 19 „Die Schönheit der Bestie"

Die Luft war vom zahlreichen Regen schwer und feucht, dicke Nebelschwaden schwebten träge durch die Gassen Akkons.

Das große Haus, welches vor wenigen Wochen noch von Roberte de Sable bewohnt wurde, lag still da und wirkte in dem fahlen, grauen Licht dieses verregneten Tages wie eine trostlose, dunkle Höhle.

Alicia hatte sich nicht erinnern können, wann so viele Männer sich jemals in ihren Wohnzimmern eingefunden hatten.

Fürst Karzheim war vor dem Aufbruch nach Arsur des Öfteren zu Besuch gekommen, doch nun befanden sich fünf seiner Soldaten ebenfalls unter ihrem Dach. Sechs, wenn man die kranke Elessa mitzählte.

Sechs Soldaten, ein Fürst, eine Lady... und zwei Assassinen.

Einer dieser Assassinen war in ihren Augen ein Gelehrter mit einem Reichtum an Wissen. Sie hatte eine leichte Bewunderung für diesen Malik empfunden. Dieser Mann schien recht jung an Jahren, doch sein Gesicht und Körper sprachen scheinbar von Äonen.

Dieser Assassine musste schon viele Kämpfe hinter sich haben, und in einem hatte er auch einen Arm einbüßen müssen.

Die Französin war von Natur aus neugierig! Schon immer war sie dies gewesen und wie oft hatte ihr Bruder sie ermahnt, dass Neugier der Katzentod sei!

Doch konnte sie nichts widerstehen, was Wissen versprach!

Die offenherzige Französin wirkte oftmals unbekümmert, einer sehr jungen Dame gleich und auch Karzheim sah bald mit wachsender Sorge, dass sie nicht nur unbekümmert, sondern auch höchst unvorsichtig war.

Alicia entwickelte innerhalb kürzester Zeit eine fast fanatische Neugier zu Elessas und Altairs Geschichte und ersuchte bald die einzelnen Soldaten, die Dinge aus deren Sicht zu schildern.

Doch sie waren sehr zurückhaltend, was nun dieses Thema betraf. Fast wirkten sie unsicher und sich selbst nun in Frage stellend.

Markus war der Einzige, der bisher zu einer Erkenntnis oder zumindest einer Teilerkenntnis gelangt war.

„Er... sie ist für mich wie ein Familienmitglied! Viele Stunden haben wir gemeinsam verbracht. Schöne und zugleich schwere Zeiten. Ich habe fast das Gefühl, als sei er nie nicht da gewesen! Ich würde ihn... nein sie!, sehr vermissen, wäre sie plötzlich nicht mehr da! Nur weil sie eine Frau ist, sind ihre Taten dennoch nicht von der Hand zu weisen und wie oft war ich froh, dass sie in der Nähe war! Ich fürchte fast, einen besseren Kameraden kann man sich kaum wünschen, Lady Alicia," meinte der Dunkelhaarige und lächelte ein freudloses Lächeln, als sein Blick zu Elessa schweifte, die noch immer nicht aufgewacht war.

Alcia war zunächst unzufrieden, da ihr keiner eine Antwort auf ihre Fragen geben konnte. Somit widmete sie sich ihren Gästen, den beiden Assassinen, zu.

Malik war sehr freundlich und zeigte gute Umgangsformen.
Das hatte sie zunächst nicht erwartet. Robert sprach davon, dass Assassinen sich wie Wilde gebaren, Haschisch konsumierten und unzüchtig mit allem umgingen, was... nun ja. Robert sagte, dass sie über alles Weibliche herfielen, was nicht bei drei auf den Bäumen war.

Sie konnte sich unter diesem Spruch nur wenig vorstellen und wollte sich auch nicht die Blöße geben, darüber mit Malik zu sprechen. Sie würde Wilhelm in einem ruhigen Moment danach fragen, schließlich war der ja in Masyaf gewesen. Der musste es ja wissen, wie es dort von statten ging.

„Was ist mit Eurem Arm passiert, Malik? Ihr müsst in vielen Kämpfen verwickelt gewesen sein," mutmaßte Alicia und trat an dem Fenster entlang, ohne den verkrüppelten Mann anzusehen.

„Das war ich, Lady Alicia. Doch dieser Kampf setzte dem ein jähes Ende. Euer Bruder war es, der mir meinen Arm nahm. Meinen Arm und meinen eigenen, einzigen Bruder," sagte Malik und Alicia verharrte sofort in ihrem samtweichen, geschmeidigen Bewegungen und blickte zu dem Assassinen, der an einem Tisch saß und Notizen auf ein Pergament schrieb.

„Robert?", fragte sie und der Mann sah zu ihr auf und nickte.

„Euer Bruder schlug mir den Arm ab, doch war es nicht seine Schuld, denn er tat dies lediglich, um sich zu verteidigen. Altair war schuld daran, dass ich meinen Arm verlor. Auch verschuldet er den Tod meines Bruders," meinte Malik und Alicia berührte nachsinnend ihre Unterlippe. Eine Geste, welche sie immer tat, wenn etwas auf sie besonders verzwickt wirkte.

„Altair? Er tötete Robert in Arsur," meinte die Französin und Malik nickte langsam.

„Das ist korrekt, Lady Alicia. Altair erschlug Robert de Sable in Arsur. Ihr müsst Euch fürchterlich fühlen, die Mörder Eures Bruders zu beherbergen," meinte der Mann und legte nun seinen Kopf schief und beobachtete Alicia neugierig auf ihre Reaktion.

„Robert... er war immer gut zu mir! Aber er war ein fürchterlicher Mensch, Malik! Seit er in diesen Orden trat, war er plötzlich ein anderer Mann. Ihm wurden Artefakte und Massenmorde wichtiger, als Nächstenliebe und Gnade! In seinen Augen... war dies immer eine Schwäche!", sagte Alicia leise und ging nun langsam und bedächtig durch den Raum.

„Er glaubte in Adrian einen Gleichgesinnten getroffen zu haben. Adrians offensichtlicher Hass auf euch Assassinen machten ihn sympathisch und Robert versuchte ihn bei Fürst Karzheim abzuwerben. Aber Wilhelm ließ dies nicht zu... und heute bin ich froh darum, obgleich ich den Jüngling damals gerne für mich beansprucht hätte," sagte sie und lachte nun über Maliks Lächeln.

„Ein Jüngling, der keiner war? Ich fürchte, mit ihm wärt Ihr nicht glücklich geworden, Lady," lachte Malik leise und Alicia nickte.

„Wahrscheinlich nicht. Aber ich war von Adrians Erscheinung mehr als nur begeistert gewesen! Ihr hättet ihn an diesem Tag sehen sollen, Malik! Er saß mit meinem Bruder und Fürst Karzheim am Tisch und getraute sich nicht zu essen! Er saß da und wirkte auf mich so schüchtern und unschuldig wie kein Mann es je gekonnt hätte! Immer wieder sah er zu Wilhelm, ob er alles richtig machte und nahm sich sehr lange Zeit, ehe er auf die Fragen meines Bruders antwortete. Als ich dann mit ihm am Arm durch den Garten lief... es war ihm sehr unangenehm, und heute weiß ich ja auch, warum!"

Alicia lachte erneut glockenhell auf und blickte nachsinnend an die Decke.

„Ich war so angetan von ihm, weil er nicht wie alle anderen Männer war! Ich glaube, ich war sogar für kurze Zeit verliebt!"

„Lasst das Altair nicht hören, Lady Alicia. Er ist sogar auf mich eifersüchtig! Obgleich wir seit Kindertagen befreundet sind," meinte er und Alicia seufzte leise.
„Ihr seid mit ihm befreundet? Obgleich er am Tode Eures Bruders schuld und Euer Arm auf immer und ewig verloren ist?", fragte die Französin und Malik schnaufte lächelnd.

„Er hat für seine Fehler recht teuer bezahlt. Es gab Tage, da wollte ich seinen Tod, doch der hätte Kadar nicht wieder lebendig werden lassen, noch wäre mein Arm davon nachgewachsen," sagte der Assassine und sah zu der schönen Frau auf.

„Rache nehmen kann jeder. Seinem Peiniger zu vergeben, ist die wahre Kunst, die uns als Menschen auszeichnet. Ich habe ihm verziehen, als ich sah, dass er sich durch das Geschehene veränderte!"

„Fürchtet Ihr ihn?", fragte Alicia nach einem Augenblick des Schweigens leise und Malik lachte.

„Ich fürchte Altair nicht. Ich fürchte Elessa. Denn für sie würde er Akkon in Alleingang bis zum letzten Stein niederreißen."

„Ihre Liebe zueinander ist sehr tief! Ich sah dies, als Altair über Elessa lehnte! Ich sah, wie sehr er verzweifelte, als sie nicht auf seine Rufe antworten konnte! Wie muss er sich gefühlt haben?", fragte sie leise und Malik schnaubte belustigt.

„Das kann ich Euch genau sagen, Lady Alicia," sagte der Assassine und legte die Feder, mit welcher er geschrieben hatte, beiseite.

„Er fühlte sich leer."

„Leere?"

Alicia hatte Malik gefragt, was dies bedeutete, doch der Assassine hatte gelächelt und gemeint, sie solle entweder auf Elessa warten, oder das Monster im Kerker selbst danach fragen.

Jawohl! In ihren Augen war Altair ein Monster! Eine wilde Bestie. Immer wieder, wenn sie an diesen Mann dachte, sah sie, wie er Markus am Hals gepackt und mit bloßer Muskelkraft hochgehalten hatte.

Markus... ein treuer und gutherziger Mann! Er hatte es doch wirklich von allen am wenigsten verdient!

Alicia zögerte den ganzen Tag, verbrachte die Nacht schlaflos! Immer wieder jagte ein weißer Schatten sie im Schlaf. Verhüllt, mit einem Mörderdolch als Waffe.

Sie sah starke, große Hände nach ihr greifen.
Hände, die unweigerlich den Tod brachten und scheinbar zu nichts anderem fähig waren, als Schrecken zu verbreiten. Schrecken und Tod.

Aber wie sah Elessa ihn? Waren auch für sie diese Hände blutbesudelt? Waren auch in ihren Augen diese großen und kraftvollen Hände mörderische Werkzeuge?
Was sah sie in Altair, das ihn für sie anders sein ließ?

Wie konnte man eine Bestie wie ihn lieben?

Darüber sann Alicia lange nach und auch sprach sie mit Wilhelm darüber.
Dieser unterhielt sich nicht sonderlich gerne, wenn er lieber schlafen wollte, doch der Fürst schlug ihren Wunsch nach Kommunikation an diesem Abend ausnahmsweise nicht aus.

„Altair? Ein merkwürdiger Kerl. Meine Männer fürchten ihn sehr, obgleich er in ihrer Nähe nie etwas tat, was sie beunruhigen könnte. Ich glaube, dass er mit seiner bloßen Anwesenheit drohen kann," meinte der Fürst und streckte sich auf dem Bett aus.

„Aber was ist es, was Elessa in ihm sieht? Sieht sie nicht, was er für ein Monster ist?", fragte Alicia und Wilhelm lächelte sanft.
„Siehst du denn nicht, dass auch ich dies bin?", fragte er nun und Alicia hob ihren Kopf und musterte den Ritter.

Alicia war zunächst sehr von Adrians Zurückweisung gekränkt gewesen. Sie hatte die Avancen von Wilhelm erst nicht bemerkt, doch der Ritter hatte eine sehr einmalige Art, sich die Aufmerksamkeit einer Dame zu beschaffen.

Roberts Bemühungen, Adrian abzuwerben, scheiterten bereits beim ersten Mal, aber der Franzose war dennoch weiterhin entschlossen, Adrian auf seine Seite zu ziehen.

Adrian selbst war aber durch einen Eid an Karzheim gebunden und der Fürst hatte nicht vor, ihn aus seiner Pflicht als Knappe und Soldat zu entlassen.

Da konnte der Franzose noch so spendabel mit Speisen und Trank sein, doch Karzheim lehnte selbst eine hohe Summe an Geld ab und ließ somit nicht zu, dass aus dem Jüngling ein Templer wurde.

Am Ende stritt der Franzose sich mit dem Deutschen, doch der Streit wurde aus Vernunft bald wieder beigelegt, denn beide hatten dennoch ein wichtiges Ziel: Arsur.

Vor dem Aufbruch wollte Wilhelm Karzheim den Templer erneut sprechen, doch dieser war an diesem Abend nicht zuhause.

Alicia war da, empfing den Deutschen dennoch und... naja, dies war der Beginn einer Romanze, wie sie sie sich in den kühnsten Träumen nicht zu wünschen gewagt hätte!

Karzheim war von edler und beachtlicher Gestalt.

Er war groß wie Altair und sogleich stämmiger als dieser. Seine schulterlangen Haare wallten in dichten blonden Locken über dessen Schultern und ein edler, ebenfalls blonder Bart zierte gepflegt sein Gesicht.

Wilhelm hatte sofort die Situation ausgenutzt, mit Alicia selbst und allein sprechen zu können.

Er machte ihr die schönsten Komplimente, sprach davon, dass sie in solch rauen Landen nicht hätte sein sollen und sie vielmehr in sichere Hände gehörte, als hier allein, nur von drei oder vier Soldaten bewacht, zu sitzen.

Hätte das Robert gehört, wären er und Wilhelm garantiert nicht mehr zusammen nach Jerusalem geritten.

Aber er hörte es nicht, und Alicia erzählte es ihm auch nicht.

Die kesse Französin hatte dem Fürsten mutig verbal die Stirn geboten und ließ sich nicht als ganz so schwächlich hinstellen, wie er sie einschätzte.

Doch der jungen Frau gefielen die Worte von Wilhelm sehr und auch sein selbstsicheres Lächeln fand ihre Aufmerksamkeit.

Sie vermochte es am Ende gar nicht mehr zu sagen, wie es dazu kam, aber der unbezähmbare Kuss und diese besitzergreifende Haltung des Fürsten ließen sie geradezu dahinschmelzen.

Adrian war vergessen, doch die Beziehung zu Wilhelm erfüllte ihr leeres Herz mit einem bis dahin unbekannten Glücksgefühl. Alicia war innerhalb weniger Stunden unsterblich in ihn verliebt und wie schwer wurde ihr Herz, als der Ritter und Fürst eines deutschen Ordens ausritt, um in Arsur zu kämpfen.

Tag für Tag hatte sie an ihn gedacht, Stunde um Stunde gebangt und wie entsetzt und überrascht war sie, als er plötzlich mit dem verletzten Adrian im Arm vor ihrer Tür stand!

„In meinen Augen seid Ihr ein edler, guter Mensch, Wilhelm," hauchte die Lady und Karzheim schloss lächelnd die Augen.

„Und so sieht Elessa ihn! Sie sieht ihn nicht nur von vorn, sondern von jeder Seite! Sie blickt hinter das, was er vorgibt, sein zu können! Altair spielt gerne und lässt seine Feinde in ihm das sehen, wovor sie am meisten Angst haben! Die Templer sprechen vom „Engel des Todes". Doch Elessa sieht in ihm eine Person, für die sie jederzeit alles Glück und Leben geben würde", sagte Karzheim und lachte über Alicias verwirrten Gesichtsausdruck.

„Ich bin fast ein wenig stolz, dass es mir gelungen ist, dem Engel des Todes die Flügel zu stutzen! Auch wenn dieser hinterhältige Schlag recht unehrenhaft gewesen ist," meinte der blonde Ritter nun und setzte sich auf.

Alicia setzte sich neben ihn und berührte sanft seine Hand.

„Hat sie Verständnis für ihn? Versteht sie ihn? Oder fürchtet sie ihn?", fragte sie leise und Karzheim zuckte mit den Schultern.

„Sie sagte ja, das sie anfänglich vor ihm mehr als nur Angst gehabt hatte, doch nachdem er ihr dann das zweite Mal das Leben gerettet hatte, schien sie zu spüren, dass Altairs Absichten woanders lagen, als ihr zu schaden. Eine Frau stellt die Gesinnung eines Mannes eigentlich nie in Frage," meinte der Ritter und Alicia seufzte.

„Ist Elessa sehr mutig?", fragte sie und Karzheim nickte.
„Mutig, treu und eigentlich nicht auf den Kopf gefallen! Sie steht auch immer hinter diesen fünf Taugenichtsen! Sie würde sie nie verraten, die decken sich gegenseitig, so wie es unter Freunden auch sein sollte. Ich wundere mich, dass sie alle noch da sind. Ich hätte nicht gedacht, dass sie ihr dies verzeihen," meinte der Fürst und fuhr sich nachdenklich durch den Bart.

„Obgleich ich mir nicht sicher bin, ob sie ihr das verziehen haben. Sie reden nicht darüber. Alle sagen sie kein Wort und tun so, als wäre nichts anders. Das ist... bedenklich," murmelte Karzheim und legte sich wieder auf das Bett zurück.

Die Unterhaltung mit dem Fürsten warf viele neue Fragen auf.

War Elessa früher auch so, wie sie heute zu sein schien?

Alicia war es fast Leid, warten zu müssen.
Sie wollte wissen, was Elessa in Altair sah, dass sie sich nicht vor diesem Monstrum fürchtete.

Am nächsten Tag ging sie lange Zeit nervös im Gebäude umher, ehe sie es endlich wagte, den Kerker zu betreten.

Sie mochte diesen Ort nicht.
Ihr Bruder hatte hier oft Menschen festgehalten, die zu bestimmten Sachen Information haben sollten, oder einfach nur politische Gegner waren.

Alicia hatte es immer vermieden, in die Nähe des Kerkers zu kommen.

Der Geruch an diesem Ort ließ ihr übel werden.

Altes Blut und andere körpereigene Flüssigkeiten, Fäkalien, modriges, feuchtes Stroh und viele Komponenten, die sie einfach nicht benennen konnte oder wollte.

Die Pechfackeln an den Wänden verdrängten nur bedingt die tiefe Schwärze um sie herum und sie konnte trotz allem kaum die Hand vor Augen nicht erkennen.
Der Kerker bestand lediglich aus zwei großen Zellen.

Sie hatten Altair in die erste Zelle gesperrt und ihn an den Händen mit eisernen Beschlägen gefesselt. Die Kette reichte ungefähr bis zu einen Meter vor dem eisernen Gitter und sah schwer und grob aus.

„My Lady, was verschafft mir die Ehre?"

Mit einem erstickten Schrei wirbelte Alicia herum und sah Alexander, der sich nun von einem Stuhl erhob und aus dem Dunkeln heraus in das Licht einer Fackel trat. Sie hatte ihn nicht gesehen!

„Verzeiht, ich wollte Euch nicht erschrecken," meinte der Rothaarige und lächelte versöhnlich.

„Ihr... habt mich nicht erschreckt, Alexander," murmelte die Französin und drehte sich erneut zu der dunklen Zelle herum.

Altair hatte sich soweit es seine Fesseln erlaubten in die dunkelste, äußerste Ecke zurückgezogen.

Er trug wieder seine Kapuze und somit war es unmöglich für Alicia, sein Gesicht zu erkennen.

„So funktioniert das nicht," zischte die Französin und Alexander legte den Kopf schief.
„Kann ich Euch helfen?", fragte der Deutsche bereitwillig und Alicia schenkte ihm ihr schönstes Lächeln.

„Ich möchte mich mit Altair unterhalten, Alexander. Bitte öffnet mir das Gitter," sagte sie und Alexander schnaubte belustigt.

„Tut mir Leid, hohe Frau, aber dazu sehe ich mich außerstande! Ich habe strikten Befehl, niemanden zu ihm zu lassen, es sei denn, man bringt ihm Essen," sagte dieser und Alicia biss sich frustriert auf die Unterlippe.

„Es ist wichtig, Alexander! Ich muss mit diesem Mann sprechen!", beharrte die Lady, doch Alexander schüttelte den Kopf.

„Ich kann nicht! Fürst Karzheim wird mich verprügeln, wenn ich gerade Euch dort hineingehen lasse und dann noch etwas passiert! Ihr habt doch gesehen, was er mit Markus gemacht hat! Und das ist nicht mal das Schlimmste, wozu dieses... Tier fähig ist!", meinte der Franke und warf dem Assassinen, der sich die ganze Zeit weder rührte noch irgendwie bemerkbar machte, einen nervösen Blick zu.

„Ich sorge dafür, dass Wilhelm nichts davon erfährt! Er muss längst nicht alles wissen, Alexander! Hier! Ich werde dem Assassinen Wasser geben. Dann müsst Ihr das wenigstens nicht tun!", schlug die Französin vor und der Mann mit den vielen Sommersprossen seufzte und nickte.

„In Ordnung. Dort ist ein Krug. Aber... wenn er... ich werde ihn töten, wenn er Euch etwas antut!", sagte der Franke und seine Stimme klang dabei fest und entschlossen.

Alicia lächelte und nickte. Sie ergriff den Holzkrug mit dem Wasser und ging durch den schmalen Spalt, den Alexander nun für sie aufzog.

Altair stand auf, noch ehe sie den ersten Schritt beendet hatte.

Langsam ging sie nun auf ihn zu und beobachtete ihn vorsichtig.

Ganz ruhig, Alicia! Er ist nur aufgestanden," dachte sie und musste sich plötzlich zu jedem weiteren Schritt überwinden.

Karzheim hatte Recht! Altair war fähig, mit seiner bloßen Anwesenheit Unruhe und Zerstreuung zu bewirken!
Angst pochte in Alicia hoch und ihr Herz schlug nun wild in ihrer Brust.

Nun schimpfte sie sich eine Närrin! Was dachte sie sich dabei, hier hereinzukommen?

Das Geräusch von klirrenden Ketten verriet Altairs Bewegung, die recht langsam und geschmeidig war.

Er trat nun einen Schritt auf sie zu. Dann noch einen...

Instinktiv blieb Alicia stehen und betrachtete den Mann, der nun aus den Schatten der Zelle in das karge Licht trat.
Er war sehr groß und wirkte auf sie muskulös und sehnig! Er hatte große Hände, genauso, wie sie diese in Erinnerung hatte, und lange, schlanke Finger.

Seine körperliche Erscheinung im Allgemeinen wirkte auf sie stimmig und sehr männlich.

Altair trug lange, weiße Roben, deren Kapuze sein Gesicht fast gänzlich verdeckte und die in seiner Körpermitte lediglich von einem blutroten Stück Stoff zusammengehalten wurden.

Alles andere hatte Karzheim ihm abgenommen. Eigentlich saß über dem roten Stoff ein breiter Ledergürtel, doch Wilhelm schien von dem ganzen Repertoire an Waffen... gewusst zu haben!
Er zog sogar kleine Messer aus den Stiefeln heraus!

Atemlos beobachtete Alicia, wie Altair auf sie zutrat. Seine Arme hingen an seinen Seiten herab und er wirkte nicht, als ob er sich vor irgendetwas fürchten würde.
Er strahlte Ruhe aus... und Überlegenheit.

Sein Schritt war langsam, lautlos und wirkte auf sie anmutig und erhaben.

Dieser Mann schien nun plötzlich so anders zu sein, als der, der sie im Morgengrauen vor zwei Tagen angegriffen hatte.

Alicia wagte es kaum daran zu denken, aber auf sie wirkte er, wie ein bösartiger Hund, der nun an die Leine gelegt worden war.

Aber trotz Leine... er konnte noch immer beißen!

Alicia kämpfte die Panik nieder und bemühte sich nicht zusammenzufahren, als er nun stehen blieb und eine Hand nach dem Krug ausstreckte.

Er musste durstig sein! Wahrscheinlich hatte ihm die anderen nicht gern Wasser geben wollen! Karzheim hatte erwähnt, dass sie vor Altair Angst hatten und keiner sich darum riss, hier Wache halten zu müssen.

Die Französin streckte ihm den Krug entgegen und als Altair den Henkel davon ergriffen hatte, ließ sie ihn los.

Der Assassine nahm das Wasser ohne ein weiteres Wort an sich und trank nun einige kräftige Schlucke daraus, ehe er ihn wieder absetzte und Alicia scheinbar lauernd unter seiner Kapuze heraus beobachtete.

Alicia wunderte sich, wie es sich wohl anfühlte, seine Kleidung zu berühren, oder gar seine Haut.

Sie mutmaßte, dass seine Hände kalt und rau sein würden. Er nutzte ebenfalls Waffen und Wilhelms Hände waren dadurch schwielig und grob.

Der Fürst führte ihr bereits bei „leichten" Berührungen versehentlich blaue Flecken zu.

Wie stark und roh musste dann dieser Assassine sein?

Wie sollte sie nun ein Gespräch mit ihm beginnen? Wahrscheinlich würde er es nicht einmal für nötig halten, mit ihr zu sprechen.

Im Morgenland hatten die Frauen noch wesentlich weniger Status, als es im Abendland der Fall war.

Nervös biss sie sich auf ihre volle Unterlippe und zwang sich tapfer, in die Richtung zu blicken, in der sie sein Gesicht vermutete.

Sie konnte in seiner Körperhaltung nichts lesen.

„Was ist es, was sie an Euch so sehr liebt, dass sie jedes Mal völlig außer Fassung gerät, wenn es um Euch geht? Wie kann sie einen Mensch wie Euch lieben? Was gebt Ihr ihr? Oder ist das nur die pure Angst, die sich in Abhängigkeit verwandelt?"

Nun war es heraus und Alica tat einen mutigen und zugleich schnellen Schritt vor.

Ihre kleinen Hände umfassten seine Kapuze und stülpten sie zurück, ehe sie ehrfürchtig einen Schritt zurücktrat.

Altair hatte sich nicht bewegt.
Sein Blick lag nur fixierend auf ihren Augen und Alicia spürte die tiefe Bedrohung darin.

Alicia nutzte die Gelegenheit und betrachtete das Gesicht des Mannes so lange sie es konnte.

Er hatte nicht das typische Aussehen eines Arabers.

Sie entdeckte große Unterschiede zu Malik, dessen Abstammung nicht zu leugnen war.

Altairs Gesichtszüge waren kantiger und sehr schön ausgeprägt. Seine Augenfarbe war nicht schwarz oder braun. Sie glich eher einem befremdlichen Grau und sie fragte sich, ob sie darin Nuancen von Blau entdecken könnte, würde sie die Gelegenheit haben, ihm bei hellem Tageslicht in die Augen blicken zu können.

Seine Nase war dennoch charakteristisch geformt und befand sich in einer herrlich stimmigen Symmetrie zu seinen männlichen und noch dazu sinnlichen Lippen und auch das Kinn wirkte genau passend zu seiner Gesichtsform.

Er ist schön!", schoss es der Französin durch den Kopf und spürte, wie sie plötzlich etwas errötete.

Sie hoffte, dass er es nicht in diesem Zwielicht sehen könnte, aber auch sie hatte seine feinen Definitionen mehr als nur deutlich erkennen können und Alicia seufzte nun über den Gedanken, ertappt worden zu sein.

Nun hatte sie Altairs Aufmerksamkeit für sich gewinnen können. Doch er starrte sie nur stumm an und Alicia begann sich schnell unwohl zu fühlen und sie bereute nun ihren unbesonnenen Schritt.

Doch der Assassine tat nichts, außer ihr einfach den Rücken zu kehren und zu murmeln: „Ich bin Euch keine Rechenschaft schuldig. Verschwindet."

Alicia ballte wütend ihre Hände zu Fäusten.
So hatte es noch keiner gewagt, sie stehenzulassen! Sie, die Schwester von Robert de Sable!

„Ihr seid anmaßend, Assassine! Aber was erwarte ich von einem ungehobelten Trampel wie Euch?", fauchte die Französin und stampfte wütend mit dem Fuß auf.

Altair verharrte in seinem Schritt und wandte sich halb um.

Sein Blick ruhte nun bedrohlich auf ihr und Alicia beobachtete, wie sich die fein geschwungenen Augenbrauen zusammenzogen.

Er war ihrer überdrüssig und sie dachte sich, würde er nicht in der Situation sein, nicht fliehen zu können, würde er hier mit ihr kurzen Prozess machen.

„Ihr habt meinen Bruder getötet und eigentlich müsste ich darauf bestehen, dass Fürst Karzheim Euch richtet! Euer Leben liegt in meiner Hand, Assassine!", drohte nun die Lady und fühlte sich dabei mehr als nur lächerlich, auf so ein Mittel zurückgreifen zu müssen, doch die Wut in ihr ließ die Worte einfach fließen wie Wasser in einem abschüssigen Bachlauf.

„Dann tötet mich, aber verschont mich mit Euren unnötigen Reden," sagte der Assassine leise und drehte sich erneut um.

„Es kann Euch doch nicht egal sein! Wie könnt Ihr Euer Leben wegwerfen, als sei es nichts wert?", rief sie entsetzt und noch entsetzter hörte sie nun, wie der Assassine leise lachte.

„Weil es nichts wert ist, wenn man dazu verdammt ist, es einsam verbringen zu müssen," sagte er und Alicia zögerte.

Er wusste nicht, dass Elessa noch lebte.
Karzheim hatte Befehl gegen, Maliks Strafe umzusetzen und kein Wort über Elessa zu dem Mann durchdringen zu lassen.

Ein Lächeln schlich sich auf die Lippen der Französin.
„Ja, Ihr habt Recht!", sagte sie nun frohlockend.

„Ihr habt Recht und wisst Ihr was? Nun scheint der Tod für Euch doch keine so passende Strafe zu sein. Wie werden die Jahre für Euch sein? Erfüllt mit alten Erinnerungen und Sehnsüchten, die keine Erfüllung finden werden?", fragte sie immer noch lächelnd und wandte sich ebenfalls um.

Alicia ließ Altair in seiner Unwissenheit stehen und malte sich aus, wie ihm Zweifel und Ängste schier zerrissen.

Ein Gefühl von Mitleid überkam sie urplötzlich, doch sie kämpfte es nieder! Zu sehr war sie wegen des ungehobelten Verhaltens beleidigt.

„Nein, Alicia, ich werde ihn weder verprügeln lassen, noch auspeitschen. Warum sollte ich das tun? Er wollte Elessa doch bloß beschützen," meinte Karzheim und ging an das Fenster.

Alicia schnaufte wütend.

„Er ist... denke an Markus! Du kannst das nicht ungesühnt lassen!", meinte die Französin und Karzheim schnaufte.

„Sicherlich nicht, obgleich ich fast schon der Meinung bin, dass Markus das mit Altair selbst ausmachen sollte. Außerdem ist Malik für Altair zuständig! Malik ist für Altair ungefähr das, was ich für meine Männer bin," erwiderte Karzheim ohne sich vom Fenster abzuwenden.

„Er ist widerlich!", zischte Alicia und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Was erwartest du von einem Menschen wie ihm? Er hat seine Prioritäten ganz anders festgelegt, als beispielsweise dein Bruder, ich oder gar du. Wenn Elessa stirbt... werde ich oder Malik ihn so oder so nicht freilassen können," meinte der Fürst und strich sich durch das Haar.

„Warum nicht?", fragte Alicia und Karzheim lächelte.

„Wenn ich ihm seine Waffen zurückgeben würde, würde er sich damit selbst richten. Seine Welt würde mit Elessas Tod zusammenbrechen. Es ist einzig und allein die Hoffnung, die ihn da unten überleben lässt," sagte er leise und Alicia schnaufte und bereute nun ihre Wort zu Altair.

Es war dumm gewesen, sich so von den schweren Gefühlen und ihrem Temperament leiten zu lassen.

„Hast du schon einmal ein eingesperrtes wildes Tier gesehen? Einen Wolf? Oder gar einen Löwen? Er läuft an den Gittern hin und her, hin und her und kämpft lange, ehe er sich einfach hinlegt und stirbt. Das kann sicherlich Jahre dauern und die Augen des einst stolzen Tieres verlieren den wilden Glanz und am Ende sieht ein Wolf aus wie ein räudiger, alter Köter und ein Löwe wie eine Hauskatze, die zu alt ist, um Mäuse zu fangen und verhungern muss. Ich denke, so wird es mit Altair verlaufen, wenn all dies hier scheitert. Da kann man ihn auch gleich töten," meinte der Ritter und wandte sich vom Fenster ab.

Er trat zu Alicia und hob ihren trotzig gesenkten Kopf am Kinn hoch.

„Ich weiß, deine Gefühle für ihn sind sehr hart und die Trauer um Robert ist schwer. Halte dich einfach von ihm fern," meinte der Fürst und die Französin schüttelte den Kopf.

„Ich... ich... bin nur wütend, weil er so ignorant ist! Aber ich möchte ihn verstehen! Ich möchte Elessa verstehen," meinte sie leise und Karzheim nickte.

„Du bist viel zu neugierig. Für mich ist Altair einfach nur ein wilder Heide, während Elessa schon jemand ist, den ich zu kennen glaube."

„Was passiert mit Elessa, wenn sie aufwacht?", fragte Alicia nun und Karzheim lächelte.
„Vorerst habe ich nicht vor, sie von ihrem Eid zu entbinden. Aber... ich möchte sie auch nicht zwingen, mit nach Europa zu gehen. Dennoch werde ich ihr die Möglichkeit bieten. Ich habe in Deutschland durchaus Verwendung für sie. Wer könnte dich und meine Tochter besser schützen als ein weiblicher Soldat? Und ich weiß wasElessa kann, ich habe es ihr selbst beigebracht," meinte der Fürst und klang dabei schon fast ein wenig zu stolz.

Markus POV:

Der dritte Tag nach Maliks Erscheinen war bereits weit fortgeschritten.
Die Tage waren sehr regnerisch und nachts wurde es recht kühl.

Markus verbarg seine Bewunderung für Malik unter einer Maske von Stille und kurzen Reden.

Der Araber schien ganz anders zu sein, als der Assassine im Kerker.

Malik hatte gute Umgangsformen, war sehr gewandt in Wort und Schrift und trat ihm gegenüber offen und freundlich auf.

Oftmals begann er einige, kurze Gespräche und stellte auch die ein oder andere Frage über Adrians... Elessas Laufbahn in Karzheims Truppen.

Markus hatte ihm bald zu verstehen geben müssen, dass es ihm nicht erlaubt sei, solche Informationen preiszugeben und entweder Elessa selbst oder Karzheim zu fragen.
Der Mann war nicht beleidigt darüber und tolerierte Markus Schweigen, welches diesen als wirklich loyalen Gefolgsmann auszeichnete.

Markus saß auf einem hölzernen Schemel und beobachtete Malik, der am Tisch saß und geschäftig Notizen auf ein Pergament schrieb.

Markus konnte seine Schrift nicht lesen, doch Malik meinte, dass er Elessas Krankheitsverlauf notierte, um bei anderen Menschen die entstehenden Erkenntnisse später nutzen zu können.

Auch notierte er, dass eine der Salben der Hospitaliter weitaus effektiver war, als seine eigene.

Kräuter wie Beinwell und Arnika wirkten bei Schwellungen schneller, kühlten jedoch nicht so stark wie Pfefferminz, was durchaus bei schwachen Kreisläufen, bedingt durch hohes Fieber und Schockzuständen, vorteilhaft war.

Auch wenn ein hohes Fieber sehr bedrohlich war, war es nicht klug, die Körpertemperatur zu schnell zu senken.

Die Wadenwickel mit lauem Wasser waren laut ihm eine sehr gute Idee gewesen. Wenn sich die Temperatur des Wassers nur wenige Grade unter der aktuellen Körpertemperatur befand, war dies meistens sicherer, als zu kalte Umschläge zu machen.

Fieber war ebenfalls ein körpereigener Schutz vor Infektionen gewesen.

Johanniskrautöl wirkte im gewissen Maße gegen Blutergüsse, doch Malik war bei Elessas Fall der Meinung, dass der Körper dies selbst übernehmen sollte, sobald das Fieber abklingen sollte.

Dennoch nutzte er dieses Kraut, um die Atemwege zu unterstützen und die Unruhezustände und Schmerzen zu dämpfen.

Auch Markus kannte dieses Gewächs und wunderte sich bald, wie sehr sich die Heilkunde von Malik mit seiner eigenen ähnelte und wie viel sie voneinander lernen konnten.

Er ergänzte Maliks Notizen über die Wirkung dieses Krauts, welches er unter den Namen „Hartheu" und „Alfblut" kannte, mit folgenden Worten wie: blutstillend, durchblutungsfördernd, entzündungshemmend und harntreibend.

Des Weiteren informierte er Malik darüber, dass er die Pflanze erfolgreich bei Erkrankungen des Verdauungstrakts und Gelenke und Knochen verwendet hatte.

Er selbst schrieb sich auf, dass man es bei Frauen, die niederkamen, oder wenn sich das Alter bei ihnen niederschlug, nutzen konnte.

„Wir nutzen es auch bei Verletzungen wie Stichwunden, Verbrennungen, Beulen und Geschwüren," sagte der Franke und Malik nickte und machte sich weitere Notizen.

„Euer Wissen ist umfangreich, Markus," bemerkte er und der Mann lächelte sanft.
„Das eignet man sich an, wenn man Kinder hat, die alle Tage heimkommen und irgendeine Schramme vorweisen, oder sich mal den Arm brechen," meinte dieser und Malik sah zu ihm auf.

„Ihr habt Kinder? Wie viele?", fragte er und Markus Lächeln wurde etwas schwermütiger.

„Zwei Mädchen, einen Buben," antwortete er und Malik lächelte nun ebenfalls.
„Ich habe vier Töchter," meinte Malik und sein Grinsen wurde breiter.
„Gott straft mich wohl, für meine Jugendsünden," meinte er und Markus lachte leise.

„Nun, entweder man hat liebreizende Töchter, um deren Wohl Ihr mehr besorgt seid, als um Euer eigenes, oder Ihr habt einen Sohn, der in einen Krieg zieht und den Ihr vielleicht niemals wiederseht", meinte der Mann und Malik nickte.
„Es sind fürchterliche Zeiten für Kinder," gab er zu und Markus nickte.
„Ich bin seit sechs Jahren von Zuhause fort, ich frage mich, wie es ihnen geht," murmelte der Franke und blickte nun mit distanziertem Ausdruck aus dem Fenster.

Malik schwieg darüber. Auch für ihn war es oftmals sehr bitter, von seiner Familie getrennt zu sein und schwermütig dachte er an Mesha, die er voller Sorge nach Jerusalem schickte, wo sich seine beiden anderen Frauen und Töchter befanden.

Mesha war als dritte Frau in der Hierarchie, welche sich inoffiziell unter den Frauen gebildet hatte, an unterster Stelle und er war besorgt um die schöne und liebevolle Tochter des Bäckers.

Wenn dies hier alles vorbei sein würde, würde er sie zurück nach Masyaf kommen lassen, um endlich die junge Ehe mit ihr genießen zu können.

Malik behandelte seine Frauen ausnahmslos alle gut und hatte jeder einen eigenen Haushalt einrichten lassen.
Nur Mesha lebte zurzeit noch bei ihrer Familie in Masyaf, während sie auf Malik gewartet hatte und ihrem Vater in der Bäckerei zur Hand gegangen war.

Die Frauen hatten untereinander wenig Kontakt, welches von seiner ersten Frau sehr begrüßt wurde. Sie konnte ihm nach einer Zwillingsgeburt keine weiteren Kinder schenken und war somit einverstanden, dass er eine zweite und dritte Frau ehelichte, solange sie keine Einbußen zu befürchten hatte. Dennoch war sie bald eifersüchtig, wenn er zulange von ihr fernblieb, also verbrachte Malik die meiste Zeit in Jerusalem bei ihr.

Er hoffte dennoch inständig, dass Mesha ihm endlich einen Sohn schenken würde, und wie sehr konnte er seine Frauen und Kinder nun auf Händen tragen, mit dem Stand, den er nun genoss?

Markus Stimme holte ihn aus seinen wandernden Gedanken zurück.

„Sie... sie bewegt sich!"

Ende Kapitel 19