Der abgetrennte Zopf
Kapitel 20 „Der Anfang vom Ende!"
Schmerz!
Meine Welt war voller Schmerz.
Ich war wach. Spürte alles um mich herum. Kälte, Wärme, Berührungen! Hörte Stimmen!
Markus, Fürst Wilhelm und... Malik!
Was...? Wie kommt Malik...?
Wo war ich? Wo haben sie mich hingebracht? Befand ich mich nun wieder in Masyaf?
Warum konnte ich meine Augen nicht öffnen?
Es war finster und nicht mal ansatzweise konnte ich mich bewegen. Mein Körper gehorchte mir nicht.
Ich war da, aber ich war nicht Herr über mich selbst.
Also... war ich doch nicht da, oder?
Nur nach und nach spürte ich, wie ich wieder Kontrolle über meinen Körper erlangte.
Zunächst waren es nur meine Beine. Sie wirkten auf mich schwer und zuerst glaubte ich, dass sie nicht zu mir gehörten.
Dann kroch ein stetiges Kribbeln über meinen Unterkörper bis hoch zu meiner Brust. Dort meldete sich auch wieder der Schmerz zurück. Dumpf und pochend, reißend und spitz. All dies im stetigen Wechsel.
Meine Arme waren ebenfalls schwer und nur schwach empfand ich dort Leben.
Mein Mund war trocken. Er fühlte sich an, als hätte ich Sand darin.
Meine Zunge klebte und kam nur sehr langsam in Bewegung.
Doch sie schien ebenfalls taub zu sein und ihrer tastenden Funktion beraubt.
Mein Kopf... mein Kopf schmerzte so sehr.
Mein Hals fühlte sich steif an, als ich versuchte den Kopf zur Seite zu drehen. Es schmerzte alles so sehr.
„... ich ...Wasser...", ich spürte, wie sich mein Mund bewegte. Die Lippen rissen dabei auf und ich spürte, wie kleine Wunden dort scheinbar wie aus dem Nichts auftauchten.
Ein Arm schob sich unter meinen Rücken und ich wurde langsam und vorsichtig aufgerichtet.
Dann spürte ich ein Gefäß an meinen blutigen Lippen und wie sich Feuchtigkeit an ihnen ausbreitete.
Dieses Wasser war mir plötzlich das Kostbarste und es wirkte auf mich wie eins der edelsten und reinsten Artefakte.
Was bedeutete Geld, wenn man dadurch nicht das simpelste aller Lebensbedürfnisse stillen konnte?
In solchen Augenblicken bedeutete es nichts.
Mein Mund erhielt sein feuchtes Milieu zurück und das Wasser floss kühl und beruhigend durch meine Kehle.
Mein Körper würde dies mehr als nur willkommen heißen.
Nach schier endloser Zeit schaffte ich es nun meine Augen zu öffnen.
Das Tageslicht schmerzte in ihnen und sie begannen sofort zu tränen. Ich kniff die Augen wieder zusammen und erneut dauerte es eine längere Zeit, ehe der Schmerz nachließ und ich es erneut wagen konnte, sie zu öffnen.
Ich drehte den Kopf leicht und sah nun, wie Markus mich im Arm hielt und mich besorgt musterte.
„Du hast es geschafft", murmelte er erleichtert und lächelte sanft.
Ich hob meinen Blick und entdeckte Malik neben ihn.
„Ohne mich, wäre Malik tot... nicht wahr?"
Auch sein Blick ruhte besorgt auf mir und er wirkte angespannt und müde.
„Es sah nicht danach aus", murmelte der Araber und fuhr sich mit der Hand über das schweißnasse Gesicht.
Ich hatte nicht die Kraft, um antworten zu können.
Der Schlaf übermannte mich erneut noch bevor Markus mich zurücklegen konnte.
Aus Bewusstlosigkeit wurde ein tiefer, traumloser Schlaf. Das Fieber senkte sich von nun an merklich und verharrte bald bei einer Temperatur, die weit weniger besorgniserregend war.
Immer wieder wachte ich für kurze Zeit auf, warf einen Blick durch den nach meinem Geschmack viel zu hellen Raum, trank und schlief bald erneut ein.
Es vergingen weitere drei Tage, ehe ich das erste Mal länger wach sein und meine wenigen Kräfte es erlauben würden, zu sprechen.
Immer, wenn ich die Augen zwischendurch öffnete, saß jemand an meinem Bett, oder es befanden sich mehrere Leute in diesem Raum. So entdeckte ich auch recht früh, dass Alexander, Manfred, Karl und Frank bereits über mich Kenntnis hatten.
Sie lächelten, winkten mir zu, doch war ich lange noch zu schwach, um reagieren zu können.
Jedes Lächeln, jede Bewegung, und sei sie noch so klein, beförderte mich geradewegs zurück in die Tiefen dieses Schlafes.
Lange Zeit hatte ich das Gefühl, zwischen Tod und Leben zu wandeln.
Es dauerte sehr lange, ehe ich endlich die Augen öffnen konnte und meine ersten Worte zu sprechen wagte.
„Wo... bin ich?"
Meine Stimme war ein Flüstern, schwach und wohl kaum zu hören.
Markus trat zu mir ans Bett und wischte mir mit einem feuchten Tuch über das schweißnasse Gesicht.
„In Akkon, in De Sables Haus. Erinnerst du dich? Karzheim brachte dich hierher", sagte er ebenfalls leise und ich konnte ein leises Stöhnen nicht unterdrücken.
„Gott sei Dank", murmelte ich und hob ein wenig den Kopf an.
„Ich fürchtete, man hätte mich nach Masyaf gebracht."
Markus lächelte sanft.
„Fürst Karzheim brachte Masyaf zu dir. Zumindest Malik", sagte er und ich nickte leicht.
„Malik... wo ist Malik?", fragte ich leise und Markus senkte sanft den Kopf.
„Im Kerker, bei Altair", murmelte er leise und ich runzelte erschrocken die Stirn.
„Nein, Malik ist nicht eingesperrt. Aber Altair... wir konnten ihn nicht frei lassen! Er verlor den Verstand, als er dich in diesem fürchterlichen Zustand antraf. Wir hatten keine andere Wahl!", beeilte Markus sich zu erklären und ich schluckte hart.
„Was ist geschehen?", erkundigte ich mit sanfter Stimme und Markus erzählte mir, was in den vergangenen Tagen, während meiner geistigen Abwesenheit, geschehen war.
Nur zu bildlich sah ich, wie Altair sich über mich beugte, wie er schrie, raste, tobte und im Begriff war zu töten!
Markus, meinen Freund und Retter, zu töten! Einen Unschuldigen...
Dieser Mann war mir im Laufe der beiden Jahre sehr wichtig geworden! Wie ein leiblicher Bruder!
Altair war im Begriff gewesen, diesen mir wertvollen Menschen zu zerstören! Aus seiner puren Wut heraus hätte er Alicia und Markus beiden ein Leid angetan. Dessen war ich mir sicher und ich war mir wiederum nicht sicher, ob selbst ich ihn hätte aufhalten können.
Und selbst wenn...
„Ist der Fürst zu sprechen?", fragte ich meinen Waffenbruder leise und Markus musterte mich aus seinen blauen Augen, ehe er nickte.
„Ich rufe ihn rein, er wollte so oder so mit dir sprechen, sobald du kannst", antwortete der Franke, stand auf und verließ das Zimmer.
„Ich sagte ja, so Leute wie du werden alt! Elessa! Es gibt Neuigkeiten, doch ich befürchte, dass sie nicht unbedingt positiv sein werden. König Richard kehrt nach England zurück, Akkon platzt aus allen Nähten und es sieht nicht danach aus, als ob wir noch lange hier bleiben würden!", sprach der Fürst noch bevor die Kante meines Lagers oder Betts, erreichte.
„Fürst Karzheim! Zu lange habe ich nun geruht! Mein Körpergefühl ist taub und schwach. Verzeiht mir", murmelte ich leise und der Mann lächelte sanft und setzte sich vorsichtig zu mir.
„Die Strafe für deine Lüge wählt wohl Gott selbst", erwiderte er mit ruhiger Stimme und ich lächelte vorsichtig.
„Was passiert nun mit mir? Nun bin ich Euch wohl nicht mehr vom Nutzen, nicht wahr?", fragte ich wobei meine Stimme leider nicht halb so sicher klang, wie ich es gerne gehabt hätte.
„Ich hätte dir nicht deinen struppigen Schädel gerettet, wäre es nicht so. Aber ich möchte deine Treue nicht erzwingen. Es gibt keine schlechteren Soldaten, als solche", antwortete der Fürst und ich nickte.
Mein Herz hämmerte in meiner Brust und es dauerte lange, ehe ich endlich den Mut gefasst hatte, die für mich alles entscheidende Frage zu stellen.
„Nehmt Ihr mich mit? Nach Europa?", fragte ich und Karzheims Lächeln wurde breiter.
„Natürlich. Aber was ist mit Altair?", fragte er und ich senkte meinen Blick und biss nachdenklich auf die Lippe.
„Vielleicht würde er mitkommen wollen?", fragte ich leise und Karzheim schüttelte den Kopf.
„Ein Mann mit solcher Gesinnung wird mir nie folgen. Aber vielleicht dir zu liebe? Das wäre möglich. Dennoch wäre ich beunruhigt, ihn in meiner Nähe zu wissen", erwiderte der Ritter und ich seufzte.
„Ich will meine Freiheit nicht verlieren, Herr. Zu sehr und zu lange musste ich kämpfen. Ich möchte aber auch Altair nicht verlieren", sagte ich und Karzheim nickte.
„Das verstehe ich, auch wenn ich fürchte, dass du auf eines von beiden unweigerlich verzichten musst", sagte er und ich nickte.
„Frage Altair, vielleicht möchte auch er nun einen anderen Weg gehen. Was aber wirst du tun, wird er es ablehnen?", fragte Karzheim und ich hob nun den Kopf und sah dem Ritter fest in die Augen.
„Ich habe meinen Weg gewählt, ob mit oder ohne Altair, ich folge Euch nach Europa. Das Morgenland ist mir wir ein Alptraum, durch den ich nur sicher wandelte, weil Ihr und meine Brüder hinter mir gestanden habt. Sterben vor Sehnsucht würde ich jeden Tag, solltet Ihr nicht mehr da sein, und ich dazu verdammt bin in einem Haus einsam zu sitzen und auf den nächsten Tag zu warten", raunte ich und sank in die Polster zurück.
Ich sprach nicht mit Malik über mein Vorhaben. Ich wollte es zunächst nur Altair sagen, da ich von Karzheim wusste, welches Amt Malik nun bekleidete, und somit befürchten musste, dass er Altair in seiner Entscheidung beeinflussen würde.
Tag um Tag zielten meine Bemühungen darauf ab, aufstehen zu können ohne gleich wieder zu stürzen. Bereits drei Tage, nachdem ich aufgewacht war, war ich fähig herumzulaufen und ich war nun unweigerlich wieder auf dem Weg der Besserung.
Dies war dann auch der Moment, als ich der Konfrontation mit Altair, welcher immer noch verwahrt wurde, nicht mehr ausweichen konnte.
Immer und immer wieder ging ich die Worte durch, welche ich ansetzen wollte.
Immer und immer wieder zweifelte ich, zögerte ich, und immer und immer wieder kam ich zu dem Entschluss, dass es für mich kein Zurück nach Masyaf mehr geben würde.
Als Altair mich sah, war er aufgestanden, doch ich betrat die Zelle, ergriff seine Hand und setzte mich, ihn hinter mich herziehend, auf den kalten Steinboden.
„Ich danke dir, dass du wieder für mich gekommen bist. Das zeigt mir, wie wichtig ich dir bin", murmelte ich dem Assassinen zu, welcher mich schweigend musterte, meine Hand lediglich in seiner hielt und darauf wartete, dass ich noch mehr sagte.
„Altair, mir tun sich zwei Wege auf. Der nach Europa, und der nach Masyaf. Wir, du und ich, haben die Möglichkeit auf ein neues Leben. Ohne die Assassinen, ohne die Verpflichtung! Ich habe Geld sparen können und als Karzheims Vasallen würde es uns dort gut gehen", murmelte ich ihm leise zu und Altair hob nun seinen Kopf und blickte mich so entsetzt an, als hätte ich ihm einen Schlag ins Gesicht verpasst.
„Das ist nicht dein Ernst. Weißt du, was du da sagst?", fragte Altair nun leise und ich seufzte.
„Natürlich weiß ich das. Ich liebe dich, Altair, doch ich will mit dir in Frieden leben, ohne jeden Tag Angst zu haben, dass du nur noch in Fetzen von einen Auftrag zurückkehrst oder dass der nächste Assassine mir in der Nacht auflauert und ich wieder fliehen muss, sollte mir dies überhaupt noch einmal möglich sein! Für sie bin ich nichts weiter als eine lügende Frau! Ein Verräter in den eigenen Reihen. Meine Taten zählen nicht, und egal was ich tue, nichts wird zählen, weil ich eine Frau bin."
„Ich kann die Bruderschaft nicht hinter mich lassen! Ich lebe für diese Aufgaben", murmelte Altair und ich ließ nun seine Hand los und setzte mich etwas bequemer hin.
„Aber für mich nicht?", fragte ich leise und beobachtete nun angespannt Altairs Gesicht.
Doch seine Reaktion war mehr als nur überdeutlich.
Er schüttelte den Kopf. Zögerte dabei nicht mal lange und ich spürte nun die Enttäuschung auf mich hereinbrechen wie ein altes, baufälliges Haus.
„Was soll das heißen, Altair?", ich strich mir unsicher mein strähniges Haar hinter die Ohren und atmete schwer aus, „Dass es vorbei ist? War's das schon gewesen? Das kannst du doch nicht ernst meinen!"
Er blieb stumm und meine Beklommenheit wuchs ins Unermessliche. Meine Augen brannten auf einmal und ein riesiger Kloß formte sich in meiner Kehle. Dennoch wagte ich es, weiterzusprechen.
„Ehrlich gesagt habe ich nicht erwartet, dass du mir folgst oder auf mich wartest. Die Bruderschaft scheint dir wichtiger zu sein als ich. Egal was passiert, egal was kommen mag, ich werde wohl immer unweigerlich an zweiter Stelle stehen."
Als ich mit den letzten Worten fertig war, war meine Stimme nur noch ein leises Flüstern. Mir schmerzten meine eigenen Worte so sehr in meinen Ohren! Ich konnte es kaum ertragen, sie selbst zu hören. Wie blanker Hohn wirkten sie auf mich! Ich hatte es gewusst und war dennoch hierher gekommen, um ihn zu bitten!
„Alles, was ich sehen kann, ist, dass dir deine Lüge und dieser Fürst mehr bedeuten, als mir treu zur Seite zu stehen", zischte er und ich schüttelte langsam den Kopf. Altairs Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen und ich sah deutlich die Wut auf seinem Gesicht. Welchen Frevel maßte ich mir nun wieder an?
„Verstehst du nicht, dass mir meine Freiheit so wichtig geworden ist? Oder kannst du es nicht, weil du ja schon immer frei gewesen bist? Ich werde mich nicht mehr beugen, Altair!"
Mittlerweile hatte ich meine Stimme wiedergefunden und war unendlich froh darüber. Damit musste dieser Mann doch zur Einsicht getrieben werden können! Wieso verstand er mich plötzlich nicht? Ich war mir sicher, dass er genau wusste, wie ich mich fühlte!
„Komm mit mir, Altair!", um meine Worte zu bekräftigen zog ich leicht an seinem Ärmel, „Was gibt dir die Bruderschaft noch? Hat Al Mualim dich nicht auch betrogen?", fragte ich ihn hoffnungsvoll.
Doch er zog seinen Arm von mir weg und grollte: „Al Mualim hat mit meiner Grundeinstellung kaum etwas zu tun, Elessa. Das verstehst wiederum du nicht, denn du bist kein Assassine, kennst unsere Vergangenheit nicht, weißt nichts von unserem Kredo und noch viel weniger weißt du was über mich oder kannst das, was ich tue, nachvollziehen."
Damit kam mir der schreckliche Gedanke, hier gegen ihn verloren zu haben. Die Gewissheit schlug sich auf mich nieder und ich spürte, wie ich unter ihrer Last schier zusammenzubrechen drohte. Ich resignierte.
Wieder war der lästige Kloß da und ich presste nur noch mit Mühe die letzten Worte hervor bevor ich aufstand, um zu gehen: „Dann soll es so sein. Ich werde meinen Weg gehen und du deinen. Vielleicht sehen wir uns eines Tages wieder. Leb wohl, Altair ibn La Ahad."
„Wie wird es mit dir weitergehen? Dort draußen in der Fremde? Bei den Franken?", rief mir Altair hinterher und ich blieb in der Zellentür stehen, ohne mich umzublicken.
Seine Stimme klang fest, fast spottend und so unglaublich wütend! Mir kam der Eindruck, dass es ihm nun gleichgültig war, dass ich ging!
„Altair, dort draußen", bitter wiederholte ich sein eigens gewähltes Wort, „bei den Franken, bin ich nicht fremd, denn ich bin selbst ein Franke, ich gehöre zu Karzheim und werde ihm folgen. Ob ich in Masyaf auf den Tod warte, weil man mich als Frau verachtet, oder ob ich mit meiner Lüge untergehe, ist doch gleich. In beiden Richtungen gibt es keine Hoffnung für mich, nur Wut, nur Schmerz. Für uns ist da kein Platz…", beendete ich unsere Unterhaltung und wie ein brutaler Schlag ins Gesicht kam die Erkenntnis, dass wir nie eine Chance gehabt hatten.
Ich konnte ihn plötzlich nicht mehr ertragen. Völlig verunsichert von meiner und unserer gemeinsamen Vergangenheit und von dem, was nun in Zukunft auf mich zukommen würde, sowie der im Grunde missglückten Verabschiedung von Altair, ließ ich ihn scheinbar unbeeindruckt in der Zelle sitzen und lief mit immer schneller werdenden Schritten durch den Zellentrakt zum Ausgang.
Maliks POV:
„Und das hat er einfach so hingenommen?", fragte der Araber und blickte zu Elessa auf.
Diese saß am Tisch vor ihm und hatte sich auf die Platte gestützt.
Ein leichtes Nicken, mehr kam nicht als Antwort.
„Er hatte ja auch kaum eine andere Wahl, schließlich saß er ja schon im Kerker", raunte sie und Malik seufzte.
„Du bist dir wirklich sicher, dass du nicht mit uns nach Masyaf zurückwillst? Für Altair ist das eine massive Beleidigung, andere Frauen werden wegen so etwas totgeschlagen", sagte Malik weiter, doch Elessa zuckte nur mit den Schultern.
„Man wollte mich schon wegen geringeren Sachen totschlagen", erwiderte diese mit bitterer Stimme und Malik sah aus den Augenwinkeln, wie sich einer der Soldaten nun bewegte.
Alle fünf, inklusive Karzheim, befanden sich in diesem Raum. In den letzten Tagen hatten sie gemeinsam ihre Mahlzeiten hier eingenommen und am Tisch gesessen, doch heute saßen nur er, Elessa und Karzheim während die anderen im Raum verteilt standen und neugierig und kritisch dem Gespräch lauschten.
„Das stimmt wohl und es tut mir sehr Leid, dass du all dies mitmachen musstest. Auch wenn ich von deinen Zukunftsplänen nicht viel halte. Du willst mit deiner Lüge gehen, weil du vor der Wahrheit Angst hast und sie nicht ertragen kannst, weißt du das?", fragte Malik nun, wobei seine Stimme leiser wurde.
Elessa nickte.
„Dessen bin ich mir bewusst, Malik, aber... es gibt kein Zurück mehr, denn selbst du könntest mich nicht vor ihrem Urteil und ihren Blicken schützen. Ich habe keine Chance auf ein normales Leben, nicht wahr? In Masyaf gibt es keine neutrale Meinung über mich. Ich bin ein Franke für sie, ein Verräter und vielleicht sogar ebenso ein Monster, wie Altair es für einige von uns ist", erwiderte sie und Malik seufzte leise.
„Leider hast du mehr als Recht. Masyaf steht in deiner Schuld, somit will ich dafür sorgen, dass Altair deinen Frevel nicht sühnt. Du bist wieder auf den Beinen, wenn ich auch der Meinung bin, dass du das Bett weiterhin hüten solltest, und ich denke, du benötigst meine Hilfe nun nicht mehr. Ich habe meine Schuldigkeit gegenüber dem Fürsten getan und möchte nun wieder nach Masyaf reiten. Ich hoffe, dass Karzheim Wort hält", meinte Malik und Elessa nickte.
„Er wird, Malik. Doch wie willst du Altair dazu bewegen, dir zu folgen ohne mir vorher das Fell über die Ohren zu ziehen?", fragte Elessa nun und Malik lächelt freudlos.
„Mit einem Friedens- und Nichtangriffspakt", antwortete er und blickte zu dem Fürsten, der sich nachdenklich durch den Bart strich.
Der Fürst selbst räusperte sich und sagte: „Kommt her, und zwar alle. Auch du, Alicia, ich weiß, dass du lauschst!"
Die Französin kam entnervt grollend aus einer dunklen Nische heraus zum Vorschein.
Karzheim lächelte sanft und ließ sie an seine Seite treten, während Elessas Waffenbrüder sich um den Tisch herum aufstellten.
„Ihr seid alle Zeugen von den Ereignissen der vergangenen Tage geworden. Jeder hat seinen Teil zu Elessas Rettung beigetragen, dafür danke ich euch allen. Ich weiß, dass ich mich auf euch sechs immer verlassen konnte, und ich weiß auch, dass ich es weiterhin kann. Ihr seid stark, weil ihr zusammenhaltet wie kaum ein anderer in meinen Reihen. Weder die Sarazenen noch die Templer konnten euch schrecken und selbst als es hieß, dass wir nach Masyaf reiten würden, habt ihr meine Entscheidung nicht einmal angezweifelt. Ich möchte, dass ihr alle mir schwört, über das, was nun geschehen ist, Stillschweigen zu bewahren. Adrian bleibt Adrian, nichts hat sich verändert. Gar nichts", sagte Karzheim und plötzlich erfüllte ein metallisches Zischen den Raum, als alle Waffenbrüder ihre Schwerter zogen.
Malik zuckte unwillkürlich zusammen, als er sah wie die Männer mit ihren Schwertern dastanden und diese dann mit der Spitze zu Boden vor sich aufstellten.
„Adrian bleibt Adrian, nichts hat sich verändert", wiederholte nun Markus als erster und die anderen Soldaten stimmten in den Schwur mit ein.
Karzheim nickte.
„Sehr gut. Ihr wisst, was auf Eidbruch steht? Hier gelten die Gesetze aus Xanten, unserer Heimat. Nach unseren Gesetzen hin wird ein Eidbrecher, egal ob der Bruch des Eides dem Recht oder Unrecht dient, durch den Scharfrichter hingerichtet. Zuvor erhält derjenige einhundertfünfzig Hiebe mit der Rute. Ruft euch das allen ins Gedächtnis, auch du, Alicia", sprach der Fürst und wandte sich nun an Malik.
„Nun Malik Al Sayr, lasst uns unseren Friedenspakt schriftlich niederlegen. Ich fürchte, diese Nacht wird lange werden. Und du... verschwinde in dein Bett. Du bist schon wieder ganz blass! Nimm deine Medizin und keine Widerrede oder ich lass deine Brüder dich damit vollstopfen bis du fast platzt!", grollte der Fürst Elessa entgegen und die ging ohne ein weiteres Wort aus dem Raum.
Elessas POV:
Die Enttäuschung, dass Altair es so vehement abgelehnt hatte, mit mir ein anderes Leben zu beginnen, war sehr stark in mir vertreten. Stärker als ich es mir nun doch eingestehen wollte.
Auch das kurze Glücksgefühl über Maliks Zustimmung und den Schwur meiner Brüder konnte die Trauer in meinem Innern nicht vertreiben.
Ich war ihm nicht wichtig genug!
Das tat weh! Die Bruderschaft hatte ihm doch wohl kaum etwas Gutes getan! Mich wollten sie töten, damit sie ihn lenken konnten und seine Fähigkeiten hatten sie so schamlos ausgenutzt, dass es für mich fast an Sklaverei grenzte. In diesem Moment verstand ich Altair überhaupt nicht.
Dennoch! Ich musste akzeptieren, dass Altair sich nun mal für die Assassinen entschieden hatte, und gegen mich.
Die kurze Zeit, die wir zusammen verbringen durften, war schön gewesen. Kurz, und doch werde ich sie nie vergessen können.
„Ich freue mich, dass du mit uns reist, Elessa. Europa wird dir gefallen! Xanten ist wunderschön", sagte Markus, der mir gefolgt war und reichte mir einen Tonbecher mit dem widerlichen Gesöff, welches ich seit ich wach war, mehrfach am Tag trinken musste.
„Ja, auch ich bin sehr gespannt darauf, Markus. Danke, dass ihr alle so hinter mir steht", meinte ich leise und der Franke lächelte sanft und setzte sich neben mich auf die Bettkante.
„Du gehörst zu uns, egal was kommt! Du hättest uns auch keinen Augenblick im Stich gelassen", meinte er und ich lächelte dankbar und trank von diesem Zeug.
Malik erzählte mir am folgenden Tag, dass Altair nichts zu dem Friedenspakt gesagt hatte. Er hatte kein einziges Wort des Widerstands geäußert und lediglich gesagt, dass er für die Bruderschaft weiterhin zu Diensten stand.
„Ich schätze, er hat damit gerechnet und möchte schnell von hier weg", sagte Malik und ich nickte seufzend.
„Komm, ich will dir was zeigen", meinte ich zu ihm und stand von meinem Sitzplatz auf.
Malik folgte mir in De Sables Rüstkammer, wo ich ein Schwert von der Wand nahm.
„Ich glaube, es gehörte deinem Bruder. Hier, sieh mal. De Sable sprach davon, dass er einen Assassinen in Salomons Grabmal tötete", meinte ich und reichte Malik das Schwert.
„Es ist Kadars", flüsterte er leise, noch bevor er das Schwert richtig betrachtet hatte.
„Da sind noch andere Sachen, aber über den Verbleib des Leichnams konnte ich leider nichts in Erfahrung bringen, tut mir Leid", meinte ich und trat einen Schritt zur Seite, um den Mann die weiteren Ausrüstungsgegenstände begutachten zu lassen.
„Das muss es nicht", meinte Malik und blickte mich aus seinen dunklen Augen an.
„Wir leben für die Bruderschaft und sterben für ihre Ziele. Das ist auch der Grund, warum Altair nicht mit dir geht. Die Bruderschaft ist weit mehr, als einfach nur ein Haufen Mörder, Elessa. Bitte versteh das", sagte er und ich nickte sanft.
„Karzheims Armee ist ja auch für mich mehr, als nur ein Haufen Wilder. Sie sind mein Zuhause Malik, und so wird es sich bei euch auch mit Masyaf verhalten. Malik? Sind wir noch Freunde oder sind wir nun Feinde?", fragte ich und meine Stimme klang dabei leise und nur schwer kamen mir diese Worte über die Lippen.
Malik lächelte sanft, stellte das Schwert an die Wand und umarmte mich.
„Du kannst Fragen stellen, Elessa! Auf ewig Freund bin ich dir. Du hast mir in Jerusalem das Leben gerettet, obgleich du wusstest, dass ich ein Assassine bin und dank dir fiel meine Familie und viele andere nicht den Templern zum Opfer. Doch dieser Abschied ist scheinbar für immer, denn sobald du in das Abendland aufbrichst, wird die Distanz kaum mehr zu überwinden sein", meinte das Oberhaupt von Masyaf und küsste nun sanft meine Stirn.
„Es schmerzt, dich auf diese Art dennoch verlieren zu müssen. Danke für alles, Malik! Ich kann nichts ungeschehen machen, noch kann ich nicht in Gold abwiegen, was du für mich alles getan hast", sagte ich und Malik schüttelte sanft den Kopf.
„Geh deinen Weg, Elessa. Du hast ihn dir selbst erschaffen und nun musst du ihn auch meistern. Nie habe ich so eine Geschichte wie deine gehört. Ich werde sie meinen Kindern erzählen und nie wirst du aus unserer Geschichte ganz verschwinden, so wie auch Altair", murmelte er und klopfte mir sanft auf die Schulter.
„Ich werde dir Kadars Sachen einpacken lassen und auch Altairs gebe ich dir zurück. Grüße Mesha von mir, wenn du heimkehrst und... und achte auf Altair, ja?", murmelte ich und Malik nickte.
„Werde ich. Sehen wir uns noch einmal, bevor wir morgen losreiten?", fragte Malik, doch ich schüttelte den Kopf.
„Fürst Karzheim meint, dass es für mich besser wäre, wenn ich hier bleibe oder ins Lager zurückgehe. Er sagte, dass ich Altair in Erinnerung haben soll, wie es zuvor war, und nicht wie er nun zu mir steht. Wenn er mich nun hasst, dann geschieht es mir Recht, Malik, und es wird ihm helfen, mich zu vergessen. Es gibt noch andere Frauen. Gute Frauen. Jemanden wie mich an der Seite zu haben, bedeutet Schmach und Gefahr."
Malik ließ meine Worte auf sich wirken, ehe er seine verbliebene Hand auf meine Wange legte und meinen Kopf anhob, um mir noch einmal in die Augen sehen zu können.
„Dann lebe wohl, Tochter Jerusalems, Sohn Akkons. Möge dir das Abendland den Frieden bringen, den du dir so sehnsüchtig wünschst. Auf dass sich unsere Wege kreuzen und auf dass unsere Herzen dabei nicht mehr so schwer sein mögen", flüsterte er leise und küsste sanft meine Lippen zum Abschied.
Malik grinste leicht, als mir die Röte ins Gesicht schoss.
„Warum wirst du denn so rot?"
„Werde ich doch gar nicht!"
POV:
Malik, gefolgt von den fünf Soldaten und Fürst Karzheim, holten Altair in den frühen Morgenstunden aus dem Kerker.
Der Assassine sprach kein einziges Wort, weder zu den Franken, noch zu Malik.
Malik hatte gesehen, wie er nach Elessa Ausschau gehalten hatte, und wirkte anschließend noch frustrierter, als er sie nicht entdeckte.
„Komm, Altair, lass uns nach Hause gehen", sagte Malik und Altair folgte dem Araber ohne Widerspruch oder Gegenwehr.
Karzheims Trupp begleitete beide zum Westtor, wo bereits Liakun und Maliks Pferd gesattelt auf sie warteten.
Altair setzte sich ohne zu warten in den Sattel und blickte Malik zornig an, als dieser sich noch einmal zu dem Fürsten herumdrehte.
„Ihr haltet Wort, Fürst Karzheim. Dafür danke ich Euch. Lasst mich wissen, solltet Ihr wieder in diese Länder kommen. Masyafs Tore stehen für Euch offen", sagte Malik und ignorierte das ungehaltene Grollen, welches aus Altairs Richtung kam.
„Nun, Malik. Das gilt ebenfalls für Euch, solltet Ihr dereinst mal auf die Idee kommen, in das Abendland zu reisen. Burg Kelsen bietet Euch Herberge und Schutz, darum zögert nicht, dieses einzufordern, solltet Ihr in der Nähe sein", meinte der Fürst unbeschwert und reichte Malik zum Abschied die Hand.
Malik schüttelte diese, wobei ihm der Franke beinahe die Finger brach und saß nun selbst auf.
„Gute Reise, Friede sei mit Euch", meinte Malik und Karzheim nickte.
„Ebenso mit Euch. Lebt wohl", antwortete der Franke, blieb noch einen Augenblick an der Stelle stehen und beobachtete, wie die Beiden auf die Straße abbogen und im morgendlichen Nebel verschwanden.
„Puh, das verlief glatter als gedacht. Ich machte mir schon Sorgen, dass Altair wieder... Gott sei Dank ist der weg! Ich konnte nachts kaum schlafen!", meinte Alexander als sie allesamt durch die dunklen Straßen zurückliefen.
„Auch ich machte mir Sorgen, doch nun sollten wir den Aufbruch vorantreiben, bevor wir keine Schiffe mehr bekommen und doch über den Landweg gehen müssen", meinte Karzheim und Manfred nickte.
„Ich gehe später gleich zum Hafen und organisiere unsere Abfahrt, Herr. Wir sind schon viel zu lange hier", meinte der Franke und Karzheim nickte.
„Recht hast du. Nun denn, seht zu, dass ihr alles Nötige veranlasst! Ich muss mich noch um eine andere wichtige Sache kümmern!"
„Na, was das wohl für eine wichtige Sache ist?", fragte Alexander und grinste verschmitzt.
„Halt dein vorlautes Mundwerk und gewinne Land, bevor ich mich vergesse!", grollte der Fürst und Alexander brachte zwischen Karzheim und sich einige Meter Abstand.
Altairs POV:
„Altair? Hörst du nicht? Warum hast du sie so einfach gehen lassen? Nach all dem?", fragte Malik und endlich hob der andere Assassine den Kopf an und musterte seinen Freund und Anführer.
„Im Endeffekt hat sie natürlich Recht mit dem, was sie sagt. Dass sie ein anderes Leben möchte, kann ich ihr nicht einmal verübeln, aber... dass sie so einfach all das, was zwischen uns war, vergessen kann und will, dafür hasse ich sie, Malik! Ich hielt sie nicht auf, denn ich weiß nicht, was ich getan hätte, hätte ich sie noch einmal zu Gesicht bekommen!Und du sagtest ja, dass ich und meine unkontrollierbare Wut schon zu viel Schaden angerichtet haben. Das will ich nicht mehr, Malik!", sagte Altair nun und trieb sein Pferd etwas dichter an Maliks.
„Also hast du nun wieder etwas gelernt?", fragte Malik und Altair nickte.
„Ich habe gelernt, dass ich von niemandem abhängig sein darf und niemand mir meine Entscheidungen abnehmen kann, denn die Konsequenzen muss ich selbst tragen. Elessa hat sich unglaublich verändert und diese Veränderung würde ihr und mir das Leben in Masyaf schwer machen. Darum lasse ich sie gehen, denn mit Karzheim hat sie die Gelegenheit, etwas anderes zu finden und ich... ich werde zurechtkommen, Malik! Es tut weh, dass ich sie nicht retten konnte und es tut auch weh, dass ich der Grund bin, warum sie diesen Pfad nun wandelt. Sie gehen zu lassen und ihr die Freiheit zu schenken, die sie nun so sehr liebt, mehr als mich, ist das Mindeste, was ich hier noch tun kann. Ich bin und bleibe ein Assassine, dass kann man nicht mehr ändern, und die Seelen meiner Opfer folgen mir durch Tag und Nacht, Wüste und Meer", sagte Altair und Malik seufzte sanft.
„Ich bin stolz darauf, dich einen Freund nennen zu können, Altair. Nicht nur Elessa hat sich verändert, auch du! Ich hoffe, dass du mir in meiner Position zur Seite stehen möchtest, Altair! Dein Wissen und Rat bedeuten mir viel", meinte Malik und Altair nickte und blickte zu der aufgehenden Morgensonne, doch nicht ein einziges Mal blickte er zurück.
Elessas POV:
Der Abzug gestaltete sich schwieriger als zunächst gedacht und so kam es, dass wir noch länger in Akkon verweilen mussten.
Schuld daran war König Richard, der mit seinem Heer zurückkehrte und den Seeweg blockierte, weil er sich mit irgendeinem anderen Fürsten stritt, wer wohin aufbrechen sollte.
„Er hat... nicht einmal versucht, mich aufzuhalten! Er hat nicht einmal darüber nachgedacht. All seine Worten erscheinen mir plötzlich so leer! Waren sie gelogen? Ich hab doch in seine Augen gesehen... zumindest glaubte ich das... doch... ich hab mich geirrt, hm?", flüsterte ich leise und Markus seufzte.
Gemeinsam saßen wir in der Schreibstube von Fürst Karzheim und Markus hatte mir einige Texte zum Üben gegeben. Ich sollte sie abschreiben und später wollte er mir etwas diktieren.
Er legte seine Feder beiseite und ergriff meine Hand.
„Du hast dich entschieden, er hat sich entschieden, aber ich sehe, je länger wir hier sind, desto schwerer wird es für dich! Du tust mir so Leid, aber du bist noch so jung, und glaub mir, Großes steht dir bevor! Karzheims Tochter wirst du nicht lange hüten müssen, die kommt bald ins heiratsfähige Alter und Karl sprach schon davon, dich für die Landeswache ausbilden zu lassen! Dabei eskortierst du die hohen Herren und Fürst Karzheim! Diese Aufgabe wäre für einen Recken wie dich geradewegs geschaffen! Ein gar wunderbares Erscheinungsbild gibst du nun in der Rüstung ab, auch wenn du sie durch deine Verletzungen noch nicht tragen kannst! Und selbst wenn du eines Tages wieder der Liebe begegnest, so wirst du Karzheims Segen haben und dennoch in Ruhe leben können. Ich weiß, es tut weh, aber jetzt kannst du nicht zurück und es auch nicht mehr ungeschehen machen! Komm, nimm deine Feder zur Hand und übe weiter, und heute Abend wollen wir was zusammen unternehmen, ja?"
Markus Worte trösteten mich ein wenig.
Die Enttäuschung nagte an mir nun schon die ganze Zeit und ich schaffte es kaum, derer Ausdruck zu verleihen.
Ich hatte erwartet, dass Altair wenigstens versuchen würde, mir die Sache auszureden! Nicht einmal das hatte er getan!
Warum? Ich dachte, ich wäre ihm wichtig! Hatte er etwa im Kerker... seine Meinung geändert? Hatte er die Nase voll?
Nach alldem, was geschehen war, könnte ich das gut nachvollziehen!
Aber... dass er mich so sang- und klanglos abziehen ließ, empfand ich als... es war gemein!
Natürlich wollte ich mit den Franken mit, aber... hätte Altair irgendwas gesagt, hätte ich es mir vielleicht ja doch noch mal überlegt!
WARUM HATTE ER NICHTS GESAGT?
Argh! Verdammt! Es war zum Esel melken!
Vielleicht lag es daran, dass Fürst Karzheim ihn verdroschen hatte? Oder ihn eingesperrt hatte?
Oder vielleicht war ihm eingefallen, dass er in Masyaf noch eine andere Frau hatte? Da... da gab es doch noch eine!
Daran wollte ich nicht mal denken!
„HA! Verdammt! Ich muss endlich aus Akkon raus!", brüllte ich so urplötzlich, dass Markus sich vor Schreck verschrieb und mich wütend musterte.
„Geh zu Manfred und schau, ob du ihm zur Hand gehen kannst, elender Bengel!", grollte der Franke nun und ich errötete und trottete schweigend davon.
Manfred befand sich im Lager und schlief, Alexander und Frank unterrichteten die Knappen, während Karl wohl mit dem Fürsten unterwegs war.
Keiner war da und Markus war nun sauer auf mich.
Na toll, besser konnte es gar nicht laufen!
„Adrian", hörte ich eine Stimme mit unverkennbarem französischen Akzent rufen.
Lady Alicia saß an einem Fenster und winkte mir zu.
„Komm doch hoch und unterhalte dich ein wenig mit mir, ich habe ein paar Fragen!"
Paar Fragen?
Neugierig betrat ich das Gebäude und betrat Alicias und Karzheims Gemächer.
Die Französin war in Karzheims Räume gezogen, nachdem wir die Assassinen aus Akkon geworfen hatten und Alexander nun endlich nachts in Ruhe schlafen konnte.
Ich hatte vom Fürsten erfahren, dass Alicia und Altair sich in den Haaren gehabt hatten. Aber das war ja keine Kunst. Diese beiden hatten ein ähnliches Temperament.
„Erzähl mir ein wenig von Altair. Ich blicke durch dieses Rätsel von Mann nicht durch", meinte Alicia und schenkte mir einen Becher mit Wein ein.
„Der! Der verdient es nicht mit einem Wort erwähnt zu werden! Der hat ja auch noch ne Andere, die er rumschupsen kann!", grollte ich und leerte den Becher mit einem kräftigen Zug.
„Na, aber du hast doch schon mal anders von ihm gesprochen", erwiderte Alicia und schenkte mir nach.
„Ja, er... da war es ihm ja auch noch nicht egal, dass ich das Morgenland verlassen wollte!", meinte ich und leerte den zweiten Becher mit einem weiteren Zug.
„Vielleicht hat ihn deine Idee einfach gekränkt? Schließlich klang es danach, als ob du ihm nicht zutraust, dass er dich beschützen kann!"
„Das kann ich selber am Besten! Ich brauch ihn dazu nicht! Er wäre mir an anderer Stelle viel wichtiger gewesen! Rückhalt und so Sachen! Man ist besonders stark, wenn man weiß, dass einer hinter einem stehen würde! Das wusste ich aber bei Altair nicht! Als Frau ist man in Masyaf... weniger Wert als der Dreck unter den Schuhen! Ach! Nicht nur in Masyaf! In Jerusalem auch! Ich würde am liebsten alles... urgh!", grollte ich und hielt Alicia den leeren Becher hin.
Diese füllte ihn erneut auf.
Ich redete mich richtig schön in Rage. Solche Schimpftiraden hatte ich noch nie zum Besten gegeben! Das wurde mir nun bewusst und ich entschuldigte mich auch sogleich dafür.
„Verzeiht meinen Ausbruch, Lady Alicia! Aber das... geht mir alles so auf die Nerven! Ich hoffe, dass wir nicht mehr allzu lange in Akkon verweilen müssen! Diese Stadt schlägt mir nun aufs Gemüt und ich will hier ganz schnell weg", murmelte ich der schönen Frau zu und Alicia lächelte sanft.
„Dein Herz ist schwer, das weiß ich. Aber denke auch daran, dass du nicht nur schlechte Tage mit Altair hattest."
„Das waren so fürchterlich wenige Tage, Lady Alicia!", flüsterte ich leise und senkte nun den Kopf.
Nein. Es brachte nichts, ständig daran zu denken oder gar jetzt noch wütend zu sein.
Ich hatte andere Dinge zu tun, zum Beispiel Lesen und Schreiben üben, die lateinische Aussprache zu verbessern und außerdem sollte ich Deutsch lernen, damit ich in Xanten auch mit den einfachen Bauern reden konnte.
Wenn ich weiter so schludern würde, würde der Fürst mich wohl doch noch nach Masyaf zurückschicken, und das wollte ich nun mal auch nicht.
Ich seufzte, verabschiedete mich von der Lady und ging zurück zu Markus.
Ohne ein weiteres Wort setzte ich mich ihm gegenüber und begann wieder zu schreiben.
Ende Kapitel 20
