Der abgetrennte Zopf

Kapitel 22 „Maskerade beider Seiten!"

Urg!
Seeweg! Warum den Seeweg?

Wir befanden uns seit gut sechs Monaten auf hoher See und ich... war wirklich krank!
Keine Nahrung blieb bei mir und ich hing jeden Tag an der Reling und übergab mich schwallartig.

Haferschleim war so ziemlich das einzige, was sich länger als zehn Minuten in meinem Magen aufhielt, ehe es ebenfalls Teil des Meeres wurde.

Meine Waffenbrüder trieben derbe Scherze über meinen erbärmlichen Zustand.
Nur Alicia bemitleidete mich. Ihr ging es nämlich nicht besser.

Ich war so dankbar als wir endlich nach fast insgesamt acht Monaten im Abendland anlegten. Genua hieß die Stadt und gehörte zum römischen Reich.

Nun war ich soweit von Zuhause fort wie niemals im Leben zuvor! Ich war nicht mehr im Morgenland!

Nicht mehr bei den Arabern! Nein! Ich stand auf europäischem Boden!

Wir waren mit Weysensteins Truppen aus Akkon ausgezogen.

Unterwegs kam es wie es kommen musste: Karzheim stritt mit Weysenstein.

Kai Weysenstein war im wahrsten Sinne des Wortes ein Schweinearsch.

Man sah ihm überhaupt nicht an, dass er adlig war. Er hatte kein Benehmen und ihm war es egal, was seine Männer trieben.

Sie beklauten uns, verprügelten die Knappen und Schwächeren und vergewaltigten die Frauen.

Sicherlich. Das war alles nichts Neues! Das geschah oft unter den Franken und auch in Karzheims Truppen kam es hin und wieder zu solchen Sachen.

Doch als man Alicia angriff, riss dem Fürsten der Geduldsfaden.

Ich war es gewesen, der den Angriff verhinderte.

Manfred kam hinzu und anschließend noch Alexander und Frank.
Diese Schlägerei hatte sich gewaschen und am Ende konnte man sich mit der Bilanz wirklich sehen lassen.

Wir Vier gegen zwölf von Weysensteins Männern.

Und Alicia fehlte nicht mal ein Knopf am Kleid, Alexander dafür ein Eckzahn und Manfred ein Büschel Haare.

Mir schlug man die Nase blutig und natürlich war es wieder Markus gewesen, der mir das Gesicht sauber wischte und mir irgendwas gab, damit die Schwellung zurückging.

Weysenstein trennte sich noch vor Tyrus von unseren Truppen, doch wir kamen allein zurecht. Wir waren wenige, aber was brachte uns eine große Gruppe, wenn man von innerhalb bedroht wird?

Eben. Nichts!

Alicia, die sich von mir vor einiger Zeit sehr distanziert hatte, war mir dankbar, küsste mich auf die Wange und fortan kam ich in den zweifelhaften Genuss, von ihr die Sprache der Franzosen zu lernen.

Anfangs war ich davon sehr genervt. Ich hatte es gehasst, Lateinisch in Sprache und Schrift lernen zu müssen, und Markus war an mir schier verzweifelt. Natürlich brauchte ich die Sprache. Ohne sie war kein Vorankommen unter den Franken und selbst Altair hatte Lateinisch sprechen können.

Aber die Sprache der Franzosen war wirklich... nett.

Und von Alicia zu lernen machte Spaß. Sie war nun wieder wesentlich offenherziger zu mir, suchte oft meine Nähe und ich würde fast behaupten, dass wir in gewisser Weise Freunde wurden.

Sie erzählte mir von ihrer Begegnung mit Altair und dass sie so gerne mehr über meine Beziehung zu ihm wissen wollte.

Dennoch: Alicia akzeptierte mein betretendes Schweigen.

Selbst Markus und meine anderen Brüder fragten nicht danach, nur mit Alexander verlor ich einige Worte über das Geschehene.

Dies war kurz bevor wir in Genua anlegten.

Die meiste Zeit verbrachte ich auf Deck, weil mir ständig übel war und ich dieses Geschaukel überhaupt nicht vertrug.
Alexander brachte mir Wasser und setzte sich neben mich.

„Wie fühlt sich das an? Wie fühlt es sich an, wenn man verliebt ist?", fragte er schließlich und lachte, als ich ihn verwirrt anblickte.
„Nun schau nicht so! Du weißt genau, dass ich nicht verheiratet bin und ziemlich allein dastehe."

Ja, das wusste ich, aber nie hätte ich gedacht, dass ich mit ihm jemals näher darüber sprechen würde.

„Hm, wie fühlt es sich an? Unterschiedlich, fürchte ich. Es kommt auf die Situation an", meinte ich und trank ein wenig von dem Wasser, welches er mir gebracht hatte.

„Beschreib es. Versuch es," meinte Alexander und blickte in den klaren, gestirnten Himmel.

„Mh, naja... du bist glücklich. Zu jeder Zeit. Wenn du den Menschen, welchen du liebst, siehst, fühlst du dich warm und von Sehnsucht durchflutet. Aber durch die Liebe akzeptierst du auch viel und erträgst Dinge, die du sonst niemals zugelassen hättest. Es heißt nicht umsonst, dass Liebe blind macht," meinte ich und spürte nun, wie mein Magen gegen das Wasser anfing zu rebellieren.

„Es tut weh, wenn deine Liebe und Sehnsüchte nicht erwidert werden und deine Hoffnungen im Sande verlaufen. Dann fühlst du dich wirklich krank. Eine Liebe heißt auch, dass man immer einen Ort der Rückkehr hat, der dir Geborgenheit und Verständnis schenktund für dich da ist, wenn du krank und müde bist."

Ich schwieg. Alexander schwieg.

Scheinbar dachte der Rotschopf über meine Worte nach. Alexander war kaum älter als ich und ich mochte ihn sehr gerne. Ich fand ihn witzig und selbst Fürst Karzheim konnte nicht verleugnen, dass er Alexanders offenherziges Mundwerk vermissen würde, wäre er nicht mehr da.

„Aber... wie kommt es dann, dass du dies so einfach aufgeben konntest?", fragte Alexander und seine Stimme wurde etwas leiser.

Ich seufzte kraftlos.
„Tja, wie kommt es? Ich schätze, weil ich... ich..., keine Ahnung. Es ist einfach nicht mehr da! Da sind mehr Ängste und Zweifel als Liebe! Was sollte ich denn machen? Wäre ich dort geblieben... Alex... vielleicht hätten sie mich längst totgeschlagen für das, was ich getan habe! Altair kann mich nicht schützen, und ohne euch... ohne euch bin ich schwach," sagte ich und wurde dabei lauter als ich es wollte.

„Shhh," machte Alexander sanft und berührte meine Schulter.

„Schon in Ordnung. Das sollte kein Vorwurf sein. Ich will es nur verstehen. Das Gefühl ist einfach weg, sagst du?"

„Ja, als ich aufwachte konnte ich mir plötzlich nichts Fürchterlicheres vorstellen, als im Morgenland zu bleiben. Plötzlich hatte ich fürchterliche Angst. Zurück nach Masyaf... und was dann? Sie hassen mich dort und das völlig zu Recht. Wie wäre es zwischen mir und Altair weitergegangen und was hätten sie mit Altair gemacht? Nicht nur ich war ständig in Gefahr. Ich wünschte er hätte mich niemals nach Masyaf gebracht. Nie... dann wäre es nicht so weit gekommen", murmelte ich betreten, doch Alexander winkte ab.

„Sag sowas nicht. Wir hätten uns nie kennen gelernt, du und ich. Das wäre bedauerlich! Die anderen und ich sind kein bisschen böse auf dich. Können wir gar nicht, haben dich viel zu sehr lieb, wie einen kleinen Bruder," sagte er und beugte sich lächelnd zu mir und flüsterte noch: „Oder eine kleine Schwester."

Es waren Alexanders Worte, die mir ein wenig Trost schenkten und mich aufblicken ließen.

Ein klarer Sternenhimmel.

Hier, an diesem Ort, zu diesem Zeitpunkt fragte ich mich ob auch Altair diesen Himmel sehen konnte, denn schließlich gab es nur diesen einen Himmel, nicht wahr?

Als ich das erste Mal nach langer Zeit wieder das Festland betrat, sank ich auf die Knie und küsste die Erde unter meinen Füßen.

„Gott sei Dank," murmelte ich und war bereits im Begriff in Freudentränen auszubrechen, als Alexander mir einen Tritt versetzte und mir Yels Zügel hinhielt.

„Komm schon. Ordnen und aufmarschieren. Karzheim hat neue Befehle!"

Ich kam schwankend auf die Beine und hatte anschließend noch stundenlang mit diesem „Seegang" zu kämpfen.

Wir waren ohne Zwischenfälle im Hafen von Genua eingelaufen. Die Verpflegung hatte gerade so gereicht und keiner war ins Wasser gestürzt oder sonst wie gestorben. Keine Krankheiten... nur Seekranke, so wie ich.

Ich hatte viel Gewicht verloren.

Alicia auch... doch... so wie ich nun erfuhr hatte dies einen anderen Grund.

Die schöne Französin war schwanger, ha... wer hätte damit gerechnet?
Irgendwie alle, außer ich...

Francesco Belucia, der Herzog von Genua, lud Karzheim dazu ein, bei ihm zu rasten und seine Frau versorgen zu lassen.

Da ein Kind unterwegs war, bestand Karzheim nun darauf mit ihr in den Bund der Ehe zu treten. Dies wollten sie hier in Genua tun, denn nun wurde befürchtet, dass Alicia noch auf der Reise nach Xanten, dies war die Gegend wo Burg Kelsen stehen sollte, niederkommen würde.

Somit entschied Karzheim sich, dass wir hier verweilen sollten, bis Alicia das Kind bekam, und dieser Belucia bestand darauf, dass wir seine Gastfreundschaft genießen sollten.

Karzheim kannte ihn von den Kreuzzügen. Sie waren ein großes Stück weit gemeinsam gereist, doch kurz nach Byzanz musste Francesco wieder zurück, da sein Gesundheitszustand die Weiterreise unmöglich machte.

Markus füllte meine Wissenslücken, indem er mir erzählte, dass Fürst Karzheims Frau nach der Geburt der Tochter gestorben war.

Karzheims Tochter wurde also von ihm und der Amme erzogen.

Nun verstand ich auch, weshalb der Fürst sich so schnell in Alicia verliebt hatte und dies noch so ungeniert auslebte.

Zu Gast in Genua.

Fasziniert von den Bauwerken und den Menschen nervte ich meine Waffenbrüder solange, bis sie mit mir durch die Stadt gingen und sich alles ansahen.

Hungrig und durstig waren wir bald und somit suchten wir die erste Taverne auf.

„Ohaaa! Weiber!"

Alexander war recht schnell verschwunden und auch Karl und Frank verdrückten sich. Zurück blieben nur Markus, Manfred und ich. Wir und unser Essen.

Es waren... hm! Sowas hatte ich noch nie gesehen.

Die Menschen hier nannten es Pasta. Es waren lange, dünne Dingerin einer wässrigen, roten Soße, welche Markus als Tomatensoße beschrieb und es gab eine wahnsinnige Sauerei als wir sie aßen.
Ich hatte die Soße auf Waffenrock, Kinn, in den Haaren und an der Stirn. Meinen Waffenbrüdern erging es kaum anders.

Aber es schmeckte so gut, dass wir noch eine weitere Schüssel davon wollten.

Auch hier gab es Bier, aber das war ebenfalls anders.

Nicht so verwässert. Viel herber... mh!

Ich mochte das Essen der Franken sehr! Das war ein guter Anfang!

Genua war gar nicht so übel! Die Menschen waren immer fröhlich und guter Laune, sehr nett zu mir und meinen Waffenbrüdern, die Früchte von hier waren wirklich süß und saftig, der Fisch zahlreich... ich fühlte mich hier wirklich wohl.

„Komm Adrian! Sieh dir die Karte hier an," sagte Karzheim später in unserer großartigen Unterkunft in Belucias Schloss und breitete ein großes Pergament auf dem Tisch aus.

„Dies hier ist das römische Kaisserreich Deutscher Nation und hier oben ist die Stadt Xanten. Ungefähr hier - da schau- liegt Kelsen. Dieser Abschnitt sind meine Ländereien und diese hier gehören meinem Bruder. Du wirst ihn kennen lernen wenn wir angekommen sind. Er verwaltet meine Ländereien solange ich fort bin," sagte er und deutete mit den Finger auf die einzelnen Stellen in der Karte.

Der Landkreis war recht groß und in mehrere Bezirke aufgeteilt. So wie ich das auf den ersten Blick sehen konnte, waren es ungefähr elf. Die westliche Hälfte gehörte Wilhelm von Karzheim und die östliche seinem Bruder, Robert von Karzheim, dessen Burg wohl in Hünxe stand.

Burg Kelsen lag direkt zur Grenze von Xanten und Wesel oberhalb eines Flusses namens Rhein.

Xanten selbst war als Handelsstadt bekannt geworden und Karzheim förderte dies, da er sich dadurch gute Einnahmen für die Wirtschaft und Steuerkasse versprach.

Von Burg Kelsen aus wurden seine Ländereien verwaltet, während sein Bruder dies von Hünxe aus tat.

„Wann brechen wir nach Kelsen auf?", fragte ich sofort und Karzheim lächelte über meine Ungeduld.

„Es wird nun doch eine Weile dauern, denn Alicia soll erst das Kind zur Welt bringen und erst wenn die beiden wohlauf sind, werden wir aufbrechen. Wir werden ungefähr zwei Monate bis nach Xanten benötigen, wenn nicht sogar mehr. Und Alicia... wird auch noch gut und gern vier Monate brauchen," sagte er und ich schüttelte verwirrt den Kopf.
„Woher wisst Ihr das?", fragte ich und Karzheim lachte auf.
„Ich bin bereits Vater, Adrian. Das weißt du doch. Nun, ich heirate am Sonntag Alicia. Ich habe mir erlaubt ein Festgewand für dich anfertigen zu lassen. Du musst zu der Schneiderin und Maßnehmen lassen!", meinte er und ich verzog das Gesicht.

„Die wird bis Sonntag nicht fertig sein, Herr. Die ist langsam," meinte ich und Karzheim lächelte sanft.

„Sie wird noch langsamer sein, wenn du dich nicht sputest. Nun geh und nimm gleich deine fünf dummen Freunde mit. Auch sie sollten nicht in diesen Lumpen an meiner Hochzeit teilnehmen," meinte er und ich nickte und eilte davon.

Altairs POV:

Es war Hochsommer und die Hitze wirkte unglaublich erdrückend.

Das schwüle Wetter setzte Altair mehr zu, als er es sich eingestehen wollte.

Selbst in der schattigen Festung stand die Luft geradewegs.

Drei Jahre waren es nun her, dass er Elessa aus Jerusalem nach Masyaf gebracht hatte, und knapp ein Jahr war sie nun von ihm getrennt.

Von Malik hatte er erfahren, dass die Truppe vor acht Monaten aus Akkon ausgezogen war, gen Tyrus, und von dort aus den Seeweg in Anspruch nahmen. Seitdem hatte er nichts mehr von ihnen gehört und die Bruderschaft legte keinen Wert mehr darauf, Karzheim zu beobachten. Er schien kein weiteres Interesse an Masyaf zu haben und war aus dem Morgenland abgezogen.

Wie weit waren sie in diesen acht Monaten gekommen? Waren sie bereits auf dem Festland angekommen? Oder erst auf eine der Inseln? Altair konnte seine Neugierde kaum bändigen und hatte sich Karten über Europa angesehen.

Über den Seeweg sparten sie wirklich lange Zeit und so war es nun möglich, dass sie mindestens im römischen Reich angekommen sein müssten, vielleicht auch weiter!

Doch eigentlich... sollte er nicht an sie denken.

Er sollte viel mehr an Seza denken.

Altairs Blick glitt zu der Frau, die in dem kleinen Lager lag und in gekrümmter Haltung, sich den Leib haltend, schlief.

Unter der Decke - so wusste er - war eine hoch schwangere Frau verborgen.

Seza hatte seinen Samen bald empfangen und nun trug sie ein gemeinsames Kind unter ihrem Herzen.

Die junge Frau war in Tränen ausgebrochen, als sie es ihm erzählte, und Altair... Altair hatte sich wortlos umgedreht und sein Heil in der Flucht gesucht.

Damit hatte er nicht gerechnet, und keiner war da, der ihm in diesem heillosen Gefühlsdurcheinander hatte helfen können.
Malik war beschäftigt und Elessa tausende von Meilen fort.

Sie füllte immernoch täglich seine Gedanken! All seine Sehnsüchte gehörten nach wie vor ihr.

Dass Seza nun schwanger war, hatte er nicht gewollt. Er liebte sie nicht und dennoch war sie ihm nicht gleichgültig genug, um Seza einfach fortzuschicken und sie ihrem Schicksal zu überlassen.

Seza war in diesem Sinne wie Elessa. Am Grund des Elends unschuldig. Aber... schwächer.

Somit gab er sich Mühe und wollte sie nicht spüren lassen, dass sie nur ein körperlicher Ersatz war. Er verachtete sie auch nicht, doch auch nichts anderes spürte er für diese schöne Frau, die immer traurig war, weil er sie nicht lieben konnte.

Sie sagte ihm, dass sie spüren könnte, wie seine Umarmungen leer waren und es ihm größte Mühe bereitete, ihr diese einfache Geste entgegenzubringen.

Altairs ganze Körperhaltung war auf Abstand getrimmt und er wollte nicht mehr, dass man ihm überhaupt noch nahe kam. Weder physisch, noch psychisch.

„Seza, ich verspreche dir, dass ich für dich und unser Kind sorgen werde. Es wird dir an nichts fehlen, hörst du? Nur eines werde ich nie können, nämlich dich lieben. Es tut mir Leid, dass du dies nun ertragen musst. Ich kann dir niemals die Gefühle entgegenbringen, die du verdienst," sagte er eines Abends und Seza begann leise zu schluchzen.

„Nein, Altair. Das könnt Ihr nicht, ich weiß. Denn all Euere Gefühle sind bei jemandem, der sie bei weiten nicht verdient! Ich beneide Elessa darum!", hatte sie gerufen und war aus dem Zimmer geeilt.

Der Assassine war ihr daraufhin gefolgt und hatte Seza weinend an der Treppe vorgefunden.

„Komm, du musst ruhen", murmelte er sanft und brachte sie wieder zurück.

Altair versuchte zumindest mit Seza zu sprechen und sie ein wenig an sich selbst teilhaben zu lassen.

Doch das fiel ihm sehr schwer und immer wieder waren seine Gedanken bei Elessa, die auf unüberwindbare Distanz hin verschwunden zu sein schien.

Malik hatte ihm unterdessen nun den Auftrag erteilt, die Novizen auszubilden und ihnen die Grundlagen des Kredos zu vermitteln. Diese Aufgabe lenkte ihn ein wenig von seinen trüben Gedanken ab und es tat ihm gut, dass diese Jungen in ihm immer noch einen Helden sahen.

Altairs Taten blieben nicht unbenannt und so auch nicht Elessas.

In der Hinsicht hatte sie Recht gehabt. Hier in Masyaf hatte keiner Verständnis für ihre Situation aufbringen können. Der überwiegende Teil der Bevölkerung sah in ihr einen Verräter. Einen weiblichen Verräter.

Seufzend stand Altair nun von seinem Stuhl auf und trat an das Fenster.

Es war dunkel und nur vereinzelt waren Sterne an diesem Abend zu sehen.

Ob Elessa denselben Himmel sah? Schließlich gab es doch nur einen.

Altair fragte sich schwermütig, wo sie wohl gerade war, und wie es ihr erging.

Das Essen schmeckte ihm nicht, und er aß nur wenig in der letzten Zeit. Alles schien ihm im Hals stecken zu bleiben.

Erst nach einer ganzen Weile löschte er die kleine Öllampe und legte sich zu Seza auf das Lager, um ein wenig der Ruhelosigkeit zu entkommen.

Elessas POV:

Ich... habe in diesem Sinne niemals geheiratet.
Deshalb kam ich nicht umhin, Alicia ein wenig zu beneiden.

Dieses prunkvolle Gewand mit der langen Schleppe... wie ich wohl darin ausgesehen hätte?
Wahrscheinlich nicht so hübsch. Ich mageres Hühnchen... es würde an mir hängen wie ein zu großer Sack.

Da passte dieses Festgewand doch besser zu mir.

Manfred meinte, es würde mich sehr würdevoll aussehen lassen und die kräftigen Farben in schwarz und burgundrot würden mein blasses Gesicht nicht mehr ganz so hellhäutig erscheinen lassen.

Nun, eigentlich war ich ja nie hellhäutig gewesen, aber die Monate auf See und die schwere Krankheit davor und währenddessen hatten mir wirklich zugesetzt.

Aber hier in Genua kurierte ich mich bei Pasta und Südfrüchten.

Kurz vor der Hochzeit kam aber etwas auf mich zu, dass ich nie wirklich... in Ordnung, ich drücke es so aus: Es war einer meiner peinlichsten Momente. So hochrot war ich noch nie, oder zumindest selten.

Tanzunterricht. Zunächst mit dem Fürsten

Schließlich sollte ich ja führen wie ein Mann.

„Pass auf deine Füße auf," grollte der Fürst als ich ihm bereits das dritte Mal auf die Zehen trat.
„Entschuldigt Herr, aber ich... meine Füße machen was sie wollen," erklärte ich und der Fürst grinste.

„Meine gleich auch," meinte er süffisant und trat herzhaft zurück.

„Autsch!", stöhnte ich und hörte Karl und Markus kichern.
„Was gibt's da zu lachen?", grollte ich ihnen zu und sie verstummten, doch die Häme stand ihnen auf die Gesichter geschrieben.

Es war schließlich Alicia, die mich von meiner Qual und diesem Folterer befreite.

„Ach Wilhelm! Ich kann das nicht mit ansehen!", sagte sie in ihrem schweren, französischen Akzent und drängte den Deutschen von mir ab.

Ich wollte mich gerade bei ihr bedanken als sich ihr schmaler Finger in meine Brust bohrte.

„Und Ihr, Adrian!", rief sie und ich erstarrte.

Sie hatte mir gegenüber noch nie diese Höflichkeitsformen angewendet. War sie sauer?

„Ihr solltet Euch endlich Mühe geben! Mit dem Schwert seid Ihr meisterlich, aber in allem anderen faul! Wilhelm hat Recht, diese Fünf Filous tun Euch nicht gut!", sagte sie und ich warf meinen Waffenbrüdern ein triumphierendes Grinsen zu.

Da habt ihr, elende Filous!

Alicia trat noch einen Schritt vor und legte nun einen Arm um meine Hüfte während sie mit der anderen Hand nun meine eigene Hand ergriff. Der Babybauch war etwas im Weg, aber im Großen und Ganzen stand ich ziemlich bequem in ihrer Gegenwart.

„So", sagte sie nun geduldig.

„Und nun pass auf, dass du mir nicht auf die Füße trittst. Ich halte nicht ganz soviel aus wie ein Mann."

Alicia schenkte mir nun ihr schönstes Lächeln und führte mich in eleganten Schritten durch den Raum.

„Für was brauch ich das?", fragte ich später, als ich mit meinen Waffenbrüder am Tisch saß und Alexander beim Singen zuhörte.

„Na, du musst natürlich eine Frau zum Tanzen auffordern. So gehört es sich bei einer Feier," meinte Markus und grinste amüsiert über meinen genervten Ausdruck.

„Ich will aber nicht tanzen. Das ist doof und... peinlich!", grollte ich und die anderen kicherten.

„Ja, so spricht ein Jüngling. Jetzt musst du nur noch behaupten, dass alle Mädchen doof sind und du niemals im Leben eines heiraten wirst, dann spielst du deine Rolle mal wieder perfekt," meinte Karl und die anderen lachten.

„Sehr komisch," motzte ich und stand auf.

„Ihr könnt tun was ihr wollt, ich tanze jedenfalls nicht. Mit diesen doofen Weibern hier hat man doch nichts als Ärger!"

Alexander verharrte in seinem Gesang und sprang auf mich zu.

„Oho! Der edle Jüngling, tapferer Adrian, Held Akkons! Seht her, er hat Angst vor dem Frauenzimmer," meinte er laut und ich war mir sicher, dass er darauf aus war, dass es möglichst viele hörten.

„Halt die Klappe," murmelte ich in einem warnenden Tonfall, doch der Rotschopf grinste.

„Was ist, Assassinen-Mörder? Fürchtest du, dass die Manneskraft dich verlässt, sobald du mit ihr auf ein Zimmer gehst?", fragte er erneut und ich packte ihn am Gugel und zerrte ihm diesen über das Gesicht.

„Manneskraft, ja? Hätte ich die, würde ich weit unbesorgter durch die Gegend wandeln! Die schönsten Weiber könnt ich haben! Doch was bringt es mir?", grollte ich wütend und die anderen lachten wieder.

Alexander pulte sich den schweren Stoff vom Kopf.
„Da kann Abhilfe geschaffen werden. Du bekommst die schönen Weiber... und die schönen Weiber bekommen mich! Na? Was hältst du davon, zweifelhafter Bruder?", fragte er und ich sah ihn verwirrt an.
„Was?", fragte ich und Alexander nickte und beugte sich zu mir, um mir seinen Plan genauesten zu erklären.

Alexanders Idee war dreist, aber genial!
Ich sollte mit der Herzensdame, welche den Fehler begann sich auf mich einzulassen, auf ein Zimmer gehen.

Dort sollte ich sämtliches Licht löschen und dann, unter dem Vorwand noch einmal austreten gehen zu wollen, das Zimmer verlassen.

Wenig später würde Alexander in dieses Zimmer gehen, seinen Spaß haben, verschwinden... und tja, ich würde der Held sein.

Alexander nutzte meinen Ruf, ich nutzte Alexander. Ein guter Tausch.

Aber was wäre das alles ohne die Probe aufs Exempel?

Es gab eine edle Dame im Hause Belucia.

Alexander hatte bemerkt, dass sie mich sehr genau schon angesehen haben sollte.
Ich hatte das natürlich nicht bemerkt, aber was soll's?
Diese Frau hieß Lucia und war wirklich wunderschön.

Alexander sang von ihr. Schwarz wie Ebenholz das Haar, blutrote Lippen, Haut wie feiner Wüstensand... ich fand, er übertrieb, aber so war nun mal die Sicht eines Mannes.

Wunderschön war Lucia, aber ihr Herz war schwermütig und kalt.

Alle Freier ließ sie abblitzen, doch ging das Gerücht herum, dass sie Bettgenossen geradewegs sammelte.

Somit hatte ich meine Chance.

„Nun, Adrian. Es wird Zeit, dass du lernst, wie man eine Frau verführt," meinte Alexander und grinste breit.

„Ja, und er sollte es nicht von dir lernen, sonst bekommt er nur ein paar Ohrfeigen, dämlicher Hund," grollte Karzheim, der gerade zur Tür hereinkam und scheinbar schon eine ganze Weile das Gespräch mit angehört hatte.

„Herr, ich würde Adrian das selbst überlassen. In den Freudenhäusern hat er sich niemals so dumm angestellt," meinte Manfred und Karzheim zog eine Grimasse.

„Ignoranten. Ihr vergleicht Edeldamen mit Dirnen. Natürlich ist das was anderes!", meinte der Fürst und lächelte mir zu.

„Du musst reden können, Adrian! Du musst ihr Komplimente machen, aber sie nie damit überhäufen. Ein Kompliment zur rechten Zeit ist immer hilfreich. Und du solltest ihr zuhören. Die edlen Damen mögen das. Dennoch darfst du nicht versäumen, auch etwas von dir selbst zum Besten zu geben. Alexander hat Recht. Es wäre eine gute Idee, dies einmal zu üben. Schließlich musst du weiterhin den Soldaten mimen. Und ab hier gehört mehr zu deinen Aufgaben, als nur Wache zu stehen und dem einen oder anderen Sarazenen das Fell über die Ohren zu ziehen", meinte Markus und ich verzog mein Gesicht zu einer Grimasse.

„Es klingt leichter, einen Sarazenen zu häuten, als eine Dame zu verführen. Herrje... was macht ihr mit mir?", fragte ich kopfschüttelnd und Alexander warf sich gegen mich.

„Sieh es so, Bruder. Wir helfen dir, möglichst glaubhaft zu sein, und danken tust du uns auf diese Art und Weise. Ich freue mich auf Lucia! Sie wird nichts merken, denn du und ich haben bis auf ein paar Unterschiede den gleichen Körperbau und am nächsten Tag, das verspreche ich dir, wird sie dich mit ihren Blicken nur noch ausziehen!"

„Klingt grauenvoll," murmelte ich und die anderen lachten auf.

Lucia! Mein Ziel hieß Lucia.

Jeden Abend befand sie sich auf der Schlosspromenade, umgeben von ihren Zimmerdamen.

Dies war laut Karzheim der perfekte Moment, ihr gegenüberzutreten.

Ich setzte sofort darauf, sie zu überraschen.
So ging ich leise hinter ihnen vorbei und sagte auf Lucias Höhe dann: „Der Abendhimmel über Genua ist wunderschön, doch hat die Stadt noch so viele andere Schönheiten zu bieten."

Mit diesen Worten nickte ich den Damen zu und wollte mich bereits wieder entfernen, als ich Lucia sagen hörte: „Edler Jüngling, so wartet doch. Kommt und vertreibt mir ein wenig die Zeit!"

Die Edeldame mit den wallenden, schwarzen Locken trug heute ein burgundfarbenes Kleid mit weißen Borten. Es war fest geschnürt und ich frage mich amüsiert, wie sie es schaffte, darin überhaupt zu atmen.

Langsam, fast schleichend und dennoch auf einen festen und erhabenen Schritt bedacht ging ich auf die Dame zu, die mir ihre Hand entgegenstreckte.

Ich ergriff diese sanft, sah ihr tief in die Augen und hauchte dabei einen Kuss auf ihren Handrücken.

Dabei griff ich auf Markus Rat zurück, die Haut der Dame nur sehr sporadisch mit meinen Lippen zu berühren.

„Genuas Schönheiten scheinen heute Abend alle hier versammelt zu sein", sagte ich mit sanfter, schmeichelnder Stimme und ich sah nun, wie auf Lucias Lippen ein Lächeln erschien.

Die Damen um sie herum begannen zu kichern.

„Sagt mir, wie lautet Euer Name und woher kommt Ihr? Eure Augen sind seltsam", meinte Lucia und blickte mich fasziniert an.

„Mein Name ist Adrian, holde Maid. Aus dem Morgenland komme ich und habe auch dort keine schönere Blume gesehen als Euch," raunte ich und Lucia kicherte vergnügt auf.

„Oh, Ihr überhäuft mich mit Komplimenten, Adrian. Seid Ihr der legendäre Assassinen-Mörder? Euer Ruf eilt Euch voraus!", sagte sie und ich lächelte sanft.

„Ich bin eine Bestie, die bei Eurem Anblick ihre Wildheit vergisst, Lady. Ihr betört mich," sagte ich und konnte gar nicht so schnell zusehen, wie Lucia von ihrem Platz aufstand und sich in meinen Arm hakte.

„Eine Bestie also? Nun," sagte sie und berührte mit ihrem Zeigefinger mein Kinn, „mich würde interessieren, wozu eine Bestie wie Ihr wohl im Stande seid!"

Sie hatte die Worte noch nicht ausgesprochen, da lehnte ich bereits vor und umfing ihre Lippen mit meinen.

Sie riss ihre Augen überrascht auf, doch gab sie dem Kuss bald nach und sank in meine Arme.

Edeldame? Dirnen? War der Fürst sicher, dass es hierbei einen Unterschied gab?
Ich sah keinen, nur dass ich nichts bezahlen musste.

Ganz wie geplant führte ich die Dame in ihre Gemächer, löschte dort das Licht und öffnete bereits ihr Kleid am Rücken.
Sie stand nun in der totalen Dunkelheit nackt vor mir.

„Wartet kurz auf mich, Lady. Ich möchte nur schnell noch etwas loswerden, ehe ich zu Euch stoße. Seid bereit für mich," murmelte ich mit rauer, lustvoller Stimme.

Dabei versuchte ich auch die Stimmlage von Altair zu treffen, denn dieser hatte allein dadurch eine unvergleichliche Wirkung auf Frauen... zumindest auf mich.

„Lasst mich nicht lange warten, Adrian! Ich bebe vor Lust und mein Schoß erwartet Euch sehnsüchtig," stöhnte die Frau und ich verzog in der Dunkelheit angewidert das Gesicht.

„Ich werde Euch nicht enttäuschen. Bis gleich," sagte ich leise und verließ nun schnell das dunkle Zimmer.

Draußen warteten bereits meine fünf Waffenbrüder und Karzheim, die mich allesamt grinsend und kopfschüttelnd ansahen.

Ich winkte Alexander zu, der sich ohne zu zögern auf den Weg machte während ich mit den anderen zurückging.

„Ich bin eine Bestie, die bei Euren Anblick ihre Wildheit vergisst, Lady. Ihr betört mich, harrrrr!", wiederholte Manfred lachend und Karl schüttelte den Kopf.
„Unglaublich," murmelte Frank und Karzheim nickte zufrieden.

„Tja, mein Knappe," meinte er nur und klopfte mir auf die Schulter.

„Obgleich Lady Lucia keine große Herausforderung war. Die hätte ich auch rumgekriegt," meinte Manfred und Karzheim nickte.
„Man sollte immer klein anfangen, das weißt du. Na, Adrian. Wie wäre es, wenn du dein nächstes Glück bei Sofia, Belucias Schwester, versuchst?", fragte Karl und ich schüttelte den Kopf.

„Die ist zu alt! Vor alten Leuten habe ich Respekt!"

„Vollkommen richtig. Übertreibt es nicht und nutzt Adrians Talente nicht so schamlos aus!", meinte Markus und ich grinste ihm dankbar zu.
„Genau. Jetzt bin ich aber gespannt, wann Alexander zurückkommt!"

Alexander blieb beinahe die ganze Nacht bei Lucia.
Erst in den frühen Morgenstunden schlich er sich von ihr davon.

Er weckte mich und grinste mir schamlos zu.

„Sie hat deinen Namen so laut gebrüllt, dass es bestimmt im Garten zu hören war!", sagte er und ich lächelte leicht.

So schamlos lebte es sich einfach nur bei den Franken.

Bei der Hochzeit standen wir Spalier, kreuzten unsere Schwerter und ließen das würdevolle Brautpaar darunter hindurchschreiten.

Alicia trug schwer unter der Last des Kindes. Es war ihre erste Schwangerschaft und eine schwere noch dazu.

Noch bevor die Feierlichkeiten richtig begannen, musste sich die Französin zurückziehen und liegen.

Ich beschloss, ihr bald einen Besuch abzustatten, doch zuvor musste ich diese Tanzerei über mich ergehen lassen.

Alexander hatte mir die eine oder andere gezeigt, mit welcher er in der Nacht gerne die Decken zerwühlen würde.

Ich entschied mich für eine rothaarige, junge Dame, die verzückt kicherte und zu Boden blickte, als ich sie zum Tanz aufforderte.

Doch als ich mit ihr tanzte, bemerkte ich, dass sie noch viel zu jung war und beschloss für Alexander eine reifere Frau zu suchen. Jungfrauen wollte ich ihm nicht zuspielen.
Dieses ehrlose, wenn auch zugleich lustige Spiel, war keines meiner Meisterstücke, obgleich ich mich sehr darüber amüsierte, wie leicht die Weiber doch auf einen adretten Jüngling und schöne Worte hereinfielen.

War ich etwa... auch so gewesen?
Darüber wollte ich gar nicht mehr nachdenken! Nun war ich es, der spielte und führte.

Ich tanzte mit mehreren Damen und der Abend war weit vorangekommen, als ich eine blonde Frau, die bereits dem Wein zu sehr gefrönt hatte, nach dem Tanz zur Seite zog.
Ein Blick auf Alexander, der nun schon in Position ging, ließ mich sehen, dass er mit meiner Wahl sehr zufrieden war.

Mit einer selbstsicheren Geste packte er sich ans Gekröse und nickte mir zu.

Die Frau kicherte über meine Komplimente und wich nicht zurück als ich nun näher trat, meine Lippen hauchzart über ihren Hals gleiten ließ und sie an einer Stelle unter dem Ohr küsste.

Dabei imitierte ich wieder eine von Altairs Gesten. Er hatte mich oft so geküsst und... es hatte mir gefallen.

Ich musste nun schwer mit mir kämpfen, um nicht wehmütig zu seufzen.

Warum musste ich auch jetzt ausgerechnet an Altair denken? Und selbst wenn, warum tat es nun so weh?

Doch ich fing mich wieder und führte die Frau auf ein Zimmer.
Ihren Namen merkte ich mir gar nicht erst und ich ging wie geplant vor und öffnete Alexander Tür und Tor zu einer weiteren Bettgespielin.

Hier waren die Frauen wirklich alle gleich. Das widerte mich fast schon an! Alle waren sie... schwach!
Sie waren schwach und mit ihrer Schwäche zufrieden! Keine wagte es sich, an ein anderes Leben auch nur zu denken!

Da geschah es ihnen Recht an so durchtriebene Taugenichtse wie uns zu geraten.

Vielleicht war das so eine Art Strafe?

Ich wandte den Feierlichkeiten den Rücken zu und verließ den Schlosshof für einen kurzen Spaziergang.

Genua fand ich wunderschön und die klare Seeluft tat mir gut und seit ich hier war, war ich ausnahmslos guter Laune gewesen.

Wieso ich vorhin ausgerechnet an Altair hatte denken müssen, verstand ich gar nicht.

Mühselig rief ich mir den Assassinen wieder ins Gedächtnis, als ich mich auf eine Mauer in der Nähe des Hafens gesetzt hatte.

Ich war mir bewusst, dass ich diesen Mann nie vergessen würde. Er hatte mein Leben aus den Fugen gerissen und mich auf diesen Weg gebracht.

Karzheim war es am Ende, der mir nun die Pforten geöffnet hatte.

Altair... ich war mir nun sehr sicher, dass ich Altair nie wieder sehen würde. Er war nun weit fort und ich hatte ihn beleidigt und verletzt.

Wahrscheinlich war er wütend und gab sich jede erdenkliche Mühe, mich zu vergessen.

Vielleicht war sein Groll nun auch so groß, dass er mich bei einem Wiedersehen erschlagen würde.

Nein. Mein Weg war nun ein anderer und Altair hatte sicherlich neue und andere Aufgaben. Wahrscheinlich ging es ihm gut und er ging seinen Taten als Assassine weiterhin nach.

Ich machte mir umsonst Sorgen, dessen war ich mir sicher.

Später beschloss ich, zum Fest zurückzugehen.

Doch auf dem Rückweg hörte ich ein ersticktes Keuchen, ein Stöhnen und ein Rascheln von Kleidung.

Ich zog mein Schwert und ging dem Geräusch nach.

Normalerweise war ich nicht so mutig, wenn ich allein war, doch fand ich nur einen in dunklen Lumpen verhüllten Mann.

„Komm nicht näher, edler Herr. Ich habe den Aussatz an mir, und meine Zeit ist gekommen", röchelte dieser in einem schweren französischen Akzent.

Ich lächelte leicht, weil mir nun die Wirksamkeit von Alicias Unterricht bewusst wurde.

Furchtlos trat ich etwas näher und kniete mich zu dem Sterbenden. Auf Französisch sagte ich leise: „Nun, Gott ruft Euch zu ihm. Sagt, habt Ihr noch einen Wunsch, den ich Euch erfüllen kann?"

Der Mann röchelte leise und zog die Lumpen enger um sich, damit ich sein entstelltes Gesicht nicht erkennen konnte.
„Ihr seid... zu gut zu mir, Herr. Das habe ich nicht verdient, doch will ich Euch etwas geben! Ich habe es aus dem Heiligen Land!", sagte er und streckte mir einen kleinen Beutel aus dunkelgrauem Leinen hin.

Ich streifte mir meine Handschuhe über und nahm ihn entgegen.

„Was ist das?", fragte ich und der Mann hustete erstickt.
„Es ist Teil eines mächtigen Artefakts. Es ist ein Stück vom Edensplitter, Herr. Mir aber hat er kein Glück gebracht... bitte... betet für mein Seelenheil, ich spüre... ich... bitte Herr... nennt mir noch Euren Namen..."

„Adrian, mein Name ist Adrian!", murmelte ich und der Mann schnaufte.
„Edler Adrian, erinnert meiner als treuen Diener Gottes! Als Templer diente ich im Heiligen Land und Gott ruft mich nun zu sich, da ich nicht in den zahlreichen Schlachten hab Ruhe finden können. Mein Name ist Claude de Chavallegne! Erwähnt mich in Euren Gebeten," schnaufte er und ich nickte.
„Natürlich, Claude de Chavallegne. Schließt die Augen und findet Ruhe in den Armen der Engel. Ich werde Wache halten bis Euer Atem versiegt," murmelte ich und der Mann sank langsam in sich zusammen.

Er atmete noch einige Zeit flach, ehe bald sein Atem versagte und er in den dunklen Straßen Genuas verstarb.

Ich eilte zurück zum Schloss, nahm dort eilig ein Bad und verbrannte den Beutel.

Dieses Artefakt war ungefähr so groß wie meine Hand und viereckig. Auf der einen Seite war es glatt und flach, auf der anderen war es von Rillen durchzogen und es sah danach aus, als gäbe es davon noch ein Gegenstück, oder ein Teil, das dazugehörte. Es war von einfacher, grauer Farbe. Man hätte ihn mit einem Stein am Wegesrand verwechseln können.

Ich hatte keine Erinnerung an den Edensplitter, welchen Al Mualim bei sich gehabt hatte.

Mir hatte an dem Tag gänzlich die Zeit gefehlt, um es mir ansehen zu können.

Die Entscheidung fiel mir leicht und so beschloss ich, den Teil bei mir zu behalten und den Anderen davon nicht zu erzählen.

Was sollte es bei mir schon anstellen können? Und wer sollte schon wissen, dass ich es besaß?

Claude war tot, und ich war mit ihm allein in der Dunkelheit gewesen.

Vielleicht würde der Edensplitter, welcher bei den Assassinen geblieben war, nun nichts als ein Stück Gold, Holz oder sonstwas sein. Dann wäre seine fürchterliche Macht, welche Al Mualim missbraucht hatte, vielleicht auch gar nicht mehr vorhanden.

Doch zu unbedacht und unwissend war ich nur in dieser Stunde.

Betrunken und blind vor Glück, welches die Freiheit mir schenkte.

Die Geburt des Kindes war schwer und Alicia musste noch lange ruhen, ehe sie mit dem kräftigen Jungen, welcher wirklich kerngesund war, reisen konnte.

Ich war froh, Genuas Weiber endlich hinter mich lassen zu können.
Daran war nur Alexander schuld!

Nirgendwo konnte ich noch gehen und stehen, ohne von einer Frau angesprochen zu werden oder ein eindeutiges Angebot zu erhalten.

Die Reise durch das Bergland war mühsam gewesen und wir hatten es recht eilig, es gleich am Ende des Frühjahrs zu bereisen.

Das Land, welches ich nun entdeckte, schimmerte in einer wunderschönen Farbenpracht.
Die Wiesen waren weit, grün und an den Bäumen hingen tausende wunderbarer Blüten und ein dichtes, grünes Laubwerk. Auch Nadelbäume sah ich nun zum ersten Mal.

Die Weizenfelder waren lang und weit und die ersten Pflanzen erhoben sich aus dem gut bestellten, weichen Boden.

Der Wind war frisch und wehte oftmals verstärkt.

Karzheims Ländereien waren ebenfalls von unglaublicher Schönheit.
Dichte, weite Wälder mit Wild in Hülle und Fülle. Bauern, die die Felder bestellte und Vieh züchteten und verschiedene Städte, die mich in vielerlei Hinsicht an Akkon erinnerten.

Dieses Land versetzte mich in einen Taumel aus ungeahntem Glück und zu diesem Zeitpunkt bereute ich wirklich nichts.

Ich fühlte mich wie neugeboren! Alles wollte ich mir ansehen und berühren! Wie ein kleines Kind wollte ich alles probieren! Meine Brüder mussten mich in meinem blinden Taumel oftmals bremsen, doch sie verstanden wohl nur zu gut, wie es mir erging.

Flüsse und Bäche zogen ihre Spuren weit durch das Land und ich war mir bald sicher, dass ich hier niemals verdursten würde.
Es kam mir fast ein wenig vor wie das Paradies.

Nirgendwo karges Steinland, kein Sand, keine Dornenbüsche...

Doch das alles war nichts im Vergleich zu Burg Kelsen.

Unterwegs hatte ich mehrere Burgen und Schlösser betrachten können, eines schöner als das andere, doch hier zeigte sich ein schier mächtiges Bollwerk und wer Burg Kelsen von weiten sah wurde allein von dem Anblick in die Knie gezwungen.

Die aus grauem Sandstein erbaute Burg selbst ruhte auf einem hohen und zugleich steilen Hügel, welcher von schroffem Fels umgeben war und nur ein recht schmaler Pfad, befestigt mit Kopfstein, führte hinauf zu dem ersten Tor.

Die Befestigung bestand zunächst aus einer hohen, dicken Mauer, in welcher vier Wachtürme eingefasst waren. So konnte man jede Himmelsrichtung im Auge behalten.

Hinter der ersten Mauer befanden sich nun kleine Wohnsiedlungen, Handwerkerviertel, Markt und Viehställe.

Zahlreiche Menschen lebten im ersten Ring dieser Burg und gingen ihrer Arbeit nach.

Dann folgte die zweite Mauer, ebenso dick, mit zahlreichen Pechnasen, Schießscharten und einer hohen Brüstung.

Innerhalb dieser Mauer befanden sich nun Kaserne, Pferdeställe und das große und zugleich anmutige Haupthaus, welches in einer Hufeisenform gebaut worden war. In der Mitte der Anlage befand sich ein Bergfried, welcher hier alles noch an Höhe weit übertraf und diesen Ort erklärte ich ausnahmslos zu meinem bevorzugten Platz, denn bei klarem Wetter konnte man so weit sehen, dass ich fast glaubte, bis zum Morgenland hinabschauen zu können.

Es gab einen Kerker, tief und groß, sowie einen Brunnen in einem eigens dafür vorgesehenen Gebäude. Auch im unteren Teil der Anlage gab es solche Gebäude.

Im Haupthaus wurde unter anderem Recht gesprochen und Audienzen empfangen.

Meine fünf Waffenbrüder und ich bezogen jeweils eigene Kammern im linken Flügel des Gebäudes während die Gemächer des Fürsten über dem großen Saal im mittleren Teil des Gebäudes waren.

Dort lebte er mit Alicia, dem kleinen Raimund und auch mit seiner Tochter, Adelheid.

Bald lernte ich, dass jeder meiner fünf Freunde eine wichtige Position an Karzheims Seite innehatte. Dies erklärte unter anderem das gute, fast schon freundschaftliche Verhältnis zwischen ihnen.

Markus, so stellte sich heraus, war ein so genannter Leibarzt. Er lebte schon vor dem Kreuzzug auf Burg Kelsen und auch seine Frau und Kinder befanden sich dort. Auch galt er als Berater des Fürsten und war als Diplomat und Schreiber unverzichtbar.

Alexander war gemeinsam mit Frank für die Pferde und Ausbildung der Soldaten zuständig gewesen und Manfred bekleidete das Amt des Richters, stellvertretend für Fürst Karzheim selbst.

Karl selbst war Karzheims Leibwache und Hauptmann der Wacheinheiten in und rund um die Burg. Er verwaltete ihre Wirkungsbereiche und entsendete Truppen in Gebiete, die als unruhig galten.

Und ich?

Ich wurde die Leibwache für seine Frau Alicia und Tochter Adelheid. Auch hatte ich regelmäßig ein wachsames Auge auf den Sohnemann und ich gewann diesen besonders lieb.

Adelheid und Alicia mochten sich vom ersten Augenblick an nicht, und bald war es nötig, dass ich mich abwechselnd um die Damen kümmerte.

Dabei wurde nun oftmals ein weiterer Soldat für die Wache der jeweiligen anderen abgestellt, da ich ja nicht an zwei Orten zugleich sein konnte.

Mit Alicia hatte ich nach wie vor keine Probleme, doch mit Adelheid, welche im zarten Alter von vierzehn Jahren war, war es mehr als nur schwierig.
Sie lief mir davon, verspottete mich oder spielte mir gemeine Streiche.

Und das Schlimmste von allem: Ich musste es mir gefallen lassen.

So spezialisierte ich mich bald darauf, ihre Gemeinheiten an der Wurzel zu vereiteln.

Freunde wurden wir nicht so schnell. Ihre Zunge war recht... böse. Ja, sie hatte ein böses, lautes Mundwerk und stritt sogar mit ihrem Vater bis aufs Blut. Der Streit endete meistens damit, dass Karzheim ihr eine knallende Ohrfeige verpasste und sie dann heulend davonlief.

In solchen Momenten badete ich in Genugtuung und eines stand fest: Auf Burg Kelsen würde es mir nicht langweilig werden!

Ende Kapitel 22