Der abgetrennte Zopf
Kapitel 23: „Der Stein kommt ins Rollen!"
Markus Blick verfinsterte sich.
Ein Bote war zurückgekehrt. Der Deutsche war sich sicher, dass dieser aus dem östlichen Gebiet von Wesel, einem Teil von Karzheims Ländereien, hergeritten kam.
Dort war es zu Unruhen gekommen und Karzheim hatte vor ungefähr zwei Wochen einen ansehnlichen und großen Trupp berittener Soldaten dorthin gesandt.
Unter der Führung von Adrian und Frank.
Die reifen Früchte der Apfelbäume kündigten nun unmissverständlich den Herbst an und ein kühler Wind aus dem Norden warnte vor dem bevorstehenden Winter.
Drei Jahre waren nun in das Land gegangen seit sie von dem Kreuzzug zurückgekehrt waren und Adrian hatte sich so entwickelt, wie es sich Karzheim wohl erhofft hatte.
Zu einen kühnen Recken, tapfer und kampfbereit.
Markus musste zugeben, dass Adrian, welcher in Wirklichkeit Elessa hieß und eine Frau war, eine imposante Figur abgab.
Sie ritt einen Rapphengst, welcher ebenfalls groß und majestätisch wirkte und kaum einer wusste sich so gekonnt zu verstellen, wie sie es jeden Tag tat.
Doch wusste er auch wie sie war, wenn nicht alle um sie herumstanden.
In dem Moment, wo er oder ein anderer seiner Waffenbrüder mit ihr alleine waren, war sie völlig anders.
Redete mehr, machte hier und da auch einen Spaß mit und sprach von Dingen, die sie nie in der Nähe eines Nichteingeweihten nennen würde.
Immer wieder sah Markus sie vor sich auf Yel sitzen.
Schnell hatte sie ihre Kleidung an die raue Witterung des Deutschen Reiches angepasst.
Ihre Hemden und Beinkleider waren ausnahmslos schwarz und auf Kettenhemd und Waffenrock trug sie nun auch oft Haube und Topfhelm.
Ihre Lederhandschuhe besaßen lange Stulpen und sie trug einen schwarzen Reiterumhang, welcher hinter ihr mächtig aufbauschte, sobald sie losritt oder der Wind durch ihre Kleidung fuhr.
Ihr Gesicht verbarg sie mittlerweile bis zur Nase unter einem Leinentuch, da es doch auffiel, dass sie keinen Bartwuchs zu verzeichnen hatte.
Im Ort nannte man sie immer nur den „Vermummten aus dem Morgenland" und die einfachen Leute und Dienerschaft behandelten sie mit Respekt und großer Furcht.
Maliks Kurzschwert trug sie nach wie vor auf ihren Rücken, nur das Assassinen-Schwert, welches sie einst von den Franzosen erhalten hatte, hatte sie abgelegt und sich ein neues Schwert schmieden lassen.
Der Griff des Schwertes war dicker und sie konnte es leichter umfassen, da sie ihre rechte Hand seit einer Verletzung nicht mehr ganz zu schließen vermochte.
Markus wusste, dass Altair ihr diese Wunde in Jerusalem zugefügt hatte.
Mittlerweile kannte er fast jedes Detail ihrer Geschichte, obgleich es lange gedauert hatte und sie ihn und die anderen immer nur stückchenweise an dem Erlebten teilhaben ließ.
Doch Elessas Vertrauen in ihm war mehr als nur groß und der Kreuzzug sowie das gemeinsam Erlebte schweißte die Sechs so sehr zusammen, dass kaum ein Tag verging, wo sie sich allesamt nicht sahen.
Darum waren sie alle nun auch empört gewesen, dass Karzheim beschlossen hatte, nur Adrian und Frank in den östlichen Teil zu schicken, anstelle von allen sechs.
Elessas Aufgabe bestand nach wie vor noch darin, Alicias Leibwache zu sein. Markus hatte Recht behalten und Adelheid war, kaum da sie letztes Jahr sechzehn wurde, verheiratet worden. Und zwar an einen Fürsten nach Venedig.
Einer von Karzheims geschickten Zügen in Sachen Handelspolitik.
Immer wieder musste Markus bei dem Gedanken an Elessas erleichtertes Gesicht lachen, doch daraufhin folgte anschließend hartes und erbarmungsloses Training unter Karls Fittichen und wenn Markus geglaubt hatte, dass Elessa bereits das Maximum an Stärke und Technik für eine Frau hatte erlernen können, so wurde er eines Besseren belehrt, als er selbst die Steigerung ihrer Fähigkeiten erleben musste.
Der Kampf zu Pferde blieb eines ihrer Spezialität und kaum einer schaffte es, mit Speer und Bogen so gezielt zu treffen wie sie.
Auch im Schwertkampf fand sich unter den Knappen und einfachen Soldaten kaum mehr ein würdiger Gegner und in manch einem regte sich bereits der Neid.
Selten trug sie als Rüstung mehr als nur Kettenhemd, Haube und Helm, denn die Platte behinderte sie bei ihren schnellen und geschickten Bewegungen und das Gewicht nahm ihr nach eigenem Verlauten sogar die Luft.
Dies konnte sich Markus gut vorstellen und er war sich sicher, dass Elessa oftmals noch unter den alten Verletzungen litt. Aber das würde sie niemals zugeben.
Langsam verließ der Ritter die Mauer, um bei Fürst Karzheim in Erfahrung zu bringen, welche Nachricht dieser Bote doch gebracht hatte.
„Du machst dir sehr viel Sorgen um Adrian, Markus. Traust du ihm denn nicht zu, dass er diese Aufgabe bewältigen kann? Er ist mittlerweile sehr erfahren und du darfst nicht vergessen, Frank ist bei ihm", meinte der Fürst, doch Markus seufzte und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Das weiß ich alles, Herr, dennoch ist es ungewohnt ihn nicht in der Nähe zu haben. Sonst sind wir immer nur zusammen fort gewesen!", meinte der Franke und Karzheim lächelte.
„Ich brauche dich, Alexander und Manfred aber zurzeit hier. Karl hat auch Verpflichtungen, denen er nachkommen muss. Außerdem wäre es pure Verschwendung, alle von euch für eine Diebesbande zu entsenden!", meinte der Fürst und Markus nickte leicht.
„Ich weiß", murmelte er und Karzheim reichte ihm ein zusammengerolltes Pergament.
„Mein Schwiegersohn Alessandro da Falcone lädt zur Taufe seines Sohnes im Frühjahr ein! Na endlich, ich dachte schon das dumme Stück ist zu gar nichts zu gebrauchen! Lass die Banner hissen, Markus! Wir haben heute einen Grund zum feiern! Ein Karzheim ist geboren! Alicia! Ich bin Großvater geworden!", brüllte der Ritter und Markus konnte sich nun ein leichtes Lächeln nicht verkneifen.
Doch dem Franken selbst war das Herz schwer und nur wenig konnte er dem späteren, munteren Treiben etwas abgewinnen.
Seine Frau war im letzten Winter schwer erkrankt und er hatte nichts tun können, um sie vor dem Tode zu bewahren.
Seitdem trauerte er Tag ein Tag aus und betete für ihr Seelenheil zu jeder freien Stunde.
Sein Sohn Arndt war nun Manfreds Knappe und kaum ein anderer konnte dem Sohne wohl soviel über das Ritterdasein lehren als dieser Mann. Auch war Markus froh gewesen, dass er seinen Sohn in der Nähe wusste, obgleich Karzheim der Meinung war, dass es für den Jungen besser wäre, würde Markus ihn hinaus in die Welt ziehen lassen.
Doch das brachte der Vater nun längst nicht mehr über sich, zu sehr fürchtete er einen weiteren Verlust.
Vielleicht machte er sich auch deswegen vehement Sorgen um Elessa.
Elessas POV:
War es der Regen, der unsere erhitzten Gemüter nun abkühlte?
Im Herbst war es üblich, dass viele Gewitter durch das Land zogen, doch ich fürchtete Blitz und Donner nicht, obgleich die Franken es immer wieder als ein Zeichen des Zorn Gottes deuteten.
Gottes Zorn manifestierte sich sicherlich nicht in solchen alltäglichen Kleinigkeiten. Blitz und Donner... was war das schon?
Zunächst hatte ich das Deutsche Kaiserreich für das Paradies auf Erden gehalten, doch im Laufe der Zeit lernte ich nun, dass dieses Paradies seine Kehrseite hatte.
Hier lernte ich, dass das Paradies und die Hölle dicht nebeneinander liegen konnten.
Das Paradies zeigte sich mir in dieser herrlichen, reichen Landschaft, dem Vorkommen an Wasser und Nahrung, die angenehmen Temperaturen und der Burg, welche ich mein Zuhause nannte.
Doch die Hölle war nicht fern. Die Winter waren nun ausnahmslos alle hart gewesen und ich erinnerte mich nur zu gut an meinen ersten von ihnen!
Obgleich ich die Ratschläge meiner Waffenbrüder beherzigt hatte und mich möglichst gut mit der Kleidung vorbereitet hatte, so wäre ich erfroren, hätten sie mir nicht Pelze und Bärenfett besorgt.
Schnell hatte ich gelernt, dass ein Wolfspelz im Lager wohlige Wärme bedeutete und Schafswolle im Stiefel meine Zehen vor dem Erfrieren bewahrten.
Handschuhe, gefüttert mit Wolle oder Pelz und einen Umhang aus Fellen waren bei den Reisen im Winter unerlässlich und die Haut mit Bärenfett zu versorgen, schaffte ebenfalls eine stinkende Abhilfe.
Der zweite Winter war dann anschließend nicht ganz so schlimm und den dritten fürchtete ich nun gar nicht mehr.
Die rauen Sitten der Franken kannte ich und dank Manfred wusste ich bald über die Gesetze der Ländereien bestens Bescheid.
Interessant war, dass die Kirche bei den Gesetzesentwürfen die Finger aktiv mit im Spiel hatte.
Strafgelder gingen ausschließlich in deren Kassen und oftmals war es die Kirche, welche die Strafen festgelegt hatte.
Bei Diebstählen und Raub wurden demjenigen die Hände abgeschlagen oder er wurde geblendet.
Lügnern schnitt man generell die Zunge aus dem Mund und Frauen, die bei Männern lagen, noch bevor sie den Bund der Ehe schlossen, wurden mit der Rute verprügelt und als Huren verbannt.
Ehefrauen, welche dem Mann Hörner aufsetzten, wurden ebenfalls davongejagt und mussten ein Leben als Huren oder bestenfalls Dienstmädchen fristen.
Betrügern schnitt man die Ohren ab und Mörder wurden je nach Größe des Vergehens gevierteilt, ersäuft oder enthauptet.
Selbst der Galgen fand regelmäßig Verwendung.
Das Abendland war eine raue Gegend und das Gesetz hier zu vertreten war nicht leicht.
Hier, in der östlichen Provinz von Karzheims Ländereien, hatten sich zwei Familien verstritten.
Am Ende war es nun eine Fehde geworden, wobei anschließend sechs Großfamilien beteiligt waren.
Auch hier bestanden Familien vorneweg aus zwölf Personen. Und dies war das Mindestmaß.
Felder und Dorf waren von diesen Unruhestiftern verwüstet worden.
Karzheim entsandte Karl und mich und wir schlugen den Aufstand innerhalb einer einzigen Schlacht nieder und noch bevor die Sonne des nächsten Tages aufgegangen war, war bereits das Urteil für Plünderungen und Mord an Karzheims Eigentum, welches aus Vieh, Mensch, Haus und Frucht bestand, vollstreckt.
Ganze siebenundfünfzig Menschen hingen in Reih und Glied am Galgen. Frauen wie Männer, denn alle hatten sie das Gesetz gebrochen, indem sie sich in den Streit der anderen eingemischt und Karzheims Eigentum zerstört hatten.
Lediglich die Kinder hatten wir am Leben gelassen und in die Obhut der Vogtsbauernhöfe, Hospitäler und Klöster im Umland gegeben. Dort wurde Hilfe immer benötigt.
Nun waren wir auf dem Rückweg und der herbstliche Wald wirkte auf mich mit seinen Farben und Duft nach feuchtem Laub betörend und zugleich besänftigend.
Das Windspiel in den Blättern schenkte mir eine Ruhe, wie sie selten in meinem Herzen zu finden war.
Meine Kleidung und der Wald über mir schützten mich vor dem Regen und dem kühleren Wind, doch ich hatte mich bereits sehr an das Klima gewöhnt sowie an die Menschen dieses Landes.
Aber an eines würde ich mich sicherlich nie gewöhnen: An diese fürchterliche Kirche!
In Akkon hatte ich die Gebetsstunden zutiefst gehasst und ich wusste auch, dass meine Waffenbrüder lieber die Schwerter schwingen würden, anstatt die Hände zu falten.
Doch im Morgenland war es kaum aufgefallen, wenn wir nicht in den überfüllten Gottesdiensten teilnahmen und Karzheim selbst war nicht jedes Mal dort, doch das hatte sich geändert seit ich nach Kelsen gekommen bin.
Vor dem allmorgendlichen Frühstücken wurde zunächst eine Stunde gebetet... ebenso zur Mittagszeit, und abends... leider auch!
Nun, das wäre alles kein Problem hätte es unser Pfaffe nicht so vehement auf mich abgesehen!
Ich war ihm ein Dorn im Auge, weil ich als konvertierter Heide so hoch in Karzheims Gunst stand. Er beschwerte sich wegen jeder Kleinigkeit beim Fürsten selbst.
Ich würde nicht zum Beichten kommen! Das könne nicht sein, denn jeder Mensch habe ein Laster!
Er hatte dazu beobachtet, dass ich nicht regelmäßig spenden würde ohne Komma und dass ich nicht alle Psalme auswendig konnte und mit dem Rosenkranz nicht umgehen würde, wie es sich gehörte.
Karzheim platzte bald darauf der Kragen und stutzte den Pfaffen auf die Größe meines Daumens zusammen.
Doch nicht nur ihn stutzte er, sondern auch mich.
Ich sollte beichten, und wenn ich mir dabei nur etwas ausdachte!
Ich sollte verdammt noch mal einige Psalme lernen und mir am besten einen Rosenkranz an den Gürtel binden.
Und ich sollte spenden, und wenn es nur darum ging, dem Pfaffen bei der Taverne Wein auszugeben!
Aber den würde ich am langen Arm verhungern lassen, diesen fetten, aufgeblasenen, haarlosen...!
Er machte mich rasend vor Wut, doch auch da war es Alexander, dessen böse Pläne mir in diesem Moment hoch willkommen waren.
„Hör zu, kleiner Adrian! Ich weiß aus verlässlicher Quelle, dass dieser Pfaffe es sehr schätzt mit den jungen Novizen zusammenzusein, wenn du verstehst was ich meine! Sodom und Gomorrha, sag ich nur! Ich fürchte, er hat es auf dein junges, haarloses Gesichtchen abgesehen, aber keine Sorge! Ich habe bereits einen Plan, liebster Bruder. Der wird dir diesen Pfaffen vom Hals schaffen, zumindest für eine Weile!"
Alexander setzte seinen Bierkrug ab und beugte sich über den Tisch zu mir herüber. Leise sprach er weiter.
„Du wirst zur Beichte gehen und du musst dem Pfaffen deine schmutzigsten Fantasien bis ins Detail erzählen! Und da komme ich ins Spiel! Der Alte wird seine Finger nicht bei sich lassen und die Hosen runter lassen, und dann wird plötzlich jemand in der Tür stehen, der das gar nicht gerne sieht! Aber da lass dich überraschen! Also? Was hältst du von einer Beichte heute Mittag?", fragte Alexander und ich nickte begeistert.
Beichtstühle waren eng, rochen komisch und ich stieß mir immer Schienbeine und Kopf an, aber dieses Mal war mir dieses Opfer mehr als nur willkommen und die Qualen der Enge wert!
„Mein Sohn", hörte ich nun das nasale Gesäusel des Priesters und sah auf.
„Vater, bitte nehmt mir meine schwere Bürde ab", jammerte ich und faltete die Hände.
„Natürlich mein Kind, sprich, sag mir, was dein Herz erschwert!"
Der kleine, dicke, kahlköpfige Priester erkannte mich sofort und war von seinem Sitzplatz geradezu aufgesprungen.
Ich konnte mir kaum ein Grinsen verkneifen und zog nun den Gugel etwas tiefer in mein Gesicht.
„Vater! Die Nächte sind mir so lang und einsam! Schlimme Gedanken kommen mir zu höchst unwillkommener Zeit!", jammerte ich weiter und der Pfaffe beugte sich zum Gitter.
„Schlimme Gedanken?", hakte er nach und ich seufzte laut.
„Ja, Vater! Gedanken... ich sehe... nackte, schlanke Männerleiber! Haarlos und blass, blond und dunkelhaarig und ihre Hände und ihr Lächeln verführen mich! Ich ohrfeige mich jedes Mal, um diese Gedanken loszuwerden, doch sie kommen immer wieder! Ich sehe, wie sie sich an meinen Körper, der längst nicht so schlank und jung ist, pressen! Ihre Finger umschließen Orte, an die ich mich nicht selbst zu berühren wage! Doch dort brennt es und ich halte es kaum aus! Meine Hose spannt so oft und jeder Schritt wird mir zur Qual!", raunte ich und hörte nun, wie der Priester bereits keuchte.
„So ein verdammter Widerling!", dachte ich, fuhr aber in meiner „Beichte" fort.
Alexanders Worte waren also wahr!
„Erzähl weiter, mein Kind! Das war doch nicht alles!", krächzte der Mann und ich sah durch das Gitter den Schatten seiner Gestalt sich in grotesker Form bewegen.
„Vater! Bitte! Erlösung erhalte ich nur, wenn ich sofort eine Frau aufsuche und mich in ihrem feuchten, liebreizenden Schoß versenke! Aber dabei denke ich an einen bestimmten Mann! Er ist groß und muskulös! Seine Augen sind sturmgrau und seine Hände sind stark und besitzergreifend! Ich stelle mir vor wie er..."
Meine Worte wurden bereits von einen lauten Keuchen und Stöhnen kommentiert und ich brauchte gar nicht weiterzusprechen, denn der Fürst höchstpersönlich riss plötzlich die Kammer des Pfaffen auf und brüllte vor Zorn so laut, dass ich mir sicher war, dass die Vögel von den Dächern flohen.
Wenn Karzheim eines nicht leiden konnte, dann war es ein Pfaffe der die Pfoten nicht aus der Hose lassen konnte, oder sich an den Weibern der Burg vergriff.
„Wir dachten, Ihr hättet Qualen, Franzius! Aber ich sehe! Ihr habt Qualen!", schrie Karzheim und zerrte dem Pfaffen die Kleider vom Leib, ehe er den schreienden Mann nackt mit einer Rute durch die Burg jagte und ihn nach Strich und Faden verprügelte.
Andere bewarfen den Pfaffen mit allerlei Unrat, manche auch mit Steinen und Karzheim tat mir endlich den Gefallen und jagte den Mann aus Kelsen.
Franzius war seit dem Tag nicht mehr gesehen und unsere Andachten wurden von einem reisenden Mönch, welcher Karzheims Gastfreundschaft nutzte, angeleitet.
Alexander und ich waren schnell aus der Reichweite des fürchterlichen Fürsten geflohen und hatten uns auf dem Heuboden der Ställe versteckt.
Dort lachten wir bis zum Abend über unseren Streich und ich gab Alexander noch am selben Abend die Zeche in der Taverne aus. Als kleines Dankeschön.
Tja, und am nächsten Tag schickte mich Karzheim in den östlichen Bezirk.
Wahrscheinlich war dies eine Art Strafe...
Grinsend sah ich bereits Alexander auf der Mauer stehen. Er winkte mir zu und ich blickte zu Frank, der Alexander ebenfalls bereits entdeckt hatte.
„Nun, auch ich mochte Franzius nicht. Sei in Zukunft vorsichtiger, Adrian. Die Kirche ist ein Feind, vor dem dich niemand hier bewahren könnte", meinte Frank leise zu mir und ich nickte.
„Ich hoffe inständig, dass nicht alle Pfaffen solch einen üblen Charakter vorweisen, Frank, sonst weiß ich wirklich nicht, was ich davon halten soll", meinte ich und Frank grinste.
„Nun, selbst wenn, scheinbar hat Alexander für solche Probleme immer eine Lösung parat. Ich bin gespannt, was Karzheim zu unseren Erfolg sagen wird!"
Wir ritten mit unserer Delegation in den Burghof ein und saßen von unseren Pferden ab.
Frank und ich mussten sofort zu Karzheim treten, doch noch bevor wir Bericht erstatten sollten, verkündete er uns stolz, dass er nun Großvater war und ein waschechter Karzheim nun im Hause Falcone geboren worden war.
Frank und ich lächelten und beglückwünschten den Fürsten, der mehr damit beschäftigt zu sein schien, als mit den Unruhen der vergangenen Tage.
„Nun, jetzt bin ich Großvater! Ist das nicht fantastisch? Mal ehrlich, findet ihr, dass ich alt aussehe?", fragte Karzheim und Frank und ich zuckten beide gleichzeitig zusammen.
„Herr! Wie kommt ihr darauf! Ihr selbst seid an jungen Jahren! Ihr habt noch einen kleinen Sohn!", meinte ich sofort doch Karzheim winkte ab.
„Ja! Das mag sein! Aber ich habe das Gefühl, als bekäme mir die Ruhe nicht! Ich habe den Entschluss gefasst, jagen zugehen, und zwar Bären! Ich will meinem Enkel einen Bären erlegen! Und ihr fünf Deppen kommt mit! Aber zunächst wird gefeiert, also seht zu, dass ihr beiden in die Badewanne kommt! Ihr stinkt wie ein ganzes Rudel Wölfe! Wir sehen uns später!", meinte der Fürst und machte eine entlassene Geste mit der Hand.
Ohne ein weiteres Wort verließen Frank und ich den Audienz-Saal und schüttelten grinsend den Kopf.
„Irgendwie bekommt ihm die Ruhe wirklich nicht", meinte ich und Frank nickte.
„Ja, er wirkt so aufgebracht!", stimmte Frank mir zu und gemeinsam machten wir uns auf den Weg in den Wohntrakt des Hauptgebäudes.
Das Feiern war genau das, was wir an diesem Abend benötigten. Es gab nichts Angenehmeres als ein üppiges Gelage nach gewonnener Schlacht und Frank redete sich nun mit unseren Taten so in Rage, dass man mich schon gar nicht mehr danach fragte.
Nun, so konnte ich wenigstens in Ruhe essen und meine Blicke in die große, fröhliche Runde werfen.
Alicia war nach wie vor wunderschön und Raimund war Karzheims ganzer Stolz. Der Junge selbst war seinem Vater sehr ähnlich. Gesicht, Haare, Augen, ein stattlicher Deutscher würde aus ihm werden, dessen war ich mir sicher.
Manfred und Karl, Frank und Alexander und nicht zu vergessen, Markus, doch dieser saß in letzter Zeit abseits und zog sich sehr in seiner Trauer um seine Frau zurück.
Ich selbst hatte nie die Gelegenheit, Luise kennen zu lernen.
Sie lag bereits fest im Bett als wir Fuß auf Kelsen setzten. Im letzten Winter war sie in Folge der langen Krankheit verstorben und Markus litt schwer an diesem Verlust.
„Komm Markus, trink mit mir und erzähle mir, wie es dir die Tage hier erging, so ganz ohne mich!", versuchte ich den Franken aufzumuntern und setzte mich neben ihn.
Markus lächelte sanft.
„Jeden Tag wartete ich auf Nachricht von euch. Noch nie waren wir in den Jahren getrennt gewesen, ist dir das mal aufgefallen?", fragte Markus und ich nickte.
„Das stimmt. Der Fürst meinte, wir kleben aneinander wie Kuhfladen", sagte ich und lachte leise. Auch Markus ließ sich von meiner Fröhlichkeit ein wenig anstecken und wirkte anschließend nicht mehr so verspannt und in sich gekehrt.
Markus und ich zogen uns bald von dem fortgeschrittenen Gelage zurück und fanden uns in der Küche ein, wo ebenfalls Karl sich abgesetzt hatte.
War die Unterhaltung bisher noch locker und fröhlich gewesen, nahm sie nun andere Formen an.
„Wenn man stirbt... wohin geht man, wenn alles hier endet?", hatte Markus leise gefragt und ich glaubte, dass er mehr die Frage an sich selbst stellte, als an mich.
Dennoch beschloss ich zu antworten.
„An einen Ort voller Erinnerungen", hatte ich gesagt und setzte in Gedanken noch „und voller Schatten!", hinzu, als mir meine eigene Nahtoderfahrung wieder einfiel. Doch ich verkniff mir diesen Zusatz, denn ich wollte den trauernden Mann nicht noch unnötig ängstigen.
„Warst du dort?", fragte er und ich nickte sanft.
„Ja, ich war dort und wäre gern geblieben", meinte ich und lächelte ihm aufmunternd zu.
Diese Antwort schien ihn zunächst zu beruhigen und ich dachte, dass er somit ruhig schlafen könnte, doch Markus lenkte die Unterhaltung nun in eine ganz andere, noch weniger schöne Richtung.
„War Altair dir wichtig?", fragte er und ich sah nun zu ihm. Auch Karl, welcher an der Feuerstelle gestanden hatte, blickte nun zu uns.
„Sicherlich war er mir das", sagte ich nach einem Moment und nahm noch einen Schluck von dem Wein.
„Warum hast du ihn dann so ohne weiteres loslassen können? Was hast du gesehen, als du bewusstlos warst? Was haben dir deine Erinnerungen gezeigt, was deine Entscheidung so gefestigt hat, dass du einen Menschen, der dich über alles liebte, derart verletzen konntest?"
Diese Frage war nicht nur unbequem, sie schmerzte schon fast und ich glaubte sogar einen bitteren Vorwurf in Markus Stimme zu hören. Das war ich von ihm gar nicht gewöhnt... und erwartet hatte ich es auch nicht.
„Lass uns über was anderes reden, Markus. Das liegt alles hinter uns, hinter mir! Ich habe mich für ein neues Leben entschieden und bin darüber so sehr froh", sagte ich und Markus schüttelte den Kopf.
„Deine Liebe muss zerbrechlich sein, dass dir die Entscheidung so leicht fiel", meinte er nun und ich nickte.
„Nun, das ist sie, Markus. In der Tat. Diese Liebe bestand aus dem Glauben heraus, dass es das einzig Gute ist, was mir in diesem Leben passieren könnte. Aber das stimmte nicht, mh? Schließlich traf ich auf euch", antwortete ich und Markus nickte nun und wirkte besänftigt.
„Aber wir können dir Altair niemals ersetzen. Wir können dir nicht das geben, was du von ihm erhalten hättest. Auch wenn du noch so glücklich in unserer Nähe zu sein scheinst, aber sobald du uns den Rücken kehrst, und sei es nur für die wenigen Stunden in denen du schläfst, dann bist du allein", meinte der Franke leise und seufzte sanft.
„Trauerst du um mich Markus?", fragte ich und lächelte ihm süffisant zu. „Das musst du nicht. Das ist nicht deine Aufgabe... und auch nicht dein Problem. Aber wenn es dich ablenkt, was liegt's mir?"
Ich stand auf und streckte mich.
„Puh, ich weiß nicht wie es euch geht, aber ich bin müde und werde mich nun zurückziehen. Ich möchte morgen nach Xanten auf den Markt und brauche das ein oder andere. Mag jemand mit?", fragte ich und Karl nickte.
„Ich wecke dich dann", meinte er und grinste mir schelmisch zu.
„Aber lass den Wasserkrug diesmal draußen! Ich werde schon aus den Fellen kriechen!", erwiderte ich und lachte leise.
„Auch ich bin müde. Komm, gehen wir das letzte Stück zusammen", meinte Markus und stand nun ebenfalls auf.
Während wir durch die kaum beleuchteten Gänge gingen, um in den Flügel zu gelangen wo sich unsere Zimmer befanden, schwieg Markus und ich sah ihn eine Weile an.
Die Trauer hatte ihm zugesetzt. Er war dünner geworden, wirkte nun wesentlich blasser. Seine dunkelbraunen, kurzen Haare und seinen Bart um Oberlippe und Kinn hielt er dennoch in Ordnung.
Er hatte keinen vollen Bart wie Karl oder Fürst Karzheim, nein. Sein Bartwuchs war von kurzem Naturell und wirkte dadurch sehr gepflegt. Seine blauen Augen verliehen seinem Aussehen noch einen stimmigen Kontrast.
Markus selbst war nur wenig größer als ich und hatte das dreißigste Lebensjahr bereits überschritten. Der Mann bewohnte sein Gemach mit seinem Sohn im vorderen Teil des Flures. Mein Zimmer war am gegenüberliegenden Ende.
„Schlaf gut, Markus. Wir sehen uns Morgen, ja?", fragte ich noch leise und wollte bereits weitergehen, als der Franke meine Hand ergriff und mich aufhielt.
„Warte noch kurz", sagte er und ich drehte mich zu ihm um.
Fragend musterte ich ihn und sah, wie er mit den Worten haderte und anstelle viel zu sagen, trat er nun einen Schritt näher und senkte seine Lippen einfach auf meine herab.
Ich war über sein Tun so entsetzt, dass ich mich zunächst nicht bewegen konnte.
Dies veränderte das Verhältnis zwischen mir und Markus schlagartig und allein vor dieser Veränderung hatte ich mehr Angst als alles andere.
Ich spürte, wie Markus einen Schritt auf mich zutrat und seinen Kuss vertiefen wollte, doch in diesem Moment löste ich mich aus meiner Starre und brachte meine Hände vor seine Brust.
Ein Schritt zurück brachte zwischen ihn und mir nun die ersehnte Distanz und beide standen wir zunächst schweigend und mit gesenkten Köpfen voreinander.
In dieser Nacht tat ich kein Auge mehr zu. Keinen klaren Gedanken konnte ich fassen und immer wieder fiel mir Markus Blick ein, mit dem er mich angesehen hatte, bevor wir uns schweigend im Flur getrennt hatten.
Weder er noch ich waren fähig gewesen, ein Wort dazu zu sagen.
Erst in den Morgenstunden war ich in einen unruhigen Schlummer gesunken und mir kam es vor, als hätte ich nicht einmal eine Stunde geschlafen, als Karl auch schon gegen meine Tür hämmerte und mich abholte.
„Du siehst fürchterlich aus!", meinte Karl später, als wir durch das Burgtor den Hügel hinabritten.
„Die Nacht war schlaflos", erwiderte ich nur grummelnd und trieb Yel zur Eile an.
Je schneller ich zurückkam, desto schneller würde ich mich auf meinem Lager langmachen können.
Mittlerweile war ich selbst zu müde, um über Markus nachzudenken.
Ich besuchte Xanten gerne und oft. Alicia begleitete ich regelmäßig her und genoss es, meine Zeit außerhalb der Burg verbringen zu können. Fast jeden Tag fanden hier Märkte statt und man bekam fast alles, was man benötigte oder begehrte.
Tuch, Wolle, Felle, sogar Waren aus fernen Ländern wie Gewürze und Trockenfrüchte.
Das muntere Treiben auf dem Markt lenkte mich ein wenig von der Müdigkeit ab und ich suchte gezielt nach einem Bogner.
Ich hatte einen Bogen, der recht brauchbar war, aber meine Pfeile waren nicht für die Jagd auf Bären geeignet und ich war mir sicher, dass Fürst Wilhelm keinen durchlöcherten Bärenpelz haben wollte. Somit suchte ich nach Pfeilen mit einer bestimmten Spitze, um das Tier mit möglichst wenigen Schüssen zu erlegen.
Es war nicht einfach, einen Bären tödlich zu treffen. Herz, Lunge, Nacken waren die einzigen Bereiche, die einen sofortigen Tod bedeuten konnten, aber längst nicht mussten.
Bären hatten im Winter eine dicke Fettschicht und es war gut möglich, dass die Pfeile gar nicht tief genug drangen, um eines der Organe zu treffen.
Der Bogner hatte verschiedene Pfeile parat und riet mir zu doppelter Spitze, da der Schaden des Fells begrenzt bliebe, aber Muskelfasern und Organe immens geschädigt wurden.
Er sprach ebenfalls davon, dem Tier in den Kehlansatz zu schießen, um es möglichst bald zu lähmen und zu töten
Ich ließ mir meinen Köcher vollpacken und nahm mir noch eine neuwertige Sehne mit ehe ich über den Markt schlenderte und nach Karl suchte.
Den braunhaarigen Hünen fand ich beim Schlachter. Er hatte sich ein Stück von einem Schwein, welches über einem offenen Feuer gebraten wurde, abschneiden lassen und ließ sich das Fleisch sichtlich schmecken.
Auch mir meldete sich knurrend der Magen, dennoch war ich gönnerhaft genug, für meine übrigen Waffenbrüder etwas einzupacken.
Alexander und Manfred würden sich genauso wie Markus und Frank über das Fleisch freuen, außerdem brachten sie mir auch immer etwas vom Markt mit.
„Hast du etwas Brauchbares bekommen?", fragte Karl und ich nickte und zeigte ihm die Pfeile.
„Na, sieht nach einer guten Ausrüstung aus. Ich hoffe, dass du bei den beweglichen Zielen genauso gut schießt wie bei den stehenden, der Fürst selbst ist ein räudiger Schütze", lachte der Bärtige und ich grinste.
„Nun, ich hatte den besten Lehrer für Ballistik, Karl. Mal sehen ob ich es bald umsetzen kann, Wölfe jagen kann ja jeder Knappe", meinte ich und Karl wirkte über mein Kompliment zufrieden.
Wir gingen kaum später zurück zu unseren Pferden, die wir an einem Stellplatz zurückgelassen hatten, und ich verstaute mein Gepäck gerade in die Taschen, als ich lautes Geschrei vernahm.
„Was ist da los?", fragte Karl und hob stirnrunzelnd den Kopf.
Er ließ von seiner Fuchsstute ab und ging ein Stück in Richtung der Geräusche. Eigentlich hatte ich nicht sonderlich Lust ihm zu folgen, doch war es als Soldat unter Karzheim meine Pflicht, das hiesige Gesetz zu vertreten. Somit folgte ich dem Franken ohne zu zögern und in der düsteren Seitenstraße, welche vom Markt abbog, entdeckte ich nun auch die Ursache des Tumults.
Zwei Männer hatten eine Frau gepackt und fielen über sie her, obgleich sich diese schreiend nach Leibeskräften wehrte.
Sie schrie so laut, dass ich mir sicher war, dass sie mindestens über den halben Marktplatz zu hören war und die Männer versuchten ihr den Mund zuzuhalten, wurden dabei jedoch gebissen und gekratzt.
„Nur eine Hure", meinte Karl und ich wollte bereits nicken als mein Blick auf das Gesicht dieser Frau fiel.
Sie war schmutzig und Blut klebte in ihrem Gesicht und Haar, dennoch erkannte ich Mesha ohne genauer hinsehen zu müssen.
„Mesha!", keuchte ich schockiert und spürte nun, wie Karl mich verwirrt ansah, doch noch bevor er fragen konnte, zog ich blank und rannte auf die Leute zu.
Die Männer ließen sofort von ihr ab und noch bevor ich sie erreichte, hatte bereits einer das Weite gesucht.
Der andere grinste und hob besonnen die Hände. Es störte ihn überhaupt nicht, dass er mit heruntergelassenen Hosen und halber Erektion vor mir stand.
„Aber Herr, seht Ihr denn nicht? Wir haben für diese Frau bezahlt! Uns steht sie nun zu!", sagte er, doch sein Lächeln schwand als unsere Blicke sich trafen.
„Wo habt Ihr sie her?", fragte ich und meine Stimme klang leise und schneidend. Ich richtete meine Schwertspitze auf dessen Kehle und der ungepflegte Mann mittleren Alters, welcher scheinbar ein Kaufmann war, schluckte.
„Ich... ich hab sie von dem Zuhälter Blanka, aus dem Ost-End!", beeilte er sich zu sagen.
„Zieh Leine, bevor ich dir das Fell über die Ohren ziehe", grollte ich und verzichtete nun ihm gegenüber auf sämtliche Höflichkeitsformen. Der Kaufmann erbleichte, machte kehrt und rannte davon, wobei er beim Laufen über seine Hosen, welche ihm noch in den Knien hingen, stolperte und sich zunächst erstmal in den Straßendreck legte.
Ich sah ihm noch nach bis er verschwunden war und steckte dann mein Schwert zurück in die Lederscheide.
Mesha lag immer noch am Boden und als mein Blick auf sie fiel, hob sie die Hände und duckte sich in scheinbarer Erwartung, dass ich sie schlagen würde.
Nur einige Lumpen erinnerten an ein ehemaliges Kleid und Schmutz und Blut klebte überall an ihr.
„Mesha?", fragte ich leise und beugte mich nun zu ihr hinab.
Die Frau schrie sofort auf und schlug nach mir. Mehrere Schläge prasselten auf meine Brust und Schultern, als ich Mesha auf die Beine ziehen wollte und der Tumult endete, als sie mir mit ihrer Faust so kräftig gegen mein Kinn schlug, dass ich rückwärts umging.
Mesha war derart in Panik, dass sie sich kaum beruhigen ließ. Selbst als ich auf Arabisch zu ihr sprach, ließ sie sich nicht aufhalten und versuchte sich aus Karls Griff, welcher sie nun gepackt hatte, zu befreien.
Sie schrie weiterhin, hatte bereits einen ganz roten Kopf bekommen und schluchzte und weinte so bitterlich, dass sie mir dabei fast Leid tat.
Gerade als ich glaubte, dass sie zur Vernunft kommen würde, knickte sie einfach ein und wäre zu Boden gegangen, hätte Karl sie nicht gehalten
Sämtliches Leben war aus ihren Gliedern gewichen und sie lag nun in den Armen des Wachhauptmanns und wirkte auf mich so leblos wie eine Stoffpuppe.
„Verflucht! Die hat mich erwischt", grollte ich und rieb mir das Kinn.
„Wer ist das?", fragte Karl und ich seufzte.
„Das ist Mesha. Maliks Frau!", sagte ich und Karl runzelte die Stirn.
„Was tut die hier? Masyaf ist nicht gerade um die Ecke!", fragte er und ich zuckte mit den Schultern.
„Das gilt es herauszufinden. Komm! Lass uns losreiten! Ich hab das Gefühl, es könnte unangenehm werden, wenn wir hier zu lange verweilen", erwiderte ich und Karl hob Mesha hoch und trug sie mit sich zu den Pferden.
„Wir wollen keinen falschen Eindruck erwecken!", sagte ich und warf der bewusstlosen Frau meinen Filzumhang um die Schultern.
„Hier, halt sie mal kurz. Ich nehme sie auf Freya mit", meinte Karl und gab mir Mesha, welche unglaublich leicht auf mich wirkte, in die Arme.
Der Franke stieg in den Sattel, ließ sich dann Mesha wieder geben, welche er an sich hielt, und ritt los.
Es hatte seine Vorteile in den Waffenröcken von Fürst Karzheim gekleidet zu sein. Keiner der Stadtwachen hielt uns auf und so ließen wir Xanten schnell hinter uns und trieben die Pferde in einem gestreckten Galopp über die Pfade und schlammigen Straßen.
Die Leute, welche zum Markt unterwegs waren oder pilgerten, wichen uns eiligst aus und ich war mir sicher, dass sie bereits die Köpfe zusammensteckten und tuschelten.
Sämtliche Dinge verloren nun an Wichtigkeit und ich spürte, wie die Vergangenheit mich unweigerlich wieder einholte.
Jahre waren ins Land gegangen, doch die Assassinen kreuzten nun erneut meinen Weg.
Es endete nicht und erneut stand ich vor den Trümmern meines alten Lebens.
Ende Kapitel 23
