^^Der abgetrennte Zopf
Kapitel 24: „Der Beutezug des Adlers!"
Meshas Zustand war kaum mit Worten zu beschreiben.
Unzählige Verletzungen verunstalteten ihren zierlichen, schmalen Körper. Scheinbar hatte sie eine lange Hungerepisode erdulden müssen, außerdem wies ihre Haut einen Parasitenbefall auf.
Markus sprach davon, dass dies oft bei Huren der Fall wäre.
„Sie ist keine Hure", hatte ich gemurmelt und klang dabei wahrscheinlich genauso hilflos wie ich mich zu diesem Zeitpunkt fühlte.
Mesha erkannte mich nicht. Vor mir hatte sie genauso viel Angst, wie vor den anderen, obgleich wir ihr nur helfen wollten.
Weder Markus noch ich durften ihr zu nahe kommen und wir mussten sie zu dritt halten, um ihre Wunden zu versorgen.
Ihr Unterleib war schier zerrissen und mich schmerzte allein der Anblick.
Entzündete Wunden, eiternde Geschwüre und dunkle Blutergüsse zierten den Bereich ihrer Scheide und Innenschenkel und eine Infektion sorgte für einen stinkenden Ausfluss und Schmerzen.
„Hier kann ich nicht viel tun", hatte Markus gemeint.
„Aber Sigrid aus dem Kloster Hagenbusch in Xanten ist eine anerkannte Heilerin für Frauenleiden. Vielleicht solltest du sie um Rat fragen?"
Mein Blick wanderte über Mesha, die schluchzend und zitternd vor Angst auf meinem kleinen Lager lag.
„Reite nur nach Xanten, Adrian! Ich spreche mit dem Fürsten an deiner Stelle", meinte Karl und ich nickte ihm dankbar zu.
„Ja, und wir haben ein Auge auf sie bis du zurückkehrst. Eile dich", meinte Alexander und setzte sich auf meine Holztruhe unter dem Fenster.
Ich hatte mein Pferd nach dem Wind benannt, denn so schnell und stetig wie dieser reiste, so schnell und stetig galoppierte auch Yel.
Immer wieder bewunderte ich die Kraft, die unter mir explodierte wenn Yel im Galopp ausgriff und mir der Wind um die Ohren pfiff ohne Komma wie ein aufkommender Sturm.
Gemeinsam waren wir aus dem Morgenland in das Römische Reich deutscher Nation gereist. Der Weg war lang und auch schwer, doch Yel und ich waren unzertrennlich und wir hatten nur einander um uns an das, was hinter uns lag, zu erinnern.
Doch nun waren meine Gedanken bei Mesha. Die Verletzungen zeugten davon, dass sie wohl schon länger solch schlechter Behandlung ausgesetzt gewesen war. Ich wollte mir überhaupt nicht vorstellen... nein! Nicht mal dran denken, was mit ihr geschehen war!
Aber... wie kam sie hier her? Wie Karl gesagt hatte: Masyaf war nicht gerade um die Ecke.
Meine Gedanken stießen auf Leere! Frage um Frage häuften sich auf, doch keiner schien mir hier Antwort geben zu können. Außer Mesha.
Das Kloster wirkte auf mich wie eines der Lazarette der Hospitaliter in Akkon.
Hier kümmerte man sich überwiegend um Kranke und Bedürftige und die Ordensschwestern waren sehr gottesfürchtig und auch weise im Umgang mit Kranken und Sterbenden.
Diese Frauen waren strenge Dienerinnen unter dem Kreuz und sie hatten es sich, um sich ihr Seelenheil zu bewahren, zur Aufgabe gemacht, Barmherzigkeit und Gnade für die Schwachen und Kranken aufzubringen.
„Junger Herr", sprach eine der Schwestern und verbeugte sie tief, als ich zu ihr trat.
Sie war noch recht jung und in ihren Augen las ich, dass sie nicht ganz so gottesfürchtig zu sein schien, wie ihre älteren Schwestern.
Sie trug eine lange, weiße Robe mit einer Kopfbedeckung. Ein Gürtel aus geflochtener, dunkler Wolle hielt die Robe etwas in die Höhe, damit sie nicht auf deren Saum herumtreten würde und am Gürtel selbst war ein hölzerner Rosenkranz befestigt.
Ich musterte die junge Frau zunächst mit einem kühlen, distanzierten Blick, ehe ich sie nun auf Sigrid ansprach.
„Um diese Zeit wird sie in der Schreibstube unter dem Dach sein, Herr. Bitte folgt mir, ich führe Euch gerne zu ihr", sprach sie mit einem leichten Lächeln auf ihrem Gesicht.
Schwester Sigrid war alt.
Nicht nur älter, sondern alt! Ich wunderte mich, dass sie überhaupt noch laufen konnte, denn ihre Körperhaltung war gebeugt, als trüge sie eine schwere Last auf dem Rücken und ihr Gesicht erzählte von langen Wintern und vielen Nöten.
Kein Lächeln zierte ihre Züge und ich spürte von vornherein schon, dass dieses Gespräch mich nicht weiterbringen würde.
„Sieh an, ein Soldat aus Kelsen. Was kann ich für Euch tun, junger Herr", sprach sie, als sie mich entdeckte und trat von ihrem Schreibpult weg.
„In meiner Obhut befindet sich eine geschändete Frau. Ihr Leib ist zerbrochen, mager und von Vieh befallen. Sie stinkt, obgleich wir sie gebadet haben, und Schmerzen hat sie, deren Ausmaß ich nur erahnen kann", sagte ich und wählte dabei absichtlich eine raue, tiefe Tonlage mit langsamer Aussprache.
Dabei sah ich dieser Frau fest in die alten, braunen Augen, doch Sigrid fürchtete mich nicht.
„Eine Frau mit zerbrochenem Leib zu heilen, ist eine Kunst, welche kein Mann sich aneignen kann und sollte. Bringt sie her, Soldat", forderte sie, doch ich schüttelte den Kopf.
„Das geht nicht, Schwester. Sie ist nicht in der Lage, das Lager zu verlassen und außerdem habe ich keinen Grund Euch mehr als nötig zu trauen."
Die Alte hob den Kopf und musterte mich wütend, ehe sie sich zu ihrem Schreibpult umdrehte und sagte: „Nun, dann kann ich Euch nicht helfen, junger Mann. Lebt wohl", sagte sie und ihre Stimme klang kalt und gleichgültig.
„Ihr verwehrt mir, einem Soldaten unter Fürst Karzheim zu Kelsen, die Hilfe?", fragte ich und Sigrid schnaufte abfällig.
„Karzheim sollte aufhören, seine Schandtaten mit scheinbaren Wohltaten zu überdecken. Sag ihm das", meinte sie ohne mich anzusehen und ich biss wütend die Zähne aufeinander.
Sigrid würde mir nicht helfen, doch Mesha zurück nach Xanten zu bringen, schien mir zu gefährlich.
Jetzt war guter Rat teuer.
Mit schnellen, wütenden Schritten ging ich durch das Kloster, um möglichst bald nach Kelsen zurückzukehren.
Wir würden es auch so hinbekommen! Markus hatte ja auch schließlich mich wieder zusammengeflickt, da konnte das doch kaum schlimmer sein! Hoffte ich zumindest...
Ich stieg gerade in Yels Sattel, als ich es entdeckte.
In der Mähne meines schwarzen Pferdes befand sich eine weiße Feder, die mit dem Kiel voran in dem langen Haar steckte.
Für eine Taubenfeder war diese zu groß und ich war mir sicher, dass ich solche Federn schon einmal irgendwo gesehen hatte.
Sie steckte so auffällig, dass es mir kaum wie ein Zufall vorkam und ich fast schon daran glaubte, dass jemand wollte, dass ich sie fand.
Stirnrunzelnd betrachtete ich die Feder.
Die Raubvögel hier waren fast alle grau oder braun aber... vielleicht irrte ich mich auch und es war eine Hühner- oder Gänsefeder.
Ich war so sehr mit nachsinnen beschäftigt, dass ich zunächst nicht bemerkte, wie eine kleine, bucklige und noch dazu vermummte Gestalt sich mir näherte.
Erst als sie meine Wade berührte fiel mein Blick auf sie.
„Herr", krächzte die Gestalt und blickte mich aus roten, geschwollenen Augen an.
Ein Aussätziger!
„Geh von mir weg!", schrie ich ihn sofort an und ließ Yel zur Seite tänzeln, um aus der Reichweite dieses Leprakranken zu gelangen.
„Bitte Herr! Nur einen Augenblick Eurer kostbaren Zeit!", krächzte er erneut und hob seine mit schmutzig-weißen Leinenstoff bedeckte, verkrüppelte Hand.
„Sprecht rasch!", fauchte ich den Krüppel an und die Gestalt verbeugte sich dankbar.
„Der Pfeil des Morgengrauens offenbart den Pfad der Morgenröte. Wo die großen Brüder sich trennen entspringt ein jüngerer Bruder, welcher allein in die Tiefe stürzt. Die Gejagten befinden sich an dessen Fuße", hauchte der Kranke und ich biss nun wütend die Zähne aufeinander.
„Was redest du für dummes Zeug? Damit kann ich überhaupt nichts anfangen, du dämlicher Tölpel! Ich habe andere Probleme als mir dein Gewäsch anzuhören! Hau ab!", brüllte ich und wollte bereits mein Pferd wenden, als der Kerl mir nun einen Beutel hinhielt.
„Dies soll die Wunden und Geschwüre heilen, sowie die Krankheit in ihrem Innern! Auftragen müsst ihr es, Herr. Aber ihre seelische Pein könnt ihr nicht lindern, denn diese Macht hat nur der, der sich am Fuß des jüngsten Bruders befindet", krächzte der Aussätzige nun wieder und ich grollte wütend, musterte den Beutel aber nachdenklich.
„Was ist das?", fragte ich und der Aussätzige lachte leise.
„Es stinkt und es wird brennen, doch auch Eure Wunden in Jerusalem und Akkon heilte es", säuselte er und ich sah, wie seine wässrigen, kranken Augen mir zulächelten.
„Woher wisst Ihr das?", fragte ich nun leiser und sah mich um, ob jemand sich in der Nähe befand, welcher unser Gespräch mitbekommen hatte können. Doch wir waren auf diesem Hof allein.
„Ah... Knut hört vieles, Knut sieht vieles! Verzeiht, Herr, der Aussatz bringt Knut zeitweise um den Verstand", meinte Knut und schüttelte den Beutel wie als wolle er mich daran erinnern, dass ich ihn mitnehmen sollte.
Ich nahm den Beutel entgegen und meinte fast zu glauben, dass er untypisch schwer war, wenn er doch scheinbar nur Kräuter enthielt.
„Männer unter dem Roten Kreuz jagen zusammen mit den Dämonen des Lazarus, doch so lange der Adler fliegt, werden die Jäger hungrig zu Bett gehen müssen", murmelte Knut nun in einem monotonen Singsang und wippte mit dem Oberkörper vor und zurück.
Mir lief bei diesem Anblick ein Schauer über den Rücken und hastig verstaute ich den Beutel in meiner Satteltasche.
Dies wurde mir langsam zu unheimlich.
„Friede sei mit Euch und Eurem schwindenden Verstand", murmelte ich dem Mann zu und warf ihm drei Silberlinge vor die Füße, ehe ich Yel wendete und davonritt.
„Habt Dank, Herr! Nehmt Euch in Acht vor dem weißen Schatten!", rief er mir hinterher, doch ich winkte ab und ließ Yel angaloppieren.
„Sigrid wollte dir nicht helfen?", fragte Markus und ich schüttelte seufzend den Kopf.
„Nein. Nur Aussätzige und Bekloppte scheinen sich ein Stelldichein zu geben! Hier, das erhielt ich von einem! Er meinte, dies könnte die Verletzungen heilen", erwiderte ich und reichte dem Franken den Beutel.
„Ah, das Zeug kenne ich", meinte Markus und lächelte leicht, nachdem er sich dessen Inhalt ansah.
„Das ist das, was Malik bei deinen Verletzungen in Akkon zusammengemischt hat! Wo hat der das her?", fragte er, doch ich zuckte mit den Schultern.
„Der war kaum fähig, mir ein brauchbares Wort entgegenzubringen. Knut hieß er! So ein kleiner, krüppeliger Kerl. Vielleicht hast du ihn auf einem der Märkte schon einmal gesehen?", fragte ich, doch Markus schüttelte den Kopf.
„Nun gut, wenn Sigrid uns nicht hilft, müssen wir es eben allein versuchen. Ein Sitzbad in diesem Zeug könnte helfen. Malik hat es aufgekocht. Den Sud musstest du trinken, und die Blätter zerrieb er auf deinen Wunden. Komm, lass es uns versuchen", meinte der Franke und ging mit mir zurück zu Mesha.
Wir ließen sie in einem Zuber sitzen, dessen Inhalt ihr bis zum Bauchnabel reichte.
Sie hatte sich nicht gewehrt und zu diesem Zeitpunkt gewann ich den Eindruck, dass sie aufgegeben hatte.
Immer wieder sagte ich ihr auf Arabisch, wer ich war und fragte natürlich auch, was passiert sei, doch weder bekam ich eine Antwort, noch erhielt ich überhaupt nur eine Reaktion.
Ich schützte Mesha vor den Blicken der anderen Menschen auf Burg Kelsen, indem ich sie in meiner Kammer wohnen ließ.
Sie lag dort den ganzen Tag auf dem Lager und starrte nur an die Wand. Essen rührte sie zunächst nicht an, doch nach kurzer Zeit begann sie, es zu sich zu nehmen, wenn ich das Zimmer wieder verließ.
Nun, so kam ich zu einem Untermieter und büßte dabei mein eigenes Bett ein. Deshalb schlief ich immer abwechselnd bei Alexander oder Karl. Das war ziemlich eng und so entbrannten regelmäßig kurze Kämpfe um die Decke oder mehr Platz, aber anders ging es kaum, denn ich ängstigte Mesha mit meiner bloßen Anwesenheit zu Tode.
Karzheim wunderte sich genauso wie ich und alle anderen über Meshas Auftauchen.
Er schlug mir vor, den Zuhälter zu befragen, woher er Mesha habe, doch das war gar nicht so einfach, denn noch bevor ich diesen Blanka fragen konnte, war dieser wohl in der vergangenen Nacht im eigenen Bett getötet worden. Man hatte ihm die Kehle aufgeschnitten und wie Schlachtvieh verbluten lassen.
Nun, es war nicht unüblich, dass ein Mann wie er Feinde hatte, doch so erfuhr ich über Mesha natürlich rein gar nichts und auch diesem verrückten Knut lief ich nicht mehr über den Weg.
„Aussichtslos", grollte ich und schlug wütend gegen den hölzernen Türrahmen des zwielichtigen Bordells.
„Nun, edler Jüngling, vielleicht kann ich Euch helfen, Euren Gram zu vergessen!", gurrte eine dicke, rothaarige Hure, deren Gesicht von Pausbacken und Doppelkinn geradezu verunziert wurde, und berührte meinen Arm mit ihren stummeligen, schwieligen Fingern.
„Ah, Pfoten weg!", grollte ich und stieß sie hart beiseite.
„Wer dich vögelt, ist entweder blind, verrückt oder beides!"
„Tja! Hätte man nicht die hübsche Schlampe aus dem Morgenland entführt und wer-weiß-wohin verschleppt, dann hättet Ihr Euch ja mit ihr vergnügen können. So bleibe nur ich und unsere Bärbel", meinte die Hure schnippisch und stemmte empört ihre kleinen Hände in ihre gewaltigen Hüften.
„Morgenland?", fragte ich und die Hure grinste mich mit ihren schiefen, grauen Zähnen an.
„Ja, ein hübsches Täubchen. Sie hat Blanka viel Geld und Nerven gekostet! Aber der Sklavenmarkt in Cassel ist nun mal sehr exklusiv!", meinte sie und mir entgleisten sämtliche Gesichtszüge.
„Cassel? Das sind mindestens vier Tage von hier, und Karzheim versteht sich mit dem Herzog dort nicht sonderlich gut", meinte Manfred, als ich ihn nach diesem Sklavenmarkt fragte.
„Eine von Blankas Huren meinte, er hätte Mesha von dort. Vielleicht sind da noch andere aus Masyaf", mutmaßte ich und der große, dunkelhaarige Mann hatte mit dem Kopf genickt und sich nachdenklich durch den Bart gestrichen.
„Frank lebte einst in der Nähe von Cassel. Vielleicht kann er dir weiterhelfen? Ich habe einige Karten, aber lass mich dir sagen, wenn du nach Cassel willst, solltest du es jetzt tun, bevor der Winter anbricht. Die Alpen im Süden sind bereits unpassierbar ohne Komma und der November ist nicht einmal angebrochen! Die Bauern sprechen vom Fimbulwinter und sind sehr besorgt", berichtete mir der Richter und ich nickte.
Ich sprach noch in derselben Stunde mit Frank, der mit Karl beim Gesinde in der großen Küche saß.
„Sicherlich kann ich dich nach Cassel führen, aber du weißt, dass Fürst Karzheim mit dem Herzog dort verstritten ist, weil er dessen Sohn als Knappen abgelehnt hat?", fragte Frank und ich nickte.
„Dessen bin ich mir bewusst, dann müssen wir halt die Waffenröcke für ein paar Tage ablegen ohne Komma oder verdecken! Es würde mir genügen, wenn du mich nur bis an die Stadtgrenze bringen würdest", meinte ich, doch der ältere Mann schüttelte den Kopf.
„Der Markt ist kein offizieller und befindet sich nicht in Cassel selbst. Ein kleines Dorf vor der großen Stadt ist der Markt ohne Komma und du bekommst dort nicht nur Sklaven, sondern auch Vieh und Nahrung. Man munkelt, die Betreiber würden den Herzog regelmäßig bestechen, deswegen würde dieser dagegen nichts unternehmen", erzählte Frank und ich seufzte.
„Na, also auf Hilfe von den Stadtwachen können wir gar nicht erst hoffen? Dann ist es umso wichtiger unerkannt zu bleiben."
„Sprich mit Karzheim über unseren Plan und ich packe unsere Satteltaschen schon einmal voll", meinte Frank und ich nickte.
„Ich komme auch mit", meinte Karl und stand auf.
„Ich wollte mir die Befestigungsanlage von Cassel mal genauer ansehen. Wir kommen doch an der Stadt vorbei, oder?", fragte er und Frank nickte.
„Den einen oder anderen Blick können wir auf Cassel schon werfen."
Ich hatte Karzheim meinen Plan vorgetragen und dieser hatte mir ohne zu zögern zugestimmt.
„Sie spricht immer noch nicht?", fragte er und ich seufzte.
„Kein einziges Wort. Sie scheint mich nicht zu erkennen und wirkt auf mich auch gar nicht anwesend", meinte ich und der Fürst nickte bedächtig.
„Herzog Balthasar ist ein unangenehmer Zeitgenosse. Es wäre gut, wenn du seinen Weg nicht kreuzt, denn zu mir steht er sehr schlecht", meinte Karzheim und ich lächelte.
„Euer Feind ist auch mein Feind, Fürst Karzheim. Ich danke für Euer Wohlwollen", antwortete ich und der Fürst lächelte sanft.
„Nun, ich würde dich gerne begleiten, doch ich muss mich mit Markus in den nächsten Tagen um die Inventarisierung unserer Ernte kümmern. Die Bauern sind in Aufruhr, weil im Süden bereits Schnee liegt und auch hier ein recht kalter Wind weht. Ich fürchte fast, dass der Winter dieses Jahr früh kommt, also reite los und sieh, was du erreichen kannst. Karl und Frank werden dir eine große Hilfe sein", meinte er und ich nickte und verbeugte mich.
„Habt Dank, Herr!", raunte ich und zog mich nun zurück.
Wir drei entschieden uns, die Waffenröcke unter dunklen Überwürfen zu verbergen, aber sie dennoch anzubehalten, allein schon, weil sonst das Passieren unserer Grenzen zu lange gedauert hätte und wir diese Kopfsteuer nicht zahlen wollten.
„Wir sollte nicht gezielt nach Sklaven aus Masyaf fragen", meinte ich, als wir zwischendurch die Pferde tränkten.
„Sklaven aus dem Heiligen Reich ohne Komma oder Morgenland", entgegnete Karl und ich nickte.
Der Niederschlag erschwerte unsere Reise und Cassel war erst zum Ende des fünften Tages sichtbar geworden.
Die stark befestigte Stadt lag unter einer dichten, herbstlichen Nebelmasse und wirkte auf mich unheimlich und grau.
„Gott... was ein Wall!", stöhnte Karl und ich grinste.
„Na, an der Stadt könnte sich Karzheim die Zähne ausbeißen", meinte ich und Karl schüttelte den Kopf.
„Das stimmt wohl, und dieser Herzog ist genauso stur wie er! Der könnte sich jahrelang in Cassel verkriechen ohne zu hungern! Siehst du diese Silos? Schau nur, wie viele sie sind und ich wette, sie sind bis zum Rand mit Korn gefüllt!", meinte er und Frank nickte.
„Das sind sie! Die Ländereien um uns herum sind sehr ertragreich", meinte Frank und Karl grollte, dass doch der Blitzschlag die Silos treffen solle, oder den Herzog.
Ganz wie Frank beschrieben hatte, bestand der Markt aus einem kompletten Dorf. Die meisten Häuser waren einfach, aus Holz zusammengezimmerte Verschläge. Sie wirkten im schwindenden Tageslicht dunkel und zwielichtig auf mich und ich hatte das stetige Gefühl, dass uns eine Bedrohung im Nacken saß.
Sogar eine kleine Kapelle und Taverne gab es und bald wussten wir, dass zwielichtige Gestalten und organisiertes Verbrechen diesen Bezirk beherrschten.
„Soviel Huren auf einen Haufen hab ich auch noch nicht gesehen. Das Gesetz drückt hier wohl beide Augen zu", grollte Karl und zog sich seinen Gugel etwas tiefer in das Gesicht.
Ich verbarg ebenfalls mein Gesicht hinter dem dicken Filz meines Umhangs und überprüfte ein letztes Mal, ob man unsere Waffenröcke sehen konnte.
Wir streiften den ganzen Abend umher und erkundigten uns nach Sklavenhändlern, doch erfuhren wir, dass es hier in dieser Gegend wohl nur einen großen gab.
Ein Großhändler, der an kleinere weiterverkaufte.
„Sein Name ist Bruno und ihr findet ihn bei der südlichen Scheune. Wollt ihr Frauen kaufen?", erkundigte sich ein einäugiger, kleiner Mann und grinste mich mit schiefen, schlechten Zähnen an.
„Kaufen, ja, ganz recht. Mein Herr hat zurzeit ausgefallene Wünsche, was seine Dienerschaft betrifft", meinte ich und versuchte, dabei so gleichgültig wie möglich zu klingen.
„Oh, was sind es für Wünsche?"
„Weiber aus dem Morgenland. Er möchte etwas Exotisches und ich erfuhr in Xanten bei einem Bordellbesitzer, dass es hier so etwas gäbe", meinte ich und der Andere grinste noch mehr.
„Xanten? Na, wenn das mal nicht Blanka war, habe ich Recht?", fragte er und ich nickte.
„Ja, Blanka aus dem Ostend."
„Na, bestellt ihm die besten Grüße, solltet Ihr ihn noch einmal sehen. Bei Bruno werdet Ihr sicherlich fündig! Er hat ganze Wagenladungen von ihnen mitgebracht!"
Bruno zu finden war nicht schwer.
Er selbst befand sich mit mehreren anderen Männern vor der südlichsten Scheune.
Der Mann grinste, als wir Drei zu ihm traten, und rieb sich die Hände.
„Ich sehe Euch allen schon an, dass Ihr von meiner exklusiven Ware erfahren habt. Kommt! Trinkt ein Bier mit mir und lasst uns... Geschäfte tätigen, edle Herren", sprach er sogleich.
Bruno war mindestens so groß und breit wie Karl und seine langen, schwarzen, filzigen Haare standen bei diesem feuchten Wetter in alle Himmelsrichtungen ab. In seinem Bart befanden sich die Reste seines Abendessens und er stank fürchterlich, beinahe verfault.
Der Sklavenhändler ließ sich erst nach dem sechsten Krug mit Bier darauf ein, uns seine Ware zu zeigen. Er war nun zweifellos guter Laune und lachte viel über seine eigenen, weniger komischen Witze.
Die dunkle Scheune stand von einem Ende bis zum anderen voll mit Käfigen.
Tote und Lebende waren bunt zusammen gemischt und der Gestank von Fäkalien, Krankheit und Tod lag in der Luft.
„Na, Bruno! Die Ware ist in sehr schlechten Zustand. Warum gebt ihr ihnen nicht Wasser und Nahrung, wenn ihr sie schon so teuer verkauft!", fragte Karl und warf entsetzt einen Blick in die Käfige.
Es waren ausnahmslos Frauen aus dem Orient und ich schätzte die Anzahl der Sklaven hier um die Hundert.
Weinen und Wehklagen war zu hören, und eine Frau, welche sich wohl gerade in zweifelhafter Gesellschaft befand, schrie irgendwo in dieser dunklen Scheune sich die Lunge aus dem Leib.
„Ach was! Der Preis, den ich für eine kriege, ist so viel, dass ich davon drei krepieren lassen kann! Die Frauen kosten sechzig Silberlinge, die Buben zehn, für sie gilt der normale Sklavenpreis", lallte Bruno und wankte zu einem der Käfige.
Er öffnete das schwere Eisen und zerrte ein kleines Mädchen, ungefähr zehn Jahre alt, heraus und zerrte ihr die Kleider vom Leib.
Das kleine Wesen schrie und wollte sich wehren, doch er verpasste ihr eine schallende Ohrfeige und sie verstummte.
Gerade als ich einschreiten wollte, warf er sie mir zu und erschrocken fing ich das zitternde, wimmernde Kind auf.
„Hier! Noch völlig unverbraucht! Ist sie nicht hübsch? Ihre Schwester verkaufte ich heute Morgen an das Haus des Herzogs! Vielleicht wäre Euer Lehnsherr an diesem Wesen interessiert? Sagt, bleibt ihr über Nacht?", fragte Bruno und da ich außer Stande war, mich vor Wut gescheit zu äußern, kam mir Frank zu Hilfe.
„Ja, wir wollen in der Taverne „Zum Wanderer" absteigen."
„Na, dann nehmt sie hier mit und testet sie ohne Komma und morgen früh kommt wieder und wir entscheiden über den Preis!", sagte er und ich verzog angewidert das Gesicht.
Zunächst wollte ich ablehnen, aber das wäre dumm!
Vielleicht würde ich von dieser kleinen Person hier erfahren, was in Masyaf geschehen war.
„Das sind viele Sklaven, Bruno. Wie kommt es, dass ihr so viele davon habt?", fragte Karl und klang dabei beiläufig und fast schon, als würde er nur einen kleinen Plausch halten wollen.
„Ha, die habe ich zu einem Spottpreis von den Templern abgekauft! Sie haben da unten ein ganzes Dorf dem Erdboden gleich gemacht ohne Komma und die Weiber und Kinder natürlich zum Verkauf mit hierher verschleppt! Der Orden braucht wohl Geld, keine Ahnung!", lachte Bruno und schlug sich dabei auf die Schenkel.
„Nun verschwindet und habt Spaß. Ich bin mir sicher, dass wir ins Geschäft kommen!", grollte der Mann und winkte uns mit einer entlassenen Geste ab.
Ohne ein weiteres Wort gingen wir mit dem Mädchen aus der Scheune und im Schein der Pechfackel am Tor erkannte ich das Kind.
„Asra!"
Schnell hatten wir uns in die Taverne auf unser Zimmer zurückgezogen. Das wimmernde Kind hatte ich auf den Arm genommen und den ganzen Weg über getragen, wobei ich sie mit meinem Umhang vor der Witterung schützte.
Bruno hatte ihr sämtliche Kleider vom Leib gerissen und das zitternde Mädchen blickte mich dermaßen entsetzt an, als ich ihr eines meiner Hemden, welches ihr viel zu groß war und bis an die Knie reichte, überstülpte und ihr Wasser und Brot in die kleinen Hände drückte.
Karl hatte beim schmierigen Wirt etwas Suppe bekommen und stellte es dem Kind ebenfalls hin.
Wenn Asra wohl mit allem gerechnet hatte, aber damit nicht.
Erstaunt und entsetzt zugleich blickte sie mit ihren großen, dunklen Augen zwischen mir und meinen Waffenbrüdern hin und her.
Sie saß auf der Kante des Lagers, in der einen Hand ein Stück Brot, in der anderen einen Becher mit Wasser und starrte uns so lange an, bis es uns allen dreien dabei unangenehm wurde.
Ich wollte gerade etwas sagen, als Asra sich das Brot in den Mund stopfte, aufsprang und zu mir kam.
Ihre freie Hand packte den groben Stoff meines Überwurfs und zog ihn beiseite, wobei nun das blutige Rot meines Waffenrocks zum Vorschein kam.
Ihr Blick fiel auf das Wappen und sie begann so laut zu lachen, als hätte ich ihr einen guten Witz erzählt, dann fiel das Kind mir ohne Vorwarnung um den Hals.
„Adrian!", flüsterte sie leise und ich war überrascht, dass sie mich bei diesem Namen rief. Sie wusste eigentlich, wie ich wirklich hieß.
Die Angst und Scheu verflog sehr schnell und die Worte sprudelten aus dem Kind geradezu hervor.
„Die Templer kamen mit Dämonen, Adrian! Sie waren ganz plötzlich da! Und so viele! Wir flohen, doch sie fanden uns und ich weiß nicht, was mit all den anderen passiert ist! Papa und Altair! Seza und Sinan! Mesha ist auch weg! Sie haben sie mitgenommen! Und meine Schwester..."
Das Kind fing bald hilflos an zu schluchzen und vergrub sein Gesicht in den rauen Stoff meines Überwurfs.
Ich übersetzte Karl und Frank, was sie gesagt hatte und sie runzelten verwirrt die Stirn über die Geschichte mit den Dämonen.
„Was waren das für Dämonen? Wie sehen sie aus?", fragte Karl und ich stellte Asra die Frage, doch die schüttelte verzweifelt den Kopf.
„Ihre Gesichter... alles! Dämonen!", brachte sie nur hervor und ich merkte, dass dieses Kind zu durcheinander war, um mir überhaupt eine hilfreiche Antwort zu geben.
Sie wusste nicht, ob Malik überhaupt noch lebte, da sie ihn seit Masyaf nicht mehr gesehen hatte, und dies schien nun schon fast ein bis zwei Jahre her zu sein!
Der Abend schritt weit fort und Asra schlief auf dem Lager, als ich mit Karl und Frank beisammen saß und flüsternd beratschlagte, was wir als nächstes tun könnten.
„Selbst wenn wir die Sklaven befreien, wo willst du mit ihnen hin? Burg Kelsen ist nicht der Ort dafür und allein kommen sie nicht zurecht", kauten wir das Thema zum zehnten oder zwölften Mal durch und keiner von uns wusste sich einen Rat.
Diese Situation war ausweglos, und Asra erschien mir nun wie ein Tropfen auf dem heißen Stein.
„Asra und Mesha... sie stehen in direkter Verbindung zu Malik! Verdammt! Was ist das nur für ein verteufeltes Rätsel? Keiner weiß etwas! Wahrscheinlich auch nicht die anderen Sklaven, wenn sie sich seit Masyaf in Gefangenschaft befinden!", meinte Frank und ich seufzte.
„Wir stehen hier auf verlorenem Posten ohne Komma und ich bin ehrlich, wenn ich sage, dass ich nicht mal mehr acht Silberlinge habe. Bruno will sechzig, also müssen wir uns was einfallen lassen, wie wir wenigstens Asra hier rauskriegen ohne von diesen Unholden getötet zu werden!", meinte ich und die anderen nickten verdrossen.
„Jetzt wäre mir Alexander lieb! Wenn einer aus solchen Situationen heraus weiß, dann er!", grollte Karl und ich nickte und wollte gerade etwas sagen, als plötzlich das panische, laute Schlagen der Glocke erklang.
„Feuer? Oder ein Angriff?", fragte Frank verwirrt und ging zum Fenster.
Er öffnete den hölzernen Laden und schrie vor Schreck fast auf.
„Feuer! In der Scheune! Seht nur!", sagte er und ich sprang sofort an das Fenster.
Wie ein rotglühender Feuerball sah ich die südliche Scheune hell erleuchtet lodern.
„Verdammt!", brüllte ich und war so schnell aus dem Zimmer gerannt, dass Karl und Frank kaum hinterher kamen.
Wir ließen Asra zurück, die sich erschrocken aufgesetzt hatte und uns folgen wollte, doch eine Hand, welche sich völlig lautlos um ihren kleinen Arm schloss, hielt sie auf.
Ich rannte so schnell mich meine Füße hatten tragen können, doch als ich an der Scheune ankam, versuchten bereits die Bewohner dieses Dorfes verzweifelt die Flammen zu löschen.
„Da sind Menschen drin!", schrie einer und ich rannte durch den Eingang der Scheune... doch...
Im rostroten Licht der glühenden, züngelnden Flammen sah ich, dass die Käfige alle geöffnet worden waren.
Dennoch lagen so viele von den Frauen und Kindern leblos darin, dass ich den Eindruck gewann, dass von den geschätzten Hundert scheinbar nicht mal ein viertel überlebt hatte.
Die Hitze schlug mir schwallartig entgegen und mein Gesicht spannte und brannte bereits, als ich mich wieder umwandte, um das Gebäude zu verlassen.
Doch da entdeckte ich Bruno, welcher über einen Holztisch in einer Pfütze seines eigenen Blutes lag.
Ein langer Schnitt befand sich an der Seite seines Halses.
„Adrian! Adrian! Komm dort heraus!", hörte ich Karl brüllen und sah ihn im Eingang auftauchen.
Das Gebäude brach bereits an einigen Stellen mit einem lauten Krachen ein und meine Lunge brannte vom beißenden Rauch fürchterlich.
Hustend und mit tränenden Augen rannte ich auf den Ausgang zu und Karl packte mich gerade noch rechtzeitig, ehe dieser über mir zusammengestürzt wäre.
„Bist du denn von Sinnen?", brüllte er und ohrfeigte mich so heftig, dass ich tagelang einen roten Fleck auf der Wange davontrug.
Doch ich wusste, er hatte sich nur Sorgen um mich gemacht.
„Kommt, wir können hier nichts tun!", raunte uns Frank zu, der gerade atemlos zu uns stieß.
Er packte uns beide an den Ärmeln und zog uns von dem brennenden Gebäude fort.
Hilflos mussten wir mit ansehen, wie das ganze Gebäude über den Menschen darin zusammenstürzte und alles Opfer des Flammenraubes wurde.
„Jemand war drin!", murmelte ich den Beiden zu, während wir zurück zur Taverne eilten.
„Jemand hat Bruno getötet und die Käfige geöffnet!"
„Wer..? Aber wo sind sie hin? Ich hab auf dem ganzen Weg niemanden gesehen! Ob sie in die Wälder geflohen sind? Hier wimmelt es nur so von Wölfen!", meinte Frank und ich schüttelte mich innerlich.
„Irgendwas geht hier nicht mit rechten Dingen zu, da kann einer sagen, was er will! Wir sollten aufbrechen! Jetzt können wir Asra mitnehmen, ohne dass es einer merkt!", meinte Karl und ich nickte.
„Ich hole sie, macht ihr die Pferde klar!", sagte ich und eilte nun in die Taverne.
Als ich das Zimmer betrat, saß Asra auf dem Bett.
In ihren zierlichen Händchen hielt sie einen weißen-roten Gegenstand, welchen sie mir entgegenstreckte.
„Der Adler schlägt seine Beute! Die Gejagten erwarten dich am Fuß des jüngeren Bruders!", sagte sie, als ich ihr den Gegenstand aus der Hand nahm.
Eine weiße Feder, ähnlich der, welche ich Yel aus der Mähne gezogen hatte, doch war sie mit Blut durchtränkt.
„Was bedeutet das?", fragte ich leise und kniete zu Asra nieder, doch das Mädchen lächelte nur und kroch in meine Arme.
Tausend Fragen schwirrten mir im Kopf umher, doch nur wenig Zeit blieb mir.
Mit dem Kind auf dem Arm rannte ich die Treppe hinab und traf vor der Tür schon auf Frank und Karl, welche die Pferde aus dem Stall geholt hatten.
Rasch saßen wir auf und ritten ohne uns umzudrehen aus dem Ort heraus in Richtung Westen, zurück nach Burg Kelsen.
„Asra, von wem hast du das?", fragte ich erneut und meine Stimme klang nun genervt.
„Von einem Geist!", sagte Asra und verschränkte stur die dünnen Arme vor der Brust.
„Es gibt keine Geister! Wer hat dir das gegeben?", beharrte ich, doch Asra sprang von dem umgestürzten Baumstamm auf und rannte zu Karl.
Was diese Geste bedeuten sollte, konnte ich mir überhaupt nicht erklären, doch sie umklammerte das Bein des Hünen und streckte mir die Zunge heraus.
Ich seufzte.
„Geister und Dämonen gibt es! Jawohl! Denn ich hab sie alle mit eigenen Augen gesehen!", schrie sie mir entgegen und Karl lachte nun.
„Na, ich sehe, das bringt nichts, Adrian! Lass uns erstmal zurück nach Kelsen kommen, dann findet sich vielleicht eine Lösung für das Problem."
Ob Asra dieses sture Verhalten von ihrem Vater geerbt hatte? Den aufmüpfigen Blick hatte ich zumindest erkannt.
„Oh Malik! Wo bist du nur?", fluchte ich, als mir dieses Rotzbalg erneut die Zunge herausstreckte.
Als wir an Cassel vorbeiritten, hörten wir die Glocken läuten.
„Ob es dort auch brennt? Hoffentlich brennen die Silos", raunte Karl mir zu und ich grinste.
Es war bereits Mittagszeit und die Stadt wirkte in diesem grauen, verregneten Tageslicht auf mich genauso gespenstisch wie beim Hochnebel des gestrigen Tages.
Ich war froh, das Herzogentum von Balthasar hinter mich lassen zu können, und war noch glücklicher, als wir bald durch die Tore von Kelsen ritten, wo der Fürst uns sofort zu sich riefen ließ.
„Was habt ihr da unten angestellt? Balthasar wurde ermordet! Es heißt, man hätte ihn wie ein Stück Vieh geschlachtet! Sie suchen nach einem kleinen Mädchen, denn die soll für diese Tat verantwortlich sein!", grollte der Fürst und sein Blick fiel nun sofort auf Asra, die wieder an Karls Bein klammerte.
„Die war es nicht gewesen, sie war die ganze Zeit bei uns!", meinte Karl und Karzheim schüttelte unwirsch den Kopf.
„Und von euch Idioten war es auch keiner? Ich trau euch Tunichtguten alles zu, damit ihr es wisst!", grollte der Fürst.
„Na, das Problem mit Balthasar hat sich erledigt. Wollen wir hoffen, dass sein dummer Sohn nicht ganz so störrisch wie sein Vater ist. Dies ist eine gute Gelegenheit, neue Handelsvereinbarungen zu schließen", meinte Karl und Karzheim schnaufte.
„Nun, daran wollen wir später denken. Nun sprecht, was ist in Cassel vorgefallen?", fragte er und ließ Wein und Essen auftragen, damit wir uns stärken konnten.
„Und die ganzen Käfige waren geöffnet, sagst du? Der Sklavenhändler ebenfalls aufgeschlitzt?", fragte Karzheim und ich nickte.
„Ja, nun hätten wir da drei! Blanka stand in Verbindung mit Bruno... und dieser Herzog... ebenfalls, denn er hatte von Bruno Asras Schwester abkaufen lassen! Jemand hat die verbliebenen Sklaven befreit und womöglich auch Asras Schwester aus Cassel entführt", meinte ich und zeigte dem Fürsten die Feder, welche mir Asra gegeben hatte.
„Ich fand in Xanten ebenfalls eine solche Feder in Yels Mähne stecken. Doch war diese nicht mit Blut durchtränkt. Ein Aussätziger sprach zu mir in Rätseln. Zunächst dachte ich, er würde mich verspotten... aber nun glaube ich, dass da mehr dahinter steckt", meinte ich und Karzheim runzelte die Stirn.
„Er sprach davon, dass Templer mit den Dämonen jagen, und dass der Pfeil des Morgengrauens den Pfad der Morgenröte offenbaren würde. Wo zwei Brüder sich trennen, entspringe ein jüngerer Bruder, der in die Tiefe stürzt und an dessen Fuße würden die Gejagten warten. Asra redete von etwas ähnlichem. Templer, Geister und Dämonen", meinte ich und Karzheim fuhr sich nun nachsinnend durch den Bart.
„Was bedeutet das?", fragte er leise, mehr zu sich selbst, als dass er zu uns sprach.
Ende Kapitel 24
