Der abgetrennte Zopf

Kapitel 26 „Im Auge des Jägers!"

„Und du bist dir wirklich sicher, dass wir in diesem alten Kloster fündig werden, Markus?", fragte Karl, doch der dunkelhaarige Ritter schüttelte den Kopf.
„Ich weiß genauso wenig wie du, Karl, aber wir haben keine Alternativen und haben vielleicht nicht mal lange Zeit! Ich hoffe nur, dass Adrian die Templer hinhalten kann, bis wir die Assassinen gefunden haben! Wenn wir ihnen nur dieses dämliche Artefakt geben könnten, wären sie wohl zufrieden und würden abhauen!", meinte Markus, doch Karl schüttelte den Kopf.
„Glaubst du an Schnee im Sommer? Du hast die Templer doch erlebt! Sie sind nicht umsonst die Elite des Morgenlandes gewesen! Grausam sind sie!", sprach Karl und schob sich Mesha in den anderen Arm.

Die Frau saß quer über seinen Schoß und lehnte schwer und steif gegen ihn.

Widerstandslos hatte sie sich von den Franken mitnehmen lassen und Adrian hatte Asra erklärt, was nun passieren würde.

Asra hatte tapfer genickt und gelächelt, als sie hörte, dass Adrian hoffte, Malik wiederzufinden.

Das kleine Mädchen selbst saß hinter Alexander und hielt sich am Waffenrock des Mannes fest.

„Aber was ist, wenn wir die Assassinen nicht finden? Und selbst wenn, was dann? Wie werden wir die Templer wieder los? Die Kirche... verdammt, sie kann dem Fürsten wirklich gefährlich werden!", sagte Markus, doch Karl schnaubte belustigt.

„Dann sollen sie kommen, Markus! Wir bereiten ihnen einen derart heißen Empfang, dassdiese Pfaffen es sich dreimal überlegen uns noch anzugreifen, nicht wahr, Alexander?", fragte der Hauptmann der Wache, doch Alexander verzog nur das Gesicht und blieb weiterhin ungewöhnlich still.

Sein Kopf arbeitete fieberhaft an einer Idee, die Templer loszuwerden, ohne es zu unnötigem Blutvergießen kommen zu lassen.
Doch... nur schemenhafte Umrisse wanderten in seinen Gedanken umher und diese Ideen schienen bald wahnwitziger zu sein, als ein offener Angriff.

Elessas POV:

Meine Waffenbrüder waren bereits aufgebrochen um den Pfad der Morgenröte zu suchen. Noch nie war ich derart um sie besorgt, denn die Templer... wenn die Templer sie entdecken würden, mit Asra und Mesha, dann konnten wir gleich die Tore schließen und belagert ausharren.

Vor Kelsen war ein immens großes Lager aufgeschlagen worden.

Manfred und ich standen im Morgengrauen auf den Mauern und zählten die Soldaten. Es waren gar nicht mal so viele Templer gewesen. Maximal fünfzig an der Zahl... aber dafür das Dreifache an Lazarener! Und vor denen hatte jeder hier in Kelsen mehr Angst als Vaterlandsliebe.

„Es sind auch nur Menschen," hatte ich verzweifelt gemurmelt, doch Manfred schüttelte den Kopf.
„Darum geht es nicht, Adrian! Ihre Kampfkraft ist bekannt und ungebrochen und sie stehen nicht nur hoch in der Gunst der Kirche, sondern auch bei sämtlichen Orden die es hier rund herum gibt! Selbst Saladin hatte immensen Respekt vor ihnen!", sagte er und ich schnaufte.

„Warum hat es ein Orden wie sie nötig mit den Templern zu arbeiten?", fragte ich und Manfred zuckte mit den Schultern.

„Vielleicht weil sie beide geistliche Orden sind? Oder auch erpresst werden, wie wir? Nimm dich vor Fresan in Acht, die ist sehr gefährlich! Eine Frau in den Reihen der Templer ist ungewöhnlich, und dass sie sich dort so öffentlich etabliert hat verheißt nichts Gutes. Da geht es nicht mit rechten Dingen zu, also halte die Augen offen!", murmelte der Richter und ich nickte.

Fresan empfing mich am ersten Zelt des Lagers und führte mich herum.

„Wir folgen den Assassinen seit über einem Jahr! Das hat Unmengen von Geldern verschlungen. Aber nun sind wir ja auf einer heißen Spur. Wir sind uns sehr sicher, dass der Edensplitter sich in diesem Landkreis befindet! Dank der Unterstützung der Lazarener war es uns möglich gewesen, die Assassinen in Masyaf zu schlagen!", erzählte sie und ich hörte ihr aufmerksam dabei zu.

„Die Lazarener sind sehr tapfere Männer. Ich bewundere sie sehr!", meinte ich und Fresan lächelte.

„Ja, ich habe ebenfalls vernommen, dass Santo de Chavallegne Euch sehr bewundert. Es ranken sich viele Geschichten von Euren Taten in Akkon, darum verstehe ich auch nicht, warum ihr de Sables Angebot, den Orden der Templer beizutreten, nicht angenommen habt!"

Nun... zunächst wusste ich nichts von dem Angebot.
Karzheim hatte es für mich abgelehnt und ich dachte auch nicht im Traum daran, mich unter diese frommen Brüder zu mischen.

„Santo de Chavallegne? Den Namen kenne ich irgendwoher," meinte ich und dachte fieberhaft darüber nach, bis es mir wieder einfiel.
„Hat er einen Bruder? Claude?", fragte ich und Fresan nickte.
„Herrje, Ihr kennt Claude? Woher?", fragte sie und ich schluckte.

„Ahm... ich traf ihn in Genua, vor drei Jahren," sagte ich und Fresan nickte.

„Der arme Mann, Gott möge seiner Seele gnädig sein! Er lehnte es ab, den Lazarener-Orden beizutreten und beschloss daraufhin wieder nach Europa zurückzukehren. Doch er starb, bevor er den französischen Boden betreten konnte," sagte sie und ich nickte.
„Ja. Er starb in meinem Beisein!", sagte ich und Fresan blieb stehen.

„Ihr habt...? Hat er Euch etwas gegeben? Oder etwas Bestimmtes gesagt?", fragte sie, doch ich schüttelte den Kopf.

„Er sagte nur seinen Namen und, dass ich für ihn beten sollte!", log ich möglichst glaubwürdig und gleichmütig.

Ich spürte, dass sie wohl wusste, dass Claude einen Teil des Edensplitters besessen hatte. Doch dass ich ihn hatte, würde sie vorerst nicht erfahren.

Außer Markus wusste keiner, dass ich diese zwei Stücke besaß, welche sich sicher verwahrt in meiner Hosentasche befanden.

Santo war ein hochgewachsener Mann, der sein Körper und Gesicht hinter dem dunklen Stoff seines Waffenrocks verbarg.

Kaum Haut war zu sehen, denn er trug Handschuhe und Schal und lediglich seine Augen waren es, was ich von ihm zu Gesicht bekam.
Er empfing uns in einem großen, dunklen Zelt, welches das grüne Tatzenkreuz der Lazarener an den Flanken trug.

„Ihr seid Adrian? Jung seid Ihr," sprach er leise und blickte mir direkt in die Augen.

In Santos Augen sah ich viel Leid und fast schon eine Art Schmerz, welchen ich wohl nie verstehen oder nachvollziehen würde können.

„Meine Ehrerbietung, Herr. Möge Gott seine Hand schützend über Euch halten," murmelte ich und verbeugte mich vor diesem Mann.

„Nun, das tut er Adrian. Auf seine Weise," sprach Santo leise und blickte an die Zeltdecke. Dabei wirkte er nachsinnend auf mich, fast schon betend.

„Man spricht über Eure Taten, Adrian und .ich fürchte Ihr seid unsere einzige Hoffnung," sagte er und ich runzelte verwirrt die Stirn.

Santos Stimme war sanft und ich empfand sie angenehm und schön. Mir gefiel der Klang seiner Stimme, welche sehr männlich war, ausnahmslos gut und ich ertappte mich dabei, dass ich mir wünschte, er würde mit mir mehr sprechen.

„Wie kann ich Hoffnung sein, Herr?", fragte ich leise und Santos Augen lächelten sanft.
„Wir hoffen auf Heilung, Adrian. Darum begehren wir den Edensplitter so sehnsuchtsvoll," murmelte er leise und deutete mir mit seiner behandschuhten Hand Platz zu nehmen.

Fresan verließ wortlos das Zelt und ich nahm nun an, dass Santo mit mir wohl allein sprechen wollte.

Man brachte mir Wein und Obst und mein Magen begann nun kräftig zu knurren.

Ich hatte heute noch keine Zeit zum Essen gehabt.

„Es war ein fürchterlicher Kampf um Masyaf. So etwas habe ich noch nicht erlebt! Wir überfielen sie, doch schlugen sie uns mehrfach zurück, ehe wir es schafften sie zu unterwandern! Es ist unglaublich, wie verschworen sie doch sind. Und es ist unglaublich, wie sehr sie sich doch untereinander verrieten," sprach Santo und ich horchte schockiert auf.

„Sie verrieten sich gegenseitig?", fragte ich und Santo nickte.

„Ja. Ein Überläufer, der ebenfalls an den Edensplitter interessiert zu sein schien, öffnete für uns Tür und Pforten. Somit überrannten wir Masyaf sehr schnell. Fresan ließ diesen Verräter dennoch hinrichten, denn solchen Menschen kann keiner vertrauen!"

„Ihr habt sicherlich viele getötet. Wie kam es, dass dennoch einige fliehen konnten?", fragte ich nun und Santo schnaufte.

„Es war nur einer, den wir wohl übersehen hatten. Er lebte außerhalb von Masyaf und konnte einige seiner Leute, darunter auch das Oberhaupt, befreien. Sie flohen, doch einen Teil konnten wir wieder einfangen. Die Templer verkauften sie in Venedig an einen Sklavenhändler. Es waren überwiegend Frauen und Kinder, da wir die Männer im Kampf erschlagen hatten. Zunächst folgten wir der entkommenen Gruppe und dieser Eine verübte mehrere Attentate auf uns, doch in Frankreich selbst verloren wir ihre Spur und wurden erst wieder aufmerksam, als der Herzog von Cassel vor einigen Tagen getötet wurde.

Interessant war zu wissen, dass dieser Herzog sich eine Sklavin von dem Händler gekauft hatte, der die Frauen aus Masyaf den Templer abgekauft hatte. Diese Sklavin verschwand und Fresan glaubt nun, dass der Assassine sich in dieser Umgebung aufhalten würde, weil Karzheim diesen Heiden damals geholfen hatte," meinte Santo und ich seufzte.

„Ich habe seit Jahren keinen Assassinen mehr gesehen und unser Frieden ist empfindlich, Santo, denn durch die Assassinen selbst habe ich mein Leben beinahe einbüßen müssen. Karzheim war neugierig auf den Edensplitter, doch interessierte sich der Fürst nicht mehr dafür, als für einen Sack Rüben, und so zogen wir wieder ab und kehrten nach Xanten bald zurück," meinte ich und Santo nickte.

„Das ist mir ebenfalls zu Ohren gekommen. Karzheims Interessen lagen schon immer ganz woanders, als in unermesslichen Reichtümern und immenser Macht. Die Menschen hier in Xanten lieben ihren Fürsten sehr. Das ist bewundernswert," meinte er und ich lächelte ihn vorsichtig an.

„Warum helft Ihr den Templern, Santo? Sie haben nur ihre eigenen Ziele im Sinn und ich glaube kaum, dass sie an Euch noch viele Gedanken verschwenden werden, wenn sie den Edensplitter erstmal haben," meinte ich und Santo sah zu mir auf.

„Wenn sie den Edensplitter haben, wird es für sie nicht schwer sein, uns zu heilen. Darauf vertrauen wir, Adrian. Wir sind beide von einem geistlichen Orden und Gott wird uns leiten, auf allen Wegen," sprach er und ich verspürte Mitleid mit diesem Mann.

Wie sehr musste er unter seiner Krankheit leiden, dass er derart blind jedem scheinbaren Hoffnungsschimmer folgte?

„Was ist, wenn ich Euch sage, dass dieser Edensplitter nicht das ist, was Ihr denkt, dass er es ist?", fragte ich nun leise, doch Santo schüttelte den Kopf.
„Dann sage ich, dass ich es Euch nicht glaube," flüsterte er und ich seufzte.

„Ihr sagtet, ihr hättet etwas, was der Assassine begehrt. Was ist es?", fragte ich nun um von dem sich zuziehenden Thema abzulenken.

Santo blickte mich zunächst aufmerksam an, dann stand er auf und deutete mir, ihm zu folgen.

„In Frankreich war es uns möglich, ihm aufzulauern. Er tötete viele von uns, doch bekamen wir etwas in die Hände, was ihm sehr wichtig ist. Seine Familie," sagte Santo und führte mich durch das Lager zu einem Karren mit einem Käfig darauf. Dieser war von Soldaten umringt und ich bekam sofort den Eindruck, als würde er etwas sehr wertvolles beherbergen.

„Familie?", fragte ich verwirrt und war mir nun doch nicht mehr so sicher, ob es sich um Altair handelte, doch meine Bedenken wurden sofort verstreut, als ich den kleinen Jungen erblickte, welcher in der Mitte des Holzkastens saß und ängstlich dreinblickend an seinem schmutzigen Daumen lutschte.
Er war höchstens drei, wenn nicht noch jünger.
Dünn und krank sah er aus.

Doch seine Augen sagten mir, dass es sich wirklich um Altairs Sohn handelte.

Grau waren sie. Grau, tief und glänzend. In den Gesichtszügen des Kleinen sah ich ausnahmslos Altairs Veranlagungen.

„Unglaublich," murmelte ich entsetzt und Santo lächelte.

„Er hat bereits mehrmals versucht ihn zu befreien, aber jedes Mal ohne Erfolg," meinte Santo.

„Aber auch uns gelang es bisher nie, ihn einzufangen oder zur Strecke zu bringen. Nun bin ich gespannt auf Eure Jagdmethoden."

Santo blickte mich erwartungsvoll an und aus den Augenwinkeln sah ich, wie Fresan wieder zu uns trat.

Zunächst glaubte ich, mich hätte der Schlag getroffen.
Als ich dieses Kind erblickt hatte, hatte ich gespürt, wie etwas in mir zerbrochen war.

Aber was hatte ich verdammt noch mal erwartet? Dass er ewig als Junggeselle durch die Welt ging? Selbst ich sehnte mich mittlerweile wieder nach einem geliebten Menschen.

„Tot nützt es Euch nichts. Ihr solltet dem Kind Essen geben und etwas Wärmeres zum Anziehen. Einen Assassinen zu fangen ist nicht ganz so einfach, und wenn das Kind stirbt, habt ihr gar nichts mehr, um ihn anzulocken," meinte ich und mit wachsender Nervosität nahm ich wahr, dass meine Stimme an Kraft verlor.

Doch ich durfte jetzt nicht die Kontrolle verlieren.

„Wir sollten ihn in eine Stelle locken, wo er schlecht entkommen kann. Hier in Kelsen gibt es zu viele Schlupfwinkel. Aber vielleicht gibt es in Xanten eine Möglichkeit," murmelte ich und Fresan begann zu lächeln.

„Ich werde mich in der Stadt umsehen und schauen, was mir einfällt. Ich gebe Euch bescheid," sagte ich und Fresan nickte.

„Nun, ich erwarte Großes von Euch, Adrian. Aber ich spüre bereits, dass Ihr alles jetzt schon voll und ganz unter Kontrolle habt," meinte sie und lächelte mir zu.

Nein.

Seit die aufgetaucht sind, habe ich rein gar nichts mehr unter Kontrolle.

Noch bevor ich daran dachte, mit Karzheim über meinen Fund zu reden, holte ich Yel aus dem Stall heraus und ritt nach Xanten.

Mein nächster Plan war es, nach diesem Knut zu suchen.

Durch ihn hatte ich die Informationen über den Pfad der Morgenröte und er hatte gesagt, der Adler würde zu hoch fliegen, als dass die Templer ihn fangen könnten.

Adler... Altairs Name bedeutete sinngemäß der fliehende - oder auch herabstürzende - Adler.

Auch ein Stern des Sommerdreiecks Aquila hatte den Namen „Altair" erhalten.

Mittlerweile war ich mir sicher, dass Knut von Altair gesprochen hatte und ich brauchte jetzt dringend Bestätigung.

POV:

„Aber ich bin mir sicher, dass die zwei Brüder der Rhein und die Lippe sind!"

Wütend stampfte Alexander mit dem Fuß auf den Boden.

„Das ist Unsinn! Das Kloster ist in einer völlig anderen Richtung!"
„Aber es war nie von dem Kloster die Rede! Nur vom Pfad der Morgenröte und da weiß keiner wo der ist!", sagte Alexander und stiefelte weiter suchend durch das Unterholz.

Die Vegetation war unwegsam, steil und von dichtem Gestrüpp umsäumt.
Alexander und Markus stritten sich seit Stunden über den Weg und irrten nun samt den anderen durch das Unterholz am Ufer des Rheins.

Der Fluss hatte sich aufgeteilt und Rhein und Lippe verliefen hier an diesem Ort für eine kurze Strecke Parallel und für das menschliche Auge sichtbar nebeneinander.

„Wir sollten unser Lager aufschlagen! Es wird dunkel!", sagte Markus, doch Alexander schüttelte den Kopf.

„Wir sind ganz nah dran! Das spüre ich! Nur noch ein...AAAAAAAAAAAHHHHHHHH!"

Vor Markus Augen krachte der Rothaarige durch das Unterholz und stürzte rollend den Hügel hinunter.

„Alex!", riefen Karl und Markus wie aus einem Mund, doch der Rothaarige war im dichten Gestrüpp kaum mehr zu sehen.

Atemlose Stille hing nun über ihnen und Karl und Markus machten sich bereits an den Abstieg als sie Alexanders Stimme weiter unten hörten.

„Gefunden! Gefunden!", rief er und Markus lächelte erleichtert.
„Gott sei Dank! Ihm ist scheinbar nichts passiert!", meinte er und Karl nickte.
„Der Bursche hat mehr Glück als Verstand!", sagte er und ließ Asra auf seinen Rücken klettern, damit er sie und Mesha wohlbehalten den Hügel hinuntertragen konnte.

„Ha! Hier ist der kleine Bruder! Seht!", sagte Alexander und deutete auf ein Bächlein, welches sich aus einem kleinen Wasserfall formte und fröhlich vor sich hinplätscherte.

„Das ist wohl ein Witz?", fragte Karl mit dumpfer Stimme, doch Alexander schüttelte den Kopf.

„Und hier drüben ist der Pfeil des Morgengrauens!", sagte er und deutete auf einen hohen, spitzen Felsen.

„Noch ein Witz," meinte Karl wenig überzeugt und Alexander verzog ungehalten das Gesicht.

„Ich sehe schon! Euch kann man es nicht Recht machen! Aber hier präsentiere ich euch, liebe Brüder, den Pfad der Morgenröte! Es führt zu einer Katakombe, wahrscheinlich ein Teil des alten Klosters!", sagte Alexander und zog einen Busch beiseite.

„Tatsache! Ein Pfad!", murmelte Karl erstaunt und Alexander grinste.

„Ich habe es doch gesagt!", meinte er und stampfte nun über den verwilderten Weg, der einst mit Kopfstein bepflastert gewesen sein musste, hinweg.

„Was täten wir nur ohne dich, Alexander? Ist es das was du hören möchtest?", fragte Markus und Alexander grinste ihm zu.

„Ja!"

Die Katakombe war ein flacher, niedriger Bau aus hellgrauem Gestein.

Hecken und Bäume waren darüber hinweg gewachsen und man hätte es nie entdeckt, würde dieser verwitterte Pfad nicht direkt darauf zuführen.

„So, dann wollen wir doch mal sehen," meinte Alexander und stemmte sich ächzend und stöhnend gegen die massive Holztür, die sich kaum einen Millimeter bewegte.
„Karl, jetzt schau nicht nur zu! Hilf mir!", grollte der junge Mann und warf sich gegen die Tür. Einmal, zweimal und Karl wollte ebenfalls nun Anlauf nehmen, als die Tür mit einem Ruck nachgab und Alexander schreiend in die dunkle Katakombe stürzte.

„Spätestens jetzt weiß jeder, dass wir hier sind," murmelte Markus und hob sich Asra nun selbst auf die Schultern, während Karl Mesha wieder aufnahm.

„Das ist stockduster hier unten, Jungs! Bringt mal ne Fackel mit oder so!", rief Alexander.

Er war die komplette Treppe hinuntergestürzt und hatte sich dabei heftig den Kopf gestoßen.
Grummelnd rieb er sich über die schmerzende Stelle, als er nun Schritte vernahm und einen Fackelschein auf sich zukommen sah.

„Na, wird ja auch Zeit... dass... ihr... oh!" machte er überrascht.
Es waren nicht Karl oder Markus, welche ihn nun umringten, sondern...

„Assassinen!"

„Papa!", rief Asra, als sie Malik neben Alexander entdeckte, welcher urplötzlich kalkweiß geworden war.
Sie zappelte und zog solange an Markus Haaren, bis dieser sie auf den Boden absetzte.

Der Einarmige umfing seine Tochter und vergrub sein Gesicht in ihrem Haar.

„Was ein Glück! Du bist wohl auf!", murmelte der Mann und strich seinem Kind beruhigend über den Kopf.
„Adrian hat mich gerettet! Und Karl auch! Mesha ist auch da! Mesha hat er auch gerettet!", rief Asra und Malik sah in dem kargen Schein zu Karl auf, der Mesha in seinen Armen trug.

Sie rührte sich nicht, wirkte blass und mager und Malik war sich sicher, dass seine Frau sehr krank war.

„Wo ist Adrian?", fragte Malik gleich auf stockendem Latein und Markus trat vor.
„Auf Burg Kelsen. Templer sind gekommen! Sie suchen nach Euch! Adrian lenkt sie ab und schickte uns zu Euch," sagte er und Malik schnaufte und senkte den Kopf. Er schien über Markus Worte kurz nachzudenken ehe er den Kopf hob und Markus in die Augen sah.

„Ihr habt einen weiten Weg hinter euch. Kommt und nehmt an unserem Feuer platz. Teilt Speis und Trank mit uns," sagte er und Markus nickte.

Sie waren von mehreren Assassinen umringt worden, welche nach wie vor ihre weißen Roben trugen, doch zerrissen und schmutzig waren sie und die Gesichter wirkten ausnahmslos ausgezehrt und müde.

Die Assassinen hatten sich in einem großen, weiten Raum der Katakombe, welche mit kleinen Feuerkörben und Fackeln etwas beleuchtet wurde, zurückgezogen.

Markus schätzte die Anzahl der Menschen auf gut und gerne vierzig, wobei es sich bei über der Hälfte um Kinder und Frauen handelte, die verteilt an verschiedenen Plätzen des Raumes in kleine Gruppen zusammen saßen und die Franken mit ängstlichen Blicken beobachteten.

„Deneb!", rief Asra und rannte auf ein Mädchen zu, welches ihr verblüffend ähnlich sah.
„Das muss ihre Schwester sein," meinte Karl, welcher wusste, dass Bruno ihre Schwester an den Herzog verkauft hatte.

„Ja. Altair brachte sie vor wenigen Tagen mit samt den anderen hierher. Seid ihr ihm schon begegnet?", fragte Malik, doch Karl schüttelte den Kopf.

„Nein. Er hat sich weder uns noch Adrian gezeigt, aber ich denke, er hat Adrian die Nachrichten zukommen lassen," sagte er und Malik nickte.

„Bitte, legt Mesha hier ab," meinte Malik und deutete auf eine dünne, schmutzige Decke.

Karl legte Mesha zu Boden und trat respektvoll einen Schritt zurück.

Malik rutschte sofort zu ihr und küsste sanft ihre Stirn und Lippen.

Mesha sah ihn an und Markus beobachtete, wie ihre dünnen Arme langsam um den Mann, welcher ebenfalls wohl an Nahrungsknappheit litt, wanderten und sich nun weinend an seine Schulter drückte.

Karzheims Soldaten warteten ruhig und geduldig, bis sich das Oberhaupt der Assassinen von seiner misshandelten Frau lösen konnte und saßen anschließend gemeinsam mit ihm um ein kleines Lagerfeuer herum.

„Viel Schlechtes muss Euch allen widerfahren sein, Malik! Was ist geschehen?", fragte Markus und Malik schnaufte.

„Sie kamen mitten am Tag und standen bereits vor unseren Toren, noch bevor wir davon wussten. Ein Verräter in unseren eigenen Reihen verkaufte uns, seine Brüder, für die Macht des Edensplitters. Doch dieses Artefakt ist nicht das, was jeder denkt! Sie töteten die meisten von uns. Die, die ihr hier seht, sind der klägliche Rest der einst so stolzen Assassinen aus Masyaf," murmelte der Mann leise und Markus blickte ihn voller Mitleid an.

„Ziemlich... wenig...," meinte Alexander und ließ seinen Blick durch den Raum gleiten.

„Die Templer wollen nur den Edensplitter. Wenn ihr ihn aushändigt, dann habt ihr vielleicht Ruhe," meinte Markus, doch Malik schüttelte den Kopf.

„Hier geht es nicht mehr nur um den Edensplitter, Markus! Hier geht es um die Macht über alle Völker! Der Edensplitter manipuliert und kontrolliert! Den Templern geht es darum, die Kontrolle über alles Leben zu erhalten!"

„So mächtig ist das Ding?", fragte Karl, doch Malik schüttelte freudlos lächelnd den Kopf.
„Dieses hier nicht. Es kann nur eine bestimmte Gruppe manipulieren. Wenige Leute, aber wenn dies wichtige Männer, vielleicht Kriegsherren oder Könige, sind, ist das schon gefährlich genug. Doch da gibt es wohl mehrere Splitter. Mehrere Teile! Man denkt, dass sie die Macht des Edensplitters steigern und man noch größere Menschenmengen manipulieren kann. Die Templer hatten zwei dieser Teile, doch Altair konnte eines an sich bringen und der zweite ist vermisst!"

„Sind das so kleine, dunkle Platten?", fragte Markus und Malik nickte.

„Adrian hat zwei davon! Eines war in einem Beutel mit Kräutern, welchen er in Xanten von einem Aussätzigen erhielt. Von dem hat er auch die Wegbeschreibung... wenn man das so nennen kann," sagte Markus und Malik zog verwirrt die Stirn in Falten.

„Einen Aussätzigen? Nicht von Altair selbst?", fragte er, doch Markus schüttelte den Kopf.

„Sie hätte Altair erkannt, oder etwa nicht?", fragte Markus und Malik nickte.

„Wahrscheinlich. Was ist mit den Templern? Seit wann sind sie aufgetaucht?", fragte der Araber nun und Karl und Alexanders Gesichtszüge verhärteten sich.

„Heute in der Frühe! Sie sagten, die Kirche wäre über unsere Taten in Masyaf ziemlich wütend und Karzheim solle sich dafür rechtfertigen. Sie meinten, entweder würde Adrian helfen, den einen Assassinen zu fangen, oder es würde zu Konsequenzen kommen. Die Kirche ist in diesen Ländern sehr mächtig und Karzheim befürchtet einen Angriff. Ganz Xanten ist in Gefahr! Ach was! Der ganze Landkreis!", meinte Alexander und Maliks Gesichtsausdruck verfinsterte sich mit jedem Wort.

„Also suchen sie nur nach Altair?", fragte Malik und Karl nickte.

„Ja, so habe ich es zumindest verstanden. Ein Assassine."

„Altair und seine Familie wurden in Venedig von uns getrennt. Ich weiß nicht was geschah, aber Altair gelang es, die Templer von uns abzulenken, wodurch wir uns bis hierher durchschlagen konnten. Wahrscheinlich sind sie ihm seitdem auf den Fersen. Vor einigen Tagen begegnete auch ich ihm das erste Mal seit langer Zeit," meinte Malik leise.

„Die Templer sind sehr gefährlich, allein schon weil die Kirche voll und ganz hinter ihnen steht. Und da sind dann noch Lazarener und ich fürchte, dass es für Kelsen unangenehm wird, wenn Adrian irgendwas falsch macht. Wie soll eine Begegnung zwischen Altair und ihm nur aussehen? Entweder er greift Altair für die Templer an, aber ich glaube nicht, dass er das tut, oder die Templer zeigen uns bei der Kirche wegen Hochverrat an. Adrians Aktion wird fürchterliche Folgen haben, ganz gleich, was er tut!"

„Tja!", rief Alexander plötzlich laut, und deutlich konnte man den Schalk in seiner Stimme vernehmen.

„Dann müssen wir eben nur dafür sorgen, dass die Kirche von den Templern nicht mehr soviel hält!"

Sämtliche Blicke in der Runde ruhten nun plötzlich auf dem Rothaarigen, welcher verschmitzt vor sich hingrinste.

Elessas POV:

Fresan war durchtrieben, Santo verzweifelt... eine bessere Mischung an Kampfkraft gab es gar nicht.

Kelsen wurde von knapp zweihundert Mann „angeblich freundschaftlich" belagert, die Kirche saß uns allen im Nacken und ich hatte keine Ahnung, wie ich aus der Situation noch heil herauskommen sollte.

Dieses Kind, Altairs Kind, war nicht sonderlich gesund und ich hatte das stetige, ungute Gefühl, dass ich durch diesen Bengel wohl oder übel in Schwierigkeiten geraten würde.

Hoffentlich machte ich nichts Falsches!

Hoffentlich versteckte sich Altair dort, wohin meine Brüder nun unterwegs waren, und hoffentlich kam Altair nicht auf die Idee in die belagerte Burg zu gehen, um seinen Sohn zurückzuholen.

Ich war mir mittlerweile mehr als nur sicher, dass mich Altair auf Asras Spur gebracht hatte! Er hatte sich an Bruno und Blanka gerächt, zumindest sah es danach aus, und der Herzog von Cassel schien ebenfalls seiner mörderischen Klinge zum Opfer gefallen zu sein!

Es war unvermeidlich, dass die Soldaten auf Kelsen nun nach einem Assassinen Ausschau hielten. Die meisten hatten Fresans Auftreten mitansehen müssen und die meisten fürchteten sich nun vor dem Urteil der Kirche, sollte es mir nicht gelingen, den Assassinen auszuliefern. Und vor allem fürchteten sie die Lazarener, welche wie eine dunkle Bedrohung wirkten, selbst wenn sie nur dastanden und starrten...

Ich stand in einer Sackgasse.

Hinter mir die Templer, vor mir die Assassinen.

Entweder verriet ich meine Freunde oder meine Familie.

Auch wenn Altair und ich nicht mit den schönsten Gefühlen auseinandergegangen waren, so hatte ich ihm dennoch nicht gewünscht, dass die Templer eine derartige Hetzjagd auf den Assassinen veranstalten würden.

Und ich war nun ihr Hetzhund.

Ich stand nun an einem Punkt wo ich nicht erspüren konnte, ob ich die Sache noch einmal zum Guten wenden könnte. Es sah eher nicht danach aus.

Fresan hatte mit ihren Taten geprahlt. Stolz war sie gewesen, dass sie es gewesen war, die die Templer erneut nach Masyaf geführt hatte. Und es war auch ihre Idee gewesen, die Lazarener zu Hilfe zu holen.

Was für Lügen hatte sie wohl erzählt, damit Santo ihr so blind vor Hoffnung folgte?

Ich war mir sicher, dass Santo ein guter, rechtschaffener Mensch war. Warum fiel er auf Fresans Lügen herein? Denn etwas anderes war es nicht!

Selbst ich wusste, dass der Edensplitter keine Heilung brachte!

Er brachte alles andere, nur nichts Gutes. Er hatte Al Mualim in den Wahnsinn getrieben und ich war mir sicher, dass er Schuld am Untergang der Assassinen hatte.

Aber Santo würde mir nicht glauben, bis er es am eigenen Leib fühlen würde.

Meine einzige Hoffnung bestand nun darin, dass ich Altair finden würde und dieser vielleicht den rettenden Plan, wie wir die Templer wieder loswurden, schon in der Hinterhand hielt.

Doch meine Suche blieb erfolglos.

Ich entdeckte weder Knut, noch Altair, oder dieser gab sich zumindest nicht zu erkennen.

Fresan erwartete mich bereits vor den Burgtoren und fragte, ob meine Suche Erfolg hatte und ob ich bereits einen Plan hätte.

„Ein enger Platz, der Schlachthof wäre als solcher gut," meinte ich und Fresan zog die Stirn in tiefe Falten.
„Aber dort können wir nicht so viele Soldaten postieren," erwiderte sie doch ich lächelte.

„Die vielen Soldaten würden uns nur behindern. Diesen Assassinen könnt Ihr nur besiegen, wenn Ihr ebenbürtig oder gar besser seid als er. Vielleicht wären ein paar Schützen hilfreich, aber ich fürchte, die würden uns im Tumult treffen," sagte ich und Fresan nickte.

„Nun, Adrian. Das ist eine gute Idee. Ich spreche mit Santo und lege den Zeitpunkt fest," sagte sie und ließ mich stehen.

Ich sah der Frau noch kurz hinterher und seufzte.

Hoffentlich ging das nicht schief.

Ich kehrte auf Burg Kelsen zurück, sprach mit Manfred und dem Fürsten über Fresans Vorhaben und meinem Beitrag dazu.

„Kinder als Geisel, wie tief sinken diese Bestien noch?", murmelte Karzheim und Manfred seufzte.

„Vielleicht wäre es gut, wenn wir Altair warnen könnten?", meinte der Fürst noch anschließend, doch ich schüttelte den Kopf.
„Ich habe ganz Xanten abgesucht, sämtliche Tavernen und Armenhäuser auf den Kopf gestellt, doch fand ich weder Knut noch ihn. Es ist aussichtslosund es sieht wirklich danach aus, als hätte Fresan eine Menge von Vorteilen ihm gegenüber. Allein schon seinen Sohn als Geisel zu haben spricht von einem großen Trumpf," meinte ich und hörte wie Karzheim schnaufte.

„Es ist nicht, dass wir noch irgendeine Wahl hätten! Wir müssen nur um ein wenig Zeit buhlen! Sieh zu, dass du den anderen Jungs Zeit verschaffst, Adrian!", meinte der Ritter und ich nickte.

Zeit verschaffen?
Das war nun gar nicht mehr so einfach.
Fresan wollte am liebsten noch diesen Abend den Schlachthof stürmen, aber es war Santo, welcher ablehnte und sagte, dass er vor dem heiligen Erntedankfest kein Blutvergießen wollte.

Erntedankfest.

Letztes Jahr noch habe ich es verflucht, nun würde ich am liebsten auf die Knie fallen und dafür danken.

Aber das verschaffte mir nur höchstens einen Zeitrahmen von vier Tagen. Am Sonntag wäre Messe und danach wieder alles normal.

Sonntagabend, so sagte auch die Templerin, würde sie den Plan in die Tat umsetzen. Sie war nicht gewillt, überhaupt so lange zu warten, doch war sie dennoch auf die Hilfe der Lazarener angewiesen.

Also hatte ich bis Sonntag nur Zeit, um Altair zu finden und ihn zu warnen.

Vier Tage.

Das war viel. Und dennoch so gut wie nichts.

POV:

„Nein! Du verstehst es immer noch nicht! Wir sorgen dafür, dass die Templer bei der Kirche in Ungnade fallen!", erläuterte Alexander noch einmal, doch Karl schüttelte den Kopf.

„Du sagst das, als wäre es das Einfachste auf der ganzen Welt! Erkläre doch mal wie!", meinte der Franke und setzte Asra, welche es sich in seinem Schoß ungefragt bequem gemacht hatte, auf das andere Knie.

„Na, mit jeder Menge Wein und Weiber! Und das in der Öffentlichkeit! Zölibat! Schon mal was davon gehört? Na, du sicherlich nicht, großer Klotz! Und wenn die Lazarener sehen, wie die Templer sich benehmen, werden die es sich zweimal überlegen, ob sie mit denen weiterhin gesehen werden wollen!", meinte Alexander und schnippte mit den Fingern.

„Und wie willst du die Templer zum Saufen bewegen? Die halten sich fest an ihre Regel! Trinken höchstens zu ihrem Abendessen ein Glas Wein oder Bier, wenn überhaupt!", meinte Markus nun und Alexander seufzte.

„Ja, das ist die Lücke in meinem Plan. Da ist mir noch nichts Gutes für eingefallen!", meinte der Rothaarige leise und ließ nun den Kopf wieder hängen.

Nun war das der Punkt, wo Malik sich zu Wort meldete.

Er hatte der Idee von Alexander gespannt zugehört und glaubte nun, die letzte Lücke davon füllen zu können, denn dieser Plan eignete sich hervorragend, um die Templer in Verruf zu bringen und die Lazarener ebenfalls als fragwürdig dastehen zu lassen.

„Tollkirschen," meinte Malik und lächelte in die Runde, als jeder ihn ansah.

„Sie verstärken die Wirkung von Alkohol um ein Vielfaches, lassen Menschen in Raserei und Rausch verfallen! Hier gibt es sehr viele davon, sie wachsen direkt vor der Tür!"

Zunächst waren die drei Männer still, sahen sich an und grinsten dann all drei als wäre dies der beste Scherz, den sie je gehört hatten.

„Nun," meinte Alexander. „Dann lasst uns mal Beeren pflücken gehen!"

Mit diesen Worten sprang er auf und eilte durch den Raum davon gefolgt von Malik und den anderen beiden Männern.

Sie fanden ganze Büsche vonTollkirschen, pflückten und entsafteten sie.
„Dies wird im Wein kaum auffallen, aber Ihr müsst darauf achten, dass wirklich nur die Templer davon trinken, hört Ihr?", fragte Malik und gab Alexander eine kleine Flasche mit dem dunkelroten Gift.

Alexander nickte.

„Wir werden morgen früh sofort nach Kelsen aufbrechen und mit Adrian sprechen. Jetzt müssen wir die Templer nur noch dazu bringen, dass Zeug zu trinken. Aber das schaffen wir schon!", meinte der Rothaarige und sein breites Lächeln wirkte so zuversichtlich, dass Karl den Eindruck gewann, als ob Alexander schon genau wusste, wie er es anstellen musste.

Die Waffenbrüder schämten sich schon fast, von dem Wenigen zu nehmen, was die Assassinen ihnen anboten.

Stattdessen packten sie ihre Wegzehrung aus und legten es noch dazu.

„Da, teilt mit uns," meinte Alexander und schob Malik seine Portion hin.

„Ohne Euch wäre ich nie auf die Idee gekommen, Tollkirschen als Gift zu nehmen! Die werden sich wundern!"

Elessas POV:

Die Abenddämmerung war hereingebrochen.
So versorgte ich Yel und Elsa, fütterte und tränkte sie, ehe ich den Stall verließ und in Richtung des Haupthauses ging.

Ich wollte mich endlich in mein eigenes Bett legen, wollte schlafen und hoffte, dass mir endlich eine Lösung für mein Problem einfallen würde.

Mit einem besorgten Blick in den Abendhimmel fragte ich mich, ob Markus und die anderen die Assassinen bereits gefunden hatten oder immer noch suchten.

Ob sie sie überhaupt finden würden.

Ich berührte die kühle, metallene Türklinge, als etwas Weiches meine Hand streifte.

Eine weiße Feder steckte in der Holzspalte oberhalb der Klinke und bewegte sich leicht im Wind.

Fast schon automatisch nahm ich das weiße Objekt auf und sah sie mir im schwindenden Tageslicht an.

Es schien von derselben Vogelart zu stammen, wie die Feder in Yels Mähne, und die, die mir Asra gegeben hatte.

Ich sah mich im Hof um, entdeckte nur zwei Wachsoldaten, die an einem Feuerkorb standen und wohl auf die Ablösung warteten.

Sie wirkten ruhig und unbesorgt und mir kam der Gedanke, dass sie niemanden gesehen hatten, der hier eine Feder platziert hatte.

Mit langsamen Schritten ging ich im Hof umher, suchte nach Jemandem, der mir verdächtig erscheinen würde.

Doch alles lag ruhig im abendlichen Schatten und auf den Mauern wurden die Feuer entzündet während die Wachen sich dort positionierten und das Haupttor geschlossen wurde.

Ich wollte mich gerade wieder dem Hauptgebäude zuwenden, als mich eine weitere Feder an meinem Gesicht streifte. Sie war in einer schwingenden Bewegung vom Himmel herabgefallen und als ich niederkniete um sie aufzuheben, entdeckte ich, dass Blut an ihr klebte, wie auch die Feder, welche mir Asra gegeben hatte.

Mein Blick schweifte in den dunkler werdenden, wolkenverhangenen Himmel und ich erblickte nun den Turm des Bergfrieds hoch und finster über mir aufthronen.

Instinktiv spürte ich, dass sich dort oben derjenige aufhielt, den ich suchte.

Ich betrat das Gebäude und traf in der Wachstube die beiden Männer, die für diese Nacht die Aufsicht an dieser Stelle hatten.

„Adrian, guten Abend," sagte der jüngere von beiden und lächelte.

„Können wir dir helfen?"

„Nein, Max. Ich will nur ein wenig frische Luft schnappen. Esst nur und ruht ein wenig. Ich hole Euch dann," sagte ich und Max nickte und brach ein weiteres Stück vom Brot ab.

„Dort oben zieht es ordentlich, Adrian. Sei vorsichtig, die Winde können tückisch sein," meinte die andere Wache und ich nickte und ging nun die geschwungene Treppe hinauf.

Meine Schritte hallten im Turm gespenstisch hin und her und nur wenig Licht spendeten die Pechfackeln, welche flackernd vom Sog des Windes hin und hergetrieben wurden.

Ein kräftiger, eiskalter Wind schlug mir ins Gesicht, als ich die letzte Treppe verließ und nun in den Raum trat, welcher hinaus auf die Brüstung der Anlage führte.

Die Fackeln hier waren zum Teil schon verloschen und mir blieb nichts anderes übrig, als mich vorsichtig nach draußen zu tasten.

Dort war der Wind noch um einiges kräftiger und mir tränten bereits nach wenigen Augenblicken die Augen. Das laute, stürmische Rauschen betäubte meine Ohren und ich fürchtete, nach kürzester Zeit hier oben die Fähigkeit des Hörens einzubüßen.

Ich zog meinen Schal enger um mein Gesicht, um mich wenigstens etwas schützen zu können und suchte dann nach weiteren Spuren.

Mehrfach ging ich um den Turm herum, doch entdeckte ich nichts. Weder Feder, noch sonst etwas.

„Ich suche nach Geistern," murmelte ich leise zu mir selbst und setzte mich wieder in Bewegung um in das wesentlich wärmere Gebäude zurückzukehren.

Ich drehte mich um und nun sah ich ihn so deutlich, als ob nun Tageslicht die windige Herbstnacht erleuchtete.

Seine Roben aus kräftigen, weißen Stoff wurden vom Wind aufgebauscht, wehten in alle Richtungen und selbst unter seine Kapuze fuhr der annähernde Sturm und wehte sie ihm fast vom Kopf.

Er hatte wer weiß wie lange hinter mir gestanden und mich beobachtet. Seine Hände waren zu Fäusten geballt und seine Körperhaltung wirkte auf mich angespannt und bedrohlich.

Ich trat vollständig herum und auch meine Kleidung flatterte nun im Wind. Die beißende Kälte schlug mir ins Gesicht und der Wind heulte mir um die Ohren wie ein ganzes Rudel Wölfe.

„Willkommen auf Kelsen," raunte ich und trat noch einen Schritt auf ihn zu, „Altair ibn la Ahad!"

Ende Kapitel 26