Täuschung
von Lapislazuli
Die große Halle erstrahlte in prächtiger Herrlichkeit, die vielen Silbersterne und Girlanden an den hohen Wänden spiegelten den warmen Schein von tausenden schwebenden Kerzen wider und wurden nur von so manchem Accessoir der festlich gekleideten Frauen und Mädchen übertroffen.
Die Haustische waren bereits auf der Seite gruppiert worden, um Platz für die vielen Tanzpaare zu schaffen.
Dumbledore erhob sich von seinem Sessel und bat um Aufmerksamkeit.
„Meine lieben Kinder, liebe Gäste, verehrte Kolleginnen und Kollegen, alle Jahre wieder...,
alle Jahre wieder freue ich mich wie ein Kind auf dieses Fest und alle Jahre wieder bin ich mit einer tiefen Dankbarkeit erfüllt - die Dankbarkeit eines alten Mannes, der bei eurem reizenden Anblick, beim Anblick dieser wunderschönen Halle, beim Genießen des köstlichen Festmahls, sich glücklich schätzt, hier sein zu dürfen, und der bei dieser Gelegenheit an den Ursprung dieses Festes erinnern will. Trotz der fröhlichen Stimmung und der Annehmlichkeiten, die uns diese Zeiten ermöglichen, dürfen wir nie jene vergessen, die es nicht so gut haben. Jene, die von Einsamkeit und Armut erdrückt werden. Wir feiern heute im Eingedenken an diese Menschen dieses Fest, ein Fest der Besinnung an die wichtigen Werte im Leben," er breitete seine Arme zu einer großen Umarmung bereit aus und sein feuchter Blick schweifte über die Menge, „der Liebe und des Friedens!"
Hier blieb sein Blick kurz an Severus haften, der sich bereits vom Lehrertisch erhoben hatte und nun das Geschehen aus dem Hintergrund beobachtete.
„Ich freue mich besonders, dass heute auch ein paar der Absolventen des vergangenen Jahres bei uns sind und wünsche euch allen einen vergnüglichen Abend miteinander! ‚Frohe Weihnachten!'"
Glückselig nahm er wieder Platz, beobachtete das bunte Treiben, und wie sich die Tanzfläche nach dem Einsetzen der Musik langsam zu füllen begann.
Die Kleider der tanzenden Mädchen und die Umhänge der Jungen verschwammen vor seinen Augen zu einem wilden Farbenwirbel, nur ein schwarzer Fixpunkt im rechten Augenwinkel störte diese Komposition.
Severus stand noch immer an die Wand gelehnt und hatte seinen Blick starr geradeaus gerichtet. Was ging wohl im Augenblick in diesem schwierigen Menschen vor? Woran dachte er, wenn er die feiernde Menge betrachtete?
Albus unterbrach seine unerfreulichen Überlegungen, denn das Rätsel, welches ihn schon viele Jahre beschäftigte, würde nicht ausgerechnet heute gelöst werden können.
Er wechselte mit dem Stellvertreter des Ministers, der heuer die Feier in offizieller Funktion beehrte, ein paar Worte, prostete Madame Hooch zu und erkundigte sich bei Hagrid nach dem Befinden der neusten Züchtung. Alles in allem schlug sich der gute Dumbledore auf dem gesellschaftlichen Parkett wie immer hervorragend – im Gegenteil - bei ihm merkte man, dass er diese Aufgabe liebte.
War es die leuchtend rote Farbe ihres wunderschönen Kleides, war es Albus' besondere Gabe, menschlichen Schwingungen nachzuspüren, er konnte dem Drang hochzublicken nicht widerstehen und erkannte Hermine, die beim linken Seiteneingang stand und mit Harry, der sich ebenfalls die Weihnachtsfeierlichkeiten in seiner ehemaligen Schule nicht entgehen lassen wollte, plauderte. Hermine Granger sah einfach hinreißend aus.
Er wurde von Minerva abgelenkt, die ihr Wort an ihn richtete, doch konnte er nicht verhindern, dass ihm im Augenwinkel ein roter und ein schwarzer Punkt, die sich gemächlich, aber stetig zu bewegen schienen, auffielen. Ein unerklärliches, fast unheilvolles Kribbeln breitete sich in seiner Magengegend aus.
Hin und wieder nickend, lauschte er Minerva aber nur mit halbem Ohr und warf einen schrägen Blick in die Menge.
Wie zwei feindliche Planeten auf ihrer vorbestimmten Umlaufbahn, die zu kollidieren drohten, steuerten Hermine, Hände schüttelnd und Küsschen verteilend, und Severus, nickend und manchmal aber auch jemanden ermahnend, die Menge teilend direkt aufeinander zu.
Längst hatte sich Albus ohne Rücksicht auf sein Benimm von Minerva abgewandt und verfolgte ungläubig mit zusammengekniffenen Augen dieses Naturschauspiel. Hier war ein Saal voller feiernder Menschen und jeder hätte einer ungeliebten Person leicht ausweichen können, aber da schienen sich genau jene beiden treffen zu müssen, die Albus am liebsten einige hundert Meter voneinander entfernt gesehen hätte. Und diese Annäherung passierte mit so unglaublicher Kontinuität und Treffsicherheit, dass es den Schulleiter nicht länger am Sessel hielt. Auch Minerva war mittlerweile seinem Blick gefolgt und knabberte gespannt an einem Gebäckstück, wie man es beim Verfolgen einer aufregenden Szene in einem Film gelegentlich zu tun pflegte, um sich etwas abzulenken.
Etwa in der Mitte des Saales stießen Hermine und Snape Rücken an Rücken aneinander, worauf Dumbledore reflexartig die Hand über die Augen legte. Bis zuletzt hatte er die Hoffnung nicht aufgegeben, dass einer der beiden durch irgendeine glückliche Wendung umgeleitet werden würde. Wie konnte das nur geschehen, ausgerechnet bei seinem Lieblingsfest? Er fühlte sich machtlos, was ihm nicht oft passierte.
Als er hochblickte hatte der rote Punkt mit den Wuschelhaaren schon die Arme in die Hüften gestemmt, und der schwarze die seinen verschränkt. Das ungleiche Paar hob sich stark von der bunt wogenden Menge ab.
Wenn Albus einen Tipp für eine Wette abgeben hätte müssen, wäre seine Wahl klarerweise auf Severus gefallen. Er reckte den Kopf, um die beiden besser beobachten zu können, und da rauschte auch schon wie zur Bestätigung Hermine, deren wehendes Kleid an die Muleta eines Matadors erinnerte, an Harry und Ron vorbei durch den Seiteneingang hinaus. Und Snape glich mit seinen funkelnden Augen haargenau einem angriffslustigen, aber zugleich frustrierten Stier, dem man eben das Objekt der Begierde entzogen hatte. Er machte am Absatz kehrt und entschwand durch den Haupteingang.
Enttäuscht ließ sich Dumbledore wieder auf seinen Sessel fallen. Dabei hätte er gerne Hermine und Snape zur Abwechslung mal vergnügt gesehen, wenn auch nicht gemeinsam – das hätte selbst er für unrealistisch gehalten...
Insgeheim hatte er sich aber doch gewünscht, die beiden würden sich nach ihrer gemeinsamen, unglückseligen Zeit in Hogwarts etwas besser verstehen lernen und besser miteinander auskommen, wo sie sich doch in ihrem Einzelgängertum und ihrer Geistesgröße so ähnlich waren.
Snape öffnete zufrieden die Türe zu seinen Räumen. Ihn empfing der gemütliche Wohnraum, in sanftes Licht getaucht, und der Duft von brennenden Kerzen. Seine Katze schlich ihm zur Begrüßung schnurrend um die Füße. Er legte Umhang und Robe ab, öffnete den Kragen seines Hemdes und ging zum Kaminsims, wo er sich mit einem unbestimmten Lächeln ein Glas Whisky einschenkte.
Er schlenderte auf das große schwarze Ledersofa zu und ließ sich in einer Ecke darauf nieder.
Nachdem er mit einem großzügigen Schluck das halbe Glas geleert hatte, breitete er seine Arme entspannt auf der Lehne aus und legte den Kopf zurück.
„Das hat dem Armen ganz schön zugesetzt!", schmunzelte er mit geschlossenen Augen.
„Du meinst Albus?", kam es von dem anderen Ende des Sofas und ein Paar nackte Füße legte sich über seinen Schoß. „Ja, wir waren sehr überzeugend! Er konnte gar nicht richtig fassen, was da vor sich ging!"
Hermines Lachen war glockenhell und rein, wie es nur Menschen, die restlos glücklich waren, zustande bringen konnten.
Snape nahm unbewusst eines der zarten Füßchen in seine Hände und begann es sanft zu kneten.
„Hast du gesehen, wie er aufgestanden ist, um alles mitverfolgen zu können? Der Arme! Ich fühle mich fast etwas schäbig – was ich für einen ganzen, langen Abend mit dir allein aber ausnahmsweise in Kauf zu nehmen bereit bin!", fügte sie grinsend hinzu.
„Er hat es nicht anderes verdient, Hermine! Wäre er nicht so eine entsetzliche Plaudertasche, und hätten wir uns sicher sein können, dass er unsere Beziehung nicht zur Gallionsfigur dieses ‚Festes der Liiiebe und des Friiiedens' macht, hätte es dieses Schauspiels nicht bedurft. "
Apropos ‚Liebe'...das war das Stichwort für ihn. Er wollte schon in seine Hosentasche greifen, besann sich aber in Sekundenschnelle. Auch er war glücklich, auf seine Weise, und zu Spielchen aufgelegt.
„Willst du denn nicht endlich dein Geschenk auspacken?", fragte er mit unergründlicher Miene und einem Blick auf seine Leibesmitte. Hermine errötete prompt, wie auf Kommando.
Genau dafür liebte er sie – für ihren natürlichen Anstand, ihre ansatzweise vorhandene Prüderie, und vor allem, dass er der glückliche Zeuge sein durfte, wenn sie in seltenen Momenten dies alles fahren ließ.
Als sie nicht reagierte und ihm einen unsicheren Blick zuwarf, griff er nach ihrer Hand und führte sie langsam und bedächtig auf seinen Schritt zu. Hermine hatte den Mund zu einem Protest bereits geöffnet, da drückte er ihre Hand auf etwas Kleines, Hartes, das sich in seinem Hosensack befand. Unüberhörbar stieß sie die aufgestaute Atemluft aus.
„Frohe Weihnachten, Hermine!"
Er hatte Schwierigkeiten, den Worten dem festlichen Anlass entsprechend die nötige Ernsthaftigkeit zu verleihen.
Doch Hermine beschränkte sich darauf, ihm zum Dank einen Kuss zu geben. Irgendwie neutral, fast ernst, sah sie ihn ein paar Sekunden an, sodass erste Zweifel in Severus hochstiegen, ob sein übermütiges Scherzchen vielleicht zu platt ausgefallen war.
Endlich brach sie die unangenehme Stille.
„Auch ich habe etwas für dich...", sie legte sich wieder zurück und kreuzte die Arme unter ihrem Kopf, „...und trage es bei mir."
Der fließende Stoff des roten Kleides legte sich so geschmeidig an ihren Körper, dass ein Versteck für ein Geschenk darunter nahezu unmöglich schien.
„Aber ich helfe dir nicht beim Suchen! Frohe Weihnachten, Severus!"
