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Ein Crossover von Kira Gmork
Vielen Dank an meine Beta Auriane
Sanft schwebten vereinzelte Schneeflocken vom Himmel. Der Boden der Waldlichtung blieb dennoch trocken. Ein fast voller Mond tauchte zwischen den Schneewolken auf und ergoss sein silbernes Licht auf die Szene.
Aus der Ferne ertönte der Ruf eines Nachtvogels. Alles schien perfekt.
"Ist es so, wie Sie es geplant hatten?", fragte der Begleiter mit gedämpfter Stimme.
Der Angesprochene legte den Kopf etwas schief, so wie er es mehr als einmal bei seinem Freund beobachtet hatte, wenn dieser über etwas nachgrübelte. Er selbst jedoch brauchte nicht zu grübeln...schlimmer noch, er KONNTE nicht grübeln.
Er hätte den Grad seiner Zufriedenheit in exakten Prozentsätzen angeben können, doch die Erfahrung hatte ihn gelehrt, dass Menschen es nicht sonderlich schätzten, diese Art von freundschaftlichen Fragen mit nüchternen Zahlen beantwortet zu bekommen. Was Geordi viel mehr erwartete, war etwas über den emotionalen Grad von Datas Zufriedenheit zu erfahren...nur dass die Emotionalität des Androiden immer noch in einem nicht messbaren Bereich lag, wenn der Emotionschip nicht aktiviert war.
In dieser heiligen Nacht war er jedoch nicht aktiviert, denn Geordis Weihnachtsgeschenk an seinen Freund war es gewesen, den Emotionschip in Kürze mit einigen Extras auszustatten, von denen Geordi meinte, sie würden Data ganz sicher gefallen.
Und nun lag der Chip im technischen Labor und würde für Stunden an ein externes Analyseprogramm angeschlossen sein, um Geordi die nötigen Daten zu liefern, damit er einige Überraschungen für den Androiden installieren konnte.
Data erinnerte sich vage daran, dass 'überrascht werden' ein positives Gefühl war...meist jedenfalls, doch es gab durchaus auch unangenehme Überraschungen und dummerweise wickelte sein positronisches Gehirn seit Geordis Bekanntgabe des Geschenks, ständig Berechnungen darüber ab, wie groß die Wahrscheinlichkeit war, dass eine erneute Verbesserung des Chips eine negative Auswirkung auf die Gesamtmatrix haben könnte.
Nun stand Data also hier, bar jeder künstlich erschaffenen Emotion, und blickte in den winterlichen Himmel.
"Es ist annähernd so, wie ich es mir vorgestellt habe", versicherte er dem wartenden Freund.
Geordi hob die Hände vor den Mund und blies hinein um sie zu wärmen. Sein Atem bildete Hauchwölkchen, als er fragte: "Und wer ist es, den wir hier treffen wollen?"
"Es ist eine Romanfigur", erwiderte Data und sah sich um.
Der dunkelhäutige Mann an seiner Seite ließ seinen Blick ebenfalls über die Waldlichtung schweifen, dann fokussierte sein Visor die Stelle, an der die Lichtung von der Dunkelheit des Waldes regelrecht aufgefressen wurde.
"Wieder Sherlock Holmes?", murmelte Geordi abwesend, während er sich fragte, warum ihm mulmig zumute war, obwohl er doch genau wusste, dass es dort in Wirklichkeit keinen Wald gab, sondern nur die Wände des Holodecks.
"Nein, es ist eine Figur aus den Harry Potter Romanen", sagte Data.
"Harry Potter? Sie haben Harry Potter Romane gelesen?", fragte Geordi ungläubig.
"Ja, ich habe die Bücher erst kürzlich meiner persönlichen Datenbank hinzugefügt."
Geordi runzelte die Stirn und zuckte dann kurz mit den Schultern. Er selbst hatte sich diesen Klassiker bereits vor einigen Jahren zu Gemüte geführt...als er noch fast ein Kind war, um genau zu sein. Seine Erinnerung beschränkte sich auf die grobe Rahmenhandlung. Die Zeit, in der die Geschichte spielte, war ihm reichlich fremd erschienen, denn sein Interesse hatte auch damals schon den Sternen und der Technik gegolten. Eine Welt aus Magie, die in geradezu mittelalterlichem Ambiente spielte, obwohl selbst damals, als die Romane entstanden waren, längst schon kein Mittelalter mehr herrschte, war nicht unbedingt sein bevorzugter Unterhaltungsstoff gewesen; dennoch verspürte er nun eindeutig Neugier.
"Und welche der Figuren werden wir treffen?", fragte er abermals.
Kaum hatte Geordi zu ende gesprochen, erschien mit einem Plopp eine Gestalt auf der Lichtung, deren Äußeres dem Chefingenieur ganz schnell wieder den Lesestoff von damals in Erinnerung rief.
"Voldemort...? Sie wollten Voldemort treffen?"
Erneut hatte Geordi kaum zu ende gesprochen, da wiederholte sich das ploppende Geräusch gleich mehrfach und eine ganze Reihe von schwarzgekleideten Gestalten erschien auf der Lichtung.
"Ein Todessertreffen", hauchte Geordi leise, befanden sie sich doch keine zehn Meter von dieser schauerlichen Zeremonie entfernt.
"Das ist korrekt!", erwiderte Data in normaler Lautstärke.
Etliche mondbeschienene Masken drehten sich in ihre Richtung.
"Hi", sagte Geordi versuchsweise zu der Gruppe Todesser und wandte den Blick dann panisch zu Data. Die nächsten Worte quetschte er durch die Zähne. "Warum können die uns hören und sehen? Wäre es nicht klüger gewesen, wenn wir nur auf Beobachtungsmodus wären?"
"Aber dann gäbe es doch keine Interaktion, Geordi", erklärte Data freundlich.
Der Chefingenieur sah, wie sich zwei Männer aus dem Kreis der Todesser lösten und auf sie zukamen.
"Ich bin mir nicht sicher, ob Interaktion hier eine gute Sache ist", sagte er nervös und fügte an: "Haben wir wenigstens diese Stabdinger?"
Datas Stimme klang völlig gelassen: "Nein, Zauberstäbe habe ich für uns nicht programmiert."
"Dann sollten wir uns jetzt vielleicht ergeben", schlug Geordi vor, als er auch schon einen besagter Stäbe an der Schläfe spürte. Sein Visor rutschte durch die Berührung von der Kontaktstelle und das Bild des verschneiten Waldes geriet ins Wanken. Doch die Desorientierung war es nicht, die Geordi dazu brachte, sich auf die Knie fallen zu lassen, sondern der unsanfte Griff des Todessers.
"Sie sollten kooperieren, Geordi", schlug Data sachlich vor.
"Tolle Idee, Data...jetzt wäre ein guter Zeitpunkt mir zu sagen, welche Art von Abenteuer Sie hier für uns programmiert haben. Nehmen Sie es mir nicht übel, aber bislang amüsiere ich mich nicht sonderlich gut bei diesem Geschenk. Sollten Sie allerdings der Meinung sein, ich mag es, von einer Horde mittelalterlicher Kapuzenträger zu Boden geworfen und mit Flüchen traktiert zu werden, dann entschuldige ich mich bei Ihnen, möchte aber gerne die Chance noch nutzen, um Ihnen zu sagen, dass ich ein romantisches Szenario mit einer attraktiven Frau vorgezogen hätte...vielleicht nächstes Weihnachten...", endete der Chefingenieur sarkastisch.
"Nur einen Moment Geduld, Geordi", sagte Data und hielt den Arm des Todessers fest, der ihn mit seinem Zauberstab bedrohte.
Der Chefingenieur stieß ein ungeduldiges Schnauben aus, als sein Gesicht auf den Boden gepresst wurde und seine Stimme klang hysterisch: "Natürlich! Ich bin die Geduld in Person. Ich mache es mir einfach solange hier bequem...unter dem Stiefel eines TODessers!"
Es dauerte etwas, bis Geordi begriff, dass Datas nächste Worte nicht ihm galten.
"Sir, es ist mir eine Ehre, Sie kennenlernen zu dürfen. Ihre Präzision ist legendär, ebenso wie Ihre verborgene Emotionalität. Diese beiden Eigenschaften teile ich auf eine gewisse Art mit Ihnen."
Geordi drehte seinen Kopf soweit es ging und versuchte dem verzerrten Bild seines Visors zu entnehmen, welche Szene sich da verdammt nochmal eigentlich gerade abspielte.
Der Todesser, der seinen Zauberstab nun erneut auf den Androiden gerichtet hielt, starrte offenbar stumm in die goldenen Augen, die ihn wiederum ruhig betrachteten.
"Mein Name ist Data, Professor Snape", versuchte Geordis Freund erneut einen Versuch der Kontaktaufnahme.
"Was in Merlins Namen...", begann Snape düster, doch Data unterbrach ihn, indem er nach dem Zauberstab griff, ihn dem maskierten Mann mühelos entwand, und den Stab dann achtlos über die eigene Schulter warf, worauf dieser in einem schneebedeckten Tannenzweig hängenblieb.
"Computer, nächstes Szenario", sagte er dann mit monotoner Stimme.
Augenblicklich änderte sich etwas Grundlegendes. Geordi spürte, wie der Druck auf seinem Kopf deutlich nachließ, und er erkannte, dass der Mann, der ihn zuvor zu Boden gedrückt hatte, verschwunden war. Mit einem Ächzen erhob er sich und strich brummend seine Uniform glatt. Dann schob er seinen Visor wieder richtig auf die Kontaktpunkte und sah sich um.
Data hatte hier ein ebenso mondbeschienenes Winterszenario erschaffen, nur dass die Horde Todesser sich scheinbar in Luft aufgelöst hatte...alle, bis auf einen!
Und statt der düsteren Versammlung, stand dort nun eine Frau, deren rotes Haar selbst im fahlen Mondlicht kraftvoll leuchtete, und das scheinbar mit Diamanten verziert wurde, mit jeder Schneeflocke die darauf landete.
Snapes Blick war immer noch auf Data gerichtet, als die Stimme der rothaarigen Frau wie ein Hauch zu ihm hinüber wehte.
"Severus."
Sofort wirbelte der offensichtlich zutiefst verwirrte Todesser herum und eine absolute Stille breitete sich über die nächtliche Szene, ehe seine sehnsuchtsvolle Stimme die Distanz mutig überbrückte.
"Lily", die Maske fiel in den Schnee und die seltsamen Fremden schienen ebenso vergessen, wie die Unmöglichkeit, dass diese Begegnung überhaupt stattfinden konnte.
Sie fand statt! Severus Snape zog noch während des Gehens seinen wärmenden Umhang aus und breitete ihn sofort über den Körper der junge Frau, um sie sodann in seine Arme zu schließen.
"Verzeih mir...verzeih mir, Lily", seine Stimme strich über ihr Haar, sein Herz schlug gegen das ihre, und als sie den Kopf hob, um ihn anzusehen und ihm zuzuflüstern, dass sie ihn liebe, taumelte Geordi kurz zurück, so stark schien das Energiefeld zu sein, das Severus Snape und Lily Evans miteinander erschafften.
Der Ingenieur in Geordi erkannte, dass genau diese Art von Energie es war, die das Universum immer wieder antrieb - egal ob scheinbar zu Zeiten des Mittelalters, zu Zeiten des Warpantriebs, oder auch in Tausenden von Jahren.
Als das Paar langsam vor seinen Augen verschwand, und die Wände des Holodecks sichtbar wurden, musste Geordi hart schlucken, und die Rührung möglichst verdrängen, um seine Stimme wieder brauchbar zu machen.
"Sie haben dem heimlichen Helden der Harry Potter Romane seine Liebe zurückgebracht. Das ist...", Geordi stockte und sah Data dann immer noch völlig ergriffen an.
"Romantisch?", versuchte der Androide die Situation zuvor, anhand der Reaktion des Freundes zu beschreiben.
"Ja, wundervoll romantisch", stimmte Geordi aus tiefstem Herzen zu, dann räusperte er sich und fragte: "Wie empfinden Sie es?"
Data legte den Kopf nun doch schief und er tat es ganz bewusst, um seinen Freund daran zu erinnern, dass er im Grunde nichts weiter als eine Maschine war.
"Ich kann nichts empfinden, Geordi, aber meine Erfahrungen und Berechnungen ließen mich ahnen, dass Ihnen das Szenario gefallen könnte. Und ich habe gesehen, dass eine scheinbar emotionslose Figur durch den richtigen Schlüsselreiz durchaus romantische Gefühle zeigen kann. Ich habe die Figur des Severus Snape absichtlich so programmiert, dass sie sich ab dem visuellen Kontakt zu Lily selbst weiterentwickeln darf."
Data hob den Kopf wieder in eine gerade Position und er sah Geordi direkt in die Augen, als er sagte: "Vielleicht bin auch ich eines Tages in der Lage, den richtigen Schlüsselreiz zu finden, um mich natürlich und ohne die Hilfe des Emotionschips weiterzuentwickeln."
"Ja, Data...vielleicht", sagte Geordi und dachte an die Neuerungen, die seinem Freund eben diesen Wunsch erfüllen, und den Chip schon bald überflüssig machen würden. Er dachte an die verstorbene Tasha Yar, die dabei eine nicht unerhebliche Rolle spielen würde, und von der er wusste, dass sie dem Freund alles andere als egal gewesen war.
Aber das alles brauchte noch ein klein wenig Zeit.
Geordi sah auf das Ausgangsschott, das sie in die reale Welt zurückführen würde, dann wandte er sich dem Androiden zu und sagte mit bebender Vorfreude: "Fröhliche Weihnachten, Data!"
ENDE
