Kollegen

Von Gretel

Hermine stand am Fenster und schaute hinaus in den Schneesturm. Das letzte Mal, als so ein Sturm getobt hatte, war sie auch in Hogwarts gewesen, in dem Winter nachdem Voldemort zurückgekehrt war.

Immer noch lief ihr ein Schauer über den Rücken, wenn sie sich diesen Erinnerungen hingab.

Doch das war nun vorbei. Lange vorbei. Fast 5 Jahre waren vergangen seit dem Kampf um Hogwarts. Und doch kam es ihr vor, als sei sie nie fortgewesen.

Harry, Ron und sie waren nun keine unbekannten Schüler mehr wie damals. Sie waren in der Zauberwelt zu heldenhaften Figuren hinaufgelobt worden, die jedes Kind anhimmelte und ihnen nacheifern wollte.

Darum hatte die jetzige Schulleiterin Minerva McGonagall alle drei eingeladen, mit ihren Familien das Weihnachtsfest in ihrer alten Schule zu verbringen. Gleichzeitig sollte es für die Schüler die Gelegenheit geben ihre Vorbilder zu befragen und die Geschichten von Harry, Ron und Hermine einmal selbst zu hören.

Harry und Ginny waren bereits verheiratet und teilten sich ein Zimmer hoch oben im Schloss, mit einem wunderbaren Ausblick auf die verschneite Winterlandschaft.

Eigentlich hätte Hermine glücklich sein müssen, denn ihr war nun endlich die langersehnte Stelle als Lehrerin angeboten worden und ab dem kommenden Schuljahr würde sie ihren Lebensmittelpunkt erneut nach Hogwarts verlegen. Allerdings trübte die vor kurzem gescheiterte Beziehung mit Ron ihre Stimmung, denn die beiden hatten sich noch nicht wirklich aussprechen können. Die Vorstellung bald vor einer großen Menge gespannter Kinder zu sitzen und den Eindruck vermitteln zu müssen, die Freundschaft der drei könnte nichts in der Welt zerstören, bereitete ihr Unbehagen.

Doch noch etwas anderes beschäftigte sie. Als sie nach Voldemorts Tod, statt mit den anderen in den Gryffindorturm alleine zur Heulenden Hütte gerannt war, hatte sie ihren ehemaligen Lehrer Snape dort entgegen ihrer Erwartung nicht tot vorgefunden. Bis heute war das Rätsel um sein Überleben ungelöst und er schien noch kälter und unnahbarer als zuvor, falls dies überhaupt möglich war.

Bis heute hatte er nicht akzeptieren können, dass die ganze Zauberwelt von seiner unerfüllten Liebe und seiner Geschichte wusste und sich noch mehr zurückgezogen. Trotz allem lehrte er nach wie vor Zaubertränke in Hogwarts und die Vorstellung bald seine Kollegin zu sein, trübte die Vorfreude auf ihre neue Arbeitsstelle.

Wenn sie eines hasste, waren es unangesprochene Probleme und sie war gleich von zweien umgeben.

Sie sah auf ihre Armbanduhr. Ihr blieben noch etwa drei Stunden bis McGonagall die Versammlung in der Großen Halle eröffnen würde.

Einen dieser Konflikte wollte sie noch lösen jedoch schien ihr eine schnelle Lösung bei beiden unmöglich.

Rons verletzter Stolz, weil sie ihn verlassen hatte und sein Sturkopf ließen nicht auf seine Kooperation hoffen. Ob an Snape überhaupt noch heranzukommen war, erschien ihr mehr als fraglich.

Doch dieser Kontakt war in den nächsten Jahren wahrscheinlich von eminenter Wichtigkeit. Immerhin würden sie das gleiche Fach lehren. Denn seit Voldemorts Tod war die nun bekannteste Schule vergrößert worden, weil der enorme Andrang mit nur einem Lehrer für ein Fach nicht mehr zu bewältigen war.

Als Hermine die Treppen, die ins Foyer führten hinabstieg, kamen ihr immer wieder Schüler entgegen, die sofort in hysterisches Flüstern verfielen, wenn man sie erkannte. Niemand wagte jedoch sie anzusprechen, was sie auch nicht weiter bedauerte, obwohl sie für jede Verzögerung des Aufeinandertreffens mit ihrem zukünftigen Kollegen dankbar gewesen wäre.

In den dunklen Kerkergängen hallten ihre Schritte unheimlich und die flackernden Kerzen, die den Weg nur spärlich erhellten, passten erstaunlich gut zu ihrer Stimmung.

Sie hatte schon Angst sich verirrt zu haben, als sie endlich an eine große Doppeltür kam. Beide Flügel waren aus massivem dunklem Holz und kunstvoll mit schwarzen Eisenbeschlägen verziert. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, als sie den schwarzen Ring in Form einer Schlange gegen das Türblatt donnerte.

Wenige Sekunden später wurde die Tür schwungvoll aufgerissen und Snape stand mit wehendem Umhang vor ihr. Seine schwarzen Augen weiteten sich bei ihrem Anblick und es war ganz offensichtlich, dass er überrascht war sie dort zu sehen.

Nach wenigen Augenblicken hatte er sich jedoch wieder gefangen und seine Mimik war so emotionslos wie so oft zu ihrer Schulzeit.

Seitdem sie ihn in der Heulenden Hütte gefunden hatte, waren sie sich nicht mehr begegnet. Hermine war hübscher und eindeutig eine Frau geworden. Snape dagegen sah noch blasser aus, doch seine Augen hatten an Ausdruckskraft nicht verloren.

Stumm standen sich beide gegenüber bis Snape eine Augenbraue hinaufzog, zum Zeichen Hermine möge ihm ihr Anliegen vortragen.

Sie räusperte sich und versuchte sich ganz selbstverständlich zu verhalten.

„Schönen guten Tag, Professor Snape." Ihre Stimme war fast so piepsend, wie die eines Hauselfen. „Ich nehme an Sie wissen, dass ich ab dem Sommer ihre Kollegin sein werde!" Auch beim zweiten Satz hatte sie es nicht geschafft das Zittern unter Kontrolle zu halten.

Snape rollte mit den Augen und trat einen halben Schritt zur Seite, um Hermine hineinzubitten. Diese hatte allerdings nicht erwartet in das Allerheiligste eintreten zu dürfen und rührte sich nicht von der Stelle. Snape verdrehte erneut die Augen und wandte sich zum Gehen. Er durchquerte den Raum und lehnte sich an den Kamin, in dem ein großes Feuer prasselte.

Endlich gelang es Hermine sich aus ihrer Starre zu lösen und sie setzte sich mit wackeligen Knien in Bewegung, um Snape in den dunklen Raum zu folgen. Wie von Geisterhand krachte kurz hinter ihr die Tür ins Schloss und ließ sie zusammenzucken.

„Nun Miss Granger, was führt Sie denn hier hinunter?" Seine Stimme war so emotionslos, sein Blick so kalt, dass sie am liebsten im Erdboden versunken wäre.

Hermine fühlte sich, als hätte sie eine Hausaufgabe in seinem Unterricht vermasselt und fragte sich, wieso sie nicht versucht hatte sich mit Ron auszusprechen statt hier hinunter zu kommen.

Seine schwarzen Augen fixierten sie immer noch erwartungsvoll, doch sie brachte keinen Ton heraus.

Sie konnte ihre Unruhe nicht zuordnen, es war keine Angst, die sie verspürte, es waren Emotionen und Gedanken, die sie niemals in Zusammenhang mit diesem Mann erwartet hätte

Snape lehnte noch immer am Kamin. Seine Augenbrauen waren in die Höhe gezogen und zeigten deutlich an, dass er nicht die Absicht hatte noch lange auf eine Antwort zu warten.

Er stieß geräuschvoll die Luft aus, wandte sich um und verschwand so schnell im Nebenraum, dass sein Umhang flatterte.

Hermine stand noch immer mitten in dem kreisrunden Büro und starrte den Kamin an.

Ihr Blick blieb am Kaminsims hängen, den Snapes Körper verdeckt hatte, als er dort stand.

Sie kniff ihre braunen Augen zusammen, um genauer erkennen zu können, was dort auf dem Kaminvorsprung aus schwarzem Marmor aufgereiht war. Es waren ganz offensichtlich Bilderrahmen mit Fotos von magischen Personen, denn sie bewegten sich alle. Wäre sie nur einen Meter weiter in den Raum getreten, hätte sie erkennen können, wer dort einen Ehrenplatz im Raum des Professors erhalten hatte. Ihre Augen schmerzten schon, so sehr strengte sie sich an, die Figuren auf den Fotos zu erkennen. Jedoch wagte sie es nicht sich ihnen zu nähern, aus Angst ihre Knie könnten nachgeben. Leicht neigte sie den Kopf nach vorne. Irgendetwas schien ihr zu sagen, dass sie unbedingt wissen musste, von wem die Bilder waren.

Snape hatte davon nichts mitbekommen. Er war froh aus dem Raum entkommen zu sein, denn auch in ihm waren lang zurückgehaltene Gefühle aufgekeimt und obwohl er die äußere Emotionslosigkeit in Perfektion beherrschte, fürchtete er zum ersten Mal seine Maske könnte fallen.

Hermine glaubte indessen zu erkennen, wen die Fotos zeigten. Es war offensichtlich eine Hexe, denn sie hatte langes, lockiges braunes Haar, dass ihr ungebändigt über die Schultern wallte. Sie hatte das Gefühl vom Blitz getroffen zu sein und auf eine merkwürdige Art und Weise fiel alle Nervosität und Angst vor der bevorstehenden Feier von ihr ab. Langsam begann sie auf den Kamin zuzugehen und mit jedem Schritt wurde sie sich sicherer, dass die Fotos ausnahmslos sie zeigten.

Snape hatte sich unterdessen gesammelt und schritt nun wieder auf den Raum zu, in dem er seine zukünftige Kollegin zurückgelassen hatte, in der Absicht sie mit wenigen Worten wieder hinaus zu werfen. Als er im Türbogen stand erstarrte er.

Tausend Gedanken schossen ihm durch den Kopf, als er registrierte, dass sich die junge Hexe ganz offenbar auf seine Bilderrahmen zu bewegte. Unter normalen Umständen hätte er lässig ein paar Mal seinen Zauberstab

geschwenkt, ein paar Sprüche gemurmelt und die Sache hätte keinerlei Konsequenzen für ihn gehabt. Doch er konnte sich nicht bewegen. Wie gelähmt stand er an der Tür und war völlig überwältigt von den Emotionen, die er zuletzt vor etwa fünfundzwanzig Jahren wahrgenommen hatte.

Hermine war inzwischen am Kaminsims angelangt und fuhr mit dem Finger über den schwarzen Marmor.

Sie wandte sich um, in Erwartung Snape dicht hinter sich oder zumindest in der Mitte des Raumes zu erblicken. Doch dieser stand nun an der Flügeltür, durch welche sie sein Büro betreten hatte, den Türknauf umfasst, als wollte er jeden Augenblick davonlaufen.

Diesmal war Hermine diejenige, die sich ungewöhnlich schnell durch den Raum bewegte. Sie umfasste mit ihrer rechten Hand entschlossen seine auf dem Türgriff, um ihn daran zu hindern die Tür zu öffnen. Die Linke legte sie auf seine Brust genau auf die Knopfleiste seines Umhanges.

Sein Griff lockerte sich um den Türknauf, er drehte seine Hand, damit der Hermines Finger zart umschließen konnte.

Severus Snape schaute seine zukünftige Kollegin sprachlos an. Er schluckte und seine Augen sprachen Bände.

Hermine sah, dass da eine Mauer bröckelte, die jahrein und jahraus tiefe Emotionen zurückgehalten hatte.

Er atmete geräuschvoll ein und stammelte: „Miss Granger – Hermine – ich muss –"

Doch Hermine hob die Hand, die auf Snapes Brust lag und legte sie auf seinen Mund:

„Psst, nicht jetzt, wir haben noch alle Zeit der Welt."

Sie strich mit ihrem Daumen über Severus sinnliche Lippen, dann griff sie ihn um den Hals, zog ihn zu sich herab und küsste ihn zärtlich.

Als sie sich voneinander lösten, hielten sie sich bei den Händen und schauten sich lange in die Augen.

„Komm bitte nach dem Fest noch auf ein Glas Wein, wir haben uns viel zu erzählen", sagte Severus Snape leise.

„Dann muss ich mich wohl auf eine lange Nacht gefasst machen", antwortete Hermine verschmitzt lächelnd.

Auch Snape nickte, dachte aber dabei:

„Ja Liebes, auf lange Nächte, Tage, Wochen, Monate und Jahre."

Ende