Wolke Sieben

von AnnyAn

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Severus Snape hatte seine Arme vor der Brust verschränkt und starrte finster in die Ferne.

Wie hatte ihm das alles nur passieren können?

Als er gestorben war (er konnte nicht sagen wie lange dies nun her war, Zeit verlief hier einfach anders), erwartete ihn Albus Dumbledore, der ihm mitteilte, dass es Zeit für ihn war ins Licht zu gehen.

Auf dem Weg zum Licht erklärte Albus ihm, wie stolz er auf ihn war und dass er für all seine Entbehrungen in seinem Leben dafür jetzt reichlich belohnt werden würde.

Danach brachte er ihn hierher, auf diese weiße Wolke, auf der eine weiße Villa stand. Severus glaubte seinen Augen nicht zu trauen, als plötzlich die Tür auf ging und Lily auf ihn zulief.

Sie sah aus wie ein Engel, ihre wunderschönen grünen Augen leuchteten und ihre langen roten Haare flatterten sanft im Wind. Sie lief auf ihn zu und schlang ihre Arme um seinen Hals. Sie küsste sein Gesicht und beteuerte ihm, wie glücklich sie darüber sei, dass er nun mit ihr die Ewigkeit verbringen dürfte.

Eng umschlungen stand er mit ihr in dem Bewusstsein da, dass sich alles gelohnt hatte und für einige Sekunden war er die glücklichste Seele des Universums.

Doch dann ging die Türe der Villa erneut auf und heraus trat James Potter. Wie vom Donner gerührt ließ er Lily los und sah entsetzt und fragend zu Dumbledore.

Die Augen seines früheren Mentors blitzten belustig auf und mit einem Schmunzeln sagte er zu Severus: „Natürlich kannst du nicht erwarten nur belohnt zu werden, Severus. Deine Taten, als du noch ein loyaler Todesser aus Überzeugung warst, müssen gesühnt werden und ich befürchte, ER wird deine Buße sein."

Dumbledore lehnte sich zu ihm. „Meiner Meinung nach hast du es gar nicht so schlecht getroffen, versuch dich einfach damit zu arrangieren." Er zwinkerte ihm noch einmal zu und sickerte langsam durch die Wolke hinfort.

Seit diesem Tag lebte er mit den zwei Potters hier auf dieser Wolke.

Gut, Albus hatte Recht, er hätte es schlechter treffen können. Vor einiger Zeit hatte er Voldemort besucht. Tom Riddle saß auf einer grauen Gewitterwolke und zu seinen Füßen hockte Bellatrix Lestrange. Irgendjemand hatte Bella eine kleine Handharfe gegeben und sie verbrachte ihre gesamte Zeit damit, darauf herum zu klimpern und mit ihrer schrillen Stimme irgendwelche Choräle zu singen. In ihrer Verrücktheit dachte Bellatrix tatsächlich, sie wäre nun ein Engel der himmlischen Heerscharen. Und Voldemort saß die ganze Zeit da, hielt sich die Ohren zu und verfluchte den Himmel, in dem es unmöglich war, einen Cruciatus auf Bella abzuschießen.

Severus hörte ein Geräusch hinter sich und drehte sich um, er sah Lily mit einem strahlenden Lächeln auf ihn zulaufen. Sie lief an ihm vorbei, bis zum Rande der Wolke, kniete sich dort hin und starrte in die Tiefe. „Ich bin so aufgeregt, Severus, gleich ist es so weit."

Severus wusste worauf Lily wartete, seit Tagen sprach sie von nichts anderem.

Den verstorbenen Seelen war es nur erlaubt in extremen Situationen den Hinterbliebenen beizustehen und an bestimmten Tagen war es ihnen erlaubt einen Blick auf sie zu werfen.

Heute an Weihnachten war so ein Tag.

„Es geht los, es geht los", rief Lily aufgeregt. „James komm schnell, die Kinder sind aufgewacht und laufen die Treppe hinab, um zu sehen was der Weihnachtsmann ihnen gebracht hat."

Lily lächelte Severus an und ihre Augen strahlten ihn dermaßen an, dass sein Herz einen kleinen Hüpfer machte und er für einen Moment seinen Streit mit James vergaß. Als er jedoch sah wie James an Lilys Seite trat, um sich ebenfalls das Schauspiel auf Erden anzusehen, drehte sich Severus demonstrativ von ihnen weg.

Er starrte an sich herab, nicht einmal seine geliebten schwarzen Roben waren ihm geblieben. Hier im Himmel trug man strahlendes Weiß und auch wenn der Schnitt seiner Himmelskleidung der seiner früheren Lehrerroben entsprach, konnte es ihn nicht mit dieser grellen, hellen Farbe versöhnen.

Severus verdrehte die Augen, als Sätze an seine Ohren drangen, wie: „Oh, sieht Lily nicht entzückend aus in ihrem rosa Pyjama!"

„Wie groß James geworden ist!"

„Albus sieht von Tag zu Tag mehr wie Harry aus!"

Severus grummelte, es war wieder einmal typisch für den Pottersprössling, gerade denjenigen seiner Söhne den Namen Severus zu geben, der ein Abbild des großen heldenhaften Harry Potters war.

„Severus, möchtest du nicht auch zuschauen kommen? Sieh mal, Albus Severus hat einen Spielzeugbesen geschenkt bekommen."

Erst jetzt schien Lily die finstere Mine des ehemaligen Tränkemeisters zu bemerken, fragend sah sie zwischen James und Severus hin und her. „Habt ihr euch schon wieder gestritten? Könnt ihr nicht einmal zu Weihnachten Frieden geben?" Seufzend und ein wenig traurig sah sie wieder ihren Enkelkindern beim Geschenke auspacken zu.

„Seht mal, Andromeda kommt mit dem kleinen Teddy zu Besuch." Lily erhob sich und blickte mahnend auf ihre beiden Männer. „Ich husche hinüber zu Tonks und Remus, die sehen sich das sicher ebenfalls an."

Sie stemmte energisch ihre Hände in die Hüften. „Eigentlich habe ich mir gedacht, dass ihr in letzter Zeit besser miteinander auskommt. Ich erwarte von euch, dass ihr euren Streit beigelegt habt, wenn ich wieder zurück bin. Ich will ein friedliches Weihnachten." Mit diesen Worten sickerte sie langsam durch die Wolke und verschwand.

Severus stand noch immer abgewandt von James, als ihn plötzlich zwei starke Arme von hinten umarmten. „Warum willst du ihr es nicht erzählen?"

Zuerst wurde Severus etwas steif in James Armen, bevor er sich doch entspannt an ihn lehnte. „Fang nicht wieder damit an."

„Lily würde sich freuen, du weißt wie lange sie sich das schon wünscht." James hauchte einen kurzen Kuss gegen Severus Hals.

„Wenn du es Lily erzählst, weiß es bald der ganze Himmel und wir wären das Klatschgespräch Nummer eins", brummte Severus.

Energisch drehte James Severus zu sich herum. „Wie lange würden sie über uns tratschen? Ein Jahrzehnt, zwei Jahrzehnte, ein Jahrhundert? Glaub mir, irgendwann hören sie auf damit."

Gottergeben legte Severus seinen Kopf in den Nacken und schloss die Augen. „Gott, ich kann Black jetzt schon lachen hören und Dumbledore wird aus dem Zwinkern überhaupt nicht mehr herauskommen."

James zog Severus eng an sich und sah ihn lüstern an. „Ich verspreche dir, dass Lily und ich uns bemühen werden jedes Lachen, jedes Zwinkern und jeden blöden Kommentar an dir wieder gut zu machen." Wie um seine Worte zu unterstreichen presste er seine Lippen auf die von Severus und verschmolz mit ihm in einen innigen Kuss.

Als sie sich aus dem Kuss trennten, sah James Severus mit glasigem Blick an und leise flüsterte er zu ihm: „Komm mit ins Haus und lass dich von mir noch etwas überzeugen." Er nahm Severus an der Hand und zog ihn Richtung Haus.

Willig trabte Severus hinter James her. Vielleicht war es ja wirklich an der Zeit, das Versteckspiel aufzugeben. Er hatte Dumbledore einmal gefragt, wie lange er für seine Sünden büßen müsse und Albus hatte ihm geantwortet: „Solange bis du dich damit abgefunden hast."

Severus lächelte, anscheinend war seine Büßerzeit vorbei.

Sie betraten die Villa und Severus' Blick fiel auf den weiß geschmückten Christbaum, er hatte das Gefühl, dass dieses Weihnachtsfest das Beste seines Lebens und seines Ablebens werden könnte.

ENDE