Vergebung

von

Tamsyn

Ein herzliches Dankeschön geht an meine Beta Jonito!

„Hermine? Wo willst du denn hin? Wir wollen doch gleich mit der Feier beginnen!"

Harry war seiner Freundin in den Flur seiner Wohnung gefolgt und beobachtete, wie sie sich einen Schal umlegte und mit entschlossener Geste nach der Türklinke griff.

„Was glaubst du, wo ich hingehe?", fragte sie müde.

Harrys Augenbrauen zogen sich zusammen.

„Jetzt? Der Punsch ist fertig, alle sind im Wohnzimmer und wir wollen feiern. Heute ist Weihnachten!"

In ihren Blick trat etwas Stählernes, ein Vorgang, der Harry immer wieder erstaunte. Wie schaffte sie es bloß, dieses warme Braun so eisig aussehen zu lassen?

„Glaubst du, er weiß, dass heute Weihnachten ist?", fragte sie.

Mit einem tiefen Seufzer vergrub Harry seine Hände in den Hosentaschen und bohrte verlegen die Schuhspitze in den weichen Teppich.

„Nein", gab er schließlich zu. „Wahrscheinlich nicht... aber kannst du nicht wenigstens heute...?"

Er wusste, dass es sinnlos war. Er kannte diesen Blick.

„Meinst du nicht, dass wir ihm etwas schuldig sind?", fragte sie sanft.

Harry antwortete nicht und sah nicht auf, als sie die Türe öffnete.

„Es dauert ja nicht lange... ich bin bald zurück..."

Sie wickelte den Schal fester um ihren Hals und trat hinaus in die beißende Kälte der dunklen Winternacht.

Nach kurzem Überlegen entschied sie sich dagegen, zu apparieren. Sie brauchte diese Augenblicke, um sich auf das vorzubereiten, was sie gleich erwarten würde.

Es war entsetzlich, jeden Tag aufs Neue... sie würde sich nie an diesen Anblick gewöhnen...

Sie konnte gut verstehen, dass Harry nicht mehr mitkommen wollte, dass niemand ihn besuchen wollte- es war so schwer zu ertragen. All die Jahre hatten sie ihn gefürchtet und jetzt....

Sie empfand Mitleid, aber das war es nicht, was sie diese Tortur immer wieder auf sich nehmen ließ. Schuldgefühle? Sie hatte keine Schuld, nicht in diesem Sinne...

Wahrscheinlich war es am ehesten dieses verdammte Pflichtbewusstsein, dass sie trieb...

Er hatte so viel gegeben- und hatte das Recht darauf, jetzt auch nehmen zu dürfen.

„Ah, Miss Granger! Gut, dass Sie endlich kommen! Heute war es besonders schlimm!", begrüßte die ältere Frau sie, als Hermine nach kurzem Marsch ihr Ziel erreicht hatte.

Hermine nickte grüßend und wickelte sich dann wortlos den Schal ab, um ihn und die dicke Winterjacke in die Hände der Frau zu legen, während sie gemeinsam weitereilten. Sie war etwas später als üblich und wollte keine Zeit mehr vergeuden.

Vor der Tür blieb sie noch einen Augenblick stehen, um sich zu sammeln. Die ältere Frau lächelte ihr aufmunternd zu.

„Ich weiß, dass es schwer für Sie ist, aber..."

Hermine schüttelte so heftig den Kopf, das ihre Locken flogen.

„Es ist das Mindeste, was ich tun kann", gab sie zurück. „Er hätte so viel mehr verdient..."

„Aber das, was Sie für ihn tun, ist wichtiger, als das, was alle Anderen tun könnten. So hat er wenigstens für ein paar Augenblicke am Tag Frieden..."

Nach einem letzten aufmunternden Lächeln ließ die Frau sie allein vor dieser Tür, durch die sie leises Weinen hören konnte.

Sie sollte sich mittlerweile daran gewöhnt haben, und doch stiegen ihr wieder die Tränen in die Augen, wie damals, als sie zum ersten Mal hierher gekommen war.

Durch die Milchglasscheibe konnte sie undeutlich eine zusammengesunkene Gestalt erkennen, die auf einem Stuhl saß.

Genauso hatten sie ihn auch damals vorgefunden, vor vier Jahren, als sie ihn wenige Wochen nach der Schlacht um Hogwarts besuchen hatten.

Dass er überlebt hatte kam einem Wunder gleich, doch der Preis, den er für dieses Wunder zahlen musste, erschien ihr zu hoch.

‚Zeitschleifen-Phänomen'hatten die Heiler im St. Mungo den Zustand genannt, in dem ihr ehemaliger Zaubertranklehrer sich befand. Sein Gehirn hatte durch die Ereignisse zu großen Schaden genommen.

Er steckte fest. Wieder und wieder erlebte er den gleichen Tag und es war grausam vom Schicksal, dass es der schlimmste seines Lebens war, der jeden Morgen von Neuem begann. Der Tag, an dem er die einzige wirkliche Freundschaft, die er je erleben durfte, verloren hatte.

Lily, Lily! Verzeih mir doch! Es tut mir Leid, so unendlich Leid!"

So schrecklich gequält sein Aufschrei geklungen hatte, so freudig hatte sein Gesicht aufgeleuchtet, als sie den Raum zum ersten Mal betreten hatten.

„Du bist gekommen! Endlich! Du verzeihst mir, nicht wahr?"

Entsetzt hatte sie mit ansehen müssen, wie ihr Professor sich vor ihr auf den Boden warf und ihre Knie umklammerte. Er hielt sie für Lily!

Ihr hilfloser Blick hatte die Blicke der offensichtlich ratslosen Heiler getroffen.

Und ohne weiter nachzudenken hatte sie getan, was sich seitdem jeden Abend wiederholte.

„Natürlich verzeihe ich dir, Severus!", flüsterte sie und beugte sich zu ihm hinab, um ihm liebevoll über das schwarze Haar zu streichen.