Frohe Weihnacht

(artis magica)

Wieder ein Tag, der nicht zu Ende ging, der sich unendlich hinzuziehen schien und der ihm mit seiner übertriebenen Freude einfach viel zu laut und unerträglich war. Wie immer bei solchen Anlässen, hatte er das Bedürfnis sich zurückzuziehen, beinahe vor allen Geräuschen zu fliehen und Ruhe zu suchen. Dann ging er fort, dorthin, wohin sich kein Schlossbewohner an einem solchen Tag verlor. Es war wie eine Flucht und er hielt nicht eher an, als bis er die Tür zur Bibliothek hinter sich geschlossen hatte.

Dann tauchte er in die Stille ein und lauschte dem Rascheln der Buchseiten, atmete die staubige Luft und genoss das Alleinsein.

Er lief die Regalreihen ab und griff sich zwei Bände, ging zu einer Nische am Fenster und setzte sich. Er schlug eines der Bücher auf und begann zu lesen. Und es war jedes Mal, als versinke er in eine andere Welt. Wie oft träumte er davon, frei zu sein, gehen zu können, ohne auf den Ruf hören zu müssen, der ihn schmerzhaft daran erinnerte, dass er wohl niemals frei sein würde.

Ein unmerkliches Seufzen. Er hob den Blick und sah durch das Fenster in die heraufziehende Nacht. Es schneite in dichten Flocken und der Schnee legte sich wie eine weiße Decke über das Land, es nahm ihm alles Laute, dämpfte jedes Geräusch, schenkte ihm Frieden und wunderbare Stille. So unwirklich und doch so wahr. Und auch wenn er es vor sich selbst nicht zugeben wollte, gestand er sich doch ein, dass er diesen Anblick liebte, schenkte er ihm für einen Augenblick das Gefühl, zu Hause zu sein. Hier gelang es ihm, zumindest für eine gewisse Weile, die Gefahr auszublenden, die dunkel und drohend über ihm hing.

Er stützte die Ellbogen auf und legte das Gesicht in seine Hände.

Ganz leise drang Musik an sein Ohr, Gelächter - Freude.

Weihnachten…

Er wiegte unwillig den Kopf. Was fanden sie nur daran? Was rührte sie bloß an dieser Geschichte? War nicht alles, was wirklich war viel gewichtiger? Er verstand sie nicht, verstand nicht, dass den Menschen dieses Fest so viel Trost und Hoffnung zugleich spendete, es ihnen Kraft schenkte für das, was unweigerlich kommen würde.

Ein trauriger Gedanke trieb durch seinen Geist, Bilder, blass und beinahe schon verschwommen. Das Gefühl, welches ihn mit einem Mal überfiel, war so übermächtig, dass es ihm das Herz zusammenzog und er für einen Moment die Augen schloss. Nur mühevoll drängte er die Erinnerungen zurück.

Vorbei… für immer verloren…

Er wandte den Blick, zog die Kerze näher zu sich heran und widmete sich wieder seiner Lektüre. Nach einiger Zeit gelang es ihm auch, sich vollkommen darauf zu konzentrieren und alles auszublenden, was um ihn her war, als ihn ein mächtiges Poltern auffahren ließ. Mit einem Ruck erhob er sich von seinem Stuhl, der nach hinten umkippte. Er war mit wenigen Schritten im Gang und lauschte in die Dunkelheit.

Da, hastige Schritte zwischen den Regalen!

Er wandte sich um und ging ihnen nach, langsam und wissend, dass ihm der Unruhestifter nicht entkommen konnte. Schließlich sah er, was die Ursache des Lärms gewesen war. Ein Stapel Bücher war umgestoßen und lag verstreut auf dem Boden.

Ein Schwenk mit der Hand und sie lagen wieder ordentlich auf dem Tisch, von dem sie gefallen waren.

Im Umwenden sah er einen Umhang, der sich bauschte und hörte ein leises Keuchen, aus dem sehr deutlich leise Verzweiflung sprach, als die Person, die es ausstieß, sich vergeblich mühte, die Tür zu öffnen, um sich dem sicheren Zugriff zu entziehen. Schließlich gab sie es auf, stand mit gesenktem Kopf und wartete, dass das Unwetter über sie hereinbrach.

Seine Schritte kamen immer näher, bis er schließlich direkt vor ihr stand, mit vor der Brust verschränkten Armen und Raubvogelblick. Es dauerte nur einen Moment, in dem er versucht war, eine Strafe auszusprechen, die sich gewaschen hatte, da hob sie den Kopf und sah ihn an.

Augen, dessen Ausdruck er so noch nie wahrgenommen hatte.

Irritation, die ihn eine Sekunde lang festhielt und die er nicht schnell genug verstecken konnte.

Er hob den Kopf und sein Blick streifte die Tür.

„Es ist wohl nicht die Zeit, sich hinter Stapeln von Büchern zu verstecken", sagte er und stellte verstimmt fest, dass seine Stimme nicht annähernd so grimmig klang, wie er es beabsichtigt hatte. „Gehen Sie zurück..."

Ein erstaunter Blick, Augen, die sich weiteten, ein angedeutetes Nicken und ein leises Lächeln, das so tröstlich und wunderbar auf ihn wirkte, dann war sie verschwunden.

Einen Augenblick noch sah er ihr nach und atmete den feinen Duft ihres Parfums, dem es mühelos gelang, sich über den muffigen Geruch der alten Bücher zu legen. Dann wandte er sich um und ging zu seinem Platz zurück.

Er beugte sich nieder, um den Stuhl aufzuheben, den er vorhin umgestoßen hatte, und ihn an den Tisch zurückzuschieben. Im Aufrichten hielt er inne. Neben der Kerze, in deren Schein er vor wenigen Minuten noch gelesen hatte, lag ein goldfarbenes Schächtelchen, um das eine dunkelrote Schleife gebunden war.

Mit zusammengezogenen Brauen löste er das Band und hob argwöhnisch den Deckel an. Wunderbarer Duft entströmte dem kleinen Behältnis - Ingwerplätzchen. Er senkte die Lider und ließ sich für einen unendlich kostbaren Augenblick in eine andere Zeit entführen.

Er schlug das Seidenpapier auseinander. Eine kleine Karte lag quer über dem goldfarbenen Gebäck. Er nahm sie hoch und las. Dann steckte er sie in die Schachtel zurück, setzte sich nieder und zog das Buch zu sich heran. Doch so sehr er sich auch mühte, seinen Inhalt zu erfassen, so sehr schweiften seine Gedanken ab. Immer wieder schwenkte sein Blick zu der kleinen Schachtel. Schließlich hielt er es nicht mehr aus und schob sich ein Plätzchen in den Mund. Ein wunderbares Gefühl durchströmte ihn. Er vermochte es kaum zu beschreiben, aber es war etwas, das ihn für eine Sekunde alles um sich her vergessen ließ.

Er las zum wiederholten Mal den schwungvollen Schriftzug auf der Karte. Nur zwei Worte, die ein klein wenig mehr Licht in sein Dunkel brachten, die einen Funken Hoffnung in sein Herz trugen.

Versonnen strich er über das Papier, dann steckte er es in sein Gewand. Nur ein Moment des Zögerns, doch schließlich erhob er sich, steckte das unendlich kostbare Geschenk vorsichtig ein, schob die Bücher zurück an ihren Platz und machte sich auf den Weg durch die zugigen Gänge, zurück in die Heiterkeit, vor der er noch Stunden zuvor geflohen war...

- Ende -