SCHNEE
von Tamsyn
(Danke an Gretel fürs Betalesen)
Die typische freudige Vorweihnachtshektik machte auch vor dem Slytherin- Gemeinschaftsraum nicht Halt.
Geschenke, Geschenke, Geschenke. Es schien kein anderes Thema mehr zu geben. Severus setzte sich weit weg von seinen Mitschülern, um der Frage zu entgehen, was er denn dieses Jahr verschenkte. Es gab nichts, was er verschenken konnte und es gab niemanden, dem er etwas geben wollte. Niemanden bis auf sie.
Er seufzte still. Ihr würde er gern ein Geschenk machen, doch er hatte nicht einen Knut übrig, um ihr etwas zu kaufen. Er stellte sich vor, wie großartig es wäre, wenn er ihr ein schönes Schmuckstück überreichen könnte. Zuerst würde sie ihn ungläubig anstarren und dann würden ihre Augen vor Freude leuchten und er, Severus Snape, hätte dieses Leuchten verursacht; er hätte bewiesen, dass er ihr ein wahrer Freund war. Allein die Vorstellung zauberte ein kleines Lächeln auf das Gesicht des schmalen Jungen, doch es wurde wieder weggewischt, als er den leeren Geldbeutel in seiner Hosentasche befühlte. Es war ja sinnlos, er würde ihr nichts kaufen können.
Sie würden sich trennen, weil die Winterferien bald anfingen, und sie hätte nichts, was sie an ihn erinnern könnte. Er konnte sich noch nicht einmal mit ihr treffen, denn sie fuhr ja nicht nach Hause in seine Nähe, sondern machte einen Winterurlaub. Vielleicht würde sie schreiben?
Ein Jubelschrei, der durch den Raum hallte, ließ Severus zusammenfahren.
„Es schneit! Es schneit!"
Alle stürzten zum Fenster und tatsächlich schwebten unendlich viele dicke weiße Flocken von Himmel herab und bedeckten die Ländereien rund um die Schule mit einer frischen glatten Schneedecke.
Wenig später waren beinahe alle Schüler, zumindest die der unteren Jahrgänge, nach draußen gestürmt und tobten durch den ersten Schnee dieses Winters- sie hatten lange darauf warten müssen.
Severus beeilte sich dem lärmenden Schülerhaufen, der sich in dem flaumigen Weiß balgte, zu entkommen.
Er raffte den fadenscheinigen Umhang, der zu kurz um seine Fußknöchel flatterte, ein bisschen über der Brust zusammen und stapfte hinaus auf die freie Ebene vor dem Schloss.
Von weitem hörte er noch das fröhliche Johlen der anderen Hogwarts- Schüler.
Er sah sie im Geiste vor sich. Mulciber und Crabbe, die einen der schwächlichen jüngeren Schüler festhielten und ihn erbarmungslos mit Schnee einrieben. Die Mädchen, die lachend davonliefen und Schneeengel in die weiche kalte Decke drückten und andere Schüler, die eine Schneeballschlacht machten. Er konnte sich vorstellen, wie Pettigrew Potter einen Schneeball nach dem anderen reichte und winselnd seine Treffsicherheit bewunderte.
Bei dem Gedanken kräuselten Severus' Lippen sich verächtlich und er eilte weiter bis das Gejohle dumpfer wurde und schließlich ganz verebbte.
Er hatte keine Lust bei den anderen mitzumischen. Sein Mantel war so dünn, dass er im Nu durchweicht wäre, wenn er ein paar Schneebälle abbekam. Und er konnte sich gut vorstellen, dass Potter und Black nur darauf lauerten ihm eine Abreibung zu verpassen.
Er ging alledem lieber aus dem Weg, um den Schnee allein zu genießen.
In dicken Flocken rieselte er auf ihn herab und er fing ihn mit seinen bloßen Händen auf, um zuzusehen, wie er langsam in seiner warmen Handfläche schmolz und winzige Wassertropfen zurückließ.
Der Schnee knirschte unter seinen Schritten und durchnässte den Saum seines Umhangs. Er spürte, dass seine Socken an den Spitzen nass wurden- seine Schuhe waren nicht dicht.
Doch er wollte noch nicht umkehren und schritt weiter durch das leise Flockengewimmel voran.
Natürlich hatte er schon Schnee gesehen, doch der Schnee zuhause war anders als dieser hier. Es waren meist nur kümmerliche kleine Flocken, gelblich, mit Ruß aus den Schloten vermischt und viel zu schnell schmolz die weiße Pracht zu kümmerlichen braunen Matschhaufen am Straßenrand zusammen.
Doch dieser Schnee hier würde weiß bleiben; ein Schneemann, den man hier baute, würde stehen bleiben, bis der Frühling ihn taute.
Severus würde keinen Schneemann bauen, er war ja kein kleines Kind mehr, aber es war doch schön daran zu denken, dass er stehen bleiben würde.
Inmitten einer großen freien Fläche bleib er stehen und streckte die Arme in einer übermütigen Geste aus- dieser Schnee gehörte ihm. Beinahe hätte er gejubelt, doch er fürchtete andere Kinder anzulocken, deren lärmende Anwesenheit seine Freude schmälern würde.
Es gab nur eine Person, die er gerne bei sich gehabt hätte, doch er hatte gesehen wie sie sich kichernd mit einem Pulk anderer Mädchen darin versuchte Schneeflocken mit ihren Zungen aufzufangen.
Ganz kurz hatten sich ihre Blicke getroffen und sie hatte flüchtig gelächelt. Der Gedanke an dieses Lächeln wärmte ihn und gab ihm eine Idee, an deren Umsetzung er sich sofort machte.
Die Flocken fielen jetzt spärlicher und blieben schließlich ganz aus und gaben ihm so das Versprechen, dass sein Vorhaben gelingen würde.
Der Ort, an dem er sich befand, war perfekt dafür geeignet.
Seine Wangen brannten vor Kälte und glühende Nadelspitzen schienen seine Fingerkuppen zu durchbohren, doch er war so vertieft in sein Tun, dass er nicht darauf achtete. Sorgsam schichtete er den Schnee auf, kratzte mit den Fingerspitzen daran herum und glättete behutsam, bis er mit dem Ergebnis zufrieden war.
Er erschrak, als er aus seiner Versunkenheit auftauchte und gewahr wurde, dass es schon ziemlich spät sein musste und die anderen Schüler sicher längst in das Schloss zurückgekehrt waren.
Das bedeutete eine saftige Standpauke von Professor Slughorn, doch die Freude über sein Werk schmälerte diese Aussicht keineswegs. Zufrieden trat er zurück, um es zu betrachten.
Morgen hatten die Slytherins und die Gryffindors gemeinsam Unterricht in den Gewächshäusern und würden diesen Weg entlanggehen, mit Blick auf die freien Felder rechts und links von ihnen. Irgendwie würde er es einrichten zum richtigen Zeitpunkt bei ihr zu sein. Er würde sie sanft an der Schulter berühren und sie würde sich zu ihm umdrehen, einen überraschten und fragenden Ausdruck in den Augen. Wortlos würde er ihr die Richtung weisen, in die sie blicken sollte- und dann würde sie es sehen und vielleicht würden ihre Augen aufleuchten vor Freude. „Mein Weihnachtsgeschenk", würde er möglicherweise noch flüstern, aber sie würde es auch so verstehen.
Sie würde es erkennen, das Muster, das er reliefartig aus dem Schnee herausgearbeitet hatte, wie ein plastisches Gemälde. Einen Löwen und eine Schlange und darunter ein L und ein S. Löwe und Schlange- und sie würde wissen, dass es eigentlich für Lily und Severus stand.
Glucksend vor Behagen bei dem Gedanken an den nächsten Tag und ihre Reaktion lief er zurück ins Schloss, wo er erwartungsgemäß einen wütenden Slughorn und anschließend erboste Mitschüler über sich ergehen lassen musste, die ihm die fünf Punkte Abzug für Slytherin übel nahmen. Beides ertrug er gleichmütig, sie konnten der Freude, die tief in ihm versteckt war, nichts anhaben.
Am nächsten Morgen konnte er es kaum erwarten bis die Schülergruppe sich nach dem Frühstück endlich auf den Weg zu den Gewächshäusern machte.
Der Schnee lag noch weiß und prächtig auf dem Schulgelände verteilt, nur der Vorhof war von den gestern gefochtenen Schlachten zertrampelt.
Geschickt schlängelte Severus sich zwischen den Schülern hindurch, die es eilig hatten in die warmen Gewächshäuser zu kommen.
Die meisten waren so dick vermummt, dass es ihnen noch nicht einmal auffiel, dass ein Slytherin sich durch die Reihen der Gryffindors mogelte.
Warum musste sie auch in der Mitte dieser Gruppe gehen? Doch er würde sie ohne Probleme noch rechtzeitig erreichen können, um sie auf sein Geschenk hinzuweisen zu.
Ein breiter Rücken ragte plötzlich vor ihm auf und allein der Anblick dieses Rückens reichte aus, um eine Welle des Hasses in Severus aufsteigen zu lassen. Potter, dem der Rücken gehörte, ging mit gesenktem Kopf vor ihm her. Er las etwas im Kräuterkundebuch nach- offensichtlich hatte er seine Hausaufgaben nicht gemacht und versuchte das jetzt nachzuholen.
Ein schmaler Spalt klaffte zwischen seinem Schal und dem Kragen seines Mantels, aus dem ein Streifen heller Haut hervorblitzte.
Die Gelegenheit war zu günstig. Mit raschem Blick vergewisserte Severus sich, dass niemand von Potters Leuten in der Nähe war, griff im Weitergehen eine große Handvoll Schnee und plante in Gedanken seine Aktion sorgfältig, bevor er zur Tat schritt. Mit einer einzigen geschmeidigen Bewegung griff er nach dem Mantelkragen vor sich, zog ihn herab und schaufelte den Schnee in die entstandene Öffnung. Noch bevor Potter erschrocken und wütend aufgebrüllt hatte, war Severus schon ein paar Schülerreihen weiter nach vorn gehuscht, vor Schadenfreude über das ganze Gesicht strahlend.
Dieser Tag war gut zu ihm, das spürte er. In wenigen Augenblicken würde er perfekt werden, wenn er Lily erreicht hatte. Da vorne ging sie, eine Mütze auf dem Haar, das wunderbar glänzend darunter hervorquoll. Sie hatte ihr Buch vor die Brust gepresst und unterhielt sich leise mit einer Freundin. Severus wusste, dass die sich wortlos und mit unverhohlener Verachtung abwenden würde, wenn er sich bemerkbar machte. Es kümmerte ihn nicht sondern war ihm nur recht.
Nur noch wenige Schritte trennten sie von der Stelle, an der er gestern gewesen war und er hob die Hand, um Lily zaghaft auf die Schulter zu tippen, als er sich plötzlich von hinten grob gepackt fühlte.
„Hier steckst du also!", hörte er die heisere Stimme von Sirius Black rufen. „James, ich hab ihn!", schrie er weiter und zu seinem Entsetzen sah Severus Potter mit wutverzerrtem Gesicht näherkommen.
Lily hatte sich zu ihnen umgewandt. „Sev!", rief sie überrascht auf, bevor ihr Blick sich verfinsterte und sie die beiden Jungs anfuhr: "Was soll das?"
„Remus hat gesehen wie diese kleine Kröte James eine volle Ladung Schnee in den Mantel gekippt und sich dann feige davongemacht hat! Dafür werden wir den lieben Schniefelus jetzt büßen lassen!"
Wie zum Beweis drehte Potter sich um und zeigte seinen noch immer klaffenden Kragen, aus dem der Schnee herauströpfelte.
Der finstere Blick, den Lily seinen beiden Peinigern zugedacht hatte, traf jetzt ihn selbst und Severus wünschte inständig, dass er auf das Vergnügen verzichtet hätte. Zwei gute Dinge an einem Tag waren wirklich zu viel verlangt!
Und bevor er auch nur ein erklärendes Wort hatte rausbringen können, hatten Potter und Black ihn an den Füßen und unter den Armen gepackt. Hilflos wie eine Puppe hing Severus zwischen den beiden Kerlen und wurde mit großem Schwung und unter dem Gelächter der anderen Schüler in den Schnee geworfen.
Der Flug dauerte nur Sekundenbruchteile, doch es reichte, damit Severus erkennen konnte, wo er landen würde.
Er blieb mit dem Gesicht im Schnee liegen und sein Atem löste die Schneekristalle vor ihm langsam auf; eins nach dem anderen schmolz unter dem warmen Hauch. Vielleicht hatten sie zum Auge der Schlange gehört, vielleicht war es auch eine Kralle des Löwen. Er wusste es nicht und es spielte ja auch keine Rolle mehr, es war zerstört und sie hatte es nicht gesehen.
Er blieb liegen, bis es den anderen zu langweilig wurde, das Häufchen Elend im Schnee anzustarren . Er konnte hören, dass sie sich langsam entfernten, hämisch kichernd.
Plötzlich spürte er eine Hand auf seiner Schulter und er zuckte erschrocken zusammen.
„Sev", sagte Lily leise, denn sie war zu ihm getreten und hatte sich jetzt neben ihn gehockt.
„Was für ein Glück, dass ich schneller gucken kann als du fliegen.", erklärte sie lächelnd.
Da war das freudige Funkeln in grünen Augen, das er sich so sehr gewünscht hatte- und plötzlich fühlte er sich wunderbar beschenkt.
ENDE
